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Der Philosoph Leon Joskowitz entfaltet in diesem Buch eine einfache Idee: Das Kochen hat uns zu Menschen gemacht. Das Kochen und die Küche sind nicht zum Menschen hinzugekommen wie das Rad, die Schrift oder andere Techniken. Im Gegenteil sind die Zubereitung von Nahrung und das Leben am Feuer sowohl die Voraussetzung als auch die grundlegenden Elemente von menschlicher Kultur. Wir sind Teil einer kulinarischen Lebensform. Die ältesten Spuren kochender Menschen sind rund 800 000 Jahre alt und somit viel älter als der Homo sapiens. Am Feuer haben Menschen gelernt, ihre Nahrung zu teilen und einander Geschichten zu erzählen. Nicht zuletzt ihre eigene: die Geschichte eines sprechenden Tieres, das sich von allen anderen Tieren unterscheidet.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ebook Edition
Leon Joskowitz
Vom Kochen und Töten
Kulinarische Meditationen über den Anfang der Menschheit
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www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Informationen zum Covermotiv:
Faustkeil: Altpaläolithikum
Material: Kieselschiefer, Fundort: Bad Salzuflen, Kreis Lippe, 1997
Foto: Stefan Brentführer / Landschaftsverband Westfalen-Lippe
ISBN 978-3-86489-898-3
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2023
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Zeichnungen S. 49, 52: Urban Hüter
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
Titel
Von Tieren und Menschen
Auf kulinarischer Wanderschaft
Neun Gänge durch das Buch
Sammeln
Im Wald
Distinktionsvermögen
Rational und instinktiv
Instinct is not enough
Bewusstsein
Lucy und Eva
Schlagen
First Sculpture: Handaxe to Figure Stone
Faustkeile40
First Sculpture
I think
Schneiden
I think
Jagen
I think
Töten
Kochen
I think
Sprechen
Wir und die Anderen
Lachen
I think
Von Menschen und Tieren
Anmerkungen
Autor
Titel
Inhaltsverzeichnis
Bei meinem ersten Mal war ich vier oder fünf Jahre alt. Wir verbrachten die Osterferien auf einer griechischen Insel, bei Freunden meiner Eltern. Ich streunerte mit den anderen Kindern durch das Dorf, als ich einen Mann bemerkte, der ein Lamm im Arm trug. Ich ging ihm nach und sah, wie er in einem kleinen Steinhaus verschwand. Leise schlich ich hinter ihm her und stellte mich neben den Eingang an die Wand. Es dauerte einen Moment, bis sich meine Augen an das matte Licht in dem Raum gewöhnten, und ich erkannte, dass dort bereits einige Männer in einem Kreis standen. Der Lammträger trat in ihre Mitte und legte das kleine Tier auf einen Tisch. Die Beine des Lamms waren zusammengebunden, sein Fell war ganz hell, nur an manchen Stellen hatte es staubige, braune Flecken. Der kleine Körper hob und senkte sich mit jedem Atemzug, und mit seinem schwarz glänzenden Auge suchte es ziellos die Decke ab. Die Männer standen ruhig, fast andächtig um das Lamm herum, bis einer mit tiefer Stimme zu singen anfing. Die anderen stimmten mit ein und wiederholten die Melodie. Sie bauten kleine Variationen ein, und während sie sangen, blickten sie das Lamm in ihrer Mitte mit ernsten Gesichtern an. Als sie geendet hatten, legte der Vorsänger dem Lamm seine Hand auf den Kopf, und mit einem Messer, das ich zuvor nicht bemerkt hatte, schnitt er dem Tier die Kehle durch. Es ging sehr schnell, eine einzige Bewegung hatte gereicht. Ich schrie, aber nur innerlich, nur stumm. Die Spannung der Männer hatte sich auf mich übertragen. Gemeinsam sahen wir zu, wie das Leben aus dem kleinen Geschöpf wich und sein Blut zu Boden fiel. Der erste Schwall ebbte rasch ab, und als es nur noch tröpfelte, wurde das tote Tier aufgehängt. Einige Männer wandten sich zum Gehen. Da wurde ich entdeckt. Was machst du hier? Das ist nichts für Kinder! Mit einer wedelnden Handbewegung scheuchte man mich aus dem Raum, und die warme Frühlingssonne nahm mich zurück in ihre Arme. Ich stolperte Richtung Wasser und fand am kleinen Hafen meine Freunde wieder. Keiner fragte, wo ich gewesen war, und während ich bald wieder in ihrer Mitte spielte, hörte ich weiter die sanften Stimmen der Männer. Ich sah das kleine Lamm und sein ziellos suchendes Auge, sah das blitzende Messer in der kräftigen, von der Sonne gegerbten Hand und das Blut, das aus dem Tier herausfloss und auf den Boden fiel. Ich sah alles noch genau vor mir.
