Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen - Sissi Kaipurgay - E-Book

Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen E-Book

Sissi Kaipurgay

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2,99 €

Beschreibung

Diesmal geht's nach Beirut, einer Metropole, in der das Leben nach langen Jahren des Bürgerkriegs pulsiert. Spuren sind noch zu sehen. Später verlassen wir diesen Schauplatz, um in heimische Gefilde zurückzukehren. Achtung! Mann mit Mann. Der übliche Warnhinweis: Enthält Spuren von Zucker und Bettsport Jamal verdingt sich in Beirut als Prostituierter. In dem krisengeschüttelten Land sieht er keine Zukunft, genauso wenig wie in Syrien, seiner Heimat. Er klammert sich an die Hoffnung, irgendwann nach Europa auswandern zu können. Dann taucht Max auf und das Ziel scheint in erreichbare Nähe zu rücken. ~ * ~  Gay Romance, ca. 20.000 Worte

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 94




Sissi Kaipurgay

Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen

 

 

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

 

Text: Sissi Kaiserlos

 

Foto von Pixabay – Design Caro Sodar. Danke, liebe Caro.

 

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/

 

Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen

 

Jamal verdingt sich in Beirut als Prostituierter. In dem krisengeschüttelten Land sieht er keine Zukunft, genauso wenig wie in Syrien, seiner Heimat. Er klammert sich an die Hoffnung, irgendwann nach Europa auswandern zu können. Dann taucht Max auf und das Ziel scheint in erreichbare Nähe zu rücken. Dennoch: Er ist keinesfalls schwul! Bestenfalls bi oder was auch immer.

~ * ~

 

1.

Jamal lehnte an einem der breiten Betonpfeiler, die den oberen Teil des Gebäudes stützten. Das hohe Bauwerk, dessen Erdgeschoss lediglich aus einem Eingangsbereich bestand, verbreiterte sich ab dem ersten Stock auf viele Quadratmeter. Ein exklusiver Club, sowie einige Bars und ein Hotel befanden sich darin. Hier trieben sich die herum, die das besondere Vergnügen suchten. Touristen und begüterte Einheimische gehörten zu dieser Klientel, doch Jamal war keiner von ihnen. Er war lediglich aufs schnelle Geld aus.

Als er vor fünf Jahren aus Syrien nach Beirut geflohen war, hatte er erst nach Arbeit als Schuster gesucht. Zufällig stieß er dabei auf einen Mann, der ihm viel Geld für eine Nacht bot. Seitdem verdiente er auf diese Weise seinen Lebensunterhalt. Schwul war er nicht, jedenfalls nach seinem Empfinden. Es machte ihm eben einfach nichts aus, seinen Körper an Männer zu verkaufen.

Die Hitze, die tagsüber geherrscht hatte, war inzwischen angenehmen 25 Grad gewichen. Während sich Jamal einen Zigarillo anzündete, beobachtete er das Treiben umher. Touristengruppen in bunter Kleidung, einige Paare und auffällig viele einzelne Männer in Abendgarderobe schlenderten an ihm vorbei. Die meisten der letztgenannten verschwanden in dem Gebäude. Ab und zu streifte ihn ein interessierter Blick, aber er wich diesen aus.

Jamal war von Mutter Natur reich beschenkt worden und konnte sich seine Freier daher aussuchen. Er achtete darauf stets gepflegt zu sein, um eher den Eindruck eines Geschäftsmannes, denn eines Strichers zu machen. Einziges Zugeständnis war die fehlende Krawatte und sein etwas zu weit offenstehendes Hemd.

Nach einem letzten Zug warf er die Kippe auf den Boden, trat sie aus und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Mittlerweile war es neun geworden und Max immer noch nicht aufgetaucht. Der Deutsche war seit drei Monaten sein Stammfreier. Normalerweise kam er gegen acht, allerdings nicht jeden Tag. Max hatte ihm erzählt, dass er ein Projekt betreute und häufig länger arbeiten musste. Jamal ließ den Blick umherschweifen in der Hoffnung, irgendwo seinen Kunden zu entdecken. Er besaß zwar im Moment genug Geld, um sein schäbiges Zimmer zu bezahlen, sparte aber eifrig auf ein Schleuserticket.

Sein Ziel war, irgendwann nach Europa zu reisen und dort ein neues Leben zu beginnen. In Beirut hatte er keine Zukunftsperspektive und setzte sich jeden Tag der Gefahr aus, entweder im Knast zu landen oder von religiösen Fanatikern umgebracht zu werden. Man sah zwar großzügig über das Sündenbabel inmitten der Stadt hinweg, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das änderte.

Endlich entdeckte er Max‘ braunen Schopf und merkte, wie sich seine Mundwinkel hochbogen. Nicht, weil er sich etwas aus dem Mann machte, sondern wegen des zu erwartenden Geldsegens. Außerdem war Max ein angenehmer Gesprächspartner, forderte von ihm keine ekligen Sachen und lud ihn manchmal vor dem Sex sogar zum Essen ein.

