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Kara Gillian ist keine gewöhnliche Kommissarin. Sie besitzt die Fähigkeit, in die Welt des Übersinnlichen zu blicken und Dämonen zu beschwören. Und bei ihrem neuesten Fall kann sie die Hilfe des attraktiven Dämon Rhyzkahl gut gebrauchen. Kara hat erstaunliche Parallelen zwischen zwei Mordfällen entdeckt. Die Opfer wurden nicht einfach nur ermordet, sondern ihrer Seelen beraubt. Der Täter scheint übernatürliche Kräfte zu besitzen und zur Oberschicht der Stadt Beaulac, Louisiana, zu gehören. Als weitere Leichen gefunden werden, muss Kara feststellen, dass sie über die Welt der Dämonen noch einiges zu lernen hat ...
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Seitenzahl: 534
Veröffentlichungsjahr: 2011
Titel
Widmung
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Danksagung
Impressum
Diana Rowland
Roman
Ins Deutsche übertragen von Karina Schwarz
Für Mom,weil sie die Kunst unterstützt
1
Der Dämon war kaum mehr als ein Hauch von Nebel mit Zähnen und für das normale Auge so gut wie nicht sichtbar. Er wand sich in wellenförmigen Bewegungen auf dem Rücksitz meines Taurus, während ich durch die Nacht fuhr und meine Reifen gleichmäßig über den Asphalt summten. Der fast volle Mond tauchte die Umgebung in schattiges Silber, und selbst der verlassene Highway, der durch stinkendes Sumpfgebiet führte, wirkte in diesem Licht geradezu schön. Auf jenem Abschnitt der Straße begegneten mir überhaupt keine anderen Scheinwerfer, aber das überraschte mich nicht, da es hier draußen weder Häuser noch Geschäfte gab – weit und breit war nur Sumpf, lediglich unterbrochen von der einen oder anderen trockenen Insel, die so tat, als wäre sie ein Wald.
Ich konnte hören, wie der Dämon leise, hungrige Laute von sich gab, und ich brachte ihn zum Schweigen, indem ich die arkanischen Fesseln etwas fester zog. Er würde früh genug etwas zu fressen bekommen, aber zuerst musste er die Aufgabe erledigen, auf die wir uns geeinigt hatten. Ich hatte schon oft mit dieser Art Dämon zu tun gehabt und wusste, dass sie weitaus weniger eifrig waren, wenn sie erst mal gefressen hatten – dann rollten sie sich lieber satt und zufrieden zusammen.
Ich fuhr weiter, bis ich bei dem Dämon eine Veränderung spürte – eine plötzliche Anspannung, als spitzte er seine nicht existierenden Ohren. Ich fuhr an den Straßenrand, dann ging ich auf die andere Seite des Wagens und öffnete die hintere Tür. Irgendwie war es ein absurdes Gefühl, auf dem Rücksitz meines Autos einen Dämon herumzuchauffieren, aber mitten im Sumpf wäre eine Beschwörung nicht gut möglich gewesen. Das funktionierte nur in einem extra dafür gezeichneten Diagramm in meinem Keller.
Mit einem Raunen und voller Jagdeifer glitt der Dämon aus dem Wagen. Es war ein Ilius – ein Dämon der dritten Ebene, ungefähr so intelligent wie ein Hund, aber tausendmal besser, wenn es darum ging, eine Fährte aufzunehmen. Er war kaum mehr als ein Nebelhauch, und in meiner Andersicht nahm ich ihn als eine Art Rauchsäule mit Zähnen wahr, die mal aufblitzten und dann wieder verschwanden – wie ein wimmelnder Schwarm rauchförmiger Piranhas. Ohne Andersicht – einem Sinn jenseits aller Sinne, mit denen die meisten Leute die profane Welt um sich herum wahrnahmen – war er praktisch unsichtbar, abgesehen von dem tiefen Gefühl von Verunsicherung, das einen ergriff, wenn man mit ihm in Berührung kam.
Ich öffnete die Papiertüte, zog die Baseballmütze heraus und erlaubte dem Ilius,sich darumzuwinden und den Geruch, das Gefühl für denjenigen, den ich finden wollte, in sich aufzunehmen.
„Such!“, befahl ich und unterstrich das Kommando mit entsprechendem Druck auf mentaler Ebene. Der Dämon glühte in meiner Andersicht auf, dann schoss er über das Gras davon und verschwand wie ein arkanischer Zephir zwischen den Bäumen.
Sobald er verschwunden war, atmete ich einmal tief durch, dann lehnte ich mich gegen meinen Wagen und wartete. Ich hegte keinen Zweifel daran, dass er den verschwundenen Jäger finden würde. Davon, ob der Mann lebendig oder tot war, würde dann abhängen, was ich als Nächstes tun würde. Ich hoffte nur, dass der Dämon nicht allzu lange brauchte. Im Juli war die Hitze im Süden Louisianas selbst um vier Uhr morgens schon erdrückend. Und hier, mitten im Sumpfgebiet, lag die Luftfeuchtigkeit leicht bei hundert Prozent. Schweißperlen bildeten sich auf meinem Gesicht und an meinem Hals, und ich wischte sie mit dem Ärmel fort, wobei ich hoffte, dass ich nicht allzu viel von dem Anti-Mücken-Zeug erwischte, mit dem ich mich übergossen hatte. Hunderte der kleinen Blutsauger surrten um mich herum, aber bisher hielt das Mittel sie mir vom Leib. Zumindest der Ilius brauchte sich um die Mücken keine Sorgen zu machen.
Es gab eine Dämonenhierarchie mit zwölf verschiedenen Ebenen, die von Menschen beschworen werden konnten, die die Gabe besaßen, ein Portal zwischen dieser Welt und dem Reich der Dämonen zu öffnen. Je höher die Ebene, desto mächtiger der Dämon – und umso schwieriger die Beschwörung. Aber für diesen kleinen Suchauftrag brauchte ich keinen hochrangigen Dämon. Diese Beschwörung war mehr eine Übung gewesen, ein kleines Fingerspiel – aber den Idioten zu finden, der beschlossen hatte, allein im Moor jagen zu gehen, war ein netter Nebeneffekt.
Allerdings war dies seit zwei Monaten der erste Dämon, den ich beschworen hatte, und ich wollte einfach sichergehen, dass ich immer noch wusste, wie es ging.
Weißblondes Haar ergoss sich wie ein Fluss aus Seide über mich, als er sich hinabbeugte, um mich zu küssen. „Vermisst du meine Berührungen schon, Liebes?“In seinen uralten Augen funkelte Amüsement.
Ich sah aus zusammengekniffenen Augen zu ihm auf. „Ja und nein.“
Er lachte und nahm meine Hand, um mich auf einen weißen Marmorbalkon zu führen, der auf ein leuchtend blaues Meer hinausführte. „Ist das so eine schwierige Frage?“
Ich beobachtete die Dämonen, die über das Wasser flogen. „Ich vermisse dich, aber du machst mir auch eine Höllenangst.“
Er stand hinter mir und legte sanft seine Arme um mich. „Ich würde dir niemals etwas antun, Kara. Beschwöre mich nur. Dir wird nichts geschehen, du bist bei mir in Sicherheit.“ Ich lehnte meinen Kopf gegen ihn, als er begann, mich behutsam zu streicheln. Er liebkoste meinen Hals, und eine Gänsehaut breitete sich auf meinem ganzen Körper aus. „Aber was du unter ‚Sicherheit‘ verstehst, stimmt vielleicht nicht mit meiner Vorstellung davon überein“, sagte ich und stöhnte auf, als er mein Ohrläppchen zwischen die Zähne nahm.
„Ich werde nicht gestatten, dass irgendjemand dir etwas antut, Kara“, murmelte der Dämonenfürst. „Beschwöre mich! Du brauchst, was ich dir geben kann.“
Ich fröstelte, immer noch verunsichert von meinem Traum der letzten Nacht. Das alles war … ein Traum gewesen. Sonst nichts. Trotz der warmen Nacht fröstelte ich. Ich wünschte, ich könnte mir da wirklich so sicher sein. Es gab noch eine weitere Art von Dämonen oberhalb dieser zwölf Ebenen: die Dämonenfürsten. Es wurde als praktisch unmöglich angesehen, einen Dämonenfürsten zu beschwören. Oder besser gesagt – mit genug Energie und Vorbereitung war es technisch durchaus machbar, aber diese Erfahrung dann auch zu überleben war etwas völlig anderes. Trotzdem hatte ich aus Versehen Rhyzkahl beschworen, einen der mächtigsten Dämonenfürsten überhaupt, und ich war tatsächlich noch am Leben.
Nachdem Rhyzkahl bei dieser Beschwörung erschienen war, ohne dass es meine Absicht gewesen war, hatte er eine Verbindung zu mir aufgebaut, und eine Zeit lang war er mir in meinen Träumen erschienen, so lebhaft und real, dass ich selbst nicht wusste, ob ich wach war oder schlief. Und Teile dieser Träume übertrugen sich sogar in die reale Welt, was sich zeigte, als er einmal eine Verletzung, die ich mir zugezogen hatte, heilte, als er mir im Traum erschien. Aber diese Begegnungen hatten aufgehört, nachdem er mir das Leben gerettet hatte. Seitdem träumte ich zwar immer wieder von ihm, aber es fühlte sich nie so intensiv an.
