Verlag: Books on Demand Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Von Wölfen und Vampiren E-Book

Stephanie Wittern  

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E-Book-Beschreibung Von Wölfen und Vampiren - Stephanie Wittern

Viktoria von Hohenzollern ist 17 Jahre alt und führt ein privilegiertes Leben am Hofe ihrer Mutter, der Königin der Vampire. Sie fühlt sich jedoch zunehmend vom strengen Protokoll und der ständigen Aufsicht ihrer Brüder eingeengt und sehnt sich nach Normalität. Ihre Mutter erlaubt ihr schließlich, ein Auslandsjahr in den USA zu verbringen. Viktoria verschlägt es in das verschlafene Provinznest Deep Falls. Hier genießt sie es, sich wie ein normaler menschlicher Teenager verhalten zu dürfen. Dann lernt sie Raphael kennen und verliebt sich in ihn. Von nun an wird es kompliziert, denn Raphael ist ein Mensch und sie muss ihr Geheimnis bewahren. Schnell merkt sie jedoch, dass nicht nur sie ein dunkles Geheimnis in sich trägt...

Meinungen über das E-Book Von Wölfen und Vampiren - Stephanie Wittern

E-Book-Leseprobe Von Wölfen und Vampiren - Stephanie Wittern

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Prolog

Ich schritt durch die Nacht und es war finster um mich herum. Nur ab und zu sah man den Vollmond durch die Bäume schimmern. Die Dunkelheit machte mir nichts aus, denn ich konnte besser als jeder Mensch sehen, sogar besser als alle Raubtiere und kein Raubtier war mir überlegen.

Meine Nase nahm den Geruch eines anderen Raubtieres wahr, wahrscheinlich ein Puma, die soll es in dieser Gegend häufig geben.

Doch dann nahm meine Nase einen Geruch wahr, den ich noch nie gerochen hatte. Meine Fänge wurden größer. Spätestens jetzt hätte jeder Mensch gesehen was ich wirklich war. Ich ging in die Richtung aus der der Geruch kam. Er war so süß und würzig zu gleich. Ein Mensch konnte es nicht sein, ihr Blut war zwar auch süß, doch dieser Geruch war jedoch zu erdig für einen Menschen. Ich musste dieses Blut kosten, nichts würde mich aufhalten können. Um dieses Etwas nicht aufzuschrecken, schlich ich mich gegen die Windrichtung an. Was auch immer es war, es sollte seinen Tod nicht kommen hören. Ich hörte einen sehr schnellen Herzschlag, aber er hatte nichts mit Angst zu tun.

Plötzlich stürzte sich etwas Schwarzes auf mich, das mir in die Kehle biss.

1

Ich schreckte aus dem Traum hoch und fasste mir an den Hals. Lange hatte ich keinen so intensiven Traum mehr gehabt, so wirklich. Ich drehte mich auf die Seite. Auch meine Fänge waren noch ausgefahren und drückten in meine Unterlippe. Es war sechs Uhr morgens, was ich auf meinen Wecker deutlich sehen konnte. Normalerweise würde ich jetzt ins Bett gehen aber seit zwei Wochen stellte ich meinen Tages- und Nachtrhythmus um, weil ich ab heute offiziell in der High School war.

Vor einem Monat bin ich nach Deep Falls im Bundesstaat Idaho gekommen. Eigentlich wäre ich gerne nach New York oder LA gegangen aber meine Mutter wollte mich in Sicherheit wissen und hatte einem Auslandsaufenthalt nur zugestimmt, als ich mir die kleine Stadt Deep Falls ausgesucht hatte.

Die Stadt hatte gerade einmal 3.000 Einwohner, im Vergleich zu Hamburg richtig mickrig, aber es gab ein paar Bars, eine kleine Einkaufsstraße, einen Wal-Mart und sogar ein Kino. Wobei ich noch nie im Kino war.

Ich sah wieder auf meinen Wecker, es war erst zehn nach sechs. Einschlafen würde ich jetzt sowieso nicht mehr, also stand ich auf.

Mein weißes Nachtkleid streichelte meine Knöchel und ich ging barfuß zum Schrank. Als ich die Tür zum Schrank öffnete, schlug mir eine Auswahl an Lack und Leder entgegen und roten und schwarzen Kleidern.

»Mist!«

Ich hatte versäumt mir die Klamotten der Schüler der Deep Falls High School anzugucken und jetzt stand ich vor meinen Kleidern und wusste nicht was ich anziehen sollte.

Ich fing an den Schrank zu durchstöbern. Natürlich fand ich nichts passendes, da ich nur eine kleine Auswahl von dem, was ich besaß mit nach Amerika genommen hatte. Ich zuckte mit den Schultern und entschied mich für eine Lederhose und ein schwarzes Top, dazu meine schwarzen Lederstiefel und meine schwarze Lederjacke.

Ich nahm Kälte nicht so sehr wahr wie die Menschen, aber ich wollte auch nicht auffallen, wenn ich im Regen nur mit Top bekleidet in der Schule auftauchte.

Im Bad sah ich in den Spiegel. Mein kastanienbraunes Haar würde ich offen lassen, es ging mir bis zu den Hüften und war zu schwer um es hochzustecken.

Ich steckte mir für alle Fälle ein Zopfband ein.

Als ich so in den Spiegel sah, fragte ich mich, ob ich in eine Schule, die nur von Sterblichen besucht wurde, überhaupt reinpassen würde?

Ich war nicht besonders groß, nur einsfünfundsechzig, sehr schlank mit kleinen Brüsten, meine Haut war makellos und weiß, ich hatte nicht einen Pickel. Hatten nicht alle Teenager Pickel? Ich war zwar ein Teenie, denn ich war erst siebzehn, aber würde das reichen um nicht aufzufallen?

Mit einem Mal war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das machen sollte. Klar, ich hatte meine Mutter angebettelt, menschliche Erfahrungen machen zu dürfen und auf eine menschliche Schule gehen zu können, aber war es wirklich gut für mich? Ihr Blut würde nach mir rufen. Es würde appetitlich von einem Herzschlag, den man besonders gut an der Halsschlagader sehen konnte, durch ihren Körper gepumpt werden. Es würde eine salzige Note in der Luft liegen wenn sie schwitzten, oder eine süße wenn sie Angst hatten oder aufgeregt waren. Die Süße kam vom Adrenalin. Sie wären so willenlos bei einem Blick in meine blauen Augen.

»Nein Viktoria, reiß dich zusammen!«, sagte ich meinem Spiegelbild. Ich nahm entschlossen die Sonnenbrille, die neben dem Waschbecken lag und setzte sie auf. Auf sie konnte ich leider nicht verzichten. Die Helligkeit war nicht das Problem, sondern der Glanz meiner Augen. Jeder der in sie hinein schaute, würde einen leeren Blick bekommen und ich hätte die Kontrolle über ihn. Wenn man die Kontrolle hatte, konnte man Befehle erteilen und die Menschen waren so lange in unserem Bann, bis der Befehl ausgeführt wurde. Eine Hypnose, die auch tagelang anhalten konnte. Allerdings taten wir das nur sehr selten, denn die ständige Verbindung mit dem Menschen, fast so als würde man durch einen Faden miteinander verbunden sein, strengte unseren Geist zu sehr an. Man war dann nicht wirklich frei und der Mensch schon gar nicht. In der Nacht war dies sogar noch schlimmer, da die Menschen tagaktiv waren und wir nachtaktive Raubtiere. Nachts konnte man eine ganze Gruppe gleichzeitig kontrollieren und von einem nach dem anderen trinken.

Ich nahm meinen schwarzen Lederrucksack, in den ich noch ein paar Hefte und meinen Taschenrechner stopfte, und verließ mein Zimmer. Ich ging den langen Flur runter bis zur Treppe und dann nach unten in die Küche. Dominik, mein Leibwächter saß am Tisch und sah auf als ich den Raum betrat, er hatte kurze, braune Haare und hellbraune Augen, er war groß und schlank, und er war schnell und tödlich, was man ihm auf den ersten Blick nicht ansah. Daniela, meine zweite Begleiterin und so etwas wie das »Mädchen für alles«, ging gerade zum Kühlschrank und nahm zwei Blutbeutel heraus.

