Verlag: Universitätsverlag Brockmeyer Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Vom Sehen und Sagen. Die Buchela. E-Book

Monika Littau

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E-Book-Beschreibung Vom Sehen und Sagen. Die Buchela. - Monika Littau

Alles, was Buchela sich wünscht und liebt, scheint ihr verloren zu gehen: Der Lieblingsbruder bei einem Unfall, der Vater im 1. Weltkrieg, das ersehnte Kind stirbt bei der Geburt, und während des Nationalsozialismus wird ihre Familie wie alle Sinti und Roma als asozial und kriminell verfolgt. Die Mutter stirbt in Auschwitz. Wäre da nicht ihre Gabe, Buchela würde an diesem Leben verzweifeln. Doch ihre Vorhersage, dass Konrad Adenauer 1949 den Wahlsieg erringen wird, macht sie schlagartig berühmt. Madame Buchela wird zur Pythia von Bonn.

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E-Book-Leseprobe Vom Sehen und Sagen. Die Buchela. - Monika Littau

Monika Littau

Vom Sehen und Sagen

Die Buchela

Ein Biografieroman

Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer 2012

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8196-0870-4

© 2012 Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer

Im Haarmannsbusch 112

D-44797 Bochum

Telefon 0049 (0)23 49 79 16 00

Telefax 0049 (0)23 49 79 16 01

info@brockmeyer-verlag.de

www.brockmeyer-online.de

Onlineshop: brockmeyer-verlag.de

Umschlaggestaltung: Walburga Fichtner, Köln

Für die elektronische Publikation bearbeitete Ausgabe 2012

Für B.

Kai-pe-sina, Kai-pe-nana

(Es war, es war nicht)

Einleitungsformel südeuropäischer Roma zu Beginn einer Geschichte

Dein Ort ist / wo Augen dich ansehen …

(Hilde Domin)

Prolog

Sie sitzt im goldenen Plüschsessel und starrt auf ihre Füße.

Was hat sie denn für Schuhe an?

Die Lippen fest aufeinander gepresst, bückt sie sich, streift die plumpen

Dinger, die gar nicht aus Leder sind, sondern aus irgendeinem Stoff oder

Filz, von den Füßen und schleudert sie unter den Wohnzimmertisch. Sie

starrt den Schuhen hinterher, entspannt sich, als sie feststellt, dass sie außer

Sichtweite sind. Die Falten rund um den Mund werden flacher. Sie lächelt.

Auf Strümpfen geht sie ins Schlafzimmer, öffnet den Schrank und über-

blickt die vielen Paar Schuhe, die auf dem Boden stehen. Offene und

geschlossene Schuhe, viele schwarze Paare dabei, weiße auch, und sogar

schwarzweiße.

Sie kauert sich auf den Boden und nimmt ein Paar nach dem anderen

heraus, bis sie Damenpumps mit einer großen runden, Strass besetzten

Schnalle in Händen hält. Genau die hat sie gesucht. Die Schuhe hat sie mit

Romi gekauft. Und getragen hat sie die auf dem Presseball. Romi hat auch

ein Paar bekommen. Wollte rote. Rote Schuhe! Und dann noch flache Treter.

Aber so ist sie eben, die Tochter, die Bocka. Gar nicht weiblich. Immer

muss es bequem sein. Und am besten ein kleines bisschen auffällig.

Rund um Buchela ist der Boden bedeckt mit ihren Schuhen. Einen Mo-

ment lang sitzt sie bewegungslos und betrachtet das Durcheinander, weiß

nicht, wie sie aufstehen soll. Energisch schiebt sie mit beiden Händen die

Schuhe einfach zur Seite, eine Bewegung als wolle sie Schwimmübungen

machen. Sie gewinnt so viel Platz, dass sie sich mit den Händen abstützen

kann, auf die Knie kommt, erst den rechten, dann den linken Fuß aufsetzt

und wackelig auf den Beinen steht.

Sie bückt sich erneut, greift nach den Schnallenschuhen, gerät beim

Hochkommen ins Wanken und lässt sich nach hinten auf das Bett fallen.

Kurz betrachtet sie die Zimmerdecke. Dann rappelt sie sich auf, beugt sich

nach vorn und schlüpft in die Schuhe. Sie betrachtet ihre Füße mit Wohl-

wollen. So sieht es gut aus. So ist sie Madame Buchela. Wenn sie an diese

unförmigen Dinger denkt, die sie eben anhatte, wird sie jetzt noch wütend.

Sie stößt die Atemluft laut aus. So kann man sie doch nicht herumlaufen

lassen!

Immer muss sie aufpassen, damit sie ihr nicht irgendetwas andrehen,

das gar nicht zu ihr passt. Sie schüttelt den Kopf, stützt sich mit den Händen

auf der Bettkante ab, schiebt sich weiter nach vorn, so dass sie leichter

aufstehen kann.