Ich wusste, ich sollte froh sein und erleichtert, dass die Verbindung offenbar nicht mehr existierte. Aber ich war mir nicht sicher, wie ich gefühlsmäßig dazu stand. Oder zu ihm. Es war auch nicht besonders hilfreich, dass viele der Träume voller heißer Erotik waren – und ich immer mittendrin. Ich wachte dann jedes Mal zitternd vor Lust und Verlangen auf – Gefühle, die sich schnell in Verwirrung und Unsicherheit verwandelten. Schickte er mir diese Träume, um mich daran zu erinnern, was wir miteinander erlebt hatten und was er mir zu bieten hatte? Oder waren die Träume lediglich Botschaften meiner verkorksten Psyche, die mich daran erinnerte, dass ich keinen Freund hatte, keinen Sex und nicht mal die Aussicht auf zumindest eines von beidem? Wie dem auch sei, ich hätte gut ohne diese Erinnerungen leben können.
Ich spürte, dass der Ilius zurückkehrte, bevor ich ihn sah. Ich stieß mich vom Wagen ab und richtete mich auf, als er um mich herumwirbelte und seine schemenhaften Zähne mich streiften. Ich unterdrückte ein Zittern.
„Zeig!“, befahl ich, während ich meine Augen schloss. Bilder flackerten hinter meinen Augenlidern, verschwommen und schwer zu erkennen, aber diese Eindrücke waren von Gerüchen und Geräuschen begleitet und dem Gefühl von Distanz, als würde ich dem Weg folgen, den der Dämon zurückgelegt hatte. Auf den Geruch war ich nicht sonderlich scharf. Der Jäger war nämlich tot, das Gesicht aufgedunsen, und der widerliche Gestank der Verwesung umgab ihn. Ich hatte keine Ahnung, wie er gestorben war – an einer Verletzung oder weil er ertrunken war –, wichtig war für mich nur, dass sich die Leiche hier in der Gegend befand.
Ich öffnete die Augen, dann hielt ich dem Ilius die Tür auf. Er wirbelte noch einmal um mich herum, und ich spürte seinen zunehmenden Hunger. Er hatte seine Aufgabe erfüllt und wollte seine Belohnung. Ich verstärkte meinen mentalen Griff an den arkanischen Fesseln, obwohl mir der Schweiß aus den Achseln lief. „Nicht hier. Bald.“
Der Dämon blitzte in meiner Andersicht rot auf, dann glitt er wieder auf den Rücksitz. So schnell ich konnte, kletterte ich auf den Fahrersitz. Ich hatte noch niemals gehört, dass ein Ilius sich an einem Menschen vergriffen hätte, aber es gab eine ganze Menge, was ich über Dämonen nicht wusste. Und ich war nicht besonders scharf darauf herauszufinden, was geschehen würde, wenn er noch hungriger wurde. Zum Glück war der Ort, wo ich hinwollte, nur ein kleines Stück entfernt. Wieder fuhr ich an den Straßenrand und ließ den Dämon heraus.
„Komm!“, befahl ich und ging einen ausgetretenen Pfad entlang, dankbar, dass der Mond den Weg beleuchtete. Ich spürte, dass der Dämon hinter mir war, und ich musste den unangenehmen Gedanken abschütteln, dass er mich vielleicht verfolgte. Ein paar Hundert Meter weiter blieb ich an einem sumpfigen Flussarm stehen. Ich wandte mich dem Ilius zu und ließ das Bild einer Biberratte vor meinem geistigen Auge erscheinen. Es war ein großer Nager mit hässlichen gelben Zähnen. Biberratten waren nach Süd-Louisiana eingeschleppt worden und hatten sich schnell verbreitet. Sie fügten dem Marschland große Schäden zu – deswegen hatte man Programme zu ihrer Ausrottung entwickelt.
Und ich trug einen Teil zum Biberratten-Ausrottungsprogramm bei. „Friss!“, sagte ich und stellte mir den Nager weiterhin vor, wobei ich mental betonte, dass der Ilius sich nichts anderes außer einer Biberratte fangen durfte.
Er zischte so schnell an mir vorbei, dass ich beinah das Gleichgewicht verloren hätte, und bevor ich auch nur blinzeln konnte, hörte ich ein Tier quieken. Es verstummte schnell. Ich wandte meinen Blick von dem Dämon ab, der sich um einen der Nager herumwand. Ich hatte schon früher zugesehen, wenn ein Ilius fraß. Es gab kein Blut und kein zerfetztes Fleisch. Für jeden ohne arkanische Begabung sah es einfach aus, als würde die Biberratte sich verkrampfen, in Zuckungen verfallen und dann ohne erkennbaren Grund sterben. Aber in der Andersicht war zu erkennen, dass der Ilius das Tiersanft mit einem fast chirurgisch genauen Stich arkanischer Macht schmerzlos tötete und ihm dann seine Lebenskraft aussaugte – oder seine Seele.
Der Dämon ließ die leere Hülle der Biberratte fallen und stürzte sich auf eine weitere. Ich konzentrierte mich auf den Mond, der über den Bäumen stand, und ignorierte die Schreie der rattenähnlichen Kreatur. Nach einem halben Dutzend Biberratten kam der Dämon langsam wieder über das Wasser geweht, um sich schläfrig um mich zu winden wie eine Katze, die ein Nickerchen halten wollte. Eine dämonische, fleischfressende Nebelkatze mit Piranhazähnen.
Ich trat einen Schritt von dem Dämon zurück und begann, seine Entlassung vorzubereiten. Wind kam auf, wie es schien aus dem Nichts, und brachte den schweren Geruch modriger Vegetation mit sich. Ich musste fast würgen. Aber ich behielt meine Konzentration bei, und ein paar Herzschläge später öffnete sich ein greller Schlitz im Universum – das Portal zwischen dieser Welt und der Sphäre der Dämonen. Ein Knall zerschnitt die Stille des Sumpflandes, und dann waren das Licht – und der Dämon – verschwunden.
Ich gab mir eine Minute, um wieder zu Atem zu kommen, dann lief ich den Weg zurück zu meinem Wagen, ohne mich noch einmal nach den Kadavern der Biberratten umzusehen, die am Ufer des Flussarms verteilt lagen.
Als ich wieder zurück in der Gegend von St. Long war, hatte die aufgehende Sonne den östlichen Himmel in Rot und Gold getaucht. Bei meiner Jagd mit dem Ilius warichweiter gefahren, als ich erwartet hatte, fast bis zur Grenze zwischen Mississippi und Louisiana. Dem Jäger war es offensichtlich gelungen, in einem Boot eine gehörige Strecke zurückzulegen, bevor er in Schwierigkeiten geraten war. Von unterwegs rief ich eine Bekannte an, die Mitglied einer örtlichen Suchhundestaffel war, und gab ihr die ungefähren GPS-Koordinaten durch. Sie bedankte sich und stellte mir keine weiteren Fragen. Ich hatte ihr schon früher Tipps gegeben mit dem Hinweis, dass sie keine weiteren Fragen stellen solle und sie gern alles Lob für sich in Anspruch nehmen könne. Sie ging davon aus, dass ich hellsichtig war. Und ich würde ihr nichts Gegenteiliges erzählen.
Mein Handy klingelte, als ich noch einen knappen Kilometer von meinem Haus entfernt war, und ich verzog das Gesicht. Wenn ich so früh am Morgen einen Anruf bekam, konnte es nur um die Arbeit gehen. Ich war Detective bei der Polizei von Beaulac, zuständig für Gewaltverbrechen und Mord. Nach einer Zwangspause aus medizinischen und verwaltungstechnischen Gründen, die ich einem als Symbolmörder bekannten Serienkiller zu verdanken hatte, war ich erst seit einer Woche wieder im Dienst. Ich hatte den Fall zwar abgeschlossen, war aber nicht unversehrt davongekommen – auch wenn ich nicht eine einzige Narbe vorzuzeigen hatte, um das zu beweisen.
Auf dem Display des Handys sah ich, dass der Anruf von meinem Sergeant kam. Ich nahm das Gespräch entgegen. „Ich habe keine Rufbereitschaft, und meine Schicht fängt heute erst um zehn an, Crawford. Lassen Sie mich verdammt noch mal in Ruhe.“
Cory Crawford lachte. Er war vor ein paar Wochen, als mein früherer Captain Polizeichef geworden war, zum Sergeant befördert worden. Dadurch war bis in die untersten Ränge ein wildes Stühlerücken entstanden. Ich hatte in der Vergangenheit ein paar Probleme mit Crawford gehabt, aber zu meiner Überraschung und Erleichterung war er nach seiner Beförderung ein vollkommen anderer Mensch geworden.
