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Eines Morgens macht der Fischer Wassili in einer Bucht auf der ägäischen Insel Folegandros eine Entdeckung, die ihn veranlasst, seinen Bruder, den Athener Kriminalisten Kyon Theophanes, zu Hilfe zu rufen. Kyon reist auf der gleichen Fähre an wie Robert Keller und Karin Weber, die Schwägerin von Dr. Weller, dessen Yacht vor Folegandros ankert. Vor Jahren war Robert mit Dr. Wellers Frau Elvira liiert. Aus Angst vor den Furien, die ihn seither verfolgten, rührte der Schriftsteller lange nicht an seine Zeit mit Elvira. Diese Vögel der Dunkelheit weben bereits ihr unsichtbares Netz um das Leben der Menschen im Schatten von Elvira Weller, die verschwunden ist. Innerhalb von drei Tagen verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart zum schier unentwirrbaren Knoten. Nichts ist, wie es zu sein scheint. Dann gibt es auf der Yacht einen Todesfall. Um zur Wahrheit vorzudringen, muss Kyon ein beträchtliches Risiko eingehen. Dabei kommt ihm ein Sturm zu Hilfe, dessen Wüten an die Oberfläche spült, was lange im Verborgenen ruhte.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2022
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In den Tagen von König Arthus herrscht in Kurnewal König Marke, ein guter, ja edler König, den seine Untertanen wegen seiner Gerechtigkeit lieben. Als grausame Feinde in sein Land einfallen, kommt ihm aus Frankreich der gute König Riwalin von Lohnois mit seinem Heer zu Hilfe, und König Marke erringt einen großen Sieg. Aus Dankbarkeit und ewiges Unterpfand ihrer Freundschaft gibt König Marke seinem Verbündeten seine einzige Schwester Blanchefleur zur Frau. Die Hochzeit findet im Schloss Tintagel statt, wo die Königin, schön wie eine weiße Blume, ein Kind empfängt.
Als ein verräterischer Herzog König Riwalins Reich bedroht, kehrt der König mit seiner Frau nach Frankreich zurück, wo ihn der tyrannische Herzog in einen Hinterhalt lockt und ermordet. Als Blanchefleur davon erfährt, schenkt sie einem Sohn das Leben. In Trauer geboren, nennt sie das Kind Tristan, „Kind der Traurigkeit“. Danach stirbt sie.
Eines Tages locken norwegische Piraten das Kind Tristan auf ihr Schiff. Als ein schrecklicher Sturm ausbricht, setzen sie ihn in einem Boot aus, das an die Küsten Kurnewals treibt, wo König Marke Zuneigung zu Tristan fasst.
Als Ritter besiegt Tristan in Frankreich den Mörder seines Vaters. Danach bekämpft er in Kurnewal den Bruder der Königin von Irland, dessen vergiftetes Schwert ihm eine Wunde zufügt, die nur Isolde, die Tochter der Königin von Irland, heilen kann.
„Sie allein von allen Frauen der Welt vermochte ihn zu retten. Sie allein von allen Frauen wünschte inbrünstig seinen Tod.“
Bei seiner ersten Reise nach Irland setzen sie den verwundeten Tristan, allein und ohne sein Schwert, in ein Boot. Nur die Harfe, das Erbteil seiner Mutter, nimmt Tristan nach Irland mit, wo ihn Fischer finden und zu Isolde bringen, die eine große Heilerin ist.
Nachdem Isolde ihn heilt, kehrt Tristan zu seinem Onkel nach Kurnewal zurück, wo er sein altes Leben kriegerischer Wettspiele wieder aufnimmt.
Doch inzwischen murrt das Volk, weil an der Seite von König Marke keine Königin mehr herrscht. Als eines Tages durch ein offenes Fenster in Tintagel zwei Schwalben fliegen, aus deren Schnäbeln ein goldenes Haar fällt, erinnert sich Tristan an Isolde. Um seinem König Isolde mit den goldenen Haaren als Braut zuzuführen, segelt er ein zweites Mal nach Irland. Dort trinken Tristan und Isolde irrtümlich einen Trunk, den Isoldes Mutter, die Königin von Irland, für König Marke und Isolde zubereitete, und verfallen einander in leidenschaftlicher Liebe. Danach segelt Tristan mit Isolde nach Kurnewal zurück.
Bevor Tristan vom zauberischen Liebestrunk trank, war er nur ein Ritter, der gegenüber seinem König seine Pflicht erfüllte. Danach ist er taub für die Warnung der weisen Seherin Brangain: „Am Ende dieses Weges steht der Tod!“
Bevor Isolde den Liebestrunk trank, hasste sie Tristan als Meuchelmörder ihres Mutterbruders und Verräter ihres Stolzes. Danach ist sie Tristans Sklavin und er ihr Herr und Meister, dem sie, um ihrer einzigen Liebe zu frönen, überall hin folgen würde: Komme denn der Tod!
