Von Bluterguss bis Exitus - Florian Teeg - E-Book

Von Bluterguss bis Exitus E-Book

Florian Teeg

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Beschreibung

Schauergeschichten aus dem Krankenhaus

Gestern noch an der Uni, heute alleine vor einem Patienten, der vor Schmerzen halb ohnmächtig ist. Und man hat keine Ahnung, was ihm helfen könnte. Wie ist das, wenn man ein halbes Blutbad anrichtet und dann plötzlich der Chefarzt ins Zimmer platzt? Oder wenn man einem Patienten sagen muss, dass er eine tödliche Krankheit hat? Sehr ehrlich, selbstkritisch, aber auch höchst komisch berichtet Florian Teeg von seinem ersten Jahr an einer großen Uni-Klinik: von störrischen Patienten, Fehldiagnosen und ihren Folgen, Flirts im Schwesternzimmer und den Grenzen der Medizin.

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Dr. med. Florian Teeg ist seit neun Jahren Arzt, seit zwei Jahren Facharzt für Innere Medizin. Die meiste Zeit war er an einer großen Klinik tätig. Er behandelte Patienten auf der Intensivstation und in der Notaufnahme sowie in den Abteilungen für Gastroenterologie, Hepatologie, Kardiologie, Pulmologie und Onkologie. Nun erzählt er die Geschichten, die er dort erlebt hat.

Dr. med. Florian Teeg

Von Bluterguss bis Exitus

Aus dem Alltag eines Assistenzarztes

Wilhelm Heyne Verlag

München

Vorbemerkung

In diesem Buch beschreibe ich die typischen Erfahrungen eines jungen Arztes. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen sind Namen, Orte und Personen verändert und teilweise fiktionalisiert. Alles worüber ich erzähle, habe ich also erlebt oder hätte ich so erleben können.

Originalausgabe 10/2012

Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Florian Glässing

Umschlaggestaltung: Büro Überland, München

Satz und eBook: Greiner & Reichel GmbH, Köln

ISBN 978-3-641-08326-7

www.heyne.de

Inhalt

Teil 1

Prolog

Herr Petzold oder die Fisteln am Po

Herr Wolf oder das Wasser im Bauch

Prof. Dr. Renner oder die Probleme der oberen Etagen

Assistentenleben oder der Alltag der Klinik

Herr Wuttke oder »Sedare dolorem divinum est«

Herr Pawlowski oder das Versagen der Leber

Frau Kramer oder der faulende Fuß sowie

Frau Hagers Problem mit dem Fett

Frau Reuter oder der Kampf gegen den Streukrebs

Teil 2

Teresa oder die Folgen der Weihnachtsfeier

Die europäische Integration oder ein überlastetes Herz

Herr Himmelreich oder der überlebte Tod

Der Abschied oder alles auf Anfang

Teil I

Prolog

Am schlimmsten war der Geruch. Es gab viele Patienten, die müffelten. Manche stanken regelrecht. Nicht nur die Obdachlosen, die sich nicht wuschen. Oder die mit offenen Beinen und infizierten diabetischen Füßen. Oder die armen, multimorbiden Schweine, wenn sie Pech mit dem Pflegepersonal hatten. Nein, auch die »Normalen«, die einen Beruf oder eine Rente und Angehörige hatten, die sich um sie kümmerten, rochen selten gut. Es ging los, wenn man ihnen die Socken auszog. Und je weiter man sich nach oben vorarbeitete, umso schlimmer wurde es. Besonders der Intimbereich war immer ein heißer Kandidat. Dort gibt es jede Menge Schweißdrüsen, die Duftstoffe absondern, und die Haut ist behaart. Wenn ich die Unterhose lüpfte, fand ich nicht selten Reste dessen vor, was eigentlich in der Toilette hätte verschwinden sollen. Im schlimmsten Fall schlug mir ein bestialischer Gestank entgegen und erzeugte würgenden Brechreiz. Aber ich hatte keine Wahl. Zur ärztlichen Aufnahme eines Patienten im Krankenhaus gehört die körperliche Untersuchung nun einmal dazu. Also Runterschlucken, Wegdrehen, Weitermachen.