Auf ihren hochhackigen Pumps läuft sie aufgerichtet ins Wohnzimmer, genießt es,

wenige Zentimeter größer zu sein. Dann lässt sie sich wieder in

ihren Sessel fallen. Sie schlägt die Beine übereinander und wippt mit dem

Unterschenkel des einen Beins, als ob sie ein junges, ungeduldiges Mädchen

wäre. Sie lächelt. Sie kann sich nicht erinnern, jemals mit dem Bein

gewippt zu haben. Vielleicht als Mädchen, aber das weiß sie nicht mehr.

Das Wippen macht ein gutes Gefühl.

Sie hört auf damit, stellt die Füße wieder nebeneinander, so dass ihre

Knie sich berühren, weiß einen Moment lang nicht, was jetzt kommen soll

und schlägt dann das andere Bein über, wippt erneut und beobachtet belustigt

ihren Fuß, der sich im Schnallenschuh auf und ab bewegt, als ob er

schaukelt.

Schließlich hat sie genug davon, setzt beide Füße wieder auf die Erde,

die Beine fallen ein wenig auseinander. „Wie albern du bist“, schimpft sie

mit sich.

Sie lauscht.

„Lita!“, ruft sie. „Lita, wo bist du?“

Aber im Haus bleibt es still.

Vor dem Fenster bewegen sich die Zweige der Tannen heftig hin und

her.

„Lita!“

Das Mädchen kann doch bei diesem Wetter nicht weg sein?

Sie steht auf und öffnet das Fenster ein kleines Stück. Wind mit ein paar

Regentropfen schlägt ihr ins Gesicht. Unten hat ein Wagen angehalten. Sie

hat deutlich gehört, dass der Motor zunächst brummte und es dann still

war.

Kommt da einer? Sie schließt das Fenster wieder. Was soll sie tun, wenn

es jetzt an der Tür klingelt? Soll sie aufmachen?

Besser sie tut so, als wenn keiner da wäre. Das ist das Klügste. Sie darf

auch nicht nach Lita rufen, sonst verrät sie sich und der vor der Tür weiß

sofort Bescheid, dass sie allein ist. Sie sitzt still in ihrem Sessel und lauscht.

Waren da Schritte auf der Treppe? Sie hält den Atem an. Aber es ist nichts.

Nichts.

Am meisten fürchtet sie sich davor, dass einer sie mitnehmen will.

Sie geht ihren Leuten auf die Nerven, wenn sie sagt: „Die wollen mich

holen.“

„Hör schon auf, Tante“, lacht Lita dann. „Wer soll dich denn schon holen

wollen.“

„Gar nichts weißt du“, sagt Buchela ungeduldig. „Gar nichts.“

Dass dieser Dr. Sardo alles daran gesetzt hat, sie in sein Auto zu bekommen,

hat sie ihr erzählt. Trotzdem scheint sie nicht zu verstehen. „Der Sardo hat

noch eine Rechnung offen mit mir“, sagt sie zu Lita.

„Aber der ist im Gefängnis, Tante.“

„Wer weiß“, sagt Buchela. „Vielleicht ist der schlaue Kerl schon wieder

raus. Der dritte Mann ist längst draußen.“

Sie sitzt starr im Sessel, atmet schnell und flach. Die Füße in den Schnallen-

schuhen sind eiskalt geworden, gefühllos. Was sie weiß, das weiß sie. Einer

wird sie am Ende holen. Die Fingerkuppen drücken sich tief in den Plüsch

der Armlehnen. Warum glaubt Lita der Tante nicht? Muss ja nicht mal der

Sardo sein. Kann sie auch sonst wer holen. Als Kind hat sie die Staatsgewalt

mitgenommen, die Obrigkeit.

Zwei Schutzmänner, gegen die sie nichts ausrichten konnte.

1.

Am Tag, als ihr Bruder Anton stirbt, bringen zwei Schutzmänner Buchela

in das Waisenhaus der Borromäerinnen.

„Du bist also die Margaretha.“

Das Mädchen sieht die Oberin nicht an. Es spielt mit Fäden, die sich aus

dem abgestoßenen Bündchen der roten Männerjacke gelöst haben, die es

trägt.

Buchela schweigt. Dann aber schüttelt sie vorsichtig den Kopf.

„Was heißt das?“, forscht die Oberin nach.

„Margaretha ist ein guter Christenname. Hier bist du Margaretha, wie es

in deiner Taufurkunde steht. Hast du gehört?“

Buchela reißt mit einem Ruck die Fäden von ihrer Jacke ab und beginnt

zwischen den Fingern eine kleine Kugel daraus zu rollen.

„Gib her.“ Die Oberin hält ihre Hand vor Buchela auf.

Das Mädchen reagiert nicht. Da ergreift die Schwester ihre Hand, öffnet

die Finger gewaltsam und nimmt das Fadenknäuel heraus.

„Hast du gehört?“, fragt die Oberin eindringlicher.

Das Mädchen blickt weiter auf die Holzdielen, bewegt aber den Kopf ein

wenig, so dass die Oberin es als Nicken nimmt.

