Vor dem Regen kommt der Tod - Lieneke Dijkzeul - E-Book
Beschreibung

»Plötzlich war er da. Direkt hinter ihr. Leise wie eine Katze.«

Ein schauriges Ende eines schwülheißen Sommertages: Die junge Polizistin Renée wird an ihrer Wohnungstür überfallen und brutal niedergestochen. Sie überlebt mit knapper Not. Ein paar Tage später findet man eine Studentin in einem Keller, ermordet. Die Frauen scheinen wenig gemeinsam zu haben – bis auf ihre roten Haare. Inspector Paul Vegter stürzt sich in diesen Fall, denn er hegt für Renée mehr als nur kollegiale Gefühle. Bald ahnt er, dass der Mörder erneut zuschlagen wird. Auch Galeristin Vivienne ist rothaarig. Als sie ihren Mann immer wieder beim Lügen ertappt, wird sie von quälendem Misstrauen erfasst: Ist er der Killer? Ist sie sein nächstes Opfer?

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EPUB

Seitenzahl:402


L I E N E K E    D I J K Z E U L

Vor dem Regenkommt der Tod

Thriller

Aus dem Niederländischenvon Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ungekürzte Ausgabe 2012

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe:

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

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Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-41699-3 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21411-7

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www.dtv.de/ebooks

1

Sie hatte nichts gesehen und nichts gehört. Der Abend war anders verlaufen als erhofft, und sie war ziemlich enttäuscht und genervt. Gedankenverloren tastete sie nach dem Haustürschloss. Sie musste sich bücken, um es zu finden, steckte den Schlüssel hinein und drehte ihn um. Diesmal würde sie die Glühbirne im Laubengang, die schon wieder kaputt war, selbst auswechseln, anstatt tagelang auf den Hausmeister zu warten. Ungeduldig drückte sie die Tür auf.

Und plötzlich war er da.

Direkt hinter ihr.

Leise wie eine Katze, die ihrer Beute auflauert, ohne jeden Schatten, der sie hätte warnen können. Erst ganz zum Schluss spürte sie seine Anwesenheit, vielleicht durch den Luftzug. Die stille, lauwarme Nachtluft war so schwer und feucht, dass sie sich fast mit Händen greifen ließ.

Ihr blieb keine Zeit mehr zu reagieren. Sie spürte seinen Arm um ihren Hals. Er drückte ihr die Kehle zu, damit sie nicht schreien konnte. Ein wilder Schreck durchfuhr sie, gepaart mit der blinden Urangst vor der Dunkelheit, dem Bösen. Eine Erkenntnis flackerte in ihr auf: Die kaputte Glühbirne war kein Zufall.

Sie war jung, kräftig, durchtrainiert und trat sofort nach hinten. Ihr Fuß traf sein Ziel, aber sie trug dünne offene Sandalen, und der Atem dicht neben ihrem Ohr geriet kaum ins Stocken. Sie riss die Schultern nach vorn und beugte sich gleichzeitig aus der Taille heraus nach unten, in dem Versuch, einen Judogriff anzuwenden.

Der Griff wurde blockiert. Als sie das Gleichgewicht verlor und auf die Knie fiel, verwandelte sich der erhoffte Überraschungsvorteil im Nu in einen Nachteil. Sie wurde hochgerissen und wie ein störrisches Kind in die Wohnung geschubst.

Die Tür fiel zu.

Auch in der Wohnung war es dunkel. Der Lichtschalter befand sich in Hüfthöhe rechts neben der Tür, weshalb sie sich zur Seite warf, wobei ihr nackter Arm schmerzhaft an der rauen Wand entlangschrammte. Ihre suchenden Finger ertasteten den Rand des Schalters, verfehlten ihn aber knapp. Adrenalin ließ ihre blinde Angst in Kampfbereitschaft umschlagen und versetzte sie in die Lage, sich auf ihr nächstes Ziel zu konzentrieren.

Der Tisch.

Ein Couchtisch aus dunklem afrikanischem Holz. Sie wusste genau, wo er stand. Obwohl sich alles in ihr sträubte, machte sie sich schlaff und ließ sich schräg nach vorn fallen. Sie setzte ihr ganzes Körpergewicht ein, machte sich so schwer wie möglich. Ihre Haare streiften den Couchtisch, eine Kante bohrte sich in ihre Schulter, aber sie riss ihn mit, sodass er auf sie fiel. Ihr Verstand registrierte das Gewicht seines Oberkörpers. Ein eher zierlicher Mann, was neue Hoffnung aufflackern ließ.

