Beschreibung

Der Erfolg von Charlotte Roches Buch »Feuchtgebiete« hat es einmal mehr bewiesen: Heute kann man über alles reden, solange es nur persönlich ist. »Selbstauskunft ist Selbstbefreiung!«. Dieses Prinzip gilt von Rousseau über die Kommune 1 bis zur Facebook-Community. Doch es ist paradox: Die Verbreitung von Intimitäten in der Öffentlichkeit bringt intimes Erleben im Privaten zum Verschwinden. Die Intimsphäre wird von der grassierenden Bekenntniswut bedroht. Martin Simons erkundet den neuen Umgang mit Freundschaft, Narzissmus, Angst und Scham in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Er macht uns klar: Ohne eine bewusste, behutsame Haltung gegenüber der eigenen Intimität bleiben wir uns selber fremd.

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EPUB

Seitenzahl: 171


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Information zum Buch

Der Erfolg von Charlotte Roches Buch »Feuchtgebiete« hat es einmal mehr bewiesen: Heute kann man über alles reden, solange es nur persönlich ist. »Selbstauskunft ist Selbstbefreiung!«. Dieses Prinzip gilt von Rousseau über die Kommune 1 bis zur Facebook-Community. Doch es ist paradox: Die Verbreitung von Intimitäten in der Öffentlichkeit bringt intimes Erleben im Privaten zum Verschwinden. Die Intimsphäre wird von der grassierenden Bekenntniswut bedroht. Martin Simons erkundet den neuen Umgang mit Freundschaft, Narzissmus, Angst und Scham in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Er macht uns klar: Ohne eine bewusste, behutsame Haltung gegenüber der eigenen Intimität bleiben wir uns selber fremd.

Informationen zum Autor

Martin Simons, 1973 geboren, hat in Berlin, Graz und Paris Rechtswissenschaft und Philosophie studiert. Er lebt als Autor und Journalist in Berlin.

Martin Simons

Vom Zauber des Privaten

Was wir verlieren, wenn wir alles offenbaren

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2009. Campus Verlag GmbH

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ISBN der Printausgabe: 978-3-593-38853-3

E-Book ISBN: 978-3-593-40721-0

|7|Kapitel 1

Das Unbehagen an der Schamlosigkeit

Es waren die Schwellen überhaupt,

aus denen Liebende und Freunde sich die Kräfte saugten.–

Aber wo heutzutage (so heißt es weiter)

die beseitigten Schwellen wiederfinden,

wenn nicht in sich selbst?

Peter Handke, Der Chinese des Schmerzes

|9|Am Anfang ist die Scham

Es gehört zu meinen frühsten Erinnerungen, dass mir meine Mutter am Rand des belebten Schwimmbeckens einer Ferienclubanlage die nasse Badhose auszog. Ich war noch keine drei und wehrte mich mit aller Kraft, doch meine Mutter setzte sich durch, sie war so viel stärker. Sie verstand überhaupt nicht, was in ihren Sohn gefahren war, alle Jungen und Mädchen meines Alters liefen am Pool doch ständig nackt, wir waren schließlich kleine Kinder. Ich aber erinnere mich an meine ohnmächtige Wut und die zitternde Verzweiflung, mit der ich meine Hände vor mein Geschlecht und meinen Po drückte, und damit nur erreichte, was ich mit aller Macht vermeiden wollte: von den Leuten angestarrt zu werden. Meine Mutter erzählte später lachend noch oft von diesem Vorfall, wie seltsam mein Verhalten allen Umstehenden erschienen sei, ein Zweijähriger, der heult und zetert, nackt zu sein, seine Blöße mit Händen bedeckt und erst dadurch auffällt. Sie versteht mein damaliges Verhalten bis heute nicht.

Ebenso wenig verstehe ich es selbst. Wer könnte auch schon sagen, wie er als Kind fühlte oder dachte? Unsere wenigen frühen Kindheitserinnerungen sind ja nur Inseln in einem Meer |10|aus Zeit, zwischen denen jeweils Jahre liegen. Sie ergeben kein Abbild eines tatsächlichen Bewusstseins. Ich weiß nur, ich war voller Zorn, ich fühlte mich gedemütigt, gegen meinen Willen in aller Öffentlichkeit ohne Hose dazustehen. So wollte ich einfach nicht gesehen werden.

