Vor aller Augen - Deborah Meroff - E-Book

Vor aller Augen E-Book

Deborah Meroff

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Beschreibung

Tausende Kilos Bibeln haben Tom Hamblin und seine Frau in zahlreiche Länder des Nahen Ostens transportiert – immer offen in ihrem Fluggepäck, nie heimlich. Nie verloren sie auch nur ein Exemplar, nie wurden sie länger festgehalten. Und immer erreichten die Bibeln die Menschen, die nach dem Evangelium hungerten, im Jemen, in Jordanien, im Sudan und anderen arabischen Ländern. Ein inspirierender Lebensbericht vom Wirken Gottes.

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SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7388-9 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-5794-0 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© der deutschen Ausgabe 2017

SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41

71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title: Under their very eyes

Text copyright © 2016 Deborah Meroff. Original edition published in English under the title 2016 by Lion Hudson IP Ltd, Oxford, England.

This edition copyright © 2016 Lion Hudson IP Ltd.

Übersetzung der englischen Lieder durch die Übersetzerin.

Aus Sicherheitsgründen werden manche Länder und die Namen einiger Beteiligter nicht genannt oder Pseudonyme verwendet.

Ein Glossar für die kursiv gedruckten arabischen Wörter findet sich im Anhang.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

Übersetzung: Silvia Lutz

Umschlaggestaltung: Patrick Horlacher, Stuttgart

Titelbild: Flughafen: iStock.com/anyaberkut, Moschee: iStock.com/35007, Muster: freepik.com

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Ich widme dieses Buch den »Schätzen, die im Dunkeln verborgen sind, den geheimen Reichtümern«. Ihr könnt dieses Buch vielleicht nie lesen und werdet womöglich nicht einmal erfahren, dass es dieses Buch überhaupt gibt. Aber der Herr, euer Abba Vater, kennt jeden Einzelnen von euch. Ihr seid kostbar in seinen Augen, denn ihr habt seinen Sohn, Jesus Christus, Isa, als euren Erlöser und Herrn angenommen und ihr liebt ihn mit jedem Herzschlag und jeder Faser eures Seins.

Ihr lebt mit der Realität, dass jeder Tag euer letzter auf der Erde sein kann, dass ihr jederzeit von euren geliebten Familienmitgliedern getrennt werden könnt und auch sie leiden werden. Das ist für euch sehr schmerzhaft.

In Gottes Wort werden wir ermahnt, denjenigen Ehre zu erweisen, denen die Ehre gebührt. Wenn ich an euch denke, wird mein Herz bewegt, und ich beuge mich euch zu Ehren demütig vor unserem himmlischen Vater. Ich erhebe meine Stimme voll Dank für euren Glauben und eure Furchtlosigkeit, selbst bis in den Tod. Ich kann nicht alle namentlich aufzählen, die ich getauft habe, als sie Nachfolger Jesu wurden, aber ich weiß gewiss, dass wir uns in der Gegenwart unseres großen Königs Jesus wiedersehen werden!

Die Worte eines alten Kirchenliedes von William Cushing, das diesen wunderbaren Tag beschreibt, drücken es treffend aus:

Wenn er kommt, wenn er kommt,um seine Edelsteine zu sammeln,

alle seine Edelsteine, seine kostbaren Edelsteine,von ihm geliebt und sein Eigentum.

Er wird die Edelsteine für sein Reich sammeln,

alle, die rein sind, alle, die strahlen,von ihm geliebt und sein Eigentum.

Treue Kinder, treue Kinder, die ihren Erlöser lieben,

sind seine Edelsteine, seine kostbaren Edelsteine,von ihm geliebt und sein Eigentum.

Wie die Sterne am Morgen,mit seiner leuchtenden Krone geschmückt,

werden sie in ihrer Schönheit strahlen,funkelnde Edelsteine für seine Krone.

Euer Bruder, durch Jesus Christus in Ewigkeit verbunden, Tom Hamblin

INHALT

Über den Autor

Vorwort

Einleitung

1 Willkommen in Arabien

2 Ein schwerer Start in Reading

3 Beauftragt und neu beauftragt

4 Auf ins Unbekannte

5 Der Zugang für dein Wort

6 Von Gottes GPS geführt

7 Jemen: Christus wirkt an der Wiege des Islam

8 Jemen: Neuanfang

9 Jemen: Gottes Terminplanung

10 Saudi-Arabien: Der Nullpunkt des Islam

11 Durch eiserne Tore

12 Von Kamelen und Katastrophen

13 Schätze, die im Dunkeln verborgen sind

14 Großbritannien und die Welt

Literaturempfehlungen

Webseiten mit hilfreichen Informationen

Glossar

Anmerkungen

Wer oder was ist OM?

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über die Autorin

DEBORAH MEROFF arbeitet als Journalistin und hat 115 Länder bereist, meistens für OM International. Sie hat acht Bücher und zahllose Artikel geschrieben, und bloggt über gefährdete Frauen und Mädchen unter women-without-borders.net. Sie lebt im US-Bundesstaat Maine.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

VORWORT

Sie halten die spannende Geschichte eines erstaunlichen und doch ganz gewöhnlichen Ehepaars in den Händen. Ich bete, dass dieses Buch Ihnen hilft, eine größere Vision zu bekommen, in Ihrem Glauben zu wachsen und tatkräftig zu handeln.

Ich kenne Tom und Edna Hamblin seit vielen Jahren. Sie sind mir und unseren Mitarbeitern bei OM ein großer Segen. Sie setzen Maßstäbe, besonders in ihrer Bereitschaft, Risiken einzugehen, um unter den Menschen in schwer zugänglichen Ländern mit strengen Einreisebeschränkungen Gottes Wort zu verbreiten.

Wenn Sie von Toms Kindheit lesen, wird Ihnen neu bewusst werden, wie wichtig und mächtig das Evangelium ist. Auf der Welt gibt es viele Menschen wie Tom, aber ihnen fehlt die Gelegenheit, die er hatte, von einem wahren Nachfolger Gottes geliebt und mit Gottes guter Nachricht vertraut gemacht zu werden. Ich bete, dass dieses Buch unser Leben verändert und uns anspornt, anderen Menschen mitfühlend das Evangelium zu bringen. Herr, lass nicht zu, dass wir darin schuldig werden, dass wir herausfordernde Geschichten und Informationen zwar lesen, aber selbst untätig bleiben!

