Beschreibung

Nach der Zerstörung des Energieversorgungssystems von Mahala kämpft die Stadt mit einer Krise. Aufstände entflammen, Magier werden ermordet und die Stadt spaltet sich in zwei verfeindete Lager. Gleichzeitig wächst die Bedrohung von außen stetig. Rojan bleibt keine andere Wahl, als sich erneut in die Geschicke der Mächtigen einzumischen, denn als Schmerzmagier und Bruder des neuen Erzdiakons kann nur er die Stadt vor der endgültigen Zerstörung bewahren. In einem Wettlauf gegen die Zeit begibt er sich auf die Spur des Mörders und muss sich erneut seiner schlimmsten Angst stellen: für das Schicksal anderer verantwortlich zu sein.

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Bibliografische Information derDeutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.deabrufbar.Titel der englischen Originalausgabe: »Before the Fall« Copyright ©2013 by Francis Knight First published in Great Britain in 2013 by Orbit, an imprint of Little, Brown Book GroupCopyright der deutschen Ausgabe ©2015 by Papierverzierer Verlag, Essen Übersetzung: Melanie Vogltanz Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag Covergestaltung: Stefanie Messing Coverbild: Tony Andreas Rudolph Autorenfoto: Kevin Fitzpatrick Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

Für Aran – die Antwort lautet ein Meter vierzig, außer bei Rüben. Eine wahre Geschichte.

Inhaltsverzeichnis
Vor dem Fall
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Francis Knight
Danksagungen
Weg ins Nichts

Kapitel 1

Keine-Hoffnung– der Name sagt bereits alles. Dieser Teil der Stadt, der so sehr in die Tiefe ragte, dass er fast in die noch üblere Gegend vonBegrenzunghineinreichte, gehörte zu den versifftesten Jauchegruben Mahalas. Der Geruch aus Hoffnungslosigkeit, Angst und dem Schweiß von zu vielen Menschen schien sich in die feuchten Mauern der Gebäude gefressen zu haben, die jeden verfügbaren Zentimeter besetzten.

Ich überquerte einen Brückenweg, der nur lose mit der Kupplung an den vor sich hinfaulenden Kästen verbunden war, die sie dort unten Häuser nannten, und versuchte, nicht daran zu denken, wie weit die Lücke unter mir in die Tiefe reichte. Um meinen Geist vom Gedanken an das Fallen abzulenken, schimpfte ich innerlich auf Dendal. Sein verdammter, dämlicher Einfall war der Grund, dass ich nun hier war, irgendwo am Arsch der Stadt, und versuchte, jemanden aufzuspüren, von dem ich nicht einmal sicher war, dass er existierte, hier inmitten eines Labyrinths aus synthzerfressenen Häusern und verrottenden Wegen, die ganz so aussahen, als würden sie sich jeden Moment gegen mich wenden und mich zwanzig, dreißig Stockwerke hinunterschleudern: auf den Grund vonBegrenzungoder sogar noch tiefer in die seit kurzem geöffneteHöhle– die Unterstadt.

Höhen, oder besser gesagt Tiefen, machen mich nervös, und Nervosität macht mich launisch, also suchte ich nach weiteren Beleidigungen für Dendal. Unterstädtermusik, bestehend aus jammernden Stimmen und donnernden Trommeln, erschütterte die bröckelnden Mauern, die keinen größeren Lärm kannten als das gelegentliche Säuseln sanfter Hymnen. Misstrauische Augen beobachteten mich durch die gesprungenen Fenster. Dies war einer der letzten Orte, an denen ich sein wollte – ich als Oberstädter. Diese Gegend platzte förmlich vor neuen Unterstadtflüchtlingen, die von Angst erfüllt waren – und das nicht grundlos.

Ich hatte mich meines üblichen Aufzugs entledigt – der Lederanzug und die Windjacke, die mir in Kombination das Aussehen einer Spezialeinheit verliehen. Das war ganz nützlich, um den Menschen eine Scheißangst einzujagen. Aber Unterstädter empfanden eine gewisse Abscheu gegenüber der Elitegarde, und dieser Hass könnte nur zu rasch die Angst besiegen, die durch die dünnen Wände sickerte. Ich bin so einiges, aber sicher kein Selbstmörder, also hatte ich, um mich besser anzupassen, ein altmodisches Hemd und eine abgetragene Hose angezogen, die ich gefunden hatte und die nicht so recht passen wollten. Dadurch wirkte ich nur wie ein weiterer Typ, der sich durch diesen neuen, seltsamen Teil einer Stadt tastete, den ein Großteil der Unterstädter bis vor einigen Monaten nicht einmal gekannt hatte. Für sie war die Oberfläche Mahalas so etwas wie das fleischgewordene Mystische, ein unbekannter Ort, an dem Dinge und Menschen befremdlich waren. Das hielt ich mir immer wieder vor Augen. Ich hatte sogar versucht, das Beste aus meinem Gesicht zu machen, indem ich meiner Haut den für Unterstädter typischen bläulich-weißen Teint verlieh, hatte mein Aussehen verändert, damit ich weniger bedrohlich wirkte.

Allerdings hatte diese Verkleidung ihre Schwächen. Auf meinem Weg hatte man mich böse angestarrt, die Nase gerümpft, mich bespuckt und beschimpft. Der plötzliche Zulauf von Flüchtlingen in die Oberstadt – wenn auch nur in die weniger berauschenden Areale wieKeine-Hoffnung– wegen des Verlusts unserer bedeutendsten Energiequelle und dem daraus resultierenden Wegfall von Handel, Arbeitsplätzen, Nahrung und allem anderen, hatte zu Spannungen geführt, unten wie oben. In jüngster Zeit war es überall zu Zwischenfällen gekommen, die von beiden Seiten ausgegangen waren, Vorfälle, die manche Teile vonKeine-Hoffnungauch für jemanden wie mich zu einem gefährlichen Ort machten, eigentlich für jeden, der kein Unterstädter war. Im Gegenzug machte die Gegenseite andere Orte ebenso gefährlich für die Flüchtlinge. Wenn ich dort unten mein wahres Gesicht gezeigt hätte, wenn sie gewusst hätten, dass ich schuld an all dem war, dann wäre ich über den Wegesrand hinausgeschleudert worden, noch ehe ich mich ein halbes Dutzend Schritte vom Büro entfernt hätte.

An einer Ecke zwischen einer verriegelten Apotheke und einem kleinen Lebensmittelladen, dem inzwischen selbst der letzte Fraß ausgegangen war, hielt ich an und wünschte mir, ich hätte wenigstens irgendeine Lichtquelle bei mir gehabt. Leider waren Kerzen mittlerweile seltener als Lebensmittel, und ich wollte kein Reißnussöl benutzen. Der Geruch aus einer Mischung von gammeligem Fisch und alten Fürzen überdeckt jedes Aftershave, und die Mädels rennen dir die Bude ganz bestimmt nicht ein. Unglücklicherweise gab es nur das oder gar nichts – also entschied ich mich für »gar nichts«.

Als beinahe alles Glimm von mir zerstört worden war, stellte Energie ein seltenes Gut dar. Tief unten in der Stadt erschien die Sonne wie ein Gerücht. In den luftdünnen Höhen vonÜberhandelwar es gerade mal kurz nach Mittag. InHöhen,WolkenundWeltgipfellebte das Ministerium im Schein der Sonne, schirmte uns gegen sie ab, stahl uns Abschaum Licht und Wärme. Das hatte sich bis jetzt nicht geändert. Würde es vielleicht niemals. Hier unten, unter den Fabriken und Lagerhäusern vonHandel, die nun in unheimlicher Stille dalagen, hätte es ebenso gut Mitternacht sein können. Selbst das ausgefeilte Netzwerk von Spiegeln und gekrümmten Lichtschächten, durch das in mein Büro für etwa drei Minuten zur Mittagszeit ein Fetzen echten Sonnenlichts und während des restlichen Tages eine fast ständig andauernde Dämmerung vordrang, versagte in dieser Tiefe.

Ich redete mir selbst ein, dass ich für das, was ich vorhatte, kein Licht brauchen würde. Und so war es auch. Was ich stattdessen brauchte, war Schmerz – meinen Schmerz. Klar, Schmerz war eine Schlampe, doch ich hatte alles andere versucht, und alles andere hatte nicht funktioniert. Dendal wartete, und ich hätte es furchtbar gefunden, ihn zu enttäuschen, und das nicht nur, weil er mein Vermieter und Boss war. Er war mein Boss, weil er mich über weite Teile der Stadt hätte verstreuen können, wenn er sich nur ausreichend konzentrierte. Das hätte auch versehentlich passieren können, was sogar wahrscheinlicher war, dennoch zog ich es vor, ihn nicht warten zu lassen. Er ist überaus hartnäckig, wenn es um seine kleinen Obsessionen geht, und dann ist es leichter, einfach mitzumachen. Außerdem schuldete ich ihm ein Paar Beine, denn ohne seine Hilfe hätte ich meine längst weggesprengt, während ich meine magischen Kräfte zu beherrschen lernte. Hier war ich also.

Bei dem Jungen, hinter dem Dendal her war, handelte es sich um einen Flüchtling aus der Unterstadt; keine Dokumente, keine bekannte Adresse, nicht einmal ein Name, mit dem ich etwas hätte anfangen können. Alles, was ich hatte, war ein Fetzen Kleidung und Dendals Intuition. Ohne Magie also keine Chance.

