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Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Politik - Region: Südosteuropa, Note: 2,3, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Sprache: Deutsch, Abstract: Diese Aussage Bismarcks schien mit der Eskalation des Konfliktes in Jugoslawien erneut Bedeutung gewonnen zu haben. Häufig fanden genau diese mahnenden Worte Bismarcks Verwendung, wenn Politiker sich gegen eine militärische Intervention in Kroatien oder Bosnien-Herzegowina aussprachen. Nahezu vier Jahre lang wehrten sich die Regierungen der führenden westlichen Länder vehement gegen den Einsatz von Bodentruppen, um die kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien zu beenden. Allenfalls zu humanitären Zwecken waren vor allem Frankreich und Großbritannien bereit, Truppen im Rahmen eines UN- Einsatzes in die Konfliktregion zu entsenden. In Anwesenheit dieser Soldaten ereigneten sich auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz die schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sich in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ereignet hatten. Die Tatenlosigkeit im Angesicht von Kriegsverbrechen, wie des Massakers von Srebrenica, drohte der UNO, aber auch der NATO und der EU einen großen Glaubwürdigkeitsverlust zuzufügen. Nur wenige Jahre zuvor war im Rahmen der UNO der Aggression Saddam Husseins gegen Kuwait erfolgreich begegnet worden. Präsident George H.W. Bush hatte eine starke Allianz unter Führung der Vereinigten Staaten gegen den Irak gebildet, die Kuwait mit Zustimmung der sowjetischen Führung militärisch befreite. Die Folge der Operation „Desert Storm“ war ein zunehmender Optimismus gepaart mit der Annahme, dass die UN künftig eine „zentrale Rolle (...) und eine entscheidende Funktion für die Bewältigung regionaler Konflikte im Rahmen einer präventiven Diplomatie“ spielen würden.2 [...] 1 Zitiert in: Wolf Oschlies, Wo bitte liegt – und was ist der „Balkan“? In: Eurasisches Magazin, Ausgabe 04-06, http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20060409. 2 Christian Hacke, Zur Weltmacht verdammt, 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, München 2005, S. 507.
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Veröffentlichungsjahr: 2011
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„Der ganze Balkan ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert.“ - Otto von Bismarck, im Reichstag am 5. Dezember 18761
Diese Aussage Bismarcks schien mit der Eskalation des Konfliktes in Jugoslawien erneut Bedeutung gewonnen zu haben. Häufig fanden genau diese mahnenden Worte Bismarcks Verwendung, wenn Politiker sich gegen eine militärische Intervention in Kroatien oder Bosnien-Herzegowina aussprachen. Nahezu vier Jahre lang wehrten sich die Regierungen der führenden westlichen Länder vehement gegen den Einsatz von Bodentruppen, um die kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien zu beenden. Allenfalls zu humanitären Zwecken waren vor allem Frankreich und Großbritannien bereit, Truppen im Rahmen eines UN-Einsatzes in die Konfliktregion zu entsenden. In Anwesenheit dieser Soldaten ereigneten sich auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz die schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sich in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ereignet hatten. Die Tatenlosigkeit im Angesicht von Kriegsverbrechen, wie des Massakers von Srebrenica, drohte der UNO, aber auch der NATO und der EU einen großen Glaubwürdigkeitsverlust zuzufügen. Nur wenige Jahre zuvor war im Rahmen der UNO der Aggression Saddam Husseins gegen Kuwait erfolgreich begegnet worden. Präsident George H.W. Bush hatte eine starke Allianz unter Führung der Vereinigten Staaten gegen den Irak gebildet, die Kuwait mit Zustimmung der sowjetischen Führung militärisch befreite. Die Folge der Operation „Desert Storm“ war ein zunehmender Optimismus gepaart mit der Annahme, dass die UN künftig eine „zentrale Rolle (...) und eine entscheidende Funktion für die Bewältigung regionaler Konflikte im Rahmen einer präventiven Diplomatie“ spielen würden.2
Noch im gleichen Jahr, im Juni 1991, brachte US-Außenminister James Baker während eines Aufenthalts in Belgrad zum Ausdruck, dass eine einseitige Sezession
1Zitiert in: Wolf Oschlies, Wo bitte liegt - und was ist der „Balkan“? In: Eurasisches Magazin, Ausgabe 04-06, http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20060409.
