Vom Lesen und Schreiben - Paul Maar - E-Book

Vom Lesen und Schreiben E-Book

Paul Maar

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Beschreibung

Was macht ein gutes Kinderbuch aus? Reden, Aufsätze und Biografisches von Paul Maar Was macht ein gutes Kinderbuch aus? Welches Selbstverständnis hat der Autor Paul Maar und wie ist er zum Schreiben gekommen? Die umfangreiche Sammlung enthält alle wichtigen Reden und Aufsätze des vielfach preisgekrönten Autors, Lyrikers und Dramatikers, führt in sein Leben und Werk ein und ist ein Schatz für alle, die sich mit Kinderliteratur und Kindertheater beschäftigen. Mit der Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises und der Verleihung des Friedrich-Rückert-Preises, der Poetik-Vorlesung an der Universität Oldenburg, einem Gespräch aus "Der Deutschunterricht" u.v.m. Eine Fundgrube für Paul-Maar-Fans und alle, die Kinderliteratur lieben: 12 grundlegende Texte des berühmten Autors. Ideal auch für Lehrer, Dozenten u.a.

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Kurze Vorrede des Autors

Der vorliegende Band enthält Aufsätze, Vorträge, Reden und Interviews aus zwanzig Jahren.

Der älteste Beitrag stammt aus dem Jahr 1987, die Dankesrede anlässlich der Entgegennahme des Großen Preises der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Der jüngste ist die Niederschrift eines Referats über Kinder- und Jugendtheater, das ich 2006 an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg hielt.

Wenn ein Autor zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten vor unterschiedlichen Zuhörern über dieselben Themen sprechen soll, nämlich über seine Biografie und sein Schreiben, kann es nicht ausbleiben, dass er sich wiederholt. Er kann zwar variieren, indem er verschiedene Aspekte seiner Biografie in den Mittelpunkt rückt, aber letztlich sind die Variationsmöglichkeiten bald erschöpft.

Erst hatte ich versucht, alle Wiederholungen zu streichen, habe dann aber Abstand davon genommen.

Einmal aus Gründen der Authentizität, aber auch, weil durch die fehlenden Passagen der Gesamtzusammenhang der Texte empfindlich gestört worden wäre.

So kann ich meine Leser nur bitten, mir die Wiederholungen zu verzeihen und großzügig darüber hinwegzulesen.  

Bamberg, im Frühsommer 2007

Paul Maar

Zwei Biografien

Meine Damen und Herren,

man hat mich hierher eingeladen mit der Aufforderung, über meine Arbeit und meine Arbeiten zu sprechen. Ich bin, wie Sie sehen, dieser Aufforderung gefolgt, wenn auch mit einer gewissen Befangenheit.

Paul Nizon vergleicht einmal – leider weiß ich nicht mehr, wo ich es gelesen habe, ich kann deshalb nur ungenau aus dem Gedächtnis zitieren – einen Autor, der über sein Werk redet, mit einem Kranken, der vor mehr oder weniger teilnahmsvoll Lauschenden die Geschichte seiner Krankheit ausbreitet. Er kommt zu dem Schluss, dass man – wolle man wirklich etwas über den Gesundheitszustand des Erzählenden erfahren – doch besser gleich den Arzt befrage.

Mit anderen Worten: Der Literaturwissenschaftler kann ein Buch oder das Gesamtwerk eines Schriftstellers sehr viel objektiver und genauer analysieren als dieser selbst.

Dem stimme ich durchaus zu. Mir gefällt auch das Bild vom Autor, der sich erzählend mit seiner Krankheit auseinandersetzt. Ich möchte es sogar dahin gehend ausweiten, dass er dies nicht nur tut, wenn er über seine Arbeit berichtet, sondern immer, wenn er schreibt, auch wenn er sich scheinbar mit Fortsetzungsträumen, weißen Wölfen oder tyrannischen Tanten befasst.

Aber bei aller Wertschätzung ärztlicher Objektivität – mich interessiert die Befindlichkeit eines Kranken mindestens genauso wie die exakte medizinische Diagnose. Weiß ich doch, dass die gleiche Krankheit etwa von einem Patienten mit stoischer Ruhe ertragen wird, während ein anderer darüber in lautes Wehklagen verfällt.

Darüber hinaus steht ja außer Frage, dass ein Arzt umso schneller zu einer Beurteilung des Falles kommen kann, je ausführlicher ihm der Patient schildert, was ihm wann, wo und wie wehtut.

Kurzum, ich nutze die Anwesenheit so vieler Chef-, Ober- und Assistenzärzte sowie Medizinstudenten hier, um Ihnen die Symptome zu schildern, und überlasse es Ihnen, daraus Ihre Schlüsse zu ziehen und die Diagnose zu stellen.