Am Tag der Hochzeit von Isolde und König Marke in Kurnewal übergibt Isolde Tristan als Zeichen ihrer Liebe einen grünen Jaspisring, den er ihr zusenden solle, wann immer er ihrer bedurfte. Sobald sie den Ring erblickte, würde keine Macht, kein königliches Verbot sie daran hindern zu tun, was er von ihr erbittet: „Sei es nun Klugheit oder Tollheit.“
Danach treffen sich die heimlich Liebenden im Garten hinter dem Königspalast, bevor ihre durch „das Gesetz Roms“ verbotene Leidenschaft entdeckt wird.
Vor dem Elend seiner verbotenen Liebe flieht Tristan über die Meere und durch die Lande. Er nährt seinen Kummer, als ob er das Leben selbst wäre, und weist alle Frauen zurück, bis er in der Bretagne Isoldes Schwester, Isolde der Weißhändigen, begegnet, und sie zur Frau nimmt.
Als in der Hochzeitsnacht der Jaspisring von seinem Finger fällt, verlässt Tristan noch in der gleichen Nacht die Bretagne. Verkleidet als Pilger, Bettler und Narr kehrt er nach Kurnewal zurück, wo es ihm gelingt, die Königin zu treffen und ihr den Ring zu zeigen.
Am dritten Tag gibt sich Isolde mit dem Goldhaar Tristan hin, der ihr verspricht, sie in das glückselige Land zu führen, aus dem niemand wiederkehrt.
Danach kehrt Tristan zu der ihm angetrauten Frau, Isolde der Weißhändigen, zurück.
Beide Isolden hatte Tristan in einer unheilvollen Stunde liebgewonnen. Und beiden Isolden brach er die Treue.
Als Tristan in der Bretagne bei einem Kampf schwer verletzt wird, zwingt ihn das tödliche Gift in seinen Adern zum letzten Mal nieder. Mit einem Boten sendet Tristan den Jaspisring zu Isolde nach Kurnewal. Als Zeichen ihrer nahenden Ankunft in der Bretagne solle ihr Schiff ein weißes Segel hissen. Weigerte sie sich zu kommen, solle das Segel schwarz sein.
Isolde bricht sofort auf und setzt auf ihrem Schiff die weißen Segel. Als Isolde die Weißhändige das Schiff nahen sieht, nimmt sie fürchterliche Rache an Tristan, der ihr die Erfüllung verwehrte. Sie sagt, die Segel seien schwarz, und Tristan stirbt.
Nach ihrer Ankunft fordert Isolde die Blonde von ihrer Schwester ihr höheres Recht an Tristan ein. An der Seite des toten Geliebten stirbt auch sie.
König Marke lässt seine Königin und seinen Neffen nach Kurnewal heimholen und zur rechten und linken Seite eines Altares bestatten. Jahrhundertelang, bis er verdorrte, wuchs aus Tristans Grab ein Brombeerstrauch in Isoldes Ruhestätte hinüber, der vereinte, was Menschenwerk trennte.
Ein neuer Tag begann. Zuerst war es nur die Ahnung von Licht. Dann ein Flimmern, und schließlich ein Strahlen. Majestätisch stieg die blutrote Sonnenscheibe aus dem ägäischen Meer und verwandelte es in wogende Bronze.
Wie an jedem Morgen, wenn er die Netze einholte, hielt Wassili, der Fischer, im Angesicht der Wiedergeburt des Lichts kurz inne und nahm seine Kappe ab. Sein Boot, die Irene, lag nordöstlich von Folegandros, einer kleinen Insel in der südlichen Ägäis. Er war ein gedrungener Mann, Mitte sechzig, mit noch dichtem grauen Haar und Augen so durchscheinend hell wie die See an einem Morgen wie diesem.
Wassili spuckte ins Wasser und setzte die Kappe wieder auf. Kein Wind! Der Tag versprach wiederum heiß zu werden.
Er warf den Motor an und lenkte die Irene die Küste entlang auf die eine lange Felsnadel zu, hinter der sich die Einfahrt in den kleinen Hafenort Karavostasis verbarg.
Die Irene war ein gutes Boot, wie die Frau, deren Namen es trug, ihm eine gute Frau gewesen war. Vier Söhne hatte sie geboren, von denen zwei früh gestorben waren. Die überlebenden Söhne waren zu kräftigen Männern herangewachsen. Sie fuhren zur See und besuchten ihren verwitweten Vater nur selten. Aber sie sandten Geld, so oft sie konnten, denn die nächtliche Mühe lohnte sich kaum noch.
Wassili lächelte in sich hinein, als er an seinen Cousin Yannis dachte, dessen Taverne in Karavostasis er täglich mit frischem Fisch versorgte. Ob er einen guten Fang heimbrachte oder einen schlechten, egal, sein Vetter verdrehte die Augen, warf die Arme hoch und brüllte. Niemand nahm sein Geschrei ernst, schon gar nicht Maria, Yannis‘ Frau, deren Zunge so scharf war wie ein gut geschliffenes Messer. Jeder Mann hat die Frau, die er verdient, besagte ein altes Sprichwort. Yannis verdiente Maria. Ob aber Maria Yannis verdiente, war eine andere Frage.
