VIRALS - Tote können nicht mehr reden - Kathy Reichs - E-Book

VIRALS - Tote können nicht mehr reden E-Book

Kathy Reichs

4,4
7,99 €

Beschreibung

Tory Brennan ermittelt

Die vierzehnjährige Tory Brennan ist die Nichte der berühmten forensischen Anthropologin Tempe Brennan. Mit ihr teilt sie zwei Dinge: den Instinkt für Verbrechen – und den unbedingten Willen, diese aufzuklären ...

Auf einer einsamen Insel findet Tory die vergrabenen Knochen eines vor etwa 30 Jahren verstorbenen jungen Mädchens. Torys Versuch, gemeinsam mit ihren Freunden die Identität des Mädchens zu lüften, erweist sich als gefährlicher als erwartet: Bei der Toten handelt es sich um die damals sechzehnjährige Katherine Heaton, deren Verschwinden nie aufgeklärt wurde. Die Spuren des Verbrechens reichen bis in die Gegenwart, bis in ein Labor, in dem wissenschaftliche Experimente mit dem gefährlichen Parvovirus vorgenommen werden. Tory und ihre Freunde infizieren sich mit dem Virus – und erlangen dadurch eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit, die ihnen bei ihren Recherchen zugute kommt. Denn der Mörder von Katherine Heaton tut alles dafür, dass das Verbrechen nicht ans Tageslicht gebracht wird …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 478

Bewertungen
4,4 (76 Bewertungen)
47
13
16
0
0



Inhaltsverzeichnis

DanksagungPROLOGTEIL 1 - INSELN
KAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10
TEIL 2 - ANSTECKUNG
KAPITEL 11KAPITEL 12KAPITEL 13KAPITEL 14KAPITEL 15KAPITEL 16KAPITEL 17KAPITEL 18KAPITEL 19KAPITEL 20KAPITEL 21KAPITEL 22KAPITEL 23KAPITEL 24KAPITEL 25KAPITEL 26KAPITEL 27KAPITEL 28KAPITEL 29KAPITEL 30KAPITEL 31
TEIL 3 - INKUBATION
KAPITEL 32KAPITEL 33KAPITEL 34KAPITEL 35KAPITEL 36KAPITEL 37KAPITEL 38KAPITEL 39KAPITEL 40KAPITEL 41KAPITEL 42KAPITEL 43KAPITEL 44KAPITEL 45KAPITEL 46KAPITEL 47KAPITEL 48KAPITEL 49KAPITEL 50KAPITEL 51KAPITEL 52KAPITEL 53KAPITEL 54
TEIL 4 - EINSICHT
KAPITEL 55KAPITEL 56KAPITEL 57KAPITEL 58KAPITEL 59KAPITEL 60KAPITEL 61KAPITEL 62KAPITEL 63KAPITEL 64KAPITEL 65KAPITEL 66KAPITEL 67KAPITEL 68KAPITEL 69KAPITEL 70KAPITEL 71
EPILOGÜber den AutorCopyright

Dieses Buch widme ich allen netten Leuten und Hunden von Charleston.Danke, dass ihr mich so gut aufgenommen habt.

PROLOG

Ein Gewehrschuss ist das lauteste Geräusch des Universums.

Vor allem, wenn die Kugel dir entgegenfliegt.

Peng! Peng!

Kugeln rissen das Blätterdach des Waldes auf. Über mir flüchteten kreischend die Affen.

Ich rannte davon.

Blindlings, mit trommelnden Füßen, jagte ich durch das Gestrüpp.

Kopflos. Panisch.

Du musst den Pfad finden!

Schemenhafte Gebilde schossen aus dem Dunkel auf mich zu. Bäume. Büsche. Aufgeschreckte Kreaturen. Bewaffnete Killer? Ich wusste es nicht. Mein Herz hämmerte, ich hetzte weiter. Ins Nirgendwo.

Eine Wurzel riss mich zu Boden. Der Schmerz explodierte in meinem Bein.

Steh auf! Steh auf! Steh auf!

Ein großer schwarzer Schatten huschte durch das Dunkel. Ich erstarrte.

»Ben?!?«

Keine Antwort. Absolute Stille.

Warten heißt Tod. Beweg dich!

Ich rappelte mich auf und stürzte in die Nacht.

War Hi vor mir? Shelton war nach links gelaufen, hinein ins Laubwerk.

Bitte lass es Ben sein, der an mir vorbeigelaufen ist.

Wir hatten keinen Plan gehabt. Warum auch? Niemand wusste, dass wir hier waren oder was wir taten.

Verdammt, wer schießt denn da auf mich?

Ich schnappte nach Luft, ausgepumpt.

Später, nach der Veränderung, hätte ich ewig laufen können. Schnell. Unermüdlich. Mein geschärftes Sehvermögen hätte die nächtlichen Schatten durchdrungen. Kein Keuchen, keine Orientierungslosigkeit im Dunkeln.

Gegen unsere entfesselten Kräfte hätten diese Banditen – wer auch immer sie waren – keine Chance gehabt. Mein Rudel hätte ihnen aufgelauert wie kleinen Kätzchen. Hätte sie instinktiv aufgespürt – und in Stücke gerissen.

Aber nicht in dieser Nacht. Ich war in Schwierigkeiten. Hatte eine höllische Angst.

Also rannte ich, was ich konnte. Zweige peitschten gegen meine Glieder und rissen mir die Haut auf. Endlich erreichte ich eine offene Fläche.

Der Strand! Jetzt war es nicht mehr weit.

»Tory! Hier!«

Shelton.

Gott sei Dank.

Im Sternenlicht konnte ich gerade so das Boot ausmachen. Ich schwang mich über die Reling, ließ mich auf das Deck fallen, drehte mich um und suchte mit den Augen die Küstenlinie ab. Nichts Verdächtiges zu sehen. Für den Augenblick.

»Hi? Ben? Wo seid ihr?«, flüsterte ich außer Atem, schweißnass. Ich war mit meinen Kräften definitiv am Ende.

»Hier bin ich.« Ben tauchte aus dem Dunkel auf. Ein schneller Sprung und er war im Boot.

Mit dem Schlüssel in der Hand glitt er hinter das Lenkrad und hielt inne.

Wagte nicht, den Motor anzulassen. Wagte nicht, es bleiben zu lassen.

Hi war immer noch da draußen.

Wir setzten uns hin, angespannt, warteten. Mein Mut sickerte förmlich aus mir heraus.

Komm schon, Hi. Bitte, oh bitte, bitte, bitte …

TEIL 1

INSELN

KAPITEL 1

Alles begann mit einer Erkennungsmarke. Oder einem Affen mit einer Erkennungsmarke. Wie ihr wollt. Ich hätte mir gleich denken können, dass die uns in Schwierigkeiten bringen würde. Hätte es spüren müssen. Doch meine Wahrnehmungsfähigkeit war damals nicht so gut entwickelt. Noch nicht.

Aber der Reihe nach.

Es war ein typischer Samstagmorgen bei mir zu Hause, abgesehen davon, dass an meinem Zuhause überhaupt nichts typisch ist. Es ist einzigartig – sogar ziemlich merkwürdig. Also genau der richtige Platz für mich.

Da, wo ich wohne, gibt es viele interessante Dinge, vorausgesetzt ihr seid genauso gern in der freien Natur wie ich. Ach, ihr seid keine Naturliebhaber? Dann werdet ihr die Gegend vielleicht ein bisschen … abgelegen finden.

Ich lebe nämlich auf einer verlassenen Insel. Einer schönen einsamen Insel, wollte ich sagen.

Morris Island. Meine Heimat fern jeder anderen Heimat. Endstation. Ein Ort im Nirgendwo. Der Hinterhof von Charleston. Eigentlich gar nicht so übel, wenn man nicht dazu neigt, sich einsam zu fühlen. Was ich tue. Aber was soll’s. Ich kann zumindest meine Beinfreiheit genießen.

Morris ist nicht so eindrucksvoll wie andere Inseln. Vier Meilen im Quadrat, das ist alles. Die nördliche Hälfte besteht aus einer unspektakulären, sanft geschwungenen Kette sandiger Hügel. In der Mitte werden die Sandhügel zehn bis zwölf Meter hoch und erstrecken sich weiter in Richtung Süden, wo die Insel sich weitet. Der westliche Teil besteht aus ödem Marschland, das von flachen, den Gezeiten unterworfenen Buchten gesäumt wird. Und im Osten: der unermessliche Atlantik.

Dünen, Sümpfe, Strände. Und Stille. Unbegrenzte Stille.

Auf unserem kleinen Eiland gibt es zwei von Menschenhand geschaffene Dinge. Das eine ist unsere Wohnanlage, das andere eine Straße. Die Straße. Unsere einzige Verbindung zur Welt da draußen. Es handelt sich um eine einspurige, nicht markierte schmale Asphaltpiste, die sich südwärts durch Marschland und Dünen hindurchschlängelt, ehe sie Morris verlässt und an Lighthouse Creek vorbei nach Rat Island führt. Irgendwann trifft sie dann bei Folly Beach auf den Highway, der sich an Goat Island vorbei in Richtung Stadt zieht.

Rat. Goat. Folly. Wer sich über die Namen wundert, sollte mal bei der Charleston Historical Society nachfragen, wer sich diese hübschen Bezeichnungen ausgedacht hat. Und es gibt noch viel mehr davon.

Das alles war neu für mich. Bis letztes Jahr bin ich noch nie südlich von Pennsylvania gewesen. Dann brach ich in das Leben meines Dads ein.