»Kann ich auch einen haben?«, fragte ich und setzte mich gegenüber von Dominik hin.

Daniela kam mit zwei weiteren Bechern zurück. Sie öffnete die Blutbeutel, und sofort erfüllte ein süßer Duft den Raum. Ich vermutete, dass der Spender ein Diabetiker war, denn das Blut roch zu süß um von einem Gesunden zu stammen.

Sie schüttete den Inhalt in die zwei Becher und ich nahm meinen zu mir.

Blut aus Beuteln konnte man trinken, war jedoch ekelig und half nicht wirklich lange den Durst zu stillen. Es war aber das Beste, was ich für heute tun konnte und würde mich hoffentlich den Tag mit den Menschen überstehen lassen.

Ich setzte den Becher an und trank ihn in einem Zug leer.

»Du musst aber Hunger haben«, sagte Daniela auf Deutsch.

»Ich habe gestern von einem stattlichen Footballspieler getrunken, das sollte erst einmal reichen.«

Tat es für gewöhnlich auch für zwei, drei Tage, aber da ich heute unter Menschen ging, wusste ich nicht ob es wirklich reichen würde. Ich stand auf, ging zum Kühlschrank und nahm mir noch einen Beutel. Ich machte mir nicht die Mühe ihn in den Becher zu schütten, sondern öffnete ihn mit den Zähnen und trank direkt aus dem Beutel.

»Soll ich dich fahren?«, fragte Dominik.

»Nein, du weißt, dass ich Autofahren kann...«

»Aber du hast nur einen gefälschten Führerschein«, unterbrach er mich.

Ich knurrte ihn an.

»Du weißt so gut wie ich, dass Stephan der beste Fälscher ist und er hat sogar alle Behörden ausgetrickst. Alle werden denken, dass ich ihn legal vor zwei Wochen gemacht habe«, sagte ich und warf den Beutel in den Müll.

»Wenn das deine Mutter wüsste«, tadelte mich Daniela.

Ich zuckte nur mit den Schultern und warf einen Blick auf mein Handy. Es war schon halb acht, jetzt musste ich mich aber beeilen um nicht am ersten Tag zu spät zu kommen. Ich musste auch noch in das Sekretariat um meinen Stundenplan abzuholen.

Ich nahm meine Tasche und warf den beiden einen Kuss zu, dann eilte ich in die Garage. Ein Mensch hätte nur einmal geblinzelt.

Verdammt! Als ich die Garagentür öffnete, sah ich mich einem weiteren Problem gegenüber. Warum hatten wir keine unauffälligeren Autos?

Wir hatten einen roten Porsche, einen gelben Ferrari, eine silberne Corvette und einen schwarzen Chevrolet Impala. Ich entschied mich für den Chevrolet. Ich stieg ein, warf die Tasche nach hinten, öffnete per Knopfdruck die Garagentür und startete den Motor. Beim Herausfahren sah ich noch einmal in den Rückspiegel auf das Haus. Das Haus war groß, weiß und hätte jeder Villa in LA Konkurrenz gemacht. Die Auffahrt zum Haus war über einen Kilometer lang. Meine Mutter hielt anscheinend nicht viel von Nachbarn. Zum Haus gehörte der angrenzende Wald. Von der Straße aus konnte man das Haus nicht sehen und auch an der Auffahrt wäre man vorbeigefahren wenn man nicht wüsste, dass sie zum Haus führt. Meine Mutter hatte das Haus kaufen lassen als ich mich entschied nach Amerika auf die High School zu gehen.

Als ich auf der Hauptstraße war, beschleunigte ich auf zweihundert Sachen. Mit meinen Reflexen konnte niemand mithalten. Freudestrahlend vom Kick der Geschwindigkeit bog ich auf den Parkplatz der Deep Falls High ein.

Ich verdrehte die Augen, als sich alle nach meinem Auto umdrehten. Wie nicht anders zu erwarten, musste ich auch noch weiter hinten parken.

Ich stellte den Motor aus, atmete noch einmal tief durch und stieg mit der Raubtiergeschmeidigkeit eines Vampirs aus.

Ohne auf meine Umgebung zu achten, ging ich zielstrebig auf das größte Gebäude zu. Ich wusste, dass sich dort das Sekretariat befand, da ich mich mit Dominik vor einem Monat hier angemeldet hatte.

Das Gebäude war modern, für meinen Geschmack zu modern. Überall war Glas, das die Sonne durchließ. Ich mochte zwar die Sonne musste sie allerdings nicht den ganzen Tag um mich haben. Ein Glück war es heute am regnen.

Ich kam an ein paar Jungs vorbei, die sich über Baseball unterhielten, sie standen direkt vor dem Eingang. Als sie in meine Richtung schauten, beschleunigte sich ihr Herzschlag und ihr Blut wurde einen Tick süßer. Ich musste unvermittelt lächeln, stolzierte aber an ihnen vorbei und betrat das Gebäude.

Der Geruch, der mir entgegenschlug war überwältigend, ich war noch nie von so vielen Menschen umgeben gewesen. Jeder hatte einen anderen Duft und ich roch nicht nur ihr Blut sondern auch ihren Schweiß, ihr Parfum und meistens konnte ich sogar sagen womit sie sich die Haare wuschen. Dieser Tag würde lang werden und mein Magen krampfte sich jetzt schon vor Hunger zusammen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich hoffte es würde mit der Zeit besser werden und ich wusste, dass ich häufiger trinken musste. Aber aufgeben würde ich nicht und meinen Brüdern die Genugtuung verschaffen. Niemals!

Als ich gerade die Tür zum Sekretariat öffnen wollte, kam mir ein Junge, der von drinnen kam zuvor. Ich musterte ihn auf die Schnelle. Groß, schwarze Haare und Augen von seltener Schönheit, sie waren fast golden, so wie von Katzen. Er fing an spöttisch zu grinsen.

»Matrix oder Underworld?«, fragte er.

Ich runzelte die Stirn.

»Sollte ich wissen was das ist?«

»Tja, vielleicht weißt du es wirklich nicht«, sagte er und wandte sich ab.

Ich blieb noch einen Augenblick stehen und überlegte, was er gemeint haben könnte, zuckte aber schließlich mit den Schultern und ging zum Tresen. Eine Frau mittleren Alters saß hinter dem Tresen und als sie mich bemerkte, sah sie mich mit braunen Augen, die hinter einer Hornbrille aus den Siebzigern versteckt waren an. Sie hatte fast komplett graues Haar und wohl seit einiger Zeit eine Dauerwelle.

»Guten Morgen, ich bin Viktoria von Hohenzollern und wollte meinen Stundenplan abholen.«

Ich lächelte sie schüchtern an. Mein Gott, ich war wirklich nervös?

Sie schien zu verstehen.

»Ja genau, das Au-pair Mädchen aus Deutschland«, sagte sie und lächelte ebenfalls.

Ich machte mir nicht die Mühe sie zu verbessern, sollte sie doch denken was sie wollte. Sie reichte mir meinen Stundenplan und einen Raumplan. Ich sah ihn mir kurz an und prägte mir die Räume von meinem Stundenplan ein. Dann bedankte ich mich und verließ das Sekretariat. Ich wollte gerade zu meiner ersten Stunde gehen, als die Sekretärin hinter mir die Tür aufriss.

»Hier hast du deinen Spindschlüssel.«

Sie reichte mir einen verbogenen Schlüssel mit einem Anhänger auf dem die Nummer 66 stand.

»Ach, ich bin übrigens Mrs. Atkins.«

Sie verschwand wieder im Büro.

Ich drehte mich wieder um. Erst jetzt sah ich mir die Schüler um mich herum an, sie musterten mich. Verdammt, schon wieder. Ich wollte nicht auffallen, aber das war mir nicht geglückt. Mit meiner Lederkluft fiel ich auf wie ein bunter Hund. Alle trugen Jeans und T-Shirts. Ausschließlich Schwarz war eine Seltenheit.