„Nein, es hat nichts mit dem Job zu tun. Ich habe mich nur gefragt, ob Sie mir vielleicht einen Gefallen tun könnten, weil Sie ja da draußen mitten in der verdammten Pampa wohnen.“
Ich grinste. Mein Haus stand nicht unbedingt mitten in der Pampa, aber es war weit genug weg von Beaulac – und der Zivilisation –, dass ich mich über mangelnde Privatsphäre nicht beschweren konnte. Und da ich in meinem Keller Dämonen beschwor, war mir diese Privatsphäre auch verdammt wichtig. „Was kann ich tun?“
„Sie müssten bei Brian Roths Haus vorbeifahren und ihn aus den Federn scheuchen. Seine Schicht hat nämlich um sechs Uhr heute Morgen angefangen. Aber er ist immer noch nicht da, und um acht muss er einen Zeugen vernehmen.“
Ich fuhr an meinem Haus vorbei. Brian wohnte in einer Wohnsiedlung nur ein paar Kilometer von mir entfernt auf einem weitläufigen Besitz, der fast so schön war wie die vier Hektar, die ich besaß. „Geht er denn nicht an sein Handy?“
„Würde ich Sie anrufen, wenn er das täte?“, antwortete Crawford schroff. „Der Zeuge ist ein Freund des Captains, und wenn Brian nicht auftaucht, muss ich einen Eintrag machen.“ Ich hörte den Widerwillen in seiner Stimme.
Brian und ich waren ungefähr zur gleichen Zeit zur Polizei gekommen und als Streifencops sogar Partner gewesen. Dann waren wir beide innerhalb eines Monats zu Detectives befördert worden, wobei er ins Drogendezernat gewechselt war und ich zu den Eigentumsdelikten. Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Schon fast halb acht. Brian musste sich ziemlich beeilen, wenn er rechtzeitig auf dem Revier sein wollte, um den Zeugen zu treffen. Schon von meinem Haus brauchte ich fast eine halbe Stunde.
„Ich bin gleich da. Ich trommle mal an seine Tür und rufe Sie dann zurück.“
„Vielen Dank.“
Das Tor zu der Wohnsiedlung war verschlossen, aber es sprang gehorsam auf, als ich den Polizeizugangscode in das kleine Tastenfeld getippt hatte. Ein paar Minuten später fuhr ich in die Einfahrt vor seinem Haus. Es besaß zwei Geschosse, war mit weißen Backsteinen verkleidet, vor der Eingangstür standen zwei Schmucksäulen, es gab eine Doppelgarage und einen gepflegten Garten. Diese Art Haus konnte man sich unmöglich vom Gehalt eines Cops leisten, aber Brians Vater war Richter und seine Stiefmutter Anwältin, und wahrscheinlich hatten sie ihm das Haus zur Hochzeit geschenkt. Es gab Gerüchte, dass er es zuerst hatte ablehnen wollen, bis sein Dad es Brians zukünftiger Frau gezeigt hatte. Es überraschte mich nicht, dass er zunächst dagegen gewesen war. Brian war ein bescheidener Mann, der hart arbeitete, und auf mich machte er nicht den Eindruck, als wäre ihm so ein großes Geschenk angenehm, auch nicht von der eigenen Familie.
Ein roter Ford F-150 parkte neben einem goldenen Ford Taurus mit Behördenkennzeichen in der Einfahrt – Letzterer war Brians Dienstwagen. Daran erkannte ich, dass er wahrscheinlich zu Hause war, da ich wusste, dass der Pick-up sein Privatwagen war. Doch als ich mich dem Haus näherte, überlief mich plötzlich ein Schaudern. Ich blieb stehen und versuchte das Gefühl der Unsicherheit zu fassen, das mich kurz gestreift hatte. Mein Blick fiel auf die Tür, und ich kniff die Augen zusammen. Sie war fast ganz zugezogen, aber der Riegel war nicht eingehakt, und sie stand ungefähr einen Zentimeter weit offen. Schnell kehrte ich zu meinem Wagen zurück und holte meine Waffe aus dem Handschuhfach, dann ging ich zur Tür, während ich die Waffe im Anschlag hielt. Zeichen eines Einbruchs konnte ich nicht entdecken. Vielleicht hat er die Tür nur einfach nicht ganz zugezogen. Ich wollte es gern glauben, aber das Gefühl der Unsicherheit ließ mich nicht los.
Mit dem Fuß stieß ich die Tür ein Stück weiter auf, hielt mich aber in Deckung hinter dem Türpfosten. „Brian?“, rief ich. „Ich bin’s, Kara Gillian.“
Stille.
Nicht einmal ein Rascheln auf dem Teppich. Falls er wirklich dort drin war, war es geradezu unheimlich still. Ich gab der Tür einen leichten Stoß, damit sie sich ganz öffnete, dann spähte ich ins Haus hinein.
Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, was ich sah. Zuerst glaubte ich, dass er auf dem Boden vor dem Fernseher eingeschlafen war. Dann erkannte ich die große Blutlache, in der er lag.
„Oh Scheiße!“, keuchte ich, während Trauer und Entsetzen mir die Kehle zuschnürten. Ich wollte zu ihm laufen, um nachzusehen, ob er noch lebte, aber ich zwang mich dazu, vorsichtig zu sein. Ich hatte ja keine Ahnung, was passiert war, und ich wollte ganz sicher nicht so enden wie Brian. Langsam schob ich mich ins Haus, die Waffe schussbereit, während ich mit der anderen Hand mein Handy aus der kleinen Tasche an meinem Gürtel zog und 911 wählte.
„Hier ist Detective Gillian. Ein Officer am Boden, es ist Brian Roth. Ich bin in seinem Haus.“ Ich ratterte die Adresse herunter. Ich hörte kaum die Bestätigung der Zentrale, während ich nahe an ihn herantrat und begriff, dass Brian unmöglich noch am Leben sein konnte. Fragmente des Schädelknochens und Teile seines Gehirns waren über den Boden und die Wand verstreut. „Scheiße! Es ist eine 29.“ Der Code 29 bedeutete, dass es einen Toten gab. Das war in vielerlei Hinsicht einfacher zu sagen.
„Sind Sie Code 4?“ Die Zentrale wollte wissen, ob der Tatort sicher war.
„Unbekannt. Ich brauche Unterstützung, um das Haus zu sichern.“ Ich suchte das Wohnzimmer ab und tat mein Bestes, um keine Spuren zu vernichten. Ein Blatt Papier auf dem Couchtisch erregte meine Aufmerksamkeit, und ich blickte darauf. Dann las ich es noch einmal und begriff, was es war. Entsetzen und pures Grauen drehten mir den Magen um.
Ich wollte sie nicht töten.Es war ein Unfall. Ich habe sie geliebt. Wir haben einfach nur gern gespielt. Es tut mir so leid.
Schnell blickte ich wieder hinüber zu der Leiche und sah jetzt die Beretta neben seiner Hand. „Verdammt. Das sieht nach Selbstmord aus“, sagte ich. „Und ich glaube, er hat seine Frau umgebracht.“
Die Frau in der Zentrale sagte irgendetwas zu mir, aber ich nahm es gar nicht wahr. Ich starrte wie gebannt auf Brians Leiche, und eine Welle von Übelkeit erregendem Entsetzen brandete durch meinen Körper. Bilder von toten Biberratten huschten durch meinen Kopf, während ich verzweifelt versuchte, in die Andersicht zu wechseln. Ich betete, dass mich meine Ahnung täuschte.
Aber ich irrte mich nicht. Ich konnte die arkanischen Spuren sehen, die zurückgeblieben waren wie Sehnen an einem abgenagten Knochen. Jemand hatte Brians Lebensenergie genauso gründlich aus ihm herausgesaugt wie der Ilius bei den Biberratten.
2
Mein erster panischer Gedanke war: der Ilius! Dann dachte ich: Nein. Nein. Das ist nicht möglich. Ich habe ihn entlassen. Habe ich doch? Ich starrte immer noch Brians Leiche an, während mir die Gedanken durch den Kopf rasten. Das war nicht möglich. Ich hatte den Ilius entlassen. Da war ich mir ganz sicher.
Aber was hatte Brian dann seiner Essenz beraubt?
Zweifel nagten an mir, als ich meinen Blick von Brians Leiche losriss. Der Brief. Seine Frau. Konzentrier dich jetzt darauf statt auf dein eigenes Entsetzen.
Ich versuchte, mich an den Namen seiner Frau zu erinnern, aber es gelang mir einfach nicht. Ich hatte sie ein paarmal getroffen, aber unsere Gespräche waren nie über ein Wie schön, Sie zu sehen hinausgegangen.
Sie haben gern gespielt … Scheiße! Dieser Satz wies darauf hin, dass beim Sex irgendwas passiert war.
Es war riskant, trotzdem durchsuchte ich einmal kurz das Haus. Es bestand schließlich die Möglichkeit, dass sie noch am Leben war. Ich wusste, ich würde nicht damit leben können, wenn sich später herausstellte, dass ich noch auf Unterstützung gewartet hatte, während sie irgendwo langsam verblutet war. Vielleicht hatte Brian sich ja geirrt. Vielleicht hatte er nur geglaubt, sie wäre tot.
Aber ich fand keine Spur von ihr. Ich ging wieder nach unten zu Brian und schaffte es nicht, mir seine Leiche noch einmal anzusehen, oder das fransige Loch, aus dem ihm seine Essenz herausgerissen worden war. War der Ilius irgendwie entkommen, indem er zurück durch das Portal gezogen worden war? Und hätte er überhaupt einen Menschen erlegt?