Die klassische Medizin setzt an den Anfang der Diagnose die Anamnese.

Beginnen wir also mit der Krankheitsgeschichte:

Als Kind besaß ich vier Bücher: »Robinson Crusoe«, »Die Indiandergeschichte« von Drabsch mit den schönen Holzschnittillustrationen von Alfred Zacharias, eine deutsche Nacherzählung von Collodis »Pinocchio« mit dem Titel »Die Geschichte vom hölzernen Bengele« und ein großformatiges Album mit den Märchen der Brüder Grimm, herausgegeben von der Zigarettenfirma Reemtsma. Darin eingeklebt waren farbige Märchenillustrationen, sogenannte »Zigarettenbilder«, die wir Kinder eifrig sammelten. Einige Bilder in meinem Märchenalbum fehlten. Die im Text ausgesparten weißen Flächen markierten den Platz, wo ich sie mir vorzustellen hatte. In der Rückschau erkenne ich, dass sich an diesen mit einer schwarzen Linie umrahmten Rechtecken, die vergeblich auf die zugehörigen Bilder warteten, meine Fantasie heftiger entzündete als an den von Paul Hey gemalten naturalistischen Illustrationen.

Das Märchenbuch war mein größter Schatz, wurde mir Lebens-, wenn nicht sogar Überlebenshilfe. Ich werde später darauf zurückkommen.

Dass ich so wenige Bücher besaß, lag zum einen an den Zeitumständen.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte man andere Sorgen als die, den Kleinen zu kindgerechter Lektüre zu verhelfen. Zum anderen lag es an meinem lesefeindlichen Elternhaus, besser gesagt: Vaterhaus. Mein Vater fand hundert Gründe, mir das Lesen zu verbieten. Es führe zu einer schlechten Haltung, zu gebeugtem Rücken, es mache kurzsichtig und lenke vom Lernen ab. Letztlich stand hinter all diesen Gründen ein einziger: Er hielt das Lesen für Zeitverschwendung. Hätte er mich an einem Werktagnachmittag lesend angetroffen, er hätte mir sofort das Buch weggenommen, mir den Besen in die Hand gedrückt und mich mit der Bemerkung, ich habe ja offensichtlich nichts zu tun, vor das Haus geschickt, den Hof zu kehren.

Ich musste also Strategien erfinden, Kniffe anwenden, zu Heimlichkeiten Zuflucht nehmen, um zu Büchern und zum Lesen zu kommen. Bei den Gleichaltrigen gab es nicht viel zu holen. Es saßen zwar fast fünfzig Schüler mit mir in einer Klasse, aber man war noch weit entfernt von den idealen Zuständen, wie sie sich mir bei Lesungen heutzutage darstellen, dass nämlich mindestens ein Viertel der Kinder einer Klasse regelmäßig liest. Damals waren es gerade mal fünf Prozent. Es gab nur zwei oder drei, die zu Hause gelegentlich lasen und bereit waren, mit mir Bücher zu tauschen.

Eine öffentliche Bibliothek gab es in meiner Heimatstadt nicht, man konnte sich aber Bücher aus einer der beiden privat betriebenen Leihbüchereien gegen eine Gebühr von zwanzig Pfennig ausleihen, für mich damals eine sehr hohe Summe.

Deshalb empfand ich es als Offenbarung, als mir ein älterer Junge den Tipp gab, man könne sich kostenlos Bücher aus der Bibliothek des Amerikahauses holen.

Kinderbücher führte man dort zwar nicht, aber man hatte nichts dagegen, dass ein Zwölfjähriger seine Büchertasche bis an den Rand ihres Fassungsvermögens mit den Schätzen amerikanischer Literatur füllte und sie mit sich schleppte. Sie »heimschleppte« hätte nicht dem Sachverhalt entsprochen, denn ich deponierte sie in der Wohnung eines Freundes. Den suchte ich dann mehrmals in der Woche auf, angeblich, um Hausaufgaben mit ihm zu machen, in Wirklichkeit natürlich, um lesen zu können. Zusätzlich erfand ich nachmittäglichen Unterricht oder Chemie-, Kunst- und Physik-Arbeitsgemeinschaften, eilte mit der Büchertasche aus dem Haus, ging tatsächlich bis zum Schulgebäude, setzte mich aber in die überdachte Fahrradhalle neben dem Eingang und las William Faulkner, Edgar Allan Poe, Thornton Wilder, Dorothy Parker oder Ernest Hemingway. Ich will nicht behaupten, dass ich alles verstand, was ich da verschlang. Es gab Unverständliches, Leerstellen, ähnlich den weißen Rechtecken in meinem Märchenbuch, die ich mit eigenen Fantasien füllte.