2Christian Hacke, Zur Weltmacht verdammt, 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, München 2005, S. 507.
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Sloweniens und Kroatiens nach Ansicht der USA weder legal noch legitim sei. Gleichzeitig erklärte er, die USA seien nicht gewillt durch militärisches Eingreifen die Integrität und Einheit Jugoslawiens zu wahren.3Diese Aussage bedeutete faktisch die Aufgabe der Führungsposition der USA bei der Bewältigung des Problems. Nahezu zeitgleich erklärte Jaques Poos, der Außenminister Luxemburgs, weder die USA noch die Sowjetunion seien gefragt - es wäre viel mehr eine Stunde Europas.4Ihre „Stunde“ für Jugoslawien hatten die Europäer jedoch bereits verschlafen: Noch während der letzten Jahre des Kalten Krieges und im Trubel um den Zusammenbruch des Warschauer Paktes waren die bedeutendsten Vorgänge in Jugoslawien nicht bemerkt worden. Schon der Tod Titos 1980 hatte erste Schwierigkeiten aufgeworfen, da dessen autoritärer Führungsstil den Aufbau eines geeigneten Nachfolgers nicht zugelassen hatte. In den sich anschließenden politischen Grabenkämpfen um Machtpositionen und Privilegien gingen die dringend benötigten Reformen unter und ab der Mitte der 1980er Jahre machten nationalistische Politiker immer deutlicher auf sich aufmerksam. Die Aufhebung der Autonomie des Kosovo und eine Hetzrede Milosevics auf dem Amselfeld 1989 seien an dieser Stelle als herausragende Schritte zur Aushöhlung der jugoslawischen Bundesrepublik erwähnt. Jene politische Krise verhinderte nicht nur wirksame Maßnahmen gegen die wirtschaftliche Stagnation der frühen 1980er Jahre, sondern begünstigte sogar einen zunehmenden Verfall, der sich durch das Ende des Kalten Krieges erheblich verschärfte. Da durch den Zusammenbruch des Warschauer Paktes die strategische Bedeutung eines blockfreien Jugoslawien für den Westen faktisch gegen Null tendierte, ging auch die finanzielle Unterstützung weitgehend zurück. Vor allem beim Abbau der überverhältnismäßig großen Jugoslawischen Volksarmee bedurfte das Land externer Hilfe, da diese zusätzliche Belastung infolge der wirtschaftlichen Schwäche sowie der ohnehin schon gewaltigen Höhe der Auslandsschulden kaum zu bewältigen war. Bei den Wahlen im Mai 1990 konnten nationalistische Parteien in allen Teilrepubliken starke Gewinne verzeichnen, was in Slowenien und Kroatien, den wirtschaftlich noch kräftigsten Teilrepubliken, zu Unabhängigkeitsbestrebungen führte. Die Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens am 25. Juni 1991 veranlassten die jugoslawische Bundesregierung,
3Vergleiche Susan L. Woodward, Balkan Tragedy, Chaos und Dissolution after the Cold War, Washington D.C. 1995, S. 161.
4Vergleiche Samantha Power, “A Problem from Hell”, America in the Age of Genocid, London 2003, S. 258. Siehe auch Richard Holbrooke, Meine Mission, Vom Krieg zum Frieden in Bosnien, ungekürzte Taschenbuchausgabe, München 1999, S. 49.
