Vor dem Fall - Noah Hawley - E-Book

Vor dem Fall E-Book

Noah Hawley

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Beschreibung

An einem nebligen Abend startet ein Privatjet zu einem Flug nach New York. Wenige Minuten später stürzt er in den Atlantik. Nur der Maler Scott Burroughs und der vierjährige JJ überleben inmitten der brennenden Trümmer. Und Scott gelingt das Unmögliche: Er schafft es, den Jungen an das weit entfernte Ufer zu retten. Während die Suchtrupps fieberhaft nach den Leichen und der Blackbox fahnden, greifen immer abstrusere Verschwörungstheorien um sich. Scott versucht verzweifelt, sich den Medien zu entziehen – und gerät dabei in eine Welt der Intrigen und Manipulationen, in der niemand vor dem brutalen Fall ins Nichts geschützt ist.

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Buch

An einem nebligen Abend startet eine Privatmaschine von der noblen Ferieninsel Martha’s Vineyard zu einem kurzen Flug nach New York. Nur wenige Minuten später stürzt sie aus ungeklärten Ursachen in den Atlantik. Alle Passagiere sterben – nur der Maler Scott Burroughs und JJ, der vierjährige Sohn des Medienmoguls David Bateman, der die Maschine gechartert hatte, überleben inmitten der brennenden Trümmer, die im Meer verstreut sind.

Das Unglück erregt sofort höchstes öffentliches Interesse. Die Polizei versucht fieberhaft, die Blackbox zu finden und die Absturzursache zu klären, doch derweil drängen sich neue Fragen und Ereignisse zunehmend in den Vordergrund. Während immer abstrusere Verschwörungstheorien um sich greifen, versucht Scott, sich der Verfolgung durch die Medien zu entziehen, die ihn quotensteigernd zum Helden stilisieren wollen. Dann, als Scott sich verweigert, beginnen sie gnadenlos Jagd auf ihn zu machen: Ist es nicht verdächtig, dass er untergetaucht ist? Dass er immer Bilder von Katastrophen malt? Und warum war er überhaupt an Bord der Unglücksmaschine?

Autor

Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er ist Autor, Drehbuchschreiber und Produzent, und wurde für seine Arbeit bereits mit dem Emmy und dem Golden Globe ausgezeichnet. Unter anderem schrieb und produzierte er die erfolgreiche Serie »Bones – Die Knochenjägerin« und die TV-Adaption des Spielfilms »Fargo« der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

Noah Hawley

VOR DEM FALL

Roman

Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Before the Fall«

bei Grand Central Publishing, Hachette Book Group, New York, NY.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Noah Hawley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: plainpicture / Virginie Plauchut

Redaktion: Ulla Mothes

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-17050-9V001

www.goldmann-verlag.de

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EIN PRIVATFLUGZEUG STEHT an der Startbahn auf Martha’s Vineyard. Die vordere Treppe ist herabgelassen. Es ist eine neunsitzige OSPRY 700 SL, gebaut 2001 in Wichita, Kansas. Wem sie gehört, ist schwer zu sagen. Der eingetragene Eigner ist eine niederländische Holdinggesellschaft mit einer Postadresse auf den Cayman Islands, aber der Name im Logo auf dem Leitwerk lautet GullWing Air. Der Pilot, James Melody, ist Brite. Charlie Busch, der Erste Offizier, kommt aus Odessa, Texas. Die Stewardess, Emma Lightner, ist in Mannheim in Deutschland geboren, Tochter eines amerikanischen Air-Force-Lieutenants und seiner Frau, die damals im Teenageralter war. Sie zogen nach San Diego, als Emma neun war.

Jeder geht seinen eigenen Weg. Trifft seine Entscheidungen. Wie es kommt, dass zwei Leute zur selben Zeit am selben Ort sind, ist Schicksal. Man steht mit einem Dutzend Fremden im Aufzug. Man fährt mit dem Bus, wartet vor der Toilette. Das passiert jeden Tag. Jeder Versuch vorauszusagen, wo wir hingehen und wem wir da begegnen werden, wäre sinnlos.

Weiches Halogenlicht fällt durch die offene Kabinentür, anders als das harte Gleißen der Leuchtstofflampen in den Linienmaschinen. In zwei Wochen wird Scott Burroughs in einem Interview mit dem New York Magazine sagen, was ihn bei seinem ersten Flug mit einem Privatjet am meisten überrascht habe, sei nicht die Beinfreiheit oder die voll ausgestattete Bar gewesen, sondern die persönlich wirkende Einrichtung, als sei von einer bestimmten Einkommenshöhe an ein Flugzeug nur eine andere Art von Zuhause.

Es ist ein milder Abend auf der Insel, zwanzig Grad bei leichtem Südostwind. Die planmäßige Abflugzeit ist zweiundzwanzig Uhr. Während der letzten drei Stunden ist dichter Küstennebel über dem Sund aufgezogen, und undurchsichtige weiße Schwaden wehen über den flutlichtbeleuchteten Asphalt.

Zuerst erscheint die Familie Bateman, Vater David, Mutter Maggie und die beiden Kinder Rachel und JJ mit ihrem Inselwagen, einem Land Rover. Es ist Ende August, und Maggie und die Kinder waren den ganzen Monat auf Martha’s Vineyard, während David an den Wochenenden von New York herübergeflogen ist. Es ist schwierig für ihn, öfter wegzukommen, so gern er es auch einrichten würde. David arbeitet im Entertainment Business. So nennen die Leute in seiner Branche die Fernsehnachrichten heute. Es ist ein Hexenkessel aus Informationen und Meinungen.

Er ist Mitte fünfzig, ein hochgewachsener Mann mit einer einschüchternden Telefonstimme. Fremde, die ihm zum ersten Mal begegnen, sehen überrascht, wie groß seine Hände sind. Sein Sohn JJ ist im Auto eingeschlafen, und während die andern auf das Flugzeug zugehen, beugt David sich hinten in den Wagen und hebt JJ behutsam und mit einem Arm vom Sitz. Der Junge schlingt seinem Vater instinktiv die Arme um den Hals, und sein Gesicht ist entspannt im Schlaf. Sein warmer Atem lässt David einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Er spürt den Hüftknochen seines Sohnes unter der Handfläche, und die Beine baumeln an seiner Seite. Mit vier ist JJ alt genug, um zu wissen, dass Menschen sterben, aber zu jung, um zu begreifen, dass es ihn eines Tages auch treffen wird. David und Maggie nennen ihn ihr Perpetuum mobile, denn eigentlich ist er den ganzen Tag nonstop in Bewegung. Als er drei war, bestand seine Kommunikation hauptsächlich darin zu brüllen wie ein Dinosaurier. Jetzt ist er der König der Unterbrechungen; er hinterfragt jedes Wort, das sie sagen, mit scheinbar endloser Geduld, bis man ihm antwortet oder ihn zum Schweigen bringt.

David stößt die Wagentür mit dem Fuß zu. Das Gewicht seines Sohnes bringt ihn fast zum Straucheln, zumal er sich mit der freien Hand das Telefon ans Ohr hält.

»Richten Sie ihm aus, wenn er auch nur ein Wort darüber verliert, werden wir ihn mit biblischen Klagen überziehen, bis er glaubt, es regnet Anwälte vom Himmel wie Frösche.«

Mit seinen sechsundfünfzig Jahren trägt David eine hartnäckige Fettschicht am Körper. Er hat ein kräftiges Kinn und dichtes Haar. In den Neunzigerjahren hatte David sich einen Namen als Wahlkampfleiter gemacht – für Gouverneure, Senatoren und einen Präsidenten, der zwei Amtsperioden hinter sich brachte –, aber 2000 zog er sich zurück, um eine Lobbyfirma in der K-Street zu übernehmen. Zwei Jahre später trat ein alternder Milliardär mit dem Vorschlag an ihn heran, einen Vierundzwanzig-Stunden-Nachrichtensender zu eröffnen. Jetzt, nach fünfzehn Jahren und dreizehn Milliarden Dollar Umsatz, hat David ein Büro im obersten Stockwerk mit bombensicheren Glasfenstern, und er hat Zugang zum Firmenjet.

Die Kinder bekommt er nicht oft genug zu sehen. Darin sind David und Maggie sich einig, aber sie streiten sich trotzdem regelmäßig deswegen. Genauer gesagt, sie spricht das Thema an, und er geht in die Defensive, obwohl er im Grunde seines Herzens genauso empfindet wie sie. Aber geht es in einer Ehe nicht genau darum, dass zwei Leute um das Landrecht an denselben fünfzehn Zentimetern streiten?