Durch den Sturz lockerte sich der Griff um ihre Kehle. Sie verschwendete keine Energie an einen Schrei. Stattdessen holte sie tief Luft wie ein Schwimmer, der weiß, dass er eine Zeitlang damit auskommen muss. Gleichzeitig versuchte sie, sich umzudrehen und ein Knie anzuziehen.

Aber er war ebenfalls jung. Ihre Finger krallten sich in seinen Oberarm und spürten festes Fleisch, kräftige Muskeln. Selbst bei gleicher Größe und gleichem Gewicht wäre er ihr überlegen. Als er sie erneut in den Schwitzkasten nahm, wich die eben aufgekeimte Hoffnung der Erkenntnis, dass sie diesen Zweikampf vielleicht nicht gewinnen würde.

Trotzdem gelang es ihr, den Couchtisch zu packen. Sie schaffte es, ihn hochzuheben und damit zu werfen. Er traf ihn, flog weiter und knallte gegen die gläserne Scheibe in der Haustür. Sie hörte, wie das Glas knackte. Der laute Knall brachte sie auf eine neue Idee.

Sie musste Lärm machen.

Wieder wurde sie hochgerissen. Sie warf sich nach vorn gegen die Zimmertür, die weit aufflog. So weit, dass die Klinke gegen die Wand knallte. Die Tür prallte zurück und traf sie am Kopf, sodass ihr jetzt nicht nur Kehle, Arm und Schulter schmerzten.

Plötzlich war das Licht an.

Sie war irritiert, musste die Augen zukneifen, denn der Gegensatz zwischen der ihr zugefügten Gewalt und ihrem friedlichen, geordneten Zuhause war einfach zu krass. Ein Zuhause, das ihr an anderen Abenden durchaus ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte.

Auch er wirkte überrumpelt, obwohl er den Schalter selbst betätigt haben musste. Für einen Moment war es still. Sie waren beide wie gelähmt.

Sie versuchte, die Situation für sich auszunutzen. Das war ihr Wohnzimmer, sie kannte den Abstand zwischen Fernseher und Sessel, zwischen Sessel und Wohnzimmertisch, zwischen Essecke und Bücherregal. Sie warf sich nach vorn – wie ein Pferd ins Geschirr.

Sie war schlank, aber groß und daran gewöhnt, sich ihre Körpergröße zunutze zu machen. Zusammen stolperten sie ins Zimmer, und er war gezwungen, sie loszulassen. Blitzschnell drehte sie sich um, ihre Lunge ignorierend, die förmlich nach Sauerstoff schrie. Sie hatte eine Kampftechnik gelernt, bei der man dem Gegner gegenüberstand. Nur dass beim Training ein gewisses Maß an Fairplay dazugehört hatte.

Und kein Messer.

Es blitzte in seiner behandschuhten Hand auf und fing das Licht der Lampe über dem Tisch ein. Sie geriet in Panik. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie hatte gelernt, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich dementsprechend zu verhalten.

Es war ein stabiles Messer, die spitz zulaufende Klinge war bestimmt zwanzig Zentimeter lang.

Sie war nicht nur körperlich trainiert, sondern auch mental. Deshalb zwang sie sich, die Panik zu unterdrücken und die dunkle Gestalt mit dem Messer zu mustern – die schwarzen Turnschuhe, die Jeans um die schmalen Hüften, das schwarze, langärmelige T-Shirt, die Sturmmaske.

Der Mann überragte sie nicht. Er war durchschnittlich groß, hatte gerade, kräftige Schultern und einen erwachsenen Körper. Er war jung, aber ohne die Schlaksigkeit der Jugend. Er stand mit halb ausgestreckten Armen vor ihr und hielt den Kopf etwas schief. Eine Fledermaus mit einem Messer.

Sie japste nach Luft, als er blitzschnell auf sie zusprang, sie zu Boden warf, ihr das Messer an die Kehle presste. Blutstropfen quollen hervor und bildeten eine Reihe roter Perlen auf ihrer zarten Haut.

Er schien jetzt keine Gegenwehr mehr zu erwarten, vertraute der Bedrohung, die von dem Messer ausging, denn sein Griff lockerte sich. Das entging ihr nicht, ebenso wenig wie die Naivität, die dahintersteckte. Ihr Knie schoss nach oben, traf ihn im Schritt.

Er gab ein Geräusch von sich – das erste, das sie überhaupt von ihm vernahm. Es klang wie eine Mischung aus Knurren und Stöhnen. Sie rollte von ihm weg und kam vor ihm auf die Beine. Aber der Kniestoß allein war nicht ausreichend, das wusste sie. Also versuchte sie, ihn mit einem Karatetritt um das Messer zu bringen. Geschmeidig wie ein Tänzer wich er ihr aus, sodass sie das Gleichgewicht verlor und, schmerzhaft mit dem Knöchel umknickend, stürzte.