Was meinen »Mitbewohner« angeht …

Christopher »Kit« Howard ist mein Vater.

Das wissen wir beide jetzt seit genau sechs Monaten. Damals bin ich nach South Carolina gezogen, um mit ihm zusammenzuleben.

Nach dem, was mit meiner Mom passiert war, blieb mir keine andere Wahl.

Nach dem Unfall.

Ich weiß nicht genau, warum, aber Mom hat Kit nie von mir erzählt. Er hatte keine Ahnung, dass er Vater ist, und das schon seit vierzehn Jahren.

Über diesen Schock ist er immer noch nicht hinweggekommen. Manchmal sehe ich es seinem Gesicht an. Wenn er nach einem kurzen Schläfchen erwacht oder nach vielen Arbeitsstunden endlich wieder frische Luft schnappt, zuckt er regelrecht zusammen, wenn er mich sieht. Das ist meine Tochter, denkt er dann. Ich habe eine 14-jährige Tochter, die bei mir wohnt. Ich bin ihr Vater.

Ich bin nicht weniger geschockt, Paps, aber ich arbeite daran.

Wie soll ich meinen frisch entdeckten Vater beschreiben? Kit ist einunddreißig, Meeresbiologe und Forscher am Institut von Loggerhead. Ein Workaholic.

Als Erzieher ist er ziemlich hilflos.

Vielleicht ist alles noch zu neu für ihn – ihr wisst schon, das Erstaunen darüber, plötzlich mit einem eigenen Teenager konfrontiert zu werden. Oder ich erinnere ihn an seine eigene wilde Jugend. Jedenfalls hat er keine Ahnung, wie er mit mir umgehen soll. An einem Tag behandelt er mich wie einen seiner Kumpel, am nächsten wie ein kleines Kind.

Um ehrlich zu sein, trage auch ich einen Teil der Verantwortung dafür, dass alles nicht ganz einfach ist. Ich bin keine Heilige. Und die Entdeckung, einen Vater zu haben, hat mich total aus der Bahn geworfen.

Hier sind wir also. Gemeinsam. Am Ende der Welt.

An jenem Tag war ich gerade dabei, Seemuscheln zu klassifizieren. Langweilig? Vielleicht. Aber ich bin eine begeisterte Wissenschaftlerin. Ich liebe es, Dingen auf den Grund zu gehen, Antworten zu finden. Mom hat schon immer Witze darüber gemacht, wie schwierig es sei, ein Kind großzuziehen, das schlauer ist als die meisten Hochschuldozenten.

Mein Motto: Ich bin, wie ich bin.

Berge von Muscheln bedeckten den Küchentisch. Sundial-Muscheln, Haiaugen, Truthahnflügel. Frisch gereinigt und poliert schimmerten sie im frühen Morgenlicht.

Ich fischte eine neue Art aus dem Eimer zu meinen Füßen und achtete darauf, dass nichts von dem Bleichwasser auf meine Kleider tropfte. Unverkennbar eine Scotch Bonnet: weiß, eiförmig, die geriffelte Oberfläche von einem gleichmäßigen Muster rotbrauner Flecken überzogen. Zufrieden mit meinem seltenen Fund, legte ich die Muschel zum Trocknen beiseite.

Das nächste Objekt war mir ein Rätsel. Herzmuschel oder Arche-Noah-Muschel? Beide Arten sind an der Küste von South Carolina weit verbreitet.

Obwohl die Muschel fast zwei Stunden im Bleichwasser gelegen hatte, war ihr Äußeres immer noch von hartnäckigen Ablagerungen übersät. Seepocken und verkrusteter Schlick verdeckten jedes Detail.

Großartig. Endlich hatte ich eine Gelegenheit, mein elektrisches Werkzeug zu benutzen. Ein Geschenk meiner Großtante Tempe.

Vielleicht habt ihr schon mal von ihr gehört.

Ich war total von den Socken, als ich es herausgefunden habe. Ich bin mit Dr. Temperance Brennan verwandt, der weltbekannten forensischen Anthropologin. Sie war schon immer mein Idol. Als Kit es mir erzählt hat, wollte ich es zuerst nicht glauben, aber an der Sache gibt es nichts zu rütteln. Tempes Schwester, Harry, ist meine Großmutter.

Wir haben also eine echte Berühmtheit in unserer Familie. Eine renommierte Wissenschaftlerin. Wer hätte das gedacht.

Okay, ich war meiner Tante Tempe erst ein Mal begegnet. Aber das war nicht ihre Schuld. Schließlich wusste auch sie erst seit sechs Monaten von meiner Existenz, so wie Kit.

Tante Tempe hat einen echt spannenden Job. Sie identifiziert Leichen. Kein Witz. Egal ob ein toter Körper verbrannt, verfault oder mumifiziert ist. Von Maden zerfressen oder nur noch ein Skelett. Tante Tempe stellt fest, wer das ist. War. Dann versucht sie gemeinsam mit der Polizei herauszufinden, was mit ihr oder ihm passiert ist.

Cooler Job, wenn man einen robusten Magen hat. Hab ich.

Das Wissen um die Verwandtschaft mit meiner Tante hat mir geholfen, mich selbst zu verstehen. Warum ich auf jede Frage eine Antwort finden muss. Warum ich mich lieber mit fossilen Raubvögeln oder der globalen Erderwärmung beschäftige, als shoppen zu gehen.

Ich kann nichts dafür. Das liegt an meiner DNA.

Tante Tempe hat sich darauf spezialisiert, Knochen zu analysieren und aus ihrem Zustand spezifische Schlussfolgerungen zu ziehen. Warum sollte ich also meine Begabung nicht dazu nutzen, die Schale von Weichtieren zu reinigen?

Denn Muscheln sind im Grunde nichts anderes als Knochen.

Ich nahm den kabellosen elektrischen Minischleifer aus meinem Werkzeugkasten, befestigte den Bürstenkopf daran und entfernte behutsam die Verschmutzungen, die an der Schalenoberfläche hafteten. Danach tauschte ich den Bürstenkopf gegen einen kleinen Schleifstein aus, um die Verkrustungen abzuschmirgeln.

Nachdem die größeren Seepocken verschwunden waren, schloss ich mein Sandstrahlgerät an meinen Druckluftkompressor an und benetzte die Muschel vorsichtig mit Aluminiumoxid. Als Nächstes benutzte ich einen Dentalreiniger, um die hartnäckigsten Partikel zu beseitigen. Ich spülte den verbliebenen Sand mit einer Munddusche ab und nahm ein weiteres Mal mein Multielektrogerät zur Hand, diesmal mit einem Polierkopf. Fertig.

Eine glänzende ovale Muschel lag vor mir auf dem Tisch. Außen braun getupft, innen purpurn. Zehn Zentimeter lang. Die zahlreichen radialstrahligen Rippen ließen keinen Zweifel aufkommen.

Ich schaute vorsichtshalber noch mal in meinem Handbuch der Küste South Carolinas nach. Richtig, die Dinocardium robustum, eine Herzmuschel.

Rätsel gelöst. Ich legte die Muschel auf den entsprechenden Haufen und streckte meine Hand erneut in den Eimer. Leer.

Zeit für eine andere Beschäftigung.

Ich beschloss, mir einen kleinen Snack zu machen. Die Auswahl war äußerst dürftig, da Kit schon seit über einer Woche nicht mehr eingekauft hatte. Ich unterdrückte einen Anflug von Verärgerung. Der Supermarkt befand sich dreißig Minuten entfernt auf James Island, da kam er schließlich nicht jeden Tag vorbei.

Wir leben hier wie Schiffbrüchige. Es ist wirklich ein Elend.

Also begnügte ich mich mit ein paar Karottenstangen, die nicht mehr ganz frisch waren, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir eine Cola Light aufzumachen. Ich bemühe mich durchaus, mich gesund zu ernähren – Hauptsache, ich kriege genug Koffein. Ich brauche das.

Ich warf einen Blick auf mein Handy. Schon ziemlich spät, und sie waren immer noch nicht da. Auch keine SMS.

Ich ging meine verschiedenen Möglichkeiten durch. Nix in der Glotze – immer nur dasselbe. Der Stapel meiner ungelesenen Bücher lockte mich nicht. Das Internet langweilte mich. Nichts Neues auf Facebook.

Keine Hausaufgaben an diesem Wochenende. Es war Ende Mai, und den meisten Lehrern fiel es offenbar ebenso schwer wie den Schülern, das Jahr anständig zu Ende zu bringen.

Ich saß hier fest. Als Vierzehnjährige kann ich mich ja nicht einfach ins Auto setzen und von hier verschwinden. Und wo sollte ich auch hinfahren? Etwa in die Stadt, um dort mit meinen Freunden abzuhängen? Toller Witz! Alle, die mich mögen, sind ebenfalls einsame Inselbewohner. Blieben also die Möglichkeiten vor Ort, die, gelinde gesagt, begrenzt sind.

Aber trotzdem – wo steckten sie bloß?

Habe ich schon erwähnt, dass wir die entlegenste Wohnanlage in Charleston bevölkern? Auf der ganzen Welt? Niemand, absolut niemand wohnt in unserer Nähe. Auf den meisten Karten ist nicht einmal verzeichnet, dass Morris Island überhaupt bewohnt ist. Unsere komplette Nachbarschaft besteht aus zehn Wohneinheiten, die sich alle innerhalb eines 130 Meter langen Gebäudes aus Stahlbeton befinden. Insgesamt vierzig Leute. Das ist alles.