Jetzt kommt auf dem Rollfeld ein böiger Wind auf. David, der immer noch telefoniert, schaut hinüber zu Maggie und lächelt. Das Lächeln sagt: Ich bin froh, dass ich hier bei euch bin. Es sagt: Ich liebe dich. Aber es sagt auch: Ich weiß, ich bin schon wieder mitten in einem geschäftlichen Telefongespräch, und du musst es mir nachsehen. Es sagt: Wichtig ist, ich bin hier, und wir sind alle zusammen.

Es ist ein Lächeln, das um Verzeihung bittet, aber es liegt auch stählerne Härte darin.

Maggie lächelt zurück, aber flüchtiger und trauriger. Die Wahrheit ist, sie hat es nicht mehr in der Hand, ob sie ihm verzeiht oder nicht.

Sie sind seit knapp zehn Jahren verheiratet. Maggie ist sechsunddreißig, eine ehemalige Vorschullehrerin, die kleine Jungs dazu bringt, über sie zu fantasieren, noch bevor sie verstehen, was das bedeutet – eine Fixierung auf die Brust, die kleine Kinder und Teenager gemeinsam haben. Miss Maggie, wie sie damals hieß, war fröhlich und liebevoll. Sie kam jeden Morgen früh um halb sieben, um aufzuräumen, und blieb noch lange nach Feierabend, um Berichte zu schreiben und an ihrem Unterrichtsplan zu arbeiten. Miss Maggie war eine sechsundzwanzigjährige junge Frau aus Piedmont, Kalifornien, die den Lehrerberuf mochte. Sie liebte ihn. Sie war für diese Fünfjährigen die erste Erwachsene, die sie ernst nahm, die sich anhörte, was sie zu sagen hatten, und die sie behandelte, als wären sie schon groß.

Das Schicksal, wenn man es so nennen möchte, führte Maggie und David an einem Donnerstagabend zu Beginn des Frühlings 2005 in einem Ballsaal im Waldorf Astoria zusammen. Der Ball war eine Wohltätigkeitsgala für eine Bildungsstiftung. Maggie war mit einer Freundin da, und David war im Vorstand. Sie war die bescheidene Schönheit im Blumenkleid und hatte Fingerfarbe in der rechten Kniekehle. Er war der schwergewichtige Mann mit dem Haifischcharme im zweireihigen Anzug. Sie war nicht die jüngste Frau auf der Gala, nicht einmal die hübscheste, aber sie war die einzige, die Kreide in der Handtasche hatte, die einzige, die einen Vulkan aus Pappmaché bauen konnte und einen rot-weiß gestreiften Zylinderhut wie in dem Buch Der Kater mit Hut besaß, den sie jedes Jahr an Dr. Seuss’ Geburtstag in der Schule trug. Mit anderen Worten, sie war alles, was David sich bei seiner Ehefrau je gewünscht hatte. Er entschuldigte sich bei seinen Bekannten und machte sich an sie heran, und sein Lächeln ließ die Jacketkronen blitzen.

Rückblickend gesehen hatte sie nie eine Chance.

Zehn Jahre später haben sie zwei Kinder und ein Townhouse in der York Avenue. Rachel ist neun und geht mit hundert anderen Mädchen auf die Brearley School. Maggie, die jetzt nicht mehr als Lehrerin arbeitet, bleibt zu Hause bei JJ, wodurch sie sich von den Frauen ihres Standes – den sorgenfreien Gattinnen millionenschwerer Workaholics – unterscheidet. Wenn sie morgens mit ihrem Sohn in den Park spaziert, ist sie die einzige Mutter auf dem Spielplatz. Alle anderen Kinder sitzen in europäischen Designerkinderwagen, geschoben von Inselfrauen mit Handy am Ohr.

Jetzt, auf dem Rollfeld des Flughafens, zieht Maggie ihre sommerliche Strickjacke fröstelnd ein bisschen fester zusammen. Die Nebelschwaden sind zu einer träge rollenden Brandung geworden, die mit gletscherhafter Geduld über den Asphalt kriecht.

»Meinst du wirklich, dass es okay ist, jetzt zu fliegen?«, fragt sie den Rücken ihres Mannes. Er ist oben an der Treppe angekommen, wo Emma Lightner, die Stewardess in ihrem adretten blauen Kostüm, ihn lächelnd begrüßt.

»Das ist kein Problem, Mom«, sagt Rachel, die hinter ihrer Mutter geht. »Man muss ja nichts sehen, um ein Flugzeug zu fliegen.«

»Nein, ich weiß.«

»Es gibt Instrumente.«

Maggie lächelt ihr beifällig zu. Rachel trägt ihren grünen Rucksack – mit den Tributen von Panem, ihren Barbies und dem iPad –, und beim Gehen schlägt er ihr rhythmisch ins Kreuz. Ein so großes Mädchen! Schon mit neun lässt sie die Frau erkennen, die sie einmal werden wird. Eine Professorin, die geduldig abwartet, bis du deine Fehler selbst erkennst. Mit anderen Worten, die klügste Person im Raum, aber keine Wichtigtuerin. Niemals. Eine Frau mit einem guten Herzen und einem melodischen Lachen. Die Frage ist, sind ihr diese Eigenschaften angeboren, oder hat das, was passiert ist, die Saat dazu gelegt? Das Verbrechen in ihrer Kindheit? Irgendwo online findet sich die ganze Geschichte in Worten und Bildern – Filmmaterial aus den Nachrichtenarchiven auf YouTube, mehrere hundert Stunden Berichterstattung, alles in dem großen kollektiven Gedächtnis aus Nullen und Einsen. Ein Autor aus New York wollte im vergangenen Jahr ein Buch schreiben, aber David hat dieses Projekt geräuschlos abgewürgt. Rachel ist schließlich noch ein Kind. Wenn Maggie daran denkt, was alles hätte schiefgehen können, hat sie manchmal Angst, ihr Herz bleibt stehen.

Instinktiv wirft sie einen Blick hinüber zum Range Rover, wo Gil ihre Ankunft durchgibt. Gil ist ihr Schatten, ein großer Israeli, der niemals das Jackett ablegt. Domestic Security nennt man jemanden wie ihn in ihrer Einkommensklasse. Knapp eins neunzig, hundertneunzig Pfund. Es gibt einen Grund, weshalb er das Jackett nie ablegt, aber über diesen Grund spricht man in höflichen Kreisen nicht. Gil ist jetzt schon vier Jahre bei den Batemans. Vor Gil kam Misha, und vor Misha kam das Einsatzkommando aus humorlosen Männern in Anzügen und mit automatischen Waffen im Kofferraum. In ihrer Zeit als Lehrerin hätte Maggie bei einer solchen militärischen Invasion in ihr Familienleben vielleicht verachtungsvoll den Mund verzogen. Die Vorstellung, Geld mache sie zur Zielscheibe für Gewalttäter, hätte sie als narzisstisch bezeichnet. Aber das war vor den Ereignissen im Juli 2008, vor der Entführung ihrer Tochter und den qualvollen drei Tagen, die es dauerte, bis sie wieder da war.

Auf der Treppe der OSPRY dreht Rachel sich um und winkt wie eine Königin über das leere Rollfeld hinaus. Sie trägt eine blaue Fleecejacke über dem Kleid, und ihr Haar ist mit einer Schleife zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die meisten Hinweise darauf, dass diese drei Tage für Rachel traumatisch waren, liegen im Verborgenen: Angst vor engen Räumen, eine gewisse Beklommenheit in Anwesenheit fremder Männer. Aber mein Mädchen war immer ein fröhliches Kind, denkt Maggie, eine quirlige Spaßmacherin mit einem durchtriebenen Lächeln, und auch wenn sie es sich nicht erklären kann, dass ihre Tochter das alles nicht verloren hat, ist Maggie doch jeden Tag dankbar dafür.

»Guten Abend, Mrs Bateman«, sagt Emma, als Maggie oben an der Tür ankommt.

»Hi, danke«, sagt Maggie reflexartig. Wie immer hat sie das Bedürfnis, sich für ihren Reichtum zu entschuldigen, nicht unbedingt für den ihres Mannes, sondern für ihren eigenen in seiner ganzen Unfassbarkeit. Vor nicht allzu langer Zeit war sie noch eine Vorschullehrerin, die sich in einem sechsgeschossigen Mietshaus eine Wohnung mit zwei nicht gerade sympathischen Frauen geteilt hat, ganz wie Aschenputtel.