„Dann kannst du jetzt mit Schwester Benedicta gehen. Ich hoffe, dass du

dich bei uns bald einlebst und aufhörst so verstockt zu sein.“

Sie kommt also nicht zurück zu Mama und Tatta (Papa) Buchela blickt auf und

wendet der Oberin ihr Tränen verschmiertes Gesicht zu. Sie sieht unter den

großen weißen Flügeln der Haube ein kleines, verhungertes Echsengesicht.

Große Augen, eine mächtige Nase, aber einen kleinen Mund, der in einem

Netz von Falten, die auf die schmalen Lippen zulaufen, gefangen ist. Le-

dern spannt sich die Haut über den Wangenknochen.

Ich bin nicht Margaretha, will das Mädchen sagen. Ich bin Buchela.

Schließlich ist sie unter einer Buche geboren. Aber das kann sie der Oberin

nicht erzählen, denn sie hat beschlossen, keinen Mucks zu sagen.

Jedes Mal, wenn sie in Honzrath das Lager aufschlugen, führte der Vater

ihren Wohnwagen unter diese Buche. „Da siehst du“, sagte er, „die hat es

gut mit dir gemeint, als du geboren bist.“ Sie blickte auf zum Gewölbe

der Baumkronen, das sich schützend über den Rastplatz spannte. Abends,

wenn sie noch nicht eingeschlafen war, hörte sie im Frühling, wie die Buche

ihre Blüten auf den Wagen warf. Bucheckern klackerten leise. Morgens

sammelte sie Ölfrüchte. Dann wieder klatschten Regen und Wind die

Zweige des Baumes auf das Dach, übersäte die Wiese mit Brennholz für die

nächsten Mahlzeiten.

Zwar hat die Matthis ihr die Geschichte etwas anders erzählt und behauptet,

sie hätte ihren ersten Schrei auf dem Heu in ihrer Scheune getan. Denn

ihr Geburtstag sei ein feuchter kalter Oktobertag gewesen. Aber auch diese

Auskunft ändert nichts an der Tatsache, dass sie Buchela ist und bleibt.

„Dann komm. Ich zeig dir den Schlafsaal.“ Schwester Benedicta führt sie

quer durch die große Eingangshalle zu einer ausgetretenen steinernen

Wendeltreppe. Sie steigen ins Obergeschoss.

Sie kommen zu einem Raum, in dem zwei Waschschüsseln auf einem

Tisch stehen. „Wasch dir erst mal das Gesicht“, sagt die Schwester. „Ich hol

dir ein Handtuch.“ Sonst wäscht sich Buchela am Brunnen oder am Bach

oder am Fluss. Am Brunnen nur die Hände und das Gesicht ein bisschen,

wegen der Leute. Am Brunnen hat sie Angst, weil sie Gesichter drin sieht.

Das schimmert so dunkel da unten. Obengt, der Teufel, kann sich einfach

auf ihren Eimer setzen. Kaum hat sie ihn hochgezogen, fällt er vielleicht

über sie her mit seinen langen Krallen und zerkratzt ihr das Gesicht. Er

kann seine Nägel in ihre Kehle bohren, ihr den Hals brechen und sie rösten

und auffressen. Deshalb ist sie schon mit leerem Eimer zurückgekommen,

hat sich einfach nicht getraut, ihn ins dunkle Wasser zu tauchen. Aber dann

setzt es was. Manchmal hilft ihr Anton. Anton hat sie beschützt. Auch wenn

sie träumt und vor sich hinmurmelt am hellen Tag und ihr die Mutter des-

halb eine Ohrfeige gibt: „Dass du nur aufwachst.“

„Lass sie“, sagt Anton dann. „Lass sie, sie tut doch nichts.“

Jetzt gießt Buchela vorsichtig Wasser aus einem Krug in die abgestoßene‚

weiße Emailleschüssel. Es ist klar. Sie füllt ihre Hände damit, betrachtet es.

Dann klatscht sie sich das Wasser ins Gesicht. Wieder und wieder taucht sie

ihre Hände in die Schüssel und füllt sie. Sie kann gar nicht aufhören damit,

bis Schwester Benedicta sie an der Schulter berührt und ihr ein dünnes

Tuch in die Hand drückt.

„Das ist dein Haken, direkt neben der Tür. Wecken ist um fünf. Du gehst in

den Waschraum und stellst dich an, damit du nicht ungewaschen zum

Gottesdienst kommst. Der beginnt um halb sechs. Danach ist Frühstück und

dann gehst du in den Unterricht. Du musst den Zeitplan genau einhalten.“

Buchela sieht in das volle rote Gesicht von Schwester Benedicta. Ihr Blick

bleibt an den Augen hängen, über die sich rosige Säckchen wie kleine, weiche

Kissen auf die Lider herunterwölben. Buchela nickt, obwohl sie nicht

weiß, was sie tun soll. Die Augen der Schwester sind freundlich, die Kissen

darüber ganz weich.