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die Armee mit dem Schutz der Integrität und Einheit der Föderation gegen diesen vermeintlichen Verfassungsbruch zu beauftragen. Sowohl Slowenien als auch Kroatien beriefen sich aber auf das in der Bundesverfassung garantierte Selbstbestimmungsrecht der Völker, wobei die Verfassung jedoch keine Aussagen über die Möglichkeit einer Sezession von Teilrepubliken traf.5Ebenso wie in der jugoslawischen Verfassung ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker in der Charta der Vereinten Nationen ein Punkt, dem besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist. Problematisch ist hier die Definition des Begriffes „Volk“, da es für diesen keine international anerkannte rechtlich eindeutige Definition gab und gibt. Aus den vorgenannten Punkten ergeben sich bereits zwei Schwerpunkte, die in jedem Fall eine besondere Betrachtung verdienen. Den ersten bildet die Genese des Konfliktes, der meist viel zu sehr auf den Jahrhunderte währenden ethnischen Gegensatz vereinfacht wird, wobei die speziellen Umstände der 1980er Jahre wenig Beachtung finden. Gerade die ökonomische Zerrüttung ist ein wesentlicher Grund für das Ausufern der inneren Konflikte Jugoslawiens; erst in einer solchen Situation wirtschaftlicher Unsicherheit konnte der aufkeimende Nationalismus seine verhängnisvolle Wirkung entfalten.
Der zweite Schwerpunkt wird durch die Wahrnehmung des Konfliktes durch die USA und die europäischen Staaten gebildet. Hier geht es vor allem um die Einstufung als Kriege zwischen Staaten oder als Bürgerkriege und die daraus erwachsenen völkerrechtlichen Probleme bei deren Bewältigung. In diesem Falle bedarf die Bezeichnung „europäische Staaten“ einer engeren Eingrenzung. Frankreich, Großbritannien und Deutschland sollen als Hauptakteure im Focus der Betrachtungen stehen, die innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft richtungweisend waren und damit auch eine wesentliche Verantwortung für die europäische Balkanpolitik zu tragen hatten.
Die bei weitem höchste Bedeutung bei der Konfliktbeilegung spielten jedoch die jeweiligen nationalen Interessen sowohl der USA als auch der drei europäischen
5Laut Waldemar Hummer bestand jedoch die Möglichkeit eines Ausscheidens aus der Föderation mit Zustimmung aller Teilrepubliken und autonomer Gebietskörperschaften gemäß Art 5. Abs. 2 der Verfassung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien vom 24. Februar 1974. Waldemar Hummer ist Professor am Institut für Völkerrecht, Europarecht und Internationale Beziehungen sowie Leiter des „Europäischen Dokumentationszentrums“ der Universität Innsbruck. Vergleiche Waldemar Hummer, Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechts im Balkanraum,
http://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/03_jb00_34.pdf . Er beruft sich auf Christine Höcker-Weyands Einleitung zur Verfassung der SFRJ in Georg Brunner, Boris Meissner, Verfassungen der Kommunistischen Staaten, Paderborn 1980, S. 118.
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Staaten.6Es stellt sich daher die Frage, welche Interessen diese Länder hatten, wodurch sie beeinflusst wurden und wie sich die Interessen veränderten, so dass schließlich der Vertrag von Dayton zustande kommen konnte. Während die USA den Zerfall Jugoslawiens zunächst als eine innerstaatliche, höchstens jedoch als eine europäische Angelegenheit ansahen, waren Großbritannien und Frankreich beunruhigt, welchen Einfluss diese Desintegration auf die ebenso instabile Sowjetunion und deren sich abzeichnenden Zerfall haben würde. Beide Staaten setzten sich daher für einen Erhalt der jugoslawischen Föderation ein und versuchten deren Regierung durch finanzielle Anreize zu stützen.7Auch Deutschland folgte diesem Kurs anfänglich, vertrat jedoch bald das Recht der Teilrepubliken auf Souveränität, da es selbst u.a. durch das in der KSZE-Schlussakte von Helsinki verankerte Selbstbestimmungsrecht der Völker seine lange angestrebte staatliche Einheit zurückgewonnen hatte.8Bereits in diesem kurzen Umriss ergeben sich erste Gegensätze in den Positionen der europäischen Hauptakteure, die sich sogar noch weiter steigern sollten. Dass diese Gegensätze nicht zu heftigsten öffentlichen Streitigkeiten führten, lag vor allem daran, dass niemand bereit war, den europäischen Einigungsprozess - der Maastrichtvertrag stand kurz bevor - in der jugoslawischen Frage aufs Spiel zu setzen. Dennoch sollten die schwer überwindbaren Differenzen in den europäischen Interessen eine Zeit lang eine erfolgreiche Vermittlung auf dem Balkan verhindern.