Wenn Sie auch nur das geringste Interesse an Muslimen und den Ländern, aus denen sie kommen, haben, sollten Sie dieses Buch unbedingt lesen. Ich lebe in London, wo über eine Million der Einwohner Muslime sind. Es ist also nur logisch, dass ich mich damit auseinandersetze, wie sie sind und was sie glauben. Wo Sie auch leben, Muslime wohnen wahrscheinlich näher bei Ihnen, als Sie ahnen. Und viele sind für Freundschaften offen.

Weil es zu wenige Menschen wie Tom und Edna gibt, haben Hunderte Millionen Menschen noch nie das Evangelium gehört. Ich bete, dass dieses Buch viele Menschen dazu bewegt, sich mehr für Gottes große, weltweite Arbeit einzusetzen. Wo sind die Menschen, die in Ednas und Toms Fußstapfen treten?

Außerdem ist es mir ein Herzensanliegen, dass Menschen, die Jesus lieben und erfahren wollen, wie sein Wort verbreitet wird, dieses Buch an andere weitergeben, sei es in Papierform oder als E-Book. Wir brauchen mehr Menschen wie Tom und Edna, die andere zum Handeln inspirieren. Ich hoffe, Sie gehören dazu und lassen sich motivieren.

Dr. George VerwerGründer von Operation Mobilisation (OM International)

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

EINLEITUNG

Ein altes Kirchenlied von Harriet Auber verkündet: »Jede Tugend, die wir haben, und jeder Sieg, den wir erringen, und jeder heilige Gedanke kommen allein von Gott.«

Paulus drückt es so aus: »Für dieses Ziel setze ich mich mit meiner ganzen Kraft ein, indem ich mich auf die mächtige Kraft von Christus verlasse, die in mir wirkt« (Kolosser 1,29). An anderer Stelle schreibt er, dass wir Gottes Mitarbeiter sind (siehe 2. Korinther 6,1). Als er und Barnabas nach ihren ersten Missionsreisen in die Gemeinden in Antiochia und Jerusalem zurückkehrten, berichteten sie, »was Gott in der Zwischenzeit durch sie bewirkt hatte« (Apostelgeschichte 15,4). Sie gaben Gott die Ehre und freuten sich, dass er durch sie gehandelt hatte.

Bei einigen Besuchen in arabischen Ländern genoss ich die Begleitung des Neuseeländers David Mitchell. Wir hatten oft das Gefühl, als wären wir gemeinsam in Paulus’ und Barnabas’ Fußstapfen unterwegs. Doch Paulus war alleine drei Jahre in Arabien, und wir wissen nicht, was er dort getan hat. Ich habe in den sechzehn Jahren, die ich in diesem Gebiet unterwegs war, ebenfalls viele Reisen allein unternommen. Drei Reisen führten mich nach Saudi-Arabien, andere in den Libanon, nach Syrien, Jordanien, in den Sudan, nach Oman, in den Jemen sowie in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Meine Frau Edna konnte mich bei einigen Gelegenheiten begleiten. In diesem Buch werden Sie von einem unglaublichen Erlebnis lesen, das wir gemeinsam bei einer Zollkontrolle hatten, und darüber lachen! Meine Edna gab alles, als wir in Aden im Jemen die Aufgabe übernahmen, eine alte Kirche wiederaufzubauen und christliche Gottesdienste in dieser Stadt abzuhalten. Wir hatten gemeinsam die Vision, auch zwei Kliniken auf dem Gemeindegelände zu errichten, die später von anderen fertiggestellt wurden. Dieser Dienst wurde von staatlichen Behörden geschätzt und geschützt. Sprüche 31,10-31 fasst zusammen, wie ich Edna sehe, besonders Vers 29: »Es gibt viele tüchtige Frauen, doch du übertriffst sie alle!«

Wenn ich genügend Zeit und Platz hätte, könnte ich sehr viele Menschen aufzählen, die uns aufgenommen, uns beschützt, zu uns gestanden, uns finanziell unterstützt, mit uns gebetet haben und unseretwegen große Risiken eingegangen sind. Diese Menschen wissen, dass sie gemeint sind, und erwarten nicht, dass ihr Name hier abgedruckt wird.

Einen bestimmten Amerikaner möchte ich hier dennoch erwähnen, ohne seinen Namen zu nennen. Er führte in Saudi-Arabien ein Geschäft und besorgte mir mein erstes Visum für dieses Land. In seinem Haus gab es in einer Besenkammer eine Geheimtür im Boden, unter der sich ein Hohlraum mit unglaublich vielen Bibeln, Neuen Testamenten und anderen Büchern und Medien verbarg. Dieser Amerikaner säte Gottes Wort schon seit mehreren Jahren aus und füllte seine Bestände regelmäßig auf. Das faszinierte mich und machte mir bewusst, dass unser Abba Vater Menschen in diesem Land hatte, die treu sein lebendiges Wort verbreiteten, um viele kostbare »Edelsteine« in der Finsternis zu unterstützen.

Mein besonderer Dank gilt Deborah Meroff. Ohne sie wäre dieses Buch nicht geschrieben worden.

Es ist mein Gebet, dass Sie, wenn Sie lesen, was sich in meinem Leben und in meinem Dienst zugetragen hat, nicht nur ermutigt und gesegnet werden, sondern sich auch herausfordern lassen, sich aktiv für Missionare und deren Dienst einzusetzen. Obwohl Missionare gewöhnliche Menschen sind, wirken sie mit der Hilfe des Heiligen Geistes außergewöhnliche Dinge. Um es mit den Worten des Psalmisten auszudrücken: »Das ist das Werk des Herrn, und es ist wunderbar anzusehen« (Psalm 118,23). Gott sei alle Ehre und Lob!