Das Wort Scham selbst, das bilde ich mir jedenfalls bis heute ein, kam mir zum ersten Mal angesichts eines anderen Erlebnisses in den Sinn. Es muss kurz nach oder auch vor dieser Urlaubsreise gewesen sein, dass ich bei einem Frisör meinen ersten richtigen Haarschnitt bekommen sollte. Ich fand es eine Zumutung, in einen lächerlichen Umhang gehüllt vor einem Spiegel zu sitzen, zu dulden, dass sich jemand an meinem Haar zu schaffen macht, und wehrte mich mit Geschrei und Tränen. In meiner Erinnerung ist dieser Moment fest verknüpft mit der Gewissheit, mich zu schämen.

Ich erzähle von diesen banalen Ereignissen, weil sie zu jenen frühen Erinnerungen gehören, die ein ganzes Leben bleiben, weil sie schon früh Grundzüge einer Identität haben erkennen lassen. Auch wenn ich weiß, dass ich als Kind sehr verschieden gewesen sein muss von dem, der ich heute bin, kommt es mir vor, als scheine in diesen Augenblicken eines erwachenden Schamgefühls gleichsam der in der Zeit unwandelbare Kern meiner Persönlichkeit auf. Wenn ich versuche, mir Momente oder Situationen zu vergegenwärtigen, in denen ich ganz unzweifelhaft ich selbst war, so stehe ich wieder ohne Badehose am Rand des Pools, sitze ich, in den Frisörumhang wie in eine Zwangsjacke geknüpft, vor dem großen Spiegel und höre den Frisör und meine Mutter über einen Haarschnitt beraten.

Eine solche Veranlagung, etwas leicht peinlich zu finden, ist natürlich problematisch. Sie kann einen davon abhalten, zu |11|seinen Wünschen, Sehnsüchten, den eigenen Mängeln zu stehen. Bei einer falschen Scham besteht die Gefahr, dass man den Puls der eigenen Lebendigkeit und Natürlichkeit abdrückt, ein verklemmter und verkrampfter Charakter wird. Deshalb war ich immer bemüht, mich selbst zu einer gewissen Unverschämtheit zu erziehen. Denn wer unverschämt ist, setzt sich über falsche Schamgefühle willentlich hinweg. Er geht bewusst über Grenzen, um seinen Möglichkeitsraum, die eigene Freiheit zu erweitern.

Nur ist unverschämt etwas fundamental anderes, als schamlos zu sein. Schamlose Menschen haben mich seit je befremdet und irritiert. Sie sind unfähig, die eigenen Ich-Grenzen als solche wahrzunehmen. Sie sind ohne Selbstdistanz und lassen sich durch die Anwesenheit anderer im Ausleben ihrer Impulse und Affekte in keiner Weise hemmen. Ein schamloser Mensch hat keinen oder jedenfalls nur einen verfälschten Sinn dafür, dass und wie er von anderen wahrgenommen wird. Er hat kein Wissen-von-sich-bei-anderen und deshalb auch keine Ahnung davon, was er mit seinem Verhalten bei anderen bewirkt. Insofern ist der Schamlose, in einem pathologischen, nicht moralischen Sinn, selbst- und gewissenlos. Er ist gesellig, aber asozial, hat zum Beispiel keine Probleme damit, mitten in einem vollbesetzten Zugabteil über sein Handy lauthals die intimsten Gespräche zu führen oder sich bereitwillig in Talkshows zu setzen, um dort öffentlich seine Beziehungsprobleme zu diskutieren.

Wir sitzen heute in einem Treibhaus der Schamlosigkeit. Das Aufkommen der Handys, die Organisation des Privatlebens über soziale Netzwerke im Internet, aber auch zum Beispiel die Boulevardmedien mit ihrer Fixierung auf das private Treiben |12|sogenannter Prominenter und pseudo-therapeutische Fernsehshows fördern schamloses Verhalten. Nach und nach formt sich so eine neue kulturelle Realität mit neuen sozialen Konventionen. Selbstentblößungen jeder Art sind inzwischen gesellschaftlich weithin akzeptiert. Ich finde das erstaunlich; und dieses Erstaunen hat sicherlich diesen Versuch über die Schamlosigkeit mit motiviert.