Ich schüttelte entschieden den Kopf. Das ergab überhaupt keinen Sinn. Selbst wenn der Dämon irgendwie meiner Kontrolle entglitten wäre, befand sich der Ort, wo ich ihn entlassen hatte, eine Autostunde von hier entfernt. Aber die Biester sind schnell, und er könnte dich auf dem Weg hierher überholt haben.
Aber warum?, fragte ich mich verzweifelt. Warum zum Teufel hätte er hierherkommen sollen?
Ich holte tief Luft, um mich zu zwingen, alle Möglichkeiten logisch zu durchdenken. Vielleicht war der Ilius von der Energie des gewaltsamen Todes angezogen worden und so meiner Kontrolle entkommen, um Brians Essenz aufzusaugen, weil der Körper nach dem Tod bereit war, sie loszulassen. Oder vielleicht wurden sie durch Selbstmorde angezogen – die Bereitschaft zu sterben machte es vielleicht einfacher, den Opfern die Lebensenergie zu entreißen. Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte. Es gab viel, was ich über die Dämonen nicht wusste.
Mein Mund fühlte sich so trocken an wie die Sahara, während ich fieberhaft nach einer vernünftigen Erklärung suchte. Zum Glück unterbrachen die sich nähernden Sirenen meine mentale Selbstgeißelung.
Ich trat gerade vors Haus, als zwei Streifenwagen und ein Zivilauto die Auffahrt heraufkamen, und plötzlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mir Sorgen um den Dämon gemacht hatte. Erst jetzt begriff ich wirklich, dass ein Kollege von mir tot war. Jemand, mit dem ich zusammen gearbeitet und gelacht hatte, hatte sich eine Waffe an den Kopf gesetzt und abgedrückt. Ich rieb mir durchs Gesicht, während zwei Officer angelaufen kamen, und merkte etwas überrascht, dass meine Hand zitterte.
„Ich habe mich nur kurz umgesehen, ob ich seine Frau finde“, hörte ich mich selbst sagen, „aber das Haus ist noch nicht gesichert.“ Gut, der Profi in mir behielt den Kopf über Wasser und tat, was getan werden musste. Egal, wie schlecht es mir innerlich ging, niemand würde das bemerken. Ich sah an den beiden Cops vorbei und erblickte Crawfords korpulente Gestalt, als er aus dem Zivilwagen stieg und auf das Haus zurannte. Ich wandte mich wieder an die beiden Officer. „Bitte kümmert euch drum. Ich muss den Sergeant in Kenntnis setzen.“
Die beiden Officer nickten und betraten mit gezogenen Waffen das Haus. Ein Abschiedsbrief war kein Beweis dafür, dass wir es tatsächlich mit einem Selbstmord zu tun hatten, und es bestand immer die Möglichkeit, dass sich der wirkliche Täter noch irgendwo im Haus versteckt hielt.
Ich sah den Schmerz in Crawfords Augen, als er heftig atmend vor mir stehen blieb. „Kara, ist es … ist er …?“
Meine Kehle schnürte sich zusammen, und ich nickte knapp. Ich sah, wie die Trauer ihn übermannte, und konnte erkennen, dass er sich genauso mühsam beherrschte, wie ich es tat.
„Sieht so aus, als hätte er sich selbst erschossen, Sarge“, sagte ich, und meine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. „Aber das ist noch nicht alles.“
Sein Gesicht war zu einer Maske erstarrt, die jederzeit zerbrechen konnte. „Die Zentrale sagt, seine Frau sei vielleicht auch tot?“
„So steht es im Abschiedsbrief“, erwiderte ich, dann schüttelte ich den Kopf. „Aber ich hab mich umgesehen und konnte sie nicht finden.“
Wir schwiegen beide einen Moment und teilten die Trauer und den Schmerz, bis die beiden Officer ein paar Minuten später zurückkamen. „Ist noch jemand drin?“, wollte Crawford wissen.
Sie schüttelten beide die Köpfe, die Gesichter angespannt und pures Entsetzen in den Augen. „Sonst niemand“, sagte der eine. „Das Haus ist sauber.“
Crawford atmete tief durch, bevor er auf die Tür zuging. Ich wartete auf der Veranda, während er eintrat und anderthalb Meter vor Brians Leiche stehen blieb. Ich beobachtete, wie er den Anblick all des Blutes und auch der Waffe in sich aufnahm. Er wirkte jetzt ganz hart und völlig professionell. Er verhielt sich genau, wie ich es getan hatte – er tat, was getan werden musste, und hielt seine Trauer bis zu einem späteren Zeitpunkt zurück. Er warf noch einen Blick auf den Abschiedsbrief, dann kam er heraus und wandte sich an die beiden Officer. „In Ordnung. Sperren Sie bitte das Grundstück ab und rufen Sie die Spurensicherung.“ Als die beiden gegangen waren, wandte er sich erneut mir zu. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen das angetan habe.“
„Das ist nicht Ihre Schuld“, sagte ich mit einem Achselzucken, obwohl ich mich ganz anders fühlte. „Irgendjemand musste ihn ja finden.“ Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Es war erst zehn Minuten her, dass ich ihn entdeckt hatte. Aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. „Ich denke, den Termin mit dem Zeugen wird er nicht mehr schaffen.“
„Der Idiot“, meinte Crawford, und ein zartes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er wusste, ich versuchte die unglaubliche Anspannung etwas zu lockern. „Ich muss wohl doch noch einen Eintrag in seine Personalakte machen.“ Wir beide kicherten kurz und ziemlich dämlich, und im nächsten Moment umarmte mich Crawford mit seinen großen Armen. Ich erwiderte die Geste, denn ich wusste, dass er den Trost genauso brauchte wie ich. Doch gleich darauf lösten wir uns wieder voneinander, obwohl dieser kurze Gefühlsausbruch keinem von uns im Geringsten peinlich war.
„Ich muss ein paar Telefonate führen“, sagte er mit einem Seufzer. „Die Spurensicherung ist schon unterwegs.“
„Und wir müssen seine Frau finden. Weiß irgendjemand, wo sie arbeitet? Hat sie hier in der Gegend Familie?“
„Das werden wir alles herausbekommen“, sagte er, seine geknurrten Worte waren ein Versprechen. Dann ging er davon, um seine Telefonate zu erledigen.
Die Ankunft des Vans der Spurensicherung ersparte es mir, wieder in Grübeleien über verschwundene Lebensenergie zu verfallen. Er hielt hinter Crawfords Wagen, und Jill Faciane, die Kriminaltechnikerin, sprang heraus. Sie war eine kleine Frau mit kurzem rotem Haar und einem elfenhaften Gesicht, trug eine blaue Cargohose und ein T-Shirt der Polizei von Beaulac. Sie kam auf mich zu und blieb nur kurz stehen, um ihren Namen auf das Tatortprotokoll zu schreiben, bevor sie unter dem Absperrband durchtauchte, das man inzwischen gespannt hatte.
„Ich sag es ja nicht gern“, meinte ich, als Jill mich erreicht hatte, „aber ich bin wirklich froh, dass du Bereitschaft hast.“ Wir hatten im Fall des Symbolmörders viel zusammengearbeitet und waren im Laufe der Zeit Freundinnen geworden. Wegen meiner Vorliebe für Dämonenbeschwörungen war ich ziemlich isoliert aufgewachsen, daher war es für mich neu und äußerst bereichernd, eine Freundin zu haben.
Sie nickte mir kurz und verständnisvoll zu. „Bist du okay?“
„Mir geht’s gut.“
Sie schüttelte den Kopf. Ihre blauen Augen waren dunkel und voller Zorn. „Ich hasse es einfach, wenn es einen von uns erwischt. Auch wenn es nur irgendein blöder Unfall im Haushalt ist.“
Ich wusste genau, was sie meinte. Die Polizei war wie eine Familie, wie eine Bruderschaft – unabhängig vom Geschlecht.
Sie runzelte die Stirn. „Aber Selbstmord? Gottverdammte Scheiße.“
„In dem Abschiedsbrief steht, dass er seine Frau getötet hat“, erklärte ich grimmig.
Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Das ist einfach schwer zu glauben. Ich hatte gehört, dass sie Probleme haben, aber so ein Scheiß. Jeder macht doch mal eine harte Zeit durch.“
Ich schüttelte den Kopf. „So wie der Brief formuliert ist, klingt es mehr nach einem Unfall, aber ich habe mich kurz umgesehen und konnte sie nicht finden.“
„Und dann hat er sich selbst umgebracht? Wie zum Teufel konnte er uns das antun?“ Ich hörte den Ärger in ihrer Stimme, und ich konnte sie gut verstehen.
Ich seufzte. „Es ist lange her, seit wir jemanden verloren haben.“ Ich verzog das Gesicht. „Ich meine …“
„Außer dir“, sagte Jill leise. „Aber zumindest bist du zurückgekommen.“ Sie fröstelte und rieb sich die Oberarme. „Diese beiden Wochen waren fürchterlich.“
Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Nach dem Kampf mit dem Symbolmörder waren alle davon ausgegangen, dass ich tot wäre. Es hatte genug Hinweise für diese Annahme gegeben, einschließlich der Aussagen von Zeugen, die gesehen hatten, wie ich ausgeweidet worden war und ein paar Liter meines Blutes vergossen hatte – nur gab es keine Leiche. Später hatte man sich eine Geschichte ausgedacht, um mein Verschwinden zu erklären und vor allem meine überraschende Rückkehr. Aber es gab nur zwei Leute auf der Welt, die wussten, was tatsächlich passiert war, die wussten, dass ich wirklich tot gewesen war. Zumindest für zwei Wochen.