Buchela kennt die Uhr nicht. Sie kennt aber Jungen, die ihr hinterher

gerannt sind und Steine nach ihr warfen. Die Jungen mit Ledertaschen auf

dem Rücken kamen aus der Schule. Buchela mit dem Holzbündel unterm

Arm kam aus dem Wald. Die Steine haben sie nicht getroffen, weil sie laufen

kann wie ein Hase und Haken schlagen. Jetzt soll auch sie in die Schule,

soviel hat sie verstanden.

„Kopf nach vorn.“ Schwester Benedicta zieht einen Scheitel auf der Mitte

ihres Kopfes, dann noch einen links und rechts. „Hab ich’s mir doch ge-

dacht!“ Sie bürstet das verfilzte Haar. Sie tut es mit Hingabe. Buchela zuckt,

als der Kamm ziepend durchs Haar fährt.

„Stillhalten“, sagt die Schwester, „die Nissen müssen raus. Da sind ja richtige

Nester!“ Sie holt aus dem Flurschrank eine Dose und streut Pulver auf

den Kopf des Kindes. Dann zieht sie noch einmal einen Strich mit dem

Kamm über die Mitte, teilt das Haar in Strähnen und flicht zwei feste Zöpfe,

die sie am Ende mit Spangen befestigt. Die Haut spannt auf Buchelas

Kopf, als wolle man ihr das Fell abziehen.

„Das sieht doch gleich ganz anders aus!“, nickt Schwester Benedicta.

Im Schlafsaal bekommt Buchela eines der Eisenbetten, die links und rechts

an den Wänden aufgereiht sind. Ihr Bett liegt ganz am Ende des Raumes.

Darunter steht eine kleine Kiste, in die sie ihre Habseligkeiten räumen soll.

Aber es gibt nichts, was sie in die Kiste legen kann. Deshalb führt sie die

Schwester direkt in die Kleiderkammer.

Da muss sie sich ausziehen, steht nackt neben dem Bündel Kleider, die

sie am Leibe getragen hat, schlüpft in ein langes Hemd zum Überziehen,

in Unterhosen, bekommt noch eine zweite Garnitur zum Wechseln. Die

Schwester nimmt aus den Regalen Kleidungsstücke, legt die Hellen und

Farbigen gleich wieder zurück. Die Dunklen faltet sie auseinander und

überprüft nach Augenmaß die Größe.

Buchela greift nach einer roten Bluse. „Nein“, sagt Schwester Benedicta

und schüttelt den Kopf. „Das passt jetzt nicht, wo doch dein Bruder gestorben

ist. Gib es mir zurück.“ Sie nimmt ihr das Kleidungsstück aus der

Hand. Buchelas Kopf sinkt auf die Brust. Anton. Rot war Antons Lieblingsfarbe.

Immer hatte er ein rotes Tuch um den Hals gebunden.

Stattdessen erhält Buchela ein schwarzes und ein dunkelblaues Kleid, zwei

dunkle Überziehschürzen, zwei Paar Strümpfe, zwei Paar Socken. „Kannst

du in den Schuhen überhaupt laufen?“, will Benedicta wissen und runzelt

skeptisch die Stirn. Die klobigen alten Schuhe, die von einem schmutzig-

hellen und einem schwarzen Schnürband gehalten werden, sehen viel zu

groß aus. Aber Buchela nickt heftig. „Dann behalt sie.“

Beim Herausgehen bückt sich das Mädchen nach dem ausgefransten

Ärmel ihrer Männerjacke und zieht sie unter dem Haufen heraus. „Lass

liegen“, sagt die Schwester. „Das muss alles verbrannt werden.“

Als Buchela kurze Zeit später das erste Mal den Esssaal betritt, sieht sie

aus wie eine traurige Krähe. Die Luft im Saal riecht abgestanden und nach

Kohlsuppe.

Neugierig wird die Neue beäugt, die steif neben der Nonne steht.

„Das ist Margaretha“, wendet sich Schwester Benedicta an die Kinder.

„Du holst dir den Stuhl“, sagt sie zu Margaretha, „und setzt dich an den

Mädchentisch!“

Während Buchela sich aus der Starre löst und den Stuhl herbeischafft,

hört sie Flüstern und Kichern.

„Getuschelt wird nicht!“

Schwester Benedictas Stimme klingt scharf wie ein Küchenmesser.

Zögerlich schieben die Mädchen ihre Stühle näher zusammen. Scharren,

Schieben, bis der Stuhl endlich am Tisch steht und Buchela sich setzen

kann. Dann wird es still.

„Aller Augen warten auf dich und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.“

Buchela presst die Handflächen gegeneinander wie die anderen, hält den

Mund aber fest geschlossen.

„Du öffnest deine Hand und sättigst alles, was lebt, nach deinem

Gefallen.“

Das größte Mädchen erhebt sich, beginnt das Essen aus dem Topf in die

Teller zu schöpfen. Dampfende Suppe. Daneben die Hände bewegungslos

auf der Tischplatte. Scheppern vom Jungentisch, wo noch Teller angereicht

werden. Schließlich wieder vollkommene Stille. Buchela blickt in Gesichter

mit gesenkten Augen.

„Guten Appetit!“ Die feste Stimme von Schwester Benedicta hinter Bu-

chelas Rücken.