Ich hoffe, dass Sie entdecken, dass Gott auch Sie gebrauchen kann, um dort, wo Sie leben, muslimische Männer, Frauen und Kinder zu erreichen. Einige dieser Menschen warten schon lange auf die Wahrheit, die sie frei machen kann. Der Anhang am Ende dieses Buches soll Sie ebenfalls dazu anspornen und kann Ihnen wertvolle Hilfen geben!

Tom Hamblin

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1

WILLKOMMEN IN ARABIEN

Edna und ich standen am Abflugschalter in Zypern und beteten im Stillen, während ich vor der ersten Hürde unserer »Mission Impossible« stand. Wenn wir nicht beide hundertprozentig sicher gewesen wären, dass wir von Gott den Auftrag bekommen hatten, sein Leben spendendes Wort in die unzugänglichsten arabischen Länder zu bringen, wäre dieses Unternehmen ziemlich verrückt gewesen.

Es sah nicht gut aus. Das Gepäck des Mannes vor uns war nur zehn Kilo zu schwer, und er musste für das Übergewicht fünfzig US-Dollar Zusatzgebühren zahlen. Als ich meine Kartons mit über hundert Kilo auf die Waage hievte, runzelte die Mitarbeiterin der Fluglinie die Stirn.

»Ihr Gepäck ist viel zu schwer«, klärte sie mich unmissverständlich auf.

»Ja. In diesen Kartons sind Bibeln und Neue Testamente.«

Unbeeindruckt erklärte mir die Frau, dass ich dreitausend Dollar Zusatzgebühren zahlen müsse.

»Sind Sie Christin?«, fragte ich sie.

»Ja, ich bin Christin. Ich bin griechisch-orthodox.«

»Gut, dann sollten Sie mir helfen, diese Bibeln dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden.«

Sie ging mit dem Preis auf zweitausend Dollar runter, aber ich erklärte, dass ich diese Summe auch nicht hatte. Die Frau beriet sich mit ihrer Vorgesetzten am Nachbarschalter.

»Entweder Sie zahlen tausend Dollar oder Sie lassen die Kartons hier«, lautete das Ultimatum. Hinter uns hatte sich schon eine lange Schlange gebildet, und uns allen wurde die Sache allmählich peinlich.

Ich verlangte, den Chef der beiden Frauen zu sprechen, und hoffte, er wäre auch ein griechisch-orthodoxer Zypriot, der Mitgefühl mit meiner Situation hätte. Stattdessen tauchte ein arabischer Muslim in einem fließenden, weißen Gewand vor mir auf. Meine Zuversicht schwand.

»Was gibt es?«, wollte er wissen.

Ich erklärte, dass ich die heiligen Bücher Gottes – die Tora (die fünf Bücher Mose), den Zabur (die Psalmen) und das Indschil (Neues Testament beziehungsweise die vier Evangelien) – im Gepäck hätte und keine tausend Dollar für das zusätzliche Gewicht zahlen könne. Einen Moment lang wirkte der Mann wie vor den Kopf gestoßen. Dann wandte er sich ab und machte eine abfällige Handbewegung in Richtung der Frauen an den Schaltern.

»Ach, soll er die Bücher doch mitnehmen! Er muss sie sowieso wieder mit zurückbringen!«

Ich musste für das schwere Gepäck keine Zusatzgebühren zahlen! Edna und ich lächelten uns vergnügt an und eilten zum Abfluggate. Zum Abschied küsste ich Edna und bestieg das Flugzeug.

»Herr«, betete ich, während ich auf meinen Sitz sank. »Du hast das erste Wunder getan. Jetzt ist es auch deine Verantwortung, mich auf der anderen Seite durchkommen zu lassen!«

Als das Flugzeug abhob und in Richtung Süden flog, auf die Wüste der Arabischen Halbinsel zu, hatte ich viel Zeit, um über die Mission nachzudenken, zu der uns Gott auf so ungewöhnliche Weise berufen hatte.

Meine Frau und ich hatten gerade zehn anstrengende, aber auch faszinierende Jahre im Dienst für eine Stammeskirche auf Borneo hinter uns, die Sidang Indschil Borneo. Ich hatte jedes Jahr zwei bis drei Monate auf dieser Insel verbracht und in der anderen Zeit Gottes Wort unter christlichen Gemeinden in Großbritannien, Singapur und Malaysia gepredigt. Wir wollten den Christen begreiflich machen, dass derselbe Heilige Geist, der so bemerkenswert auf Borneo wirkte, auch dort, wo sie lebten, Erneuerung bringen konnte.

Frühere Missionare in dieser Gegend Südostasiens hatten mit eigenen Augen Erweckungen erleben dürfen, bei denen Tausende Eingeborene ihrer Sünden überführt und in das Reich des Lichts geführt worden waren. Nach diesem großen Wirken Gottes hatte es zu unseren Aufgaben gehört, Spendengelder zu sammeln, um Bibelschulen im Dschungel zu bauen und Boote mit Außenbootmotoren zu kaufen. Die Boote halfen Pastoren und Evangelisten, das Evangelium weiter ins Landesinnere zu bringen. Wir halfen auch mit Medikamenten, wo dies nötig war.

Nach mehreren Jahren errichteten wir unseren Stützpunkt in Singapur und brachten unsere medizinischen Teams zu Kurzeinsätzen auf die Insel. Ehrenamtliche Mitarbeiter kehrten von den langen Arbeitstagen erschöpft zurück, waren aber gleichzeitig begeistert, weil sie mit eigenen Augen die Macht des Heiligen Geistes und sein Wirken unter den Einheimischen gesehen hatten.

Dieser Dienst hatte auch seine lustigen Momente. Ich erinnere mich an ein Team aus acht jungen, begabten medizinischen Mitarbeitern aus China, die einmal früh am Morgen zu mir an den Fluss kamen, wo ich mich wusch. Wir standen knöcheltief im Schlamm und bespritzten uns gegenseitig mit Wasser, als plötzlich eine Gruppe Kinder am Ufer auftauchte und mich bei meinem Stammesnamen rief: »Nganid Bala«, das heißt »Der vom Leben erzählt«.

»Ihr solltet euch nicht an dieser Stelle im Fluss waschen!«, riefen sie.