Die Untätigkeit der US-Regierung unter Präsident George H.W. Bush wurde während des Wahlkampfes 1992 durch den Herausforderer William Jefferson Clinton, der versprach, Bosnien im Falle eines Wahlsieges zum außenpolitischen Hauptanliegen zu machen, thematisiert. Knapp einen Monat vor der Amtsübergabe an Clinton entschied Bush den Einsatz von US-Truppen in Somalia; eine Entwicklung, die sich verhängnisvoll auf die amerikanische Bereitschaft zur Teilnahme an Peacekeepingeinsätzen auswirken sollte. Der Tod von 18 US-Soldaten in Mogadischu am 3. und 4. Oktober 1993 und die daraus resultierenden TV-Berichte
6Vergleiche Marie-Janine Calic, Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegowina, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 1996, S. 223-229.
7Mehr als Anreize waren die Versprechungen nicht, da mit ihnen die Forderung nach mehr Demokratisierung einherging , die letztendlich zur weiteren Destabilisierung führen sollte. Die Zusagen für finanzielle Hilfe im großen Rahmen kamen viel zu spät und kennzeichnen eine verzerrte Wahrnehmung des Fortschritts des Zerfalls der Bundesrepublik Jugoslawien. Vergleiche hierzu Susanne L. Woodward, Balkan Tragedy, S. 160.
8Festgehalten in der KSZE-Schlussakte von Helsinki vom 1.August 1975 S. 8f; http://www.osce.org/documents/mcs/1975/08/4044_de.pdf.
Im gleichen Dokument wurde jedoch auch die Unverletzlichkeit der Grenzen und die territoriale Integrität aller Teilnehmerstaaten explizit zum Ausdruck gebracht.
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brachten die Regierung Clintons schließlich zu dem Entschluss, alle US-Truppen innerhalb eines halben Jahres abzuziehen. Die Anfälligkeit der amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber solchen Verlusten beeinflusste wesentlich die Entscheidung Clintons, den Einsatz von Bodentruppen in Bosnien auszuschließen. Dieser Leitlinie gemäß schlug er deshalb eine einseitige Aufhebung des Waffenembargos gegen die bosnischen Muslime vor, deren Verteidigungskraft infolge des Embargos wesentlich stärker beeinträchtigt war als die der bosnischen Serben, die nach dem offiziellen Rückzug der Jugoslawischen Volksarmee deren schwere Waffen übernommen hatten. Zusätzlich befürwortete Clinton den Einsatz von NATO-Kampfflugzeugen, um serbische Stellungen zu bombardieren.9Dieser Vorschlag fand heftigen Widerspruch sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien, die ihre Soldaten, die im Rahmen der UNO bereits in Bosnien stationiert waren, durch serbische Racheakte gefährdet sahen. Infolge der erneuten Uneinigkeit blieb eine erfolgreiche Beilegung des Konfliktes mit Hilfe der westlichen Großmächte weiterhin aus, so dass es zu den wohl schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kommen konnte. Ohne jeden Zweifel bilden die Eroberung Srebrenicas und das Massaker an den männlichen Muslimen der Stadt den Wendepunkt schlechthin. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac beispielsweise forderte eine drastische Vergeltung und schlug die Rückeroberung der Sicherheitszone vor.10Präsident Bill Clinton äußerte nahezu zeitgleich erhebliche Zweifel am Sinn der UN-Mission in Bosnien und forderte neben einem Ende des Waffenembargos gegen die bosnischen Muslime auch eine einheitliche Linie der Verbündeten. Weiterhin wurden die Möglichkeiten zur Verteidigung der verbliebenen vier Sicherheitszonen erweitert, indem der verhängnisvolle „Doppelschlüssel“ aufgehoben wurde und die Einsatzentscheidung für Luftangriffe allein der NATO übergeben wurde.11In den folgenden Monaten sollten sich die Ereignisse im
9Nach den beiden Komponenten, der Aufhebung des Embargos und den Luftangriffen, wurde diese Initiative „lift and strike“ benannt. David Owen zieht das Problem der Bedrohung der UNPROFOR hinzu und erweiterte den Begriff um „leave“, sodass „leave, lift and strike“ auch den Abzug der Blauhelme einbezog, was wiederum zu heftigen Diskussionen bei den Staaten der späteren Kontaktgruppe führte. Vergleiche David Owen, Balkan-Odyssee, München, Wien 1996, S. 376, sowie ein Coreu desselben Verfassers an die EU-Außenminister vom 22.Juli 1994, abgedruckt in David Owen, Balkan-Odyssee, S.380-383.