Der Charme der Schamlosen

Ich kannte O. erst wenige Wochen, als unsere erste gemeinsame Einladung anstand. Ein Abendessen mit fünfzehn Gästen bei Freunden von O., nennen wir sie Max und Violetta. Ahnenforscher sind es gewohnt, die Generationenspanne nach dem durchschnittlichen Altersabstand der Kinder zu ihren Eltern zu bemessen, woraus sich ergibt, dass in etwa alle 25 Jahre eine neue Generation antritt. O. und mich trennen keine zehn Jahre. Und wenn auch Violetta erst Anfang Zwanzig und damit noch etwas jünger ist als O., befand ich mich während des Abends durchaus in Gesellschaft meiner Altersklasse. Nur erlebte ich zu meiner Verwunderung im Umgang der Gäste untereinander eine Offenheit, Herzlichkeit, ja Zärtlichkeit, die mir völlig neu und fremd war, aber ungemein erfrischend und beneidenswert erschien. Jede berührte jeden und umgekehrt; ein leichter, unverbindlicher Austausch von intimen Gesten, von innigen Umarmungen, zarten Küssen auf Wangen und Münder. Freundinnen bekannten ihren Freunden – und es waren keine Drogen im Spiel –, sie zu lieben und meinten damit schlicht, sich von Herzen gern zu haben, zumindest im Augenblick. Es herrschte eine |13|Atmosphäre schwellenloser Nähe, wie ich sie so nicht einmal im südlichen Ausland erlebt hatte, wo der Umgang im Allgemeinen besonders offen und herzlich ist. Vor allem das Verhältnis zwischen Frauen und Männern schien mir an diesem Abend auf eine frappierende Weise frei und unbeschwert. Ganz anders als die Geschlechterbeziehungen am Anfang meiner Studentenzeit, an die ich mich erinnerte, in denen – jedenfalls im Vergleich zu dieser graziösen Unbekümmertheit – Ziererei, Unbeholfenheit und Krampf vorherrschten. Ein Mädchen, das nicht die eigene Freundin war, küsste man nicht ohne weiteres auf den Mund. Über seine sexuellen Freuden und Frustrationen sprach man nicht in großer Runde am Esstisch. Und Ich liebe dich sagte man nur nach reiflicher Überlegung oder aus Überschwang während des Geschlechtsverkehrs. Angenehm betrunken lagerte ich gegen Mitternacht mit drei Frauen um die Zwanzig auf einem Doppelbett und hörte vergnügt ihren Gesprächen zu. Ich verstand, dass sie die Nacht für jung ansahen und es an der Zeit wäre, sich im Internet über weitere Vergnügungsmöglichkeiten aufzuklären. Dazu besuchten sie abwechselnd ihre Profile auf facebook und MySpace. Die eigentliche Recherche geriet dabei sehr schnell in den Hintergrund. Bei S. hatte sich ein Bekannter eines facebook-Freundes mit der Bitte um Aufnahme in ihren Freundeskreis gemeldet. Diesem Ansinnen kam S. gerne nach, war der Fremde ihr doch schon letzten Samstag in einem Club angenehm aufgefallen. Freilich schloss sich nun die Frage an, inwieweit ihm auch Zugang zu intimeren Fotos gewährt werden könne. Die Mädchen baten mich um Rat und zeigten mir durchaus gekonnt gemachte Bilder, auf denen S. in Unterwäsche, zum Teil ohne BH, beim Frühstück, im Bett, bei der Pediküre auf einem Sofa zu sehen war. Ich fand, dass es hier nichts zu verbergen |14|gab, und S. gab die Bilder auf ihrem Profil zur Ansicht frei. Der neue Freund lud nun seinerseits zur Besichtigung seines Fotoalbums ein und die Mädchen amüsierten sich prächtig. Sie kommentierten, was sie sahen, korrespondierten nebenher mit anderen Freunden – nach und nach wurde ich in ihre privaten Verhältnisse eingeweiht. Der gerade aktuelle Stand ihrer jeweiligen Liebesbeziehung wurde ebenso über die Profile kommuniziert wie mögliche sich anbahnende Affären. Dazu gab es auch von den anderen freizügige Fotos zu sehen, die ich mir natürlich ebenfalls gerne ansah, die mich aber später auf dem Heimweg mit O. in ihrer schamlos berechnenden Ausgestelltheit deprimierten. Überhaupt erfasste mich beim allmählichen Ausnüchtern eine schwer fassbare Traurigkeit darüber, dass O.s Freunde, die ich sehr mochte, ihre Intimsphäre veröffentlichten. Ich dachte, wer seine Intimität verliert, der hat alles verloren, und wer freiwillig darauf verzichtet, der ahnt nicht einmal, was ein Mensch ist. O., die über Internetforen rein gar nichts weiß, fand diese Ansicht übertrieben. Ich stimmte zu. Doch mein Unbehagen blieb.