Sie versuchte, sich zusammenzureißen. Eine Waffe! Sie brauchte eine Waffe, egal welche.

Unweit von ihr stand eine Vase.

Die italienische Vase, die sie von einem Urlaub mitgebracht hatte. Sie hatte sie in einer kleinen Galerie entdeckt, in einem Dorf, dessen Name ihr schon wieder entfallen war. Sie hatte sie unbedingt haben müssen, obwohl sie eigentlich viel zu teuer für sie war.

Sie erinnerte an eine Tajine, war aber viel eleganter: Der Hals war länger und schmaler und endete in einer unwahrscheinlich filigranen, mundgeblasenen Öffnung. Früher hatte sie eine einzelne Orchidee hineingestellt, aber selbst die war schon zu viel. Die Vase genügte sich selbst. Der massive, mehrere Zentimeter dicke Boden war tiefschwarz und wurde nach oben hin immer heller, bis er das zarte Silbergrau der Morgendämmerung angenommen hatte.

Sie sagte Vase dazu, denn irgendwie musste man das Ding ja benennen. Aber es war weitaus mehr als das, es war ein Kunstgegenstand, Schönheit pur. Es war so teuer gewesen, dass sie ihren Urlaub um eine Woche hatte verkürzen müssen. Dennoch hatte sie den Kauf nie bereut. Falls der Mensch überhaupt imstande war, so etwas wie Perfektion zu erschaffen, war diese Vase das beste Beispiel dafür. Etwas, das sie jeden Tag aufs Neue empfunden hatte. Doch jetzt hob sie die Vase, ohne zu zögern, mit beiden Händen über den Kopf.

Weit weniger perfekt allerdings war die Gewichtsverteilung, was die Vase ziellos durch die Luft trudeln und an der Wand zerbersten ließ. Ein silbergrauer Scherbenregen ging zu Boden, und hauchdünne Splitter blieben in seiner wollenen Sturmmaske hängen.

Die daraus resultierende Verwirrung verschaffte ihr Zeit, Zeit, die sie dringend benötigte. Noch nie im Leben hatte sie geschrien, sie war einfach nicht der Typ dafür. Wenn im Film bedrohte Frauen den Mund aufrissen und laut loskreischten, hatte sie dafür nur ein mitleidiges Kopfschütteln übrig.

Sie stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, sprang der Vase hinterher und hob eine größere Scherbe vom Boden auf. Ohne dass sie es überhaupt spürte, brachte ihr der rasiermesserscharfe Rand einen tiefen Schnitt bei. Sie rollte sich auf dem Boden ab und stieß gegen einen der Stühle am Esstisch. Der Stuhl fiel auf sie, und für einen Moment verlor sie jede Orientierung. Sie versuchte, unter dem Tisch hindurchzurollen, aber dafür war es bereits zu spät.

Seine Linke packte sie an den Haaren und riss sie wieder hoch. Er zwang sie auf die Knie und dann auf den Rücken. Sie holte mit der Scherbe aus, traf ihn irgendwo zwischen Brust und Zwerchfell. Das gezackte Glas bohrte sich in den Stoff seines T-Shirts und ließ ihn erneut ein knurrendes Geräusch von sich geben.

Jetzt war das Messer keine bloße Bedrohung mehr, jetzt kam es seinem Zweck nach. Es schnitt durch das dunkelblaue Oberteil, durch einen der schmalen Träger, und bahnte sich seinen Weg durch Haut, Gewebe, Muskeln.

Sofort war ihr linker Arm nicht mehr zu gebrauchen. Die Glasscherbe fiel ihr aus der Hand, aber sie achtete nicht weiter darauf. Sie riss sich los, rappelte sich auf, machte einen Schritt zurück, hinter den Esstisch, und trat diesen um. Der metallene Aschenbecher rutschte von der gläsernen Tischplatte und kam an der Fußleiste scheppernd zum Stehen.

Lärm. Lärm.

Sie bückte sich, griff nach dem Riesenfarn in dem großen Topf und bekam eine Handvoll Blätter zu fassen. Aber die Wedel brachen und entglitten ihr. Und der Topf – der Topf war zu schwer, als dass sie ihn mit einer Hand hätte heben können. Alles, was sie jetzt noch tun konnte, war ihn langsam, zu langsam, und ungeschickt gegen die Wand zu werfen.