Wäre es nach mir gegangen, hätte ich gesagt, pfeif auf das Balg, und ich hätte es sich selbst überlassen, womit es nicht besser oder schlechter dran gewesen wäre als Tausende andere, die still in der Dunkelheit dort unten verhungerten. Verantwortung steht auf meiner Prioritätenliste nicht unbedingt an erster Stelle. Um genau zu sein, versuche ich so gut wie möglich sicherzustellen, dass sie auf der Liste nicht mal auftaucht. Aber Dendal kann verdammt überzeugend sein und hat außerdem ein Talent dafür, mir Schuldgefühle einzureden, ohne dass es seine Absicht ist. Ich hoffte, er würde das hier zu schätzen wissen, denn es würde Schmerz bedeuten, und ich kann Schmerz nicht ausstehen.

Mit meiner gesunden Hand durchsuchte ich meine Tasche nach dem Kleidungsfetzen, den Dendal mir gegeben hatte. Ich entdeckte weit und breit keine Sitzgelegenheit, die nicht von potenziell synthverseuchtem Wasser kontaminiert war. Das verfluchte Zeug hielt sich noch immer, vergiftete selbst jetzt noch Menschen von innen nach außen. Also ging ich in die Hocke und lehnte mich gegen eine poröse Wand, von der ich hoffte, dass sie mein Gewicht tragen würde. Allmählich wurde ich besser, aber es kam dennoch oft vor, dass ich mich nach einem Zauber auf den Knien wiederfand. Für gewöhnlich fühlte es sich an, als wäre einer meiner Augäpfel kurz davor zu platzen – oder eines von meinen Eiern.

Ich legte den Kleiderfetzen in meinen Schoß und streichelte ihn mit meiner gesunden Hand. Dieser Fetzen war mein Anker, ein kleines Stück, das mir helfen würde, den Vermissten zu finden – in diesem Fall einen Jungen. Wenn ich jemanden nicht besonders gut kannte, brauchte ich einen Gegenstand, der mir bei meiner Suche half – meistens etwas aus seinem Besitz, etwas Privates.

Pro: Ich musste heutzutage nicht mehr meinen Daumen ausrenken, um meine Magie in Gang zu bringen. Kontra: Der Grund dafür war, dass ich mir die gesamte linke Hand bei dem Vorfall ruiniert hatte, der zum Verschwinden des Glimm geführt hatte. Noch immer war die Hand nicht vollständig verheilt, und somit musste ich nur die Finger fest zur Faust zu ballen, wodurch schon weiße Punkte vor meinen Augen tanzten und Energie durch meine Venen strömte. Es musste einen leichteren Weg geben, um einen Aufspürzauber auszuführen – oder jede andere Art von Zauber –, aber bislang hatte ich ihn noch nicht gefunden. Sobald ich den finden würde, wäre mein »Halleluja« vonWeltgipfelbis hinunter zum Grund derHöhlezu hören.

Ich machte eine Faust und Schmerz schoss zusammen mit der Magie durch meinen Körper, süß und verführerisch, und ach … so bedrohlich. Es wirbelte um mich herum, in mir, rufend, stetig rufend. Rein und raus, so schnell ich konnte, das war der beste Weg – bevor das Nichts mich in Versuchung führte, sich auf mich stürzte, um von mir Besitz zu ergreifen. Ich hatte das Nichts schon einmal besiegt, aber ich war mir keineswegs sicher, dass es mir ein weiteres Mal gelingen würde. Es war immer präsent, wartete auf eine Gelegenheit, einen Moment der Unachtsamkeit, lockte, umgarnte. Der Preis meiner Magie war nicht Schmerz, sondern der drohende Sturz ins Nichts, aus dem es kein Zurück mehr gab und der mich den Verstand kosten würde.

Sie kam schnell, strömte aus dem Lumpen hinauf in meinen Arm – die Gewissheit, dass der Junge sich im Osten aufhielt, etwa hundert Meter weiter und zwei Ebenen unter mir. Der stechende Geruch einer Reißnussöllampe überlagerte den heimtückischeren chemischen Odem von Synth, daneben eine Flut aus unheilvollen, zuckenden Schatten. Fast noch unheilvoller wirkten die Männer darin: vier Oberstädter, die in einem Halbkreis vor einem am Boden liegenden Jungen standen; Oberstädter, die ernsthaft angepisst aussahen. Einer von ihnen wollte nach dem Burschen greifen, in seiner anderen Hand blitzte ein Messer auf. In diesem Aufblitzen glaubte ich die Bestätigung für das Gerücht zu erhalten, das sich überall verbreitete außer durch die offiziellen Quellen: Jemand tötete Unterstädter, und das nicht nur im Handgemenge. Drei Jungen waren bereits tot, und dieser sollte wohl die Nummer Vier werden. Mir blieb keine Zeit, die Wege entlangzuschlendern, um ihn zu finden; nicht jetzt, nicht, wenn er noch am Leben sein sollte.

Seht ihr, genau deshalb hasse ich Verantwortung. Nicht nur, dass meine Magie höllisch wehtut, jetzt sah es auch noch ganz so aus, als müsste ich eine Messerstecherei riskieren, und dabei mochte ich dieses Hemd sehr. Ohne mein Blut würde es bestimmt besser aussehen. Ich hätte den Jungen einfach sich selbst überlassen können, ich hätte mich abwenden können. Mit Sicherheit wäre das besser für meine Gesundheit gewesen. Aber, entgegen der ausführlichen, grausam detailreichen Aussagen meiner Exfreundinnen, war ich nicht vollkommen herzlos. Nur beinahe. Außerdem brauchten wir den Burschen, wenn Dendals Vermutung zutraf.

Während ich etwas über den beschissenen Dendal und seine schmucken, beschissenen Vorstellungen von beschissener Wohltätigkeit dahermurmelte, ballte ich meine Faust noch fester. Hinter mir schlich sich das Nichts heran wie ein Dieb, wartete auf seine Chance, mich in seinen Wahnsinn hinabzuziehen.Komm schon, Rojan, du weißt, dass du mich willst, du brauchst mich.

»Ich hab keine Angst vor dir«, log ich. »Also verpiss dich.«

Schmerz war alles, Magie war alles, erfüllte jeden Teil von mir. Universen wurden geboren, wirbelten durch mein Blickfeld und starben. Obwohl ich wusste, dass ich es bereuen würde, schloss ich die Augen, ließ dasWodes Jungen in mich eindringen. Der Gestank nach Reißnussöl nahm zu, hüllte mich ein und ließ mich würgen. Die Luft wurde feuchter, kälter. Ein letztes Quetschen der Hand, ich stöhnte auf, dann öffnete ich die Augen und kämpfte gegen die Übelkeit an.

Ein Ring sehr verwirrter Gesichter leuchtete in der unsteten Dunkelheit. Nicht besonders fröhliche Gesichter. Natürlich hatte ich einen Moment zuvor ganz subtil angekündigt, dass ich Magier sei. Ich hätte genauso gut mit einem großen leuchtenden Pfeil auf meine Kehle zeigen können, mit der Aufschrift »Bitte hier durchschneiden« – was, wenn man die Umstände näher betrachtete, eine überaus schlechte Idee gewesen war. Gut gemacht, Rojan, immer erst springen und dann gucken.

Der Mann mit dem Messer erholte sich als Erster von seinem Schock und kam drohend auf mich zu.

Gut, dass ich stets vorbereitet war.

Ich war nicht unbedingt scharf auf weitere Schmerzen, also zog ich meine Pistole, presste die Mündung gegen seine Nase und tat so, als würde ich den Abzug drücken. Alle erstarrten. Schusswaffen waren noch immer neu, teuer und selten, weswegen ich ziemlich sicher war, dass meine Pistole die einzige in einem Umkreis von etwa einem Kilometer war. »Hallo. Will mir irgendwer erzählen, was zur Hölle ihr Typen hier treibt?«

Messermann machte zwei langsame, vorsichtige Schritte zurück, aber er ließ die Klinge nicht sinken. Nach einem kurzen Blick in die Runde wusste ich auch warum. Ich hatte mich so sehr beeilt, meiner Verantwortung nachzukommen, dass mir die übrigen Männer außerhalb des Kreises entgangen waren – die Massen hinter mir, die allesamt groß, gemein und verdammt hässlich aussahen. Ich hatte sie zuvor hinter vorgehaltener Hand sprechen gehört, über Oberstädter, die zu ruhigen Zeiten als riesiger Mob in die Flüchtlingsgebiete einmarschiert waren, um irgendeinen armen, einsamen Unterstädter aufzuspüren und ihn aufzumischen, bevor sie die Beine in die Hand nahmen – und anschließend in Oberstädterbars damit prahlten. Wer wundert sich da, dass ich so ein Zyniker bin?

Drei der Männer traten vor. Ich bin ein ziemlich großer Kerl und auch recht breit, und ich kann bedrohlich wirken, wenn ich es muss, aber diese Typen mussten sich nicht darauf konzentrieren. Sie hatten von Natur aus etwas wirklich Fieses an sich, etwas, das mir den Eindruck vermittelte, sie hätten sich mit Tritten aus dem Bauch ihrer Mutter gekämpft, dann der Hebamme eine Kopfnuss verpasst, schließlich ihre Eltern ausgeraubt und am Ende die Familienkatze stranguliert.

Allmählich wünschte ich mir, ich wäre diesen Morgen gar nicht erst aufgestanden, oder dass ich Dendal nie getroffen hätte, oder sogar, dass ich gestorben wäre, als ich noch die Chance dazu gehabt hatte.