»Ist Scott schon hier?«, fragt sie.

»Nein, Ma’am. Sie sind die Erste. Ich habe eine Flasche Pinot Gris vorbereitet. Möchten Sie ein Glas?«

»Im Moment nicht, danke.«

Das Innere des Flugzeugs verströmt zurückhaltenden Luxus. Die gewölbten Wände sind mit elegant geripptem Eschenholz verkleidet, die Sitze mit grauem Leder bezogen und entspannt paarweise angeordnet, als werde man den Flug mit einem Gegenüber besser genießen. Es riecht förmlich nach Geld, und die Atmosphäre ist gedämpft wie in einer Präsidentenbibliothek. Maggie ist zwar schon oft so geflogen, aber sie kommt immer noch nicht über dieses Ausmaß an Überfluss hinweg. Ein ganzes Flugzeug nur für sie.

David legt seinen Sohn auf den Sitz und deckt ihn zu. Er ist schon beim nächsten Telefonat, und die Sache ist offensichtlich ernst – das sieht Maggie an seinem grimmig vorgeschobenen Kinn. Der Junge auf dem Sitz regt sich, aber er wird nicht wach.

Rachel schaut ins Cockpit, um mit den Piloten zu sprechen. Das macht sie immer: Sie sucht die jeweiligen Verantwortlichen auf und löchert sie mit Fragen. Vor der Tür zum Cockpit sieht sie Gil, der die Neunjährige im Auge behält. Neben seiner Pistole trägt er einen Taser und Plastikhandschellen bei sich. Er ist der stillste Mann, dem Maggie je begegnet ist.

David hält das Telefon ans Ohr und drückt Maggies Schulter mit der anderen Hand.

»Freust du dich, dass du zurückkommst?« Er hält das Telefonmikro zu.

»Halb und halb«, sagt sie. »Es ist schön hier draußen.«

»Du könntest noch bleiben. Ich meine, wir haben diese Sache am nächsten Wochenende, aber davon abgesehen – warum nicht?«

»Nein«, sagt sie. »Die Kinder müssen in die Schule, und ich habe die Museumsvorstandssitzung am Donnerstag.« Sie lächelt ihn an. »Ich habe nicht so gut geschlafen«, sagt sie. »Bin müde.«

David wirft einen Blick über ihre Schulter und runzelt die Stirn.

Maggie dreht sich um. Ben und Sarah Kipling stehen oben auf der Treppe. Sie sind ein reiches Ehepaar Anfang fünfzig, eher Davids als ihre Freunde. Sarah quiekt trotzdem, als sie Maggie sieht.

»Darling«, sagt sie und breitet die Arme aus.

Sie umarmt Maggie, und die Stewardess steht unbeholfen hinter ihnen mit einem Tablett voll Gläser.

»Entzückend, dein Kleid«, sagt Sarah.

Ben schiebt sich an seiner Frau vorbei auf David zu und schüttelt ihm energisch die Hand. Er ist Partner in einer der vier großen Wallstreet-Firmen, ein blauäugiger Haifisch in einem maßgeschneiderten blauen Button-down-Hemd und weißen Shorts mit Gürtel.

»Hast du das beschissene Spiel gesehen?«, fragt er. »Wie konnte er diesen Ball verfehlen?«

»Lass mich gar nicht erst dran denken«, sagt David.

»Ich meine, ich hätte diesen Scheißball erwischt, und ich habe Hände wie French Toast.«

Die beiden Männer stehen dicht voreinander und ahmen Baseballposen nach, zwei große Böcke mit Freude am Kampf.

»Er hat ihn im Scheinwerferlicht nicht gesehen«, vermutet David, und dann fühlt er, dass sein Telefon wieder vibriert. Er wirft einen Blick auf das Display, zieht die Augenbrauen zusammen und tippt eine Antwort. Ben wirft einen Blick über die Schulter, und seine Miene wird nüchtern. Die Frauen plaudern, und er lehnt sich herüber.

»Wir müssen reden, mein Freund.«

David schüttelt den Kopf. Er tippt immer noch. »Nicht jetzt.«

»Ich habe dich ein paar Mal angerufen«, sagt Kipling. Er will weitersprechen, aber Emma steht mit Drinks hinter ihnen.

»Glenlivet on the rocks, wenn ich mich recht erinnere«, sagt sie und reicht ihm ein Glas.

»Sie sind ein Schatz«, sagt Ben und leert das Glas in einem Zug zur Hälfte.

»Für mich nur Wasser«, sagt David, als sie ein Glas Wodka vom Tablett nimmt.

»Selbstverständlich.« Sie lächelt. »Bin sofort wieder da.«

Ein paar Schritte weiter hat Sarah Kipling den Smalltalk bereits aufgegeben. Sie drückt Maggies Arm.

»Wie geht’s dir?«, fragt sie ernsthaft und zum zweiten Mal.

»Gut, wirklich«, sagt Maggie. »Es ist nur – diese Reisetage, weißt du. Ich bin froh, wenn wir zu Hause sind.«

»Ich weiß. Ich meine, ich liebe den Strand, aber ehrlich? Ich langweile mich auch. Die vielen Sonnenuntergänge sind ja wirklich schön, aber irgendwann will ich einfach – ich weiß nicht – zu Barney’s gehen?«

Maggie wirft einen nervösen Blick zur offenen Tür hinüber. Sarah sieht es.

»Wartest du auf jemanden?«

»Nein. Das heißt, ich glaube, einer fehlt noch, aber …«

Ihre Tochter bewahrt sie davor, mehr sagen zu müssen. »Mom«, ruft sie von ihrem Sitz herüber. »Vergiss nicht, morgen ist Tamaras Party. Wir müssen noch ein Geschenk besorgen.«

»Okay«, sagt Maggie abgelenkt. »Wir gehen morgen früh zum Dragonfly.«

Sie schaut an ihrer Tochter vorbei und sieht, wie David und Ben die Köpfe zusammenstecken. David sieht nicht glücklich aus. Sie könnte ihn später fragen, was los ist, aber ihr Mann ist momentan ziemlich abweisend, und das Letzte, was sie sich jetzt wünscht, ist ein Streit.

Die Stewardess schwebt an ihr vorbei und bringt David sein Wasser.

»Limette?«, fragt sie.

David schüttelt den Kopf. Ben reibt sich nervös den kahlen Kopf und wirft einen Blick ins Cockpit.

»Warten wir noch auf jemanden?«, fragt er. »Lass uns starten.«

»Noch eine Person.« Emma wirft einen Blick auf ihre Liste. »Scott Burroughs?«

Ben sieht David an.

»Wer?«

David zuckt die Achseln.

»Maggie hat einen Freund«, sagt er.

»Er ist kein Freund«, sagt Maggie, die ihn gehört hat. »Die Kinder kennen ihn. Wir haben ihn heute Morgen auf dem Markt getroffen. Er sagte, er müsse nach New York, und da habe ich ihn eingeladen mitzukommen. Ich glaube, er ist Maler.« Sie sieht ihren Mann an. »Ich habe dir Bilder von ihm gezeigt.«

David sieht auf die Uhr. »Hast du ihm gesagt, zehn Uhr?«

Sie nickt.

»Tja«, sagt er und setzt sich hin, »noch fünf Minuten, dann muss er die Fähre nehmen wie alle andern.«

Durch ein rundes Bullauge sieht Maggie den Captain, der auf dem Rollfeld steht und die Tragfläche untersucht. Er schaut zu dem glatten Aluminium hinauf und kommt dann langsam auf das Flugzeug zu.

Hinter ihr regt JJ sich im Schlaf. Sein Mund steht offen. Maggie stopft die Decke um ihn herum fest und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. Er sieht immer so besorgt aus, wenn er schläft, denkt sie.

Sie wirft einen Blick über die Sitzlehne hinweg und sieht, wie der Captain wieder hereinkommt. Er kommt heran und gibt allen die Hand, ein Mann so groß wie ein Footballspieler und mit militärischer Figur.

»Gentlemen«, sagt er, »Ladys. Willkommen. Es dürfte ein kurzer Flug werden. Ein paar leichte Böen, aber größtenteils ziemlich ruhig.«

»Ich habe Sie draußen gesehen«, sagt Maggie.