Ich holte noch einmal tief durch den Mund Luft und bahnte mir einen Weg durch die Schüler mit dem Ziel zu den Spinden zu gelangen. Ein dicker Junge mit rot gefärbten Haaren und einem Ring in Lippe und Nase musterte mich. Er trug die Haare wie einen Hahnenkamm. Als ich an ihm vorbei ging, sagte er: »Scharfes Outfit.«

Ich ignorierte ihn und erreichte endlich meinen Spind. Mit leichter Gewalt bekam ich die Tür auf. Es wäre ein leichtes gewesen das Schloss abzureißen, aber das wäre ein wenig aufgefallen. Ein Mensch konnte kein Schloss mit bloßen Händen abreißen.

Der Spind stank nach Alkohol und irgendetwas Klebriges befand sich am Boden. Meine Tasche würde ich da sicher nicht reinstellen. Ich schloss den Spind wieder, als die Schulglocke den Beginn des Unterrichtes ankündigte. Ich hängte mir den Rucksack über und ging zu dem Raum in dem ich Englisch hatte. Vor mir ging ein Mädchen mit kurzen, blonden Haaren, die nach Vanille roch und ihr Blut roch ein wenig süßer, vielleicht kündigte sich Diabetes an.

Der Raum, den wir betraten war weiß, an den Wänden hingen eine amerikanische Flagge, eine Landkarte, mehrere Zeitungsartikel und eine Weltkarte. Die meisten Schüler saßen schon. Da sie mich jetzt schon musterten, setzte ich mich auf einen freien Platz in der hintersten Reihe. Das erschwerte ihnen mich zu beobachten.

Als der Lehrer, Mr. Benning, wie mir mein Stundenplan verriet den Raum betrat, verstummten die meisten Gespräche, nur der Junge, den ich vorhin im Sekretariat gesehen hatte redete noch mit einer blonden Schönheit neben ihm.

»Würden auch Sie jetzt bitte aufhören zu reden, Mr. de Angelo?«, fragte Mr. Benning.

Der Junge mit den Katzenaugen sah ihn spöttisch an.

»Aber klar doch, Mr. Benning.«

»Und nehmen sie Ihre Füße vom Tisch.«

Der Junge salutierte und seine Freunde die um ihn herum saßen, fingen schallend an zu lachen.

Mr. Benning ignorierte das Gelächter,

»Wir dürfen heute ein neues Au-pair Mädchen begrüßen. Sie wird sich kurz vorstellen. Ms. von Hohenzollern, kommen Sie bitte nach vorne!«

Ich verdrehte innerlich die Augen. War ja klar, dass ich mich vorstellen musste. Ich stand auf und ging nach vorne. Die Absätze meiner Schnürstiefel klackten auf dem Boden. Draußen im Gemenge hatte man sie nicht gehört, aber hier waren sie wie eine Qual für mich, denn mit jedem Schritt drehte sich einer mehr meiner neuen Mitschüler nach mir um. Auch der Junge mit den Katzenaugen, er grinste hämisch und ich wäre am liebsten wieder umgedreht.

Vorne angekommen, blieb ich stehen und drehte mich auf dem Absatz herum. Alle Augen waren auf mich gerichtet und manche schauten mich freundlich, andere lüstern und wieder andere mit blankem Hass an.

Na toll, als hätte ich mich mit Absicht so auffällig angezogen. Zu Hause war es üblich in Lack und Leder herumzulaufen und in einer Stadt wie Hamburg fiel das auch nicht weiter auf. Gut das ich kein Kleid angezogen hatte.

Ich sah zu Mr. Benning.

»Und jetzt?«, fragte ich und irgendwie hatte meine Stimme einen hysterischen Unterton.

»Jetzt erzählen Sie uns ein wenig von sich«, sagte er ein wenig gereizt.

Ich drehte mich wieder zur Klasse und versuchte niemanden anzusehen. Eigentlich hatte ich keine Probleme vor vielen Leuten zu reden, aber das waren meist Vampire und sie zollten mir Respekt.

»Mein Name ist Viktoria von Hohenzollern«, sagte ich und fügte, »ich komme aus Hamburg, einer Großstadt in Deutschland« hinzu, weil ich gehört hatte, dass die Amerikaner so etwas teilweise nicht wussten.

»Das hört man«, rief der Junge mit den Katzenaugen dazwischen.

Ich warf ihm einen giftigen Blick zu, den er natürlich wegen der Brille nicht sah. Verdammt!

Ich fuhr fort.

»Ich bin kein Au-pair Mädchen.«

Mein Blick wanderte zu Mr. Benning.

»Ich bin hier um mein Englisch aufzubessern.«

Eine glatte Lüge, eigentlich war ich vor meinem ältesten Bruder geflüchtet.

»Wie gesagt, das hört man«, sagte der Typ schon wieder.

»Würdest du bitte die Klappe halten!«, wandte ich mich giftig an ihn. Das schien ihn nur noch mehr zu belustigen. Mein Englisch war gut, vielleicht hatte ich einen kleinen Akzent, aber der fiel nicht sonderlich ins Gewicht.

Ich schaute Mr. Benning an.

»Darf ich mich jetzt setzen?«, fragte ich gereizt.

Er nickte. Auf halben Weg zu meinem Platz sagte er: »Ach, Ms. von Hohenzollern, würden Sie bitte die Brille abnehmen und sich dann neben Ms. Tyler setzen.«

Ich drehte mich zu ihm. »Neben Ms. Tyler kann ich mich setzen, aber die Brille bleibt auf.«

Meine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Ich konnte mir nicht erlauben, dass alle Augen auf mich gerichtet waren und sobald ich jemandem in die Augen sah, derjenige willenlos wurde. Mr. Benning schien meine Antwort nicht gefallen zu haben. Nachdem ich mich zu Ms. Tyler, die so freundlich war mir kurz zuzuwinken, gesetzt hatte, sagte er:

»Es regnet draußen, warum um alles in der Welt brauchen Sie da eine Sonnenbrille?«

Am liebsten hätte ich diesen Menschen manipuliert, so dass er mich in Ruhe ließ.

»Ich habe überempfindliche Augen, die kein helles Licht vertragen, also wenn sie nicht die Rollläden runter und das Licht ausmachen wollen um im Dunkeln zu unterrichten, schlage ich vor, ich behalte die Brille auf.«

Die ganze Klasse sah Mr. Benning an, der mit hochrotem Kopf am Pult stand. Sie erwarteten anscheinend, dass er einen Wutanfall bekommen würde und ich ihn aushalten musste, denn manche guckten mich mitleidig an. Nur in den Augen von Katzenauge sah ich so etwas wie Anerkennung.

Sehr zu meinem und auch zum Erstaunen der Klasse schluckte Mr. Benning seinen Ärger runter und sagte nur:

»Nun gut, holen Sie ihre Ausgabe von Mary Shelley’s Frankenstein heraus.«

Mist, die Bücherliste hatte ich zwar durchgesehen und mir die Bücher auch besorgt, aber die lagen warm und trocken bei mir zu Hause in der Plastiktüte neben meinem Bett. Ms. Tyler schien meine missliche Lage erkannt zu haben und schob ihr Buch in die Mitte. Sie beugte sich zu mir und ich nahm ihren Geruch wahr. Sie war das blonde Mädchen, das vor mir den Klassenraum betreten hatte. Ihr Haar war kurz und sie sah mich aus freundlichen braunen Augen an.

»Ich bin übrigens Bonny«, sagte sie und schien auf etwas zu warten.

Sie sah mich misstrauisch an, nach einigem Zögern sagte ich:

»Hallo Bonny, ich bin Viktoria.«

Sie starrte mich ungläubig an und ich konnte nur verwirrt zurück gucken.

»Kennst du nicht Bonnie Tyler?«, fragte sie erstaunt.

Ich versuchte aus ihrer Reaktion schlau zu werden, gab es allerdings nach kurzer Zeit auf und schüttelte nur den Kopf.

»Sie ist eine Sängerin und jeder den ich treffe, macht seine Scherze darüber.«

Sie klang ein wenig verbittert. Es machte sie traurig mit der Sängerin verglichen zu werden, vielleicht war diese alt und hässlich. Um sie aufzumuntern sagte ich:

»Keine Sorge, ich kenne die Sängerin Bonnie Tyler nicht, nur das netteste Mädchen an meiner neuen Schule, das mir bisher begegnet ist.«

Prompt kassierte ich ein freudestrahlendes Lächeln dafür.