Von hier aus sind es zwanzig Minuten mit dem Auto, ehe man das erste Straßenschild erblickt. An diesem Punkt ist man der Zivilisation noch fern, aber immerhin auf dem richtigen Weg. Normalerweise verlassen meine Freunde und ich dort die Straße und nehmen das Schiff.

Was, ihr seid nicht beeindruckt? Schade eigentlich. Denn mal ehrlich – wie viele Leute kennt ihr denn, die in umgewandelten Militärbaracken wohnen? Und ich rede nicht von irgendeiner Kaserne aus dem 20. Jahrhundert. Das Gebäude ist uralt.

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs hat Morris Island den Hafen von Charleston vor Angriffen aus dem Süden geschützt. Die Konföderation hat damals eine Festung namens Fort Wagner errichtet, um feindlichen Soldaten den Zugang zur Nordspitze der Insel zu verwehren. Keine schlechte Idee. Die Rebellen hatten dort schwere Kanonen postiert. Fort Wagner zog sich quer über die Insel und riegelte diese komplett nach Norden hin ab.

Fort Wagner, Fort Moultrie auf Sullivan’s Island und Fort Sumter, ein riesiger Betonklotz an der Einfahrt in die Bucht, bildeten gemeinsam den Befestigungsring, der Charleston gegen die Angriffe von See her verteidigen sollte. 1863 unternahmen die Unionstruppen einen Versuch, Fort Wagner zu erobern. Die 54th Massachusetts Volunteer Infantry, eines der ersten amerikanischen Regimenter, das ausschließlich aus schwarzen Soldaten bestand, führte den Angriff an. Es war eine brutale Schlacht. Und leider ein totales Fiasko. Sogar ihr Befehlshaber fiel.

Ich habe mal einen Spielfilm darüber gesehen. Ich glaube, Denzel Washington erhielt für seine Rolle den Oscar. Völlig zu Recht. Er hat mich zu Tränen gerührt, und ich weine nicht oft. Eigentlich hätte ich ja für die Soldaten von Charleston sein sollen, aber schließlich bin ich ein Girl aus Massachusetts. Außerdem bringt mich nichts und niemand dazu, für diese Sklavenhalter Partei zu ergreifen, sorry.

Fort Wagner wurde nach dem Krieg sich selbst überlassen, aber die grundlegenden Strukturen sind noch vorhanden. Heute ist Morris Island ein Naturschutzgebiet, das von der University of Charleston verwaltet wird. Sie ist der Arbeitgeber meines Vaters und all der anderen, die hier leben. Als die Universität die ehemaligen Militärbaracken von Fort Wagner renovierte, hat sie den Lehrkräften von Loggerhead Island – ihrer externen Forschungseinrichtung im Meer – angeboten, dort kostenlos einzuziehen. Loggerhead ist noch kleiner und abgelegener als Morris.

Mein Dad hat das Angebot natürlich sofort angenommen. Schon mal versucht, von einem Forschergehalt zu leben?

Ich wartete immer noch ungeduldig. Ich wollte unbedingt nach Folly Beach, aber von denen, die mich hinbringen wollten, fehlte weiterhin jede Spur. Es sah so aus, als hätten sie mich versetzt.

Also entschloss ich mich, joggen zu gehen, eines der Dinge, die man auf Morris Island hervorragend tun kann. Ich ging in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Alle Wohneinheiten in unserer kleinen Welt sehen haargenau gleich aus. Vier Stockwerke, mehr hoch als breit. Nur der persönliche Geschmack und die individuelle Raumaufteilung der einzelnen Bewohner sorgen für gewisse Unterschiede.

In unserem Fall dient das Erdgeschoss zugleich als Büro und Garage. Im ersten Stock befinden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer. Die nächste Etage beherbergt zwei Schlafzimmer, von denen Kits nach hinten, meines nach vorne hinausgeht, sodass ich das Grundstück überblicken kann.

Das oberste Stockwerk besteht vor allem aus einem großen Raum, in dem Kit seine Mediathek untergebracht hat. Ich nenne ihn Kits Höhle. Von dort gelangt man auf eine Dachterrasse, die einen sagenhaften Blick auf den Ozean bietet. Im Grunde eine ganz ansehnliche Behausung, in der man allerdings ständig Gefahr läuft, die Treppen hinunterzufallen und sich das Genick zu brechen.

Während ich meine Adidasschuhe schnürte, warf ich einen Blick aus dem Fenster meines Zimmers. Eine mir sehr vertraute Person spurtete den Bootsanleger hinauf. Hiram in Höchstgeschwindigkeit. Ehrlich gesagt kein besonders imponierender Anblick.

Hi rannte, was das Zeug hielt, das heißt, er kämpfte sich tapfer die Steigung hinauf, die zum Hauptgebäude führt. Seine Wangen waren knallrot, die Haare klebten an seinem Gesicht.

Hi würde nie aus Spaß laufen.

Ich schnappte mir meinen Schlüsselbund und sauste los.

Irgendwas stimmte da nicht.

KAPITEL 2

Draußen wartete ich auf Hi.

Ich stand vor der Front unserer Wohnanlage. Die Sonne brannte auf die Rasenfläche, die etwa halb so groß wie ein Fußballfeld ist. Der einzige grüne Fleck weit und breit.

Jenseits unseres Grundstücks erheben sich drei stolze Palmettopalmen aus dem Sand, die der ganzen Szenerie vermutlich ein bisschen Charakter verleihen sollen. Ohne sie hätte man von hier aus einen freien Blick aufs Meer.

Ich schirmte meine Augen vor der Sonne ab und blinzelte in westliche Richtung. Ein sanfter Morgendunst hatte einen feinen Schleier über das Meer gelegt. Irgendwo da draußen ist Loggerhead, dachte ich. Und Kit, der ein weiteres Wochenende seiner Arbeit widmete.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Wie auch immer. Er verbringt ohnehin kaum Zeit mit mir.

Hi ließ weiter auf sich warten.

Es war zwar erst Mai, aber die Temperaturen lagen bestimmt schon über 30 Grad. Die Luft war gesättigt vom Duft nach Gras, salzigen Sümpfen und heißem Beton.

Ich gebe zu, dass ich zu heftigen Schweißausbrüchen neige. Auch in diesem Moment. Wie halten das diese Südstaatler nur aus?

In Massachusetts sind die letzten Frühlingstage immer noch angenehm kühl. Perfekt, um am Kap zu segeln. Das waren Moms Lieblingstage im ganzen Jahr gewesen.

Endlich tauchte Hi prustend am Rande des Vorplatzes auf. Haare und Hemd waren schweißnass. Man musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass er sehr erregt war.

Hi schlurfte auf mich zu, offenbar total aus der Puste. Ehe ich etwas sagen konnte, hob er die Hand, um mir Einhalt zu gebieten. Dann stützte er die Hände auf die Knie und versuchte zu Atem zu kommen.

»Einen.« Keuch. »Moment.« Keuch. »Bitte.«

Ich dachte, er würde jeden Moment ohnmächtig werden.

»Hier raufzurennen … war ’ne Schnapsidee.« Er hechelte nach Luft, aber es klang wie ein Schluckauf. »Sind bestimmt 40 Grad … meine Shorts platzt gleich vor Hitze.«

Typisch Hi, nie um eine geistreiche Bemerkung verlegen.

Hiram Stolowitski wohnt drei Einheiten von Kit und mir entfernt. Sein Vater, Linus Stolowitski, ist Labortechniker auf Loggerhead. Ein ruhiger, würdevoller Mann. Hi kommt gar nicht nach ihm.

»Lass uns von hier verschwinden.« Hi schnappte immer noch nach Luft, wenn auch etwas weniger als zuvor. »Wenn meine Mutter mich sieht, schleppt sie mich gleich in den Tempel oder so was.«

His Befürchtung entsprang keiner Paranoia. Mrs Stolowitskis gelegentliche Frömmigkeitsanfälle ziehen häufig eine vierzigminütige Autofahrt zur Kahal Kadosh Beth Elohim Synagoge in Downtown Charleston nach sich. Wir Morris-Insulaner mögen in der Gottesfrage nicht unbedingt einer Meinung sein, doch eines ist gewiss: Wir leben einfach zu weit in der Peripherie, um regelmäßig die Kirche oder die Synagoge zu besuchen.

Fairerweise sollte ich hinzufügen, dass die Presbyterianische Kirche, der ich eigentlich angehöre, um einige Meilen näher von hier entfernt liegt als His Synagoge. Kit und ich haben ein Mal an einem Gottesdienst teilgenommen. Nach weniger als zehn Sekunden war mir klar, dass er zum ersten Mal dort war. Wir haben keinen zweiten Versuch unternommen.

Aber der Große Junge da oben soll ja sehr verständnisvoll sein. Ich hoffe es jedenfalls.

Ruth Stolowitski zeichnet auch für das Neighborhood-Watch-Programm der Gemeinde verantwortlich, die unseren Wohnblock nicht aus den Augen lässt. Unnötig? Absolut. Aber das sollte man Ruth lieber nicht sagen. Sie ist davon überzeugt, dass nur ständige Wachsamkeit Morris Island vor einer Welle der Gewalt bewahren kann. In meinen Augen ist unsere totale Isolation in dieser Hinsicht völlig ausreichend. Wer sollte uns schon ausrauben? Eine Krabbe auf Crack? Eine Junkie-Qualle?

Um dem allgegenwärtigen Blick seiner Mutter zu entgehen, zogen Hi und ich uns auf die Seite des Gebäudes zurück, die gnädigerweise im Schatten lag. Die Temperatur fiel sofort um zehn Grad.