Ich habe niemanden davon erzählt, auch nicht am nächsten Tag, als sich das Lamm über einem offenen Feuer drehte und langsam von einem toten und blutigen Stück Fleisch in einen köstlich duftenden Braten verwandelte. Manch einer der Erwachsenen mag sich gewundert haben, warum ich so lange am Feuer saß und dabei zusah, wie das Tier Runde um Runde drehte, aber niemand befragte mich dazu, und ich hatte nichts zu sagen. Es gab nichts, das ich hätte mitteilen wollen. Ich war bloß voller Fragen. Irgendwie ahnte ich bereits, dass die Fragen, die damals von mir Besitz ergriffen, nicht durch die üblichen, pragmatischen Ratschläge Erwachsener beantwortet werden konnten. Es waren keine normalen Fragen, Fragen, die man einmal stellt und auf die man eine kluge oder eine dumme Antwort bekommt und danach wieder vergisst. Es waren – wie ich später lernte – philosophische Fragen. Alte und edle Fragen, deren Sinn nicht allein in den Antworten liegt. Fragen, die einen eigenen Wert haben, die sich verwandeln und weitere Fragen nach sich ziehen, die zu Freunden werden, die einen zur Verzweiflung treiben oder in Verzücken versetzen. Fragen, die Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre verschlingen.
Was hatte das Lamm getan? Warum musste gerade dieses Lamm sterben? Wie kann sich ein Körper, der eben noch blutig war, über dem Feuer in eine köstliche Speise verwandeln, die einen alles vergessen lässt? Könnte mir das Gleiche widerfahren wie dem Lamm? Was passiert nach dem Tod? Warum töten und essen wir Tiere, aber keine Menschen? Und nicht zuletzt: Wie komme ich an das leckere Fleisch?
Es waren die Fragen eines Kindes, aber sie blieben mir treu, und als ich Jahre später anfing, Philosophie zu studieren, lernte ich, sie neu zu formulieren. An der Universität tauchte ich in die Welt der Begriffe und der Ideen ein, und was ich im Moment der ersten Anschauung intuitiv erfasst hatte, ordnete sich in komplexe anthropologische, soziologische, naturphilosophische, ethische, metaphysische und evolutionsbiologische Zusammenhänge. Ich verstand, dass ich mit meinen Fragen nicht allein war. Sie wurden von Philosophen und Philosophinnen zu allen Zeiten gestellt und gipfelten in einer einzigen Frage: Was ist der Mensch?
Man lehrte mich, dass sich die Menschen von den Tieren unterscheiden. Man lehrte mich, dass die menschliche Würde unantastbar ist; dass Menschen klüger sind als andere Tiere; als einzige Art über eine symbolische Sprache verfügen; ja, frei sind, anders zu handeln, als die Natur es ihnen vorgibt; dass Menschen vernünftige Lebewesen sind; und dass all diese Besonderheiten uns zu kulturellen und moralischen Wesen machen. Außerdem haben wir Technik, Kunst, Wissenschaft und Philosophie erfunden, und wir können die Welt nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten, was uns zu gottähnlichen Geschöpfen macht. Diesen Argumenten konnte und wollte ich nicht viel entgegensetzen. Ich akzeptierte sie fürs Erste und nahm meinen Status und meine Privilegien als Homo sapiens an.
Doch nach einiger Zeit kamen Zweifel in mir auf. Die meisten Menschen haben nie etwas erfunden, weder ein philosophisches Buch gelesen noch ein Kunstwerk erschaffen. Säuglinge können weder sprechen, noch sind sie frei. Und überhaupt: Sind Krieg, Folter, Sklaverei und Genozide nicht genuin menschliche Erfindungen? Warum bilden sich die Menschen auf ihre Klugheit, ihre Kultur und ihre Moral so viel ein, dass sie sich Homo sapiens nennen, was übersetzt nichts anderes als ›vernünftiger Mensch‹ heißt? Warum nehmen wir uns das Recht heraus, die Natur und alle anderen Tiere als unseren Besitz zu begreifen? Wie unterscheiden sich Menschen und Tiere ganz genau? Und wie ist es zu dieser Unterscheidung gekommen?