»Ms. von Hohenzollern, würden Sie bitte vorlesen?«

Mr. Benning sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Ich schätzte ihn auf vierzig und er sah wie ein typischer Lehrer aus, Stoffhose, Hemd und Cordjacket. Sein Haaransatz war schon sehr weit zurückgegangen und ich hasste es wie er meinen Namen aussprach, also sagte ich:

»Bitte nennen Sie mich Viktoria.«

»...wenn mein Nachname so ein Zungenbrecher ist...«, fügte ich natürlich nicht hinzu.

Bonny half mir auf die Sprünge um die richtige Stelle zu finden und ich begann zu lesen. Die ganze Klasse hörte mir gespannt zu, selbst der Lehrer unterbrach mich nicht. Nach dreißig Seiten riss die Schulglocke meine Mitschüler und meinen Lehrer aus der Erstarrung.

»Schon wieder so spät. Bis morgen lesen Sie bitte das Kapitel zu Ende«, sagte Mr. Benning.

Ich nahm meine Tasche, die ich nicht ausgepackt hatte und stand auf.

»Was hast du als nächstes?«, fragte Bonny.

Sie steckte ihr Buch ein und folgte mir zur Tür. Ich dachte kurz nach.

»Biologie und du?«

»Ich auch, dann kann ich dich ja kurz herumführen«, sagte sie.

Vor der Tür wären wir fast in Katzenauge hinein gerannt.

»Hey Hohenzollern, bist du eine Adelige oder so was?«, fragte er mich.

Er war mehr als einen Kopf größer als ich und seine Augen musterten mich spöttisch. Wann würde er endlich dieses Grinsen ablegen? Am liebsten würde ich ihm eine knallen, aber dann würde er vermutlich bis zur gegenüberliegenden Wand fliegen. Ich müsste dann unangenehme Fragen beantworten und er müsste ins Krankenhaus.

Lieber nicht.

»Ja, du Genie, die Hohenzollern sind ein deutsches Adelsgeschlecht«, sagte ich gereizt.

»Na ja, wie ’ne Adelige siehst du aber nicht aus, eher wie eine die ihr Geld mit dem Auspeitschen böser Jungs verdient.«

Mit diesen Worten drehte er sich um und stolzierte, die Blonde im Arm und von seinen Jungs umgeben, davon.

»Arschloch!«, sagte Bonny neben mir.

»Genau«, antwortete ich lächelnd.

Wir gingen zu den Spinden, damit Bonny ihre Bücher für Bio herausholen konnte. Ich dachte immer noch über die Bemerkung des Jungen nach, ich hatte nicht verstanden, was er mir damit sagen wollte.

»Wer war der Typ eigentlich?«, fragte ich Bonny.

»Du meinst den Schönling?«

Als ich nickte, fuhr sie fort.

»Das war Raphael de Angelo.«

Sie schloss ihren Spind und hatte ihre Bücher für Bio in der Hand.

»Das ist ein Scherz oder?«, fragte ich sie. »Raphael de Angelo? Wie der Erzengel?«

»Ja genau, ich dachte auch anfangs es sei ein schlechter Scherz, aber so heißt er. Er ist seit fast drei Jahren an der Schule und der meist umschwärmte Junge. Ein Spitzensportler, ich glaube es gibt keine Sportart, die er nicht beherrscht.«

Wir erreichten den Biologieraum. Bonny setzte sich zu einem Jungen mit roten Haaren, der mich von oben bis unten musterte.

»Ich glaube da drüben ist noch ein Platz frei«, sagte sie und wies auf einen Platz ganz hinten.

Ich sollte neben einem Mädchen mit Zahnspange und roten Bäckchen sitzen. Na toll, da hatte ich gerade jemanden gefunden den ich mochte und schon musste ich mich neben jemand anderes setzen. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen das jetzt immer in Bio neben mir saß, sehr schüchtern war. Nicht ein Wort bekam ich aus ihr heraus.

In dieser Stunde musste ich nicht nach vorne um mich vorzustellen, denn das übernahm die Lehrerin.

Nach der Stunde gingen Bonny und ich in die Cafeteria. Als ich mich neben ihr in die Schlange stellte aber kein Tablett nahm, musste ich ihr erklären, dass ich immer abends aß. Ich fügte hinzu, dass es in Deutschland so üblich war, was natürlich nicht stimmte, aber das wusste ja niemand.

Wir setzten uns zu ihren Freunden an den Tisch. Da war zuerst einmal Alex. Er war groß, über zwei Meter, aber dünn wie eine Bohnenstange, er hatte schwarze Haare und graue Augen und seine Haut war voller Pickel. Dann gab es Eric. Er war durchschnittlich groß, hatte blonde Haare und war sehr füllig, er mochte Rollenspiele und er fand, dass ich aussah wie eine Elfe, worüber ich herzlich gelacht habe. Dann waren da noch die Zwillinge Sue und Mel, die beide den Gothic Look mochten, also meine Klamotten tierisch gut fanden (beide hatten schwarz gefärbte Haare und düsteres Make-up), und Tom, der ganz gut aussah, blonde Haare, blaue Augen, sportliche Figur.

Als sich alle vorgestellt hatten und wir besprochen hatten, wer welchen Kurs mit mir hatte, kam die Blonde, die anscheinend mit Raphael zusammen war, an unseren Tisch. Sie musterte alle mit einem arroganten Blick, nur Tom zwinkerte sie zu. Dann blieb ihr Blick an mir hängen.

»Du scheinst cooler zu sein, als der Rest der Bande, wenn du willst, kannst du mit uns Cheerleadern rumhängen«, sagte sie mit einem zuckersüßen Lächeln.

Ich lachte hart auf.

»Das ist nicht dein Ernst. Die Schulzicke will die Neue aus dem fernen Land in den erlauchten Kreis ihrer Clique aufnehmen. Muss ich da eine Mutprobe bestehen und wenn ich versage, jagst du mich nackt über den Schulhof? Nein danke, ich halte nichts von Schlampen, die meinen sie seien etwas Besseres. Gut aussehen und ein großes Maul ohne Verstand.«

Ich senkte wieder meinen Blick auf Tom, der mir gegenüber saß, und sah aus dem Augenwinkel, wie mich die Blonde mit einem wütenden Blick musterte. Ich hatte mir die fiesen Sprüche in den letzten Wochen angeeignet als ich mir amerikanische Talkshows angesehen hatte.

Mit den höflichen Umgangsformen, die die meisten Vampire an den Tag legten, würde ich hier nicht weiterkommen.

Bonny stieß mich von der Seite an.

»Ich glaube, dass noch nie einer so mit Kathrin geredet hat. Ihrem Vater gehört die halbe Stadt, und du bringst sie gleich an deinem ersten Tag auf die Palme.«,

Ich zuckte mit den Schultern.

»Irgendeiner musste ihr doch mal die Wahrheit sagen. Redet die mit allen so?«, fragte ich.

Alle am Tisch nickten.

»Dann hat sie es nicht besser verdient.«

Alle am Tisch fingen wieder an miteinander zu reden, nur Bonny lehnte sich zu mir herüber.

»Hast du eigentlich auch andere Klamotten?«, fragte sie.

Ich sah an mir herunter und verstand sofort was sie meinte.

»Ehrlich gesagt nein. Ich wusste nicht, was der Durchschnittsschüler so anzieht«, sagte ich wahrheitsgemäß.

Sie schnappte nach Luft und hielt mich fest.

»Wir gehen heute einkaufen und ich zeige dir was momentan In ist.«

Die Zwillinge wollten mitkommen, aber Bonny wimmelte sie schnell ab, sie meinte dann würde es zulange dauern.

»Du bist doch damit einverstanden, dass wir einkaufen gehen?«, fragte Bonny als wir auf dem Weg zur nächsten Stunde waren.

Wir hatten an diesem Tag alle Kurse zusammen.

»Klar, warum nicht, genug Geld habe ich jedenfalls.«

Des Weiteren konnte ich so die Freundschaft, die sich dabei war zwischen uns zu entwickeln, weiter vertiefen. Außerdem musste ich mich dringend anpassen, denn den ganzen Tag wurde ich von jedem Schüler, der mir begegnete, gemustert.