»Warum nicht?«

»Weil unter dem Schlamm zwei Krokodile schlafen.«

Als die Chinesen das hörten, erschraken sie fürchterlich. Sie sprangen panisch ans Ufer, während ich ihnen hinterherwatete. Anschließend konnten wir alle herzhaft darüber lachen, und auch die Kinder amüsierten sich.

Obwohl Gott Edna und mir gezeigt hatte, dass wir nur zehn Jahre in der Stammeskirche auf Borneo arbeiten sollten, offenbarte er uns nicht, was er danach mit uns im Sinn hatte. Als wir uns zum letzten Mal mit unseren chinesischen Mitarbeitern in Singapur trafen, bekamen wir davon einen ersten, überraschenden Eindruck.

Wir hatten gerade mit einem Gebetstreffen im Haus von Freunden begonnen, als ein weiterer Teilnehmer eintraf. Dieser brachte einen südafrikanischen Christen mit, den er zuvor in einem Restaurant getroffen und dann einfach eingeladen hatte. Kurz vor dem Ende unserer gemeinsamen Zeit forderte der Leiter Edna und mich auf, in der Mitte niederzuknien, damit die anderen Christen uns Gott und dem Dienst, der vor uns lag, anbefehlen konnten.

Plötzlich ergriff der Fremde aus Afrika das Wort und sagte, er glaube, dass er für uns beten solle. Alle waren überrascht, da ihn außer dem chinesischen Bruder niemand kannte. Aber als er zu beten begann, schienen seine Worte eine prophetische Botschaft zu enthalten:

Ihr werdet in Länder gehen, die ihr noch nie zuvor betreten habt; ihr werdet den Menschen mein Wort in ihrer Muttersprache bringen. Ihr werdet Widerstand und Drohungen erleben. Ihr werdet vor Herrschern und Fürsten stehen und von mir sprechen und mein Wort verkünden.

Edna und ich waren von dieser unerwarteten Botschaft sehr überrascht und schrieben sie auf, um sie vor den Herrn zu bringen. Wenn wir Prophetien bekamen, prüften wir sie immer, indem wir auf Gott warteten und beteten, dass er sie bestätigte, falls diese Worte wirklich vom Heiligen Geist waren. Als wir wieder in England waren, erzählten wir Freunden davon, die mit uns beteten, dass Gott uns zeigen würde, wo diese Länder, die wir noch nie zuvor betreten hatten, sein könnten.

Wir waren für Gottes Führung offen. Unsere beiden Kinder, Mark und Sharon, waren inzwischen erwachsen und selbst berufstätig. In einer dreitägigen Gebetszeit, in der Edna und ich getrennt Gott um seine Führung baten, zeigte Gott uns beiden dieselbe Bibelstelle aus Jesaja, Kapitel 45,1-3:

Dies sagt der Herr zu Kyrus, seinem Gesalbten, dessen rechte Hand er ergriffen hat, um durch ihn Völker zu unterwerfen und Könige zu entwaffnen und ihm Tür und Tor zu öffnen. Keine Pforte soll ihm verschlossen bleiben. »Ich will vor dir hergehen und einebnen, was sich dir in den Weg stellt. Ich werde Bronzetore zerschmettern und Eisenriegel zerbrechen. Und ich gebe dir Schätze, die im Dunkeln verborgen sind – geheime Reichtümer. Das alles tue ich, damit du weißt, dass ich der Herr bin, der Gott Israels, der dich bei deinem Namen ruft.«

Die Worte, die uns am meisten ansprachen, waren: »Tür und Tor zu öffnen«, »keine Pforte soll verschlossen bleiben« und besonders: »Und ich gebe dir Schätze, die im Dunkeln verborgen sind – geheime Reichtümer.« Wir fragten uns, ob mit den unbekannten Ländern vielleicht China in Fernost oder Pakistan in Südasien oder ein anderes weit entferntes und unerreichtes Gebiet gemeint sein könnte.

Drei Wochen später besuchte ich Nordirland und wurde eingeladen, am Sonntagmorgen in einem kleinen Missionssaal zu sprechen. Nur ungefähr ein Dutzend Menschen waren da, aber als ich zu sprechen begann, kamen zwei Fremde herein. Die regelmäßigen Besucher waren davon bestimmt begeistert. Am Ende meiner Predigt stand einer der Gäste auf und bat, ein paar Worte sagen zu dürfen. Er erzählte den Anwesenden aus seinem Leben. Drei Jahre zuvor wollte er Selbstmord begehen. Doch dann traf er einen Mann, der ihm eine Kassette gab und sagte, dass er diese unbedingt anhören müsse.

»Ich nahm die Kassette und habe sie mir tatsächlich angehört. Es war Ihr Zeugnis«, erzählte der Mann und wandte sich direkt an mich. »Danach habe ich zu Gott gesagt: Wenn du im Leben dieses Mannes so wirken kannst, kannst du auch in meinem Leben wirken.« Dann fügte der Mann zu meinem absoluten Erstaunen diese Worte hinzu: »Der Herr hat mir vor drei Jahren gesagt, dass ich Ihnen eine Nachricht überbringen soll, wenn ich Sie treffe. Als ich gehört habe, dass Sie heute hier sind, bin ich gekommen, obwohl ich drei Landkreise entfernt wohne. Gottes Nachricht an Sie lautet:

Du wirst in Länder gehen, die du noch nie zuvor betreten hast; du wirst den Menschen mein Wort in ihrer Muttersprache bringen. Du wirst Widerstand und Drohungen erleben. Du wirst vor Herrschern und Fürsten stehen und von mir sprechen und mein Wort verkünden.«

Ich war sprachlos. Das war wortwörtlich dieselbe Prophetie, die wir in Singapur, über zehntausend Kilometer entfernt, gehört hatten! Wie konnten wir da noch irgendwelche Zweifel daran haben, dass diese Botschaft von Gott kam?