Es war eine dünne Wand, da die Wohnungen billig waren und aus einer Zeit stammten, in der die Architekten Wichtigeres zu tun gehabt hatten, als sich um so etwas wie Schallschutz oder Intimsphäre zu kümmern. Hinter der Wand wohnte ein altes Ehepaar. Die Frau litt an Schlafstörungen, das hatte sie oft erwähnt, wenn sie über den Niedergang des Viertels jammerte. Über die vielen Ausländer, die laute Musik an warmen Sommerabenden und über die mutwilligen Beschädigungen der Autos auf dem Parkplatz. Vielleicht lag sie auch jetzt wach, regte sich über den Lärm auf und weckte ihren Mann.

Der Knall des gegen die Wand donnernden Farnübertopfes fiel mit ihrem Schrei zusammen. Mit ihrem letzten. Dass es ihr letzter war, wusste sie, als sie von einem linken Haken zu Boden gestreckt wurde und das Messer durch die Luft sausen sah. Sie hob den Arm in einem lächerlichen Versuch, sich zu schützen.

»Nein«, sagte sie. »Nein.«

War es das jetzt? Fühlte es sich so an, das Sterben? So unvermutet, so armselig, so einsam? So als würde man weggeworfen wie ein wertloses Ding ohne jede Bedeutung, während die Wange im Teppich versinkt und alles, was man noch sieht, eine verstaubte Fußleiste ist? Wie sinnlos.

Das sollte schon alles gewesen sein? Es musste doch noch mehr geben, sie hatte ein Recht auf mehr. Sie hatte schließlich Pläne, Erwartungen, Hoffnung, Vertrauen. Das Messer würde alldem ein Ende machen. Es kam auf sie zu. Unausweichlich. Unabänderlich.

Sie sah keine Bilder, das Leben zog nicht wie ein Film an ihr vorbei. Sie spürte nichts als Erstaunen. Warum? Warum ausgerechnet sie? Dafür musste es doch einen Grund geben.

Zuletzt verspürte sie nur noch ein vages Gefühl des Bedauerns.

Ein weiß glühender Pfriem wurde in ihre rechte Brust getrieben.

Noch nie da gewesene Schmerzen. Tief in ihrem Innern riss etwas. Knirschte. Machte Geräusche. Und dann bekam sie keine Luft mehr, konnte nur noch röcheln. Sie ertrank.

Sie spürte nicht, wie die Haare an ihrer linken Schläfe gepackt wurden und das Messer sie mitsamt der Kopfhaut entfernte. Sie hörte nicht, wie die Klingel schrillte und dafür sorgte, dass sich die schwarze Fledermaus zögernd aufrichtete, das Messer noch in der erhobenen Hand.

Sie hörte nicht, wie es zum zweiten Mal klingelte, ein lang anhaltender Ton, der in der stillen Wohnung widerhallte. Sie sah nicht, wie er erneut zögerte, spürte nichts von den hastigen Schnitten in ihren Bauch, nachdem er ihr die zerfetzte Leinenhose nach unten gezogen hatte. Das Messer wurde verstaut. Ein paar schnelle Schritte, eine Tür, die sich öffnete, dann noch eine, ein Sprung in die Dunkelheit, ein Kampf mit Zweigen und Blättern, danach Stille.

Sie hörte auch nicht die Schritte auf dem Laubengang, zögernde, unsichere, sich entfernende Schritte, eine ins Schloss gezogene Tür.

Noch nie war sie auf diese Weise wach geworden: Ihr war, als hätte sie eine lange Reise hinter sich, die sie ohne Wiederkehr wähnte. Ein schönes Gefühl, das durch die Wärme zwischen Kehle und Bauch zusätzlich verstärkt wurde. Eine flüssige Wärme. Ihr war, als hätte sie zu lange in der Badewanne gelegen. Die Wassertemperatur war zwar noch angenehm, aber es wurde dennoch Zeit, aus der Wanne zu steigen.

Doch da war kein Badewannenrand.

Außerdem verweigerte ihr der linke Arm den Dienst. Zudem war sie angezogen. Etwas hing an ihr herunter, das sich anfühlte wie Kleidung. Sie nahm das Zimmer in sich auf, den umgestoßenen Tisch, die Glassplitter, die Scherben des Übertopfs, die Erde. In diesem Moment fiel ihr alles wieder ein.

Und mit der Erinnerung kehrten auch die Schmerzen zurück. Die Flüssigkeit war gar kein Wasser, sie war rot und zäh, dicker als Wasser.

