Von Müllbabys und Klaukindern - Michael Grunwald - E-Book

Von Müllbabys und Klaukindern E-Book

Michael Grunwald

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9,99 €

Beschreibung

Wer wirft Babys in den Müll? Wann ist ein Ehrenmord ein Ehrenmord? Wer hätte die Anschläge vom 11. September verhindern können? Was treibt die Einschaltquoten hoch? Und wen liebt der Bischof auf dem Altar? Die Antwort gibt dieses Buch in 16 überraschenden Kurzgeschichten. Alle Geschichten von Michael Grunwald könnten sich tatsächlich so zugetragen haben – und manchmal gehen sie sogar gut aus.

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EPUB

Seitenzahl: 204

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Von

Müllbabys

und

KlauKindern

16 authentische

Kriminalfiktionen

um

Macht

und

Missbrauch

Bucheinband.de

Über das Buch Wer wirft Babys in den Müll? Wann ist ein Ehrenmord ein Ehrenmord? Wer hätte die Anschläge  vom 11. September  verhindern können? Was treibt die Einschaltquoten hoch? Und wen liebt der Bischof auf dem Altar? Die Antwort gibt dieses Buch in 16 überraschenden Kurzgeschichten.

Michael Grunwald ist seit 1995 in Berlin als Staatsanwalt tätig. Von 2004 bis 2009 war er Pressesprecher der Anklagebehörde und bezog nicht zuletzt aus dieser Tätigkeit die Inspiration für dieses Buch. Alle seine Geschichten könnten sich tatsächlich so zugetragen haben – und manchmal gehen sie sogar gut aus.

Der Autor

Michael Grunwald, geboren 1968 in Dahn/Pfalz, aufgewachsen in Argentinien, studierte nach dem Abitur in seiner Heimatstadt Jura in Concepcion/Chile und Saarbrücken, arbeitete nebenher als freier Mitarbeiter in Kinderheimen und veröffentlichte Reisereportagen und Kindergeschichten.

Der Vater von vier Kindern lebt in Berlin. Seit 1995 ist er dort als Staatsanwalt tätig. Von 2004 bis 2009 war er Pressesprecher der Anklagebehörde und bezog nicht zuletzt aus dieser Tätigkeit die Inspiration für dieses Buch.

Die nachfolgenden Geschichten sind frei erfunden.

1.Auflage

©Bucheinband.de, Ines Neumann, Heidenau

Umschlagentwurf: Ines Neumann

Gesamtherstellung: Bucheinband.de, Heidenau

Germany 2010

www.bucheinband.de

ISBN 978-3-938293-30-0

para mi amigo

David Encina (†1995)

Inhalt

Ehrenmord!?

„The next Jodl-König” gegen „Deutschland sucht die Traumfrau”

Germany’s next Müllbaby

Deutscher Geheimdienst wusste von den Anschlägen am 11. September 2001

Der Schlüssel zum Erfolg

Der Mörder ist immer der Gärtner

Papa, der Mann da hat mich…

Brief aus dem Jenseits

Kondome machen frei

Gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes

Lilli was here

Musterpapis!?

Nicht auflegen

Ein bemerkenswerter Mann

Männerdomäne Macht

Für Mama

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News Ticker - Polizei und Justiz 1/2010

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Mordfall Hatice Y.: Anklage erhoben

Der Fall der ermordeten Hatice Y. wird vor Gericht aufgerollt. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen gegen den Tatverdächtigen Serkan S. erhoben. Der Anklage zufolge verübte Hatices ehemaliger Verlobter die Tat aus Verärgerung über die Trennung und insbesondere deshalb, weil Hatice Y. ihm das gemeinsame Kind vorenthalten wollte.

Serkan S. war unmittelbar nach der Tat bei der Flucht vom Tatort beobachtet und kurze Zeit später in einem Krankenhaus festgenommen worden. Bei der Festnahme hatten aufgebrachte Familienangehörige und Freunde des Beschuldigten versucht, Serkan S. aus dem Gewahrsam der Polizei zu befreien.

Serkan S. hat sich im Ermittlungsverfahren bislang nicht zu den Tatvorwürfen geäußert.

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Ehrenmord!?