Von dieser Lektüre meiner späten Kindheit sind mir nur die Titel im Gedächtnis geblieben. Ich entsinne mich zum Beispiel, dass mir das Hörspiel »Schlafwagen Pegasus« von Thornton Wilder so großen Eindruck machte, dass ich das Buch mehrmals auslieh, kann mich aber nicht einmal in groben Umrissen an den Inhalt erinnern.

Meine Hemingway-Lektüre führte dazu, dass mich die Bibliothekarin, die es erfreulich gelassen hinnahm, dass der inzwischen Dreizehnjährige Berge von Büchern auslieh, die eigentlich für erwachsene Leser bestimmt waren, dass mich jene Bibliothekarin also ernsthaft ermahnte und mir androhte, sie würde mir kein einziges Buch mehr überlassen, wenn ich nicht sofort aufhörte, hineinzuschreiben.

Ich war nämlich bei den sich lange hinziehenden Dialogpassagen Hemingways, in denen die wörtliche Rede nach meinem Geschmack viel zu wenig durch ein »sagte Bret« oder »antwortete Fergy« strukturiert wurde, spätestens nach einer halben Seite mit den Romanfiguren durcheinandergeraten, wusste nicht mehr, welcher der beiden Protagonisten gerade redete und wer antwortete, und brachte etwas Klarheit in Hemingways Dialogführung, indem ich mir den Namen des jeweils Sprechenden mit Bleistift vor das Anführungszeichen links an den Rand schrieb.

Ich überspringe nun einige Jahre, erzähle Ihnen nur noch, dass die Leseleidenschaft langsam einer zweiten weichen musste, der Malleidenschaft, die der ersten immer mehr Zeit abzog.

Nach dem Abitur stand ich vor der Frage, ob ich ein Germanistik- oder ein Kunststudium beginnen solle. Ich entschied mich für Letzteres, wurde Student in einer Malklasse der Akademie Stuttgart – und begann zu schreiben. Lyrik, kleine experimentelle Texte, schließlich mein erstes ambitioniertes Werk, eine Funkerzählung mit dem Titel »Der Turm im See«, ein kunstvolles Gebilde mit drei Erzähl- und mehreren Zeitebenen, alles schön ineinander verschränkt, etwa so, wie ich es bei Faulkners »Schall und Wahn« kennen- und schätzen gelernt hatte. Der Süddeutsche Rundfunk produzierte das Werk und strahlte es 1966 aus. Ich war mit einem literarischen Werk vor die Öffentlichkeit getreten und durfte mich fortan mit Fug und Recht »Schriftsteller« nennen.

Inzwischen war ich bereits sechs Jahre verheiratet, war Vater geworden und kam deshalb auf die Idee, ein Buch für meine Kinder zu schreiben.

So erzähle ich es jedenfalls meist nach Lesungen und darf mir des wohlwollenden Beifalls anwesender Mütter sicher sein.

Es ist ja auch nicht gelogen, nur ist die Wahrheit etwas komplexer. Die Beschäftigung mit Kinderliteratur wurde tatsächlich durch meine Kinder ausgelöst. Letztlich schrieb ich mein erstes Kinderbuch aber weniger für sie, mehr für das verletzte Kind in mir.

Und damit bin ich in Bereiche vorgedrungen, die eigentlich der zweiten, der anderen Biografie vorbehalten bleiben sollen. Ich komme nicht umhin, Ihnen das zu erläutern.

Was ich Ihnen vorgetragen habe, war die eine Möglichkeit, in der eigenen Biografie zu blättern. Man beschreibt die Vergangenheit aus der Distanz, ganz als handle es sich um das Leben eines anderen, und alle Beschränkungen und Verletzungen gerinnen zu Anekdoten, die man lächelnd erzählen kann.

Es gibt da aber eine zweite, tiefere Schicht, geprägt von Melancholie und Traurigkeit, die eine Distanzierung nicht mehr zulässt, die andere Biografie. Einige Schnipsel davon muss ich jetzt vor Ihnen ausbreiten.

Ich weiß, ich bin eingeladen worden, hier von meinem Schreiben zu berichten und nicht unbedingt von meiner Kindheit. Aber bei der Vorbereitung auf diesen Vortrag ist mir bewusst geworden, wie sehr in meinem Fall Biografie und Bibliografie miteinander verwoben sind und dass ich nicht darum herumkäme, von beidem zu sprechen.