Als ich dem etwa 70-jährigen Mann, der vor mir in dem schmucklosen Einzelzimmer unserer internistischen Station lag, half, die Unterhose auszuziehen, war ich jedoch angenehm überrascht. Sein Name war Herr Wolf, und er schien ein Mann zu sein, der sich pflegte und seinen Körper ernst nahm. Es lag sogar ein Hauch von Eau de Toilette in der Luft. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Herr Wolf Privatpatient war. Das war, wie ich im Laufe der Zeit feststellen sollte, zwar keine Gewähr für gute Körperhygiene, erhöhte aber die Wahrscheinlichkeit.

Gleichzeitig spürte ich, dass Herr Wolf auch bei seiner Behandlung Wert auf gewisse Standards legte. Als Privatpatient hatte er Anspruch auf Chefarztbehandlung, und sein Unmut darüber, dass mit mir nicht das Oberhaupt, sondern der unterste Scherge des ärztlichen Hierarchiegebäudes an ihm herumfuhrwerkte, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Wäre ich in seiner Lage gewesen, hätte ich vielleicht ähnlich empfunden. Schließlich war ich erst seit knapp fünf Wochen dabei und blutiger Anfänger. Ich war 28 und hatte Ende Juli meinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben. Seitdem war ich Assistenzarzt der Inneren Medizin an dieser Klinik. Und mein Leben ein anderes.

Vor allem war mir aufgefallen, dass ich mehr schwitzte. Das lag nicht nur daran, dass unser Krankenhaus keine Klimaanlage besaß und die spätsommerliche Hitze in den Stationsräumen genauso drückend wie draußen war, sondern vor allem an Patienten wie Herrn Wolf, der jeden meiner Handgriffe misstrauisch beäugte. Ich würde mich gut verkaufen müssen, damit er mich ernst nahm. Schließlich galt es, möglichst viele Informationen aus ihm herauszubekommen und zu einer medizinisch sinnvollen Geschichte zu formen, die ich später meinem Chef erzählen konnte. Nicht gerade leicht, wenn man gerade mal fünf Wochen dabei ist. Der Hauptgrund fürs Schwitzen war also purer Stress.

Die letzten Minuten hatte ich mit der Anamnese zugebracht und Herrn Wolf zu seinem Leben befragt. Trotz seines offensichtlichen Misstrauens hatte er sich bemüht, nett und korrekt zu sein, und mir einiges erzählt. Er war jetzt 70 Jahre alt und hatte bis zu seinem 65. Lebensjahr gearbeitet, obwohl er eigentlich mit 63Jahren hätte in Rente gehen können. Er war Ingenieur gewesen, leitende Position, und hatte sich sehr mit seinem Job identifiziert. Außerdem war er seit 40 Jahren verheiratet. Krank sei er bisher nie gewesen, wie er betonte. Zumindest war er nie zum Arzt gegangen. Ich schätzte ihn als den Typ »harte Schale, weicher Kern« ein, der zu sich selbst aber eher tough war. Jedenfalls war er nicht gerne auf andere angewiesen und gewohnt, Probleme selbst zu lösen. Jetzt aber hatte er ein Problem, mit dem er nicht alleine fertig wurde. Deswegen war er hier. Bei mir.

Natürlich war er nicht von selbst gekommen, sondern auf Einweisung seines Hausarztes. Sein Problem bestand darin, dass sein Bauch, wie er erzählte, plötzlich sehr schnell sehr dick geworden sei. Innerhalb weniger Tage hätte sich sein leichter Bauchansatz in das verwandelt, was man in Bayern eine Wampe nennt. Herr Wolf war aber kein Bayer. Zwar war er, wie er zugab, dem ein oder anderen Pils nicht abgeneigt, doch um sich ein solches Prachtexemplar von einem Bierbauch anzutrinken, brauchte man schon ein bisschen länger. Außerdem war sein Körper für einen 70-jährigen verhältnismäßig gut trainiert.