10Auch wenn dieser Vorschlag keine Resonanz bei den Verbündeten fand, verdeutlicht sie doch die Abkehr der französischen Jugoslawienpolitik von der Position Mitterrands sowie das starke Verlangen Chiracs die Aggression der bosnischen Serben zu beenden. Vergleiche F.A.Z. vom 13.07.1995 „Im Sumpf“, S. 1, sowie Samantha Power, „A Problem from Hell“, S. 407.
11Nach dem Fall Srebrenicas wurde auch die Enklave Zepa am 19.Juli von bosnischen Serben erobert. (F.A.Z. vom 20.07.1995, S.1) Anschließend wurde während der Londoner Konferenz festgelegt, dass eine Eroberung Gorazdes mit allen Mitteln zu verhindern sei; dies schloss auch die
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Gegensatz zu den vier vorangegangenen Jahren förmlich überschlagen. Die USA übernahmen entschlossen die Führung und brachten die drei Kriegsparteien an den Verhandlungstisch. Neben den nun entschieden durchgeführten NATO-Luftangriffen waren jedoch ebenfalls Geländegewinne kroatischer und muslimischer Truppen gegen die bosnischen Serben entscheidend für die Bereitschaft zu Verhandlungen. Der in Dayton ausgehandelte Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina ermöglichte die Ablösung der UNPROFOR durch die NATO-geführte IFOR-Mission, an der, nach den fast ausschließlich durch die USA dominierten Verhandlungen, auch die europäischen Partner verstärkten Anteil hatten. Diesem Vertrag konnte jedoch vorgeworfen werden, dass in ihm die ethnischen Säuberungen der vorangegangenen Jahre nachträglich legitimiert würden. Der Vorwurf wird weiter erhärtet, wenn man die Landkarte mit der Darstellung der Siedlungsgebiete von Kroaten, Serben und Muslime Ende 1995 betrachtet - von einem multiethnischen Staat Bosnien-Herzegowina kann keine Rede sein. Der Blick auf die Karte zeigt, dass nun drei nahezu ethnisch reine Siedlungsgebiete entstanden waren, wodurch die Kriegsziele der Serben, aber auch der Kroaten zu einem gewissen Teil erreicht worden waren. Seit Beginn des Jahres 1995 hatte sich das Kräftegleichgewicht in Bosnien mehr und mehr ausgeglichen - wenn nicht gar zu Gunsten der kroatisch-bosnischen Föderation geneigt, die durch zunehmende Waffenlieferungen über Kroatien an Stärke gewonnen hatte. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis die bosnischen Serben die Auswirkungen dieser Veränderungen zu spüren bekamen. Daher war es angebracht, sich auf neue Verhandlungen einzulassen, solange man noch über eine nutzbare Verhandlungsbasis verfügte.