„Aber deine Beerdigung“, sagte sie und rang sich ein Grinsen ab, „Mann, das war vielleicht ein Ding! Die Prozession war fünf Kilometer lang!“
Ich erwiderte ihr Grinsen. „Die hatten doch alle bloß keine Lust, zur Arbeit zu gehen.“
Jill schnaubte und versetzte mir einen Hieb auf den Arm. „Du bist so dämlich.“ Dann seufzte sie. „Okay, ich hol dann mal meinen Kram, damit wir anfangen können, den Tatort zu untersuchen.“
Crawford kam zurück zu mir, während Jill zu ihrem Van ging. „Bald wird die Führungsriege hier auftauchen, und die Suche nach Carol ist auch angelaufen.“ Er sah mich durchdringend an. „Wie geht es Ihnen?“
„Ich bin okay.“ Ich zuckte die Achseln. „Um meine Gefühle kümmere ich mich später.“ Er verzog den Mund. „Ich weiß, was Sie meinen, aber davon rede ich nicht. Ich meine, wie es bei Ihnen läuft? Ich weiß, dass Sie erst seit einer Woche wieder im Dienst sind.“
Ich wischte mir einen Schweißtropfen von der Schläfe. Die Hitze nahm langsam zu. „Mir geht’s gut. Es gibt ein paar Leute, die sich ein bisschen seltsam benehmen wegen meines … äh … Verschwindens, aber die kommen schon drüber weg.“
Crawford drehte sich um und trat von der Veranda. Mit dem Kopf bedeutete er mir, ihm zu folgen. Er ging an dem Absperrband vorbei, bis wir den spärlichen Schatten einer alten Eiche erreichten, dann holte er ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug aus seiner Jackentasche. „Ich bin schon lange Polizist, Kara. Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen.“ Er klopfte eine Zigarette aus der Packung, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Er hatte aufgehört, Tabak zu kauen, und stattdessen mit dem Rauchen angefangen, was für mich absolut keinen Sinn ergab. Er hatte sich auch seinen Schnauzer abrasiert, was mich wirklich umgehauen hatte. Gleichzeitig färbte er sich aber immer noch das Haar braun und trug zu seinen Anzügen in gedecktem Braun verrückte grelle Krawatten. Ich schätze, manches änderte sich einfach nie.
„Wie auch immer … Ich hab genug verrückte Scheiße gesehen, um zu begreifen, dass es da draußen tatsächlich eine Menge verrückte Scheiße gibt“, fuhr er fort. „Ich glaube diese Geschichte nicht, dass Sie so weit abtauchen mussten, dass jeder glauben sollte, Sie wären tot, aber ich schätze, wenn es eigentlich ganz anders war, ist es wahrscheinlich das Beste, wenn niemand etwas davon weiß.“ Er zuckte die Schultern und stieß eine Rauchwolke aus. Ich widerstand dem Bedürfnis, ein Stück zur Seite zu treten, um dem Rauch auszuweichen. Er überraschte mich mit seiner offensichtlichen Bereitschaft, das Unerklärliche zu akzeptieren. Ich war jedenfalls noch nicht bereit, ihm zu erzählen, was während dieser zwei Wochen wirklich geschehen war, aber ich hatte das seltsam tröstliche Gefühl, dass er es irgendwie hinnehmen würde, wenn ich es ihm jemals sagen sollte.
Crawford zuckte die Achseln. „Ich will damit wohl einfach nur sagen, dass Sie mir Bescheid geben sollen, wenn Sie irgendetwas brauchen.“ Er sah mich an. „Gibt es etwas Neues über Ihre Tante?“
Ich schüttelte den Kopf. Meine Tante Tessa lag in einem Pflegeheim – einer speziellen Einrichtung, in der man sich um Leute mit neurologischen Störungen kümmerte. Ich wusste, dass Tessa keine Hirnverletzung erlitten hatte, aber es war mir wichtig, dass man sich weiterhin um ihren Körper kümmerte. Auch ihr war ihre Essenz abhandengekommen, obwohl sie ihr nicht, wie die von Brian, einfach ausgesaugt worden war. Sie war nur … verschwunden. Vorübergehend, hoffte ich. Es war mir schwergefallen, sie in einem Heim unterzubringen, aber zumindest konnte ich mich mit dem Wissen trösten, dass sie keine Ahnung hatte, wo sie sich befand.
„Nein“, erwiderte ich. „Keine Veränderung. Ich habe versucht, mir ein paar Sachen in ihrem Haus anzusehen, ein bisschen aufzuräumen, nur für den Fall …“ Ich brach ab und konnte einfach nicht weitersprechen.
„Falls sie nicht aufwacht“, sagte er sanfter, als ich es ihm jemals zugetraut hätte.
Ich nickte, auch wenn das nur zum Teil der Grund war, warum ich versuchte, Tessas Dinge durchzusehen. Am meisten interessierte mich ihre Bibliothek. Tessas Essenz war benutzt worden, um zusätzliche Energie für ein gewaltiges arkanisches Ritual zu sammeln, und ich klammerte mich immer noch an die Hoffnung, dass man das irgendwie wieder rückgängig machen und ihre Essenz wieder zurück in ihren Körper leiten konnte. In Tessas Bibliothek befanden sich Hunderte von Texten, Schriftrollen und Dokumente über die arkanische Welt, und ich blieb optimistisch, dass ich irgendwo dort eine Antwort darauf finden konnte, wie es gelingen könnte, ihr die Lebensenergie zurückzugeben.
Unglücklicherweise waren meine Nachforschungen jäh unterbrochen worden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatten, als ich entdeckte, dass meine Tante ihre Bibliothek mit unzähligen arkanischen Schutzschilden und Wächtern gesichert hatte – und dass auch mir der Zugang verwehrt war. Diese Tatsache nervte mich aus mehreren Gründen – nicht zuletzt weil ich sie ohne Zugriff auf die Materialien in dieser Bibliothek vielleicht niemals wieder lebendig sehen würde.
Mein Blick glitt zurück zu der offenen Tür von Brians Haus. Im Innern sah ich Jill herumlaufen. Sie machte Fotos und vermaß den Tatort. Ich sah auch Brians Leiche, aber glücklicherweise war ich weit genug weg, sodass ich das Fehlen seiner Essenz nicht spürte. Es war ganz anders als bei meiner Tante. Seine Lebensenergie war vertilgt worden, nicht nur entfernt. Selbst wenn er nicht tot gewesen wäre, hätte es keine Möglichkeit gegeben, ihm seine Essenz zurückzugeben. Es war einfach keine mehr da, die er hätte bekommen können.
Wer kann ihm das nur angetan haben?, fragte ich mich voller Sorge. Das einzige Wesen, das ich kannte, das in der Lage war, Lebensenergie zu fressen, war ein Ilius, aber das hatte nichts zu bedeuten. Es gab noch eine Menge anderer, die ich nicht kannte, und ich wurde einfach das miese Gefühl nicht los, dass ich bei der Entlassung des Dämons irgendetwas verbockt hatte. Wenn das nun alles meine Schuld war? Hatte der Dämon Brians Tod gespürt und sich auf die Essenz gestürzt, als sie begonnen hatte, sich aus seiner sterblichen Hülle zu lösen? War so etwas überhaupt möglich?
Verdammt! Es gab viel zu viel, was ich nicht verstand. Leider hatte ich nur zwei Informationsquellen für alles, was mit der arkanischen Welt zu tun hatte. Die erste – und die für mich normalerweise am einfachsten zu erreichende – war die Bibliothek meiner Tante.
Die zweite Quelle, der ich Fragen über die arkanische Welt hätte stellen können, waren die Dämonen selbst. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich heute Abend wieder eine Beschwörung vornehmen musste – besonders, da ein Dämon von einer höheren Ebene mir vielleicht auch behilflich sein konnte, die arkanischen Schutzschilde der Bibliothek zu durchdringen, die mich bisher aufhielten.
Ich sah Crawford an. „Sarge, ich würde diesen Fall gern übernehmen.“
Er schien ein paar Sekunden darüber nachzudenken. „Da Sie die Erste am Tatort waren, können Sie ihn erst mal haben“, sagte er schließlich.
„Danke.“ Dadurch hatte ich mehr Zeit und bessere Möglichkeiten, die Umstände von Brians Tod zu untersuchen und etwas Licht in die Frage zu bringen, was mit seiner Essenz geschehen war.
Und falls ich dafür die Verantwortung trug, konnte ich hoffentlich dafür sorgen, dass es nie wieder geschehen würde.