Der Fischer kannte jeden Felsvorsprung und jede Krümmung der steil abfallenden und nach außen hin abweisend wirkenden Küste. Er umfuhr eine Untiefe und kehrte in Küstennähe zurück.
Eine kleine, von mächtigen Klippen überragte Bucht tat sich auf.
Keine Bäume säumten das halbmondförmige Rund. Nur ein einzelner, verkrüppelter Baum trotzte den Gezeiten. Hier spuckte das Meer oft Treibgut an Land. Aber die letzten Wochen waren ungewöhnlich windstill gewesen.
Wassili kniff die Augen zusammen. Unter dem Baum lag etwas, das gestern noch nicht da gewesen war.
Er drosselte den Motor, lenkte die Irene in seichtes Wasser, warf den Anker, und watete an Land.
Athen brütete bereits unter der Hitze eines Augusttages. Die antike Handelsstadt verdankte ihren Namen der Lieblingstochter von Zeus, die angetan mit Helm und Brustpanzer dem väterlichen Haupt entsprang. An die Muttergöttin der Ägäis, die mit verbundenen Augen Recht sprach, weil sich ihr Blick nach innen richtete, erinnerten nur noch ihre Symbole, Waage und Eule.
In der Hafenstadt Piräus ergoss sich ein nicht enden wollender Menschenstrom aus Bussen, Autos und Taxis über die Anlegestellen der Fährschiffe. Die Luft war dick vom Smog, der Lärm ohrenbetäubend.
„Erste oder zweite Klasse?“, fragte ein Beamter den vor ihm stehenden Mann, während er dessen Reservierung kontrollierte.
„Erste Klasse“, antwortete Robert Keller.
In dem kleinen Büro der Schiffsagentur war es stickig heiß. Während der schwitzende Beamte ihm sein Ticket überreichte, streifte Roberts Blick den wie ein riesiges, totes Insekt an der Decke klebenden Ventilator. „Kaputt“, seufzte der Beamte, und Robert nickte mitfühlend.
Erleichtert trat er auf die Straße. Zwar zeigte sich die Hafenstadt von ihrer hässlichsten Seite, aber jenseits des Lärms und Gestanks wusste Robert um das offene Meer und die ägäischen Inseln.
Der Blick einer Blondine streifte den hoch gewachsenen Mann mit der hohen Stirn und dem braunen Haarschopf. Er trug ein hellblaues Polohemd mit kurzen Ärmeln, sandfarbene Jeans und bequeme Sandalen. Arme, Hände, Gesicht und Nacken waren braungebrannt, die Finger lang und feingliedrig. Eine schmale Nase deutete Sensibilität an, der das markante Kinn zu widersprechen schien. Der weiche Mund signalisierte Sinnlichkeit, aber die graublauen Augen forderten Distanz.
Der Österreicher war Schriftsteller. Seit sein drittes Buch erschienen war, feierten ihn Kritiker, die seine früheren Werke ignoriert hatten, als den Science-Fiction-Autor im deutschsprachigen Raum. Liebe und Tod, die beiden großen Leitmotive der westlichen Literatur, zeitkritisch auf den Punkt gebracht!
Derart plakativ bejubelte die Presse seinen Roman „Phönix Dreitausend“, der ihn in die Bestsellerlisten katapultiert hatte. Die blonde Frau riskierte einen zweiten Blick. Um die vierzig, schätzte sie, während sie überlegte, ob das ein Mann war, der sie anzog oder abstieß.
Wäre Robert sich der Fragestellung bewusst gewesen, hätte er sich vermutlich selbst eine Frage gestellt: War er, was sein Verhältnis zu Frauen betraf, zum Zyniker geworden? Aber als er das Fallreep zur Canaris hochstieg, kreisten seine Gedanken um den Medienrummel des letzten Jahres. Um ihm zu entkommen, hatte er die Einladung seines Freundes Peter zu einer Kreuzfahrt durch die Ägäis angenommen.
Sein Freund sammelte Prominente wie andere Briefmarken. Aber er war lange Zeit alles andere als prominent gewesen. Ihre Freundschaft reichte bis in die Schulzeit zurück.
Aus einem nicht ersichtlichen Grund stockte der vielsprachige Menschenstrom vor ihm und die Nachkommenden drängten gegen ihn. Etwas bohrte sich ihm in den Rücken, und als Robert sich umdrehte, sah er in die Augen einer Frau, die ihn entschuldigend anlächelte.
Das frische Gesicht der jungen Frau gefiel Robert. Sie hielt einen Seesack an sich gepresst, aus dem ein langes, verpacktes, spitzes Ding herausragte. „Angelrute?“, fragte er gutmütig, und die junge Frau nickte. Da setzten sich die Menschen vor ihm wieder in Bewegung, und als Robert am Oberdeck ankam und sich nach der jungen Frau umsah, war sie im Gewühl verschwunden.