Weil ihr linker Arm unbrauchbar war, stützte sie sich auf den rechten. Sie rang nach Luft, sackte wieder in sich zusammen, kurz davor, erneut das Bewusstsein zu verlieren.

Atmen. Atmen.

Ein.

Aus.

Ein.

Aus.

Ihre Kehle brannte, und sie konnte nicht schlucken. Hilfe. Sie musste Hilfe anfordern. Ihr Handy steckte in ihrer Handtasche. Wo war ihre Handtasche? Sie drehte den Kopf hin und her.

Die Tasche lag neben der Zimmertür, in einer Entfernung, die unüberwindbar schien, aber zurückgelegt werden musste. Laufen ging nicht, weil sie nicht einmal aufstehen konnte. Ihr Körper war wie aus Pudding. Er war plump, formlos und ohne die geringste Spannung. Sie zog die Knie an, stemmte die Füße gegen die Wand und bewegte sich seitwärts wie ein Krebs.

Es dauerte lange, weil sie regelmäßig Pausen einlegen musste und der Schmerz unerträglich war. Die rote, zähe Flüssigkeit schien etwas mit ihren nachlassenden Kräften und ihrer schwindenden Geistesgegenwart zu tun zu haben. Aber irgendwann lag sie auf dem Rücken, die Tasche auf ihrer Brust.

Ihre Finger waren feucht und glitschig. Sie rutschten am Verschluss ab. Es war ein einfacher Verschluss, an dem man drehen und ziehen musste, ein Schnappverschluss. Warum wusste sie nicht mehr, wie er funktionierte? Sie hatte die Tasche bestimmt hunderte Male aufgemacht.

Doch sie hielt durch. Es gab nur eine Nummer, die sie jetzt anrufen, einen Menschen, der ihr jetzt helfen konnte.

Mit jedem Atemzug verdichtete sich die lauwarme Trägheit in ihrer Brust. Sie machte ihr Angst, und sie hätte sich gern wieder ausgeruht. Aber eine innere Stimme zwang sie, weiterzumachen. Also packte sie ihren nutzlosen linken Arm, bog die Finger der linken Hand um das Handy und konzentrierte sich auf den nächsten Schritt.

Die Tasten waren viel zu klein, und das Display war rot verschmiert, sodass sie kaum etwas erkennen konnte. Aber irgendwann fand sie den Namen, den sie suchte.

Es dauerte, bevor er dranging, aber das machte nichts. Sie lag bequem, der Teppich unter ihrem Rücken war weich und warm. Ein vertrauter Duft stieg daraus auf – nach Tabak, Kräutern, Leder, Parfüm. Die Decke kam ihr entgegen und schwebte wieder nach oben. Der Lichtschein der Lampe verschwamm vor ihren Augen, der Schmerz ließ nach. Gleich war es so weit, gleich durfte sie sich in dieses verführerische Nichts fallen lassen. Wenn er jetzt dranginge, würde alles gut. Sie hatte getan, was sie konnte. Jetzt war er an der Reihe.

»Vegter.«

»Renée«, sagte sie. »Komm … Bitte.«

2

Inspecteur Paul Vegter hatte geschlafen. Eigentlich hatte er fast gar nicht mehr damit gerechnet, weil es nach einer Woche extremer Hitze kochendheiß in seiner Wohnung war.

Das Telefon riss ihn aus einem wirren Traum, in dem er sich in bodenloser Tiefe befand und eine warme, klebrige Hülle jede Bewegung verhinderte. Als sich die Hülle als klamme, erstickende Decke entpuppte, in der er sich verheddert hatte, war er erleichtert. Er hätte besser in seinem Haus und nicht in seiner Wohnung übernachtet. Auf einer Matratze unter einer dünnen Decke, inmitten von Werkzeug und Baumaterialien, wie schon so oft. Dann wäre er in einem angenehm kühlen Raum aufgewacht und hätte die Sonne über den Weiden aufgehen sehen.

Er befreite sich von der Decke und stellte fluchend fest, dass er das Handy im Wohnzimmer vergessen hatte. Er hatte es ohnehin nur gehört, weil alle Türen sperrangelweit aufstanden, um auf diese Weise für etwas Durchzug zu sorgen.

»Vegter.«

»Renée. Komm … Bitte.«

Es war kaum mehr als ein Flüstern, und er reagierte anders, als es seine Pflicht gewesen wäre. Er nahm die Information alles andere als kühl auf, ganz ohne nüchterne Distanz.

»Wo bist du? Was ist los?«

Rauschen.

Er sah auf die Uhr. Es war fast halb zwei. Sie musste zu Hause sein, sie hatte am nächsten Tag Dienst.