»Soll ich fahren?«, fragte Bonny.

»Nein, ich fahre! Wir bringen erst dein Auto weg und dann fahre ich.« Ich wollte nicht, dass jemand erfuhr wo ich wohnte. Das alte Adams Haus hatte schon so einen schlechten Ruf. Es sollte angeblich Spuken, was totaler Quatsch war, aber ich wollte keine Besucher. Es war besser wenn sie denken würden, dass dort niemand wohnt.

Der restliche Schultag ging schnell vorbei. Als die Schulglocke das Ende des Schultages verkündete, atmeten alle erleichtert auf. Montage schienen bei den Menschen nicht sehr beliebt zu sein.

»Was ist denn da für ein Massenauflauf?«, fragte Bonny als wir auf dem Weg zu unseren Autos waren.

Ich ahnte etwas, denn genau dort wo die Leute standen, stand auch mein Auto. Bonny hatte nicht weit weg von mir geparkt.

»Ich warte an der Ausfahrt auf dich«, sagte sie und stieg in ihren Wagen. Wir wollten Kolonne zu ihr fahren.

Ich ging weiter und bahnte mir einen Weg durch die Menschen. Es waren, wie nicht anders zu erwarten, alles Jungs.

»Es ist ein 62er«, sagte einer.

Natürlich war es ein 62er, was denn sonst? Ich holte die Schlüssel aus meiner Jackentasche und steckte sie ins Schlüsselloch.

»Ist das deiner?«, fragten zwei Jungs wie aus einem Mund.

»Seht ihr sonst jemanden, der einen passenden Schlüssel aus seiner Tasche holt?«, fragte ich.

Ich liebte Sarkasmus, das hatte ich auch durch die Talkshows gelernt und ich schien gut darin zu sein.

Ich öffnete die Tür, drehte mich zu den Jungs um und sagte: »So, Schluss jetzt, die Show ist vorbei.«

Sie zogen zähneknirschend ab. Am anderen Ende des Parkplatzes sah ich Raphael, der mich mit diesem höhnischen Grinsen angaffte.

Irgendwann würde ich es ihm aus dem Gesicht schlagen. Hatte ich das gerade wirklich gedacht? Ich war eigentlich nicht aggressiv, aber dieser Junge löste etwas in mir aus, was meine Raubtierseite zum Vorschein brachte, so als wenn ein Löwe auf einen Tiger stoßen würde. Selbst auf diese Distanz konnte ich seine goldenen Augen sehen und ich hatte das Gefühl, auch er konnte mich sehr gut erkennen. Einen Augenblick starrten wir uns nur an, dann seufzte ich und stieg in meinen Wagen.

Bonny wartete wie versprochen an der Ausfahrt auf mich. Wir fuhren zu ihr. Sie wohnte in einem kleinen Haus, in einer der beliebteren Gegenden der Stadt. Wir stiegen aus. Ich hatte Glück, ihre Eltern waren nicht zu Hause. Ich wollte ihnen auch gar nicht begegnen, da ich nicht wusste wie die Menschen sich gegenüber Eltern einer Freundin verhielten.

Bonny hinterließ ihren Eltern eine Nachricht, dass sie mit einer Freundin nach Missoula zum Einkaufen fahren würde.

Dann nahm sie ihre Handtasche und wir gingen zu meinem Auto.

2

»Dein Fahrstil ist ja mörderisch«, sagte Bonny und ich sah aus dem Augenwinkel, dass ihre Finger sich in den Sitz krallten.

Bonny hatte gesagt, dass die Fahrt nach Missoula etwa eineinhalb Stunden dauern würde, aber ich gab Vollgas, ich wollte keine Zeit auf der Straße verschwenden, außerdem war Bonnys süßer Geruch überall. Das Auto war eindeutig kein Platz für einen Menschen und einen Vampir. Mein Magen zog sich vor Hunger zusammen, ich würde Jagen gehen müssen sobald ich Bonny zu Hause abgeliefert hatte. Normalerweise brauchte ich nicht jeden Tag Blut, aber die Nähe zu den Menschen, die wir normalerweise vermieden, löste ein ungeahntes Verlangen in mir aus und so musste ich also schon wieder meinen Hunger stillen. Außerdem beschloss ich mir immer etwas Blut in einer Kühltasche mitzunehmen um den größten Hunger gleich stillen zu können.

Nach etwas mehr als einer Stunde, nachdem wir bei Bonny losgefahren waren, kamen wir in Missoula an. Ich war froh, dass ihr Adrenalinspiegel sich wieder normalisierte als ich das Auto am Straßenrand zum Stehen brachte. Wir hatten nicht viel geredet, da Bonny meist nur mit vor Angst weit aufgerissenen Augen neben mir gesessen hatte. Bevor wir ausstiegen, drehte ich mich zu ihr.

»Bonny, du brauchst keine Angst zu haben, wenn ich fahre. Ich habe sehr gute Reflexe, dir wird nichts passieren, das verspreche ich«, sagte ich aber es schien sie nicht zu beruhigen.

Auf dem Rückweg würde ich also langsamer fahren müssen, damit ihr Adrenalin nicht wieder in die Höhe schoss.

Warum mussten Menschen nur so gut riechen wenn sie Angst hatten oder aufgeregt waren? Sie wussten nicht wie schwer sie es uns damit machten nicht sofort über sie herzufallen.

Und ich wusste nicht ob ich nicht doch eine zu große Gefahr für sie war.

Wir stiegen aus. Es war gerade halb vier und wir hatten noch eine Menge Zeit zum Einkaufen, außerdem wollte ich noch zum Friseur. »Okay Bonny, du kennst dich am besten aus, übernimm du die Führung«, sagte ich und musste lächeln, als sie sich bei mir einhakte und mich in Richtung der Ladenstraße zog.

Sie hatte sich ihre Tasche über die Schulter gehängt, sodass sie nicht von Taschendieben weggerissen werden konnte. Ich trug keine Tasche, alles was ich brauchte, Handy, Kreditkarte und Autoschlüssel, hatte ich in der Jacke.

Wir gingen in einen Laden, der schon vom Schaufenster aus darauf schließen ließ, dass er ausschließlich Mode für junge Leute bereithielt.

Bonny steuerte mich zu den Hosen, allesamt Jeans. Als ich ihr meine Größe genannt hatte und sie vor Neid ein bisschen rot wurde, suchte sie mir Hosen in allen möglichen Farben und Formen heraus.

Ich ging mit dem Stapel zur Umkleide. Jede Jeans musste ich ihr vorführen. Ich muss schon sagen, dass Bonny einen echt guten Geschmack hatte, sie gefielen mir alle. Ich wollte sie alle haben und wir brachten sie an die Kasse.

Die Verkäuferin legte sie für uns beiseite, denn nun schleppte mich Bonny zu den Tops und Pullovern.

Zwei Stunden später brachten wir diverse Tüten mit allem was das Herz begehrt zu meinem Auto.

Wir hatten nicht nur Klamotten gekauft, sondern auch Accessoires, Ketten, Schals, Gürtel und so weiter.

Als wir gerade die Tüten in meinem Kofferraum verstaut hatten, klingelte mein Handy. Es hatte schon zweimal als ich in der Umkleide war geklingelt. Ich holte es aus meiner Tasche und sah, dass es schon wieder Daniela war. Genervt ging ich ran.

»Ja?«

»Viktoria, wo bist du? Dominik und ich machen uns Sorgen. Du solltest schon längst aus der Schule zurück sein«, tadelte sie mich.

»Ich bin einkaufen und es geht euch nichts an wo ich meine freie Zeit verbringe. Ihr seid nicht meine Eltern«, sagte ich aufgebracht.

Immer mussten sie mich wie ein kleines Kind behandeln.

»Wir sind vielleicht nicht deine Eltern, aber wir können mit ihnen reden.«

Verdammt, jetzt spielte sie diese Karte aus.

Ich versuchte mich zu beruhigen und in einem etwas freundlicheren Ton sagte ich:

»Tut mir leid, Dani. Ich werde noch ein paar Stunden unterwegs sein, aber ich passe auf, versprochen. Bitte nichts Mama sagen. Ich hab dich lieb.«

Bevor sie etwas antworten konnte, legte ich auf. Okay es war vielleicht etwas übertrieben »Ich hab dich lieb« hinzuzufügen, aber wenn es funktionierte...