»Routinemäßige Sichtkontrolle«, sagt er. »Mache ich vor jedem Flug. Die Maschine sieht gut aus.«

»Und was ist mit dem Nebel?«

Ihre Tochter verdreht die Augen.

»Nebel spielt keine Rolle bei einem technischen Wunder wie diesem hier«, sagt der Pilot. »Ein paar hundert Fuß über dem Meeresspiegel, und er liegt hinter uns.«

»Dann werde ich ein bisschen von diesem Käse essen«, sagt Ben. »Sollen wir vielleicht Musik anmachen? Oder den Fernseher? Ich glaube, Boston spielt gegen White Sox.«

Emma macht sich daran, das Spiel auf dem Inflight-Entertainment-System zu suchen, und es dauert eine Weile, bis alle ihre Sachen verstaut und sich auf den Sitzen niedergelassen haben. Vorn überprüfen die Piloten ihre Instrumente.

Davids Telefon summt wieder. Er schaut darauf und zieht die Stirn kraus.

»Okay«, sagt er und wird nervös. »Ich glaube, mehr Zeit haben wir für diesen Maler nicht.«

Er nickt Emma zu, und sie geht zur Kabinentür, um sie zu schließen. Im Cockpit startet der Pilot die Triebwerke, als habe er eine telepathische Anweisung erhalten. Die Tür ist fast zu, als draußen eine Männerstimme schreit: Halt!

Das Flugzeug wackelt, als der letzte Passagier die Treppe heraufkommt. Maggie spürt, dass sie wider Willen rot wird, und ihr ist leicht flau im Magen vor Erwartung. Dann ist er da: Scott Burroughs, Mitte vierzig, erhitzt und atemlos. In seinem wirren Haar sind graue Strähnen, aber seine Gesichtszüge sind weich. Auf seinen weißen Keds sind formlose Farbkleckse, gelblich und sommerblau. Er hat eine schmutzig grüne Reisetasche über die Schulter geworfen. In seiner Haltung liegt noch immer der Überschwang der Jugend, aber die tiefen Fältchen an seinen Augen sind wohlerworben.

»Sorry«, sagt er, »das Taxi ist nicht gekommen. Ich musste schließlich den Bus nehmen.«

»Na, Sie haben’s ja geschafft.« David nickt dem Kopiloten zu, damit er die Tür schließt. »Darauf kommt’s an.«

»Darf ich Ihre Tasche nehmen?«, fragt Emma.

»Was?« Scott ist im ersten Augenblick erschrocken, weil sie so lautlos neben ihm erschienen ist. »Nein, das geht schon.«

Sie führt ihn zu einem freien Sitz. Erst jetzt nimmt er das Innere des Flugzeugs wahr.

»Oh, verdammt«, sagt er.

»Ben Kipling.« Ben steht auf, um Scott die Hand zu schütteln.

»Ja«, sagt Scott, »Scott Burroughs.«

Dann sieht er Maggie.

»Hey«, sagt er und grinst breit und warmherzig. »Noch mal danke.«

Maggie lächelt zurück. Sie ist immer noch rot.

»Nicht der Rede wert«, sagt sie. »Wir haben doch Platz.«

Scott lässt sich neben Sarah in den Sessel fallen. Noch bevor er sich angeschnallt hat, reicht Emma ihm ein Glas Wein.

»Oh«, sagt er. »Nein danke. Für mich keinen – vielleicht ein Glas Wasser?«

Emma zieht sich lächelnd zurück.

Scott schaut Sarah an.

»Daran könnte man sich gewöhnen, was?«

»Ein wahres Wort«, sagt Kipling.

Die Triebwerke dröhnen lauter, und Maggie spürt, dass das Flugzeug sich in Bewegung setzt. Captain Melodys Stimme kommt aus den Lautsprechern. »Ladys und Gentlemen, wir starten jetzt.«

Maggie schaut zu ihren Kindern hinüber. Rachel hat ein Bein unter sich gezogen und scrollt durch die Musikstücke auf ihrem Handy, und JJ schläft in kindlicher Ahnungslosigkeit. Wie in tausend anderen x-beliebigen Alltagsbegebenheiten spürt Maggie ein inständiges Aufwallen mütterlicher Liebe. Sie sind ihr Leben, diese Kinder. Ihre Identität. Sie langt hinüber, um noch einmal die Decke ihres Sohnes zurechtzuziehen, und dabei erlebt sie den Augenblick der Schwerelosigkeit, als die Räder des Flugzeugs den Boden verlassen. Dieser Augenblick der unmöglichen Hoffnung, die routinemäßige Außerkraftsetzung der Naturgesetze, die den Menschen am Boden halten, ist inspirierend und erschreckend zugleich. Fliegen. Sie fliegen. Und als sie durch den weißen Nebel aufsteigen, plaudernd und lachend, begleitet von Schnulzen der Fünfzigerjahre und dem gedämpften Chor der Anfeuerungsrufe beim siebten Inning, ahnt keiner von ihnen, dass ihr Flugzeug in knapp sechzehn Minuten ins Meer stürzen wird.

EINS

MIT SECHS JAHREN REISTE Scott Burroughs mit seiner Familie nach San Francisco. Sie verbrachten drei Tage in einem Motel in Strandnähe – Scott, seine Eltern und seine Schwester June, die später im Lake Michigan ertrinken sollte. In San Francisco war es an diesem Wochenende neblig und kalt, und die breiten Hauptstraßen wellten sich wie geschmeidige Zungen zum Wasser hinunter. Scott weiß noch, wie sein Vater im Restaurant Krabbenbeine bestellte, und wie ungeheuerlich sie aussahen, als sie kamen: dick wie Baumäste. Als sollten die Krabben eigentlich sie essen, nicht umgekehrt.

Am letzten Tag dieser Reise setzte Scotts Vater sie alle in den Bus nach Fisherman’s Wharf. Scott in seiner verblichenen Kordhose und dem gestreiften T-Shirt kniete auf dem schiefen Kunstledersitz und sah, wie die flachen breiten Stuckbauten des Sunset Districts den zubetonierten Hügeln wichen. Mit breiten Brettern verkleidete viktorianische Stadthäuser säumten eine steile Hangstraße. Sie gingen ins Museum von »Ripley’s Believe it or Not« und ließen Karikaturen von sich zeichnen – die vier Familienmitglieder mit komisch vergrößerten Köpfen, die auf Einrädern nebeneinander her gurkten. Danach beobachteten sie die Seehunde, die sich auf den salzbesprühten Kaianlagen räkelten. Scotts Mutter zeigte mit staunenden Augen auf die Scharen weißer Möwen. Sie waren ja Inlandsbewohner, und für den sechsjährigen Scott war es, als seien sie mit einem Raumschiff auf einen fernen Planeten gereist.

Zum Lunch aßen sie Maiskolben und tranken Coke aus aberwitzig großen Plastikbechern. Als sie den Aquatic Park betraten, war dort eine Menschenmenge versammelt, Dutzende von Leuten, die nach Norden spähten und auf Alcatraz deuteten.

Das Wasser der Bay war an diesem Tag schiefergrau, und die Berge von Marin umrahmten die ehemalige Gefängnisinsel wie die Schultern einer Reihe von Wärtern. Zur Linken ragte die Golden Gate Bridge bräunlich orange und riesenhaft im Dunst auf, und die Spitzen der Pylone verschwanden im vormittäglichen Dunst.

Draußen auf dem Wasser sah Scott eine Flotte kleiner Boote, alle auf einem Haufen.

»Ist da jemand ausgebrochen?«, fragte Scotts Vater, ohne jemanden anzusprechen.

Scotts Mutter runzelte die Stirn und zog eine Broschüre heraus. Soweit sie wisse, erklärte sie, werde das Gefängnis nicht mehr als solches genutzt. Die Insel sei jetzt eine Touristenattraktion.

Scotts Vater klopfte dem nächstbesten Mann auf die Schulter.

»Was gibt’s da zu sehen?«, fragte er.

»Er schwimmt von Alcatraz herüber«, sagte der Mann.

»Wer?«

»Der Fitness-Typ. Wie heißt er noch? Jack LaLanne. Das ist so was wie ein Stunt. Er trägt Handschellen und zieht auch noch ein Boot.«

»Was soll das heißen, er zieht ein Boot?«

»Mit einem Seil. Kam im Radio. Sehen Sie das Boot da? Das große. Er muss das Ding bis hier herüber ziehen.«

Der Mann schüttelte den Kopf, als sei ihm plötzlich klar geworden, dass die ganze Welt verrückt geworden war.