Hi ist nicht dick, aber auch nicht gerade schlank. Stämmig? Untersetzt? Irgend so was. Mit seinen wallenden braunen Haaren und einer Neigung zu geblümten Hemden fällt er in jeder größeren Gruppe aus dem Rahmen.

An diesem Morgen trug Hi ein Hemd, das gelbe und grüne Weinranken zierten. Darunter eine hellbraune Shorts, deren linke Tasche ausgerissen war. Wehe, wenn seine Mutter das sah!

»Geht’s wieder?«, fragte ich. His Gesichtsfarbe wechselte von Pflaume zu Himbeere.

»Mir geht’s glänzend«, antwortete er, immer noch ein wenig kurzatmig. »Danke der Nachfrage. Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen.«

Hi Stolowitski ist ein Meister der Ironie. »Was hat dich dazu gebracht, den weiten Weg vom Bootsanleger bis hierher zu laufen?« Noch während die Worte meinen Mund verließen, wurde mir die Hinfälligkeit meines eigenen Joggingplans bewusst.

»Ben ist mit seinem Boot verunglückt, als er im Schooner Creek nach Flusstrommlern geangelt hat. Er ist in zu seichtes Wasser geraten und auf Grund gelaufen.« Hi war wieder zu Atem gekommen. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Er wurde durch die Luft geschleudert und hat sich dann irgendwie das Bein aufgeschlitzt. Sieht ziemlich böse aus.«

Ben Blue wohnt ebenfalls in unserem Block, ist aber auch manchmal bei seiner Mutter in Mount Pleasant. Ich hatte auf Ben und Hi gewartet, um mit ihnen nach Folly Beach zu fahren.

»Wie böse? Wann? Wo ist er?« Vor lauter Besorgnis brabbelte ich wild drauflos.

»Er hat das Boot zum Bunker manövriert, wo ich war, aber dann ist der Motor abgesoffen.« Er lächelte reumütig. »Also bin ich mit dem alten Kanu hierher gepaddelt, um Shelton zu finden. Ich dachte, das ginge schneller. Blöde Idee. Das hat ewig gedauert.«

Jetzt wusste ich, warum Hi so erschöpft war. Kanufahren auf dem Meer ist extrem anstrengend, vor allem, wenn man gegen die Strömung ankämpfen muss. Der Bunker ist nur anderthalb Meilen von hier entfernt. Er hätte laufen sollen. Aber das rieb ich ihm nicht unter die Nase.

»Und jetzt?«, fragte er. »Sollen wir Mr Blue Bescheid sagen? «

Bens Vater, Tom Blue, ist für die Schiffsverbindung zwischen Morris und Loggerhead Island verantwortlich und kümmert sich außerdem um die Fähre, die zwischen Morris und Charleston verkehrt.

Wir schauten uns an. Ben besitzt seinen kleinen Flitzer seit knapp zehn Monaten. Und sein Vater ist ein Pedant, wenn es um die Sicherheit an Bord geht. Wenn er etwas von dem Unfall erfuhr, dann war Ben sein Lieblingsspielzeug gleich wieder los.

»Nein«, antwortete ich. »Wenn Ben die Hilfe seines Vater wollte, dann hätte er dir das gesagt.«

Sekunden verstrichen. Am Strand schrien sich die Möwen die Nachrichten des Tages zu. Über unseren Köpfen legte sich eine Schar von Pelikanen mit weit gespannten Flügeln in die morgendliche Brise.

Ich traf eine Entscheidung. Ich wollte versuchen, Ben eigenhändig zusammenzuflicken. Doch wenn die Wunde zu groß sein sollte, würden wir ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen – zornige Eltern hin oder her.

»Wir treffen uns auf dem Weg.« Ich war schon unterwegs zum Hauseingang, um meinen Erste-Hilfe-Kasten zu holen. »Lass uns mit den Fahrrädern zum Bunker fahren.«

Fünf Minuten später jagten wir auf einem harten Sandstreifen, der sich zwischen den hohen Dünen dahinzieht, in nördliche Richtung. Auf meinen erhitzten Wangen fühlte sich der Wind angenehm kühl an. Meine wie immer hoffnungslos verfilzten Haare wehten wie eine rote Fahne hinter mir her.

Zu spät dachte ich an Sonnencreme. Meine blasse New-England-Haut kennt nur zwei Färbungen: weiß oder krebsrot. Und Sonnenlicht lässt die Anzahl meiner Sommersprossen regelrecht explodieren.

Okay, ich bekenne: Die Modellagenturen stehen nicht gerade Schlange, um mich unter Vertrag zu nehmen, aber ich sehe wirklich nicht übel aus. Ich bin ziemlich groß und habe zudem die feingliedrige Gestalt meiner Mutter geerbt. Das zumindest hat sie mir hinterlassen.

Unser Weg schlängelte sich der Landspitze unserer Insel entgegen, der Cummings Point heißt. Linkerhand die hohen Dünen, zur Rechten der abfallende Strand, dann das Meer.

Hi trat hinter mir in die Pedale und schnaufte wie eine Dampflokomotive.

»Soll ich langsamer fahren?«, rief ich über die Schulter.

»Versuch’s, und ich fahr dich über den Haufen«, schrie er. »Ich bin Lance Armstrong.«

Wenn du Lance Armstrong bist, bin ich Lara Croft, dachte ich und drosselte so langsam das Tempo, dass er es nicht merkte.

Da ein Großteil von Morris Island aus Marschland oder Dünen besteht, kommt nur die nördliche Hälfte als Bauland infrage. Hier wurde Fort Wagner errichtet. Desgleichen die anderen alten Militäreinrichtungen, überwiegend simple Schützengräben, Furchen und Erdlöcher.

Mit unserem Bunker sieht’s jedoch anders aus. Der ist der helle Wahnsinn. Wir sind auf ihn gestoßen, als wir einmal nach unserem Frisbee suchten. Totaler Zufall. Das Ding liegt so gut versteckt, dass man genau wissen muss, wo er sich befindet. Niemand scheint sich mehr an ihn zu erinnern. Und das soll auch so bleiben.

Nachdem wir fünf Minuten weitergestrampelt waren, bogen wir vom Weg ab, umkurvten eine riesige Düne und schossen nach unten in eine tiefe Mulde. Von dort kann man nach knapp dreißig Metern eine Mauer erkennen, die zwischen den Sandhügeln verborgen liegt.

Ungefähr zehn Meter rechts vom Eingang des Bunkers führt ein schmaler Trampelpfad zum Strand hinunter. Ich erkannte Bens Motorboot, das an einem halb im Wasser stehenden Pfahl festgemacht war. Es hob und senkte sich in der sanften Dünung.

Ich stieg ab und ließ mein Fahrrad in den Sand fallen. In diesem Moment drang ein dumpfes Fluchen aus dem Bunker.

Beunruhigt zwängte ich mich durch die niedrige Öffnung.

KAPITEL 3

Ich zwinkerte. Der Übergang von gleißendem Sonnenlicht zu dämmrigem Halbdunkel ist immer ein Schock.

Ein besseres Versteck kann man sich kaum vorstellen.

Der zentrale Raum ist vielleicht fünf mal neun Meter groß. Holzbalken erstrecken sich drei Meter hoch bis zur Decke. Gegenüber dem Eingang ist ein länglicher Sehschlitz in die Wand eingelassen und bietet einen großartigen Blick auf den Hafen von Charleston. Ein schmaler Holzvorsprung sorgt dafür, dass der Schlitz von außen nicht zu erkennen ist.

Durch einen engen Gang zur Linken gelangt man in einen zweiten, kleineren Raum. Auch hier muss man sich durch eine schmale Öffnung quetschen. An der hinteren Wand dieses Raumes nimmt ein eingestürzter Schacht seinen Anfang, der tiefer in den Hügel hineinführt. Echt gruselig. Keiner von uns hat sich da bisher reingetraut.

Ben kauerte im ersten Raum auf einer alten Bank, sein verletztes Bein ruhte auf einem Stuhl. Blut sickerte aus einer klaffenden Wunde am Schienbein.

Er warf mir einen kurzen Blick zu. »Du solltest Shelton holen. « Ben redet nie um den heißen Brei herum.

Freu mich auch, dich zu sehen.

Ich bemerkte, wie Hi hinter mir mit den Schultern zuckte. »Tory hat mich zuerst gesehen. Und hast du schon mal versucht, sie von etwas abzubringen?«

Ben verdrehte die Augen. Seine schönen dunklen Augen mit den unwiderstehlichen Wimpern.

Ich hob eine Braue, um ihnen zu zeigen, was ich von ihren Kommentaren hielt. »Ich hab meinen Erste-Hilfe-Kasten dabei. Lass mich dein Bein ansehen.«

Ben folgte meinen Bewegungen mit finsterem Blick. Ich durchschaute sein Machogehabe. Er hatte Angst, dass ich ihm wehtue, wollte sich das aber nicht anmerken lassen.

Mach dir bloß nicht in die Hose, du Memme.

Im Gegensatz zu uns anderen hat Ben bereits das magische Alter von sechzehn Jahren erreicht. Shelton wird diese Grenze im Herbst überschreiten, und Hi ist dieses Frühjahr fünfzehn geworden. Unser hartes erstes Highschooljahr haben wir drei also fast hinter uns, während Ben schon ein Jahr weiter ist.

Statt sich irgendein Fahrzeug mit Rädern zuzulegen, wie alle anderen, hat Ben sein gesamtes Geld in ein 16 Fuß langes Motorboot gesteckt, das er auf den Namen Sewee getauft hat.