Der Junge hockte zu meinen Füßen, ein elendes Häufchen aus strömendem Schweiß und Angst.

»In meiner Tasche«, sagte ich. »Links.«

Er zögerte nicht, sondern durchforstete meine Tasche und zog meine Strahlenpistole hervor – ein ziemlich spezieller und bis vor kurzem noch nicht ganz legaler Ausrüstungsgegenstand. Der Kleine starrte sie für einen Moment an, als wäre sie eine Schlange, bevor er sich selbst und die Pistole unter Kontrolle hatte.

Die Oberstädter rückten näher, misstrauisch, vorsichtig, aber unaufhaltsam. Ich riskierte einen Blick nach hinten: eine heruntergekommene Tür, die von Synth und Feuchtigkeit halb zerfressen war. Ich bewegte mich rückwärts darauf zu, und der Junge folgte mir. Er zitterte wie Espenlaub, und was daraufhin passierte, war vermutlich unvermeidlich.

Er drückte den Abzug. Nun, wie bereits gesagt: Eine Strahlenpistole ist eine sehr spezielle Waffe. Sie feuert keine Patronen ab, sondern Magie, vorausgesetzt ein Magier drückt den Abzug.

Dendals Vermutungen über den Jungen erwiesen sich als richtig. Er schoss, die Rasierklinge klappte hoch und schnitt in seinen Daumen, und der sirrende Mechanismus nahm den Schmerz, die Magie, verstärkte sie und spuckte sie aus.

Ich glaube, die Oberstädter waren heilfroh, dass die Waffe nicht tödlich war. Oder würden es zumindest rückblickend sein. Der Strahl schoss aus der Pistole und sprang von einem zum anderen, mit mehr Macht, als ich je aus der Waffe hatte hervorbringen können. Der zitternde Strahl ließ jeden zu Boden gehen, den er berührte, verursachte Kurzschlüsse in den Hirnen und schickte sie auf die maroden Bretter, auf denen sie in seichten synthverseuchten Pfützen zum Liegen kamen.

Der Junge hatte einen kurzen Aufschrei ausgestoßen, als die Klinge in seinen Daumen geschnitten hatte, aber nun stand er da, als wäre auch sein Hirn kurzgeschlossen, und starrte verständnislos auf den Haufen der erschlafften Körper ringsum.

Für so etwas hatten wir keine Zeit. Die Pistole hatte sie ausgeschaltet, aber bald würden sie wieder aufwachen, und ich hatte nur ein Paar Handschellen bei mir.

Ich machte mir eine geistige Notiz, Zwerg für die Verbesserungen zu gratulieren, die er an der Strahlenpistole vorgenommen hatte, packte den Jungen und nahm die Beine in die Hand. So bin ich nun mal: tapfer bis zum bitteren Ende.

Kapitel 2

Es brauchte eine große Portion Überredungskunst, um den Jungen davon zu überzeugen, mit mir zu kommen – ich hatte ihn davor bewahrt, mächtig aufgemischt zu werden, wenn nicht Schlimmeres, aber er erkannte an meiner Stimme, dass ich ein Oberstädter war, und aus seiner Sicht machte mich das zum Arschloch. Ich konnte nicht wirklich behaupten, dass er damit falsch lag, aber ich kann überzeugend sein, wenn es sein muss. Außerdem war er halb verhungert und ich hatte mich vor dem Aufbruch wohlweislich mit Essen eingedeckt – nicht gerade viel, und davon abgesehen ziemlicher Fraß, aber es war alles, was wir hatten finden können, alles, was es gab. Er schaufelte das Essen in sich hinein, als hätte er seit einer Woche nichts zum Beißen bekommen, was vermutlich auch so war, und er folgte mit einer misstrauischen Miene, die mir sagte, dass er bei dem ersten Anzeichen von Ärger verschwinden würde.

Ein Netz aus Wegen spannte sich über uns, ohne auch nur einen Schatten in der Dunkelheit zu hinterlassen. Sie hingen von Häuserwänden herab und ließen einem Gott-weiß-was in den Nacken tropfen. Je weiter wir uns von derHöhleentfernten, die die Unterstädter einst ihr Heim genannt hatten, desto unruhiger wurde der Junge. Als wir die Ebene erreichten, auf der sich mein Büro befand, wurden wenigstens die Wege stabiler – aber der Abgrund tiefer. Weiter oben wirkten die Gebäude weniger dicht gedrängt, aber an diesem Ort war das Gewicht der Stadt über, unter und um uns als belastender Druck bis in die Knochen spürbar.

Als ich den Jungen zurück zu unserem neuen Büro gebracht hatte, begann es zu regnen, ein träges, kaltes Nieseln in allen Ebenen über uns, ein konstantes Tropfen, das sich unbeirrbar seinen Weg durch Ritzen und Spalten in die Jacken oder den Kragen suchte, um hineinzukriechen. Wir hatten unser altes Büro aufgeben müssen, weil es mittlerweile gefährlich geworden war, mit meinem alten Ich in Verbindung gebracht zu werden. Das ist so meine Art – ich habe ein ungeheures Talent dafür, andere durch und durch anzupissen, und dieses Mal hatte ich mich selbst übertroffen. Ganze Bataillone von Oberstädtern waren wütend auf mich, oder wären es, wenn sie herausfinden würden, dass ich noch am Leben war. Die Unterstädter waren es ebenfalls, und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ein Großteil des regierenden Ministeriums, obgleich es inoffiziell die Tatsache ignorierte, dass ich noch atmete, wäre überaus zufrieden, wenn mich etwas oder jemand in kleine Fetzen reißen würde. Daher war ich im Moment nicht ich selbst: Rojan, der Kopfgeldjäger, Schmerzmagier, Drückeberger vor Verantwortung, pathologischer Frauenheld und physischer Feigling. Mein Name war Makisig, kurz Maki. Zwar schloss das die übrigen Dinge nicht aus, aber ich versuchte, das nicht allzu deutlich zu zeigen – ganz besonders, was den Magierteil betraf. Magie war erst ein paar Wochen zuvor wieder legalisiert worden, und noch immer herrschte eine Menge Hass, und »legal« bedeutete nicht gleich »sicher«.

Dendal hatte ein Händchen dafür, beschissen miese Büros auszusuchen. Dieses hier war ursprünglich das Hauptquartier eines Rauschdealers gewesen, und zugedröhnte, zwielichtige Gestalten hatten die Angewohnheit, hereinzuspazieren und zu fragen, ob wir Stoff dahätten. Einige von ihnen wurden ziemlich unleidlich, wenn sie nichts bekamen, außer einen Vortrag Dendals über die Schädlichkeit von Drogen, Bier, Sex und allem, was man sich sonst so denken könnte, bevor er sie zum nächsten Problem unseres Büros weiterschickte: der Tempel nebenan.

Ich konnte hören, wie die Tempelgänger ihre gesäuberten, vom Ministerium bewilligten Gebete sangen und skandierten. Erwachsene Menschen, die mit ihrem imaginären Fantasiefreund spielten. Nicht, dass ich das Dendal gegenüber je laut aussprechen würde. Er ist ziemlich empfindlich, wenn es um die Göttin geht. Ich vermute, ein bisschen Glaube gibt den Menschen Hoffnung, und Hoffnung brauchten sie dringender als je zuvor.

Zumindest lag unser Büro hoch genug, dass die wenige Energie, die uns geblieben war, eine Lampe am Ende der Straße betrieb, so dass wir selbst dann sehen konnten, wohin wir gingen, wenn die wenigen Minuten des echten Sonnenlichts sowie die Stunden der reflektierten Dämmerung vorüber waren. Manchmal wünschte ich, wir hätten dieses Licht nicht; alles, was es aus der Dunkelheit riss, war verdreckt, nass und deprimierend.

Ich schob den Jungen zur Bürotür. Er würde sich als nützliches Schild gegen Lastri erweisen – Sekretärin, Hausdrache und jene Person, die sicherstellte, dass Dendal von Zeit zu Zeit aß und nirgendwo zu hart gegen stieß, während er in Gedanken mit seinen Feen herumtollte. Abgesehen davon war sie eine der überaus wenigen Frauen über achtzehn und unter etwa fünfundvierzig, die ich jemals getroffen und, trotz ihrer ernsten und prüde-attraktiven Erscheinung, niemals ins Bett zu kriegen versucht hatte. Vermutlich wäre ich nicht lebend davongekommen.

Als wir eintraten, lächelte sie dem Jungen zu, legte eine mütterliche Hand auf seine Schulter und führte ihn zu der kleinen Küche am Ende des Büros, während sie mir einen Blick zuwarf, der sagte, wie sehr sie darauf hoffte, ich würde im Schlaf ersticken.

Dendal saß an seinem Schreibtisch in der Ecke; das tat er immer. Sein graues Haar umfing ihn wie eine verirrte Wolke, und sein dünnes, mönchartiges Gesicht war zu einem verkniffenen Ausdruck verzogen, bei dem es sich entweder um Konzentration handelte oder der bedeutete, dass er mitten in einem Tagtraum steckte. Letzteres war sogar wahrscheinlicher. Er war umgeben von Papierkram, gemeinsam mit einem Aufgebot an Kerzen, das selbst den Tempel nebenan in den Schatten stellte. Ich grüßte knapp und erhielt einen abwesenden, verträumten Blick als Antwort. Nicht ganz bei sich, unser Dendal. Oh, man darf mich nicht falsch verstehen: Er war ein Genie, der klügste Magier, den ich je getroffen habe. Vorausgesetzt, seine Gedanken bewegten sich irgendwo in der Nähe der Realität, was etwa einmal pro Woche vorkam, wenn ich Glück hatte.