Ich konnte mir auf seine Geschichte keinen Reim machen. Bis zu 80 Prozent seiner Diagnosen, hieß es in den Lehrbüchern, könne der erfahrene Arzt bereits durch seine Anamnese stellen, also durch die einfache Befragung des Patienten. Herr Wolf hatte mir mittlerweile allerdings fast sein ganzes Leben erzählt, und ich hatte immer noch keinen blassen Schimmer, was mit seinem Bauch los war. Das wurmte mich. Schließlich hatte ich knapp sieben Jahre studiert und vor drei Monaten mein letztes Examen an der »Arztschule«, der medizinischen Fakultät, mit »gut« abgelegt. Also eine Zwei. Für das Hammerexamen, bei dem alle klinischen Fächer an wenigen Tagen hintereinander geprüft worden waren, war das ziemlich okay. Augenheilkunde, HNO, Kinder und Orthopädie an einem Tag, am nächsten Chirurgie und Neurologie, dann das große Gebiet der Inneren Medizin am übernächsten – so war es tagelang weitergegangen, quer durch den ganzen Bereich der modernen, subspezialisierten Medizin. Ein Hammer eben. Laut Statistik hatte ich genau 89,3 Prozent meiner Kommilitonen hinter mir gelassen. Ich war trotzdem nicht ganz zufrieden gewesen. Ein paar richtige Antworten mehr bei den Multiple-Choice-Fragen und es wäre ein »sehr gut« geworden. Nichtsdestotrotz gehörte ich mit zu den Besten meines Jahrgangs, und das wollte ich natürlich auch beweisen. Mir. Den Patienten. Meinem Chef.

Da die Anamnese nichts gebracht hatte, blieb mir eine Chance von 10 Prozent, die Diagnose über die körperliche Untersuchung zu stellen, die im ärztlichen Ablauf auf die Anamnese folgt. Das behaupten zumindest die Lehrbücher. Die ganzen technischen Untersuchungen, die die moderne Medizin so anbietet, sollen idealerweise nur der Überprüfung und Bestätigung einer bereits gestellten Verdachtsdiagnose dienen.

Also hatte ich die Zunge von Herrn Wolf begutachtet und – während Herr Wolf »Aahh« sagte – in seinen Rachen gesehen. Ich hatte den Hals betastet und seinen Brustkorb beklopft. Anschließend musste er mit offenem Mund tief ein- und ausatmen, während ich Lunge und Herz abhörte. Schließlich kitzelte ich ihn ungewollt an den Füßen, als ich an seinen Knöcheln nach den dortigen Pulsen suchte. Alles war unauffällig.

Die Betastung seiner Superwampe hatte ich mir für den Schluss aufgehoben. Zuvor würde ich mich noch seinem Hinterteil widmen müssen. Digital-rektale Examination, sprich Finger in den Popo. Sie war Teil der körperlichen Untersuchung – zumindest auf unserer Station. Der große Bereich der Inneren Medizin, der alle Organe zwischen Kinn und Steiß und manchmal auch darüber hinaus umfasst, war an der Klinik, an der ich angestellt war, nämlich nochmals in eigene Schwerpunktbereiche unterteilt. In meiner Klinik würde ich mich in den nächsten Jahren vor allem um Magen, Darm, Leber und die sonstigen Bauchorgane kümmern.

Und das Austasten des Enddarms gehörte deswegen bei uns zum Standard einer vollständigen Aufnahmeuntersuchung nun mal dazu. Ich bat Herrn Wolf, der sich inzwischen die Unterhose runtergezogen hatte, sich auf die Seite zu legen. Wie immer, wenn ich aufgeregt war, waren meine Finger kalt. Ich zog mir die mitgebrachten Handschuhe über und entnahm etwas Vaseline aus der Tube in meiner Kitteltasche. Dann zog ich die Pobacken auseinander. Wirklich alles erstaunlich sauber. Hämorrhoiden, Feigwarzen oder zumindest »Marisken« – harmlose, aber unappetitliche Schleimhautfalten – irgendwas fand man eigentlich immer. Nicht so bei Herrn Wolf. Alles blitzeblank und reizfrei. Quasi ein Babypopo.