Merkwürdige Nähe

Es wuchs sogar noch an, als sich der Kontakt zu Violetta und Max in der folgenden Zeit intensivierte. Schon nach wenigen gemeinsam verbrachten Abenden bekam ich Anrufe von Violetta, bei denen sie mir meistens nichts anderes mitteilen wollte als ihre Freude über O. und mich als Paar, und die sie verlässlich mit einem Ich habe dich lieb beendete. Ich habe, wie jedermann, nichts dagegen, gemocht zu werden. Doch Violettas herzliche Sympathiebekundungen verursachten bei mir Schauer der Verwunderung |15|und anschließend eine Gänsehaut. Sie kamen zu früh, klangen routiniert, tönten falsch und laut. Ihr Abschiedsgruß war zu dick aufgetragen, zu inhaltsschwer. Ich habe dich lieb bedeutet mehr als Ich mag dich und ist eine Vorstufe zu Ich liebe dich – einem der gewichtigsten Sätze überhaupt. Es ist etwas, das man nicht einfach so dahin sagen sollte – und wenn auch nur aus dem Grund, dass sich Worte (und die sie begleitenden Empfindungen) abnutzen, wenn man sie allzu gewohnheitsmäßig gebraucht.

Doch Violetta war so unbedarft, sie schien von Gefühlen überflutet, dass ich ihr ihren Überschwang nicht weiter übel nahm. Außerdem gewöhnt man sich überraschend leicht daran, von einer jungen attraktiven Frau zumindest verbal ins Herz geschlossen zu werden. Merkwürdiger war für mich das Verhalten ihres Freundes Max, der in mir den von ihm seit je vermissten älteren Bruder zu sehen schien. Anders konnte ich mir seine Anhänglichkeit jedenfalls anfangs nicht erklären. Doch bald fand ich heraus, dass er tatsächlich kaum jünger war als ich, er sich als ein mehr oder weniger professioneller DJ bloß deutlich jugendlicher gab und kleidete. Ich begriff, dass sein Verhalten mir gegenüber nichts Außerordentliches für ihn war, sondern er mich einfach behandelte wie jeden, den er zu seinem Freundeskreis zählte: wahnwitzig herzlich und zuvorkommend. Bat ich ihn per E-Mail, mich plus ein paar Bekannte – aber nur, falls es nicht zu viel verlangt sei – auf die Gästeliste einer Party zu setzen, bei der er auflegen sollte, schrieb er zurück: Mein Lieber, du weißt doch: für Dich alles, immer. Wenn ich ihn traf, begrüßte er mich mit Umarmungen, Küssen und einem Strahlen im Gesicht, als könnte er sich auf der ganzen Welt niemanden denken, den er gerade lieber träfe. |16|Er schickte O. und mir Karten aus Städten, in denen er von Clubs gebucht wurde, und brachte uns von diesen Reisen kleine Geschenke mit, ein Notizbuch etwa für mich, für O. ein Halstuch oder einen Lippenstift. Violetta und er luden regelmäßig zu Abendessen, Partys, zum Picknicken im Park. Sie waren attraktiv, lebendig, sympathisch. Ihr Freundeskreis war groß und auf eine für eine Großstadt typische Weise interessant (aber nicht aufregend, dazu war er zu konventionell). Er bestand überwiegend aus Bar-, Club- und Agenturbetreibern, Musikern, Malern, Modeleuten, Journalisten und Fotografen. Plötzlich stand ich auf so ziemlich jeder zweiten Gästeliste der Stadt. Ich konnte, falls ich das wollte, in Restaurants essen, in Bars trinken, ohne zu bezahlen. Das war natürlich angenehm. Leider wurde mir dafür die Bekanntschaft zu Max und Violetta allmählich unangenehm. Denn tatsächlich fühlte ich mich weder Violetta noch Max auch nur einen Augenblick nah. Unser äußerer Umgang war vom ersten Augenblick an derart eng und herzlich, dass die Möglichkeit, sich eigentlich eher fremd und gleichgültig zu sein, nie eine wirkliche Option gewesen war. Es stand mit der ersten Begegnung gleich selbstverständlich fest, dass wir uns herzlich mochten. Es gab zwischen uns nie die Distanz, die es doch braucht, um zu beurteilen, ob man jemand näher kommen und ihn schließlich zum Freund haben will. Schon bald war mir klar, dass ich vor allem an Max vieles ablehnte (und ich vermutete, es müsste umgekehrt ganz ähnlich sein). Aber es ist schwer, kritisch zu sein, wenn man immerzu als bester Freund behandelt wird. So blieb mir nichts übrig, als die beiden möglichst höflich zu meiden. Unsere merkwürdige Nähe beschämte mich.