»Ich komme.«

Während er in eine Hose und ein Hemd schlüpfte und mit seinen Turnschuhen kämpfte, erwog er, auf dem Revier anzurufen oder wenigstens Talsma zu verständigen. Aber dann ließ er es doch bleiben. Sie konnte schließlich überall sein. Dass sie zu Hause war, war nur eine vorschnelle Schlussfolgerung. Vielleicht war sie in einen Unfall verwickelt worden, war im Wagen eingeklemmt und hatte das Bewusstsein verloren, bevor sie ihren Standort durchgeben konnte.

Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss, und er rannte die Treppe hinunter. Er wollte lieber nicht auf den frisch reparierten Lift warten, der vielleicht längst wieder von diesen Vandalen, die seit Neuestem das Viertel terrorisierten, unbrauchbar gemacht worden war.

Unterwegs ignorierte er alle noch nicht ausgeschalteten Ampeln und stoppte automatisch die Zeit, die er bis zu ihrem Hauseingang gebraucht hatte. Zwölf Minuten. Nicht schlecht, wenn man bedachte, dass er tagsüber eine halbe Stunde dafür benötigte – zu Stoßzeiten sogar noch länger.

Ihr kleiner alter Peugeot stand auf dem Parkplatz, der dunkelblaue Lack schimmerte matt im Laternenlicht. Gut, dass er in der Stadt geblieben war, denn vom Land aus hätte die Fahrt noch eine Viertelstunde länger gedauert.

Er lief die Treppe in den ersten Stock hinauf und blieb erst stehen, als er sah, dass der Laubengang in tiefe Dunkelheit gehüllt war. Hinter ihrer Wohnungstür entdeckte er Licht, genug, um erkennen zu können, dass die Glasscheibe einen Sprung hatte. Er klingelte Sturm, doch es kam keine Reaktion.

Er hätte Talsma verständigen sollen. Talsma bekam jedes Schloss auf, und das auch noch mit Vergnügen. Geduldig wie er war, hatte er sich sogar sein eigenes Werkzeug gebaut, ein aus Metallstiften und -stäben bestehendes Set, das er stets bei sich trug.

Aber dafür war jetzt keine Zeit. Er trat einen Schritt zurück, bis er das Geländer in seinem Rücken spürte, und spannte sämtliche Muskeln an. Seine rechte Schulter zeigte nach vorn. Es war schon eine Weile her, dass er so etwas getan hatte, und er konnte nur hoffen, dass seine Knochen stabiler waren als die billige Holztür.

Beim zweiten Versuch gab sie krachend nach. Im dunklen Flur brach er sich beinahe den Hals, als er über einen umgekippten Couchtisch stolperte. Die Wohnzimmertür, hinter der Licht brannte, stand offen.

Vegter trug nur selten eine Waffe. Er hasste Waffen, obwohl er kein schlechter Schütze war, und seine Dienstpistole hatte zuletzt Ewigkeiten unbenutzt in seinem Nachttisch gelegen. Jetzt zog er sie jedoch aus seinem Hosenbund und stieß damit die Tür noch ein Stück weiter auf. Er kam sich vor wie in einem schlechten Film.

Als er das viele Blut sah, bekam er Gänsehaut. Sie lag gleich neben der Tür. Auf dem sandfarbenen Teppich führte eine Blutspur um den umgekippten Tisch herum. Das Blut umgab sie wie eine merkwürdige Aura.

Das leuchtend rote Haar klebte braunschwarz an ihrer linken Schläfe. Das hochgeschobene Oberteil war blutdurchtränkt. Die Haut an ihrem Bauch war weiß wie bei einem Fisch und bildete einen starken Kontrast zu dem bizarren roten Streifenmuster. Und die heruntergezogene weiße Leinenhose war beschmiert wie die eines Anstreichers, der mit Rostschutz hantiert hatte.

Sie trug noch ihren Slip, ein hautfarbenes Nichts. Der Slip wirkte unversehrt, und Vegter atmete auf. Wenigstens nicht auch noch das.

Er kniete sich hin, wobei er strikt darauf achtete, nichts zu berühren. Weder das Handy, das ihr aus der linken Hand gerutscht war, noch die Tasche, die offen neben ihr lag. Und auch nicht das Blut.

»Renée«, sagte er. »Renée.«

Sie reagierte nicht, also schob er das Oberteil noch ein Stück weiter nach oben, legte zwei Finger in die Magengrube und wartete.