Ein wenig später bekamen wir auf einem Umweg über Zypern einen Brief aus dem Libanon, in dem Edna und ich eingeladen wurden, in einem Werk mitzuarbeiten, das unter der Leitung der Libanesischen Bibelgesellschaft Bibeln verteilte. Unser Stützpunkt sollte in Zypern sein, wo die Gesellschaft ein großes Büro und Bibellager hatte. Die Aufgabenbeschreibung war sehr konkret. Wir sollten »die Heilige Schrift in arabischer Sprache und anderen Sprachen am Arabischen Golf verteilen« – in Ländern, in denen wir noch nie gewesen waren, genau wie es die Prophetie sagte. Mit dem Segen unserer Heimatgemeinde in Reading zogen wir daher nach Zypern und bereiteten uns darauf vor, diese Herausforderung anzunehmen.

Jetzt würde ich bald in einem der Länder ankommen, in denen es am schwersten ist, das Wort des Lebens zu verbreiten. Im Terminal kam ich problemlos durch die Passkontrolle. Auf dem Weg zu den Gepäckbändern schnappte ich mir zwei Gepäckwagen. Dann kamen meine Kartons an. Auf jedem klebte ein leuchtender Aufkleber, auf dem auf Arabisch stand: »SOFORT KONTROLLIEREN!« Das erregte die Aufmerksamkeit eines Engländers, der neben mir wartete.

»Hallo«, sagte er in einem breiten Yorkshire-Akzent. »Warum sollen diese Kartons geöffnet und kontrolliert werden? Was haben Sie denn da drin?«

»Bibeln«, antwortete ich in aller Seelenruhe. Mein Mitreisender war unübersehbar schockiert.

»Bibeln! Meine Güte! Das ist ja noch schlimmer als Whisky! Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber kommen Sie nicht in meine Nähe, wenn Sie durch die Zollkontrolle gehen.«

Als sein Koffer auf dem Fließband auftauchte, nahm der Engländer ihn und suchte eilig das Weite.

An der Zollkontrolle hielten mich zwei Beamte mit meinen Gepäckwagen auf und wollten wissen, was ich in den Kartons hätte. Sie verlangten, dass ich alle aufmache. Ich öffnete den ersten Karton, nahm ein Exemplar der arabischen Bibel heraus und hob sie ehrfurchtsvoll an meine Lippen.

»Die heilige Tora, der Zabur und das Indschil«, erklärte ich ihnen.

Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, und das Gesicht des einen Mannes nahm eine hässliche Röte an.

»Wir haben hier keine Kirchen!«, knurrte er. »Es gibt hier keine Christen. Sie bekommen große Probleme!«

Inzwischen zog unser Wortwechsel ein großes Interesse vonseiten der anderen Reisenden auf sich.

»Sie haben hier keine Kirchen«, gab ich ihm freundlich recht, »aber es gibt viele Christen. Ich komme mit ihren heiligen Büchern.«

Die Stimme des Beamten wurde um einige Dezibel lauter, als er drohte, dass er den Flughafendirektor und die Polizei holen werde. Er stürmte davon, während sein Kollege in der Bibel blätterte, die er von mir genommen hatte, und eine Stelle im Neuen Testament las.

»Das ist auf Arabisch!«, staunte er. »Isa (Jesus) spricht hier. Ist das wirklich das wahre Indschil?«, wollte er wissen.

Als ich ihm das bestätigte, erkundigte er sich, wo ich in der Stadt wohnen würde. Ich merkte sofort, dass dieser Mann ein Exemplar der Bibel wollte, es aber nicht wagte, an einem so öffentlichen Ort eines zu nehmen. Ich nannte ihm den Namen des Hotels, in dem ich für eine Nacht bleiben würde, bevor ich an einen anderen Ort umzog.

»Gehen Sie! Schnell! Gehen Sie durch!«, wies er mich an. Ich flitzte durch den Zollbereich, ohne mich umzudrehen, und schob und zog meine zwei schwer beladenen Gepäckwagen zum Ausgang. Die Kontaktpersonen, mit denen ich vorher alles vereinbart hatte, erwarteten mich draußen und begleiteten mich zu meiner Unterkunft.

An diesem Abend kam der Zollbeamte zum Hotel und wollte mich sprechen. Er bekam sein Indschil, genauso wie viele andere in dieser Stadt.

In den nächsten zwei Wochen ging ich mit zwei durchsichtigen Tragetaschen, die mit Bibeln gefüllt waren, sodass jeder sie sehen konnte, durch die Straßen. Dieselbe Strategie würde auch ich in den nächsten fünfzehn Jahren anwenden. Ich legte Bibeln auf den Tisch, wenn ich mich setzte. In Taxis nahm ich eine Bibel in die Hand und las darin. Ich betrat auch oft Vier- oder Fünfsternehotels mit Cafés im Erdgeschoss. An solchen Orten findet man immer einheimische Männer, die entspannt mit ihren Freunden Kaffee trinken, manchmal den ganzen Tag lang, während ihre Frauen arbeiten. Ich verlangsamte absichtlich meine Schritte, wenn ich an den Tischen vorbeiging. Irgendjemand sprach mich immer an.

»Sind Sie Amerikaner?«

»Salaam Alaikum (Friede sei mit euch), meine Herren! Ich bin Brite«, antwortete ich. Jedes Mal wurde ich eingeladen, mich zu ihnen zu setzen, denn Araber sind sehr gastfreundlich.

»Warum sind Sie hier?«, wurde ich dann gefragt, während ich mit ihnen Kaffee trank. »Für wen arbeiten Sie?«

»Ich arbeite für einen König.«

»Aber Sie sind Brite. Sie haben doch eine Königin, Königin Elisabeth.«

»König Isa ist der König aller Könige und aller Königinnen der Erde«, erwiderte ich lächelnd und erklärte, dass ich hier sei, um den Menschen Exemplare seines heiligen Wortes zu bringen.

Ich mag eigentlich keinen arabischen Kaffee, aber ich glaube, ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich diesen Weg ging, keine einzige Tasse selbst bezahlt. In einem Land nahm mich ein Mann beiseite und sagte, dass er unter vier Augen mit mir sprechen müsse. Also gingen wir auf die Herrentoilette. Er schaute mich mit Tränen in den Augen an.