»Hallo, Perak«, murmelte er. Zumindest mit dem Geschlecht lag er diesmal richtig, wenn er auch nicht den richtigen Bruder erwischt hatte. Dann erregte etwas auf seinen Papieren seine Aufmerksamkeit, und er vergrub sich wieder in seinem kleinen Feenreich. Das Einzige, worauf er sich wirklich konzentrierte, waren seine Sendungen. Für ihn war es seine göttingegebene Pflicht, seine Magie einzusetzen, um anderen dabei zu helfen, miteinander zu kommunizieren. Es sah aus, als würde er sich mit dem profaneren Zeitvertreib des Briefeschreibens für die große Anzahl derjenigen beschäftigen, die dazu selbst nicht in der Lage waren. Keine Magie, keine ausgerenkten Finger, nur Dendals leises, unmelodisches Summen und das Kratzen von Stift auf Papier, das schon so lange Teil meines Lebens gewesen war, dass ich es erst dann bemerkte, wenn es verstummte.

So weit, so normal.

Ich schleuderte meine Jacke auf das Sofa, das in die Ecke gequetscht war, tätschelte Griswald, dem ausgestopften Tiger, den Kopf und steuerte auf meinen Schreibtisch zu. Wenigstens bedeutete der Junge keinen Papierkram, wofür ich überaus dankbar war. Sorgfältig prüfte ich meinen Schreibtisch, um sicherzugehen, dass keine unliebsame Überraschung auf mich wartete, und setzte mich, um mich um meine Hand zu kümmern. Wenn das so weiterging, würde sie niemals heilen, bei all den Suchaktionen und meiner kleinen Nebenbeschäftigung in Zwergs Labor.

Auf der Tischplatte erwartete mich eines von Lastris giftigen Memos, ein überhebliches Grinsen in einem Berg aus handschriftlichen Texten: ein weiterer Junge, den ich suchen sollte, und diesmal hatte ich zumindest einen verwertbaren Namen, so dass ich vielleicht damit davonkommen würde, ein paar alte Aufzeichnungen zu durchsuchen, anstatt meine Hand noch mehr zu ruinieren. Es wäre sogar noch weit besser gewesen, wenn mich irgendjemand für all diese Suchaufträge bezahlt hätte, aber alles, was ich bislang bekommen hatte, war Dendals Versicherung, dass ich den Willen der Göttin ausführte. Das war ja schön und gut, aber die Dame bezahlte nun mal nicht meine Miete. Glücklicherweise neigte der Vermieter – Dendal – dazu, zu vergessen, was ich ihm schuldete, auch wenn Lastri schmerzlich penibel war, was das betraf, und obendrein überaus hartnäckig.

Ein weiterer Grund, weshalb wir unseren Bürositz gewechselt hatten, war ein weiteres Mitglied unserer kunterbunten Crew, das mir am eigenen Schreibtisch gegenübersaß. Noch immer erinnerte Pashas Gesicht an das eines mürrischen Äffchens, das in einem zerzausten Büschel schwarzen Haares nistete, aber seit das Glimm verschwunden war, und damit auch der unrechtmäßig erworbene Schmerz, der es genährt hatte, schien er gewachsen zu sein. Er wirkte nun weniger nervös, aber noch immer ziemlich wütend.

Er sah von den Nachrichtenblättern auf, in die er mit finsterer Miene gestarrt hatte. »Was ist mit dir passiert? Du siehst scheiße aus.«

Er war noch immer ein Idiot. Mit einer Art von Mut stellte ich mich den Launen meiner Schreibtischschublade. Der Trick war, sie zu öffnen, zu packen, was man wollte, die Hand herauszureißen, bevor sie begriff, was man tat, und sie zuzuschlagen. Ich hatte den Eindruck, als wäre die Schublade ungewöhnlich besitzergreifend, wenn es um ihren Inhalt ging, und ich hatte ohnehin nur noch eine gesunde Hand übrig.

Es gelang mir, an den Spiegel zu gelangen, ohne mir einen weiteren Knochen zu brechen. Ich betrachtete meine Reflexion. Pasha hatte recht: Ichsahscheiße aus. Ich möchte betonen, dass der Spiegel eine neue Anschaffung war und nicht aus Eitelkeit in meiner Schublade lag. Das heißt, ich bin eigentlich schon eitel, aber deshalb war der Spiegel nicht dort. Nein, es lag an der Art, wie sich meine magischen Kräfte entwickelt hatten. Und da eine ganze Menge Menschen dachte, ich sei tot, musste ich dafür sorgen, dass alles so blieb, wie es war. Ansonsten würde sich bewahrheiten, was alle dachten.

Ich hatte noch etwas Energie vom letzten Malträtieren meiner Hand übrig, also tat ich mein Bestes, mein Gesicht in Ordnung zu bringen, und formte es wieder zu der bekannten Maske um. Es war seltsam, jeden Tag das Gesicht eines Fremden im Spiegel zu sehen, aber es war weitaus besser, als tot zu sein. Ich ließ meine Verkleidung nur fallen, wenn ich schlief oder mich rasierte. Ein falsch geformtes Gesicht zu rasieren, ist knifflig und endet meistens, wie ich erfahren musste, in Flüchen und einem Blutbad.

Gegen das ziemlich beeindruckende Veilchen konnte ich jedoch nichts tun. Meine neuen Fähigkeiten waren noch nicht dermaßen weit fortgeschritten. So konnte ich etwa auch noch nicht meine Stimme verändern, obwohl ich bereits daran arbeitete.

Pasha kam herüber, setzte sich auf die Tischkante und setzte ein Äffchengrinsen auf. Ich konnte nicht anders, als ihn zu mögen, ganz gleich, wie sehr ich mich auch dagegen wehrte.

»Also, wer hat dir das verpasst, und warum hast du´s zugelassen?«

»Sie hat mich überrascht. Ich habe mich entschieden, Frauen aufzugeben.«

Er schnaubte ungläubig, bevor er seine Augen schloss und sich seine Finger im Schoß verdrehte.

»Das kannst du genauso gut sein lassen. Ich hab dir das schon mal gesagt: Du liest meine Gedanken nicht, und dafür werde ich auch nicht andauernd dein Gesicht verändern.« Die Worte klangen schärfer als beabsichtigt, wahrscheinlich hauptsächlich deshalb, weil ich nicht wollte, dass er herausfand, weshalb die betreffende Dame mir eine geschmiert hatte. Oder die Dame davor, oder, wenn man´s genau betrachtete, auch die Dame davor. Man könnte es auch so sagen: In einem delikaten Moment den falschen Namen auszurufen, ist nicht unbedingt das Klügste, und es dabei belassen. Ich würde den Frauen definitiv abschwören. Dieses Maldefinitiv.

Der Kuss des Todes, so nennt Lastri mich. Obwohl es nie meine Absicht ist, ermorde ich jede aufkeimende Beziehung im Affekt. Für gewöhnlich hat das die unterschiedlichsten Gründe – meine Unfähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, führt die Liste jedoch unangefochten an. Ebenso wie ein Verantwortungsbewusstsein schafft es auch Willenskraft nur selten auf die Liste meiner positiven Eigenschaften. Warum sollte ich all diesen Frauen ihre Chance verweigern? So viele Frauen, und alle so wundervoll …

Für eine Weile hatte ich in meiner rastlosen Suche eine Pause eingelegt, jedoch war ich nun wieder zur alten Gewohnheit zurückgekehrt, als eine Art Selbstverteidigung meines Herzens, das, wenn ich brutal ehrlich bin, ebenso zerschunden war wie meine Hand. Meine alten Spielchen zu spielen, lenkte mich von diesem Schmerz ab. So musste ich wenigstens nicht darüber nachdenken, was ich verloren und was Pasha gewonnen hatte.

Pasha verstand den Wink und wechselte das Thema. »Du hast den Jungen also gefunden? Erfolg gehabt?«

»Ja, ich habe ihn gefunden, und ja, er ist wirklich ein Schmerzmagier. Ich vermute, Lastri päppelt ihn gerade auf. Hat die Statur von einem Stock, der Kleine, und war kurz davor, von einem Haufen Oberstädter die Tracht Prügel seines Lebens zu beziehen. Stellt sich die Frage, was das Balg getan hat.«

Pasha warf mir einen kryptischen Blick zu, aber aus seinen Worten sprach pure Gehässigkeit. »Er wurde geboren, vermute ich mal. Hat die Dreistigkeit besessen, hier hochzukommen, nachdem wir das Glimm vernichtet und dieHöhlegeöffnet haben. Hat die falsche Hautfarbe, den falschen Akzent, den falschen Glauben. Such dir was aus.«

Sein scharfer Tonfall überraschte mich – Pasha sah aus wie ein Affe, der seine Nüsse verloren hatte, aber er konnte ein Löwe sein, wenn er wollte, und er würde stets brüllen, um die Unterstädter zu verteidigen.