Unter den Fingern flatterte ihr Herz. Unregelmäßig und viel zu schwach. Er steckte die Pistole weg und griff nach seinem Handy. Er rief auf dem Revier an und anschließend bei Talsma. Währenddessen nahm er das Zimmer in sich auf. Eine Pflanze inmitten von Erdbrocken und Tonscherben, ein umgefallener Stuhl. Glas, überall Glas. Er erkannte die tiefschwarze Farbe wieder, als Talsma verschlafen abhob und versprach, sofort herzukommen.

Während er wartete, wunderte er sich über sein Vertrauen in Talsma. Lag es an dessen Unerschütterlichkeit, dass er zuerst ihn angerufen hatte? Oder an der blinden Gewissheit, dass dieser keinen Fehler machen würde? Er wusste, dass er auf beides angewiesen war, allein schon, um objektiv bleiben zu können.

Mit steifen Gliedern erhob er sich und drehte vorsichtig eine Runde durch die Wohnung. Außer Renée war niemand hier, das hatte er bereits im Flur gespürt. Die Küche war aufgeräumt und unberührt, dasselbe galt für Bad und Toilette. Im Schlafzimmer, wo ihn die Intimität des ungemachten Betts, die über einen Stuhl geworfenen Kleider und ein paar achtlos abgestreifte Sandalen gegen seinen Willen rührten, stand die Balkontür sperrangelweit auf. Er beugte sich über die Brüstung und sah nach unten. Außer dunklem Grün erkannte er nichts. Es raschelte in dem schwachen Nachtwind, der endlich aufgekommen war.

3

Das Haar hatte sich nicht lösen wollen und sich im Sprung um seine Finger gewickelt. Stark und lebendig. Die Haut blutete nicht mehr und hing schlaff herunter, wie ein Tintenfisch ohne Tentakel.

Er verspürte Brechreiz und schluckte schwer. An alles hatte er gedacht, nur daran nicht. Vielleicht hatte er einfach nicht daran denken wollen, wie er Haut und Haare wieder loswurde. Er durfte sie auf keinen Fall mit ins Auto nehmen, denn das würde Spuren hinterlassen. Was tat man eigentlich mit der Haut eines gehäuteten Kaninchens, eines Hasen oder eines Hirschen? Stopp! Zurück zum Problem. Müll. Genau das war’s. Das Zeug gehörte in eine Mülltonne.

Er ging an seinem Auto vorbei, ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen. Er lief zügig, aber ohne Eile – wie ein Mann, der gerade auf dem Heimweg ist. Er ging um Häuserecken herum, überquerte Kreuzungen, mied hell erleuchtete Straßen, blieb im Abseits. Auch wenn das so gar nicht zu seinem Triumphgefühl passte. Am liebsten hätte er sich ins Scheinwerferlicht gestellt, wäre der strahlende Mittelpunkt gewesen. Seht mich an, los, seht mich an, hier bin ich! Ich habe getan, was ihr nie wagen würdet. Das soll mir erst mal einer nachmachen. Vergesst euren Job, euren Leasingvertrag, eure Lebensversicherung und eure Hypothek. Werft alles weg, geht voll auf Risiko, lebt!

Am liebsten wäre er jetzt in eine Kneipe gegangen und hätte sich mit einem Glas Whiskey an die Bar gestellt. Dann hätte er losgelegt und alles erzählt. Von Anfang an, denn das war wichtig. Von seinem Plan, nein, vom ersten Gedanken in diese Richtung, bis hin zur ausgearbeiteten Idee. Von der Idee bis zum Plan und vom Plan bis zu seiner Umsetzung. Und dann waren da noch die Vorbereitungen. Ach, so schwer ist das gar nicht, hätte er gesagt. Der Plan ist ebenso einfach wie genial. Das war natürlich ein Klischee, aber Klischees waren bewiesene Wahrheiten, was wiederum selbst ein Klischee war. Womit sich die Katze wieder in den Schwanz biss.

Dann hätten sie gejubelt, ihm anerkennend auf die Schulter geklopft und ihm einen Whiskey spendiert. So hätte es laufen müssen.

Aber wer waren »sie«? »Sie« gab es gar nicht, »sie« hätten nicht mit Respekt, sondern mit wachsendem Abscheu zugehört und dann gezahlt, um auf dem Weg zur Tür so etwas zu bemerken wie »Morgen muss ich wieder früh raus« oder »Meine Frau oder Freundin wartet schon«.

Aber das störte ihn nicht. Auch das hatte er mit einkalkuliert und sich dagegen gewappnet. Er wusste um die Einsamkeit, die so etwas zwangsläufig mit sich brachte, weil man kein Wort darüber verlieren durfte. Zu niemandem.