»Ich warte seit vielen Jahren darauf, ein Exemplar des Indschil zu bekommen.« Er zog Geldscheine aus der Tasche. »Hier sind tausend Dollar. Nehmen Sie sie.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Sie haben so lange auf dieses kostbare Buch gewartet, mein Freund. Ich kann dafür keinen einzigen Dollar nehmen. Es ist ein Geschenk von Gott.«

Wie ich im Dienst für den Geheimdienst Seiner Majestät noch lernen sollte, wirkt Gott überall und zieht Menschen auf erstaunlich vielfältigen Wegen zu sich. Viele Araber hören seit Jahren christliche Rundfunksendungen und sehnen sich nach einem eigenen Exemplar dieses wertvollen Buches. Es gibt keine christlichen Buchläden. Woher sollen sie also eines bekommen?

Einige Leser haben vielleicht von Tell-a-Tourist (Sag es einem Touristen), einem Dienst der Londoner Stadtmission, gehört. Jedes Jahr verkünden Ehrenamtliche Tausenden Besuchern Londons durch Literaturverteilung, Open-Air-Predigten, Sketchboard-Vorträge und persönliche Evangelisation die gute Nachricht von Jesus. Ein beliebter Touristenort ist der St. James’ Park.

Einmal setzten sich zwei Mitarbeiter neben einen Muslim auf eine Parkbank und fragten, ob sie ihm etwas über Jesus erzählen dürften. Der Araber hörte aufmerksam zu, nahm ein Büchlein mit einem der Evangelien und verließ bald darauf England, um in seine Heimat zurückzukehren. Später erfuhren wir, dass dieser Muslim das kleine Büchlein, das er geschenkt bekommen hatte, noch im Flugzeug las. Er war wohl ziemlich aufgewühlt, denn eine Stewardess fragte ihn, ob mit ihm alles in Ordnung sei.

»Ja!«, versicherte er ihr und strahlte sie mit Tränen in den Augen an. »Ich sehe die Dinge zum ersten Mal so, wie sie wirklich sind.«

Der Mann las das Evangelium während dieses Fluges zweimal durch und wollte unbedingt Gottes Heilsplan verstehen. Sobald er zu Hause war, schrieb er an die Tell-a-Tourist-Adresse, die in dem Evangelium abgedruckt war, und fragte nach jemandem, mit dem er sprechen könne.

Kurze Zeit später bekamen Edna und ich einen überraschenden Brief aus London. Wir kannten niemanden bei Tell-a-Tourist und hatten keine Ahnung, woher man dort unsere Namen wusste. Aber da ich die Telefonnummer des Arabers bekommen hatte, der Kontakt suchte, beschloss ich, ihn bei meiner nächsten Reise anzurufen.

»Wir haben gemeinsame Freunde in London«, sagte ich dem Mann am Telefon, nachdem ich mich kurz vorgestellt hatte.

»Oh!«, rief er begeistert aus. »Sie müssen mein Bruder in Christus sein! Sie müssen in mein Büro kommen!«

Ich fand die Adresse in der Stadt und betrat das Gebäude. Mehrere Araber saßen in der Lobby, als mich mein neu gefundener Freund erblickte und sofort rief: »Sie müssen mein Bruder Tom sein!«

Er führte mich in ein luxuriöses Büro. Sobald wir allein waren, holte ich die arabische Bibel aus meiner Tasche, die ich mitgebracht hatte. Mit Tränen in den Augen nahm er sie an. Dann ging er auf dem Teppich auf die Knie und dankte Gott.

»Zeigen Sie mir, wo wir mit dem Bibellesen beginnen!«, drängte er mich und stand auf.

Ich schlug das fünfte Kapitel des Römerbriefes auf:

Da wir nun durch den Glauben von Gott für gerecht erklärt worden sind, haben wir Frieden mit Gott durch das, was Jesus, unser Herr, für uns tat. Christus hat uns durch den Glauben ein Leben aus Gottes Gnade geschenkt, in der wir uns befinden, und wir sehen voller Freude der Herrlichkeit Gottes entgegen (Römer 5,1-2).

Der Mann staunte; für ihn war das alles eine richtige Offenbarung. Schließlich kamen wir im achten Kapitel an:

Also gibt es jetzt für die, die zu Christus Jesus gehören, keine Verurteilung mehr. Denn die Macht des Geistes, der Leben gibt, hat dich durch Christus Jesus von der Macht der Sünde befreit, die zum Tod führt. Das Gesetz konnte uns nicht retten, weil unsere menschliche Natur ihm widerstand. Deshalb sandte Gott seinen Sohn zu uns. Er kam in menschlicher Gestalt wie wir, aber ohne Sünde. Gott zerstörte die Herrschaft der Sünde über uns, indem er seinen Sohn stellvertretend für unsere Schuld verurteilte (Römer 8,1-3).

Mein neuer Freund fiel erneut auf die Knie und betete. »Du bist mein Abba Vater!«, rief er und sprach vor Gott seinen Dank und seine Freude aus, weil der Herr seinen Geist frei gemacht hatte. Er bat mich, ihm noch eine Bibel für einen Minister, den er kannte, zu bringen. Da ich einige zusätzliche Bibeln bei mir hatte, reichte ich sie ihm. Später gab Alexander – diesen christlichen Namen hat dieser Mann neben seinem arabischen Namen angenommen – dem Minister tatsächlich eine Bibel, und dieser sagte, dass er mich gern treffen würde.

Ich hatte eine herrliche Gemeinschaft mit Alexander und bekam mehrere Briefe von ihm. In seinem letzten Brief schrieb er: »Ich muss das, was ich für Sie tun kann, jetzt tun, denn ich weiß, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt.« Dann hörte ich nichts mehr von ihm. Als ich ihn bei meinem nächsten Besuch in seinem Land aufsuchen wollte, sagte man mir nur, dass er und seine Familie »nicht mehr da« seien. Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gesehen oder gehört.