Als ich mit dem Finger vorstieß, gab Herr Wolf ein Geräusch des Missempfindens von sich, das ungefähr wie »Hrrgh« klang. Ich verwies auf die zwangsläufige Unannehmlichkeit der notwendigen Prozedur und versuchte, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Schließlich hatte ich meinen Finger nicht zum Spaß in seinem Hinterteil. Ganz vorgeschoben begann ich zu tasten und drehte den Finger vorsichtig um die eigene Achse. Hinten fühlte man immer den harten Knochen des Steißbeins, daran konnte man sich gut orientieren. Vorne, Richtung Bauch, konnte man beim Mann die Prostata fühlen. Wie bei fast allen älteren Männern zeigte sie sich bei Herrn Wolf leicht vergrößert, aber ansonsten nicht weiter auffällig. Bei den Frauen fand sich an etwa derselben Stelle die Portio des Uterus, die auch den schönen Namen »Muttermund« trägt, weil dort die Kinder aus der Gebärmutter schlüpfen, bevor sie sich durch den Vaginalkanal zwängen und schließlich das Licht der Welt erblicken.

Vorsichtig tastete ich weiter. Herr Wolf wurde langsam ungeduldig. Nach der Prostata befühlte ich die Darmschleimhaut. Sie war weich, nachgiebig und bot keine Resistenzen. Ein weiteres Verweilen meines Fingers im Enddarm von Herrn Wolf war aus medizinischer Sicht nicht zu rechtfertigen. Ich zog ihn raus, nicht ohne gedanklich noch den guten Tonus des Sphinkters von Herrn Wolf, seines Schließmuskels, zu notieren. Die minimalen Reste von Stuhl, die sich in seiner Enddarmampulle befunden hatten, waren ebenfalls unauffällig, wie ich mit einem Blick auf den Handschuh feststellte, bevor ich ihn umgestülpt von meinen Fingern zog.

»Schon vorbei, Herr Wolf, war doch gar nicht so schlimm …«

Herr Wolf grunzte etwas Unverständliches und machte ein Gesicht, als wäre er anderer Meinung.

Die erste der fünf klassischen Lügen des Arztes, dachte ich, eine Abwandlung von »Tut gar nicht weh«. Hoffentlich würde ich die anderen nicht auch noch gebrauchen müssen.

Ich wandte mich wieder an Herrn Wolf: »Dann wollen wir uns jetzt mal ihren Bauch ansehen.«

Bereits während Herr Wolf sich mühsam wieder auf den Rücken drehte, war so etwas wie ein »Nachhinken« seines Bauches zu erkennen. Die gewaltige Kugel wirkte wie eine träge Masse, die nicht zum übrigen Körper dazuzugehören schien. Mit noch immer kalten Fingern fing ich an, vorsichtig den Bauch zu befühlen. Herr Wolf zuckte kurz zusammen. Ich bemühte mich um ein entschuldigendes Lächeln. Ein Blick in sein Gesicht machte klar, dass sein Misstrauen inzwischen einer gewissen Genervtheit gewichen war. Ich sollte besser bald zum Ende kommen.

Vorsichtig tastete ich weiter und befühlte den ganzen Bauch, erst oberflächlich, dann fester drückend, um die inneren Organe zu erspüren. Aber da war nichts zu erspüren. Der Bauch war eine träge, wabbernde Masse Fleisch, die alles, was darunterlag, verdeckte. Ich wurde immer unruhiger. Ich sah kurz nach oben ins Gesicht von Herrn Wolf. Dieser blickte ernst und erwartungsvoll zurück. Ich bemerkte, wie sich zu meinen kalten, feuchten Fingern eine unpassende Gesichtsröte gesellte. Meine Untersuchung näherte sich ihrem Ende, irgendetwas würde ich Herrn Wolf als Ergebnis präsentieren müssen. Und vor allem meinem Chef.

Meine Bewegungen waren hektisch und ein wenig unkoordiniert, als ich mich wieder auf den Bauch konzentrierte. Ungeschickt stieß ich mit meinem Bein gegen das Bettgestell. Der nackte Bauch von Herrn Wolf wackelte wie ein Pudding hin und her. Da machte es bei mir endlich »Klick«. Die wabernde Masse im Bauch von Herrn Wolf war kein Fett oder Fleisch, sondern Wasser! Wie hatte ich nur so lange auf dem Schlauch stehen können! Hatte ich nicht sogar ein Gluckern gehört? Ich wurde noch röter und überprüfte nochmals den Bauch. Eindeutig, es war Wasser. Wenn ich auf der einen Seite anschlug, konnte ich die Welle am anderen Ende spüren. Wie bei Wasser eben. Ich riss mich zusammen und begann fieberhaft zu überlegen.