Ehrenmord. Der blutrünstige Mord an Hatice Y. war ein Ehrenmord. Die junge Mutter starb sinnlos wegen einer ebenso verletzten wie veralteten männlichen Weltsicht. Doch das Wort Ehrenmord tauchte nie in einem amtlichen Sprachgebrauch auf. Nicht in der polizeilichen Ermittlungsakte, nicht in Presseerklärungen der beteiligten Behörden und erst recht nicht in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Und doch beherrschte das Wort seit Monaten die Schlagzeilen landauf, landab: Ehrenmord!

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft bemühte sich vergeblich, die heftigen Angriffe der Medien auf die Ermittlungsbehörde abzuwehren, die sich in den Augen der Öffentlichkeit beharrlich weigerte, das Kind beim Namen zu nennen.

„Das Strafgesetzbuch sieht einen solchen Begriff nicht vor. Das Gesetz kennt keinen Mord aus Ehre oder besser gesagt, aus falsch verstandener Ehre. Für einen Mord müssen über die bloße Tötung eines Menschen hinaus weitere erschwerende Gründe hinzutreten: Die sogenannten Mordmerkmale. Das Gesetz nennt zum Beispiel Grausamkeit oder Habgier. Ehre ist im Gesetz nicht als Mordmerkmal genannt. Es gibt lediglich das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe. Das ist gegeben, wenn die Handlung sittlich extrem verwerflich war. Im hier vorliegenden Fall hat die Staatsanwaltschaft einen solchen Mord aus niedrigen Beweggründen angenommen.”

Der Fall, den die Staatsanwaltschaft so mühsam ins Paragraphendeutsch zu pressen versuchte und den die Öffentlichkeit längst als Ehrenmord abgeurteilt hatte, war aus ermittlungstaktischer Sicht einfach gelagert. Umso brisanter waren die damit verbundenen sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen.

Serkan S., im Amtsdeutsch„Deutscher Staatsangehöriger mit Migrationshintergrund”, im Volksmund eingedeutschter Türke, hatte seine Ex-Verlobte Hatice Y. erstochen, weil diese ihm das gemeinsame Kind vorenthalten wollte. Die Tat war so schnell aufgeklärt, wie sie passiert war.

Ein Nachbar hatte die Polizei zu Hatices Wohnung alarmiert, als er von dort Hilferufe hörte. Die schnell eintreffenden Streifenwagen konnten noch am Tatort die Verfolgung eines Autos aufnehmen, in dem laut Nachbar der mögliche Täter den Tatort verließ. Da noch unklar war, ob überhaupt ein Verbrechen begangen worden war, beschränkte sich der Polizeiwagen zunächst darauf, den flüchtenden Wagen nicht aus den Augen zu verlieren. Zwischenzeitlich stürmten andere Polizisten Hatices Wohnung. Für die Frau kam jede Hilfe zu spät. Die Täter-Beschreibung des Nachbarn passte zu dem Fahrer des bereits von der Polizei verfolgten Autos. Die verfolgenden Beamten bekamen den Befehl zum Zugriff. Der Tatverdächtige war zwischenzeitlich vor einem Krankenhaus vorgefahren und mit einem Paket im Arm in der Notaufnahme verschwunden. Dort war er – völlig blutüberströmt–von der Polizei gestellt worden, während er, hektisch durch die Wartehalle hin und her laufend, auf sein Handy einschrie. Von dem Paket, das er noch wenige Augenblicke zuvor bei sich gehabt hatte, fehlte jede Spur.

„Polizei! Hände hoch! Keine Bewegung!”

Serkan S. gehorchte, hob die Hände. In der linken Hand das Handy, in der rechten ein Messer.

„Waffe runter!”

„Ich will nur wissen, ob es ihm gut geht.”, murmelte Serkan.

„Waffe fallen lassen!”

„Ich will nur wissen, ob es ihm gut geht!”. Serkan S. wiederholte sich wieder und wieder.

Ein Arzt stürzte herbei und rief:

„Er hat ein neugeborenes Baby abgegeben. Das Kind ist kaum eine Stunde alt.”

„Und wie geht es ihm?”, schrie Serkan S. zurück.

„Das Kind, es ist ein Junge, ist gesund und munter”, erklärte der Arzt.

Bei diesen Worten seufzte Serkan S., ließ das Messer fallen und ließ sich widerstandslos festnehmen. Geübte Hände durchsuchten ihn nach weiteren Waffen und legten die Handschellen an.

„Ihr könnt mich nicht mitnehmen”, erklärte der Gefangene dann ruhig. „Ich habe meine Familie angerufen.”

Die Polizisten führten ihn zum Ausgang.