Er fand seine Kabine und wollte sich erfrischen, aber aus dem Hahn des Wasserbeckens kam nichts als warme Luft. Als er versuchte, das Bullauge zu öffnen, klemmte es. „Kaputt!“, dachte Robert amüsiert und verließ fluchtartig die Kabine.
Auf den Decks lagerten Jugendliche mit bunten Rucksäcken. Dazwischen hockten Einheimische auf Holzbänken, Männer mit mürrischen oder ergebenen Gesichtern, und Frauen, die, ohne ihre zumeist zahlreichen Gepäckstücke aus den Augen zu lassen, ihre Kinder überwachten.
Ein Beben durchlief den Schiffskörper, die Gangway wurde hochgezogen, Hafenarbeiter lösten die Trossen von den Pollern und die Canaris legte ab.
Robert war an Deck geblieben. Als sie sich der Wallfahrtsinsel Tinos näherten, wo die ersten Passagiere von Bord gehen würden, beobachtete er eine einzelne Möwe, die wie ein Silberpfeil niederschoss, zuschnappte, und sich dann, die Beute im Schnabel, träge auf den Wellen treiben ließ.
„Jäger und Opfer“, dachte Robert. Aber die Rollen in diesem uralten Drama waren nicht immer so eindeutig.
Hatte er nicht lange Zeit geglaubt, sein Leid sei einzigartig auf der Welt und unterscheide sich vom Leid aller anderen? Fühlte er sich nicht wie die meisten seiner Mitmenschen erhaben über die Kräfte, die ihn, ohne dass er es sich eingestand, schwach und abhängig machten? War nicht auch er wie eine seiner frühen Bühnengestalten dem Trugschluss erlegen zu glauben, er könne seine Begierde besiegen, obwohl der vergiftete Stachel nach wie vor in ihm steckte?
Morgen Vormittag würden sie auf der Insel sein, vor der die Yacht seines Freundes ankerte. Peter sammelte Prominente als Freunde. Er hingegen hatte Vulven gesammelt. Die Frauen selbst interessierten ihn nicht. Als er sich eines Tages, seiner selbst überdrüssig, gefragt hatte, weshalb die Frauen so bereitwillig mitspielten, war er zu dem überraschenden Schluss gelangt, dass sie ihn gewähren ließen, weil er besessen war.
Damals begann er zu ahnen, dass sich unter der nur hauchdünnen Zivilisationsschicht ein uraltes Wissen um die Magie der Vulva verbarg, in die der Mann zurückkehren möchte, um rein und unschuldig wiedergeboren zu werden. Diese Erkenntnis hatte ihn dermaßen aufgewühlt, dass seine Gier in Enthaltsamkeit umgeschlagen war.
Aber das war vor Elvira gewesen, die wie ein Wirbelsturm in sein Leben einbrach. Denn in seinem Leben gab es eine Zeit vor Elvira und eine Zeit nach Elvira. Die Zeit mit Elvira gehörte einer Art Zwischenreich an, an das er lange nicht gerührt hatte. Mit einer Ausnahme, überlegte Robert, nicht ohne Schuldbewusstsein. Denn inzwischen war Elvira mit seinem Freund Peter verheiratet, weshalb er lange gezögert hatte, die Einladung auf dessen Yacht anzunehmen.
Sie hatten sich in einer Weinstube in der Wiener Innenstadt kennengelernt, in der an diesem Abend eine trunkene Hochzeitsgesellschaft die Vermählung eines pickligen Jünglings mit einer drallen Blondine feierte. In zwei Monaten sollte sein erstes Bühnenstück uraufgeführt werden. Zwei Stunden lang hatte er sich bemüht, dem Regisseur, einem jungen Intellektuellen mit Hornbrille, zu erklären, sein Hauptdarsteller Hans sei Inge zwar körperlich verfallen, aber sein Geist versuchte, sich aus dieser sexuellen Abhängigkeit zu befreien. Da sein Körper ihm diese Befreiung unmöglich machte, war dessen Zerstörung unvermeidlich. „Frauenfeindlich“ sei das nicht, hatte er sich gewehrt, vielmehr zeige es auf, dass nicht nur Hans ein Opfer seiner Zeit und Gesellschaft war, sondern auch Inge, deren einzige Chance, jemand zu sein, darin bestand, ihren Körper als Waffe einzusetzen.
Mit Schaudern dachte Robert an die Schauspielerin, die ihm als Inge präsentiert worden war. Sie sah gut aus, aber niemand würde nachvollziehen können, weshalb ihr ein junger Gelehrter bis zur Selbstaufgabe verfiel. Schließlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass ihm der Regisseur eine andere Schauspielerin vorstellen würde. Auf diese „neue Inge“ wartete er, während ihn alte Sorgen quälten.