Das Studium der alten Bücher half mir nicht wirklich weiter. Während der Philosoph Immanuel Kant den Unterschied zwischen Menschen und Tieren Ende des 18. Jahrhunderts noch für absolut und unerklärlich hielt1, ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts klar, dass die vernünftigen Menschen nicht einfach immer schon vernünftig gewesen sind. Damals legte Charles Darwin seine berühmte Evolutionstheorie2 vor, und es war nicht mehr zu leugnen, dass Menschen nicht als Homo sapiens von Gott erschaffen wurden, sondern selbst mal Tiere waren und alles am Menschen sich im Laufe einer evolutionären Naturgeschichte langsam entwickelt haben musste: Die kulturelle Lebensart, die Werkzeuge, Technik, das menschliche Bewusstsein, analytisches Denken, die symbolische Sprache, Rationalität, Freiheit, Individualität, Subjektivität, Moral und auch das Vermögen, eigenständig über Gut und Böse nachzudenken, müssen im Laufe der Evolution entstanden sein. Aber wie?
Diese Fragen sind nicht neu, und wie die Bezeichnung Homo sapiens anzeigt, ging der Biologe Carl von Linné, der uns diesen Namen 1758 gab, anfänglich noch davon aus, dass das besondere Merkmal der modernen Menschen nicht in ihrer tierischen Natur zu finden sei, sondern mit der Vernunft zusammenhänge.3 Nun sind die Hoffnungen, dass die menschliche Vernunft dazu beitragen würde, Krieg, Hunger und Elend zu überwinden, noch nicht in Erfüllung gegangen, und mit der Zeit verblasste auch die Idee, dass die Menschen frei und selbstbestimmt leben könnten. Im Laufe des 20. Jahrhundert geriet der philosophische Charakter des Homo sapiens immer mehr in Vergessenheit, und nach der Entdeckung der DNA durch James Watson und Francis Crick im Jahre 1953 gaben sich viele mit der Vorstellung zufrieden, dass die Frage nach der Entstehung der Menschen und der menschlichen Kultur von der molekularen Evolutionsbiologie beantwortet werden könnte.4 Man dachte nun, dass Menschen bloß genetisch leicht veränderte Affen seien und die menschliche Lebensform auf eine Reihe von genetischen Mutationen zurückzuführen sei.
Auch ich hing unbewusst diesem Glauben an und las erwartungsfroh Charles Darwins Hauptwerk Über die Entstehung der Arten, Mankind Evolving5 von Theodosius Dobzhansky und eine Menge anderer Bücher zur Evolution.6 Ich wollte herausfinden, wie die menschliche Art genau entstanden ist. Doch zu meiner großen Überraschung scheint die weit verbreitete Annahme, dass die Biologie die Antwort auf die Entstehung der menschlichen Kultur gefunden hätte, in die Irre zu führen. Natürlich gibt es genetische Unterschiede, und einige besondere körperliche Merkmale der Menschen sind offensichtlich. Aber weder unsere Gene noch der aufrechte Gang, die nackte Haut, der kleine Kiefer, die bewegliche Hand und auch nicht das große Gehirn können erklären, warum menschliche Tiere begannen, ihre Welt zu gestalten. Die Biologie kann keine Gründe dafür angeben, warum es vorteilhaft wurde, sich nicht mehr nur der Umwelt anzupassen, sondern das Leben selbst in die Hand zu nehmen, dauerhafte Werkzeuge herzustellen und weiterzuentwickeln, die Angst vor dem Feuer abzulegen, Nahrung zu kochen, sprechen zu lernen, Ge- und Verbote aufzustellen, das Leben nach eigenen Gesetzen zu gestalten und ins Reich der menschlichen Kultur einzutreten.
Wie kam es dazu, dass sich nicht mehr die körperlich stärksten Affen durchgesetzt haben, sondern jene, die gute Geschichten erzählen konnten und gute Erklärungen für die Phänomene der Natur fanden? Seit wann können Menschen überhaupt sprechen, und seit wann regeln Menschen ihr Zusammenleben durch moralische Tabus? Warum war es vorteilhaft, dass die menschlichen Kiefer im Laufe der Evolution kleiner und die Gehirne größer wurden?