Im Rückblick auf die ganzen Jahre, die ich als Gottes Kurier in der muslimischen Welt unterwegs war, kann ich beteuern, dass ich für meine Bibellieferungen nie auch nur einen einzigen Dollar wegen Überschreitung des zulässigen Höchstgewichts an eine Fluglinie zahlen musste. Bei den Mitarbeitern der Airline auf dem internationalen Flughafen in Larnaka, Zypern, war ich als »der Bibelmann« bekannt. Kein einziges Exemplar von Gottes Wort wurde am Zielort auf Dauer beschlagnahmt. Der Herr hat seinen Teil der Abmachung treu eingehalten und uns in Ländern, die wir nie zuvor betreten hatten, den Weg bereitet.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

2

EIN SCHWERER START IN READING

Im selben historischen Jahr 1936, in dem der englische König auf seinen Thron verzichtete, brachte eine Frau auf einer Matratze auf dem Dachboden eines heruntergekommenen Hauses in Reading ihren fünften Sohn zur Welt. Ich war ein ungewolltes Kind, ein weiterer Mund, der in unserer hungrigen Familie gefüttert werden musste. Mein Vater hatte bereits eine Familie, als er meine Mutter verführte, und so trugen meine drei älteren Brüder und ich (der erste Sohn war mit elf Monaten gestorben) alle den Stempel, uneheliche Kinder, Bastarde, zu sein. Die anderen Jungen in der Schule sorgten dafür, dass ich das nie vergaß. Einmal fragte ich meine Mutter, warum die anderen sagten, sie wäre eine Hure. Aus irgendeinem Grund war meine Geburt nicht einmal standesamtlich eingetragen. Das wurde erst nachgeholt, als ich schon zwölf war.

Unser Vater war Auktionator, aber der größte Teil seiner Einnahmen floss in Alkohol. Unsere Kindheit war alles andere als leicht und unbeschwert. Oft mussten wir als Kinder im Morgengrauen aufstehen und auf den nahe gelegenen Feldern Pilze sammeln. Wenn die Körbe voll waren, ging unser Vater damit auf den Markt, verkaufte sie und kaufte sich dafür Alkohol, während wir zur Schule liefen und rohe Pilze zum Frühstück aßen.

Ich erinnere mich, dass meine Brüder und ich in den Schulferien für sechs oder neun Pennys am Tag eine große Schubkarre ausliehen und dorthin gingen, wo die »reichen Leute« wohnten. Ihre großen Häuser und schön gestalteten Gärten waren nur einen oder zwei Kilometer entfernt, aber sie waren eine völlig andere Welt als die feuchten, überfüllten Zimmer mit dem gepflasterten Hinterhof, in denen wir zur Miete wohnten. Wir bemühten uns, uns von unserer besten Seite zu zeigen, gingen von Tür zu Tür und fragten die Bewohner höflich, ob sie alte Lumpen, Kleider, Hasenfelle, Metallteile oder Marmeladengläser hätten, die sie entsorgen wollten.

Manchmal wurden wir gefragt, für wen wir sammelten. Dann erzählten meine Brüder immer, dass wir im Auftrag der Pfadfinder kämen. Natürlich waren wir in Wirklichkeit in eigener Sache unterwegs. Wenn wir unsere Schubkarre nach Hause schoben, durchsuchte unsere Mutter den Inhalt und stieß einen Freudenschrei aus, wenn sie ein Kleidungsstück fand, das sie für uns flicken konnte; besonders in den Wintermonaten war das gut. Gelegentlich fand sie auch Damenunterwäsche oder ein Kleid, das sie ändern und selbst tragen konnte. Während meiner Kindheit und Jugend hat sie nie etwas Neues getragen und wir auch nicht. Den Rest unserer Beute brachten wir zum Schrotthändler. Dort bekamen wir für vier Marmeladengläser einen Penny und für ein Kaninchenfell drei bis sechs Pennys, je nach der Qualität des Fells. Wir verdienten auch ein wenig Geld mit Lumpen und Metallteilen; für alte Wollkleidung bekamen wir am meisten.

Sechs Jahre lang sparten wir uns die Mühe, an Weihnachten einen Strumpf aufzuhängen; es gab sowieso keine Äpfel oder Orangen, auf die wir uns hätten freuen können. Mein siebtes Lebensjahr war ein wenig besser, weil mein Vater durch Diebstähle etwas Geld hatte. Meine Mutter besserte das Familieneinkommen auf, indem sie für sechs Pennys pro Fuhre die Wäsche der Nachbarn wusch. Alles musste von Hand in einem Zuber gewaschen und geschrubbt werden. Das war schwere Knochenarbeit. Sie bügelte nicht viel, da es lange dauerte, das altmodische Bügeleisen auf einem heißen Ofen aufzuheizen. Normalerweise schaffte sie zwei bis drei Fuhren am Tag.

Unsere Mutter hatte kein leichtes Leben. Manchmal kam unser Vater betrunken nach Hause und verlangte Geld von ihr. Sie sagte ihm, dass sie an diesem Tag keine Wäsche gewaschen habe, und dann fragte er uns aus, um herauszufinden, ob sie die Wahrheit sagte. Natürlich bestätigten wir die Worte unserer Mutter immer. Wir wussten, dass sie ihre sechs Pennymünzen irgendwo versteckt hatte, wo er sie nicht finden konnte. Unser Vater schlug sie dann trotzdem brutal, beschimpfte sie als Lügnerin und Schlimmeres. Wenn er zu viel Bier getrunken hatte, wurde er aggressiv und gemein. Manchmal nahm er das Essen, das sie ihm mühevoll zubereitet und auf dem Ofen warmgehalten hatte, und schleuderte es gegen die Wand. Aber wenn er Schnaps getrunken hatte, wurde er richtig brutal.

Mein ältester Bruder, Brian, war mein Held, denn er verteidigte meine Mutter, so oft er konnte, und schirmte sie vor Schlägen ab, die er dann selbst einsteckte. Er ging oft mit aufgeplatzter Lippe, einem geschwollenen Gesicht oder einem blauen Auge zur Schule. Obwohl seine Lehrer vielleicht Mitgefühl hatten, griffen sie nie ein und fragten kein einziges Mal, was zu Hause passiert sei. Heutzutage würde mein Vater in einem Streifenwagen abgeholt und Brian ins Krankenhaus gebracht werden.