Dort erwartete sie eine aufgebrachte Menge junger Männer. Ebenfalls mit Migrationshintergrund.

„Was habe ich Euch gesagt?”, triumphierte Serkan S.

„Was macht ihr mit meinem Bruder?”, schimpfte der Anführer der Männer vor dem Krankenhaus. „Lasst ihn sofort los!”

Die zahlenmäßig weit überlegene Menge drängte sich um die Polizisten. Mit Blaulicht und Sirene hielten zwei weitere Polizeiwagen vor der Notaufnahme. Mit Mühe und Not, einigen blauen Flecken am Körper und mit erheblichen Schäden an den Dienstwagen gelang es den Polizisten schließlich doch, die aufgebrachte Menge zurückzudrängen und Serkan S. in einem Polizeiauto abzutransportieren.

Da weder der Blaulicht-Einsatz vor der Wohnung der Toten noch derjenige vor dem Krankenhaus unbeobachtet geblieben waren, war die erste Schlagzeile schon in der Presse, noch bevor die Mordkommission und der zuständige Staatsanwalt am Tatort waren: „Blutbad in Berlin-Mitte, blutrünstige Meute versucht, Mörder zu befreien!”

Das einmal geprägte Bild von Serkan S., dem „Schlächter”, brannte sich in die Schlagzeilen der kommenden Monate. Dabei war schon wenige Stunden nach der Tat durch die Sofort-Obduktion klar, dass Hatice an einem einzigen Stich gestorben und nach innen verblutet war. Das sichtbare Blut am Tatort war lediglich die Folge der kurz zuvor erfolgten Geburt. Hatice hatte allein in ihrer Wohnung den gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht. Serkans Vaterschaft wurde per DNS-Analyse bestätigt.

Auch zur Mordwaffe äußerten sich die Gerichtsmediziner in eindeutiger Form: Das Messer, das Serkan S. im Krankenhaus noch in der Hand gehabt hatte, war die Tatwaffe.

Der Nachbar, der Serkan und Hatice vom gemeinsamen Grillen im Tiergarten her kannte, identifizierte Serkan als den Mann, der in die Wohnung Hatices gegangen und nach Hatices Hilferufen aus deren Wohnung gerannt und mit dem Auto geflüchtet war.

Serkan S. indes schwieg auf Anraten seiner Verteidiger hartnäckig zu den Vorwürfen. Keine Aussage bei der Polizei, keine Aussage vor dem Ermittlungsrichter. Er leugnete die Tat nicht, er gab sie nicht zu. Er sagte schlicht kein einziges Wort.

Umso wortreicher stritt die Öffentlichkeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen über den Fall, schlachtete ihn je nach Couleur für die eigenen Interessen aus.

Politiker im Wahlkampf nutzten den Fall, um eine Verschärfung der Gesetze und härtere Strafen gegen Gewalttäter mit Migrationshintergrund zu fordern. Andere Stimmen warnten vor einer Parallelgesellschaft mit archaischen Wertvorstellungen außerhalb der mitteleuropäischen Moralwerte. Die Dachorganisation der türkischen Verbände warnte davor, aus dem Einzelfall generell auf eine gescheiterte gesamtgesellschaftliche Integration zu schließen. Der türkische Außenminister auf Staatsbesuch forderte die Einführung türkischer Schulen in Deutschland, um jungen Menschen kulturelle Wurzeln und wahre Vorstellungen von Ehre zu vermitteln.

Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus machte die Sparmaßnahmen der Regierung im Sozialbereich für Hatices Tod verantwortlich. Weil Hatice keine Unterstützung während der Schwangerschaft erhalten hatte, sei sie ihrem Mörder bei der Geburt hilflos ausgeliefert gewesen. Die Regierung konterte mit der Blockadehaltung der Opposition bei wichtigen sozialen Gesetzesreformen.

Hatices Familie schwor Serkans Familie öffentlich Rache und beantragte beim Jugendamt das alleinige Sorgerecht für das Kind. Serkans Familie beteuerte in einer Pressekonferenz, dass allein Hatice Serkan zu der Tat getrieben habe, Serkan folglich unschuldig sei und daher natürlich ihm als Vater das Sorgerecht für das Kind zustehe.

Der Tag des Prozessbeginns war daher ein Großkampftag für alle Beteiligten.