Den Namen schon mal gehört? Ich auch nicht.

Ben behauptet, ein Nachfahre der Sewee-Indianer zu sein. Ich bin skeptisch, da die Sewee-Indianer schon vor einem Jahrhundert im Stamm der Catawba aufgingen. Wie kann man da heute noch seine Herkunft von ihnen ableiten? Aber bei Bens Temperament hat es keinen Sinn, mit ihm darüber zu diskutieren.

Ein Boot ist natürlich besser als nichts. Ein Boot, das kein Wrack ist, versteht sich.

»Gibt es einen Grund, warum du mit deinem schicken Flitzer bei Ebbe bis in die Bucht gefahren bist?« Ich tupfte sein Schienbein mit Jod ab. Die Wunde musste Gott sei Dank nicht genäht werden, sie sah nur hässlich aus.

»Ich wollte näher an die Küste rankommen, dort, wo die Fische sind. Hab die Wassertiefe falsch eingeschätzt.« Ben stockte der Atem, als ich ihm einen Verband anlegte.

»Und, hast du was gefangen?«, fragte ich unschuldig.

Bens Blick wurde noch finsterer. Ich hatte richtig geraten.

»Könntest dir übrigens mal ein Hemd überziehen«, stichelte Hi.

Ben starrte ihn mürrisch an.

Hi kehrte die Handflächen nach oben. »Ich meine, schließlich ist das hier ein nobler Bunker, und du machst echt einen ziemlich abgerissenen Eindruck.«

Nachdem Hi seine Meinung zur Kleiderordnung in unserem Klubhaus kundgetan hatte, schlenderte er zum einzigen Tisch des Raumes hinüber und setzte sich hin. Der klapprige Stuhl bog sich unter seinem Gewicht. Hi überlegte es sich anders und nahm doch lieber auf der Bank Platz.

Ben, dessen dichte schwarze Haare ihm über die Ohren reichen, lehnte eine muskulöse Schulter an die Wand des Bunkers. Von mittlerer Größe, ist nicht ein Gramm Fett an ihm. Seine Augen sind dunkelbraun, sein Teint changiert zwischen Kupfer und Bronze, je nach Jahreszeit.

»Ich dachte, Shelton könnte sich mal das Boot ansehen«, sagte er.

Wie diplomatisch. Er versuchte sich zu entschuldigen, ohne sich zu entschuldigen.

Das Boot ist sein Ein und Alles. Da ich spürte, dass er sich größere Sorgen um den Schaden machte, als er sich anmerken lassen wollte, akzeptierte ich sein Friedensangebot.

»Wenn jemand das reparieren kann, dann Shelton«, sagte ich.

Ben nickte.

Bens Mutter, Myra Blue, lebt auf dem Festland in einer nahe dem Yachthafen von Mount Pleasant gelegenen Eigentumswohnung. Ben und sein Dad teilen sich ein Appartement in unserem Block.

Obwohl Bens spärliche Äußerungen zu diesem Thema manche Frage aufwerfen, wird es von den meisten Leuten geflissentlich unter den Teppich gekehrt.

Meine Vermutung: Ben hat sich sein Motorboot angeschafft, weil er damit am schnellsten nach Mount Pleasant gelangt.

»Ich hab mein Handy dabei«, erklärte ich. »Ich schreib Shelton mal eine SMS.«

»Viel Glück mit der Verbindung«, entgegnete Hi, als ich zur Tür ging. Ben schwieg, doch spürte ich seinen dunklen Blick auf meinem Rücken.

Hi hatte recht. Der Netzempfang auf Morris Island ist reine Glückssache, und im Bunker hat man schon gar keine Chance. Nachdem ich gut zehn Minuten kreuz und quer durch die Dünen gestapft war, konnte ich endlich meine Nachricht an Shelton absetzen. Auf dem Weg nach unten hörte ich erfreut das Signal für eine empfangene Textmeldung. Shelton war unterwegs.

Als ich mich durch die Öffnung zwängte, dachte ich an Ben. Ein süßer Typ, keine Frage, aber mein Gott, war der launisch. Vor sechs Monaten war ich hierher gezogen. Seitdem hatten wir uns fast täglich gesehen, doch war er mir immer noch ein Rätsel.

Ob ich Ben lieber mochte, als mir eigentlich klar war? Vielleicht wäre das ja eine Erklärung für all unsere Wortgefechte. Ein getarnter Flirt? Oder war Ben nur der einzige Fisch in einem viel zu kleinen Becken?

Vielleicht war ich ja bescheuert, darüber auch nur nachzudenken.

Mit diesem aufmunternden Gedanken ploppte ich schließlich durch die Öffnung.

Hi döste vor sich hin. Ben hockte immer noch auf seiner Bank. Ich schlenderte zum schmalen Fenster, sprang auf den Sims und schmiegte mich an eine der alten Schießscharten für die Kanonen.

Von hier aus sah das vor dem Hafenbecken liegende Fort Sumter wie ein Camelot in Miniatur aus. Ein graues, heruntergekommenes Camelot. Meine Gedanken schweiften zu König Artus und seinen Rittern. Zu Kit. Zur armen Guinevere.

Zu meiner Mutter. Dem Unfall.

Jetzt tief Luft holen. Die Erinnerung daran war immer noch eine offene Wunde, in der ich nicht stochern wollte.

Mom wurde letzten Herbst von einem betrunkenen Autofahrer getötet. Ein Automechaniker namens Alvie Turnbauer missachtete eine rote Ampel und fuhr dem Corolla meiner Mutter direkt in die Seite. Sie war auf dem Weg nach Hause, nachdem sie eine Pizza abgeholt hatte. Turnbauer kam direkt von Sully’s Bar and Grill, wo er den Nachtmittag hindurch ein Bier nach dem anderen getrunken hatte.

Turnbauer kam ins Gefängnis. Mom auf den Resthaven Memorial Garden. Ich nach South Carolina.

Nein. Immer noch zu früh.

Ich dachte an andere Dinge. An Sandalen, die ich auf dem Markt gesehen hatte. An Farben, in denen ich mein Zimmer streichen könnte. An den dunklen Fleck auf meinem Backenzahn, von dem ich fürchtete, es könnte sich um Karies handeln.

Endlich dröhnte eine Stimme vom anderen Ende des Eingangs. »Hat hier jemand einen Mechaniker gerufen?«

Ich holte Shelton herein, der ein Benutzerhandbuch und eine Mappe in der Hand hielt, die von Papieren nur so überquoll. Ben lebte sofort auf.

Shelton Devers ist klein und dünn und trägt eine dicke, runde Brille. Seine schokoladenbraune Haut verdankt er seinem afroamerikanischen Vater, während seine Augenlider und Wangenknochen von seiner japanischen Mutter zeugen. Sheltons Eltern arbeiten beide auf Loggerhead Island, Nelson als IT-Spezialist, Lorelei als Tierarzthelferin.

»Eine kluge Entscheidung, einen Experten zurate zu ziehen. « Shelton hob beide Arme. »Sei gegrüßt, Bruder Ben. Ich werde dein Boot erretten.«

Ein Klaps auf die Schulter, dann verwandelte sich Sheltons feierlich-spöttische Miene in ein breites Grinsen. Mit einem schnaubenden Lachen kam Ben auf die Beine, begierig darauf, ans Werk zu gehen.

Kein Wunder, dass Ben unbedingt Sheltons Hilfe haben wollte. Er ist ein Genie, wenn es darum geht, irgendwas zusammenzusetzen. Shelton liebt das Beheben schwieriger Probleme, das Lösen kniffliger Fälle und das Dechiffrieren rätselhafter Codes. Auch alles mit Zahlen und Computern fasziniert ihn. Er ist sozusagen unser Technikguru. So nennt er sich jedenfalls selbst.

Sheltons Schwäche? Seine Angst vor allem, was kriecht und krabbelt. Ihm zuliebe haben wir stets eine Dose mit Insektenvertilgungsmittel im Bunker. Und zum Athleten des Jahres wird er auch nicht gewählt.

Ben und Shelton breiteten das Handbuch und die Papiere auf dem Tisch aus. Und schon im nächsten Moment zankten sie sich über die Ursache des Problems und seine Behebung.

Wer weiß? Hätten sie das Boot nicht repariert, wären wir an diesem Nachmittag nicht mehr nach Loggerhead Island gefahren. Dann wäre alles andere nicht geschehen.

Aber wir sind gefahren.

Und es geschah.

KAPITEL 4

»Gib’s einfach zu, wenn du das Problem nicht findest.« Bens Stimme hatte einen gereizten Unterton. »Nicht dass noch mehr kaputtgeht. «

Shelton war über Bens Mangel an Vertrauen offenbar ziemlich verärgert. Sein Körper war angespannt. Zumindest die untere Hälfte. Kopf und Schultern steckten im Boot.

»Ich gehe Schritt für Schritt die verschiedenen Möglichkeiten durch.« Sheltons Kopf tauchte wieder auf. »Also immer mit der Ruhe.« Mit dem Schaltplan in der Hand tauchte er wieder zwischen die Kabel des Elektrosystems hinab. Ben stand über ihm und hatte die Arme verschränkt.

»Kann ich irgendwas für euch tun?«, fragte ich.

»Nein.« Zwei Stimmen, eine Antwort.

Dann eben nicht.

Während Hi immer noch im Bunker herumlungerte und Ben und Shelton sich am Boot in die Haare kriegten, saß ich am Strand. Ging ihnen aus dem Weg.