Ich war gerade dabei, mein Studium abzuschließen, als ich von einer archäologischen Ausgrabungsstätte las: An einem Ort namens Gesher Benot Ya’aqov, im heutigen Israel, wurden Feuersteine, verbrannte Knochen, aufgebrochene Tierschädel, Werkzeuge aus Stein und die Überreste von 55 verschiedenen essbaren Pflanzenarten entdeckt. Darunter Wein, Oliven, wilde Gerste und Nüsse.7 Die Forscherinnen rund um die Paläontologin Dr. Naama Goren-Inbar datieren die Funde auf rund 790000 Jahre vor unserer Zeit, und die Vorstellung, dass Menschen bereits vor knapp 800000 Jahren am Feuer saßen und kochten, faszinierte mich. Aber es kam noch besser. Obwohl die Hinterlassenschaften in Gesher Benot Ya’aqov nur von einer menschlichen Lebensform stammen können, wurde kein einziger fossiler menschlicher Knochen gefunden. Bis zum Abschluss der Grabungen blieb unklar, welcher biologischen Art die Funde zuzuordnen sind, und niemand weiß, wer diese Menschen waren.8 Offenkundig ist hingegen, dass sie sich nicht mehr bloß an ihre Umwelt anpassten, sondern ihre Welt schon gestalten konnten. Sie hatten das Feuer unter Kontrolle gebracht und sie kochten ihre Nahrung! Der Fund lässt die Annahme zu, dass das Vermögen, die Wirklichkeit nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu verändern, viel älter ist als die biologische Art des Homo sapiens. Dessen Anfänge werden derzeit auf einen Zeitraum vor 40000 bis 300000 Jahren vor unserer Zeit datiert. Die archäologischen Spuren einer uralten kochenden Kultur führen uns also vor Augen, dass es schon lange vor dem Homo sapiens Lebewesen auf der Erde gab, die uns heutigen Menschen insofern ähnelten, als sie sammelten, jagten, kochten, ihre Nahrung teilten und gemeinsam speisten. Sonst wissen wir nichts über sie. Weder wissen wir, wie sie miteinander kommuniziert haben, noch, ob sie Tänze oder Rituale kannten; von den Fragen, wie sie ihr soziales Leben organisiert haben, in welchem Verhältnis die Geschlechter standen und ob sie schon Tabus kannten, ganz zu schweigen. Sicher ist nur, dass mit dem Kochen und dem Teilen von Nahrung eine Methode sichtbar wird, sich aus der Welt zu nähren, die es schon viel länger gibt als die modernen Menschen und die Einblick in die tiefe Vergangenheit bietet. Das Kochen und die Küche sind älter als der Homo sapiens. Sie sind nicht – wie das Rad oder die Schrift – einfach zum Menschen hinzugekommen, sondern sie haben die Menschwerdung begleitet. Das Kochen und das Leben am Feuer können die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins einsichtig machen.
Menschen waren mal Tiere, und ein zentraler Unterschied liegt darin, dass Menschen sich weniger an ihre Umwelt anpassen, sondern im Gegenteil dazu neigen, ihre Umwelt selbst zu gestalten. Die Menschen sind Schöpfer ihre eigenen Welt, und das Kochen ist eine uralte Tätigkeit, die erklärt, wie und warum die Menschen ihr Vermögen, die Wirklichkeit zu gestalten, ausbilden konnten. Im Unterschied zu den Tieren, essen Menschen nicht einfach, was sie in der Natur finden. Menschen wählen ihre Zutaten aus, tragen sie in eine Küche, zerschneiden sie und kochen sie, bis sie lecker und bekömmlich sind. Durch das Kochen verändern die Menschen ihre Körper, ihre Sicht auf die Dinge, ihr Verhältnis zu den anderen Tieren und die Dynamik ihres sozialen Alltags.
Anfänglich überblickte ich die Zusammenhänge nicht. Ich ahnte, dass ich etwas auf der Spur war, aber ich traute meinen Ideen nicht. Es schien mir unglaubwürdig, dass noch niemand vor mir die Küche als Ort der Menschwerdung erkannt haben sollte.9 Je mehr ich jedoch darüber nachdachte, desto deutlicher wurde, dass alle Elemente des menschlichen Lebens und der Kultur in einem Bezug zur Küche und zum Kochen stehen. Hier trifft der Hunger der Tiere auf die menschliche Neugier, und der Wille, die Welt nicht einfach anzunehmen, wie sie ist, sondern sie zu verbessern, bahnt sich seinen Weg.