„Guten Appetit!“ Ein Stimmenchor, dann Löffelgeklapper.

Keines der Mädchen hat so schwarze Haare wie Buchela. Und die Haut

der anderen ist hell, nicht so braun gebacken, wie die schöne Farbe der

Sinti. Begierig blickt Buchela beim Löffeln ihrer Kohlsuppe auf die hellen

Schürzen der anderen.

Sie hört das Klacken und Schrappen der Löffel, sonst nichts. Dass sie

nicht sprechen will, kann keiner bemerken, da alle beim Essen schweigen.

Ein heftiger Tritt trifft sie am Bein. Die Suppe platscht vom Löffel auf

den Teller und spritzt auf ihre Schürze. Sie wischt mit der Hand über den

Stoff. Dann tritt sie kräftig zurück.

2.

Nachts liegt sie wach in ihrem Bett. Sie hat Angst, dass die Decke auf ihren

Kopf fallen könnte . Unter Steinen wird man begraben, wenn man gestorben

ist, damit man nicht wiederkommt und die Lebenden in Ruhe lässt. Noch

nie hat sie in einem solchen Raum geschlafen. Vielleicht ist sie bald tot. So

tot wie Anton. Aber auf ihrem Körper werden anders als beim Bruder dicke

Gesteinsbrocken liegen.

Das Stroh knistert, wenn sie sich von der einen auf die andere Seite dreht.

Sie hört das Atmen der anderen Mädchen, während sie wach da liegt. Sie

sehnt sich nach der Enge des Wohnwagens, in dem sie mit den Eltern und

den Geschwistern schläft. Das laute Weinen ihrer Mama verfolgt sie und

die Augen von Tatta, aus denen Tränen tropfen. Er wischt sich mit dem

Handrücken die Nase. Und dann sind da diese Männer in Uniform. Sie

klettern in den Wohnwagen. Eilig kommen sie wieder heraus und stürzen

sich auf den Vater. Aber der weiß sich zu entwinden und rennt in den Wald.

Die Männer setzen hinterher.

Die Uniformierten kommen zurück ohne Tatta. Sie zerren nun die Mut-

ter zum Wagen und schieben sie neben den Kutscher auf den Bock. Die

heulenden Kinder müssen hinten aufsitzen. Der Wagen rumpelt über die

Landstraße zum nächsten Ort. Da hält er, und die Männer bedeuten der

Mutter vom Bock zu steigen. Sie weint und flucht abwechselnd. Aber der

eine Mann mit Uniform hält der Frau einen Karabiner vor die Brust, dass

sie keine Wahl hat und sich unter lautem Klagen dann doch in das Haus

begibt. Der andere Polizist hält die Kinder, die der Mutter nachdrängen

wollen, mit einem quer gehaltenen Gewehr zurück. Je Mama, was machen

wir jetzt? Buchela beißt dem Mann in die Hand, so dass er aufschreit. Er

schlägt ihr ins Gesicht. Sie taumelt zurück und landet auf dem Boden des

Wagens.

Der Kutscher treibt die Pferde an.

Zuerst reißen sie ihr Engelsüßchen aus den Armen. Engelsüßchen, die

Kleine, die nur Buchela beruhigen kann. Wie oft hat sie ihr nachts den

Finger in den Mund gesteckt und sie nuckeln lassen und ein Lied gesummt,

damit sie sich beruhigt. Und tags ist sie mit Engelsüßchen auf dem Arm zu

den Häusern der Gadsche gegangen und hat ihnen ihre leere Hand hin-

gestreckt.

Dann ziehen sie Dotla von ihr weg. Die klammert sich mit aller Macht

an Buchelas Rock, so dass er einreißt. Aber genutzt hat es nichts. Dotla

verschwindet hinter einer großen Holztür. Rafflo kommt als nächstes dran.

Der versucht, es dem Vater nachzumachen und wegzurennen. Aber seine

Beine sind noch nicht lang genug, er kann den Männern nicht entkommen.

Sie sind schneller und fangen ihn ein.

Zum Schluss bringen die Uniformierten Buchela an die Pforte der Bor-

romäerinnen.

Frühmorgens wird sie an den Armen geschüttelt und hört den Namen

„Margaretha“. Wer sollte das sein? Noch fester zerrt jemand an ihr und

reißt sie aus dem Schlaf. Um sie herum lauter Gesichter.

„Sie hat geschrien.“

„Als ob sie abgestochen würde.“

„Ihr geht sofort wieder ins Bett und schlaft weiter. Ich will nichts mehr

hören.“

Die Gesichter verschwinden. Buchela spürt eine kühlende Hand auf ihrer

Stirn. Sie wird auf den Arm genommen. Sie fühlt sich leicht wie ein

Vögelchen. Sie ist ein Vögelchen, das nach Hause fliegen will.

3.

Pochen. Hämmern. Dröhnen. Sie sitzt in einer Blechkiste, auf die von au-

ßen geschlagen wird. Immer lauter. Dass die Wandung vibriert. Dass ihr

Körper zittert und es in den Ohren schmerzt. Dass der Mund austrocknet.