Ich habe in einer Art meditativem Akt Bilanz gezogen, habe versucht, meine Bücher, aber auch meine Geschichte mit fremdem Blick zu betrachten. Das hatte ich früher gelegentlich getan, aber wohl recht oberflächlich. Erst diesmal sind mir einige Zusammenhänge ins Bewusstsein getreten, die im Nachhinein so offensichtlich scheinen, dass sie selbst einem entfernten Beobachter hätten auffallen können.

Ich hatte keine sonnige Büllerbü-Kindheit, eher deren Gegenteil.

Zuweilen kommt mir sowieso der Verdacht, dass meine Kolleginnen und Kollegen, die sich ganz dem Schreiben von Kinderbüchern verschrieben haben, eine von der allgemeinen Norm abweichende Kindheit hatten, extremer als andere Kinder: glücklicher oder zerstörter. Und dass diese Autoren nun entweder im späteren Leben immer wieder versuchen, sich die intensiven Glücksmomente der frühen, endgültig verlorenen Kindheit vor Augen zu führen, sie schreibend zumindest für den Augenblick wieder zu spüren, zu empfinden (dazu rechne ich etwa Astrid Lindgren), oder – und das wäre jetzt das andere Extrem, das wären nun die Autoren, denen ich mich zurechne – die fast verzweifelt versuchen, sich im Erwachsenenalter die glückliche Kindheit zu imaginieren und schreibend nachzuschaffen, die sie nie erlebt haben.

Meine Mutter starb während meines ersten Lebensjahres. Mein Vater stellte Hausmädchen ein, die sich um das Kind zu kümmern hatten. Keine hielt es lange aus, sie kamen und gingen. Immer wenn ich eine dieser neuen »Mütter« akzeptiert und Vertrauen zu ihr gefasst hatte, verschwand sie auch schon wieder aus meinem Leben. Das führte dazu, dass ich mich nach einer gewissen Zeit auf keine mehr einließ, mich verschloss, um den Trennungsschmerz nicht immer aufs Neue empfinden zu müssen.

Als mein Vater schließlich wieder heiratete, übernahm meine Stiefmutter ein neurotisches Kind mit autistischen Zügen, mit einer Anzahl von Ticks, mit organischen und psychosomatischen Leiden behaftet, dem Krankenhäuser fast so vertraut waren wie die häusliche Umgebung. Aber sie nahm mich an und ließ mich nie spüren, dass sie nicht meine leibliche Mutter war.

Durch Krieg und Kriegsgefangenschaft war mir der Vater inzwischen abhandengekommen. Die ursprüngliche, einzig feste Bezugsperson war für Jahre abwesend. Meine neue Mutter zog zu ihren Eltern zurück, ich fand in der Person meines neuen Großvaters einen Vaterersatz. Ich habe ihn in Erinnerung als einen ungemein freundlichen und warmherzigen Mann, der es schaffte, das Kind behutsam aus seiner inneren Emigration zu locken.

Wenig später verlor ich den großväterlichen Vater schon wieder, denn der echte war inzwischen zurückgekehrt und mit der Familie umgezogen, zurück an den ursprünglichen Wohnort.

Krieg und Gefangenschaft hatten meinen Vater psychisch aus der Bahn geworfen. Er hatte die »besten Jahre seines Lebens« fern der Familie und des Heimatortes verbringen müssen, kam zurück und fand das Wohnhaus von Bomben beschädigt vor, das Geschäft, das er aufgebaut hatte, war ein Raub der Flammen geworden, was an Maschinen und Gütern den Krieg überstanden hatte, war in der unmittelbaren Nachkriegszeit gestohlen worden. Und da gab es nun ein ihm nahezu unbekanntes Kind, das sein Sohn sein sollte und das so gar nicht dem Ideal entsprach, das er sich in der Abwesenheit gemacht hatte. Kein sportgestählter, kerniger deutscher Junge, sondern ein mageres Kerlchen, das sich lieber hinter Büchern verkroch, als schwimmen zu gehen. Da nützte es auch nichts, dass er mich beim Turnverein und später im Ruderklub anmeldete, wo ich, um seine Liebe zu gewinnen, unter großem Einsatz den Felgauf- und Felgumschwung übte oder mich bei Regatten im Vierer ohne Steuermann bis zur Erschöpfung verausgabte. Das Kind blieb ihm fremd. Und da sich sein Zorn über die verlorenen Jahre, das dahingegangene Vermögen, den missratenen Sohn in irgendeiner Form einen Weg nach außen bahnen musste, wenn er nicht daran ersticken wollte, schaffte er sich Erleichterung, indem er all seine Frustration in Form von Strafen und Schlägen an diesen Sohn weitergab.