Dominik und ihr konnte ich vertrauen, sie würden mich schon nicht verraten, denn dann würden meine Eltern verlangen, dass ich nach Hause komme und das wollte ich nicht und ich glaube sie auch nicht.

»Wer war das?«, fragte Bonny.

Sie sah aufs Handy, bevor ich es wieder einsteckte.

»Das war meine Tante, bei der ich dieses Jahr wohne.«

Eine Lüge, die mir weitere Erklärungen hoffentlich ersparte. Sie fragte ein Glück nicht weiter.

»So, jetzt zum Friseur«, sagte ich voller Tatendrang.

Sie sah mich überrascht an.

»Das war also kein Scherz? Du willst zum Friseur. Was hast du denn mit deinen Haaren vor? Spitzenschneiden?«

Sie fasste in meine hüftlangen, dicken Haare, sie waren leicht gelockt und meine Mutter fand sie wunderschön. Ich aber nicht und ich wollte eine Veränderung. »Ich will sie mir abschneiden lassen und einen Pony will ich auch«, sagte ich.

Bonny riss die Augen auf. »Du willst was?«, fragte sie ungläubig.

»Ich will meine Haare abschneiden lassen«, sagte ich gleichgültig.

»Aber nicht so kurz wie meine«, sagte sie bestimmt.

Sie griff sich in die kurzen blonden Haare, die wild um ihren Kopf abstanden. Ich hatte genaue Vorstellungen von meinem neuen Look, also nickte ich.

»Okay, nicht so kurz wie deine«, sagte ich und nahm die Hand die sie mir hinhielt.

Ihre Hand war warm, ein bisschen feucht, vielleicht weil ihre Jacke ein bisschen zu dick war. Ich zog meine Hand zurück und wischte sie unauffällig an meiner Hose ab. Dominik und Dani sollten ihren Geruch nicht wahrnehmen.

Die Klamotten würde ich sofort wechseln, wenn ich zu Hause war, und in die Waschmaschine stopfen.

Wir gingen zu einem kleinen Friseursalon.

»Der Friseur soll einer der Besten hier im Umkreis sein. Er soll früher Promis für Filme gestylt haben.«

Mir war das egal, Hauptsache er machte mir eine schöne neue Frisur.

Der Laden war größer, als er von außen wirkte. Überall waren Frisierstühle und Spiegel, neben jedem Frisierstuhl stand ein kleiner Tisch, auf dem Zeitschriften lagen und Kekse standen.

Ich holte tief Luft und hätte vor Schmerz fast gestöhnt. Ein in der Nase brennender Chemiegeruch hing in der Luft. Ich rieb mir die Nase, hier würde ich nur noch durch den Mund atmen. Mit uns waren noch zwei weitere Kunden anwesend. Die eine saß unter der Trockenhaube und die andere hatte Alufolie im Haar und sah wie eine Antenne aus. Ein kleiner Mann in enger Lederhose und weißem Hemd kam aus einem Raum hinter dem Tresen. Auf seinem Namensschild stand Jean Paul.

»Ich bin Jean Paul und der Chef dieses Ladens«, sagte er mit einem starken französischen Akzent. Er schlug die Hände vor den Mund als er mich ansah.

»Mon Dieu!«, sagte er, kam auf mich zu und fasste mir in die Haare. Am liebsten hätte ich ihn von mir gestoßen und geknurrt, aber ich hielt mich zurück.

»Das ist das schönste Haar, das ich jemals gesehen habe«, sagte er und strich liebevoll über meine Haare.

Bonny und ich schauten uns an und ich hätte sie am liebsten getreten, als sie zu kichern anfing.

»Was kann ich für euch zwei Hübschen tun?«, fragte Jean Paul und führte uns zu einer Sitzgruppe am Fenster.

Ich vermutete, das war der Platz für die wartende Kundschaft. Er sah Bonny erwartungsvoll an, dabei war sie erst vor kurzem beim Friseur gewesen. Er schien nicht davon auszugehen das ich seine Dienste in Anspruch nehmen wollte.

»Für mich gar nichts«, sagte Bonny.

Unvermittelt sah er mich an und in seinen Augen erkannte ich erst Überraschung und dann Unbehagen.

»Ich möchte, dass sie mir die Haare abschneiden!«

Ich zeigte ihm mit der Hand die Länge die ich wollte.

»Und einen Pony möchte ich auch!« Er stand unvermittelt auf und schüttelte vehement den Kopf. »Nein das kann ich nicht machen.

Deine Haare sind wie ein Gedicht. So etwas Schönes darf man nicht zerstören.«

Ich stand ebenfalls auf.

»Wenn sie mir keine schöne Frisur machen wollen, suche ich mir jemand anders, der mir die Haare schneidet. Jedoch bedenken sie, was sie aus meinen Haaren machen könnten. Vielleicht eine schöne Echthaarperücke.«

»Oder Extensions«, kam mir Bonny zu Hilfe.

Er schien zu überlegen. Dann sagte er unvermittelt:

»Mädchen, ich mache das nicht gerne aber du hast mich überzeugt.

Dein Gesicht ist so schön, dass dir jede Frisur stehen würde, mir schwebt da etwas vor.«

Er führte mich zu einem der Frisierstühle und drückte mich nieder. Dann holte er diverse Frisurenmagazine und zeigte mir was er vorhatte. Als ich nickte, sagte er:

»Aber die Brille musst du abnehmen.«

Widerwillig gehorchte ich, lies aber die Augen geschlossen.

»Sie kann kein helles Licht vertragen«, sagte Bonny neben mir.

Ich vermute er hat genickt, denn er half mir hoch und führte mich zum Waschbecken.

Länger als nötig, wusch er meine Haare, er schien es zu genießen, denn sein Adrenalinspiegel stieg und da er keine Angst hatte schien es Aufregung zu sein. Dann führte er mich zurück an meinen Platz und fing an zu schneiden. Ich blinzelte kein einziges Mal, denn ich wollte mich überraschen lassen.

Jean Paul unterhielt sich mit Bonny, die neben mir saß. Er erzählte Anekdoten über seine Zeit beim Film.

Nach einer halben Ewigkeit bekam ich meine Brille wieder und setzte sie auf. Dann öffnete ich die Augen und musterte überrascht die Fremde die mich aus dem Spiegel anstarrte. Ihr Gesicht war überraschend fein. Hohe Wangenknochen, eine gerade Nase mit einem feinen kleinen Stups und volle, sinnliche Lippen. Ich hatte mich noch nie so gesehen, meist waren meine Haare das auffälligste an mir.

Der Pony passte perfekt zu mir und meine Haare waren leicht gestuft und voluminös. Sie waren ein wenig länger als ich wollte, aber es sah gut aus.

Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Jean Paul stieß zischend die Luft aus. Er hatte die ganze Zeit angespannt hinter mir gestanden.

»Gefällt es dir?«, fragte er.

Als ich nickte, sagte er:

»Deine Haare sind ein Traum, aber mit dieser Frisur sieht man erst was für eine Schönheit du wirklich bist, nur die Brille stört ein bisschen.«

Er tätschelte meine Wange. Zufrieden bezahlte ich ihn.

Bonny und ich gingen zum Auto.

Die Dämmerung hatte eingesetzt, bald würden die ersten Geschaffenen auf den Straßen auf ihre Opfer warten. Ich wusste nicht wie viele Geborene oder Geschaffene in Missoula waren, ich wusste nur, dass es hier einen Blut-Club gab.

Wir setzten uns ins Auto.

»Jetzt habe ich aber Hunger«, sagte Bonny und sah mich erwartungsvoll an.

»Ich habe keinen Hunger, aber du kannst gerne irgendwo etwas essen«, sagte ich, was sie mit einem Lächeln quittierte.

Sie dirigierte mich zu einem McDonalds in der Nähe. Da der Parkplatz zu voll war fuhren wir in den McDrive und ich bestellte für sie. Wir parkten in einer Seitenstraße vor dem Paradoxon, einem Club, der noch geschlossen hatte. An der Fassade prangten altgermanische Zeichen, die mir verrieten um was für einen Club es sich handelte. Was für ein Zufall, genau vor dem Blut-Club zu parken.