Sein Bankkonto war beträchtlich überzogen und der Winter stand vor der Tür. In den Schubladen der Rundfunkanstalt vermoderten seine Hörspiele, keine seiner Erzählungen war gedruckt worden, und mit der Arbeit an seinem Roman kam er auch nicht weiter. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit der Hornbrille zu arrangieren. „Junge, du bist bald dreißig“, vermeinte er die Stimme seines Vaters hören zu können. „Höchste Zeit, dass du etwas Vernünftiges machst. Von der Schreiberei kannst du ja doch nicht leben.“
Tagaus und tagein, ein kostbares Leben lang, hinter einem Schreibtisch zu hocken und wie sein Vater auf die Pensionierung zu warten, während das Leben vorüberging und seine Kreativität verpuffte … Nein danke! Das war nichts für ihn. Darüber grübelte Robert nach, als neben ihm eine Frau fragend seinen Namen aussprach.
Ihr Name war Elvira Helm. Schon ihr leuchtend rotes Haar war außergewöhnlich. Dazu die grünen Augen und die ebenmäßigen Züge mit dem vollendet modellierten Näschen, muschelförmigen Ohren und den vollen, etwas aufgeworfenen Lippen. Wie ihm schien, lächelte sie ihm nicht ohne Ironie zu. Das Gegenteil einer Medusa, dachte er, und kam sich wie ein Idiot vor; denn sollte das grässliche Schlangenhaupt auf dem Schild Athenes nicht den Mann davor warnen, ihr Mysterium auf seine Ebene triebhaften Begehrens herabzuziehen?
Als er seine Stimme wiederfand, lud er sie zum Essen ein. Sie wollte nur ein Glas Rotwein, und er bestellte einen halben Liter Blaufränkischen.
Sie war Schauspielschülerin, erfuhr er, im letzten Jahr ihrer Ausbildung. Ob das etwas ausmache, fragte sie.
„Ob es etwas ausmacht?“ Er rief es zu enthusiastisch und zu laut, und einer der Hochzeitsgäste zwinkerte ihm kumpelhaft zu.
Elvira entstammte einer gutbürgerlichen Familie. Ihr Vater war Steuerberater, die Mutter Hausfrau. Zuerst waren die Eltern gegen den Wunsch der Tochter gewesen, Schauspielerin zu werden. Aber sie hatte sich durchgesetzt.
Sie erwähnte eine um zwei Jahre jüngere Schwester, die sie gern zu haben schien. Auch die Schwester wollte keinen bürgerlichen Beruf ausüben, sondern Bildende Künstlerin werden.
Man schrieb das Jahr 1982. Die Jugend hatte gegen den Vietnamkrieg revoltiert und den Gewehren der Väter Blumen entgegengehalten. Friedensbewegung und sexuelle Revolution waren noch gegenwärtig und die kulturelle Aufbruchsstimmung der Siebzigerjahre noch nicht abgeflaut.
Da der Lärm der Hochzeitsgesellschaft eine Unterhaltung unmöglich machte, schlug Robert einen Spaziergang vor, und sie war einverstanden.
Es war ein kühler Herbstabend. Totes Blattwerk fegte durch die vom Nebel verhangenen Gassen der Wiener Innenstadt. Elvira fror unter ihrer dünnen Jacke, und er legte ihr sein Sakko über die Schultern. Da er in der Nähe wohnte, lud er sie zu sich nach Hause ein, und wieder stimmte sie zu.
Als sie den Stephansplatz überquerten, sah sie zum Dom hoch. „Ich mag Kirchen nicht“, sagte sie, „sie machen mir Angst.“
Ob er gläubig sei, erkundigte sie sich, und er dachte darüber nach. „Nicht im herkömmlichen Sinn“, antwortete er dann. Aber ja, er glaube an Etwas, an eine Art höhere Ordnung.
„Ich war einmal fromm“, sagte Elvira, wobei in ihrer Stimme etwas schwang, das ihn veranlasste, sie aufmerksam anzusehen. Aber da lachte sie schon, ergriff seine Hand, ließ sie wieder los, forderte ihn zum Laufen auf, und weg war sie.
„Alle Achtung“, keuchte er, als er sie einholte. „Sie sind gut in Form.“
„In jeder Beziehung“, rief sie. Ihr Haar wehte im Wind, die Wangen waren von der kalten Luft gerötet und der Busen wogte. „Woher wollen Sie wissen, dass ich gut bin?“, rief sie.
Sie überquerten gerade den Donaukanal. Ohne seine Antwort abzuwarten, beugte sie sich über das Brückengeländer, starrte in das träge dahinfließende Wasser, und sagte nachdenklich: „Ich würde mich nie selbst töten. Aber ich könnte töten. Ich bin rachsüchtig, und ich kann gemein sein und boshaft.“
Sie richtete sich auf, hob das Gesicht dem Wind entgegen, und rief: „Fang mich! Ich bin die Windsbraut!“ Und wieder war sie davon gefegt.
„Was für ein Wechselbad der Gefühle“, dachte Robert, dessen Herz nicht nur vom Laufen klopfte. Zum ersten Mal, seit er beschlossen hatte, enthaltsam zu leben, begehrte er wieder eine Frau.
In seinem winzigen Dachapartment in der Taborstraße stöberte er nach Trinkbarem. Er fand eine noch zu einem Viertel volle Flasche Cognac und spülte in der Kochnische die Gläser aus. Währenddessen hockte Elvira mit verschränkten Beinen auf dem Boden und kraulte Felix, seinen Kater.