3
Als ich schließlich nach Hause fahren konnte, fühlte ich mich ausgelaugt, sowohl emotional als auch körperlich. Es hatte nur zwei Stunden gedauert, den Tatort um Brians Haus zu untersuchen, aber wir hatten dann noch viele Stunden damit zugebracht herauszufinden, wo Carol Roth sein könnte. Am Vortag war sie noch bei der Arbeit gewesen, war dort heute aber nicht mehr aufgetaucht, und wir konnten nicht einen einzigen Menschen finden, der sie gesehen hatte, seit sie das Büro verlassen hatte. Ich hatte mir sogar Kopien der Überwachungsbänder vom Tor der Siedlung der vergangenen vierundzwanzig Stunden besorgt, in der Hoffnung, dass ich dort irgendeinen Hinweis oder eine Spur finden würde, aber das Kamerasystem war brandneu – was offensichtlich bedeutete, dass die Sicherheitsfirma keine Ahnung hatte, wie man entsprechende Aufzeichnungen auch auf ein anderes Medium überspielte, und sie mussten erst einen Techniker rufen, damit ich bekam, was ich brauchte.
Auch jede andere denkbare Spur hatten wir verfolgt, wobei uns nur allzu bewusst gewesen war, dass ihre Leiche überall sein konnte – und in Süd-Louisiana gab es jede Menge Orte, um eine Leiche zu entsorgen. Aber warum sollte Brian ihre Leiche irgendwo anders hinbringen, wenn es ein Unfall gewesen war? Und warum sollte er sich hinterher umbringen? Er war nicht der Typ, der in Panik geriet. Bei diesem Fall ergab nichts einen Sinn, und das machte mich völlig verrückt.
Um mich selbst noch ein bisschen mehr zu quälen, fuhr ich im Pflegeheim vorbei und besuchte meine Tante – oder vielmehr das, was noch von ihr übrig war, ihre leere Hülle. Ich blieb nicht lange, nur lange genug, um mit meiner Andersicht festzustellen, dass sie nicht genauso „aussah“ wie Brians Leiche. Trotzdem war es deprimierend, ihr normalerweise so lebhaftes Gesicht derart wächsern und still zu sehen, und der kurze Besuch hinterließ ein Gefühl schmerzhafter Leere und Sorge in meinem Bauch.
Ich fuhr in meine Einfahrt, und als ich um die letzte Kurve bog und einen Wagen vor meinem Haus stehen sah, hob sich meine Laune schlagartig. Dieser dunkelblaue Crown Victoria war mir nur allzu vertraut – mit seinen dunkel getönten Scheiben und ein paar mehr Antennen als gewöhnliche Autos. In Kombination mit dem Behördennummernschild schrie der Wagen geradezu FBI-Agent.
Ich spürte, dass ich lächeln musste, als ich daneben anhielt. Ein schlanker Mann mit rötlich braunem Haar und einem rauen Gesicht lehnte mit verschränkten Armen an der Motorhaube. Er trug ein Polohemd und Jeans, worunter deutlich zu erkennen war, dass er diszipliniert trainierte. Ich hatte ihn noch nie so lässig gekleidet gesehen. Doch auch das änderte nichts daran, dass er mit Leib und Seele seinen Job verkörperte.
Sein Beruf war mir in diesem Moment jedoch völlig egal. Mein Tag hatte beschissen begonnen, aber im Moment sah es so aus, als würde er sich zum Besseren wenden.
Ich stieg aus dem Wagen und hängte mir meine Tasche über die Schulter.
Mit einem Grinsen stieß er sich von der Motorhaube ab.
„Hi, Special Agent Kristoff“, sagte ich.
Er seufzte übertrieben, aber seine grün-goldenen Augen funkelten vor Vergnügen. „So formell heute?“
Ich lachte. „Okay. Hi, Ryan.“ Ich hatte ihn während meiner Ermittlungen im Fall des Symbolmörders kennengelernt, als wir beide der Sonderkommission zugeteilt worden waren, die den Serienkiller jagte. Mein erster Eindruck von ihm war nicht besonders positiv gewesen – arrogant, herablassend und respektlos. Später hatte ich dann herausgefunden, dass auch er arkanische Spuren sehen konnte, und irgendwann hatte ich ihm genug vertraut, um ihm zu erzählen, dass ich eine Beschwörerin war. Außer meiner Tante war er wahrscheinlich der einzige Mensch, der dieses Detail über mich wusste.
Nach diesem kleinen Vertrauensbeweis waren wir Freunde geworden – etwas, das für mich sowohl erfreulich als auch verblüffend war. Genau wie meine Freundschaft mit Jill, so war die Beziehung zu Ryan sehr wertvoll für mich. Trotzdem stellte ich mir immer wieder die Frage, ob es zwischen uns jemals mehr als ‚nur Freundschaft‘ würde geben können. Und ob ich das überhaupt wollte. Zum Teufel, ich hatte keine Ahnung, ob er überhaupt im Entferntesten an irgendwas interessiert war, das über eine Freundschaft hinausging.
Und das ist nun wirklich das Letzte, worüber ich mir Gedanken machen sollte, tadelte ich mich selbst. Mein Leben ist auch so schon kompliziert genug.
„Darf ich fragen, warum du in meiner Einfahrt stehst?“, erkundigte ich mich stattdessen.
„Weil jemand, während du tot warst, deine Eingangstür für dich repariert hat.“ Er drehte sich um und warf einen Blick auf meine hübsche neue Tür. Er war es gewesen, der sie vor zwei Monaten eingetreten hatte, weil er mich hatte schreien hören. Es war nur ein bizarrer, von einem Dämon ausgelöster Albtraum gewesen, aber Ryan hatte geglaubt, dass mir gerade etwas viel Schlimmeres zustoßen würde.
Ich hegte den starken Verdacht, dass er es auch gewesen war, der die Tür repariert hatte, obwohl er das nie zugegeben hatte. „Ach, du Armer“, meinte ich. „Jetzt musst du mir also draußen auflauern.“
„Ich hab so lange mit voll aufgedrehter Klimaanlage im Wagen gesessen, bis ich dich habe kommen hören. Wusstest du, dass es irrsinnig heiß ist?“
Ich schnaubte und stieg die Stufen zu meiner Veranda hinauf. „Du meinst wohl, das wäre gerade subtropisches Klima. Du bist nur verwöhnt von deiner Zeit in Quantico. Aber keine Sorge.“ Ich warf einen Blick zum Himmel. „Warte nur ein paar Stunden, dann bekommen wir unser gewöhnliches Nachmittagsgewitter. Und dann wird es heiß und feucht sein.“
Ryan gab einen erstickten Laut von sich, während er mir ins Haus folgte. Es war eingeschossig, mit einer breiten Veranda, von der die Farbe abblätterte, stand aber hoch genug auf einem Hügel, um vollkommen unterkellert sein zu können. Es befand sich mitten auf vier Hektar Land am Ende einer langen, gewundenen Zufahrt. Sehr privat. Ich liebte es.
„Ich bin viel zu sehr daran gewöhnt, im Norden zu leben“, gab er zu. „Ich schmelze dahin wie ein Nazi am Ende von Jäger des verlorenen Schatzes.“
Ich ließ meine Tasche auf den Tisch neben der Tür fallen. „Also, was führt dich hierher zurück?“ Es war bereits mehr als einen Monat her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Wir hatten uns ein paar E-Mails geschrieben, da wir uns aber beide ziemlich damit zurückhielten, irgendetwas über die arkanische Welt zu erwähnen, waren sie recht knapp und langweilig gewesen.
Seine Lippen zuckten. „Nun ja, ich denke, ich werde mich an diese wahnsinnige Hitze und die Luftfeuchtigkeit gewöhnen müssen. Man hat mich vorübergehend hierher versetzt.“
Mein Herz machte einen verrückten Freudensprung, und ich hatte Mühe, dass mein Gesicht davon nicht mehr zeigte als ein erfreutes Lächeln. „Ernsthaft? Gibt es hier genug Verbrechen, die in einem Zusammenhang mit der arkanischen Welt stehen, um das zu rechtfertigen?“
„Es gibt eine Vielzahl von Gründen“, erwiderte er und zuckte die Achseln. „Sie sind mir nicht alle bekannt, aber die Schlipsträger auf der Führungsetage waren offenbar der Meinung, dass es Sinn ergibt, unsere kleine Sonderkommission zumindest vorübergehend in dieser Gegend zu stationieren.“
„Das kann ich nur befürworten“, erklärte ich und nickte so sachlich, wie es mir möglich war.
Er lachte. „Ich werde das an die oberen Etagen weiterleiten.“
„Tu das!“ Ich musste grinsen. „Okay, jetzt mal im Ernst? Um ehrlich zu sein, ist das seit langer Zeit endlich mal wieder eine gute Nachricht.“
Er legte den Kopf schief. „Mir ist nur noch nicht klar, ob das unglaublich schmeichelhaft oder wirklich erbärmlich ist.“
Ich verdrehte die Augen. „Erbärmlich natürlich, weil mir gerade auffällt, dass ich völlig vergessen hatte, was für ein Klugscheißer du bist.“
„Du kennst mich einfach zu gut.“
Schön wär’s!, dachte ich, dann verdrängte ich den Gedanken schnell wieder. Wir gingen in die Küche. „Und arbeitest du gerade an irgendetwas?“
Er verzog das Gesicht. „Nichts besonders Interessantes. Ich habe einen Fall von Korruption – völlig banal. Ich kann nicht wirklich darüber sprechen.“
Ich nickte und widerstand dem Bedürfnis, ein bisschen nachzubohren. Ich arbeitete schon lange genug bei der Polizei, um zu wissen, dass es einige Dinge gab, die vertraulich bleiben mussten – zumindest, wenn ich mit ihm befreundet bleiben wollte.