Ich hoffte, Bonny würde sich beeilen, denn wenn mich jemand erkannt hätte, hätte ich zum Clanführer des hiesigen Vampirclans gemusst.

Bonny öffnete ihre McDonalds-Tüte und der Geruch von purem Fett schlug uns entgegen. Mein Magen zog sich zusammen als Bonny freudestrahlend einen ihrer Burger auspackte. Sie war so aufgeregt wie ein kleines Kind, während sie in den Burger biss. Ich beobachtete die Umgebung um rechtzeitig gewarnt zu sein, wenn jemand kam.

»Du guckst als ob du auf etwas wartest«, sagte Bonny.

Ich sah zu ihr und musste lachen, denn sie hatte Ketchup an der Wange.

»Ich warte, dass du fertig wirst!«

Bonny wischte sich das Gesicht mit einer Serviette ab.

»Fertig.«

Ich startete den Motor und schaute noch mal im Rückspiegel auf das Paradoxon.

»Kennst du den Laden?«, fragte Bonny, die mich beobachtete.

»Nein, du etwa?«

Ich hoffte nicht dass sie ihn kannte.

»Ich war ein, zweimal da, aber das ist nicht meine Musik und die Leute sind ziemlich aufdringlich.«

Sie hätte niemals in den Laden rein gedurft, denn sie war noch keine einundzwanzig. Vielleicht sollte ich doch einmal mit dem Betreiber reden, damit die Kontrollen verstärkt wurden.

»Jetzt haben wir uns den ganzen Tag über nichts anderes als Klamotten unterhalten und ich habe dich noch nicht richtig kennengelernt.«

Bonny nestelte an ihrer Tasche herum. Ich gab mir einen Ruck, schließlich wollte ich ja eine Freundin.

»Was willst du denn wissen?«

Ich steuerte das Auto auf den Highway, fuhr aber viel langsamer als auf dem Hinweg, obwohl ich sehr starke Magenkrämpfe vom Hunger hatte.

»Wie ist es so in Deutschland?«

Ihre Stimme klang zurückhaltend. Das war also nicht das was sie eigentlich wissen wollte. Ich spielte ihr Spiel mit.

»Es gibt nicht so große Wälder wie hier. Es ist viel dichter besiedelt und freilebende wilde Tiere gibt es auch nicht viele. Hamburg, meine Heimatstadt, ist wunderschön. Die grünste Großstadt der Welt und die brückenreichste Stadt in Europa. Wir haben die Alster und die Elbe als Flüsse. Ich kann die Schönheit nicht beschreiben, du müsstest es gesehen haben.«

Ich sah den Stadtpark vor mir, im Hintergrund das Planetarium und den See. Ich sah die Alsterfleete, ich sah den Dom und die Reeperbahn. Mein Herz zog sich zusammen. Hatte ich wirklich Heimweh? Ich konnte gar nicht schnell genug soweit weg wie möglich von zu Hause sein und vor allem von meiner Familie, dem Rat und meinen Verpflichtungen.

Auch die Vampirschule hatte ich hassen gelernt, genauso wie meine potentiellen Verehrer, von denen ich eines Tages einen heiraten müsste, nur um wiederum schöne Vampirkinder zu bekommen, damit wir nicht aussterben. Dem Ganzen bin ich entflohen aber meine Stadt vermisste ich.

»Du siehst so wehmütig aus«, sagte Bonny neben mir und brachte mich in die Wirklichkeit zurück.

Ich sah sie kurz an.

»Es ist einfach eine sehr schöne Stadt.«

»Warum bist du nach Amerika gekommen?«, fragte sie.

»Habe ich doch schon gesagt, um richtig Englisch zu lernen.«

»Du kannst richtig gut Englisch sprechen, zwar hört man dass du eine Deutsche bist, weil du das S zu scharf aussprichst, aber das ist nicht der Grund warum du hier bist.«

Sie war scharfsinniger als ich erwartet hatte. Ich versuchte so dicht an der Wahrheit zu bleiben wie möglich.

»Ich bin vor meiner Familie geflohen. Ich habe vier ältere Brüder und alle meinen nur das Beste für mich zu wollen, aber meine eigenen Erfahrungen zu sammeln, wollen sie mir nicht erlauben. Sie wollen mein Schicksal beeinflussen, aber ich will das nicht. Ich will hier und jetzt leben, ich will Freunde haben, vielleicht sogar einen Freund. Ich will ausgehen und Spaß haben. Ich will mal über die Stränge schlagen und mich unhöflich verhalten. Ich will das Wort Arschloch sagen können, ohne schräg angeguckt zu werden.«

Wir mussten beide lachen. Wenn sie wüsste, dass ich dieses Wort so im Sprachgebrauch erst vor ein paar Wochen kennengelernt hatte, würde sie mich für verrückt halten.

Mir fiel wieder ein, was Raphael zu meinem Outfit gesagt hatte und ich wollte unbedingt wissen, was er meinte.

»Du Bonny, Raphael hat heute gesagt, ich sehe aus wie jemand, der böse Jungs auspeitscht, was meinte er damit?«

Sie fing an zu kichern.

»Er meinte, dass du wie eine Domina aussiehst.«

Über mein verdutztes Gesicht lachte sie noch viel mehr.

»So ein blöder Idiot. Für wen hält der sich eigentlich?«

Ich kochte vor Wut und hätte fast das Lenkrad abgerissen. Erst als meine Fänge ausfuhren, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich würde diesem Kerl Manieren beibringen. Ich war nicht irgendwer, ich war Prinzessin Viktoria von Hohenzollern.

Ich war die Tochter der Königin der Vampire und niemand durfte so mit mir umgehen, erst recht kein unbedeutender Sterblicher. Oh mein Gott, ich hörte mich schon an wie mein Bruder André.

Nein Viktoria, du tust nichts. Du musst dich anpassen und diesen Idioten einfach ignorieren, dann wird er von ganz alleine aufhören dich zu ärgern.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, lächelte ich vor mich hin.

»Dein Lächeln verursacht mir eine Gänsehaut. Du siehst aus, als würdest du am liebsten jemanden den Hals umdrehen.«

Bonny war so weit wie es der Sitz zuließ von mir zurück gewichen. Ich prustete los.

»Du solltest dich mal sehen, hast Angst vor der Neuen.«

Ich versuchte sie zu beruhigen, denn sonst würde ich ihr noch mehr Angst machen, wenn meine Fänge wieder ausfuhren.

Mein Hunger war jetzt schon so groß, dass ich mich kaum beherrschen konnte, ruhig auf meinem Sitz zu bleiben. Ich malte mir schon aus, an den Rand zu fahren, meine Brille abzunehmen, ihr in die Augen zu schauen und ihren Willen zu brechen, ihren Hals zu entblößen und meine Fänge langsam und genüsslich in ihre Haut zu bohren. Dann würde die köstliche Süße ihres Blutes meinen Mund ausfüllen und meinen Hunger stillen.

Ich verwarf schnell den Gedanken, als sie sagte:

»Ja genau, du bist die Neue und ich kenne dich noch nicht gut genug um zu sagen, dass du keine Psychopathin bist, die andere Leute um die Ecke bringt.«

Es klang so absurd aus ihrem Mund, dennoch war ein Stück Wahrheit in ihren Worten.

Ich war eine Killerin, allerdings hatte ich lange keinen Menschen mehr getötet. Um ehrlich zu sein, war es nur ein einziges Mal dazu gekommen. Als mein Vater mich zum ersten Mal mit auf die Jagd genommen hatte. Da fiel ich in einen Blutrausch, den viele Anfänger erleiden und tötete einen alten Mann. Er war so schwächlich in meinen Armen und sein Herz hörte schneller auf zu schlagen, als ich gerechnet hatte. Das war jetzt fünf Jahre her, seitdem achtete ich sehr genau darauf von wem ich trank und wie viel.

Ich kam wieder in die Gegenwart zurück.

»Ich bin keine Psychopathin. Ich bin jemand der dich mag und ich fand den Tag heute echt super.«

Bonny lächelte und ihre Angst war wie weggewischt.