Mein zweitältester Bruder, Ron, bekam auch Schläge, aber mein dritter Bruder, Ray, kam stets ungeschoren davon. Aus irgendeinem Grund war er Papas Lieblingskind. Wenn meiner Mutter Gefahr drohte, verschwand er einfach. Was mich betraf, kam die Zeit, in der ich ebenfalls lernte, mich gegen meinen Vater zu wehren. Das tat ich selbst dann noch, als ich mir mit neun Jahren Tuberkulose zuzog und zwei Jahre lang immer wieder im Krankenhaus war. Später bereute ich, was ich ihm angetan hatte. Obwohl mir Gott vergeben hat, vergab mir mein Vater erst viele Jahre später, als er selbst wiedergeboren wurde.

Während unserer gesamten Kindheit und Jugend kannten wir nur Kleidung und Schuhe, die vorher schon jemand anderem gehört hatten. Unterwäsche war ein Luxus, auf den wir verzichteten, es sei denn, unsere Mutter fand zufällig etwas unter den Lumpen, die wir sammelten. Unsere alten Schuhe stellten jedoch das größte Problem dar. Wenn sie Löcher hatten, konnte es sich unsere Mutter nicht leisten, sie zum Schuster zu bringen. Deshalb sammelte sie jeden Tag Pappkartons aus den Geschäften und schnitt Sohlen aus, die sie in unsere Schuhe legte. Sie gab uns auch ein Ersatzpaar mit, das wir oben in unserer Hose versteckten und mit einem Band befestigten. Wenn es regnete und unsere Füße nass wurden, ersetzten wir die Pappsohlen durch das Ersatzpaar. Wenn andere Kinder uns dabei sahen, verspotteten sie uns natürlich und es gab die eine oder andere Schlägerei.

Unsere Hauptnahrung bestand aus Kartoffeln, Kohl, Karotten, Kutteln, Schweinefüßen und Innereien. Einmal in der Woche gab es Pferdefleisch, oft aßen wir Kaninchen und Hammelknochen. Nur unser Vater bekam besseres Fleisch, und wehe allen anderen, wenn er das nicht bekam! Wir aßen auch viel Brot mit Bratenfett. Mutter kaufte Tierfett vom Metzger, zerließ es in einer Pfanne über dem Feuer und füllte es ab. Wenn es wieder fest geworden war, strichen wir es aufs Brot. Bis heute liebe ich Brot mit Fett, einer Prise Salz und Senf! Jeden Abend vor dem Schlafengehen aßen wir eine rohe Zwiebel. Mutter schnitt außerdem eine Zwiebel auf und legte sie in unserem Zimmer auf einen Teller, denn damals glaubte man, Zwiebeln würden Bakterien anziehen und damit eine gesündere Umgebung schaffen.

Mutter gab ihr Bestes. Jeden Samstagabend bestand sie darauf, die Zinkwanne aus dem Hof zu holen, damit wir badeten. Die Wanne wurde mit Wasser gefüllt, das Mutter auf unserem alten Ofen erhitzte. Meine drei Brüder saßen alle vor mir darin. Wie Sie sich vorstellen können, war das Wasser alles andere als heiß oder sauber, bis ich an die Reihe kam!

Einige Jahre lang schliefen wir vier Jungen zusammen auf einer Matratze auf dem Dachboden. Wir lagen abwechselnd mit dem Kopf und den Füßen eng nebeneinander und hatten unseren Spaß dabei, uns an den Zehen und Füßen zu kitzeln. Durch diese Nähe hatten wir vier eine enge Beziehung.

Als wir eines Morgens unser Brot mit Marmelade oder unsere Haferflocken aßen, bevor wir zur Schule gingen, kam Brian die alte Treppe herab. Er sah kreidebleich aus, wie ein Gespenst, und sagte unserer Mutter, dass er sich krank fühle. Er taumelte und konnte nichts essen. Unser Vater verpasste ihm eine Ohrfeige und forderte ihn mit unschönen Worten auf, zur Schule zu gehen, weil ihm nichts fehle, außer dass er faul sei.

Eigentlich ging es uns anderen auch nicht sonderlich gut. Wir hatten alle Halsschmerzen und eine laufende Nase. Wie üblich benutzten wir Lumpen als Taschentücher und warfen sie weg, wenn man sie nicht mehr gebrauchen konnte. Unsere Mutter flüsterte unserem ältesten Bruder zu, dass er so tun solle, als würde er zur Schule gehen, dann aber in die Straße einbiegen solle, die zur Praxis führte. Brian befolgte ihre Anweisungen. Die Praxis war voll mit Müttern und Kindern, aber die Arzthelferin warf nur einen kurzen Blick auf ihn, dann lief sie schnell los, um einen Arzt zu holen. Dieser rief sofort einen Krankenwagen. Brian war gefährlich an Diphtherie erkrankt. Die Praxis musste zwei Wochen geschlossen und desinfiziert werden, und jeder, der an jenem Tag da gewesen war, bekam eine Schutzimpfung. Dieser Vorfall machte in der lokalen Zeitung große Schlagzeilen.

Inzwischen kamen andere Krankenwagen mit Krankenschwestern, um nach dem Rest unserer Familie zu schauen. Bei uns drei Jungen wurde ebenfalls Diphtherie diagnostiziert. Unsere Eltern hatten sich nicht mit der Krankheit angesteckt, aber bei unserer Mutter wurde festgestellt, dass ihre Gallenblase dringend entfernt werden musste. Obwohl sie schon länger krank war, hatte sie ihre Probleme immer so gut wie möglich vor uns verheimlicht.

Wir Brüder kamen auf eine Isolierstation. Wir hatten ein eigenes Zimmer, aber jeder kam in eine andere Ecke. Dann wurden wir im Bett festgeschnallt, nachdem wir auf die rechte Seite gelegt worden waren, damit unser Herz entlastet wurde. Wir wurden sogar gefüttert und bekamen jeden Morgen und Abend eine Spritze und einen Einlauf, was uns überhaupt nicht gefiel.