Dass die Zunge am Gaumen klebt. Ein dumpfes Schlagen von bloßen

Händen. Dann hört sie den harten, hellen Klang, wie Metall auf Metall

schlägt. Eine Wand aus Lärm erdrückt sie.

Ihr Atem geht schnell. Sie ist schweißnass. Sie friert.

Jemand berührt ihren Kopf, legt etwas Kaltes auf die Stirn. Sie schlägt

um sich.

Es legt sich so schwer auf ihren Körper, dass sie ihn nicht mehr rühren

kann. Alles verschwimmt. Die Sinne schwinden.

Jemand macht sich an den Waden zu schaffen, umwickelt sie. Auf der Stirn

liegt ein Tuch, das heiß brennt. Dann wieder ist es kühl. Sie hört das Summen

einer Zimmerfliege so laut, dass ihre Ohren schmerzen. Sie hört nichts. Eine

unheimliche Stille, die bleiern wie ein schweres Grau im Raum steht. Dann

laute Kinderstimmen. Hinter den Augenlidern Helligkeit, rot lodernd.

Eine Hand streichelt über ihren Kopf.

Sie springt über Holzstämme und über einen Bach. Sie rutscht an der feuchten

Böschung aus, verliert das Gleichgewicht und fällt. Sie verliert das gesammelte

Holz. Sie erreicht die Wiese, wo der Wagen steht. „Mama!“ ruft sie. „Mama!

Wo ist Anton?“

Jetzt spürt sie, dass das Hämmern innen ist.

Das Hämmern sitzt ihr in der Brust, als sie zu Anton kriecht und seinen Kopf

in die Hände nimmt. Sie streichelt sein schwarzes widerspenstiges Haar, das

er mit Zuckerwasser zu einer Schmalzlocke geformt hat. Auf der Brust ist ein

Fleck, rot wie sein Halstuch.

Man flößt ihr Flüssigkeit ein. Sie schluckt. Sie verschluckt sich und hustet.

Der Vater flucht. Die Mutter schreit. Der Junge war an der Blechkiste. Die mit

dem Schloss drauf. Jetzt ist die Blechkiste leer. Die Pistole ist auf den Boden

gefallen und noch ein Stück bis zur Wand gerutscht.

Ihre rissigen Lippen schmerzen. Sie werden befeuchtet und gekühlt. Sie

leckt mit der Zunge über den Mund. Das tut gut.

Als Buchela die Augen aufschlägt, blickt sie an die Decke eines kleinen Raumes.

Die weiße Farbe ist rissig, so dass sich verworfene Linien von einer

Wand zur anderen ziehen. Buchela schließt die Augen sofort wieder. Dann

aber hört sie ein Geräusch neben sich und schlägt die Augen wieder auf.

Sie dreht den Kopf ein bisschen und sieht auf dem Stuhl am Fenster ein

Mädchen sitzen. Es hält ein Buch in der Hand und kratzt sich ausgiebig am

rechten Ohr.

Sie hört, wie die Tür geöffnet wird. „Du kannst jetzt gehen“, sagt eine

Frauenstimme. Das Schieben der Stuhlbeine auf den Fliesen ist zu hören, dann

die Schritte des Mädchens, seltsam schleppend und ungleichmäßig.

„Nach dem Essen kommst du wieder her.“

Am Luftzug spürt sie, dass die Tür kurz geöffnet ist. Dann wird sie wie-

der ins Schloss gezogen.

Schwester Benedicta greift unter die Achseln und zieht Buchelas Körper

hoch. Sie schiebt ein dickes Kissen hinter den Rücken und lässt das Mädchen

dann nach hinten sinken.

„Jetzt gibt es Suppe. Die hat Änne für dich gekocht.“ Die Schwester steckt

ein Tuch an Buchelas Hals fest.

Ein gefüllter Löffel kommt auf sie zu. Sie öffnet den Mund, dass die Flüs-

sigkeit in ihren Rachen fließen kann. Es schmeckt salzig. Sie schluckt.

Nach wenigen Löffeln schüttelt sie den Kopf.

„Nicht schlapp machen. Einen schaffst du noch!“

Dann wird das Kissen irgendwann wieder weggezogen. Buchela schläft

ein.

Am nächsten Tag, als sie aufwacht, sitzt wieder das Mädchen am Fenster

und reibt sich ihr Ohr. Aber diesmal hat es sie beobachtet und weiß, dass

Buchela wach geworden ist. Sie rückt näher mit ihrem Stuhl.

„Ich bin Änne. Und du bist die Margaretha, stimmt’s?“

Buchela schaut weg und wieder an die Decke.

„Schau mal, die hat Schwester Benedicta für dich hier gelassen.“ Buchela

sieht die rote Bluse.

„Sie sagt, du darfst sie haben. Damit du wieder gesund werden willst.