Ich hatte es nicht so gemeint; es war einfach aus mir hervorgesprudelt, als Teil meiner strahlenden, charmanten Persönlichkeit, weil es mich ankotzte, meine Magie einsetzen zu müssen, aber ich musste mich noch immer an Pashas Art gewöhnen, die Dinge zu sehen. »Ich denke nicht …«

»Ich weiß schon, ich hab´s bemerkt.«

Doch in diesem Moment dachte ich wohl. Ich dachte an all die Beleidigungen, die ich mir hatte anhören müssen, als ich das Gesicht eines Unterstädters getragen hatte, an das Knurren und Spucken. An die Gerüchte über die Oberstädterbanden, die einsame Unterstädter zusammenschlugen. Pasha hatte ihn immer noch, diesen weiß-bläulichen Teint. Er war in derHöhleohne jedes Sonnenlicht aufgewachsen, nicht einmal die wenigen Minuten am Tag, die wir Oberstädter uns erschleichen konnten, waren ihm vergönnt gewesen. Für gewöhnlich konnte man einen Unterstädter auf den ersten Blick erkennen, und ihr Akzent verriet sie endgültig. Wenn man die Tatsache bedachte, dass das Ministerium lieber auf ihre Anwesenheit verzichtet hätte, da ihre bloße Existenz, die für Dekaden abgestritten worden war, eine Blamage für die Regierenden darstellte, waren ihre Chancen gering, jemals vonHöhenoder einer der höher liegenden Ebenen einen Blick auf echtes Sonnenlicht zu erhaschen. Es konnte Jahre dauern, bis diese unheimliche Blässe verschwinden würde. Vielleicht würde sie es nie.

»Schon gesehen?« Pasha knallte das Nachrichtenblatt, das er gelesen hatte, auf den Tisch. Ich erhaschte einen Blick auf die Überschrift:Unterstädter verbreiten neue Krankheit.Am Ende gab es einen weiteren Artikel über Unterstädter, der böswillige Gerüchte darüber streute, was sich in derHöhleabgespielt hatte, und dass das gar nicht wahr sei, gefolgt von einer, offen gesagt, lachhaften Darstellung, was »wirklich« passiert sei. Das war natürlich, in Anbetracht dessen, dass es sich um ein Schattennachrichtenblatt handelte – ein nicht offiziell sanktioniertes Sprachorgan einiger aus dem Nähkästchen plaudernder Minister –, ein Haufen gequirlte Kacke. Dasselbe galt für den Teil über die Magier, deren unheilige Existenz und dass alles unsere Schuld war. Wobei nicht alles komplett erlogen war. Ich war schon ziemlich unheilig, das stimmte. Und mit der Zerstörung des Glimm hatte ich sie alle so richtig in die Scheiße geritten.

Viele würden diesen Mist über die Unterstädter jedoch glauben, und da lag das Problem. Wie kommt es, dass eine Lüge immer so viel überzeugender für die Massen ist als die Wahrheit? In diesem Fall war der Grund, dass sie so nicht darüber nachdenken mussten, was sich über all die Jahre unter ihren Füßen abgespielt hatte, und sie daher keinen Grund hatten, sich schuldig zu fühlen. Um Schuldgefühle zu vermeiden, würden Menschen alles tun.

Kein Wunder, dass Pasha angepisst wirkte – er war ein Unterstädterundein Magier; dieses Geschmiere betraf ihn also doppelt. Ich schnappte mir das Blatt, knüllte es zusammen und warf es in den Mülleimer, zumindest versuchte ich es. Es prallte vom Rand ab und landete auf dem Haufen anderer Papiergeschosse, die im Laufe der Zeit ihr Ziel verfehlt hatten – mein Ablagesystem, wie ich es gerne nannte.

»Keiner glaubt, was da drin steht«, log ich. »Es ist nicht mal offiziell.«

»Du vielleicht nicht. Aber eine Menge anderer Menschen. Und es ist offiziell genug, ebenso wie die meisten anderen Nachrichtenblätter. Sie drucken alle dasselbe. Einige Unterstädter haben versucht, ihre eigene Zeitung aufzuziehen, aber dieser Plan wurde nach einer Woche wieder verworfen.«

»Hattest du Probleme?«, fragte ich.

Sein bitteres Schulterzucken war Antwort genug, zumindest mehr Antwort als jedes seiner Worte. »Nicht mehr als alle anderen. Sehr viel weniger als manche. Meine Fähigkeit, ihre Gedanken zu lesen, hilft mir dabei, Ärger aus dem Weg zu gehen, und Jakes Ruf hat schnell die Runde gemacht. Bist du fertig? Wir kommen sonst zu spät.«

Ich schluckte einen klugen Kommentar runter, der mir auf der Zunge lag und der das Feuer nur noch weiter angefacht hätte, und nickte. »Hol den Jungen. Ich glaube, ich verkrafte heute keine weitere Begegnung mit Lastri.«

Das affenartige Grinsen kehrte zurück. Zumindest erwähnte er nicht, wie fantastisch er und Lastri miteinander auskamen. Ich war ziemlich sicher, dass sie nur nett zu ihm war, um mir so richtig schön unter die Nase reiben zu können, wie sehr sie mich hasste. Doch Pasha schien sie wirklich zu mögen. Warum auch immer.

Der Bauch des Jungen war deutlich runder, als Pasha ihn reinbrachte. An seinem Mund klebten Soßenflecken, und als er mich sah, kicherte er. Ich fragte mich, was Lastri ihm wohl erzählt hatte, und kam zu dem Schluss, dass ich es nicht wissen wollte. Scheinbar sann sie auf Rache.

Kapitel 3

Ich scheuchte den Jungen und Pasha nach draußen, bevor Lastri ihren bösen Plan in die Tat umsetzen konnte, und warf die Tür zu. Das Schild im Fenster war frisch bemalt:

LIZENZIERTE MAGIER, ANNAHME ALLER MAGISCHEN AUFTRÄGE. UNSERE SPEZIALITÄTEN UMFASSEN SOFORTIGE KOMMUNIKATION, GEDANKENLESEN, PERSONENSUCHE UND UMGESTALTUNG. DISKRETION GARANTIERT. PREISE AUF ANFRAGE.

Lizenzierte Magier: Das war neu, aber es gefiel mir. Er bedeutete, dass ich mich nicht mehr vor der Garde verstecken musste. Bedauerlicherweise war der Rest der Bevölkerung nicht ganz so schnell, wenn es darum ging, langjährige, vom Ministerium angefachte Vorurteile abzulegen. Um die Wahrheit zu sagen, erging es dem Ministerium da kaum anders, aber wir hatten sie an den Eiern, und sie wussten das. Sie brauchten uns, wenn sie die Stadt am Leben erhalten, den Zusammenbruch vonHandelverhindern und auch nur ein Fitzelchen der wenigen Energie haben wollten, die noch übrig war – und das wollten sie. Wenn sie das bloß irgendwem erzählt hätten – in den wenigen Wochen, in denen Magier legalisiert worden waren, hatte es zwei Fälle versuchter Brandstiftung gegeben.

Da das Ministerium der runzelarschige, schwerfällige Gigant war, der es nun einmal war, und abgesehen davon alles von Nahrungsressourcen bis hin zur Medienlandschaft kontrollierte, hielt ich natürlich nicht gerade den Atem an. Selbst mit einem neuen Erzdiakon würde es zu lange dauern, bis sich etwas tun würde. Es hätte mich nicht mal überrascht, wenn ich herausgefunden hätte, dass sie absichtlich Informationen zurückhielten – nur wenige wussten über Pashas und meine kleine Nebenbeschäftigung im Labor Bescheid, die die wenigen Lichter auf den Wegen am Verlöschen und die letzte Wärme am Verflüchtigen hinderte. Doch wenn ich die aktuelle Stimmung zum Magierthema bedachte, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich wollte, dass es irgendjemand wusste.

Vielleicht war das auch der Grund für die vielen Wachen vor dem Büro. Der Weg war breit und gut befestigt, wofür meine Nerven überaus dankbar waren, aber das gab der Garde zusätzlichen Raum. Weil Nahrung und Wärme immer knapper geworden waren, häuften sich die Patrouillen, und da viele der Wachen durch die Stilllegung der Fabriken ihre ursprüngliche Aufgabe verloren hatten, die sie beschäftigt gehalten hatte, begannen sich die Gemüter zu erhitzen. Zwei der Wachen lungerten auf einem mittlerweile nutzlosen Wagen herum, dessen Messingsymbole aus Heiligen und Märtyrern matt im gedämpften Licht schimmerten und dessen Glimmröhren schwarz und tot wirkten. Ich eilte an ihnen vorbei – meine nicht ganz gesetzestreue Vergangenheit war mir noch immer zu frisch im Gedächtnis.

Die Türen des Tempels waren geöffnet, und weiches Kerzenlicht floss durch das Portal auf die Straße, was ihn fast, wenn auch nicht ganz, einladend aussehen ließ. Die Gebete klangen nach draußen, und der Junge horchte auf. Unterstädter … So urtümlich und emotional, wenn es um ihren Glauben ging, der ganz anders als die fade Frömmigkeit war, auf die das Ministerium pochte.

Pasha warf mir einen wissenden Blick über die Schulter zu, als er mit dem Jungen hineinging – er besuchte immer den Tempel, bevor wir uns zum Labor aufmachten. »Du solltest mitkommen. Man kann ja nie wissen, vielleicht siehst du ja etwas, das dir gefällt. Wir haben einen Gastprediger. Außerdem habe ich mir mit Jake ausgemacht, sie hier zu treffen.«

Das war einfach nur grausam.