An dieser Stelle will ich abschweifen und einen kurzen Abstecher in das Feld der Kinderbuchkritik unternehmen. In Rezensionen wird an die Autoren immer wieder die Forderung gerichtet, den Kindern ein ungefiltertes Bild der Wirklichkeit zu vermitteln, sie zu befähigen, die Bewältigung ihrer Probleme selbst in die Hand zu nehmen und nicht auf Lösungen zu warten, die auf märchenhafte Weise von außen kommen. Selbst Kinder in schwierigsten Situationen, liest man, gewännen Selbstvertrauen, wenn sie durch ihre Lektüre erführen, dass sie nicht die Einzigen sind, die ein so hartes Schicksal erleiden.

Das mag in den meisten Fällen zutreffen. Aber so plausibel diese Theorie auch klingt: Ich bringe sie nicht in Einklang mit meiner Erfahrung.

Wie hätte ich damals die Lösung meiner Probleme in die Hand nehmen sollten? Was kann ein Kind, das in bedrückenden familiären Verhältnissen groß wird, anderes tun als warten? Es kann weder einen Elternteil auswechseln, noch sich eine neue Familie suchen. So resignativ es klingt: Es muss darauf warten, dass es endlich erwachsen wird und damit seiner Familie den Rücken kehren kann. Hätte ich von Zuhause weglaufen sollen, um durch diese Verzweiflungstat ein Signal zu setzen? Die Zuneigung meines Vaters hätte ich dadurch gewiss nicht gewonnen, im Gegenteil.

Ich versuche mir vorzustellen, was gewesen wäre, wenn man mir damals das Lesen gestattet und mir ein Buch in die Hand gedrückt hätte, in dem die Geschichte eines Jungen erzählt wird, dessen Vater ihn misshandelt. Das Buch hätte mir nichts gegeben, rein gar nichts!

Ich hätte zwar im Schicksal des Jungen entfernt mein eigenes widergespiegelt gesehen, hätte wahrscheinlich beim Lesen ein paar Tränen um den Jungen geweint (und damit über mich selbst); das Buch hätte mich aber eher trauriger und verzweifelter zurückgelassen, als ich es schon war.

Was ich brauchte, wonach ich gierig griff, waren Trostbücher. Bücher, die mir durch ihr »gutes Ende« den festen Glauben vermittelten, auch in meinem Leben würde es irgendwann mal eine Wendung zum Guten geben, ich müsse nur durchhalten. Diese Überzeugung, die ich einzig aus meiner Lektüre zog, hielt mich psychisch und vielleicht auch physisch am Leben.

Ohne jemals etwas von Psychologie erfahren zu haben, hatte ich in diesen Jahren eine Selbsttherapie erfunden, die überaus wirksam war: Ich las nahezu täglich vor dem Einschlafen beim Licht einer Taschenlampe immer dasselbe Märchen, meine Lieblingsgeschichte aus besagtem Zigarettenalbum, und zwar »Der Eisenhans«.

Dies wurde zum festen Ritual, bis weit über die Pubertät hinaus. Das Buch lag in der obersten Schublade meines Nachtschränkchens, die ich mithilfe eines Lineals so eingeklemmt hatte, dass man sie nicht aufziehen konnte. Man kam nur an das Buch heran, wenn man das Geheimnis kannte: Man musste den »Deckel« des Schränkchens abheben, eine schwere Marmorplatte.

Irgendwann in meinem fünfzehnten oder sechzehnten Lebensjahr beendete ich von einem Tag auf den anderen das Ritual. Im Lauf der nächsten vierzig Jahre las ich das Märchen nie mehr.

Meiner Frau habe ich später gelegentlich von dieser kindlichen Marotte erzählt, hatte aber eine merkwürdige Scheu, der Sache auf den Grund zu gehen und das Märchen, an dessen Inhalt ich mich nur noch vage erinnerte, neu zu lesen.

In Vorbereitung auf diesen Vortrag habe ich das nachgeholt. Ich las es mit der sachlichen Haltung eines Autors, der sich etwas darauf zugutehält, einiges über Psychologie und Symbolsprache gelesen und begriffen zu haben, und der dieses Wissen nun am praktischen Beispiel erproben möchte: Was hat dieses Kind damals wohl so am »Eisenhans« fasziniert?

Um es kurz zu machen: Das Wiederlesen löste eine starke emotionale Erschütterung aus, auf die ich nicht vorbereitet war und die ich niemals erwartet hätte. Danach wusste ich, welche Botschaft das Märchen verkündet hatte: Irgendwann würde ich wie der entwurzelte, gedemütigte Königssohn mein Hütchen vom Kopf nehmen, dann würden alle erkennen, was bis jetzt keiner außer mir wusste, und man würde staunend ausrufen: »Der hat ja goldene Haare!«

Zurück zur Chronologie der Lebensgeschichte.