Wasser im Bauch. Okay. Im Kopf ging ich die möglichen Krankheiten durch, auf die das Vorhandensein von Bauchwasser hindeuten könnte. Am häufigsten trat es als typisches Symptom einer Leberzirrhose mit konsekutiver Ascites-, sprich Bauchwasserbildung auf. Trotzdem war ich mir nicht sicher. Nach Aussage von Herrn Wolf war sein Bauch derart schnell angeschwollen, dass es sich nur um eine rasche Verschlechterung einer bereits vorbestehenden Leberzirrhose hätte handeln können. In der Anamnese von Herrn Wolf gab es dafür aber keine Hinweise. Auch der Rest passte nicht. Neben der Bauchwasserbildung hat eine Leberzirrhose, egal welcher Ursache, nämlich noch andere typische Folgen und Symptome. Leberhautzeichen zum Beispiel – eine rötliche Verfärbung der Handinnenflächen, eine glänzende rote Zunge, »Lackzunge« genannt, oder sogenannte »Spider naevi«, Spinnenflecke, die als Folge von Gefäßerweiterungen der Haut vor allem im Bereich des Rückens und des Dekolletés auftreten. Nichts von alledem bei Herrn Wolf. Auch ein »Caput medusae«, ein Gefäßkonvolut um den Nabel herum, das die alten Mediziner an das schreckliche Antlitz der mythologischen Medusa erinnert hatte, ließ sich nicht feststellen. Es kann bei einer Leberzirrhose als Folge des Blutstaus in den Lebergefäßen auftreten, wenn das Blut nicht mehr schnell genug durch die geschrumpfte, verhutzelte Leber kommt und sich andere Wege sucht. Zu guter Letzt gab es bei Herrn Wolf keinerlei Anzeichen für die berüchtigte »Bauchglatze«. So nennt man den Ausfall der männlichen Sekundärbehaarung, die eintritt, wenn die kaputte Leber die weiblichen Geschlechtshormone nicht mehr ausreichend abbauen kann. Haare hatte Herr Wolf nämlich genug. Außer vielleicht am Kopf, da waren es sicher mal mehr gewesen.

Nur das Wasser im Bauch – das war da. Und würde wiederum gut zu einer Leberzirrhose passen. Fast alle Zirrhose-Patienten bekommen es als Folge des erhöhten Drucks auf die Pfortader, die das Blut aus dem Magen, dem Darm, der Milz und der Bauchspeicheldrüse durch die Leber hindurchleitet. Viel Blut – im Schnitt ein Liter pro Minute – und das bereits im nüchternen Zustand. Nach dem Essen ist es eher noch mehr. Wenn dieses ganze Blut nicht schnell genug weiterkommt, weil es sich vor der schwächelnden Leber staut, steigt der Druck auf die Ader. Pure Physik. Pfortaderhochdruck ist die Folge. Das Blut wird durch die Gefäßwand hindurch in den Bauchraum gepresst. Nicht die Blutzellen und die Plättchen, die bleiben in der Pfortader. Die Flüssigkeit jedoch findet man im Bauch wieder. Dort heißt sie dann Ascites und sieht aus wie Urin. Mal dunkler, mal heller, mal durchsichtig, mal pissgelb.

Die ausgepresste Flüssigkeit fehlt dann natürlich im Blut. Was dazu führt, dass die Patienten Durst bekommen und trinken. Na, ja, und das, was sie trinken, wird dann wieder abgepresst und landet im Bauch, der dicker und dicker wird. Normalerweise gibt der Arzt dann Medikamente, die die Urinproduktion der Nieren hochfahren und bewirken, dass der Patient die Flüssigkeit ausscheidet, bevor sie im Bauch landen kann. Wenn das jedoch nicht ausreicht und der Bauch des Patienten trotzdem weiter anschwillt, muss man ihn punktieren. Das Bauchwasser nach außen ablassen.

Und genau so eine »Ascitespunktion« würde man bei Herrn Wolf auf jeden Fall durchführen müssen, schloss ich meine vorläufigen Überlegungen ab. Alleine schon um rauszukriegen, was genau los war. Denn das aus dem Bauchraum abgelassene Wasser konnte man untersuchen. Und dann würde man vielleicht schon wissen, was bei Herrn Wolf los war.