Eine gefühlte Stunde lang stand ich draußen – in Wahrheit war es wohl nur eine Minute. Hineingehen oder nicht hineingehen? Ich und die Göttin hatten eine Abmachung: Ich glaubte nicht an sie, und im Gegenzug pfuschte sie nicht in meinem Leben herum. Das war natürlich eine Ansicht, mit der ich nicht unbedingt hausieren ging, in Anbetracht der Einstellung des Ministeriums und all der Frömmigkeit in unterschiedlichen Formen, mit der es um sich warf. Ich mochte alle meine Gliedmaßen da, wo sie waren.

Am Ende war es der Gedanke an Jake, der mich dazu brachte, reinzugehen. Sobald ich das Ende des Vestibüls erreicht hatte, erkannte ich, wie sehr sich die Dinge verändert hatten. Die Heiligen und Märtyrer standen an ihren Plätzen, blankäugige Statuen, zu deren Füßen die Gläubigen abwechselnd ihrer Pflicht nachkamen. Da war Namrat, Tiger und Verfolger, dessen Gesicht nach altem Brauch von einem schwarzen Tuch verdeckt wurde. Das Licht wirkte hell und gedämpft zugleich und umhüllte alles mit einem zarten Schimmer. Jenseits der skandierten Gebete schien Stille von den Wänden zu fließen, beschworen vomSchtder Füße auf dem Teppich im Seitenschiff. Mag sein, dass ich kein Gläubiger bin, aber ich habe stets die Klarheit in Tempeln bewundert, die ehrfürchtige Stille. Heute jedoch war da noch mehr, eine Art Bonus.

Die Milde, auf die das Ministerium so lange bestanden hatte, war von Lebhaftigkeit gestört worden. Hinter dem Altar entdeckte ich zwei Gemälde anstelle von nur einem: zur Rechten die vom Ministerium abgesegnete Version der Göttin, mit breitem Lächeln und Glitzer und Blumen. Sie wirkte gütig und einladend, wenn auch ein wenig verkrampft. Namrat, der Tiger, sah mehr aus wie eine Schmusekatze, die sich um ihre Beine schmiegte, als eine Bedrohung. Der Tod – folgte man der vom Ministerium genehmigten Anschauung – war nichts, das man fürchten musste, da man auf der anderen Seite alles bekam, was man wollte, wenn man zu Lebzeiten nur ein braver Junge gewesen war, seinen Mund geschlossen und seinen Kopf gesenkt hielt – ein kleiner Anreiz, der dem armen Pöbel helfen sollte, die ganze Scheiße besser durchzustehen, die ihr Leben ausmachte, sie … fügsamer machte. Und mich zum Kotzen brachte.

Zur Linken war die Veränderung, die etwas frischen Wind in den Tempel brachte, der Herzschlag eines neuen Lebens. Es handelte sich um ein hastig aufgestelltes Gemälde der Unterstadtgöttin in all ihrer teuflischen, herrlichen Pracht. Diese Göttin war primitiv und roh, so, wie sie vielleicht gewesen war, bevor das Ministerium alles Leben aus ihr gesaugt und nur Sanftheit übriggelassen hatte: keine Pastellfarben wie auf dem rechten Bild, keine hübschen Vögel und Blumen. Dieses Bild strahlte lebendige Farben und Leidenschaft aus, Blut, Opferbereitschaft und Tod. Hier war Namrat keine Schmusekatze; er war ganz Raubtier: angespannte, geschmeidige Muskeln unter einem leuchtend orangen und schwarzen Pelz, große Augen, noch größere Zähne. Das Bild zeigte die Szene, in der die Göttin Namrat ihre Hand opferte, um seinen Hunger zu stillen und ihn so davon abzuhalten, uns zu jagen. Ein dummes, unnötiges Opfer, wenn man mich fragt, denn er folgt uns weiterhin. Sein Hunger ist niemals gestillt, und wir nennen ihn Tod. Na gut,ichvielleicht nicht, aber es ist klar, was ich meine. Unterstädter sind der Meinung, Namrat müsse bekämpft werden, erst dann erhält man seinen Lohn, wenn er seinen unvermeidlichen Sieg errungen hat – ein Lohn für den Kampf, nicht für das Opfer. Das kann ich zumindest respektieren, selbst wenn ich nicht daran glaube.

Ich wandte mich von den Gemälden ab und sah mich nach Pasha um. Ich entdeckte ihn auf der anderen Seite im Tempel. Der Junge klebte an seinen Fersen, als er Jake erreichte, und wie immer dackelte der menschliche Kleiderschrank namens Dog hinter ihr her. Dog – ein verdammt riesenhafter Bursche, ein Berg aus Muskeln, mit zum Sterben schönem, schwarz glänzendem Haar und genügend geistigen Fähigkeiten, um die Welt mit den erstaunten Augen eines Fünfjährigen zu betrachten – eines Fünfjährigen mit einem fetten Riesenschwert, das er auch benutzen konnte. Eine gefährliche Kombination, und einer der Gründe, weshalb ich mir angewöhnt hatte, immer ein paar Lutscher mit mir herumzutragen.

Jake sah von ihrem Gebet auf, und das Lächeln, das sie Pasha schenkte …

Auf meiner Stirn hätte »Ich bin ein Magnet für unerreichbare Frauen, besonders sie« tätowiert sein sollen. Vielleicht mit weniger Worten, so groß ist meine Stirn nicht. »Ich bin ein Idiot« oder so etwas.

Auch Jake hatte sich verändert, seit sie aus derHöhlegekommen war. Noch immer besaß sie die Grazie von zehn Tänzern, noch immer hatte sie diesen du-wirst-mich-niemals-kennen-Blick drauf, eine Eiskönigin, die darauf wartete zu schmelzen, aber weniger spröde, weniger schneidend. Sie hatte ihre hellrote Haarfarbe – ihren Protest, ihr Schild – verblassen lassen, und nun war es ein sanftes Schwarz. Sie band es auch nicht mehr nach hinten, sondern ließ es in geschmeidigen Locken ihr Gesicht und ihre Schultern einrahmen. Auch in ihre Augen hatte sich eine Sanftheit geschlichen, die besonders dann hervortrat – und ich wünschte, es wäre anders gewesen –, wenn sie Pasha ansah. Die beiden waren wie mit unsichtbaren Fäden aneinandergebunden, zusammengeschweißt durch das, was sie gemeinsam gesehen und durchgestanden, was sie zusammen erlebt hatten. Und selbst wenn ich Pasha ermordet hätte, so wäre mir die Chance, mit ihr zusammen zu sein, selbst in der Hölle verwehrt geblieben. Also musste ich mich mit dem zufriedenzugeben, was ich kriegen konnte.

Liebe Göttin, an dem Tag, an dem sie mich so anlächelt, werde ich anfangen, an dich zu glauben. Abgemacht?Was zur Hölle dachte ich da eigentlich?Lieber Rojan, es ist höchste Zeit, dass du darüber hinwegkommst. Amen.

Ich riss mich von dem Grund für mein blaues Auge los – denn es war ihr Name gewesen, den ich in jenem delikaten Moment ausgerufen hatte – und richtete meine Aufmerksamkeit auf die zweite Person in ihrer Begleitung.

Erlat lächelte und blickte hoch zu Dog, der aussah, als hätte ihn ein Vorschlaghammer voller Glückseligkeit getroffen. Das war keine Überraschung, schließlich war Erlat zu einem jadegleichen Schimmer aufpoliert, für das Auge ebenso wohltuend und ebenso schwer zu durchschauen. Sie war die Eleganz in Person, von dem geschmeidigen, dunklen Haar in ihrem Nacken bis zum aufreizenden Schnitt ihres Kleides und der Art, wie sie sich bewegte – als würde sie durch die Welt gleiten, ohne auch nur die kleinste Welle zu verursachen. Es schien, als hätte Dog vergessen, wie man sprach, denn er nickte nur dümmlich, als sie ihn ansprach, und er grinste wie das große Kind, das er war.

Aber selbst Erlats anmutige Haltung wirkte angespannt. Andauernd fummelte sie an ihren Haaren herum und blickte sich hastig nach den Oberstädtern um, die den Tempel füllten. Ich stellte mich neben sie und wollte sie fragen, worüber sie sich solche Sorgen machte, als die Gebete verstummten und eine tiefe, besänftigende Stimme vom Altar zu uns herabdröhnte. Erlat ignorierte mich, denn ihre Aufmerksamkeit galt dem Prediger.

Anfangs achtete ich nicht wirklich auf seine Worte, denn ich nahm an, dass es sich um den üblichen »Ist die Göttin nicht wunderbar, tut jetzt, was man euch sagt, und ihr bekommt ein nettes Leben nach dem Tod«-Gehirnwäsche-Mist des Ministeriums handelte. Stattdessen musterte ich die Gemeinde. Die zwei Göttinnen hätten mir bereits als Hinweis genügen sollen, aber vielleicht war ich an diesem Tag ein wenig schwer von Begriff.

Die meisten Ministeriumstempel verwehrten Unterstädtern den Zutritt und hielten ihre religiösen Praktiken für widerwärtig und ketzerisch. Über die Anfälle, die zahlreiche Priester bekommen hatten, als dieHöhlegeöffnet worden war, hatte ich mich noch Wochen später amüsiert. Wie vorherzusehen gewesen war, hatten die Unterstädter auf sie gepfiffen und ihre eigenen, kleineren Tempel gegründet, die meisten davon mit nur einem Raum, der sich wieder in ein Schlafzimmer zurückverwandelte, sobald die Predigt zu Ende war. Alles in allem nur ein weiterer Weg, ihren Hass auf »die anderen« zu schüren. Natürlich vollkommen verblödet, aber so sind Menschen. Warum jemanden mögen, wenn hassen so viel mehr Spaß macht?