Auf Lateinisch heißt Küche culina, und das deutsche Wort ›kulinarisch‹, welches nun mein Begleiter wurde und in diesem Buch eine wichtige Rolle einnimmt, hat entgegen der üblichen Verwendung nichts mit Genussreisen oder Sternerestaurants zu tun, sondern heißt einfach ›auf die Küche bezogen‹. Wenn ich hier also von kulinarischen Lebensformen, kulinarischen Meditationen oder kulinarischer Wanderschaft spreche, dann meint dies: Leben in der Küche, Nachdenken in der und über die Küche, kochen, am Feuer sitzen und gemeinsam speisen! Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ich hatte mein Studium abgeschlossen und begann, als Koch zu arbeiten. Ich verlagerte mein Leben vom Seminar in die Küche, und langsam begannen die Teile sich wie in einem großen Puzzle zu fügen. Ich war einer Universalie auf der Spur, die alle Menschen verbindet: der Küche! Zugleich wurde mir klar, dass mein Wissen gering war und ich in der Stadt das Geheimnis der Küchen und unserer kulinarischen Lebensart nicht lüften könnte.
Ich wusste kaum etwas über Herkunft, Anbaubedingungen, Sorten, Qualität, Lagerung, Kreisläufe, die Aufzucht von Tieren, den Handel von Lebensmitteln, und erst recht wusste ich nichts über das Töten. Ich aß Fleisch wie die meisten anderen auch, also gedankenlos und viel. Doch ich hatte im Studium gelernt, einer Sache auf den Grund zu gehen. Ich wollte also alles wissen und den Weg der menschlichen Nahrung vom Anfang bis zum Ende, von der Saat bis zur Pflanze, vom Kalb bis zum Schnitzel, vom Metzger in die Küche und vom Teller in den Mund verfolgen. Ich wollte die Herstellung, die Zubereitung und die Wirkung der Nahrung studieren.
Ich begann, auf einem Weingut zu arbeiten. Ich erntete Äpfel in der Steiermark und beschnitt Pfirsichbäume in Südfrankreich. Ich molk Kühe und holte Honig aus den Waben. Ich wendete Käselaibe, buk Torten für Touristen in Südtirol und kochte Reisbrei für Nonnen. Ich stopfte Enten und presste Öl aus Oliven. Ich lernte, meine Messer zu schleifen und Tiere zu zerlegen. Ich pflückte Beeren und essbare Blüten, und ich nahm alle meine Geduld zusammen, um zu beobachten, wie aus Meerwasser Fleur de Sel wird. Ich fuhr zur See, saß im Nieselregen beim Angeln, fischte im Amazonas nach Piranhas, trieb Schafherden zusammen, braute Bier, brannte Schnaps und sammelte Pilze und Wildkräuter. Alle Tätigkeiten standen in einem Bezug zur Küche, zum Kochen und zum Essen. Ich lernte, wie man den Boden bearbeitet, Keimlinge pikiert, Jungpflanzen setzt, Ställe ausmistet, wie aus Trauben Wein wird, wann welche Früchte reif sind, wie man sie anbaut und erntet oder wo man sie in guter Qualität kaufen kann. Und natürlich kochte ich. Ich lernte das Feuer und die Garzeiten kennen, die Töpfe und Werkzeuge, die Rezepte und Routinen, die Tricks, die Liebe, das Salz, die Butter, die Anstrengungen, das frühe Aufstehen, die späten Feierabende und die Sauferei. Ich schaute italienischen Großmüttern ihre uralten alchemistischen Geheimnisse ab, hob mit den Maori in Neuseeland Erdöfen aus und briet mit brasilianischen Gauchos Picanha über dem offenen Feuer. Ich lernte wie man aus einigen Zutaten und mit etwas Hitze Speisen zaubern kann, die die Menschen satt und glücklich machen.
Mit der Zeit fügten sich die vielen Elemente zu einem Bild zusammen. Wie ein Mosaik, das lange verdeckt war und das man nur vorsichtig und langsam freilegen darf, um nicht Gefahr zu laufen, es durch zu große Eile zu zerstören.