Scott stieg auf eine Stufe, von wo er über die Erwachsenen hinwegschauen konnte. Tatsächlich, da war ein großes Boot draußen auf dem Wasser, und der Bug war dem Land zugewandt. Es war umringt von vielen kleineren Booten. Eine Frau tippte Scott auf die Schulter.

»Hier«, sagte sie lächelnd. »Schau mal.«

Sie reichte ihm ein kleines Fernglas. Er spähte hindurch und erkannte mit Mühe einen Mann mit einer beigefarbenen Bademütze im Wasser. Er hatte nackte Schultern und schwamm, indem er sich wie eine Nixe kraftvoll vorwärts warf.

»Die Strömung ist irrsinnig da draußen«, sagte der Mann zu Scotts Vater. »Von der verdammten Wassertemperatur gar nicht zu reden – die liegt bei vierzehn Grad. Es hat seinen Grund, dass von Alcatraz nie einer entkommen ist. Die Haie gibt es ja auch noch. Ich gebe dem Kerl eine Chance von eins zu fünf.«

Durch das Fernglas konnte Scott sehen, dass in den Motorbooten, die den Schwimmer umkreisten, lauter Männer in Uniform waren. Sie hatten Gewehre in den Händen und beobachteten das kabbelige Wasser.

Der Schwimmer hob die Arme aus den Wellen und warf sich nach vorn. Er war an den Handgelenken gefesselt, und sein Blick richtete sich auf das Ufer. Er atmete gleichmäßig, und wenn ihm die Anwesenheit der Deputys oder das Risiko eines Haifischangriffs bewusst war, so ließ er es sich nicht anmerken. Jack LaLanne, der fitteste Mann der Welt. In fünf Tagen würde er sechzig Jahre alt werden. Sechzig. In diesem Alter geht jeder, der halbwegs bei Verstand ist, allmählich vom Gas, legt die Füße hoch und lässt ein paar Dinge schleifen, aber Jacks Disziplin war stärker als das Alter, wie Scott später erfahren sollte. Er war ein Werkzeug, das dafür geschaffen war, eine Aufgabe zu erfüllen, eine übermächtige Maschine. Das Tau, das seine Taille umschlang, war wie ein Tentakel, das ihn in die eisige, schwarze Tiefe ziehen wollte, aber er achtete nicht darauf, als könne er dem Gewicht, das er hinter sich herzog, seine Macht nehmen, indem er es ignorierte. An das Tau war Jack gewöhnt. Zu Hause band er sich damit am Poolrand fest und schwamm jeden Tag eine halbe Stunde lang auf der Stelle. Dazu kamen neunzig Minuten Gewichtheben und dreißig Minuten Dauerlauf. Wenn er danach in den Spiegel schaute, sah Jack keinen sterblichen Menschen. Er sah ein Wesen aus reiner Energie.

Er war diese Strecke schon einmal geschwommen, im Jahr 1955. Damals war Alcatraz noch ein Gefängnis gewesen, ein kalter Fels der Strafe und der Buße. Jack war damals einundvierzig, ein junger Hirsch, aber schon berühmt für seinen durchtrainierten Körper. Er trat im Fernsehen auf und hatte Fitnessstudios. Jede Woche stand er in dem schlichten schwarzweißen, eng anliegend geschnittenen Trikot, seinem Markenzeichen, und mit schwellendem Bizeps vor den Kameras. Ab und zu ließ er sich ohne Vorwarnung auf den Boden fallen und unterstrich seine Ratschläge mit hundert Liegestützen auf den Fingerspitzen.

Obst und Gemüse, hatte er immer gesagt. Proteine und Training.

Montagabends um acht, auf NBC, hatte Jack die Geheimnisse des ewigen Lebens verraten. Man brauchte nur zuzuhören. Als er jetzt das Boot hinter sich herzog, dachte er an dieses erste Mal, als er die Strecke geschwommen war. Alle meinten, das sei unmöglich – zwei Meilen weit gegen die starke Meeresströmung in fünfzehn Grad kaltem Wasser. Aber Jack schaffte es in knapp einer Stunde. Jetzt, fünfzehn Jahre später, war er wieder da, an Händen und Füßen gefesselt, mit einem Boot, das eine halbe Tonne wog, im Schlepptau.

In seinen Gedanken gab es kein Boot. Es gab keine Strömung. Es gab keine Haie.

Es gab nur seinen Willen.

»Fragen Sie die Leute, die ernsthaft Triathlon betreiben«, würde er später sagen, »ob es irgendwelche Grenzen gibt für das, was man schaffen kann. Die Grenze ist hier.« Er zeigt auf seinen Kopf. »Zwischen den Ohren muss man körperlich fit sein. Die Muskeln wissen nichts. Man muss ihnen alles beibringen.«

Jack war ein schmächtiger Junge mit Pickeln gewesen, der sich mit Süßigkeiten vollstopfte, ein kleiner Kerl, der eines Tages einen Zuckerrausch bekam und mit der Axt auf seinen Bruder losging. Dann kam die Epiphanie, die Begegnung mit dem brennenden Dornbusch. Es war eine blitzartige Erleuchtung. Er würde das ganze Potenzial seines Körpers erschließen. Er würde sich vollständig neu erschaffen und dabei die Welt verändern.

So kam es, dass Moppel-Jack mit dem Zuckerhirn das Fitnesstraining erfand. Er wurde der Held, der innerhalb von neunzig Minuten tausend Mal den Hampelmann und tausend Klimmzüge schaffte. Der Muskelmann, der sich darauf trainierte, in zwanzig Minuten tausenddreiunddreißig Liegestütze zu machen, indem er sich mit siebzig Kilo schweren Gewichten am Gürtel an einem acht Meter langen Seil hochzog.

Wenn er auf der Straße auftauchte, sprachen die Leute ihn an. Es war in den Anfangstagen des Fernsehens, und er war teils Wissenschaftler, teils Magier und teils Gott.

»Ich darf nicht sterben«, erzählte Jack den Leuten. »Es würde mein Image ruinieren.«

Jetzt warf er sich wieder vorwärts und schwamm in dem flatternden Butterflystil, den er erfunden hatte, durch die Wellen. Das Ufer war in Sicht, und Kameraleute drängten sich am Rand des Wassers. Die Zuschauermenge war größer geworden und quoll über die Stufen, die das Ufer in einem sanften Bogen säumten, nach unten. Jacks Frau Elaine war auch da, eine ehemalige Wasserballerina, die Kette geraucht und sich von Donuts ernährt hatte, bevor sie Jack kennenlernte. »Da ist er«, sagte jemand und zeigte mit ausgestreckter Hand nach vorn. Ein sechzig Jahre alter Mann, der ein Boot durch das Wasser zog. An Händen und Füßen gefesselt. Er besaß die Fähigkeiten eines Houdini, aber er versuchte nicht, sich zu befreien. Wenn es nach Jack ginge, würde er ewig an dieses Boot gebunden sein, und man würde jeden Tag ein neues hinzufügen, bis er die ganze Welt hinter sich herzöge. Bis er uns alle auf seinem Rücken in eine Zukunft trüge, in der das Potenzial des Menschen grenzenlos war.

Alter ist ein Seelenzustand, sagte er den Leuten. Das war das Geheimnis. Er würde zu Ende schwimmen und federnden Schrittes aus der Brandung kommen. Er würde in die Höhe springen wie ein Boxer nach dem Knockout. Vielleicht würde er sich sogar zu Boden fallen lassen und hundert Liegestütze machen. So gut fühlte er sich. Die meisten Männer in Jacks Alter gingen gebeugt und klagten über ihren Rücken. Sie dachten nervös an das Ende. Nicht so Jack. An seinem siebzigsten Geburtstag würde er siebzig Stunden schwimmen und siebzig Boote ziehen, in denen jeweils siebzig Leute saßen. An seinem hundertsten würde man das Land nach ihm benennen. Und jeden Morgen bis ans Ende der Zeit würde er mit einem stahlharten Ständer aufwachen.