Nach dem Abitur verließ ich das Vaterhaus und zog mit meiner späteren Frau zusammen. Sie war es, die das Erbe des Großvaters fortsetzte, mich aus dem Gefängnis befreite, in das ich mich aus eigenen Stücken eingesperrt hatte, und die das kleine Rädchen oben in meinem inwendigen Kühlschrank von »Tiefgefrieren« auf »Abtauen« drehte und damit das Eis von Jahren zum Schmelzen brachte.

Am Beispiel meiner Kinder erlebte ich dann »Kindheit« und lebte sie so intensiv mit, dass ich fast selbst zum Kind regredierte, wie ein Gleichaltriger mit meinem Sohn spielte und das unaufschiebbare Bedürfnis verspürte, all die Kinderbücher kennenzulernen, die mir in meiner Kindheit entgangen waren.

Und der Autor von »Der Turm im See«, von Texten konkreter Poesie und von experimenteller Lyrik, der bis dahin mit einem hochgeschraubten Kunstanspruch ans Verfertigen seiner literarischen Erzeugnisse gegangen war, holte sich nun stapelweise die klassische Kinderliteratur ins Haus, lernte Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Alice im Wunderland und Pu, den Bären, kennen (man sieht, meine durch das Amerikahaus geprägte Vorliebe für die angelsächsische Literatur blieb mir auch hier erhalten), um sich schließlich nach der Lektüre von Peter Hacks’ »Das Windloch« mit dem Gedanken So etwas Schönes will ich auch machen! an den Schreibtisch zu setzen und sich sein Kinderbuch zu schreiben. Auf diese Weise entstand »Der tätowierte Hund«, und damit war ich der Kinderliteratur verfallen.

Das verletzte Kind in mir (den Terminus leihe ich mir von Alice Miller aus) diktierte, was ich zu schreiben hatte. Bilder von zerrütteten Familien und geschlagenen Kindern verbat es sich, die gingen ihm zu nah, die ertrug es (noch) nicht. Trostgeschichten und Theaterstücke mit einem guten Ende lagen ihm mehr.

Es hatte eine Vorliebe für abwesende Väter; es gibt viele sogenannte Ein-Eltern-Familien in meinen Geschichten, die selbstverständlich immer aus Mutter und Kind bestehen. Selbst das Kleine Känguru lebt mit einer alleinerziehenden Mutter.

Traten in einer meiner Geschichten Kinder und Erwachsene auf, achtete es streng darauf, dass ich mich immer auf die Seite der Kinder schlug.

Mit der Zeit ließ es wenigstens Annäherungen an die eigene Geschichte zu, »Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern« ist ein Beispiel dafür.

Es gestattete dem Autor, Stellvertreterfiguren für den strengen Vater zu erfinden (ich denke an die ständig nörgelnde, strafende Tante Marga und deren Eliminierung per Fernsehgerät).

Es erlaubte ihm, sich in der symbolischen Form des Märchens mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, und ließ dabei sogar Rachegedanken aus der Kinderzeit unzensiert durchgehen: In »Der weiße Wolf« hält ein Vater-König seinen Sohn für ein Untier und erreicht damit, dass dieser als Wolf in der Wildnis aufwachsen muss. Der Wolf findet eine Stiefmutter, die ihn annimmt, und wird schließlich durch die Liebe einer Frau wieder zum Menschen gemacht. Was ihn aber nicht daran hindert, den Vater-König zu töten. Er beißt ihm die Kehle durch.

Ich hatte mir vorgenommen, im Erzählband »Der Tag, an dem Tante Marga verschwand« mit der größtmöglichen Vielfalt von Erzählformen, Stilmitteln und Inhalten zu arbeiten, wollte auktoriales gegen personales Erzählen stellen, mal in der ersten, mal in der dritten Person sprechen, im gewohnten Imperfekt wie im ungebräuchlicheren Präsens schreiben, Skurriles sollte mit Ernstem wechseln, die Schrullen von Sonderlingen etwa sollten ironisch beschrieben, aber auch vom Tod einer geliebten Person mit Anteilnahme erzählt werden. In meinem Konzept stand die Science-Fiction-Geschichte neben der Satire, die Lügengeschichte neben einer autobiografisch gefärbten, die Parabel neben einer Paraphrase auf Carrolls »Alice hinter den Spiegeln«, mir fehlte in diesem literarischen Panoptikum nur noch das Märchen.