Ich seufzte innerlich. Ryan sah wirklich unglaublich gut aus, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich, mit schönen breiten Schultern, schmaler Taille und unglaublichen Augen, die an einen Mann völlig verschwendet waren, wie ich oft dachte. Aber ich hatte nicht viele Freunde, und ich war – okay, ich gebe es zu – zu feige, mich an ihn heranzumachen und damit unsere Freundschaft zu riskieren.
Aber verdammt, es gab durchaus Zeiten, in denen ich am liebsten über ihn hergefallen wäre.
„Und wo ist dein Partner?“, fragte ich stattdessen. Während der Ermittlungen im Fall des Symbolmörders hatte Ryan mit Special Agent Zack Garner zusammengearbeitet, der eher wie ein Rettungsschwimmer aussah als wie ein Agent und der sich auf arkanische und übernatürliche Vorfälle spezialisiert hatte.
„Der blonde Bastard ist im Urlaub. In Kalifornien.“
Ich lachte. „Surfen?“
„Du hast es erfasst. Und was ist mit dir?“, erkundigte er sich, während er meinen Kühlschrank nach etwas Trinkbarem durchsuchte. Er zog ein Bier aus der unteren Schublade, sah mich an und hob eine Augenbraue. „Hast du einen aktuellen Fall, über den du reden kannst?“
Ich verzog das Gesicht. „Ja. Der Tag hat ziemlich beschissen angefangen. Der Sarge hat mich heute Morgen angerufen, um einen unserer Drogenfahnder zu wecken, und ich hab ihn tot aufgefunden, wahrscheinlich hat er sich erschossen.“
„Verdammt!“, fluchte Ryan leise. „Tut mir leid, das zu hören. Schlimmer kann es ja kaum werden.“
Ich rieb mir die Augen und lehnte mich gegen die Arbeitsplatte. „Wird es aber leider.“
Er warf mir einen ungläubigen Blick zu.
Ich holte tief Luft. „Brians Essenz war fort, einfach ausgesaugt.“
Er schwieg einen Moment. „Du meinst, wie bei deiner Tante?“
Ich schüttelte den Kopf. „Tessas Essenz ist ihr nur genommen worden, um ein arkanisches Ritual zu unterstützen. Sie war völlig in Ordnung und intakt – das ist so, als wenn du eine Batterie aus einem Roboter nimmst und sie für irgendetwas anderes benutzt. Brians Essenz ist … vertilgt worden. Es waren nur noch Fetzen übrig.“
Ryan setzte sich an den Küchentisch und sah mit gerunzelter Stirn zu mir auf. „Woher weißt du das? Ich meine, verlässt die Essenz den Körper nach dem Tod nicht ohnehin?“
„Ja, aber nicht sofort, und es ist mehr ein sanftes Loslassen.“ Ich zog einen anderen Stuhl unter dem Tisch hervor und ließ mich darauf fallen. „Also das ist so … die physische Hülle hat die Essenz fest im Griff. Wenn sie stirbt, lockert sich dieser Griff, wodurch die Essenz sozusagen als Ganzes davonschweben kann. Wird sie aber aus dem Körper herausgesaugt, bleiben Fetzen zurück, als wäre Fleisch von einem Knochen gerissen worden.“
Er schüttelte sich. „Okay, das klingt ziemlich scheußlich. Und was bedeutet das? Kann er nun nicht in sein Leben nach dem Tod übergehen, oder was immer da kommt?“
Ich rieb mir die Schläfen. „Es ist ein bisschen komplizierter. Alles, was man mir über die Essenz und die Energie beigebracht hat, besagt, dass die Essenz wiederverwendet wird, auch wenn es keine direkte Wiedergeburt von einem Körper in den nächsten gibt. Stell es dir so vor, als würde man Wasser wieder zurück in einen Krug gießen. Das nächste Mal, wenn ein Kind zur Welt kommt, wird ein weiteres Glas ausgeschenkt. Aber wenn zu viel Essenz aufgesaugt wird, dann ist nicht mehr genug vorhanden, um ein neues Leben zu erschaffen, und dann kommt es zu sehr unangenehmen Nebeneffekten.“
„Wie zum Beispiel?“
„Totgeburten“, sagte ich leise. „Kranke Menschen, die sterben, obwohl sie sich eigentlich wieder hätten erholen müssen. Ein leerer ‚Krug‘ hat fast immer eine Art Vakuumeffekt zur Folge, da er jede noch erreichbare Essenz anzieht.“
Ryan runzelte die Stirn. „Was ist mit der Bevölkerungsexplosion?“
„Aus bestehender Essenz kann sich neue entwickeln, aber das braucht Zeit. Stell dir eine Tomate vor. Es dauert Wochen, bis sie herangewachsen ist, aber nur Minuten, um sie zu essen.“
„Ich denke, es macht mir Angst, dass du das weißt“, sagte er, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Ich rutschte unbehaglich auf meinem Stuhl herum und erwiderte sein Lächeln nicht. „Es könnte mein Fehler gewesen sein.“
Er richtete sich auf. „Warte mal. Wie um Himmels willen kommst du darauf?“
Ich erzählte ihm schnell von dem Ilius und meiner Sorge, dass ich irgendwie dabei versagt hatte, ihn ordnungsgemäß zurückzuschicken. Aber als ich mit meinem Bericht fertig war, schüttelte er bereits den Kopf.
„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich weiß zwar nicht viel über Beschwörungen und Dämonen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass er dir entkommt und sich dann ausgerechnet auf diesen Menschen stürzt. Auch wenn der Selbstmord begangen haben sollte.“
Ich seufzte. „Ich weiß, aber eine bessere Erklärung fällt mir nicht ein.“
„Dann bist du einfach noch nicht darauf gekommen“, meinte er. „Aber das wirst du noch.“
Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln. Sein Vertrauen in mich war wahrscheinlich nicht zu rechtfertigen, aber es tat trotzdem gut. „Ich werde dir erlauben, mich zum Haus meiner Tante zu begleiten, wo ich – mal wieder – versuchen will, in ihre Bibliothek hineinzukommen, um ein paar Nachforschungen anzustellen.“
Er stieß ein lautes Lachen aus. „So wie Tom Sawyer es seinem Freund ‚erlaubt‘, den Zaun zu streichen?“
Ich grinste und stand auf. „Donnerwetter, ich wusste gar nicht, dass du lesen kannst.“
„Na ja … es war ein Hörbuch.“
„Klugscheißer. Wir treffen uns drüben.“
Ich stand im Flur des Hauses meiner Tante und betrachtete mit gerunzelter Stirn die Tür zur Bibliothek. Ich liebte meine Tante. Sie war die Einzige, die von meiner Familie übrig war, nachdem meine Eltern gestorben waren – meine Mutter an Krebs, als ich acht gewesen war, und mein Vater durch einen betrunkenen Autofahrer drei Jahre später. Tessa hatte mich großgezogen und war meine Mentorin geworden, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ich die Begabung hatte, Dämonen zu beschwören. Allerdings hatte meine Tante auch die Fähigkeit, mich in den Wahnsinn zu treiben, und es gab Zeiten, in denen ich sie am liebsten erwürgt hätte, aber ich liebte sie wirklich.
Trotzdem war dies einer der Momente, in dem ich sie gern erwürgt hätte. Sie hatte ihre Bibliothek mit derart vielen verzwickten Schutzmechanismen und anderen arkanischen Barrieren ausgestattet, dass ich mir wie ein Mitglied einer arkanischen Bombenentschärfungseinheit vorkam. Und obwohl ich gewusst hatte, dass sie Unmengen arkanischer Schutzwälle um ihr Haus und ihre Bibliothek errichtet hatte, war ich – dämlicherweise – davon ausgegangen, dass meine Tante mir, als ihrer einzigen lebenden Verwandten, ein Schlupfloch gelassen hatte.
Ich konnte die Tür der Bibliothek noch nicht einmal einen Spaltbreit öffnen, um zu sehen, in welchem Zustand sich der Raum dahinter befand. Die roten und schwarzen Wächter wanden sich zuckend und pulsierend vor der Tür – sichtbar nur für jemanden, der arkanische Spuren erkennen konnte. Für jeden Normalsterblichen sah sie ganz normal aus.
Aber kein Normalsterblicher würde überhaupt so nahe herankommen, weil Teile der Schutzmechanismen der Bibliothek – und des Hauses selbst – dafür sorgten, dass jeder, der das Haus betreten wollte, plötzlich an irgendetwas dachte, das er dringend sofort erledigen musste.