Der Titel der Arbeit enthält neben den europäischen Bemühungen, die immerhin nahezu vier Jahre erfolglos blieben, auch den Beginn der amerikanischen Friedensdiplomatie. Es ist bereits auf den vorangegangenen Seiten deutlich geworden, dass Präsident Clinton nach seiner Amtsübernahme die Vorgänge auf dem Balkan wesentlich klarer sah als sein Vorgänger Bush, dem wöchentlich in Erinnerung gerufen werden musste, was dort eigentlich geschah.12Dennoch verfolgten die USA nur eine halbherzige Balkanpolitik - während der Einsatz von der
alleinige Entscheidung der NATO über Luftangriffe ein. Holbrooke erwähnt, dass die „Linie im Sand“ als Hinweis auf Präsident Bushs Erklärung gegenüber Saddam Hussein während des Golfkonfliktes 1990/1991 zu verstehen sei. Vergleiche Richard Holbrooke, Meine Mission, Vom Krieg zum Frieden in Bosnien, ungekürzte Taschenbuchausgabe, München 1999, S. 122f.
12Vergleiche David Halberstam, War in a Time of Peace, Bush Clinton and the Generals, New York 2001, S. 43f.
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US Air Force durchaus zu vertreten war, war Clinton überzeugt, dass er der Bevölkerung keine in schwere Kämpfe verwickelten Bodentruppen zumuten konnte. Selbst im Angesicht der Verbrechen von Srebrenica blieben Clinton und sein Stab zögerlich. Erst die daraus entstehende ernste Krise innerhalb der NATO und der drohende heftige Glaubwürdigkeitsverlust berührten direkt die Interessen der Vereinigten Staaten und zwangen Clinton förmlich zum Handeln. Neben dem drohenden Scheitern der NATO spielte auch die Opposition im Senat und die sich abzeichnenden Folgen für das kommende Wahljahr eine wichtige Rolle bei der Entscheidung Clintons sich 1995 für eine endgültige Regelung des Bosnienkonflikts stark zu machen. Aus diesem Grunde übernahmen die USA äußerst aktiv die Führungsrolle und brachten unter Einsatz aller notwendigen Mittel den Krieg zu einem Ende - hier sind die Pendeldiplomatie Holbrookes und die NATO-Operation „Deliberate Force“ von immenser Bedeutung. Neben der klaren US-Führung zeigte auch der Anspruch, ausschließlich mit den nationalen Führern der Konfliktparteien zu verhandeln, eine deutliche Linie in den Verhandlungen, die lange Zeit gefehlt hatte.13Im Blick auf das Thema der Arbeit ergibt sich also eine Gliederung, an deren Anfang die Konfliktgenese und dessen Wahrnehmung stehen. Anschließend gilt es, die nationalen Interessen der vier Staaten (USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien) im Hinblick auf ihre Zielsetzung für eine Balkanpolitik zu analysieren. Daran schließt sich eine kurze Betrachtung der europäischen Bemühungen bis zum Beginn des Jahres 1995 an. Innerhalb des Abschnitts soll deutlich werden, dass die Entscheidung der Europäer auf den Einsatz von Gewalt von vorn herein zu verzichten, entschieden zur ausweglos erscheinenden Lage Anfang 1995 beigetragen hat. Im folgenden, zweiten Teil werden die Ereignisse um das Massaker von Srebrenica im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen sowie deren Auswirkungen auf die Politik der USA und der anderen Verbündeten. Die Intention des Verfassers ist es, darzustellen, welcher Wandel der Interessen vor allem in den USA stattgefunden hatte, sodass sie die Führung der Verhandlung übernahmen und ihre Vorstellung von einem Kräfteausgleich zwischen den Konfliktparteien auch mittels Gewaltanwendung durchsetzen konnten.
13Mit „nationale Führer“ sind hier der serbische Präsident Slobodan Milosevic, der kroatische Präsident Franjo Tudjman und der Alija Izetbegovic gemeint. Die USA hatten im Gegensatz zu den vorhergehenden europäischen Vermittlungsversuchen darauf bestanden ausschließlich mit den vorgenannten Regierungschefs zu verhandeln, da sie von jenen die größtmögliche Einflussnahme auf ihre jeweilig unterstütze Konfliktpartei erwarteten. Verhandlungen mit (selbsternannten) regionalen Führern lehnten die USA ab.
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