„Ich mag Katzen“, sagte sie und legte den Kopf an das seidige Fell. „Sie sind wie ich.“ Dann sprang sie auf, lief zu seinem Schreibtisch und musterte das Chaos aus Büchern, von beschriebenen und unbeschriebenen Seiten. „Es muss schön sein, schreiben zu können“, überlegte sie laut. „Man kann Schicksal spielen und Menschen leben und sterben lassen, wie man will. Ein wenig ist das, als wäre man Gott.“
Robert, dem dieser Gedanke nie gekommen war, stimmte ihr zu. Er gab ihr das gefüllte Glas und erkundigte sich, ob sie Musik hören wollte. Sie verneinte und hob das Glas an die Lippen. Aber bevor sie trank, legte sie den Kopf in den Nacken, sah ihn an und fragte: „Was würde Hans jetzt tun?“
„Trinken“, antwortete Robert lächelnd.
„Und dann?“
„Dann“, sagte er und stellte das Glas beiseite, „dann würde er auf sie zugehen.“
Er tat es.
„Er würde seinen Arm um Inges Taille legen. In etwa so, und nach der Wärme unter ihrem Pullover suchen.“
Ihre Haut fühlte sich warm und glatt an. Sie kicherte und gab zu bedenken, dass sein Hans schüchtern sei.
„Aber ich bin nicht Hans“, murmelte er.
Wieder legte sie den Kopf zurück und sah zu ihm hoch, mit einem Ausdruck in den grünen Augen, den Robert weder deuten konnte noch wollte. Er öffnete den Verschluss des Büstenhalters, befreite die Brüste und liebkoste die sich aufrichtenden Knospen. Aber als er sich zu ihr hinab beugte, um sie zu küssen, machte sie sich frei und lief ans andere Ende des Zimmers.
„Lass mir Zeit“, schienen ihre Augen zu flehen. Dann fragte sie: „Muss ich mich ausziehen?“
„Als Inge?“
Sie nickte. Bevor er antworten konnte, erkundigte sie sich nach dem Badezimmer und verschwand.
Während nebenan das Wasser rauschte, schenkte sich Robert ein zweites Glas Cognac ein und prostete Felix zu, der seinen eigenen Träumen nachhing.
Als Elvira zurückkehrte, trug sie seinen Bademantel, der ihr viel zu groß war. Sie hob die Schultern und ein Brustansatz tauchte auf, ein zweiter, die Rundung der einen, dann der anderen Brust, gefolgt vom weichen Schwung der Hüfte, dem flachen Bauch und dem Ansatz der Schenkel. Als der Stoff zu Boden sank, entstieg sie ihm leichtfüßig wie Venus der Muschel.
„Zufrieden?“, fragte sie.
Ihr Atem vermischte sich zum ersten langen Kuss. Es fiel Robert nicht leicht, sich von ihr zu lösen. Er wusch sich in Windeseile, aber als er in das Zimmer zurückkehrte, fand er nur Felix vor. Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem stand: „Bekomme ich die Rolle?“
Elvira war keine gottbegnadete Schauspielerin, aber für die Rolle der Inge war sie wie geschaffen. Erst viel später erkannte Robert: Sie spielte Inge nicht. Sie war Inge.
Am Abend der Premiere lief er, zu nervös, um im Theater anwesend zu sein, durch die Straßen. Der kalte Nordwestwind schmeckte bereits nach Schnee. Auch sonst hatte sich einiges verändert. Mit seinem Roman ging es gut voran, zwei seiner Erzählungen sollten gedruckt werden, in seinen Taschen knisterte Geld, und in der Wohnung glühte der kleine Ofen.
Weihnachten stand vor der Tür. Wie immer erwartete ihn seine Familie zu den Feiertagen. Aber Robert hatte keine Lust, die Eltern zu sehen, die Mutter, müde und abgearbeitet, den Vater, gekrümmt und verbittert. Er beschloss, sie anzurufen oder ihnen zu schreiben.
Es gab so vieles, worüber er nachdenken musste. Obwohl er begann, Erfolg zu haben, war er sich bewusst, nur einer von Unzähligen in der Masse mehr oder weniger begabter Schreiber zu sein. Kritisch zu sein war plötzlich in, und er hasste es, in zu sein. Er wollte ein großes Leserpublikum erreichen, ohne auf Qualität verzichten zu müssen. Den Weg dahin musste er erst noch finden. Und dann war da auch Elvira.
Er begehrte sie, wie er noch nie eine Frau begehrt hatte. Aber er hatte seine Lektion gelernt. Gemeinsam hatten sie sich eine Frist gesetzt, den Tag der Premiere.
Die Aufführung wurde kein sensationeller Erfolg, aber auch kein Flop. Die Kritik bescheinigte dem Autor Talent, dem Regisseur Mut, und der Hauptdarstellerin jede Menge Sex-Appeal. Das Premierenpublikum urteilte weniger diffizil. Es war hingerissen. Nach dem zehnten Vorhang ging das Ensemble erschöpft, aber zufrieden zur Premierenfeier.