|17|Fremd in der eigenen Haut

Dabei war es nicht unbedingt das Verlangen, authentisch zu sein, dass mich auf Abstand rücken ließ. Nicht der Drang nach Eigentlichkeit, den ein braver Adornoianer darin wittern könnte, dass mir die offenbar nicht ganz echte Innigkeit mit Violetta und Max peinlich wurde. Denn ich war von gewissen urbanen Milieus solche Art inflationärer, unernster Herzlichkeit inzwischen schon gewöhnt. Ich hatte gelernt, dass man auch mit oberflächlichen Menschen auf eine oberflächliche Weise herzliche Beziehungen unterhalten kann. Dass solche Begegnungen zum Beispiel bei einem Abendessen ein Vergnügen und – wenn man sich nur in seinen Kreisen immer wieder trifft – noch mehr bedeuten können, eine Art von Freundschaft. Ich hatte mit Violetta und Max nicht wegen ihrer Oberflächlichkeit ein Problem, sondern weil sie mich in eine emotionale Nähe sperrten, die mir mehr abverlangte, als ich zu geben bereit und in der Lage war. Violetta und Max übertrieben. Ihre Herzlichkeit war ohne Augenzwinkern. Ich hatte nie das Gefühl, ihnen sei bewusst, dass unsere scheinbare Intimität nur eine Kulisse war, vor der wir zu unserem Vergnügen gesellschaftliches Theater spielten. Sie meinten es, trotz der grundsätzlichen Unbekümmertheit mit der sie allem und jedem begegneten, auf eine verquere Weise ernst. Ich begann, ihre Verzweiflung zu ahnen. Sie waren ständig vor sich selber auf der Flucht, getrieben von der Fremde, die in ihnen nistete. Sie kannten nicht das Gefühl, in der eigenen Haut beheimatet zu sein und suchten diesen Mangel zu kompensieren, indem sie möglichst die ganze Welt als Freund gewannen. Sie glichen Ertrinkenden, die sich an Menschen wie an Schiffsplanken klammerten. Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der sie |18|das Leben nahmen, legte sich mir als eine Bleiweste über die Schultern.

Allein, nicht einsam

Es ist aber auch möglich, dass Max und Violetta sozusagen in meinem toten Winkel liegen und ich sie voller Unverständnis falsch beurteile. Denn tatsächlich sind sie und ich in vielerlei Hinsicht so verschieden, wie es ein Fisch und ein Vogel sind. Während die beiden seit frühster Jugend in Cliquen eingebunden und ihre Identitäten zu einem nicht unwesentlichen Teil von der Identität der jeweiligen Gruppe bestimmt sind, war ich bis ans Ende meiner zwanziger Jahre nicht unbedingt ein Einzelgänger – ich hatte meistens eine Freundin und einzelne gute Freunde –, aber doch sehr auf die Entdeckung und Eroberung meines eigenen inneren Kontinents besonnen. Es war mir eine Selbstverständlichkeit, die meiste Zeit allein zu sein, auch allein zu verreisen, selbst wenn ich liiert war. Mit Freunden traf ich mich in der Regel nicht in größerer Runde, sondern von Angesicht zu Angesicht. Es ging mir weniger darum, gemeinsam Zeit zu verbringen, als mich mit anderen auszutauschen, über Ideen, Einstellungen, Erfahrungen. Ansonsten genoss ich es, für mich zu sein, tagzuträumen, herumzuspazieren, viel zu lesen. Soweit ich mich an meine zwanziger Jahre erinnere, fühlte ich mich nie mit mir selbst, sondern höchstens unter Menschen einsam, die mich befremdeten. Irgendwann verlor aber dieses Abseits-für-mich-Bleiben seinen Reiz, ich empfand mich nicht mehr als ein unentdecktes Land, sondern als halbwegs vermessen und kartiert. Ich begann, mich immer stärker für andere zu interessieren |19|und entdeckte spät, aber nicht zu spät, was allgemein eigentlich ganz selbstverständlich war: dass gemeinsam erlebte Momente und die Freude von Freunden aneinander ein Wert an sich und vielleicht das Schönste im Leben überhaupt sind.