Nur dass Pasha, Jake, Dog, Erlat und der Junge durch und durch Unterstädter waren, unübersehbar, und sie waren hier nicht die einzigen, nicht an diesem Tag. Dennoch ernteten sie keine schiefen Blicke, kein höhnisches Grinsen, und das war seltsam. Es schien fast so, als wären sie … willkommen. Ich konnte sogar das Zeichen ihrer Andachtsübung auf Erlats Hand entdecken, ein schwarzer Kreis auf ihrer Handfläche mit einem Tropfen Blut im Zentrum, ein Ritual, das den meisten Ministeriumsleuten die Haare zu Berge stehen ließ.

Dann begann das, was der Gastprediger vortrug, zu mir durchzudringen.

»Und so sind wir alle zu allererst Menschen«, sagte er. »Ober- oder Unterstädter, Ministeriumsmitglieder oder nicht, wir alle sind Glaubensgenossen. Dieser Mann«, er deutete auf einen Oberstädter, der bei dieser direkten Anrede zusammenzuckte, »dieser Mann möchte das Beste für seine Familie, möchte das, was ihnen rechtmäßig zusteht. Nahrung, Wärme, Geborgenheit. Dieser Mann«, sein Zeigefinger deutete auf einen von zwei Kindern flankierten Unterstädter, der ebenso wie sein Nachwuchs nichts weiter war als ein schattenhaftes Skelett in Lumpen, »will dasselbe. Hasst ihr einen der beiden dafür, dass sie sich ersehnen, wonach auch ihr euch sehnt?«

Ich ließ die schlichten Worte und die fast noch schlichtere Botschaft über mich hinwegschwappen, ohne sie richtig wahrzunehmen. Die Gemeinde hing an seinen Lippen, und ich konnte sehen, konntehören,warum. Die Worte spielten praktisch keine Rolle; es war die Ausdrucksstärke seiner Stimme, die fließende Sanftheit darin, die pure Überzeugungskraft, die jede Silbe erfüllte. Es war schwierig, sich nicht davon mitreißen zu lassen, ungeachtet dessen, wie simpel die Predigt war, aber es gelang mir – spätestens, als er darüber zu sprechen begann, dass wir die Göttin dafür preisen sollten, dass sie uns diese Prüfung auferlegt hatte, uns diese Chance bot, ihr zu zeigen, wie stark unser Glaube tatsächlich war. Dankbar sein, weil wir langsam und qualvoll verhungerten?Was für ein Haufen gequirlte Scheiße, war alles, was ich denken konnte.

Dennoch war überaus aufschlussreich, wer sich unter den Zuhörern befand. Einer der Anwesenden war ein bedeutender Fürsprecher der Unterstädter, der sich oft und eloquent für sie eingesetzt hatte und meistens von allen ignoriert wurde. Einen anderen erkannte ich als seinen Gegenpart unter den Oberstädtern. Wahrscheinlich waren sie Sprecher der jeweiligen Fraktionen. Soweit ich wusste, handelte es sich bei beiden um standhafte, vernünftige Männer, und vielleicht war das der Grund, weshalb sie so wenig Erfolg hatten. Du willst, dass sich was verändert? Besorg dir jemanden voll glühender Leidenschaft, einen Extremisten, der denkt, dass er »das Richtige« tut, und der jeden ebenso entflammen kann wie sich selbst. So einem folgen die Menschen. Weniger gern folgen sie jemandem, dessen zentrale Botschaft lautet: »Ich glaube, wir sollten alle lieb und nett zueinander sein.«

Dieser Prediger aber war anders, denn obwohl genau das seine Botschaft war, ereiferte er sich dafür. Vielleicht war er ein Extremist der besonderen Art, aber wenn jemand brennt, werden sich andere an seiner Flamme wärmen, ganz gleich, wie ungezügelt sie um sich leckt und wie sehr sie die Vorhänge, das Haus, die Stadt oder die Welt verschlingt.

Es spiegelte sich in den Augen der Menschen, die bei ihm am Altar standen: zwei Ministranten, die seiner Predigt mit hingebungsvoller Aufmerksamkeit folgten, und eine Frau, in Wahrheit kaum mehr als ein Mädchen, vielleicht zwanzig, die etwas Kindliches an sich hatte. Vor allem, um meine Gedanken von Jake abzulenken, beobachtete ich sie, während ihr bewundernder Blick auf dem Priester ruhte und sich anschließend auf die Darstellung der Göttin richtete – auf die lebhaftere der beiden. Sie war zweifellos eine Unterstädterin, aber das kümmerte mich nicht, wie sie so dastand, mit ernsten Augen und in einer anständigen Pose, die jedoch von der Stärke ihres Blickes Lügen gestraft wurde.

Sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, und das schien sie zu erschrecken, aber ich setzte mein gutes, altes, treuherziges, unfehlbares Lächeln auf, das sie sogleich erwiderte. Sie war auf himmlische Weise hübsch, mit ihrem kurzen, schwarzen Haar, das frei schwebte, ihrem blau-weißen Teint, der sie wie ein Wesen aus einer anderen Welt wirken ließ, und diesem Glühen in ihren Augen.

Der Priester warf mir einen ist-das-nicht-unpassend-während-einer-Predigt-Blick zu. Ich überließ ihn sich selbst, ebenso wie das Mädchen, von dem ich mich mit einem Zwinkern verabschiedete, das sie hinter vorgehaltener Hand zum Kichern brachte. Der Prediger runzelte die Stirn und stockte in seiner Rede. Ich wandte mich wieder der Kirchengemeinde zu, bevor er irgendjemanden anweisen konnte, mich rauszuwerfen.

Der größte Schock war die Ansammlung von Menschen an der Rückseite des Tempels. Die fette, schmierige Selbstgefälligkeit, die sie zur Schau stellten, und die starren Masken aus Mitleid, die – zumindest für mich – nach Falschheit stanken, verrieten, dass es sich um irgendwelche hohen Tiere im Ministerium handeln musste. Nur ein Gesicht war frei von Falschheit, ein Gesicht, das ich gut kannte: das meines Bruders Perak. Der neue Erzdiakon.

Um die Wahrheit zu sagen: Es war peinlich. Ich war vielleicht die einzige Person in der Stadt, die nicht an die Göttin glaubte – zumindest die einzige, die ich kannte – und mein Bruder »leitete« das Ministerium, war Sprachrohr der Göttin. Aber vielleicht, und nur vielleicht hatte die Stadt Mahala eine Chance, wenn der Rest des Ministeriums ihn irgendetwastunlassen würde, ohne gleich einen kollektiven Schlaganfall zu erleiden.

Zumindest stellte Perak eine deutliche Verbesserung zum alten Erzdiakon dar. Er war kein sadistischer Bastard, und das war schon mal gut. Außerdem war er präsenter – der alte Erzdiakon hatte sich stets bedeckt gehalten, aber Peraks Offenheit, seine Bereitschaft, zu sehen und gesehen zu werden, steigerte seine Beliebtheit sogar in den unteren Bezirken der Stadt. Die Kardinäle dagegen, von denen er steif behauptete, sie würden seiner Führung folgen, waren deswegen ziemlich angepisst. Mit seinem Erscheinen im Tempel stellte er wieder einmal seine Volksnähe unter Beweis.

Perak beobachtete den neuen Prediger genau, während sein Gefolge sein Bestes tat, den hiesigen Proleten nicht allzu nahe zu kommen. Einer von ihnen beobachtete Dog entgeistert dabei, wie er gewissenhaft sein Asche-und-Blut-Ritual durchführte, wobei er hochkonzentriert die Zunge rausstreckte. Es war überaus verlockend, zu dem Ministeriumsmitglied hinüberzugehen und das Ritual selbst durchzuführen, nur um zu sehen, wie schnell er sich bewegen konnte, aber ich hielt mich zurück.

Perak murmelte etwas, und es war interessant, die Reaktionen der Kardinäle ringsum zu beobachten: Sie reichten von einem knappen, ernsten Nicken einer Frau in den Vierzigern mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, die in eine Kardinalrobe gekleidet war, bis hin zu unverhohlenem Starren auf Peraks Rücken. Einem besonders fetten und selbstgefälligen Kardinal schien ihm etwas im Halse zu stecken – vielleicht hätte er Perak auch einfach mit Vergnügen an Ort und Stelle erdrosselt. Es war unübersehbar, dass Peraks Herrschaft als Erzdiakon nicht unbedingt glatt lief.

Ich ließ meinen Blick über seine kleine Gefolgschaft schweifen – Bischöfe und Kardinäle, den üppigen Roben nach zu urteilen, und keiner von ihnen wirkte glücklich darüber, hier zu sein. Das Ministerium hatte bislang nie einen Dreck auf irgendwas oder irgendwen inUnterhandelgegeben, hatte sich noch nie herunter gewagt, an den Ort, an dem die Sonne selbst davor zurückschreckte zu scheinen. Alles, was sie interessierte, war ein ausreichender Vorrat an Energie für die Fabriken und Menschen, die darin arbeiteten, die sie unterdrücken und zu Sklaven zugunsten ihres eigenen Wohlstands degradieren konnten.

Vielleicht gab Perak ihnen einen Schubs in die richtige Richtung, aber die Informationen, die ich gelesen, aufgeschnappt oder aus Informanten herausgekitzelt hatte, ließen es immer mehr so aussehen, als würden sie auf diesen Schubs mit etwas anderem antworten: einer Art Messerstich in seinen Rücken.