Vor unserem Klubhaus zieht sich eine geschwungene Linie flacher Felsen bis ins Meer hinein und bildet eine kleine, geschützte Bucht. Die Felsen schirmen die Küstenlinie ab, entziehen Bens Boot den Blicken vorbeifahrender Schiffe und sorgen vor allem dafür, dass wir einen eigenen, knapp fünf Meter langen Privatstrand haben.

Ich betrachtete den schmalen Pfad, der zu unserem Unterschlupf führt. Selbst aus so geringer Entfernung war die Öffnung nicht zu erkennen. Einfach unglaublich.

Shelton sagt, unser Bunker sei während des Amerikanischen Bürgerkriegs ein Teil des als Battery Gregg bekannten Systems von Schützengräben gewesen. Einst errichtet, um den Hafen von Charleston zu schützen, ist dieses Labyrinth in weiten Teilen unerforscht geblieben.

Das ist unser Platz. Wir müssen ihn schützen.

Ich wurde von aufgeregten Stimmen aus meinen Gedanken gerissen.

»Ist die Batterie eingeschaltet?«

»Natürlich. Aber es riecht nach Benzin. Vielleicht ist der Motor abgesoffen. Geben wir ihm eine Minute Zeit.«

»Nein, nein, nein. Vielleicht hat der Motor nicht genug Benzin. Benutz die Gummiballpumpe.«

»Das kann nicht dein Ernst sein. Pass lieber auf, dass der silberne Kippschalter gedrückt ist, sonst passiert überhaupt nichts.«

Ich hatte die Nase voll, fühlte mich nutzlos und beschloss, Hi erneut Gesellschaft zu leisten. Egal, wie heiß es draußen war, der Bunker blieb immer angenehm kühl. Als ich den Pfad zum Bunker halb zurückgelegt hatte, hörte ich, wie der Außenbordmotor brüllend zum Leben erwachte, gefolgt von den Jubelschreien der Hobbymechaniker. Ich machte wieder kehrt. Ben und Shelton klatschten sich enthusiastisch ab und grinsten wie Geisteskranke.

»Gut gemacht, ihr Genies«, sagte ich. »Ich bin beeindruckt.«

Doppeltes Echte-Kerle-Nicken. Männer reparieren Boot! Männer sind stark!

»Und jetzt?«, fragte ich in der Hoffnung, die beiden davon abzuhalten, sich auf die Brust zu trommeln.

»Wir sollten eine kleine Spritztour machen, um uns zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist«, schlug Ben vor. »Vielleicht nach Clark Sound?«

Keine schlechte Idee. Wir hatten ja sowieso mit dem Boot fahren wollen. Dann kam mir ein anderer Gedanke.

»Wie wär’s mit Loggerhead?« Vielleicht konnten wir die Wolfshunde ausfindig machen. Das Rudel war schon seit Tagen nicht mehr gesehen worden.

Bekenntnis: Ich bin ein Hundefan. Ich liebe Hunde, vielleicht mehr als Menschen. Das Vielleicht kann man eigentlich streichen. Hunde ziehen nicht hinter deinem Rücken über dich her. Schikanieren dich nicht, weil du die Jüngste in der Klasse bist. Fahren auch keine Autos und werden getötet.

Hunde sind aufrichtig. Was sich über die meisten Menschen nicht sagen lässt.

»Warum nicht?«, entgegnete Shelton. »Ich würde mir auch gern mal wieder die Affen ansehen.«

Ben zuckte die Schultern. Ihm war die Fahrt wichtiger als das Ziel.

»Ich kann gar nicht glauben, dass ihr Einfaltspinsel das hinbekommen habt.« Hi bahnte sich seinen Weg zum Strand hinunter.

»Wieso? Zu viel Hirnschmalz schadet nur.« Shelton, immer noch enthusiastisch, machte ein weiteres Mal High five mit Ben.

»Verstehe.« Hi streckte sich gähnend. »Ich nehme an, es waren eingehende technische Kenntnisse nötig, um den Schaden zu beheben. Ihr habt doch bestimmt nicht nur ein Kabel geflickt oder einen Schalter umgedreht.«

Ben errötete. Shelton war plötzlich sehr an seinen Turnschuhen interessiert.

1:0 für Hi.

»Hättest du Lust auf eine kleine Tour nach Loggerhead?«, fragte ich.

»Klar. Affen sind doch immer lustig. Was soll da schon schiefgehen?« Hi machte eine Pause. »Es sei denn, ein Affe trachtet dir nach dem Leben, ist drogenabhängig oder so was.«

Er ließ sich in das Boot fallen und ignorierte unsere Blicke.

Kurz darauf schossen wir über die schäumenden Wellen. Wirklich extrem cool. Selbst für jemand, der so viel Zeit auf dem Wasser verbringt wie ich.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen müssen wir auf unserem Schulweg das Schiff benutzen. Zwei Mal am Tag, quer durch das Hafenbecken. Montag bis Freitag. Es ist der einzig sinnvolle Weg für uns.

Meine Clique und ich besuchen die Bolton Preparatory Academy in Downtown Charleston. Todschicke Gegend, die Häuser stammen aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg, und an den Bäumen hängt Louisianamoos. Mit ihren von Efeu bewachsenen Mauern und von Tauben verschandelten Statuen ist die Bolton Prep genauso High Class wie die ganze Gegend.

Doch ich sollte mich nicht beklagen. Es handelt sich um eine der besten Privatschulen im ganzen Land. Kit allein hätte das Schulgeld niemals aufbringen können, aber die Universität kümmert sich auch darum. Eine weitere Vergünstigung für UC-Eltern, die auf Loggerhead arbeiten.

Unser klitzekleines Problem: Die anderen Schüler können uns nicht ausstehen. Sie kommen alle aus stinkreichen Familien und bringen uns das auch ständig in Erinnerung. Sie wissen genau, wie wir an diese Schule gelangt sind und warum wir dort jeden Tag als Gruppe in Erscheinung treten. Ich habe schon den Überblick über all die Ausdrücke verloren, die sie uns ständig an den Kopf werfen.

Boatpeople. Sozialfälle. Arme Schlucker.

Lackaffen. Blasierte Armleuchter. Snobs.

Ehrlich gesagt wäre ich an diesem Tag überall lieber gewesen als in der Schule.

Wir Morris-Insulaner halten zusammen. Die Jungs klebten schon aneinander, als ich dort ankam. Vor allem Shelton und Ben. Hi ist schon ein komischer Kauz. Manchmal habe ich das Gefühl, dass niemand so recht was mit ihm anfangen kann, aber er hält uns definitiv auf Trab.

Die Jungs haben mich sofort akzeptiert. Sie können es sich ja auch nicht leisten, besonders wählerisch zu sein. Außerdem – falls ich mich mal selber loben darf – war von Anfang an klar, dass ich ein helles Köpfchen bin. So wie sie.

Im Gegensatz zu unseren Mitschülern macht es uns Spaß, neue Dinge zu lernen. Das muss an unseren Eltern liegen. Die Begegnung mit Gleichaltrigen, die sich auch für wissenschaftliche Sachen interessieren, war für mich, als hätte ich einen vergrabenen Schatz gefunden.

Kit war zwar nicht gerade begeistert, dass meine einzigen drei Freunde allesamt Jungs sind, aber ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es auf Morris keine anderen Highschoolschüler gibt. Und dass er all ihre Eltern persönlich kennt. Dem konnte er nichts entgegensetzen. Whitney, Kits Freundin, ist die Einzige, die immer noch diese Platte auflegt.

Obwohl wir uns also erst mal aus praktischen Gründen angefreundet haben, sind wir inzwischen eng miteinander verbunden. Wie eng wir einst miteinander verbunden sein würden, konnte ich damals natürlich nicht ahnen.

Ben nahm den Umweg nach Loggerhead, um dem seichten Wasser auszuweichen. Es dauert zwar länger, aber der direkte Weg zwischen den Sandbänken hindurch ist bei Ebbe einfach zu riskant.

Shelton stand vorne und hielt nach Delfinen Ausschau, während Hi und ich hinten saßen.

Bug und Heck, sagte ich mir. Die Jungen verbrachten Stunden damit, nautische Begriffe zu lernen. Zukünftige Piraten? Es heißt ja, dass es sie wieder gibt.

Hin und wieder stieg der Bug in die Höhe und klatschte krachend auf die Wasseroberfläche. Dann sprühte die Gischt über uns hinweg, salzig und kühl. Ich liebte jeden einzelnen Wassertropfen.

Ich spürte das Lächeln auf meinem Gesicht. Es würde doch noch ein schöner Tag werden.

Nach einer zwanzigminütigen Fahrt über das offene Meer konnten wir am Horizont einen blaugrünen Fleck ausmachen. Er wurde größer und offenbarte sich als Landmasse.

Wir fuhren näher heran, drosselten das Tempo und glitten an einem zuckerweißen Strand entlang.

Der Sandstreifen war gut drei Meter breit, dahinter erhoben sich Bäume mit hohem Blätterdach. Das dichte Unterholz verdeckte jede Sicht auf das Innere der Insel. Wellen leckten am Strand. Insekten und Frösche führten eine Summ-und-Quak-Symphonie auf. Ab und zu raschelte ein Zweig und schrie irgendein Tier über unseren Köpfen.

Nichts war zu sehen, das von Menschenhand geschaffen worden wäre.

Das Boot schaukelte sanft in der Dünung, während wir schweigend die Landschaft in Augenschein nahmen.

Eine geheimnisvolle Stimmung nahm uns gefangen. Etwas Ursprüngliches. Ungezähmtes. Wildes.