»Ja, fand ich auch. Deine Haare sehen echt cool aus. Morgen wird dich keiner erkennen.«

»Das hoffe ich, denn heute habe ich keinen guten Eindruck gemacht«, sagte ich und verzog das Gesicht.

»Doch bei mir.«

Wir waren an ihrem Haus angekommen. Es war schon spät und ich musste noch jagen.

»Wir sehen uns morgen in der Schule«, sagte ich als Aufforderung für sie zum Aussteigen.

Sie öffnete die Tür, hielt kurz inne, drehte sich zu mir und schneller als ich reagieren konnte umarmte sie mich kurz.

»Ich glaube wir werden super Freunde«, sagte sie, stieg aus und lief zu ihrem Haus, denn es hatte angefangen zu regnen.

Den ganzen Nachmittag war es trocken und nun als ich auf die Jagd gehen wollte, musste es regnen.

Ich beschloss jedoch, erst die Einkäufe nach Hause zu bringen. Als ich den Chevrolet in der Garage geparkt hatte und mit den Einkäufen ins Haus ging, kamen mir Dominik und Dani entgegen.

»Da ist ja die Prinzessin.«

Beide standen mit verschränkten Armen vor mir.

»Ja, ja, da bin ich. Ich weiß, dass ich hätte Bescheid sagen sollen und dass ihr euch Sorgen gemacht habt. Ich gelobe Besserung«, sagte ich und wollte schon an ihnen vorbei.

»Lord Reginald hat gerade angerufen«, sagte Dani und ich blieb wie angewurzelt stehen.

Verdammt.

»Er hatte gehofft, du würdest ihm deine Aufwartung machen«, sagte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ich dachte du wolltest nicht dass er erfährt, dass du hier bist.«

Ich sah von einem zum anderen.

»Wollte ich auch nicht, aber Bonny und ich haben vor dem Paradoxon geparkt und erst da hatte ich erkannt, dass es ein Blut-Club war. Ich hatte gehofft, unentdeckt wieder abfahren zu können.«

»Ist dir aber nicht geglückt«, warf Dominik ein.

»Ich weiß.«

Ich ließ den Kopf hängen.

»Ich habe ihm gesagt, dass du ihn in den nächsten Tagen aufsuchst«, sagte Dani und drückte mir die Schulter.

Dann sah sie auf meine Haare, die ihr erst jetzt aufzufallen schienen.

»Und was hast du mit deinen Haaren gemacht?«

Sie klang ungläubig, ja fast schon verärgert. Ich grinste sie an und griff mir ins Haar.

»Cool, nicht?«

Dani schien es nicht cool zu finden, das sah man in ihrem Blick.

»Es sieht nicht schlecht aus«, sagte Dominik schnell um die Situation zu entschärfen, denn Dani schien kurz vor einem Wutanfall zu stehen.

Er nahm mich bei den Schultern und führte mich ein Stück von Dani weg.

»Du siehst hungrig aus.«

Mist, hatte mich meine Haut verraten. Wenn wir großen Hunger hatten, waren wir noch blasser und hatten Ringe unter den Augen. Trotz Sonnenbrille, die ich jetzt abnahm, hatte er die Augenringe gesehen. Ich rieb mir über die Augen. Als ich nicht weiter reagierte, rollte Dominik sein Hemd an den Ärmeln hoch. Er hatte ein Holzfällerhemd, Jeans und Cowboy-Stiefel an. Er sah wie ein echter Cowboy aus.

Bevor ich aus seiner Geste schlau wurde, bot er mir sein Handgelenk an. Ich wich zurück.

»Ich gehe lieber jagen«, sagte ich bestimmt und unterdrückte ein ärgerliches Grollen.

Dominik sah mich enttäuscht an. Es war eine große Ehre, wenn sich ein Vampir als Blutwirt anbot, es hatte auch immer etwas intimes, normalerweise tranken nur Gefährten voneinander.

Mir wäre es peinlich gewesen, hatte ich doch noch nie von einem anderen Vampir getrunken. Meine Mutter würde jetzt sagen: »Viktoria du bist eine Prinzessin von edlem Geblüt und nur weil du eine deiner Phasen hast, musst du ein solches Geschenk nicht ablehnen, und blablabla.«

Ich war schon immer froh gewesen, dass meine Blutwirte mich vergaßen, nachdem ich ihre Erinnerung gelöscht hatte, aber einen Vampir konnte man nicht manipulieren und dadurch würde er immer wissen, dass ich von ihm getrunken hatte. Wie ekelig, da lebe ich doch lieber mit einem beleidigten Dominik.

Ich drehte mich um und lief schnell die Treppe hoch in mein Zimmer. In Windeseile verstaute ich die neuen Klamotten in einem meiner Schränke, einige meiner anderen Klamotten landeten auf dem Boden. Das Aufräumen musste jedoch erstmal warten, denn zunächst musste ich mich um meine Raubtiergelüste kümmern. Andernfalls müsste ich nachher doch noch Dominiks Angebot annehmen.

Ich zog mir ein sexy, schwarzes Minikleid an. Ich würde in eine Bar hier im Ort gehen, das Ocean. Die letzten Wochen war ich häufiger dort. Meist ging ich nicht rein, sondern versuchte meine Blutwirte draußen abzufangen. Es gab immer ein Risiko entdeckt zu werden, weswegen wir immer sehr vorsichtig waren. Für mich wurde das Risiko noch größer, da mich mittlerweile die Schüler meiner High School kannten. Okay, niemand von denen würde um diese Uhrzeit in einer Bar herumhängen, die meisten würde dort nicht einmal hereinkommen, aber ich musste trotzdem vorsichtig sein.

Ich schminkte mich ein wenig um meinen Teint ein bisschen gesunder erscheinen zu lassen, dann setzte ich meine Sonnenbrille auf und ging runter. Ich traf weder Dani, noch Dominik, aber ich wusste, dass Dominik immer in meiner Nähe blieb, mein stetiger Schatten, der mir überall hin folgte.

Wir hatten eine Abmachung, ich wollte so wenig wie möglich in der Schule auffallen (toll, das war mir bisher nicht sehr gut gelungen...), dafür durfte ich mich aber vom dem Schulgelände nicht entfernen, solange noch Schule war. Nach dem heutigen Tag war ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob unsere Abmachung noch gültig war, schließlich bin ich nach der Schule einfach abgehauen, ohne vorher Bescheid zu geben.

Verdammt, ich sollte anfangen, vorher zu überlegen, jetzt konnte ich nur hoffen, dass er mir weiterhin vertraute und mich alleine in die Schule gehen lassen würde.

Sicherlich würde ich ihn nicht darauf ansprechen, denn man sollte keine schlafenden Riesen wecken.

Ich nahm den Porsche um zum Ocean zu fahren. Das Ocean war eine ziemlich üble Bar, der Abschaum von Deep Falls ging dort ein und aus, aber dort war die Wahrscheinlichkeit geringer, dass mich jemand aus der Schule erkennen würde.

Wie nicht anders zu erwarten, war das Ocean voll. Es war schon nach Mitternacht und trotzdem war es voll. Ich verstand die Menschen nicht. Morgen würde ein ganz normaler Arbeitstag sein, alle mussten früh raus und trotzdem saßen sie nun hier und betranken sich.

Ich stellte den Wagen am Straßenrand ab und ging über die Straße zum Ocean. Mir kamen zwei betrunkene Schlägertypen entgegen, sie fielen aus meinem Beuteschema, denn ich wollte nicht betrunken zum Unterricht erscheinen. Alkohol und Drogen wirkten auf uns genauso wie auf Menschen, allerdings nahmen wir es nicht aus Flaschen oder Spritzen auf, sondern aus den Venen unsere Blutwirte.

»Hey Baby, hast du Lust auf ein bisschen Spaß?«, fragte mich der eine und versperrte mir den Weg.

Lächelnd über ihre Dummheit nahm ich meine Brille ab und sofort starrten beide in meine Augen. Wie einfach es doch war und wie unwissend Menschen waren. Sie lebten mit schrecklichen Monstern wie uns Vampiren auf einem Planeten und liefen mit offenen Armen in ihr Verderben. Ihr Blick wurde leer. Ich übernahm die volle Kontrolle.