Die Predigt endete, und der Klingelbeutel ging herum. Perak spendete genug, um ein Dutzend Familien für eine Woche durchzufüttern, vorausgesetzt natürlich, sie fanden Nahrung, die sie kaufen konnten. Auch die anderen spendeten, manche mehr, manche weniger willig. Der fette Kardinal wirkte geradezu so, als würde er darüber nachdenken, den Inhalt der Kollekte selbst einzustecken.

Verbittert sah ich mich im Tempel um. Sie waren alle Idioten, jeder Einzelne. Weil sie dachten, die Göttin könnte helfen, würde helfen, oder dass das Beten eine nützliche Tätigkeit wäre. Niemand konnte uns helfen, außer wir uns selbst. Ich wollte es hinausschreien, wollte ihnen allen sagen, wie sinnlos das alles war, aber da erhaschte ich einen Blick auf Peraks Gesicht, das vor Glauben förmlich strahlte, sah in Erlats Augen, in denen eine neu erwachte Hoffnung glomm, und ich konnte es nicht tun.

Stattdessen wandte ich mich auf dem Absatz um und eilte hinaus in den Regen, der eine willkommene Abwechslung zu all der Frömmigkeit darstellte. Galle brodelte in meinem Magen wie verdorbenes Bier. Zumindest wusste ich, was all die Wachen zu bedeuten hatten – bei Erscheinen des Erzdiakons persönlich würden sie nichts dem Zufall überlassen.

»Hallo, Rojan.«

Die Stimme war kaum mehr als ein Wispern und erklang direkt neben meinem Ohr. Der Klang meines wirklichen Namens ließ mein Herz fast stillstehen. Ein Mann stand vor mir, dessen Gesicht unter dem schlaffen Schnauzer von Sorge gezeichnet war. Er strahlte eine gewisse Nervosität aus, wie jemand, der an zu viele Dinge gleichzeitig dachte. Er trug die Kleidung eines Gardisten, obwohl er keiner war. Dench. Er war Befehlshaber der Spezialeinheit, und nur der kleinste Hinweis auf diese Truppe verursachte im Allgemeinen schweißnasse Handflächen, Schuldbewusstsein und Massenpaniken – die Elitegarde des Ministeriums, die Jahre damit verbracht hatte, verurteilte Verbrecher in dieHöhlehinunterzuschicken, ohne zu registrieren, dass sie Teil einer schrecklichen Maschinerie waren.

»Sie müssen mich verwechseln.« Ich versuchte, mich an ihm vorbeizudrängen, aber er ließ sich nicht beirren.

»Komm mir nicht mit diesem Scheiß, du drückebergerischer Bastard. Keine Sorge, niemand hat irgendwas mitgekriegt. Wollte nur sehen, wie´s dir so geht, das ist alles.«

Na klar, und ich bin eine Banane.»Wie´s mir geht? Gut. Beschäftigt. Du weißt ja.«

Ein Lächeln brachte seinen Schnauzer zum Zucken. »Ich hab davon gehört. Du leistest gute Arbeit, mit der Magie und allem, diesem Ersatz für Glimm. Drei Fabriken habt ihr mittlerweile wieder zum Laufen gebracht, nicht wahr?«

»Wenn alles klappt, sind´s nächste Woche vier. Und dadurch haben wir auch mehr Licht und etwas mehr Wärme. Rechtzeitig, bevor der Winter kommt.«

Mit unseren Nahrungsvorräten würden wir noch für eine Weile über die Runden kommen, obwohl wir alle abmagerten und ich den größten Teil des Tages mit knurrendem Magen herumlief. Aber Wärme, oder vielmehr das Fehlen davon, würde früher oder später unser Hauptproblem werden, wenn wir nichts dagegen unternahmen. Im tiefsten Winter wurde es meistens so kalt, dass einem die Eier abfroren. »Wir finden immer wieder neue Magier. Aber es wird nicht reichen, um das zurückzubringen, was wir einmal hatten.«

Dench seufzte tief. »Das habe ich befürchtet. Ich bin noch immer dabei, nach deiner letzten Schweinerei aufzuräumen. Also hör auf damit, verstanden? Auf den Straßen wird es immer schlimmer. Und als wäre das noch nicht genug, habe ich die Leichen von vier toten Unterstädtern mit durchgeschnittenen Kehlen auf dem Tisch und ich hab keine Ahnung, wer´s getan hat. Und es wird noch schlimmer werden, wenn wir nicht …«

Wie um seine Worte zu unterstreichen, erwachte ein Tumult im Durchgang am Straßenende. Eine barsche Stimme schrie unverständliche Worte, untermalt von hastigen Schritten und dem fast unhörbaren Geräusch, mit dem Knöchel auf Fleisch trafen. Dench schoss wie ein fleischgewordener Blitz davon, und ich folgte ihm, hauptsächlich aus Neugier. Meine Hand lag auf meiner Strahlenpistole, nur für alle Fälle.

Der Anblick, der uns in dem Durchgang erwartete, hielt mich auf, als wäre ich in eine Ziegelmauer gerannt. Eine Leiche, verrenkt und zerschmettert. Ihr Blut tropfte mit einem steten Platschen durch das Metallgitter des Brückenwegs. Dench hockte sich daneben und drehte die Leiche herum. Jemand hatte die Kehle des Opfers so sehr mit einem Messer bearbeitet, dass die Wirbelsäule feucht im unbeständigen Licht hervorblitzte.

»Göttin, Heilige und Märtyrer«, murmelte Dench. »Jetzt ist die Kacke richtig am Dampfen.«

Jemand hinter mir übergab sich lauthals, und ich selbst war auch nicht mehr weit davon entfernt. Das von Blut bedeckte Gesicht war das eines Jungen, der nicht älter als zwölf oder dreizehn sein konnte. Ohne Frage ein Unterstädter. Das arme Schwein: hatte die Schrecken derHöhlenur überlebt, um in Freiheit ermordet zu werden.

Die Wachen versuchten, die Passanten zurückzudrängen, aber da die Predigt nun vorbei war, leerte sich der Tempel rasch, und das Pub auf der anderen Seite des Wegs spuckte ebenso viele Menschen aus, die meisten davon dicht von dem ätzenden Fusel, den irgendwer in seiner Badewanne zusammengepanscht hatte, und auf der Suche nach Streit. Es war, als versuchte man, den Wind zurückzuhalten.

»Die Wachen.« Die Stimme eines Jungen, schrill vor Furcht und Hass, mit einem Unterstadtakzent. »Die Wachen, sie haben ihn umgebracht! Sie waren es, die all die Unterstadtjungen getötet haben!«

Dench wirbelte herum, aber es war bereits zu spät. Die Menge wurde unruhig, andere Stimmen wurden laut, Unter- wie Oberstädter gleichermaßen. Zwei Gardisten gingen unter dem plötzlichen Ansturm der Menge zu Boden.

Mit einem Mal befanden wir uns inmitten eines Strudels aus Armen, halb sichtbaren Gesichtern, Blut, Schreien und dem Feuern einer Pistole. Nicht einmal das hielt die Meute auf. Der ganze Hexenkessel kochte auf und schwappte über, genau hier, bei den Stufen zum Tempel: Garde gegen Bevölkerung, Ober- gegen Unterstädter, und jeder war verängstigt und hungrig und fror, schon seit Wochen. In Wahrheit war es nur eine Frage der Zeit gewesen.

Ich zog mich in den Eingangsbereich eines verschlossenen Geschäfts zurück, in die Ecke gedrängt von einem vorrückenden Mob – zwei vorrückenden Mobs, drei, wenn man die Wachen mitzählte. Irgendwo da drin musste auch Dench sein, der in zornigen Menschen ertrank – ich konnte ihn nicht sehen, aber ich konnte ihn fluchen hören. Wahrscheinlich zählte er allein bereits als Mob.

Verzweifelt sah ich mich um und entdeckte Pasha und Jake am oberen Ende der Tempelstufen, jenseits der Menge, die dieses Ende des Wegs erobert hatte. Jakes Hände lagen auf ihren Schwertern, und der harte, spröde Ausdruck war in ihr Gesicht zurückgekehrt. Ich fühlte Pashas Stimme mehr, als dass ich sie hörte, und zur Abwechslung musste er mich nicht lange bitten.

Mach schon, schnell!

Ich brauchte keine Stützen, keinen Kleidungsfetzen und kein Bild, nicht um Jake zu finden, die sich in mein Herz und mein Hirn eingebrannt hatte. Ich ging in die Hocke, gerade rechtzeitig, um einem Geschoss zu entgehen, das gegen die Tür knallte und Glas und Fusel auf mich herabregnen ließ. Ein kurzes Anspannen meiner ruinierten Hand reichte, schon tauchte ihr Bild in meinem Kopf auf. Dieser Teil war schrecklich einfach; ihre Augen, der Mund, der mich anlächelte, wenn ich Glück hatte oder mich anständig verhielt, ihre Hände, die danach lechzten, die Schwerter zu benutzen.

Eine Welle des Schmerzes, der Magie, der puren Glückseligkeit brandete über mich hinweg, der Köder des Nichts, sogar noch verlockender als sie. Eine kurze Umgestaltung meines Aufenthaltsorts, und schon lag ich vor ihr auf den Knien und tat mein Bestes, nicht auf ihre Stiefel zu reihern.