Also schrieb ich »Der weiße Wolf«, wobei ich Zitate aus Mythologie und Volksmärchen mit eigenen Erfindungen verquickte und so ein Kunstmärchen schuf, das, wie ich damals meinte, wenig mit der Wirklichkeit und schon gar nichts mit mir als Person zu tun hatte. Erst nach Jahren begriff ich, dass mir auch hier das verletzte Kind die Feder geführt hatte.

Aber spätestens bei der Beschreibung des literarischen Konzepts von »Der Tag, an dem Tante Marga verschwand« wird Ihnen aufgegangen sein, dass es den anderen aus der ersten Biografie, den Künstler mit den goldenen Haaren, daneben immer gegeben haben muss. Das Kind in mir hatte zwar manchmal die Macht, mir Themen vorzuschreiben oder Beschränkungen aufzuerlegen, letztlich ließ sich das erwachsene Ich die Feder aber nie ganz aus der Hand winden. Schon gar nicht, wenn es um Kunstwillen, um Stil oder um Sprache ging.

Schlage ich also den Bogen zurück.

Was in besagtem Erzählband geheimer Untergrund war und nur mir bekannt (kein Rezensent hat jemals das Konzept durchschaut, das der Sammlung zugrunde liegt, man sprach immer nur ratlos von einem gewissen Durcheinander, bei dem es schwierig sei, das »Lesealter« zu bestimmen), liegt in einem anderen Buch offen zutage, da es dort ausgesprochen und zum Thema gemacht wird: in »Onkel Florians fliegender Flohmarkt«.

»Erzählen wir uns Geschichten, und zwar von jeder Sorte eine«, sagt dort Elfi, die kindliche Hauptperson. Den Terminus »Genre« kennt sie natürlich noch nicht. Onkel Florian, der Stellvertreter des Autors, weiß, was sie mit »Sorte« meint, und so werden nach und nach, eingebettet in die Rahmengeschichte, ein Märchen, eine Science-Fiction-Geschichte, eine Detektiv-, eine Grusel-, eine Nonsensgeschichte, eine Gauner-, eine Schildbürger- und eine Tiergeschichte erzählt.

Weil das dem Autor offensichtlich Spaß macht, erfindet er schnell noch Rätsel »von jeder Sorte«: Scharaden, Anagramme, Homonyme, Logogryphe, Palindrome und Kapselrätsel, und da er nun schon mal dabei ist, auch gleich die unterschiedlichsten Sorten von Lyrik, vom Abzählvers bis zum visuellen Gedicht.

Da habe ich Ihnen schon einen Motor vorgeführt, der mein Schreiben antreibt: die Lust, Neues auszuprobieren, mich aller nur möglichen literarischen Formen zu bedienen.

»Onkel Florians fliegender Flohmarkt« ist wie ein Spiegel, der mein ganzes Werk reflektiert. Wenn ich eine Formel dafür finden müsste, käme ich wahrscheinlich auf die, nicht zu langweilen und mich nicht festlegen zu lassen.

Würde mich mein Verleger dazu zwingen wollen, etwa drei Erstlesebücher in Folge zu schreiben, ich würde zumindest den Gedanken in Erwägung ziehen, den Verlag zu wechseln.

Das einzige System, das man in die Chronologie meiner Veröffentlichungen bringen könnte, ist das der Systemlosigkeit. Bilderbücher, zu denen ich den Text beitrage und ein anderer die Illustrationen, stehen neben solchen, zu denen ich die Illustrationen beitrage und ein anderer den Text; auf ein fantastisches Theaterstück folgt ein realistisches, auf ein Musical das Libretto für eine Kinderoper; auf ein Stück, das sich gewissermaßen selbst zum Thema hat (»Maschimaschine oder Wie Theater entsteht«) folgt ein Stück in Form einer Parabel; auf die Dramatisierung eines meiner Kinderbücher folgt die eines »gotischen Schauerromans« aus dem späten 18. Jahrhundert, ein Stück für Erwachsene (»Der Mönch« nach Matthew Gregory Lewis). Aber auch dies geschieht keineswegs chronologisch, dazwischen schieben sich Jugendromane, fantastische und realistische Kindergeschichten, Erstlesebücher, ein Lyrikbändchen, ein Jugendsachbuch usw.

Was noch aussteht, ist ein historischer Kinder- oder Jugendroman; ich bin gerade dabei, Material dafür zusammenzutragen.

Es gibt allerdings bei aller Systemlosigkeit einige Grundstrukturen, die sich durch das Werk ziehen, der dunklen Maserung in einem Brett vergleichbar, die mal sich verbreiternd deutlich hervortritt, mal zu einer kaum sichtbaren schmalen Linie schrumpft.

Wenn ich besagte Maserung als ein Thema bezeichnen würde, stimmte das nur halb, genauso wenig, wie wenn ich sie als literarisches Prinzip beschriebe. Es ist eine Mischung aus beidem.