Politiker und Interessenvertreter kämpften um die beste Sendezeit für ihre zahlreichen Auftritte im Frühstücksfernsehen. Gericht und Staatsanwaltschaft kämpften wegen des ungekannten Zuschauer- und Presseinteresses und angesichts der Sicherheitslage mit der ordnungsgemäßen Durchführung der Gerichtsverhandlung. Die Polizei kämpfte darum, vor und im Gericht die Mitglieder von Hatices und Serkans Familien voneinander zu trennen. Zuschauer und Reporter kämpften um die besten Plätze im Saal.

Und sie alle erlebten eine große Überraschung.

Serkan brach sein Schweigen. Mit einem einzigen Satz erklärte er die Tat. Und machte damit wochenlange Ermittlungen zunichte und jede bisherige Planung zum künftigen Prozessverlauf obsolet.

„Es war Notwehr”, erklärte er nüchtern.

Einen Bruchteil einer Sekunde war es mucksmäuschenstill im ehrwürdigen Gerichtssaal. Richter, Staatsanwalt, Protokollführer und Presse brauchten einen Lidschlag, um die Worte des Angeklagten zu notieren und dann den Inhalt zu begreifen. Dann begann die Unruhe.

Notwehr. Wie denn? Notwehr? Gegen wen soll er sich denn gewehrt haben? Notwehr?

„Schwachsinn”, kritzelte ein Reporter auf seinen Zettel.

„Sie wollte meinen Sohn töten”, erklärte Serkan, den Tränen nah. „Ich konnte sie nur mit dem Messer davon abhalten. Ich wollte sie nicht töten.” Dann verfiel er wieder in sein bisheriges Schweigen.

Den Rest der Erklärung übernahm sein Rechtsanwalt.

„Um es juristisch korrekt auszudrücken”, belehrte er das gespannte Publikum, „liegt ein Fall der sogenannten Nothilfe vor, also eine Abwandlung der Notwehr. Wer in Notwehr handelt, verteidigt sich selbst, wer in Nothilfe handelt, verteidigt einen anderen. In beiden Fällen aber ist der Verteidiger unschuldig.” Dann überreichte der Rechtsanwalt dem Gericht einen kleinen Papierstapel, den er anschließend vorlas.

Dem Anwalt zufolge war Serkan S. als in Deutschland geborener und aufgewachsener Nachkomme türkischer Gastarbeiter ein voll integriertes Mitglied der Gesellschaft, der über Schulabschluss, Ausbildung und sicheren Arbeitsplatz verfügte und sich Hals über Kopf in Hatice verliebte. Hatice erwiderte die Gefühle, und es kam zur Verlobung. Aus Gründen, die Serkan S. nicht nachvollziehen konnte, löste Hatice plötzlich die Verlobung. In der Folgezeit verweigerte sie jeden Kontakt zu Serkan und verschwieg ihm – wie im Übrigen auch allen anderen–ihre Schwangerschaft. Kurz vor der Geburt offenbarte sie sich ihrer besten Freundin und machte dabei deutlich, dass sie ebenso verzweifelt wie wütend sei. Ein Kind ohne Mann war in ihrem sozialen und familiären Umfeld undenkbar. Eine Schande. Das ungewollte Kind warf ihre gesamte Lebensplanung hoffnungslos durcheinander. Hatice wollte daher das Kind allein auf die Welt bringen, um es dann zu töten. In ihrer Not sah Hatices Freundin keinen anderen Ausweg, als Serkan anzurufen. Serkan fuhr, so schnell er konnte, zu Hatices Wohnung, wo er Hatice mit dem Neugeborenen überraschte. Sie schrie und drohte, das Kind zu töten. Serkan zog sein Messer und drohte, er werde sie töten, wenn sie dem Kind etwas antue. Natürlich habe Serkan – so der Rechtsanwalt–Hatice nie töten wollen. In der Situation war diese Drohung aber seine einzige Möglichkeit, um Hatice von der Kindestötung abzuhalten. Doch Hatice reagierte nicht darauf. Sie stand unter Schock und war geschwächt von der Geburt. In ihrem Wahn hob sie das Kind mit beiden Armen über ihren Kopf, um es Serkan vor die Füße zu werfen. Serkan sprang auf sie zu, griff nach ihren Armen, um den Sturz des Kindes zu verhindern. Es kam zu einer Rangelei um das Kind. Dabei traf Serkan Hatice unglücklich mit dem Messer.