„Hi Jamal“, grüßte Max außer Atem.

Wie immer trug er Jeans und ein kurzärmeliges Hemd in unauffälliger Farbe. Seine blauen Augen wirkten hinter der dicken Brille sehr groß in dem schmalen Gesicht. Besonders attraktiv war er nicht, aber auch nicht hässlich. Sein Körper war schlank, die braunen Haare kurz und brav gescheitelt. Max hatte ihm erzählt, dass er 32 war, Bauingenieurwesen studiert hatte und in Hamburg lebte. Auch sonst wusste Jamal so einiges über seinen Kunden, da sie in den vergangenen Monaten nicht nur gevögelt, sondern auch viel geredet hatten.

„Hallo Max.“

Sie redeten Englisch miteinander. Jamal hatte diese Sprache vom ersten Schuljahr an gelernt und das Glück, dass seine Eltern ihm über das übliche Maß hinaus eine solide Bildung finanzieren konnten. Sie waren leider vor zehn Jahren bei einem Selbstmordattentat ums Leben gekommen. Seitdem schlug er sich irgendwie durch und hatte schließlich Syrien verlassen, da ihn nichts mehr dort hielt.

„Gehen wir essen?“ Max lächelte ihn an.

„Gern. Was schwebt dir vor?“

„Egal. Entscheide du.“

Jamal nickte und schlug den Weg zu seinem Lieblingsrestaurant ein. In gebührendem Abstand gingen sie hintereinander, als würden sie zufällig in die gleiche Richtung laufen. Eine Vorsichtsmaßnahme, vielleicht übertrieben, aber es stand einfach zu viel auf dem Spiel, um nachlässig zu handeln.

„Morgen verlasse ich Beirut“, platzte Max heraus, als sie sich wenig später an einem Tisch gegenüber saßen.

Geschockt starrte Jamal seinen Kunden an. Sie hatten nie darüber geredet, wie lange Max‘ Aufenthalt dauern würde. Natürlich war ihm klar gewesen, dass dieser zeitlich begrenzt war, doch nun damit konfrontiert zu werden bereitete ihm Bauchschmerzen.

„Schon?“

„Mhm.“ Max nickte. „Das Projekt ist nahezu beendet. Meine Anwesenheit ist nicht länger nötig.“

Für einen Moment wusste Jamal nicht, was er sagen sollte. Er hatte zwar gelernt, von einem auf den anderen Tag zu leben, anstatt zu weit in die Zukunft zu planen, dennoch geriet seine Welt gerade aus den Fugen. Ihm wurde klar, dass er die letzten Monate in einer Traumblase verbracht hatte.

„Ich bin traurig“, gestand er leise.

„Ich auch.“ Max streckte die Hand über den Tisch, zog sie aber gleich wieder zurück und schaute sich rasch um, ob jemand etwas bemerkt hatte. „Könntest du dir vorstellen, in Deutschland zu leben?“

War das ein Angebot? Ein herannahender Kellner sorgte für eine kurze Gesprächspause, in der er für sie Getränke und Speisen bestellte. Nachdem der Mann wieder verschwunden war, beugte sich Jamal etwas vor und fragte: „Wie meinst du das?“

Max‘ Wangen färbten sich rosa. Den Blick gesenkt, erwiderte er: „Ich mag dich sehr gern. Würde mich sehr freuen, wenn aus uns mehr werden könnte.“

„Wie? Mehr?“

„Na ja, ein Paar.“

„So wie ein Ehepaar?“

Sein Gegenüber errötete noch tiefer und nickte.

„Ich kann doch keinen Mann heiraten.“ Jamal lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor seiner Brust und zog die Augenbrauen verärgert zusammen.

„In Deutschland geht das. Außerdem ist das die einzige Möglichkeit, für dich ein Bleiberecht zu erwirken.“

„Also ist das die Bedingung?“

Max zuckte die Achseln, den Blick weiterhin aufs Tischtuch gerichtet. Der Kellner brachte die bestellten Getränke, was Jamal Gelegenheit zum Nachdenken verschaffte. Wenn er erstmal in Deutschland war, konnte er einfach untertauchen. Wichtig war nur, dass er endlich hier wegkam, egal wie. Es war gemein, Max dafür zu benutzen, aber letztendlich tat dieser doch das Gleiche mit ihm, auch wenn er dafür bezahlte.

Jamal griff nach seinem Weinglas, prostete Max zu und murmelte: „Wie viel Bedenkzeit hab ich?“

Sein Gegenüber schaute auf, bemerkte die Geste und erwiderte sie. „So lange du willst. Ich lass dir ein Prepaid Handy hier, mit dem du mich jederzeit anrufen kannst.“

Bislang hatte er Max nur als Kunden betrachtet. Ihn als seinen zukünftigen Gatten zu sehen, ließ ihn in einem ganz anderen Licht erscheinen. Jamal versuchte sich vorzustellen wie es wäre, neben Max zu schlafen, morgens zusammen aufzustehen und den ganzen Tag miteinander zu verbringen. So recht wollte ihm das nicht gelingen. Es war einfach zu abstrakt. Er hatte noch nie mit einem Menschen zusammengelebt, mal abgesehen von den Leuten, mit denen er sich Küche und Bad teilen musste und natürlich seinen Eltern.