Aber du darfst sie noch nicht anziehen.“

Sie hebt die Bluse vom Tisch, fasst sie bei den Schultern und zeigt sie

Buchela in ihrer ganzen Schönheit. Dann legt sie sie auf das Bett. Buchela

greift nach der Bluse und zieht sie hastig unter die Decke.

„Die nimmt dir doch keiner mehr weg.“

Änne sieht sie lachend an. Änne hat blonde Haare, blaue Augen und Som-

mersprossen und vom ständigen Reiben ist ihr rechtes Ohr rot angelaufen.

„Danke.“

Erschrocken presst Buchela die Lippen aufeinander. Ihr ist ein Wort he-

rausgerutscht.

„Kannst ja doch sprechen“, grinst Änne.

„Auch von Schwester Benedicta“, sagt sie und zeigt auf ihre hellblaue

Schürze.

„Meine Lieblingsfarbe ist nämlich hellblau. Obwohl das eine Jungen-

farbe ist.“

Dass es Mädchen- oder Jungenfarben geben könnte, darüber hat sich

Buchela noch nie Gedanken gemacht. Hauptsache, man hat überhaupt et-

was zum Anziehen.

„Hellblau wie die Mosel. Mein Vater ist da Schiffer und hat keine Zeit für

mich. Und meine Mutter ist tot.“

Draußen antwortet eine Amsel mit ihrem Gesang einer anderen. Ein Hin

und Her der Vogelstimmen. Triller dazwischen. Buchela kann sich vorstellen,

wie sie in den Spitzen zweier Bäume sitzen und sich ansingen. Es muss

Abend sein. Amseln singen am frühen Morgen oder abends.

„Ich bin schon vier Jahre hier“, Änne reibt sich das Ohrläppchen. „Wenn

du wieder gesund bist und Lust hast, dann zeige ich dir hier alles.“

Buchela nickt.

„Morgen komm ich wieder.“

Als Änne aufsteht, sieht Buchela, was sie tags zuvor nur gehört hat. Änne

hat ein steifes Bein. Deshalb geht sie so schlurfend. Deshalb klingt ihr

Schritt so ungleichmäßig.

4.

„Achte auf die Fingernägel. Danach guckt der Sauerwein als erstes.“

Änne steht hinter Buchela in der Reihe der Mädchen, die sich zum Waschen

angestellt haben. Auf dem Waschtisch liegt eine Bürste und Buchela

schrubbt sich damit die Hände, bis sie krebsrot sind. Sie klatscht sich ein

paar Mal das kalte Wasser ins Gesicht, dann rückt sie zur Seite, damit Änne

ans Becken kann und beginnt ihr Haar zu bürsten. Sie schielt herüber zu

den anderen. Was muss sie jetzt tun? Die Kinder helfen sich gegenseitig,

ziehen sich Scheitel, flechten die Zöpfe. „Helf dir gleich“, sagt Änne, als sie

Buchela ratlos da stehen sieht. Änne flicht ihr das Haar, hilft beim Zuknöpfen

des Kleides und der Schürze am Rücken. „Jetzt du“, sagt sie und kehrt

Buchela den Rücken zu.

Zusammen gehen sie zur Kapelle. Buchela ist getauft, aber im Gottesdienst

war sie nie. Zuhause hat die Mutter in einer Ecke des Wagens die schwarze

Sara und die Muttergottes hängen. Darunter eine Kerze. Manchmal stellt

sie in diesen Winkel Wiesenblumen, die sie gepflückt hatte. Dort hebt Tatta

in einem Fach, das er sich gemacht hat, ein Säckchen auf, in dem manchmal

Münzen sind. Nur einmal ist Buchela mit Mama in einer Kirche gewesen.

Sie haben der Muttergottes eine Kerze angezündet und ein Halstuch

geschenkt. Mama hat das leere Säckchen immer wieder über den Rand des

Altars gerieben. Da musste ihr Buchela sagen, dass sie sich keine Sorgen

machen muss, dass sie Geld bekommt. Statt sich zu freuen, hat die Mutter

sie wütend angesehen. Als sie aber tatsächlich, am nächsten Tag eine Münze

erhielt, war sie aufgeregt zu Tatta gelaufen und hatte behauptet, Buchela

hätte die Gabe. Wie die Mami, wie die Großmutter.

Die Sprache, die im Gottesdienst gesprochen wird, kennt Buchela nicht.

Sie staunt, dass die anderen immer genau zu wissen scheinen, was sie auf

den Gesang des Priesters antworten müssen. Mit scharrenden Geräuschen

stehen die Mädchen auf und knien sich hin. Buchela beobachtet in ihrer

Reihe, ob sich eine bewegt. Sie will so schnell sein wie die anderen und

nicht auffallen.

Der Gesang der Mädchenstimmen ist leicht und fliegt ganz hoch. Kein

bisschen rau, wie die Lieder ihrer Mama oder der Tanten. Das Brummen,

das aus den Jungenbänken kommt, versucht sie zu überhören.