Lektionen in Oberflächlichkeit: Julie

Ich schreibe von mir nicht, weil ich denke, dass meine Entwicklung ungewöhnlich oder besonders interessant wäre. Sondern um den Standpunkt zu markieren, der die Perspektive dieses Buchs prägt. Viele Jahre habe ich mit einer intensiven Innenschau verbracht, um mich dann recht abrupt in ein Umfeld zu begeben, in dem Äußerlichkeiten jeder Form, sozial und materiell, den Umgang und das Denken dominieren. Hatte ich vorher nicht einmal einen Anrufbeantworter besessen und mich aus Desinteresse und Ignoranz allen vernetzenden Kommunikationstechniken verweigert, bewegte ich mich plötzlich zu meiner nicht geringen Verwunderung unter Menschen, denen ein Leben ohne Handy, Blackberry, später das iPhone geradezu als Zumutung eines barbarischen Zeitalters erschienen wäre. Wesentlich für diesen Milieuwechsel war die Bekanntschaft mit einer Person, die hier Julie heißen soll, durch die ich eine mir bis dahin ganz fremde Lebensweise entdeckte.

Als ich Julie zum ersten Mal begegnete, war eine solche Entwicklung jedoch nicht abzusehen. Ich hielt sie für verrückt und zweifelte, ob ich den neuen Bekannten, der mich auf ihr Fest mitgenommen hatte, tatsächlich noch näher kennen lernen mochte. Ich wusste, dass die beiden für viele Jahre ein Paar gewesen und erst seit kurzem in freundschaftlichem Einvernehmen |20|getrennt waren, und dachte, wer es mit einer solchen Frau ernsthaft ausgehalten hat, muss, ganz gleich wie weltläufig und sympathisch er wirkt, seelisch und moralisch schwer gestört sein. Aus meiner – damals allerdings verqueren – Sicht wirkte Julie wie eine Mischung aus Anna Wintour, Chefin der amerikanischen Vogue und Vorbild für Meryl Streeps Rolle in Der Teufel trägt Prada, und einer bekifften Paris Hilton. Sie bewegte sich mit der gereiften Souveränität einer eitlen Diva und gleichzeitig mit der überdrehten Nervosität eines aufgeregten Teenagers zwischen ihren Gästen umher. Als mich mein neuer Bekannter ihr vorstellte, plapperte sie gleich auf mich ein. In den vielleicht fünf Minuten, die wir mit ihrer Art des Smalltalks verbrachten, erzählte sie – sprunghaft wie eine junge Antilope – mir Dinge über ihre Familie, eine überstandene Krankheit und ihr Liebesleben, die ich meinerseits einem sehr guten Freund nur in der vertraulichen Atmosphäre eines langen gelungenen gemeinsamen Abends anvertraut hätte – wenn überhaupt. Ich sah sie an, hörte ihr zu und wusste weder was sagen, noch denken. Dann schwirrte sie weiter. Ich schüttelte meine Verdutztheit ab und begann, aus Verlegenheit und Langeweile zu trinken. Im Morgengrauen saß ich angeschlagen auf einem Sofa und blickte durch ein Fenster ins milchige Sommermorgenblau, als sich Julie neben mich setzte. Ich gehörte mit vier anderen zu den letzten Gästen. Damit hatte ich mich qualifiziert. Für Julie gehörten wir sechs Unentwegten als der Rest vom Fest nun zu ihren besten Freunden. Gemeinsam brachen wir – drei Frauen, drei Männer – an einen See auf, mieteten ein Boot, verbrachten einen faulen Tag auf dem Wasser, aßen in einem Landgasthof zu Abend und schauten uns schließlich, zurück in Julies Wohnung, von einem Beamer auf die Wohnzimmerwand |21|projizierte Klassiker auf DVD an. Ich verabschiedete mich spät in der zweiten Nacht, um endlich wieder allein zu sein und auszuschlafen. Am späten Vormittag erwachte ich zum Klingeln meines Handys. Julie forderte mich aufgeregt auf, ins Spa des H.-Hotels zu kommen, wo unsere kleine Gruppe vom Vortag bei Vitamincocktails entspannte.

Die sehr erträgliche Leichtigkeit des Seins