Loggerhead Island.

KAPITEL 5

»Hey, wir sind zu schnell. Hau die Bremse rein!«

Shelton prallte zurück, als die Sewee mit dem Anlegesteg kollidierte. Ich verlor das Gleichgewicht und landete unsanft auf meinem Hintern.

Das Boot schabte mit quietschendem Protest am Anleger entlang. Ein harter Tag für das stolze Schiff. Eine echte Materialprobe.

Ich rappelte mich auf und schaffte es irgendwie, mir das Tau zu schnappen, das mit dem Anleger verbunden ist. Das Boot kam zum Stehen. Anlegemanöver beendet.

Nicht gerade sehr sanft, Herr Kapitän.

Ben verzog das Gesicht, enttäuscht von seinen seemännischen Fähigkeiten. »Das Anlegen ist echt nicht einfach. Aber ich arbeite daran.«

»Das will ich auch hoffen.« Hi rieb sich das Knie. »Da wartet nämlich noch eine Menge Arbeit auf dich.«

»Also ich hätt’s auch nicht besser hingekriegt«, sagte ich in der Hoffnung, dass Ben jetzt nicht eingeschnappt war.

Doch er lachte nur in sich hinein. »Ich weiß schon, war keine Glanzleistung, aber das Boot ist jedenfalls okay.«

Ein kräftiger Klaps auf die Schulter. »Komm schon, Hiram. Ist ja nichts weiter passiert.«

Hi zeigte unmissverständlich auf sein lädiertes Bein.

Ben zuckte die Schultern. »Ist doch gar kein Blut zu sehen. «

»Wenn du wüsstest, wie sehr mein Rücken wehtut.«

Shelton sprang an Land und machte mit ein paar professionellen Handgriffen das Boot fest.

»Fertig.«

»Also los, Leute. Keine Zeit zu verlieren!« Hi hievte sich mit grünem Gesicht über die Reling und ließ sich auf den Steg plumpsen. »Ich schlage mich mal kurz in die Büsche, um einem natürlichen Bedürfnis nachzukommen.«

Klarer Fall von Seekrankheit.

Ich stieg aus und folgte den anderen.

Verglichen mit Morris ist Loggerhead nur ein kleiner Fleck, eine halbe Meile im Quadrat. Keine Einwohner. Keine Straßen. Kein Starbucks. Nur eine kleine Ansammlung von Gebäuden am südlichen Ende. Aber lasst euch nicht täuschen, dies ist ein bedeutender Ort. Hightech. Topmoderne Labore. Modernste Ausstattung. Rund um die Uhr bewacht. Klein, aber fein.

Das Loggerhead Island Research Institute. LIRI. Aber Loggerhead hat noch mehr zu bieten.

Die Insel ist nach den gleichnamigen Schildkröten benannt, die am Ostufer ihre Eier ablegen. Die ersten europäischen Einwohner waren Piraten. Sie sahen die Insel als einen großartigen Ort an, um sich vor den Kolonialmächten zu verstecken. Blackbeard und seine Männer lagerten dort ihre Beute, bevor sie das nächste Handelsschiff überfielen. Oder andere Piratenschiffe. Mag sein, dass sie sich gelegentlich auch mit anderen Piraten zusammengeschlossen haben.

Jedenfalls hat diese Phase nicht lange gedauert. Schließlich haben die Briten die Piraten verjagt, und irgendeine dieser gepuderten Perücken hat eine Baumwollplantage gegründet. Die Arbeit ließ er natürlich von seinen Sklaven verrichten. Trottel. Irgendwann haben sie sich dann an ihm gerächt. Ist doch logisch: Wenn du eines dieser Arschlöcher bist, die andere Leute kaufen, dann bist du verloren, falls das Blatt sich wendet. Wenn deine Sklaven mit dem Arrangement nicht mehr einverstanden sind, dann endest du als Fischfutter.

Als Nächstes fiel Loggerhead in die Hände des Militärs. Danach blieb Loggerhead für mehrere Jahrzehnte sich selbst überlassen, ehe man der University of Charleston das Verfügungsrecht über die Insel zusprach. Die Universität siedelte dort Primaten an.

Kein Witz. Ein Großteil von Loggerhead Island beherbergt heute frei lebende Rhesusaffen. Hunderte von ihnen klettern in den Bäumen oder laufen auf dem Boden herum. Entkommen können sie nicht. So weit können sie nicht schwimmen.

Das Forschungsgelände ist natürlich eingezäunt, damit die Primaten draußen bleiben, aber der Maschendrahtzahn erfüllt nur zum Teil seinen Zweck. Irgendwie gelingt es den cleveren kleinen Kerlchen immer wieder, sich Einlass zu verschaffen. Wie Ninjas im Taschenformat.

Die Insel ist wirklich ein abenteuerlicher Ort. Wenn Affen sich in die Haare kriegen, machen sie einen ohrenbetäubenden Krach. Und wer hat nicht manchmal Lust, sich in einem riesigen Affenkäfig aufzuhalten?

Um eins klarzustellen: Auf Loggerhead werden keine Produkte getestet oder so etwas. Die Forscher beschäftigen sich ausschließlich mit Tiermedizin und Verhaltensforschung. Sonst würde ich keinen Fuß auf die Insel setzen. Und Kit dazu überreden, sich einen neuen Job zu suchen.

Faszinierend, oder? Auf dem ganzen Kontinent gibt es nur wenige Orte wie diesen. Die Forscher kommen von überallher. Normalerweise braucht man Vitamin B oder eine Sondergenehmigung, um sich dort aufzuhalten.

Normalerweise. Wir kommen auch uneingeladen.

Vom Anleger betrat ich den schmalen Strand, der von hohen Klippen gesäumt wird. Seemöwen flatterten schreiend auf. Ich blickte mich um.

Loggerhead hat die Form eines Pinguins, dessen Kopf nach Nordwesten zeigt. In der Mitte geht der Pinguin ein wenig auseinander, was ihm ein gedrungenes Aussehen verleiht. Die Anlegestelle befindet sich auf der Südseite, am imaginären Hinterteil des Seevogels. Dort, wo ich in diesem Moment stand, engte der Küstenverlauf, der die Füße des Pinguins bildete, meine Sicht ein.

Zur Rechten erstreckte sich ein konisch geformter Schnabel vom südöstlichen Punkt der Insel aufs Meer hinaus. Tern Point. Zur Linken erhob sich ein dicht bewaldetes Plateau ungefähr sechs Meter über dem Meer. Die schmale Bucht, in der wir angelegt hatten, wölbte sich zwischen Tern Point und dem Plateau. Hier konnte die raue See weder dem Strand noch dem Anlegesteg etwas anhaben.

Kein Wunder, dass dieser abgeschiedene Ort bei Piraten so beliebt war. Notfalls konnte man hier glänzend sein Schiff verstecken. Ho ho ho!

Der Norden der Insel besteht aus Marschland, das in ein flaches, den Gezeiten unterworfenes Gebiet mündet. Die letzten knapp hundert Meter kann man nicht laufen, weil das Gebiet zu sumpfig ist. Nicht dass irgendjemand das tun wollte. Krokoland. Schnapp, schnapp.

Kopf und Fuß von Loggerhead sind also ziemlich unwirtlich, die Flanken der Insel dafür umso einladender. Nichts als weißer Sand. Der lange Streifen im Westen hat seiner Form den Namen Chile Beach zu verdanken. Alteingesessene nennen ihn Dead Cat. Wenn ihr nur einmal das Schnurren der Brandung zwischen den Sandbänken hören könntet, dann wüsstet ihr, warum. Aber das Ostufer toppt alles: Turtle Beach. Er ist kürzer und breiter, ein Paradies. Der schönste Strand auf der ganzen Welt.

Im Innern besteht die Insel aus dichtem, von kleinen Bächen durchzogenem Wald. Plus Affen.

Von unserer Anlegestelle aus zieht sich ein Pfad in nordöstliche Richtung über einen steilen Hügel hinweg, der das LIRI-Gebäude verdeckt.

Hi hatte ihn offenbar schon halb zurückgelegt.

»Bootfahren ist einfach nichts für ihn«, sagte Ben.

Stimmt. Hi wurde selbst auf der Fähre schlecht.

»Geben wir ihm noch einen Moment Zeit«, sagte ich.

»Der sucht halt einen geeigneten Ort zum Kotzen«, fügte Shelton unverblümt hinzu. »In seinen schwachen Momenten braucht ein Mann ein bisschen Privatsphäre.«

Niemand widersprach. Wir alle hatten schon His große Kotzshow erlebt. Und Wiederholungen enttäuschen ja meistens.

»Willst du wirklich die Hunde ausfindig machen?« Shelton zog an seinem Ohrläppchen, ein nervöser Tick. »Mit denen ist nicht zu spaßen, Tory. Letztes Mal hast du echt Glück gehabt.«

Stimmt eigentlich. Ich war leichtsinnig gewesen. Wilde Hunde sind unberechenbar und können zur tödlichen Gefahr werden. Vor allem Wolfshunde. Und ich hatte mich wirklich in Gefahr gebracht. Doch glaube ich nicht, dass Glück bei der Sache eine große Rolle gespielt hat.

Es ist eine Tatsache, dass ich mich in meinem ganzen Leben noch nie von einem Hund oder Wolf bedroht gefühlt habe. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich ihnen nahe. Als sprächen wir dieselbe Sprache. Ich kann es nicht erklären.