„Dass Hatice an dem unglücklichen Messerstich starb”, schloss der Rechtsanwalt seinen Vortrag, „bedauert niemand so sehr wie Serkan selbst. Er möchte sich hier und heute in aller Öffentlichkeit bei Hatices Familie dafür entschuldigen, dass er so viel Leid über sie gebracht hat.” Der Anwalt machte eine kurze Pause. Serkan nickte mit dem Kopf.

„Aber letztlich”, betonte der Rechtsanwalt, „hat Serkan seinem Sohn das Leben gerettet. Das würde jeder Vater für sein Kind tun. Das ist nicht strafbar!”

Die letzten Worte schwebten einen Moment durch den verstummten Gerichtssaal.

„Also werden wir uns die Aussage der Freundin anhören”, entschied der Richter dann und vertagte die Verhandlung.

Es dauerte allerdings zwei weitere Verhandlungstage, bis Hatices Freundin als Zeugin vor Gericht vernommen werden konnte. Die Zeit bis dahin füllten die Zeugenaussagen des Nachbarn, der an der Festnahme Serkans beteiligten Polizisten und der Gerichtsmediziner, die Hatices Leiche obduziert hatten. Alle wiederholten zunächst ihre bislang weitgehend bekannten Aussagen. Dann wurden sie mit Blick auf Serkans neu geschilderte Fallvariante der Notwehr zusätzlich auch dazu befragt. Der Gerichtsmediziner konnte keine weiteren Erkenntnisse liefern. Anhand des bei der Obduktion festgestellten Verletzungsbildes bei Hatice ließ sich nicht sagen, ob der tödliche Stich in Notwehr erfolgt war oder nicht.

Anders sah es bei dem Nachbarn aus. Er kam ins Grübeln und dachte angestrengt über den Wortlaut des Streites zwischen Hatice und Serkan nach. Dieser war in manchen Teilen so laut gewesen, dass er beim Nachbarn zu hören gewesen war.

„Könnte es sein”, fragte Serkans Rechtsanwalt, „dass Hatice geschrien hat: ‚Ich werfe Dir Deinen Bastard vor die Füße!’ Könnten das ihre Worte gewesen sein?”

Nach langem Nachdenken nickte der Nachbar. „Ja, das wäre möglich.”

Damit hatte auch dieser Gerichtstag seine Schlagzeile: „Wende im Ehrenmord-Prozess?”

Dann kam die mit Spannung erwartete Aussage der Freundin. Ein hinter den Kulissen eifrig vorbereiteter Termin. Denn der wahre Grund dafür, dass sie erst zwei Verhandlungstage später vor Gericht erschien, lag in der organisatorischen Notwendigkeit, ihr ausreichend Polizeischutz zu gewährleisten.

Hatices Familie war nach Serkans überraschender Notwehrgeschichte nicht müde geworden, in alle Kameras zu drohen, dass sie es nicht dulden werde, wenn jemand ihre geliebte Hatice öffentlich als Kindermörderin hinstellte. Schnell war die Freundin als diejenige gebrandmarkt, die Hatice zu einem freizügigen Lebenswandel deutscher Art verleitet hatte und daher letztlich für deren Tod verantwortlich war.

Die deutlich eingeschüchterte Freundin wurde gut bewacht in den Gerichtssaal geführt. Mit einfachen, aber bewegenden Worten ließ sie – obwohl ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern war–Hatice vor den Augen des Gerichts wieder auferstehen. Das ganze Elend der verheimlichten Schwangerschaft, der Einsamkeit, der Bitterkeit und des Zorns. Verlorene Liebe, verlorene Jugend, Hoffnungslosigkeit und die nüchterne Erkenntnis, Serkan und das von ihm gezeugte Kind durften Hatices Leben nicht zerstören.

„Warum haben Sie diese Geschichte nicht schon bei der Polizei erzählt?”, meldete der Staatsanwalt seine Zweifel an und las der Freundin Teile ihrer früheren Aussage vor. Dort hatte sie Hatices Not mit keinem Wort erwähnt.

„Ich wurde nicht danach gefragt”, verteidigte sich die Zeugin.

„Bitte überlegen Sie sich diese Antwort noch einmal genau”, mahnte der Staatsanwalt und blätterte in den Akten. „Hier in Ihrer ersten Aussage zwei Tage nach dem Mord steht die Frage…”.

„Wenn Sie mir nicht glauben, ich kann es Ihnen vorspielen”, unterbrach die Zeugin den Ankläger.

Unverständiges Schweigen.

„Was meinen Sie mit vorspielen?”.