Die kulinarischen Meditation beginnen mit dem Sammeln, weil das Sammeln eine Bewegung ist, die schon ausgeübt wurde, bevor es Menschen gab, und die immer noch zu unserer Lebensart gehört. Heute sagen wir Einkaufen (→Sammeln). Dann verfolge ich den Unterschied zwischen Menschen und Tieren bis zu den ältesten überlieferten Werkzeugen zurück. Es sind Schneide- und Küchenwerkzeuge aus Stein, die der Beschaffung und der Zubereitung von Nahrung dienten (→Schlagen). Sie heißen ›Faustkeile‹ oder ›Geröllgeräte‹ und zeugen davon, dass Menschen bereits vor zwei bis drei Millionen Jahren über scharfe Klingen verfügten, die es möglich machten, andere Tiere fein säuberlich zu zerlegen (→Schneiden). Mit diesen Klingen aus Stein kommt eine neue Art zu töten in die Welt: das Töten mit Waffen (→Jagen). Es schafft eine Distanz zwischen den Jägerinnen und Jägern und ihrer Beute, die es möglich macht, zu beobachten, wie die eigene Hand die Klinge führt und einem anderen Lebewesen die Kehle durchschneidet. Man kann seinem Opfer in die Augen schauen, und da anfänglich noch nicht geklärt ist, wer Tier und wer Mensch ist, kommt diesem Augenblick bei der Entstehung des menschlichen Bewusstseins eine große Bedeutung zu (→Töten).
Vieles fällt in eins in dieser frühen Zeit.
Die Menschen folgen ihrer Neugier10 und legen die Angst vor dem Feuer ab. Ist das Feuer erst unter Kontrolle, erhellt es die Nacht und wärmt. Es schützt vor Feinden und es bedeutet eine revolutionäre Lösung für das älteste Problem der Natur: den Hunger. Mit dem Kochen stiften die Menschen eine Tradition, die bis in unsere Gegenwart andauert. Heute nennen wir den Raum, der in der Urzeit als einfaches Feuer entstand, ›Küche‹. Küchen sind soziale und kommunikative Räume. Orte der geteilten Aufmerksamkeit, der Kooperation, des Teilens und der Verwandlung. In Küchen sprechen Menschen miteinander, sie blicken gemeinsam ins Feuer, es wird geträumt und getanzt. Um das Feuer und in den Küchen beginnt die menschliche Lebensform Gestalt anzunehmen, und das Fundament wie die Struktur der menschlichen Kultur zeichnen sich ab (→Kochen). Es ist ein eigenartiges Gefüge, eine Konstellation aus Licht, Wärme, Geselligkeit und Kooperation, aus Verwandlungen, Sattheit, Ruhe und Ekstase, und ja, dem Töten und dem Tod, die das menschliche Bewusstsein und die menschliche Art auf den Weg bringt.
Die ersten Köchinnen und Köche wissen noch nicht, was sie tun. Sie sind Wesen des Übergangs, und während sie lernen, wie die Dinge sich über dem Feuer verändern lassen, transformieren sie auch sich selbst. Über die Zeit wird die Küche zu ihrer Nische, zu einem sozialen Ort, an dem eine neue Art entstehen kann: die menschliche Art. Die Küche ist der Ort der Verwandlung und der Versammlung. Sie ist Werkstatt, Bühne, Tempel, Tribunal und Parlament. Sie wird zur menschlichen Lebenswelt und zu unserer zweiten Natur. Man passt sich nicht mehr Tag und Nacht, dem Leben in der Steppe oder den Jahreszeiten an, sondern dem kulturellen Leben in der Küche. Die Werkzeuge, das kulinarische Handwerk und der Schutz des Feuers machen alte körperliche Erbschaften überflüssig. Wer seine Nahrung kocht, muss nicht mehr stundenlang auf Rohkost herumkauen. Wer mit Waffen aus der Distanz tötet, braucht keine Fangzähne. Es wird vorteilhaft, mit einem feineren Mundwerk geboren zu werden, das nicht dem Kampf mit der Beute dient, sondern der Fähigkeit, sich schöner zu artikulieren. Wer die Töne besser trifft und seine Laute feiner nuancieren kann, wer bessere Ausdrücke für die neuen Prozesse, das soziale Leben und die Mehrdeutigkeit, die am Feuer und beim Kochen ins Leben einziehen, findet, gewinnt an Ansehen. Die Sprache erweist sich als praktisch, um die Prozesse der Verwandlung zu beschreiben, sie kreativ zu gestalten und sich über die Wirkungen der Speisen auszutauschen; ebenso bei der Koordination der Jagd, der Bestimmung von Sammelgründen und bei der Organisation des sozialen Alltags. Es setzen sich nun Individuen durch, die mit mehr Gehirn geboren werden. Sie lernen schneller, variieren die Laute und geben die Sprache an die nächste Generation weiter. Die Sprache wird komplexer und abstrakter, und sie bekommt eine symbolische Dimension. Es wird möglich, mittels der Sprache über sich selbst, über soziale Beziehungen und die eigene Handlungen nachzudenken (→Sprechen). Am Feuer beginnen die Menschen darüber zu sprechen, wie sie leben wollen, was richtig und falsch ist. In Küchen denken Menschen über ihr Handeln und ihre Beziehungen untereinander und zu den anderen Tieren nach. Wer nicht sprechen kann, nicht sprechen will, kein Gehör findet oder sich nicht auf die Bedingungen der sprachbegabten Menschen einlässt, bleibt vom Gespräch ausgeschlossen. Bald wird diese kommunikative Grenze manifest und bedingt eine ethische Setzung: Man unterscheidet nun zwischen denen, die nicht sprechen, den Anderen und Fremden, den Tieren, die man töten und fressen darf; und den Eigenen, die sprechen können und tabu sind, den Menschen (→Wir und die Anderen).