Am Ufer stand Scott auf Zehenspitzen und starrte auf das Wasser hinaus. Seine Eltern hatte er vergessen. Der Lunch hatte ihm nicht geschmeckt. Es gab jetzt auf der ganzen Welt nur noch die Szene, die sich vor ihm abspielte. Der Junge sah zu, wie der Mann mit der Badekappe gegen den Gezeitenstrom kämpfte, Zug um Zug, Muskeln gegen Naturgewalt, ein starker Wille gegen blinde Urzeitmächte. Die Menge war außer sich und feuerte den Schwimmer an, Zug um Zug, Meter um Meter, bis Jack LaLanne aus der Brandung stieg und die Reporter ihm entgegenwateten. Er atmete schwer, und seine Lippen waren blau, aber er lächelte. Die Journalisten lösten seine Fesseln und banden das Tau an seiner Taille los. Die Zuschauer waren von Sinnen. Elaine watete in die Wellen hinaus, und Jack hob sie in die Höhe, als wäre es nichts.

Die Leute am Ufer waren wie elektrisiert. Sie hatten das Gefühl, ein Wunder zu erleben. Noch lange danach würden sie alles für möglich halten und wie auf Wolken durch den Alltag gehen.

Und Scott Burroughs, sechs Jahre alt, stand auf der obersten Stufe des Treppenrunds und spürte, wie ein seltsamer Drang ihn in Auflösung stürzte. Etwas in seiner Brust schwoll an, ein Gefühl – war es Begeisterung? Staunen? –, das ihm die Tränen in die Augen trieb. Trotz seines kindlichen Alters wusste er, dass er etwas Unermessliches erlebt hatte, eine großartige Facette der Natur, die nicht einfach kreatürlich war. Was dieser Mann getan hatte – ein Gewicht an seinen Körper binden, sich an Armen und Beinen fesseln zu lassen und zwei Meilen weit durch eiskaltes Wasser zu schwimmen –, das war etwas, das Superman tun würde. War das möglich? War es Superman?

»Verdammt«, sagte sein Vater und fuhr ihm durch das Haar. »Das war wirklich toll. Nicht wahr?«

Aber Scott fehlten die Worte. Er nickte nur und ließ den starken Mann in der Brandung nicht aus den Augen, der jetzt einen Reporter über den Kopf gehoben hatte und so tat, als wolle er ihn ins Meer hinauswerfen.

»Ich sehe diesen Mann dauernd im Fernsehen«, sagte sein Vater. »Und ich dachte immer, das ist ein Witz. Diese aufgeblasenen Muskeln. Aber nein!«

Staunend schüttelte er den Kopf.

»Ist das Superman?«, fragte Scott.

»Was? Nein! Das ist – das ist nur ein Mann!«

Nur ein Mann. Wie Scotts Vater oder Onkel Jake mit seinem Schnurrbart und dem dicken Bauch. Wie Mr Branch, sein Sportlehrer mit der Afrofrisur. Scott konnte es nicht glauben. War das möglich? Konnte denn jeder Superman sein, wenn er es sich nur fest vornahm? Wenn er bereit war, alles Nötige zu tun? Was auch immer nötig sein mochte?

Als sie zwei Tage später wieder in Indianapolis waren, meldete Scott sich zu einem Schwimmkurs an.

WELLEN

ER TAUCHT AUF UND SCHREIT. Es ist Nacht. Das Salzwasser brennt in seinen Augen. Hitze verschlägt ihm den Atem. Er sieht keinen Mond, nur diffuses Mondlicht im dichten Nebel und Wellen, die mitternachtsblau vor ihm schäumen. Um ihn herum lecken orangegelbe Flammen gespenstisch aus der Gischt.

Das Wasser brennt, denkt er und will instinktiv davonstrampeln.

Aber dann, nach einem Augenblick des Schocks und der Desorientierung:

Das Flugzeug ist abgestürzt.

Das denkt Scott, aber es sind keine Worte. Sein Gehirn ist voll von Bildern und Geräuschen. Eine plötzliche Abwärtsbewegung. Der panikerweckende Gestank von glühendem Metall. Schreie. Eine Frau, die am Kopf blutet. Glassplitter glitzern in ihrer Haut. Alles, was nicht festgemacht ist, scheint einen endlosen Augenblick lang zu schweben, als wäre die Zeit angehalten worden. Eine Weinflasche, eine Handtasche, das iPhone eines kleinen Mädchens. Essteller kreiseln sanft in der Luft, und die Speisen darauf liegen noch an ihrem Platz. Dann kreischt Metall an Metall, und Scotts Welt rollt sich auf und reißt in Stücke.

Eine Welle schlägt ihm klatschend ins Gesicht, und mit kräftigen Beinstößen versucht er, sich ein wenig höher aus dem Wasser zu erheben. Seine Schuhe ziehen ihn hinunter. Er streift sie ab und kämpft sich aus den salzwassergetränkten Chinos. Er friert in der kalten Atlantikströmung, wassertretend wie ein Frosch, und seine Arme schieben den Ozean in harten Wirbeln beiseite. Die Wellen sind mit Schaum bestickt. Es sind nicht die harten Dreiecke, die man auf Kinderzeichnungen sieht, sondern Fraktale aus Wasser: Kleine Wellen stapeln sich auf größeren. Auf offener See kommen sie aus allen Richtungen heran wie ein Wolfsrudel, das seine Wehrhaftigkeit auf die Probe stellt. Das ersterbende Feuer lässt sie lebendig erscheinen und gibt ihnen Gesichter, die gespenstische Absichten spiegeln. Scott dreht sich wassertretend einmal um sich selbst und sieht kantige Wrackteile, die um ihn herumdümpeln, Fetzen vom Rumpf, ein Stück Tragfläche. Der Treibstoff auf dem Wasser ist schon verdünnt oder verbrannt, und bald wird es stockdunkel sein. Scott kämpft die Panik nieder und versucht, die Lage einzuschätzen. Dass es August ist, ist ein Vorteil. Zur Zeit liegt die Wassertemperatur vermutlich bei siebzehn Grad, kalt genug für eine Unterkühlung, aber warm genug, um ihm Zeit zu geben, ans Ufer zu schwimmen, falls das überhaupt möglich ist. Falls es nah genug ist.

»Hey!«, schreit er und dreht sich weiter. »Ich bin hier! Ich lebe noch!«

Es muss noch andere Überlebende geben, denkt er. Wie kann es bei einem Flugzeugabsturz nur einen einzigen Überlebenden geben? Er denkt an den Mann, der neben ihm gesessen hat, an die schwatzhafte Frau des Bankers. Er denkt an Maggie mit ihrem Sommerlächeln.

Er denkt an die Kinder. Fuck. Da waren Kinder an Bord. Zwei, oder? Ein Junge und ein Mädchen. Wie alt? Das Mädchen war die Ältere. Vielleicht zehn? Aber der Junge war klein. Sehr klein.

»Hallo«!, schreit er, dringlicher jetzt, und schwimmt auf das größte Wrackstück zu. Es sieht aus wie ein Stück von der Tragfläche. Als er es erreicht und die Hand danach ausstreckt, ist es heiß, und er weicht mit kraftvollen Schwimmzügen zurück, damit die Wellen ihn nicht auf das Blechstück werfen und er sich verbrennt.

Ist das Flugzeug beim Aufprall auf das Wasser zerbrochen? Oder ist es beim Absturz in der Luft auseinandergerissen und hat die Passagiere überall verstreut?

Es erscheint unglaublich, dass er es nicht weiß, aber der Datenstrom seiner Erinnerung ist mit unentzifferbaren Fragmenten verstopft, mit ungeordneten Bildern, und im Moment hat er keine Zeit, irgendetwas zu klären.

Er späht blinzelnd in die Dunkelheit und fühlt, dass eine mächtige Welle ihn hochhebt. Er bemüht sich, oben zu bleiben, und begreift, dass er sich dem Offenkundigen fügen muss.

Im angestrengten Bemühen, oben zu bleiben, knackt etwas in seiner linken Schulter. Der dumpfe Schmerz, den er schon gespürt hat, verwandelt sich in ein Messer, das durch die Schulter schneidet, wenn er den linken Arm über den Kopf hebt. Er macht ein paar Schwimmstöße mit den Beinen und versucht, den Schmerz durch Dehnen zu lindern, wie man es bei einem Krampf tut, aber es ist klar, dass im Gelenk etwas gezerrt oder gebrochen ist. Er wird vorsichtig sein müssen. Er ist immer noch halbwegs beweglich und kann brustschwimmen, aber wenn die Schulter schlimmer wird, ist er womöglich bald ein Einarmiger, der verletzt dahintreibt, ein kleiner Fisch im Salzwasserbauch eines Wals.