Das Rudel machte mir keine Angst. Ich freute mich darauf, es zu sehen. Doch ich wusste, dass die anderen ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken hatten, ihm zu nahe zu kommen.

»Shelton hat recht«, sagte Ben. »Ob Hundeflüsterin oder nicht, du darfst nicht noch mal solch ein Risiko eingehen.« Er ließ einen flachen Stein über das Wasser hüpfen. »Ich dachte echt, du wärst nicht mehr zu retten. Ich konnte es kaum glauben.«

»Die ganze Szene war total unwirklich«, stimmte Shelton ihm zu.

Hier kommt die Story:

Vor ein paar Jahren entdeckte ein Student, der bis dahin für eine Forschungseinrichtung in Montana gearbeitet hatte, eine halb tote junge Wölfin, die sich nicht aus einer Schneewehe befreien konnte. Weil ihm keine andere Wahl blieb und entgegen alle Regeln schmuggelte er den Welpen mit zu seiner nächsten Forschungsstätte – Loggerhead Island. Aus irgendeinem Grund verlor er sein »Pflegekind« anschließend aus den Augen. Nach Beendigung seines Projekts verließ er die Insel, ohne das Jungtier wiedergefunden zu haben.

Im Lauf der Zeit wurde die Wölfin für das Forschungsteam von Loggerhead zu einer Art Haustier. Sie wurde Whisper genannt, bewegte sich auf leisen Sohlen, erschien lautlos zu ihren Mahlzeiten und verschwand danach ebenso unauffällig wieder im Wald.

Whisper wuchs heran und wurde geschlechtsreif. Stets wohlgenährt bewahrte sie ihr Zutrauen zu den Menschen und legte auch den Affen gegenüber kein aggressives Verhalten an den Tag. Obwohl eine offizielle Genehmigung nach wie vor fehlte, durfte Whisper sich weiterhin aufhalten, wo sie wollte, und konnte sich auf der Insel frei bewegen.

Etwa ein Jahr nach Whispers Ankunft betrat aus unbekannten Gründen ein Deutscher Schäferhund die Bühne. Niemand wusste, wie er nach Loggerhead gekommen war. Keine Partnerschaftsvermittlung wollte später die Verantwortung übernehmen.

Doch Miss Whisper fand offenbar Gefallen an dem jungen Kerl. Jedenfalls kam wenige Monate später das erste Wolfshundbaby zur Welt. Ein Jahr lang bildete die junge Familie ein Trio. Dann wurde der nächste Welpe geboren. Ich war die Erste, die das neue Familienmitglied bemerkte. Das war zwei Monate nach meiner eigenen Ankunft im November. Ich habe ihm sogar einen Namen gegeben.

Wie wir uns begegnet sind?

Meine Kumpel und ich vertrieben uns gerade die Zeit am Turtle Beach, als seltsame Geräusche aus dem Wald zu uns herüberdrangen. Neugierig geworden, bahnte ich mir meinen Weg durch das Unterholz und vermutete, dass es sich um Affen handelte, die irgendeinen Unfug anstellten. Doch stattdessen sah ich, wie drei Hunde jaulend ein Loch umkreisten. Ein leises Winseln stieg aus der Tiefe empor.

Ob sie mich nun gehört oder gewittert hatten, jedenfalls bewegte sich das Rudel plötzlich nicht mehr vom Fleck. Sechs Augen fixierten mich.

Ich blieb wie angewurzelt stehen, bewegte nicht einen Muskel.

Whisper starrte in meine Richtung, hob die Schnauze und schnüffelte in die Luft. Ein mächtiges Tier, die Anführerin des Rudels. Eine Vollblutwölfin. Die sich gestört fühlte. Durch mich.

Schluck.

Meine Schweißdrüsen leisteten ganze Arbeit.

Ein dumpfes Brummen drang aus der Tiefe ihrer Kehle. Whisper kam langsam auf mich zu, die Ohren aufgestellt, das Rückenfell gesträubt.

Jede vernünftige Person hätte den Rückzug angetreten. Doch was Hunde angeht, bin ich nicht zurechnungsfähig. Ich wusste genau, dass ein Wesen in diesem Erdloch meine Hilfe brauchte.

Behutsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, wollte Whisper zu verstehen geben, dass sie keine Angst zu haben brauchte.

Vertrau mir. Ich bedrohe dich nicht.

Whispers Augen waren so groß, dass ich das Weiße darin erkennen konnte. Ihre Lefzen verzogen sich und offenbarten leuchtende Schneidezähne. Das Brummen wurde zu einem Knurren.

Zweite Warnung.

»Schhh«, flüsterte ich. »Ich bin dein Freund.« Zentimeter um Zentimeter schob ich mich voran. »Nur ein kurzer Blick, ich will euch nichts Böses.«

Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich eine Bewegung wahr. Ich blickte verstohlen zur Seite.

Meine Freunde starrten mich aus sicherer Entfernung ungläubig an.

Ich achtete nicht auf sie, sondern wagte einen weiteren kleinen Schritt.

Whisper machte einen Satz nach vorn.

Ein drittes Knurren, aus voller Kehle. Diesmal fielen die anderen Hunde in das Knurren ein. Es war ein aggressives, furchteinflößendes Geräusch.

Ein Adrenalinstoß pulste durch meinen Körper.

Vielleicht war das doch keine so gute Idee.

Ich senkte meinen Blick und öffnete langsam die Hände. Bewegte mich nicht vom Fleck, versuchte Whisper eine Nachricht zukommen zu lassen. Ich wusste, dass meine Sicherheit am seidenen Faden hing.

Kein Geräusch. Keine Bewegung.

Blut pochte in meinen Ohren. Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Ich hielt mein Kinn gesenkt und hob meine Lider. Whispers Augen begegneten meinem Blick. Sie schien zu zögern, auf Wolfsart mit sich zurate zu gehen.

Dann, plötzlich, drehte sie ab und ging wieder zu ihrem Gefährten und ihrem Kind. Gemeinsam blickten sie zu dem Erdloch, dann zu mir.

Sie gaben mir die Erlaubnis. Dachte ich. Hoffte es.

Ich riskierte einen weiteren tastenden Schritt nach vorn. Die drei ließen mich nicht aus den Augen, blieben aber an ihrem Platz.

Schnell, Tory, solange du die Gelegenheit hast.

Ich schob mich vorwärts und warf einen Blick in das Erdloch. Es war ein ehemaliger Schacht, der vermutlich nur notdürftig abgedeckt gewesen war. Offenbar hatte das morsche Holz nachgegeben.

In gut drei Metern Tiefe gab ein kleines Fellbündel ein klägliches Kläffen von sich. Zwei eisblaue Augen blickten himmelwärts. Ein Wolfshundwelpe.

Als der Kleine mich sah, kam er auf die Beine und begann mit seinen kleinen Pfoten an den Erdwänden zu kratzen.

Ohne nachzudenken ließ ich mich auf den Bauch sinken, hielt mich an einer elastischen Kletterpflanze fest, ließ meine Beine ein Stück in die Tiefe gleiten und stemmte meine Füße gegen die Wände des Schachts. Während meine Hände sich um die Schlingpflanze krampften, seilte ich mich Stück für Stück ab.

Eins. Zwei.

Ein Schatten fiel über mich. Drei Tiergesichter hingen über der Öffnung und folgten mit Argusaugen jeder meiner Bewegungen.

Mit größter Behutsamkeit gewann ich an Tiefe.

Drei. Vier. Fünf.

Auf halber Strecke spürte ich plötzlich einen Halt unter meinen Füßen. Es waren mehrere, dicht aufeinander folgende Absätze, die ich als Treppenstufen benutzte. Ich überwand das letzte Stück, das mich von dem verängstigten Welpen trennte. Er bellte erregt, der Rettung nahe.

Ich hockte mich neben ihn und atmete tief durch. Mein neuer Freund kauerte auf einer Tonne mit der Aufschrift Cooper River Boiled Peanuts. Er kroch auf meinen Schoß. Leckte mein Gesicht. Wie wunderbar.

In diesem Moment taufte ich ihn auf den Namen Cooper.

Ein scharfes Bellen über mir. Whisper wurde ungeduldig.

Ich nahm meine Fracht behutsam auf den Arm und überschlug meine Möglichkeiten. Die Wände des Schachts waren so uneben, mit vorspringenden Steinen und Wurzeln, dass man leicht hätte hinaufklettern können.

Wäre da nicht ein Rudel wilder, ausgehungerter Tiere gewesen, das nur darauf wartete, mich in Stücke zu reißen.

Den Welpen in einer Armbeuge, stemmte ich mich mit dem anderen Arm nach oben, abwechselnd die Füße setzend. Stemmen. Ziehen. Treten. Stemmen. Ziehen. Treten.

Mein Passagier drückte sich an mich und gab ein lustiges kleines Bellen von sich.

»Find ich auch, Coop. Gleich haben wir’s geschafft.«

Meine Arme brannten, als ich die Oberfläche erreichte – und mich plötzlich Nase an Schnauze mit einem Wolf befand.

Whisper. Ihre Zähne nur Zentimeter von meiner Kehle entfernt.

Mit langsamen Bewegungen setzte ich Coop vorsichtig ab. Mama Wolf nahm ihn mit den Zähnen am Genick, hob ihn hoch und war im Nu im Unterholz verschwunden.

Zwei ebenso schnelle Bewegungen, und das Rudel war nicht mehr zu sehen.

Zitternd stemmte ich mich aus dem Schacht heraus und klopfte mir den Dreck von den Kleidern.

Ich grinste. Auftrag erledigt und lebend überstanden.