Doch die Ähnlichkeit ist noch groß. Einige Menschen erkennen sich in ihrer Beute wieder. Sie werden sich ihrer eigenen Taten bewusst und erschrecken vor sich selbst. Menschen sind Tiere, denen ihre eigenen Handlungen fremd werden und die eine symbolische Sprache finden, um damit umzugehen. Im Widerschein des Feuers beginnen sie darüber zu reflektieren. Die Natur zeigt sich ihnen als monströse Fressorgie und offenbart ein ethisches Dilemma: Einer muss sterben, damit die anderen leben können. Eine Tatsache, die nach einer Deutung verlangt und diese im Opferkult findet. Das Opfer inszeniert die Tötung, es rechtfertigt die Tat und regelt die Verteilung der Beute. Als Ritual, das der archaischen Gewalt und dem Töten eine kulturelle Form gibt, zeugt das Opfer von Lebewesen, die ihr Handeln mit symbolischer Bedeutung aufladen und sich um Rückbindung an die Natur bemühen. Zugleich ist das Opferritual eine Performance, die darüber entscheidet, wer getötet werden darf und wer welchen Anteil vom Fleisch erhält. Im Opferritual bekommt die uralte Frage nach der Verteilung der Beute ihre menschliche Form: das Gesetz (→Lachen).
Heute ist das Töten und Opfern aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Wir haben den Kontakt zu den Tieren, den Sinn und das Verständnis für das Opfer verloren, und damit auch den Blick für die ethische Differenz, die im Opfer ausgehandelt wurde. Der Übergang von einer natürlichen Fressordnung der Tiere über frühe kulinarische Tabus bis hin zu moralischen Regeln, ist ins Dunkel der prähistorischen Vergangenheit abgesunken. Der Unterschied zwischen Menschen und Tieren ist so alt, dass er als natürliche und biologische Differenz erscheint, aber das Opfer erinnert uns daran, dass er im gleichen Maße eine ethische Setzung ist: Tiere dürfen getötet werden, Menschen nicht.
Noch herrscht ein diffuses Gefühl der Entfremdung gegenüber der Natur und den Tieren, weil die Einsicht in den Prozess der Distanzierung von unserer tierischen Natur verstellt ist. Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass etwas an der Grenze zwischen Mensch und Tier nicht stimmen kann: Die Vorstellung, dass dem Menschen eine Sonderstellung zukommt, dass es sich beim Menschen gar um einen Höhepunkt oder das Ziel der Schöpfung handelt, hat sich als fataler Irrtum erwiesen. Sie hat nicht nur zu einem zynischen und instrumentellen Verhältnis zu den Tieren geführt, sondern sie zeichnet für einen unvorstellbaren Evolutionsbruch mitverantwortlich. Obwohl es heute möglich ist, die alte spirituelle Einsicht, dass alle Lebewesen miteinander verwandt sind, naturwissenschaftlich zu fundieren, bedroht die menschliche Lebensart das Glück aller. Eine Ideologie, wie die unsere, die keine Antwort auf das Massensterben der Tiere hat und sehenden Auges ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört, muss falsch sein.