Dann fällt ihm ein, dass er vielleicht blutet.

Und einen Augenblick später kommt ihm das Wort Haie in den Sinn.

Einen Moment lang fühlt er nichts als reine, animalische Panik. Jede Vernunft verweht. Sein Herz fängt an zu rasen, er strampelt wild mit den Beinen, schluckt Salzwasser und fängt an zu husten.

Stopp, befiehlt er sich. Langsam. Wenn du jetzt in Panik gerätst, wirst du sterben.

Er zwingt sich zur Ruhe und dreht sich langsam um sich selbst, um sich zu orientieren. Wenn er Sterne sehen könnte, denkt er, wäre das kein Problem. Aber der Nebel ist zu dicht. Soll er nach Osten oder nach Westen schwimmen? Zurück zu Martha’s Vineyard oder auf das Festland zu? Und woher soll er überhaupt wissen, was wo liegt? Die Insel, von der er gekommen ist, schwimmt wie ein Eiswürfel in einer Suppenschüssel. Wenn Scotts Kurs auf diese Distanz nur um ein paar Grad abweicht, kann er daran vorbeischwimmen, ohne es überhaupt zu merken.

Es ist besser, denkt er, wenn er auf die lange Küste zuschwimmt. Wenn er gleichmäßige Züge macht, ab und zu eine Ruhepause einlegt und nicht in Panik gerät, wird er irgendwann das Land erreichen. Er ist schließlich ein Schwimmer, und das Meer ist ihm nicht fremd.

Du schaffst das, sagt er sich, und der Gedanke erfüllt ihn mit Zuversicht. Von der Fähre her weiß er, dass Martha’s Vineyard sieben Meilen weit von Cape Cod entfernt ist. Aber sie wollten zum John F. Kennedy Airport, und das bedeutet, dass die Maschine eher nach Südwesten und in Richtung Long Island geflogen ist. Wie weit sind sie gekommen? Wie weit ist die Küste entfernt? Kann er zehn Meilen mit einem verletzten Arm schwimmen? Zwanzig?

Er ist ein Landsäugetier, das auf dem offenen Meer dahintreibt.

Das Flugzeug wird ein Notsignal abgesetzt haben, sagt er sich. Die Küstenwache ist schon unterwegs. Aber er hat noch nicht zu Ende gedacht, als die letzte Flamme erlischt. Die Strömung treibt die Trümmer weit auseinander.

Um nicht gleich wieder in Panik zu geraten, denkt er an Jack. Jack, der griechische Gott in der Badehose, grinsend, die muskulösen Arme turmhoch erhoben, die Schultern nach vorn gebogen, die Oberschenkelmuskeln angespannt. Der Hummer. So nannte man diese Haltung. Scott hatte während seiner ganzen Kindheit ein Poster an der Wand, auf dem Jack so zu sehen war. Er hatte es, um sich daran zu erinnern, dass alles möglich war. Man konnte Forscher werden oder Astronaut. Die sieben Meere befahren und den höchsten Berg besteigen. Man musste nur daran glauben.

Scott beugt sich im Wasser nach unten, zieht die nassen Socken aus und krümmt und streckt die Zehen über der kalten Tiefe. Seine linke Schulter wird allmählich steif. Er schont sie, so gut er kann, und hält sich mit dem rechten Arm oben, und immer wieder paddelt er eine Viertelstunde lang wie ein kleiner Hund. Wieder wird ihm klar, wie unmöglich es ist, was er tun muss: Er muss aufs Geratewohl eine Richtung wählen und dann wer weiß wie viele Meilen mit nur einem gesunden Arm gegen starke Meeresströmungen schwimmen. Verzweiflung, die Schwester der Panik, will sich breitmachen, aber er schüttelt sie ab.

Seine Zunge fühlt sich trocken an. Die Dehydration wird ebenfalls zu einem Problem werden, wenn er zu lange hier draußen ist. Der Wind um ihn herum nimmt zu, und die See wird rauer. Wenn ich es schaffen will, entscheidet er, muss ich jetzt losschwimmen. Noch einmal schaut er sich um, ob der Nebel vielleicht aufreißt, aber nirgends ist eine Lücke zu sehen. Er schließt die Augen und versucht, den Westen zu fühlen, wie ein Stück Eisen den Magneten fühlt.

Hinter mir, denkt er.

Er öffnet die Augen wieder und atmet tief durch.

Er will den ersten Schwimmzug tun, als er das Geräusch hört. Zuerst glaubt er, es sind Möwen – ein schrilles Kreischen, das ansteigt und wieder abfällt. Aber dann hebt die See ihn ein Stück hoch, und auf der Höhe des Wellenkamms begreift er entsetzt, was er da hört.

Ein Kind weint.

Irgendwo weint ein Kind.

Er dreht sich um sich selbst, um herauszufinden, wo das Geräusch herkommt, aber überall werfen unregelmäßige Wellen ein Echo zurück.

»Hey!«, ruft er. »Hey, ich bin hier!«

Das Weinen bricht ab.

»Hey!«, schreit er und kämpft gegen die Tiefenströmung, »Wo bist du?«

Er sieht sich nach Wrackteilen um, aber die Trümmer, die nicht gesunken sind, sind in alle Himmelsrichtungen davongetrieben. Scott lauscht angestrengt, um das Kind zu hören.

»Hey!«, schreit er noch einmal. »Ich bin hier. Wo bist du?«

Er hört nur das Rauschen der Wellen, und allmählich fragt er sich, ob es vielleicht doch Möwen waren, was er gehört hat, aber dann dringt eine Kinderstimme an sein Ohr, grell und überraschend nah.

Hilfe!

Scott hechtet dem Geräusch entgegen. Er ist nicht mehr allein, kein einsamer Mann, der seinem Selbsterhaltungstrieb folgt. Er hat die Verantwortung für ein anderes Menschenleben. Er denkt an seine Schwester, die mit sechzehn im Lake Michigan ertrunken ist, und schwimmt.

Nach zehn Metern findet er das Kind, das sich an ein Sitzpolster klammert. Es ist der Junge. Er kann höchstens vier sein.

»Hey«, sagt Scott, als er bei ihm ist, »hey, Kleiner.«

Seine Stimme stockt, als er die Schulter des Jungen berührt, und er merkt, dass er weint.

»Ich bin hier«, sagt er. »Ich hab dich.«

Das Sitzpolster ist dazu gedacht, als Schwimmhilfe mit Armriemen und Sicherheitsgurt zu dienen, aber es ist für einen Erwachsenen gemacht. Scott hat einige Mühe, dafür zu sorgen, dass der Junge es nicht verliert. Der Kleine zittert vor Kälte.

»Ich hab gebrochen«, sagt der Junge.

Scott wischt ihm sanft den Mund ab.

»Das ist okay. Alles in Ordnung. Du bist ein bisschen seekrank.«

»Wo sind wir?«, fragt der kleine Junge.

»Wir sind im Meer«, sagt Scott. »Das Flugzeug ist abgestürzt, und wir sind ins Meer gefallen. Aber ich werde ans Ufer schwimmen.«

»Lass mich nicht allein!« Der Junge klang panisch.

»Nein, nein«, sagte Scott, »natürlich nicht. Ich nehme dich mit. Wir werden einfach – ich muss nur zusehen, dass du dieses Ding nicht verlierst. Und dann werde ich – du bleibst darauf liegen, und ich werde dich hinter mir herziehen. Wie findest du das?«

Der Junge nickt, und Scott macht sich an die Arbeit. Es ist nicht leicht mit dem verletzten Arm, aber nach ein paar qualvollen Augenblicken hat er die Gurte an dem Schwimmsitz zusammengeflochten. Er schiebt den Jungen hinein und betrachtet das Ergebnis. Es ist nicht so, wie er es gern hätte, aber es dürfte das Kind über Wasser halten.

»Okay«, sagt Scott. »Du musst dich gut festhalten, und ich ziehe dich ans Ufer. Kannst du – kannst du schwimmen?«

Der Kleine nickt.

»Gut«, sagt Scott. »Wenn du von dem Ding herunterfällst, musst du ganz doll strampeln und mit den Armen paddeln, okay?«

»Hundepaddeln«, sagt der Junge.