„Ich habe Hatices letzte Worte auf meinem Handy gespeichert.”

Verblüfftes Schweigen.

Aber es stimmte.

Die Freundinnen hatten vor Jahren aus Jux begonnen, sich gegenseitig beim Telefonieren aufzunehmen, um sich später beim Abspielen der Aufnahmen miteinander zu amüsieren. Oder um lustige Versprecher im Freundeskreis zu belachen. Später dann wurden „wichtige” Telefonate über das Leben im Allgemeinen und Männer im Besonderen aufgezeichnet. Als Erinnerung. So auch das letzte Gespräch der beiden. Ein Stimmgutachter glich die Aufnahme auf dem Handy mit einem Familienvideo Hatices aus früheren Tagen ab. Es war Hatice, die da sprach. Die gespeicherte Nachricht war ein zulässiges Beweismittel.

Und so hallte Hatices Stimme aus dem Jenseits durch den Gerichtssaal. Ihre Eltern brachen in Tränen aus. Hatices Hoffnungslosigkeit lag greifbar in der Luft.

„Das ist nicht mein Kind… (unverständliches Wimmern) …, das ist sein Bastard. Ich will es nicht. Ich werde es… (unverständlich) …, mache es tot!”

Auf der Anklagebank konnte sich Serkan ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Seine Geschwister im Zuschauerraum klatschten Beifall.

Der Richter unterbrach die Verhandlung für 20 Minuten. Auf Bitte der Staatsanwaltschaft wurde die Pause um zwei Stunden verlängert.

„Ich werde am Ende dieser Gerichtsverhandlung den Antrag stellen”, begann der Staatsanwalt nach der Pause seine Erklärung, „den Angeklagten Serkan S. vom Vorwurf des Mordes an Hatice Y. freizusprechen.”

Fassungslosigkeit breitete sich bei Hatices Eltern aus, Freude bei Serkans Familie.

Die Presse schrieb eifrig mit.

„Ich glaube”, fuhr der Staatsanwalt fort, „wir sind uns alle hier einig, dass wir in der Freundin von Hatice eine glaubwürdige und über alle Zweifel erhabene Zeugin gehört haben. Sie pflichten mir doch zu, Herr Rechtsanwalt?”

„Ja, natürlich”, beeilte sich Serkans Rechtsanwalt zu versichern.

„Und die Aufnahme auf dem Handy der Freundin bekräftigt das Geschehen zusätzlich”, sagte der Staatsanwalt. Wieder blickte er zum Rechtsanwalt. Dieser nickte.

„Die Kombination aus der glaubwürdigen Aussage der Freundin und der Handyaufnahme führt damit nach meiner Überzeugung zu einer eindeutigen Beweislage”, schlussfolgerte der Staatsanwalt. „Serkan S. kann nicht nachgewiesen werden, dass er Hatice bewusst und willentlich getötet hat.”

Die Pressevertreter überschlugen in ihren Köpfen bereits die Schlagzeilen: „Ehrenmord war Notwehr!” „Doch (k)ein Ehrenmord”, „Schlächter von Berlin-Mitte als Kindesretter!”

„Natürlich werde ich nachher auch beantragen”, erklärte der Staatsanwalt weiter, „dass der Haftbefehl wegen Mordes gegen Serkan S. aufgehoben und er für diese Sache aus der Untersuchungshaft entlassen wird.”

Auf der Anklagebank ballte Serkan die Siegerfaust.

„Bevor ich aber alle diese angekündigten Anträge stelle”, fuhr der Staatsanwalt fort, „wird Serkan S. wegen neuer, schwerwiegender Vorwürfe wieder verhaftet!”

Serkan jubelte weiter. Er hatte dem letzten Satz des Staatsanwaltes keine Beachtung mehr geschenkt. Die Zuschauer in beiden Lagern verstummten verblüfft.

Der Rechtsanwalt glaubte, sich verhört zu haben.

Den Reportern fiel der Stift aus der Hand.

Wie ein Pokerspieler ein weiteres As aus dem Ärmel zieht, so zog der Staatsanwalt mehrere Seiten rotes Papier aus seinen Unterlagen. Darauf prangerte fettgedruckt das Wort „Haftbefehl”. Je ein Exemplar für das Gericht und den Rechtsanwalt.

„Wenn Sie uns das bitte erklären könnten”, forderte der Richter.