„Würden wir zusammen in einem Zimmer wohnen?“

„Ich besitze ein Reihenhaus. Dort könntest du dir einen eigenen Raum einrichten.“

Das klang nicht übel. Jamal war allerdings nicht naiv und wusste, dass eine Ehe auch Verpflichtungen bedeutete. Schließlich hatte er das bei seinen Eltern nachts, wenn sie beim Sex zu laut waren, mitbekommen. Würde er das hinkriegen? Seinen Körper für ein neues Leben verkaufen? Hieß das nicht, vom Regen in die Traufe zu gelangen?

Max nahm seine Brille ab und putzte sie umständlich mit einer Serviette. Es wunderte Jamal immer wieder, wie unsicher dieser sonst so taffe Mann wirkte, wenn er das Gestell nicht trug. Irgendwie verlieh ihm die Sehhilfe ein bisschen Distinguiertheit. Ohne machte er einen verletzlichen und nahezu niedlichen – wobei dieses Wort zu einem studierten Ingenieur nicht recht passen wollte - Eindruck.

Sein Gegenüber schob sich die Brille wieder auf die Nase. Schweigend sahen sie sich an, wobei ihm auffiel, dass in Max‘ Blick tiefe Zuneigung aufblitzte. Natürlich musste Max echte Gefühle für ihn hegen, sonst würde er wohl kaum ein derartiges Angebot unterbreiten. Durfte er das wirklich ausnutzen? Auf der anderen Seite war Max die einzige Chance, schon bald aus diesem Land rauszukommen. Scheiß auf sein schlechtes Gewissen. Er nahm sich vor, Max nachher besonders aufmerksam zu verwöhnen. Vielleicht würde er ihn sogar küssen. Das tat er sonst nie, aber der Zweck heiligte jedes Mittel. Schließlich war Max sein Rettungsanker.

Während des Essens schilderte Max das Leben in Deutschland in leuchtenden Farben. Es war ihm klar anzumerken, dass er seine Heimat liebte. Voller Begeisterung erzählte er von den Freiheiten und Möglichkeiten, die man als Bürger dort genoss. Im Vergleich zum Libanon kam das nach Jamals Gefühl einer Anarchie gleich. Er verstand nicht recht, wieso es, Max‘ Bericht zufolge, in diesem Land unzufriedene Menschen gab. Immerhin hatten alle ein Auskommen, egal ob sie arbeiteten oder nicht.

Für ihn hörte sich das alles jedenfalls sehr gut an und der Wunsch, möglichst sofort seine Zelte abzubrechen und Max zu folgen, wuchs sekündlich. Dafür würde er noch mehr tun, als küssen oder seinen Arsch verkaufen. Im Verhältnis zu dem, was sich ihm als Zukunft eröffnete, erschien dieses Opfer gering.

„Ich würde gern mit dir kommen“, gab er seinen Beschluss leise bekannt.

Max begann zu strahlen. „Das freut mich. Gleich nach meiner Rückkehr werde ich mich um die entsprechenden Papiere kümmern. Du müsstest hier einige Dokumente besorgen. Welche das sind, weiß ich noch nicht.“

Da konnte Jamal nur hoffen, dass seine Geburtsurkunde und das Stammbuch seiner Eltern genügten. Die libanesischen Behörden waren dafür bekannt, nur mit ausreichend Schmiergeldern in angemessener Zeit irgendwelche Papiere auszustellen. Wobei angemessen ein dehnbarer Begriff war.

Nachdem Max gezahlt hatte, verließen sie das Lokal. Wieder gingen sie in gebührendem Abstand hintereinander die Straße entlang. In stillschweigendem Einvernehmen steuerte Max das Hotel an, in dem sie das letzte Schäferstündchen zugebracht hatten. Während der letzten Wochen mussten sie mehrfach wechseln, um keinen Verdacht zu erwecken. Selbst der verschlafenste Rezeptionist roch irgendwann den Braten.

Wie üblich wartete Jamal draußen, während Max hinein ging und eincheckte. Bei dem Hotel handelte es sich um eine heruntergekommene Bruchbude, aber wenigstens war sie einigermaßen sauber. Als wäre er ein Gast, der von einem Ausflug zurückkam, durchmaß Jamal rasch den düsteren Empfangsbereich und huschte ins Treppenhaus. Aufzügen traute er nicht, schon gar nicht in derartig schlecht instandgehaltenen Gebäuden. Max tauchte mit einem Schlüssel in der Hand auf.

„Dritter Stock“, murrte er griesgrämig.