Meine Unsicherheit war einer gewissen Euphorie gewichen. Zwar wusste ich immer noch nicht, was für das Wasser in Herrn Wolfs Bauch verantwortlich war, aber ich würde es herausfinden! Auch hatte ich eine Ascitespunktion noch nie selbst ausgeführt, beschloss jedoch, mich davon nicht bremsen zu lassen. Schließlich hatte ich schon einmal zugeguckt und mir sagen lassen, dass es kinderleicht sei und ich es in Zukunft alleine machen sollte. »See one – do one« war schließlich ein gängiges Vorgehen in der Ausbildung junger Mediziner.

Herr Wolf, der mich immer noch genervt und ungeduldig ansah, hatte wohl bemerkt, dass mir ein Licht aufgegangen war, und wollte nun endlich wissen, was ich herausgefunden hatte.

»Wir müssen einmal in Ihren Bauch hineinpieken und das Wasser darin ablassen, um es zu untersuchen«, erklärte ich Herrn Wolf gut gelaunt, der ob meines plötzlichen Stimmungswechsels nun seinerseits verunsichert wirkte. »Ich komme gleich wieder mit dem Ultraschallgerät und dem notwendigen Equipment. Keine Angst, tut nicht weh. Wir machen das hier fast täglich.«

Wow, dachte ich, als ich die Zimmertür öffnete, um das Ultraschallgerät zu holen. Gleich drei der klassischen Arztlügen auf einmal: »Ich komme gleich wieder«, »Tut nicht weh« und »Wir machen das hier fast täglich«. Ich ging aus dem Zimmer. Zum Glück fielen mir die anderen Lügen nicht mehr ein.

Herr Petzold oder die Fisteln am Po

Langsam lief ich den langen Stationsflur entlang, der mit grün gesprenkeltem Linoleum ausgelegt war, und orientierte mich Richtung Arztzimmer. Es befand sich in der Mitte der Station und war ein circa 20 Quadratmeter großer, weiß getünchter Raum mit drei hintereinander angeordneten Schreibtischen älteren Datums. Darauf stand jeweils ein Computer, ebenfalls älteren Datums, zum Schreiben und Korrigieren der Arztbriefe. Meist waren sie von herumliegenden Akten eingemauert. Obwohl dadurch ein Gefühl permanenten Platzmangels entstand, waren meine bisherigen Aufrufe und Initiativen, mehr Ordnung zu halten, bisher allesamt gescheitert. Die Wandschränke im Holzdesign quollen über vor frischen und nicht mehr ganz so frischen Arztklamotten, weiteren Akten älterer Fälle, wo die fehlenden Briefe wohl nie mehr geschrieben werden würden, sowie allerlei Krimskrams vorausgegangener Ärztegenerationen. Es fanden sich Einladungen zu nie besuchten Kongressen, niemals abgeholte Zertifikate für Fortbildungsveranstaltungen, DVDs und VHS-Videobänder interessanter Befunde, die irgendwann einmal zur Veröffentlichung vorgesehen waren, kaputte medizinische Taschenlampen, Thermometer oder Ohrenspiegel. Dazu gesellten sich persönlichere Utensilien wie abgelaufene Deos, alte Namensschilder, eingetrocknete Eyeliner und verblichene Fotos stolzer Jungärzte, die ihre Karrieren inzwischen längst woanders fortsetzten. Als ich auf die Station gekommen war, hatte ich mir einen kleinen Schrankteil für meine eigenen Belange frei geräumt. Den Rest hatte ich, teils aus Faulheit, teils aus Respekt gegenüber meinen Vorgängern, nicht angerührt.

Trotz des Chaos mochte ich den Raum. Das Arztzimmer war ein Rückzugsort für uns Ärzte, gemütlich und hell. Die Station befand sich im fünften Stock des riesigen Krankenhauskomplexes, sodass viel Licht durch die beiden Panoramafenster hereinfiel und man weit in die Ferne und über die Stadt gucken konnte.

Gleich neben dem Arztzimmer befand sich die »Kanzel«, eine Art Zentrale, die zugleich das Reich der Schwestern war. Dieser Raum war ebenfalls weiß gestrichen, dafür schimmerten die zahlreichen Schränke und die ringsum laufende Arbeitsfläche in einem matten hellgrünen Ton. Außerdem war alles viel ordentlicher.

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