„Die Erklärung wird Ihnen Hatice selbst geben”, kündigte der Staatsanwalt an. „Auf dem Handy der Freundin waren noch mehr Gespräche gespeichert. Diese werde ich Ihnen – wenn das Gericht es erlaubt–jetzt vorspielen.”

„Das sind unzulässige Beweismittel”, empörte sich der Rechtsanwalt lautstark.

„Aber Herr Rechtsanwalt”, beschwichtigte der Staatsanwalt. „Sie waren mit mir doch gerade eben noch vollkommen einer Meinung, als ich die Freundin und deren Handyaufnahmen als zulässige und glaubwürdige Beweismittel eingestuft habe. Daran hat sich doch nichts geändert, oder?”

„Das Gericht möchte die Aufnahmen hören”, erstickte der Richter den drohenden Schlagabtausch.

Wieder wurde die Technik aufgebaut.

Und wieder schwebte unverkennbar Hatices Stimme durch den Raum.

Eine Stimme aus längst vergessenen sorgenfreien Tagen: „Ich liebe ihn… (kichern) … ich liebe ihn. Serkan, mein Serkan. Ich liebe ihn.”

Dann ein Anruf wenige Wochen später. Hatice, voller Liebe und doch in Sorge: „Ich liebe ihn, er liebt mich. Aber er will nicht warten bis nach der Hochzeit. Er will mich… (schweigen) … jetzt. Ganz. Es ist so schwer, ihn abzuweisen.”

Wieder einige Tage später. Hatice ängstlich flüsternd: „Er hat mich eingeschlossen. Er wollte mich. Ich habe ihn nicht gelassen. Er wurde wütend, hat mich… (schluchzen) … geschlagen. Er lässt mich erst raus, wenn ich mit ihm schlafe. Wenn er merkt, dass ich telefoniere, ich weiß nicht, was er dann macht… (schweigen) …, ich glaube, er kommt.”

Dann Hatice verzweifelt: „Er hat mich… (unverständlich) … Erst kam er und hat sich entschuldigt. Mit Blumen. Er hat geweint. Wir haben beide geweint. Ich habe ihn getröstet. Umarmt, geküsst. Dann rieb er sich an mir. Er wollte…, ich wollte nicht. Dann hat er mich einfach… (unverständlich) … Wie ein Stück Vieh… (schweigen) … Wenn mein Vater erfährt, dass ich keine Jungfrau mehr bin, schlägt er mich tot.”

Zuletzt Hatice hoffnungslos: „Ich bin schwanger…(schluchzen) … es ist zu spät, es wegzumachen. Dieses Schwein Serkan hat mir einen Bastard angedreht. Das darf keiner erfahren. Niemals. Eher bringe ich mich um. Oder es.”

Wie ein Fluch blieb Hatices Stimme im Gerichtssaal kleben.

„Serkan S.”, erklärte der Staatsanwalt nüchtern, aber bestimmt, „mag Hatice vielleicht nicht mit seinem Messer ermordet haben. Ihr Leben hat er auf jeden Fall zerstört. Und deshalb wird er verhaftet. Weil er Hatice geschlagen, eingesperrt und zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat. Oder mit den Worten des Strafgesetzbuches: Haftbefehl wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung.”

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News Ticker - Polizei und Justiz 2/2010

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Der medial ausgetragene Streit zwischen Deutsch­lands bekanntestem Show-Master und einem international erfolgreichen Top-Model beschäftigt nun auch die Staatsanwaltschaft: Show-Master und Model haben sich gegenseitig wegen wechselseitiger Straftaten angezeigt.

Das Top-Model, derzeit im Fernsehen mit der Sendung „Deutschland sucht die Traumfrau” zu sehen, beschuldigt den Show-Master, sie sexuell belästigt zu haben.

Der Show-Master, dessen aktuelle Sendung „The next Jodl-König” sinkende Zuschauerzahlen verkraften muss, wirft dem Model vor, ihn beleidigt und verletzt zu haben.

Hintergrund ist das Zusammentreffen der beiden TV-Moderatoren bei einer Preisverleihung am vergangenen Wochenende.

Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben die Ermittlungen aufgenommen.

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„The next Jodl-König” gegen „Deutschland sucht die Traumfrau”

Geheime Krisensitzung. Das wäre die richtige Bezeichnung gewesen für die ebenso verschwiegen wie eilig einberufene Programmkonferenz der beiden führenden Fernsehkanäle im deutschsprachigen Raum – so jedenfalls deren unerschütterliche Selbsteinschätzung.