»Ganz recht. Hundepaddeln, mit Händen und Füßen. Wie deine Mommy es dir beigebracht hat.«

»Mein Daddy.«

»Genau. Wie dein Daddy es dir beigebracht hat, okay?«

Der Junge nickt. Scott sieht seine Angst.

»Weißt du, was ein Held ist?«, fragt Scott.

»Einer, der gegen die Bösen kämpft.«

»Richtig. Der Held kämpft gegen die Bösen. Und er gibt niemals auf, oder?«

»Nein.«

»Na, und jetzt musst du der Held sein, okay? Tu so, als wären die Wellen die Bösen, und wir müssen zwischen ihnen hindurchschwimmen. Wir dürfen nicht aufgeben. Werden wir auch nicht. Wir werden einfach schwimmen, bis wir an Land sind, okay?«

Der Junge nickt. Scott verzerrt das Gesicht, als er den linken Arm durch einen der Gurte schiebt. Die Schulter tut jetzt höllisch weh. Jedes Mal wenn die Dünung sie hochhebt, verstärkt sich das Gefühl, nicht zu wissen, wo er ist.

»Okay«, sagt er. »Los geht’s.«

Noch einmal schließt Scott die Augen und versucht zu fühlen, in welche Richtung er schwimmen soll.

Hinter dir, denkt er. Die Küste liegt hinter dir.

Vorsichtig umkreist er den Jungen im Wasser und fängt an zu schwimmen, aber im selben Moment bricht das Mondlicht durch den Nebel, und der sternenübersäte schwarze Himmel wird über ihnen sichtbar. Verzweifelt sucht Scott nach Sternbildern, die er kennt, und schon fängt die Lücke wieder an, sich zu schließen. Dann sieht er Andromeda, den Großen Bären und damit auch den Polarstern.

Genau die andere Richtung, begreift er, und ihm wird schwindlig und übel.

Einen Moment lang überkommt ihn ein heftiger Brechreiz. Wäre die Nebeldecke nicht aufgerissen, wären er und der Junge auf den weiten Atlantik hinausgeschwommen, und mit jedem Schwimmzug wäre die Ostküste hinter ihnen zurückgewichen, bis die Erschöpfung sie überwältigt hätte und sie spurlos untergegangen wären.

»Neuer Plan«, ruft er dem Jungen zu und bemüht sich um einen unbekümmerten Ton. »Wir schwimmen in die andere Richtung.«

»Okay.«

»Okay. Das ist gut.«

Scott bringt sie in die richtige Position. Die längste Strecke, die er je schwimmend zurückgelegt hat, betrug fünfzehn Meilen, aber da war er neunzehn, und er hatte monatelang trainiert. Und der Wettkampf hatte auf einem See ohne Strömung stattgefunden, und er hatte beide Arme benutzen können. Jetzt ist es Nacht, das Wasser wird kälter, und er muss gegen eine starke Atlantikströmung kämpfen – wer weiß, wie weit.

Wenn ich das überlebe, denkt er, werde ich Jack LaLannes Witwe einen Obstkorb schicken.

Der Gedanke ist so lächerlich, dass Scott mitten im Ozean anfängt zu lachen, und er kann nicht sofort wieder aufhören. Er malt sich aus, wie er an dem Ladentisch mit den Geschenkkörben steht und die Karte ausfüllt.

In tiefer Zuneigung– Scott.

»Hör auf«, sagt der Junge, der plötzlich Angst hat, sein Überleben könnte in der Hand eines Verrückten liegen.

»Schon gut«, sagt Scott beruhigend. »Alles okay. Ich musste nur gerade an einen Witz denken. Es geht jetzt los.«

Er braucht ein paar Minuten, um seinen Rhythmus zu finden. In einem gemäßigten Bruststil, bei dem der rechte Arm kraftvoller durch das Wasser streicht als der linke und die Beine hart nach hinten stoßen. Seine linke Schulter macht Geräusche – es klingt wie ein Sack voll Glasscherben. Eine nagende Sorge macht sich in seinem Magen breit. Sie werden ertrinken, alle beide. Sie werden beide in der Tiefe verschwinden. Aber dann ist plötzlich ein Rhythmus da, und er verliert sich allmählich in der Wiederholung. Arm ausstrecken, zurückschwenken, scherenförmige Beinbewegungen. Er schwimmt durch die endlose Weite, und Gischt spritzt ihm ins Gesicht. Das Zeitgefühl schwindet. Wann ist das Flugzeug gestartet? Am Abend um zehn? Und wie viel Zeit ist seitdem vergangen? Dreißig Minuten? Eine Stunde? Wie lange noch bis Sonnenaufgang? Acht Stunden? Neun?

Das Meer um ihn herum ist pockennarbig und ständig in Bewegung. Er schwimmt und versucht, nicht an endlose Wasserflächen zu denken. Er versucht, sich nicht auszumalen, wie tief der Ozean ist, oder sich vorzustellen, dass der Atlantik im August die Brutstätte massiver Unwetterfronten ist, wo Orkane aus den kalten Trögen der Unterwasserschluchten heraufkommen, wo Klimazonen zusammenstoßen und Temperatur und Feuchtigkeit große Tiefdruckblasen bilden. Globale Kräfte verschwören sich hier, barbarische Horden mit Keulen und Kriegsbemalung, die sich kreischend ins Getümmel stürzen, sodass der Himmel schwarz gerinnt, bedrohliche Blitze niederfahren und machtvolle Donnerschläge wie Schlachtgebrüll das eben noch ruhige Meer in eine Hölle auf Erden verwandeln.

Scott schwimmt durch die trügerische Stille und bemüht sich, an nichts zu denken.

Etwas streift sein Bein.

Er erstarrt und fängt gleich an zu sinken. Mit ein paar Beinstößen treibt er sich zurück an die Oberfläche.

Ein Hai, denkt er.

Du musst stillhalten.

Aber wenn er stillhält, wird er ertrinken.

Er dreht sich auf den Rücken, atmet tief ein und bläht die Brust. Noch nie war ihm seine prekäre Position in der Nahrungskette so klar bewusst wie jetzt. Jede Faser seines Körpers warnt ihn instinktiv davor, der Tiefe den Rücken zuzuwenden, aber er tut es doch. Er treibt auf dem Meer, so ruhig er kann, und steigt und sinkt mit der Dünung.

»Was machen wir hier?«, fragt der Junge.

»Wir ruhen uns aus«, sagt Scott. »Lass uns ganz still sein, ja? Beweg dich nicht und lass die Füße nicht ins Wasser hängen.«

Der Junge schweigt. Scotts urzeitliches Reptiliengehirn befiehlt ihm zu fliehen, aber er ignoriert es. Ein Hai kann einen Tropfen Blut in Millionen Litern Wasser wittern. Wenn er oder der Junge bluten, sind sie erledigt. Aber wenn nicht und wenn sie sich nicht bewegen, sollte der Hai (wenn es ein Hai war) sie eigentlich in Ruhe lassen.

Scott nimmt die Hand des Jungen.

»Wo ist meine Schwester?«, flüstert der Junge.

»Ich weiß es nicht«, antwortet Scott ebenfalls flüsternd. »Das Flugzeug ist heruntergefallen. Wir sind getrennt worden.«

Ein paar Herzschläge lang ist es still.

»Vielleicht ist alles in Ordnung«, flüstert Scott. »Vielleicht haben deine Eltern sie, und sie schwimmen woanders. Vielleicht sind sie auch schon gerettet worden.«

Der Junge schweigt lange und sagt dann: »Das glaube ich nicht.«

Eine Zeitlang treiben sie dahin und denken über das Gesagte nach. Über ihnen beginnt der Nebel, sich aufzulösen – langsam erst, aber dann schimmert ein Stück Himmel hindurch, Sterne kommen zum Vorschein, und schließlich erscheint auch die Mondsichel. Plötzlich funkelt das Meer um sie herum wie ein Paillettenkleid. Auf dem Rücken schwimmend macht Scott den Polarstern ausfindig und stellt fest, dass sie in der richtigen Richtung unterwegs sind. Er schaut mit angstgeweiteten Augen zu dem Jungen hinüber, und zum ersten Mal sieht er das kleine Gesicht, die krause Stirn und den geschwungenen Mund.

»Hi«, sagt Scott, und das Wasser plätschert in seinen Ohren.

Der Junge macht ein ernstes Gesicht.

»Hi«, sagt er.

»Sind wir ausgeruht?«, fragt Scott.

Der Junge nickt.

ENDE DER LESEPROBE