Der Priester trägt ein Spitzenkleid mit einem Überwurf, der mit Gold

bestickt ist: Reben und Blätter ranken sich um ein Kreuz auf der Vorder- und

Rückseite. Manchmal klettert er in eine Tonne, die so hoch angebracht ist,

dass er allen Kindern auf den Scheitel sehen kann. So weiß er sofort, wer

von ihnen ordentlich ist und wer nicht, denkt Buchela. Sie beneidet die

Ministranten in ihren Chorhemden und weil sie goldene Gefäße tragen

dürfen. So was hat sie noch nie in Händen gehabt.

Am schönsten aber ist ein Engel, der links an die Wand gemalt ist, weiß und

mit großen goldenen Flügeln, die hinter seinem Rücken aufragen. Er hebt

seine rechte Hand, als wolle er sie grüßen. Buchela muss immerzu dorthin

schauen. Und dabei bemerkt sie zu spät, dass sich alle hinknien. Änne stößt

sie vorsichtig in die Seite. Buchela wendet ihren Kopf wieder nach vorn.

Nur wenn sie mit äußerster Anstrengung die Augäpfel ganz nach links

dreht, kann sie von dem Bild noch etwas sehen. Das verschwimmt und

strahlt ein milchiges Licht aus. Nach kurzer Zeit schmerzen ihre Augen so

sehr, dass sie es aufgibt. Die Ministranten klingeln zweimal.

Der Priester hebt ein Goldgefäß über seinen Kopf. Er knickst. Dann zeigt

er allen ein rundes Plättchen. Wieder knickst er. Er bricht das Plättchen,

steckt es sich in den Mund und kaut. Dann dreht er sich um und kommt

mit einem goldenen Gefäß die Altarstufen herunter. Die Kinder stehen auf

und gehen in einer langen Reihe nach vorn. Schwester Benedicta zieht Buchela

am Ärmel. „Du nicht! Setz dich wieder in die Bank.“ Buchela sieht sie

verständnislos an, fügt sich aber. Sie sieht, wie Änne sich am Altar hinkniet

und ihre Zunge herausstreckt und etwas darauf gelegt bekommt. Änne

rutscht in die Bank zurück, schließt die Augen und ist ganz weit weg. So

weit weg will Buchela auch sein und schließt ebenfalls ihre Augen.

Nach dem Gottesdienst gehen sie in Zweierreihen in den Speisesaal. Es gibt

trockenes Brot und Pfefferminztee, der in den großen Blechkannen bereits

lauwarm geworden ist. Buchela wundert sich, wie das Wasser erhitzt wird,

nirgends sieht sie ein offenes Feuer. Und wer hat überhaupt die Pfeffermin-

ze gesammelt?

Schweigend nehmen sie das Frühstück ein.

Erst auf dem Weg zur Schule rennen, hüpfen, lärmen die Mädchen und

Jungen. Sie entschlüpfen dem Kloster wie junge Hunde dem Zwinger,

kaum, dass die Tür einen Spalt breit geöffnet ist. Buchela geht in ihren

großen Schuhen neben Änne, die nur mühsam vorankommt.

„Warum durfte ich kein Plättchen?“, fragt Buchela ernst.

„Welches Plättchen?“

„Das in der Kirche.“

Änne lacht. „Plättchen! Wenn das der Pastor hört. Das darf man nur,

wenn man schon die Heilige Kommunion hatte!“

Buchela runzelt die Stirn.

„Die Heilige Kommunion ist, wenn man zum ersten Mal am Tisch des

Herrn sitzen darf und ihn empfängt. Normalerweise geht man mit zehn.

Wie alt bist du eigentlich?“

Buchela zuckt die Schultern.

„Aber du hast noch nie so was bekommen?“

Wieder zuckt Buchela die Schultern.

„Das musst du doch wissen!“

Buchela blickt zu Boden. Sie weiß gar nichts. Nein, sie kann sich an nichts

dieser Art erinnern. Sie hat auch niemals gesehen, dass ihre Geschwister so

was bekommen haben.

Änne legt ihr die Hand auf den Rücken. „Bestimmt bist du Ostern bei

der Erstkommunion.“

Was immer diese Erstkommunion auch ist, Buchela will es auch dürfen.

5.

Das Rennen und Rufen, das Lachen und Schubsen dauert nur kurze Zeit,

dann befindet sich Buchela gemeinsam mit fünfzig anderen Mädchen in

einem dunklen Klassenraum. Es riecht nach Kreide und Muff. Der Lehrer

sitzt an seinem erhöhten Katheder. Buchela bleibt unschlüssig an der Tür

stehen und wartet, dass Sauerwein sie sieht.

Sauerwein ist ein älterer Mann mit lichten grauen Haaren. Ein Vollbart

füllt das hagere Gesicht aus, so dass der schmale Mund, der als schräge

Linie darin steht, fast verschwindet. Auf der leicht gebogenen großen Nase

trägt er eine dunkle Schläfenbrille und liest in einem Buch, das vor ihm

liegt. Der Kopf sitzt in leichter Schräge auf dem muskulösen Hals und hat

nur wenig mehr Umfang als dieser. Ein Bussard, denkt Buchela. Wie ein

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