TVL-Chef Johann DeDur und Star-TV-Chef Ludwig Kapelle – sonst eingefleischte öffentliche und private Erzfeinde – erschienen höchstpersönlich, knallten ihre Unterlagen auf den Konferenztisch und präsentierten gemeinsam die neuesten erschütternden Zahlen und Bilanzen. Namenlose Assistenten beeilten sich, die Papiere unter der versammelten selbsternannten Crème de la Crème der Chefredakteure und Programmdirektoren zu verteilen. Neben den Kurven mit den drastisch sinkenden Einschaltquoten prangerte fett in knallroter Farbe die Zahl der bedrohlich eingebrochenen Werbeeinnahmen.

„Selbst der ‚Heimatstadl’ im Ersten hat mehr Zuschauer als ‚The next Jodl-König’. Das ist ein Skandal”, ereiferte sich Johann DeDur.

„Und ‚Deutschland sucht die Traumfrau’ ist sogar hinter diese unaussprechliche Tanz-Show zurückgefallen”, giftete Ludwig Kapelle.

Die Existenzkrise der Sender war – so schwer allen Beteiligten diese Einsicht fiel – nur durch eine geheime Kooperation der Erzrivalen zu meistern.

Wie aus einem Mund kam das Kommando der Chefs.

„Die Quoten müssen hoch. Egal wie.”

„Ein Remake der ‚Klinik am…’”, begann ein mutiger Redakteur, nur um sich nach einem „Ich hasse Kliniken” seines gichtgeplagten Chefs und den strafenden Blicken der Kollegen zu wünschen, nie den Mund aufgemacht zu haben.

„Eine Planungskommission sollte…”. Den Rest des Satzes erstickte ein weiterer chefmäßiger Wutausbruch.

„Für ein schnelles Quoten-Hoch gibt es nur ein Rezept: Sex und Gewalt”, warf einer der älteren Programmdirektoren ein und erntete – nachdem die Chefs nicht protestierten – ein wachsendes zustimmendes Gemurmel.

„Vorschläge”, forderte Johann DeDur.

„Konzepte”, verlangte Ludwig Kapelle.

Zwei Stunden und eine heiße Diskussion später beendeten sie zufrieden die Konferenz und setzten umgehend die Medien-Maschinerie in Gang.

Lester Mauhl, der polarisierende, fluchende, gleichsam verhasste wie bewunderte Moderator von ‚Germany’s next Jodl-König’, erhielt vom TVL-Chef DeDur persönlich und diskret seine Instruktionen.

Der Star-TV-Chef Kapelle traf für Isidora Schoen, Moderatorin von ‚Deutschland sucht die Traumfrau’, ebenfalls die erforderlichen Vorkehrungen. Isidora, von ihren Fans liebevoll ‚Isdi’ genannt, wurde allerdings nicht eingeweiht. Der ausgeheckte Plan basierte auf der Erwartung an Isidoras natürliche Reaktion. Sie musste die leibhaftige Unschuld und Empörung glaubhaft verkörpern.

Der auserkorene ‚Tatort’ war die Preisverleihung zur ‚Goldenen Wachtel’, bei der Lester Mauhl und ‚Isdi’ Schoen natürlich nicht fehlen durften. Lester führte seinen Teil des Plans bei der Live-Übertragung der After-Show-Party routiniert aus. Genau in dem Moment, als die mit Argusaugen überwachten Einschaltquoten aus Fernsehen und Internet die höchste Tageszuschauerzahl diagnostizierten.

Mehrere Kameras und ungezählte Mikrofone im Saal fingen – zunächst kaum bemerkt – ein kurzes Herantreten Lesters an ‚Isdi’ ein. Isidoras Reaktion war nicht die erwartete. Sie übertraf sogar alle Erwartungen. ‚Isdi’ reagierte ebenso kurz, wie heftig und eindeutig. Als das erschreckte „Was war denn das?” des Live-Kommentators die heimischen Mattscheiben erreichte, war schon nichts mehr zu sehen.

Dafür liefen die Drähte in den Chats heiß.

In genau einstudierten Beiträgen verfochten fiktive Zuschauer von TVL und Star-TV im Internet und per Telefon ‚spontan’ ihre Position als Lester- oder ‚Isdi’-Fans.

Damit löste sich eine Lawine weiterer Zuschauerreaktionen. ‚Isdi’-Fans liefen Sturm gegen Lester. Lester-Fans verteufelten ‚Isdi’