Ich spreche von meiner Vorliebe, bekannte Geschichten noch einmal neu und ganz anders zu erzählen, oder davon, den gleichen Sachverhalt von mehreren Berichterstattern darlegen zu lassen, die von möglichst unterschiedlichen Standpunkten auf das Geschehen blicken.

In meinem ersten Kinderbuch gibt es die »Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe«. Der Titel verrät schon, wer hier die Erzählerin ist: eine Hexe. Und ihre Einschätzung des Verhaltens ihrer Arbeitskollegin ist natürlich subjektiv gefärbt und unterscheidet sich erheblich von dem Bericht, den die Brüder Grimm über diesen Vorfall gaben.

Schon zwei Jahre vorher, in »Der Turm im See«, war die Pilatusfrage nach der Wahrheit (und ob es sie überhaupt gibt) das Thema.

Erst erzählt ein portugiesischer Seemann und Weltreisender des 16. Jahrhunderts, Juan Manuel Pinto – er hat wirklich existiert – die unglaubliche Geschichte vom Turm in einem chinesischen Kratersee.

Hierauf kommt Professor Signo zu Wort, Sinologe und Historiker, der aufgrund eines erhaltenen Dokuments aus der Ming-Dynastie schlüssig darlegt, dass Pinto damals einer Täuschung aufgesessen ist und die Tatsachen falsch interpretierte. Worauf er, der Sinologe, erläutert, wie sich der Vorfall in Wirklichkeit zugetragen hat.

Schließlich wird der Hörer mit dem Faktum konfrontiert, dass weder der eine noch der andere Bericht der Wahrheit entspricht, alles ist Fiktion.

Als Herbert Günther mich um einen Beitrag für das von ihm herausgegebene »Neue Sagenbuch« bat, schickte ich ihm zwei. »Der Koch mit dem Hackbrett« (eine fränkische Sage aus der Zeit der Bauernkriege) ließ ich dabei einmal aus der Sicht eines adeligen Ritters erzählen, einmal aus der eines aufständischen Bauern.

In meinem Sachbuch »Türme« habe ich die spärlichen Dokumente, die uns der arabische Geschichtsschreiber Yaqubi vom Leben des Nachfolgers von Harun-al-Raschid überliefert hat, zu zwei Geschichten verarbeitet: »Die Geschichte von Kalif Mutasim, dem Größenwahnsinnigen« und »Die Geschichte vom klugen und friedfertigen Kalifen Mutasim«. Der Leser muss selbst entscheiden, welche er für zutreffend hält.

Im Theaterstück »Das Wasser des Lebens oder Die Geschichte von Nanna und Elisabeth« schließlich, ich möchte die Reihe der Beispiele nicht über Gebühr ausdehnen, führt erst Elisabeth, die Nestbauerin, den Zuschauern die Schönheiten eines beschaulichen, gut organisierten Lebens mit Mann und Kind in einem eigenen Haus vor, worauf ihnen dann die rastlose Nanna, die zwar ständig auf die Nase fällt, aber immer wieder aufsteht und weiterzieht, die Schönheiten eines unabhängigen Lebens nahebringt, voll von Überraschungen und Abenteuern.

Auch hier muss der Zuschauer selbst entscheiden, welchem Lebensentwurf er zuneigt, der Autor kann ihm das nicht abnehmen.

Im Kleinen findet sich das Prinzip von den zwei Wahrheiten, von der anderen Perspektive, auch in meiner Vorliebe, mit der Erwartung des Lesers zu spielen und sie nicht zu befriedigen.

Etwa wenn ich in »Wie der Kater Traugott Bürgermeister wurde« das Lob der Langsamkeit singe, in »Der Mann, der nie zu spät kam« zeige, dass Unpünktlichkeit zuweilen lebensrettend wirkt oder dass Angsthasen manchmal sehr nützliche Zeitgenossen sein können.

Dazu braucht man dann natürlich keine zwei Erzähler: Was hier zu Anwendung kommt, ist der fremde Blick auf das Vertraute.

In »Spinnen« erzähle ich von einem Raumfahrer, der mit seinem Schiff auf einem unbekannten Planeten strandet und nun in einer Welt überleben muss, die von riesigen, plumpen Wesen bewohnt wird. Erst nach zwei, drei Seiten füge ich die Beschreibung seines Äußeren ein, es gleicht dem einer Spinne. Aber da kann der Leser schon nicht mehr zurück, längst hat er sich mit ihm identifiziert und bangt mit ihm vor dem Angriff der riesigen Wesen, der Menschen nämlich.

Nun sprach ich vorhin von einem