Elviras Lächeln flog ihm über die Männertraube zu, die sie ständig umgab. Der schwarze Seidenanzug klebte an ihrem Leib und Augen und Gesten spiegelten die Erregung über ihren Erfolg wider. Gegen zwei Uhr morgens hob er fragend die Augenbrauen und Elvira nickte.
Zwanzig Minuten später zog er ihr das schwarze Gespinst vom Körper. Nachdem sich seine lange Enthaltsamkeit in einer ersten, heftigen Umarmung entladen hatte, führte er sie zum Höhepunkt. Elvira wurde süchtig nach seinen Liebkosungen, und er wurde süchtig nach ihr.
Ein Jahr lang fühlte er sich wie im siebten Himmel. Dann stürzte er in die tiefsten Abgründe der Hölle.
Blicklos, in sich versunken, war Robert taub für die Schönheit des sterbenden Tages.
Im zweiten Jahr ihrer Beziehung hatte Elvira begonnen, ihn scheinbar wahllos zu betrügen. Nachdem Elvira ihm eines Tages die Namen aller Männer entgegen schleuderte, mit denen sie ihn betrogen hatte, zog er, der vielen Auseinandersetzung müde, den Schlussstrich. Er übersiedelte von der Stadt aufs Land, vergrub seine Sehnsucht und sein Begehren zwischen Büchern, die er verschlang, zerschlug es beim Holzhacken, oder erschöpfte sich bei ausgedehnten Wanderungen durch die Wälder. Schließlich lernte er die Einsamkeit, die er sich selbst auferlegt hatte, zu lieben. Und er stürzte sich in die Arbeit an seinem Roman.
Eines Tages musste er in die Stadt, um seinen Verleger zu treffen. Er rief Peter an. Seit dessen Hochzeit waren zwei Jahre vergangen, und als ihn der Freund spontan zu einem Abendessen einlud, sagte er zu.
In der Villa, die Peter mit seiner Mutter bewohnt hatte, war die altdeutsche Düsterheit modernen Möbeln gewichen, vor deren schlichter, aber erlesener Eleganz Peter in seinem Anzug im Landjunkerstil wie der berühmte Elefant im Porzellanladen wirkte.
Als Elvira ihn zur Begrüßung auf die Wange küsste, konnte Robert nicht umhin, sich einzugestehen, dass sie noch schöner geworden war, als er sie in Erinnerung hatte. Während sie sich wie eine perfekte Gastgeberin verhielt, begann er, sich zu entspannen. Aber als Elvira ihm unaufgefordert einen Drink brachte, zwei Finger hoch Bourbon, zwei Eiswürfel, eine Zitronenscheibe, und ihm zuflüsterte, nichts vergessen zu haben, wusste Robert, er hätte die Einladung nicht annehmen dürfen.
Nachdem sich Elvira zurückgezogen hatte, forderte Peter ihn zu einer Partie Schach auf. Er war unkonzentriert und verlor. Mittlerweile regnete es in Strömen, und als Peter ihm anbot, in einem der Gästezimmer zu übernachten, nahm er auch diese Einladung an. Denn er war neugierig geworden.
Wie viele Akte würde dieses Drama haben? Würde es eine Komödie sein, oder eine Tragödie? Akt eins kannte er schon: Das glücklich verheiratete Paar im trauten Heim. Akt zwei: Elvira würde zu ihm kommen. Und so war es auch.
Heute wusste Robert, dass Elvira nicht zu einem Teil seiner selbst geworden war, weil er sie dazu gemacht hatte, sondern weil sie von Anfang an ein Teil von ihm war. Da seine Liebe nicht ihr galt, sondern dem perfekten Gegensatz seines männlichen Ich, hatte er im Grunde genommen eine Frau geliebt, die nur in seiner Fantasie existierte.
An Deck war Ruhe eingekehrt. Das bleifarbene Meer begann, mit dem Himmel zu verschmelzen. Jemand streichelte leise die Saiten einer Gitarre und irgendwo perlte ein Mädchenlachen über Bord.
„Schön“, sagte jemand leise neben ihm.
Robert, der sich wie bei einem verbotenen Gedankengang ertappt fühlte, was ihn weniger überraschte als amüsierte, sah in die Augen der jungen Frau von der Gangway.
Er dachte an das spitze Ding in ihrem Seesack und erkundigte sich, ob sie zum Angeln nach Griechenland gekommen sei, was sie lachend verneinte. Die Angel, erfuhr Robert, gehörte ihrem Schwager, der sehr vergesslich sei. Dann reichte sie ihm die Hand und stellte sich ihm als Karin Weber vor.
„Und Sie sind Robert Keller“, sagte sie lachend, bevor sie erklärte, das Konterfei eines gewissen Schriftstellers so häufig in den Medien gesehen zu haben, dass es unmöglich sei, ihn auf dem einzigen Fährschiff zu übersehen, das in dieser Woche Folegandros von Piräus aus anlief.