Dieses Bollwerk zu umgehen war mir leichtgefallen, aber der Rest der schützenden Mechanismen war da schon eine ganz andere Sache. Mit arkanischen Wächtern zu arbeiten war nicht meine Stärke. Das verlangte Können und Energie – fast wie bei einer Beschwörung. Ich brauchte mehr Erfahrung, um diese Fähigkeit zu entwickeln, und zusätzliche Energie zu sammeln, war schwierig, wenn nicht gerade Vollmond war. Der Grund dafür, dass man Beschwörungen normalerweise durchführte, wenn der Mond fast oder ganz voll war, war der, dass die notwendige Energie in dieser Zeit reichlich vorhanden und sehr gleichmäßig war. Nahm der Mond dagegen zu oder ab, war sie zerfasert und schwer zu beherrschen. Schwankungen in der Stärke der Energie konnten verheerende Folgen haben, wenn man gerade einen Dämon rief. Den Ilius hatte ich in der Nacht vor Vollmond beschworen – das war für einen Dämon der dritten Ebene absolut ausreichend –, aber die Beschwörung einer höheren als der achten oder neunten Ebene sparte man sich besser für die Vollmondnacht auf. Diese Einschränkungen durch die Mondphasen waren ziemlich nervtötend, aber die einzige andere Methode, Energie zu sammeln, bestand darin, zu foltern und zu töten – wie es der Symbolmörder getan hatte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass diese Möglichkeit für mich nicht zur Debatte stand.
Ryan stieß einen leisen Pfiff aus. „Das sieht aber wirklich übel aus.“
„Es ist einfach lächerlich“, beschwerte ich mich. „Wofür zum Teufel brauchte sie das alles?“
„Keine Ahnung, aber offensichtlich war es ihr sehr wichtig, dass niemand in ihre Bibliothek gelangte.“
„Ich bin ihre einzige verdammte Verwandte. Ich sollte doch wohl reindürfen.“
Ryan beobachtete die pulsierenden Wächter. Er war in der Lage, arkanische Spuren wahrzunehmen, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie ich. „Verdammte Scheiße. Wo willst du überhaupt ansetzen?“
„Genau das ist das Problem. Ich habe mich in den vergangenen zwei Wochen schon an den Rändern versucht, weil es da nicht so schlecht aussieht. Aber sobald ich dort irgendetwas auflösen kann, formt es sich sofort wieder neu.“ Mit gerunzelter Stirn starrte ich auf die Tür und die zuckenden Wächter. Ich hatte in den letzten Wochen fast genauso viel Zeit in Tessas Haus verbracht wie in meinem eigenen – bis ich sogar angefangen hatte, frische Sachen und meine Zahnbürste mitzunehmen. „Ich muss irgendwie den dicken Knoten in der Mitte durchdringen.“ Ich hatte gehofft, ich könnte einfach sehen, wo ich anfangen muss, das verdammte Ding zu entwirren. Wenn ich nur genügend Mut aufbringen könnte, um den Schutz auf arkanischem Weg zu berühren.
Du bist so ein Feigling!, schimpfte ich mit mir. Falls du dich irrst, kriegst du lediglich einen Schlag ab. Bring es endlich hinter dich!
„Na, wird schon schiefgehen“, murmelte ich, während ich begann, mich mental zu öffnen. „Es ist ja nicht so, als wollte meine Tante …“
Ich machte einen Satz zurück, als ich sah, wie die Wächter in meiner Andersicht warnend rot aufglühten.
… mich töten! Scheiße! Die Ausläufer des arkanischen Blitzes trafen mich, und ein stechender Schmerz fuhr durch meine Arme und Beine, während ich rücklings auf dem harten Holzfußboden aufschlug.
„Verdammt! Kara!“, hörte ich Ryan rufen. „Alles klar?“
Ich blinzelte die Sterne weg, die noch vor meinen Augen tanzten, und sah, wie Ryan sich über mich beugte, das Gesicht voller Entsetzen und Sorge.
„Okay, das hat wehgetan“, krächzte ich.
Er strich mir das Haar aus der Stirn. „Alles klar?“, wiederholte er.
„Ja“, keuchte ich ziemlich überrascht von seiner Geste. „Lass mich einfach hier liegen und wieder zu Atem kommen.“
Er musste es in meinen Augen gesehen haben, denn er zog abrupt die Hand zurück und fuhr sich stattdessen durchs Haar. „Das war Wahnsinn“, sagte er und stieß die Luft aus. „Ein richtiger verdammter Blitz.“
Ich schaffte es schließlich, mich auf die Seite zu rollen und aus dieser Position heraus aufzurichten und gegen die Wand zu lehnen. Meine Arme und Beine zuckten immer noch, und der stechende Schmerz begann gerade erst nachzulassen.
„Verdammt!“, murmelte ich frustriert. „Ich schätze, ich werde einen Dämon beschwören müssen, um da reinzukommen.“
Ryan reichte mir eine Hand, um mir aufzuhelfen. Dafür war ich ihm dankbar. Meine Knie fühlten sich immer noch wie Wackelpudding an, aber zumindest der Schmerz war fast vollständig verschwunden. Ich hatte Glück gehabt. So hart auf dem Boden zu landen hatte verdammt wehgetan, aber es war immer noch besser, als bei lebendigem Leib zu verbrennen. Ich hatte nur die Ausläufer des Blitzes abbekommen, und das hatte schon gereicht.
„Deine Tante hat hier doch auch eine Beschwörungskammer, oder nicht?“, fragte Ryan.
Ich schenkte ihm ein dünnes Lächeln. „Die hat sie allerdings. Und sie ist genauso geschützt.“ Ich seufzte und zerrte mein T-Shirt wieder zurecht. Dann rollte ich mit dem Kopf, um zu prüfen, ob noch alles an seinem Platz saß. „Ich werde den Dämon in meiner eigenen Kammer rufen und ihn dann hierherbringen müssen.“
Ryan verschränkte die Arme vor der Brust. „Woher habe ich bloß das Gefühl, dass du nicht davon redest, ein niedliches kleines Wesen von der Größe eines Hundes zu beschwören?“
„Weil du unverschämt scharfsinnig bist. Ich brauche Unmengen von Antworten, und es gibt einen Reyza, der mir noch einen Gefallen schuldet.“ Ein Reyza war ein Dämon der zwölften Ebene – der höchsten Ebene, von der man einen Dämon mit normalen Mitteln beschwören konnte. Dämonenfürsten konnten ebenfalls beschworen werden, aber die dazu notwendigen Rituale waren unglaublich komplex und benötigten so viel Energie, dass es fast unmöglich war. Es sei denn, der Fürst war bereit zu kommen, was allerdings fast niemals der Fall war.
Ryan hob eine Augenbraue. „Und wie zum Teufel willst du einen zwei Meter fünfzig großen Dämon mit riesigen Schwingen, Hörnern und einem Schwanz aus deinem Keller hierherbringen? Im Kofferraum deines Taurus?“ Ryan wusste nur zu genau, wie ein Reyza aussah – er war bereits einem näher gekommen, als er es sich in seinen kühnsten Träumen gewünscht hatte, nämlich als er von Sehkeril gefangen genommen worden war, jenem Dämon, der sich mit dem Symbolmörder verbündet hatte.
„Überlass das einfach mir“, erwiderte ich mit einem selbstzufriedenen Lächeln. Ich ging zur Tür, und Ryan folgte mir.
„Und … äh … brauchst du vielleicht irgendwelche Hilfe dabei, deinen Dämon zu transportieren?“ Er bemühte sich, möglichst beiläufig zu klingen, aber ich wusste, wie gern er eine Beschwörung sehen würde.
Er war zwar schon mal bei einer dabei gewesen, allerdings in einer Position, die ihm wahrscheinlich nicht besonders gefallen hatte – im Innern des Kreises als eins der potenziellen Opfer.
Ich stieß einen demonstrativen Seufzer aus. „Nun ja, ich könnte wohl ein bisschen Hilfe gebrauchen. Ja, du kannst zu der Beschwörung kommen.“ Dann senkte ich den Kopf und funkelte ihn unter zusammengezogenen Augenbrauen an. „Und der einzige Grund dafür, dass ich es überhaupt in Erwägung ziehe, deine Anwesenheit bei dieser Beschwörung zu dulden, liegt darin, dass der Reyza in meiner Schuld steht, deswegen bin ich mir ziemlich sicher, dass er nicht sofort versuchen wird, uns beide in Stücke zu reißen.“
Ryan grinste.
Ich verdrehte die Augen, aber ich konnte nicht anders und musste lächeln. Manchmal gab es diese Augenblicke, in denen er das Gehabe des FBI-Agenten vollkommen ablegte und sich benahm wie ein Teenager. Ich liebte diese anderen Seiten seiner Persönlichkeit – und dass er bereit war, sie mir zu zeigen, gab mir fast das Gefühl, dass er mir vertraute.
Ich schloss die Eingangstür und versperrte sie, dann gingen wir zu unseren Autos, die in der Einfahrt parkten. Ich wandte mich zu ihm um, weil ich etwas sagen wollte, hielt dann aber inne und blickte auf Tessas Vorgarten, wobei ich im Licht der Abendsonne, die sich im See spiegelte, die Augen zusammenkneifen musste.
Ryan bemerkte meinen verwirrten Gesichtsausdruck und warf ebenfalls einen Blick auf den Garten, dann wandte er sich wieder mir zu. „Was ist los?“
„Jemand hat den Rasen gemäht.“ Und das vor gar nicht langer Zeit. Vielleicht gestern? Und die Blumenbeete waren vom Unkraut befreit und geharkt worden. In Gedanken scheuerte ich mir eine, weil ich es nicht früher bemerkt hatte.
Ryan ließ seinen Blick noch einmal über den Garten streifen, dann zuckte er die Achseln. „Vielleicht eine ihrer Nachbarinnen, die ihr einen Gefallen tun wollte.“