„Damit ist die Mannschaft der Kalypso wohl komplett“, fügte sie hinzu.
Kalypso war der Name von Peters Yacht, auf der sich bereits ein Geschäftsfreund und dessen Frau befanden. Neben diesem Ehepaar hatte Peter auch seine Schwägerin eingeladen.
Während er den angenehm festen Händedruck der jungen Frau erwiderte, musterte Robert, wie er hoffte, unauffällig Elviras Schwester. Sie war jünger, Mitte zwanzig, schätzte er, und etwas größer und schlanker als Elvira. Braunes, stark gekräuseltes Haar, die kleine Nase und eine glatte Haut verliehen ihr jenen mädchenhaften Reiz, der ihm schon auf der Gangway aufgefallen war.
Legte man als Maßstab Elviras außergewöhnliche Erscheinung an, war ihre Schwester nicht schön. Dazu waren ihre Züge zu unregelmäßig und der Mund eine Spur zu groß. Aber dieses Manko, falls es denn eines war, machte ihre offensichtliche Bereitschaft, gerne und viel zu lachen, mehr als wett.
„Klar wie Bernstein“, dachte Robert, als er in Karins Augen sah. Es war ihr erster Urlaub in Griechenland, erfuhr er, bevor sie fragte, ob er die Insel kannte, auf der Peter sie erwartete.
Robert hatte diesen winzigen Landsplitter in der Ägäis während seiner rastlosen Wanderjahre entdeckt. Damals galt die schroffe, nach außen abweisende Insel, noch als Geheimtipp, was Folegandros, wie Robert laut überlegte, vielleicht immer noch war. Zwar konnte die Insel mit zahlreichen kleinen, zauberhaften Buchten punkten, aber die musste man sich erobern, entweder zu Fuß, auf einem Esel, oder mit einem Boot.
Bei seinem ersten Aufenthalt hatte er sich bei Fischern im Hafenort Karavostasis eingemietet. Kannte man einige Brocken Griechisch, wurde man noch nicht als Tourist behandelt, sondern wie ein gerne gesehener Gast. Die Insel war noch nicht elektrifiziert, jedoch gab es in einem Lokal im mittelalterlichen Zentrum des Hauptortes bereits einen riesigen Fernsehapparat. Der stand mit der Bildseite zum leeren Lokal im offenen Fenster. Davor hockten Einheimische auf Stühlen und ignorierten das in ihrem Rücken in voller Lautstärke brüllende Ungetüm.
Als er zwei Jahre später nochmals auf die Insel kam, gab es bereits Strom. In Karavostasis konnte man ein Auto mieten und über eine neu gebaute Straße in den Hauptort fahren, wo gerade das erste Hotel gebaut wurde. Vor dem Lokal im Zentrum saßen nach wie vor Einheimische mit dem Rücken zum offenstehenden Fenster, aber der Fernseher war ins Lokalinnere verbannt worden.
Schmunzelnd fügte Robert hinzu: „Nur an der Lautstärke hatte sich nichts geändert.“
Sie schwiegen eine Weile. Dann erzählte Karin von den Segelstunden, zu denen Peter sie verdonnert hatte. Bei der Erinnerung an ihren peniblen, in praktischen Dingen jedoch hilflosen Schwager, tanzten in Karins Augen Goldpünktchen, und Robert ertappte sich bei dem Gedanken, dass es süß sein müsste, mit ihr zu schlafen.
Auf Folegandros saß Sven Amundsen in Blickweite von Karavostasis am Strand und malte mit den Zehen Kreise in den Sand. Er langweilte sich. Seine Freundin war in der Chora, um Brot, Käse und Wein zu besorgen. Morgen früh würde mit der Canaris frisches Obst und Gemüse auf die Insel gelangen, auf der außer Oliven und Feigen nicht viel gedieh. Sogar das Trinkwasser musste einmal wöchentlich mit dem Fährschiff herangeschafft werden.
Blaue Augen und von der Sonne strohblond gebleichtes Haar, dessen Schulterlänge er durch Gummiringe bändigte, ließen den braun gebrannten jungen Schweden attraktiver aussehen, als er war. Schon als Junge hatte Sven davon geträumt, wie die Vögel südwärts zu ziehen. Nach seinem Schulabschluss weigerte er sich, Forstwirtschaft zu studieren und im väterlichen Holzbetrieb zu arbeiten. Weder der Reichtum seines Vaters noch die Liebe der Mutter, die ihr einziges Kind vergötterte, konnten verhindern, dass er sich eines Tages spontan einer durch Europa trampenden Artistentruppe anschloss, um mit ihr südwärts zu ziehen.
Anfangs nahm Sven die Geldüberweisungen seines Vaters an, der hoffte, den Sohn durch Großzügigkeit nach Hause zu locken. Erst nachdem er sich in der Türkei von der Truppe getrennt hatte, wies er das väterliche Geld zurück und schlug sich stattdessen mit Gelegenheitsarbeiten durch.