Und eben weil er so einen klaren Verstand hatte und das Talent, sich in andere hineinzuversetzen, bewegte er sich jetzt im Dunkeln und nicht im Scheinwerferlicht, während seine Schritte von den trostlosen Häusern mit ihren spießigen Bewohnern widerhallten. Er befand sich in einem eintönigen Neubauviertel, das um diese Uhrzeit wie ausgestorben dalag. Hinter den wenigsten Fenstern brannte noch Licht, und die Autos schliefen Stoßstange an Stoßstange am Straßenrand oder in Vorgärten, die keine Vorgärten mehr waren, sondern gepflasterte Parkplätze. Sie berührten beinahe die Fassade, direkt unter dem vermuteten Küchenfenster neben der Haustür. Die Straßen waren beängstigend schmal – Platz, der der Allgemeinheit geopfert wurde – und strahlten Verwahrlosung und Gleichgültigkeit aus. Und weit und breit keine Mülltonne, nirgendwo eine einzige Mülltonne, verdammt!

Er konnte das Ding schlecht in seine Tasche stecken. Das würde Blutspuren hinterlassen. Bei den Handschuhen war es egal, die würde er wegwerfen. Er sah es sich noch einmal an. Das Haar wippte bei jedem Schritt, fächerte sich auf und fiel wieder zurück, während es im Licht der Straßenlaternen glänzte. Es war ganz schön viel. Trotz allem. Aber war es auch genug? Die Klingel. Sie hatte ihn in Panik versetzt. Nein, Quatsch, das war keine Panik gewesen. Sie hatte ihn aus seiner Konzentration gerissen, aber völlig zu Unrecht. Was hätte schon passieren können? Nichts. Bei genauerem Nachdenken gar nichts. Außerdem hatte er geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Am besten, er betrachtete die Angelegenheit als Generalprobe. Er hatte keine Generalprobe eingeplant, aber das war jetzt auch egal. Er würde es als Lernprozess verbuchen, denn genau das war es gewesen.

Er ging an einem Kinderspielplatz mit Klettergerüst, zwei Wipphühnern und drei Schildern mit der Aufschrift HIER KEIN HUNDEKLO vorbei. Daneben standen mehrere Mülltonnen. Sie waren leer. Wann kam in diesem gottverlassenen Viertel die Müllabfuhr? Im Zentrum stand neben jeder Kneipe eine Tonne, aber das Zentrum kam nicht infrage.

Plötzlich übermannte ihn die Müdigkeit, und er blieb stehen, als wäre er vor eine Wand gelaufen. Die Wirkung der Tabletten hatte abrupt nachgelassen – etwas, woran er sich einfach nicht gewöhnen konnte. Er war nicht mehr so aufgeputscht, sein Herz schlug träge und gleichmäßig. Unter dem T-Shirt war er nass geschwitzt. Wie ein Spitzensportler nach dem Wettkampf, ein Künstler nach der Vorstellung. Er war erschöpft. Fix und fertig. Nur dass ihm kein Applaus und keine Bewunderung entgegenschlugen. Er war wieder auf dem Boden der Realität gelandet und drohte wie immer, in ein tiefes Loch zu fallen. Er biss die Zähne zusammen. Weitermachen! Jetzt bloß nicht aufgeben. Los, Bewegung!

Strauchelnd erreichte er die x-te Kreuzung und blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Das Ding in seiner Hand schien von Minute zu Minute schwerer zu werden, und er bildete sich ein, jedes Haar einzeln durch den Handschuh zu spüren. Er hatte mal irgendwo gelesen, dass ein Quadratzentimeter Menschenhaar eine Zugkraft von 1600 Kilo besitzt. Was er da in der Hand hielt, musste das Achtoder Zehnfache sein. Ein ganzes Schiffstau. Das Gewicht schien mit jedem Schritt zuzunehmen, brachte ihn buchstäblich aus dem Gleichgewicht und ließ ihn taumeln wie einen Betrunkenen. Kurz kochte wieder Wut in ihm hoch. Er musste zusehen, dass er von hier wegkam.

Er kehrte um, lief zu der winzigen Grünanlage, die an den Spielplatz grenzte, und bahnte sich einen Weg durchs Gestrüpp. Es roch nach Hundekacke, und Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Aber das Ding musste weg, bevor es ihm sämtliche Energie genommen hatte. Er kämpfte sich bis zur vermuteten Mitte vor, schob ein paar Blätter zur Seite, schaufelte mit der Hand eine Grube, warf das Haar hinein und bedeckte es wieder mit Erde.

Die Erleichterung war enorm. Er klopfte den Handschuh aus, zog ihn auf links und zerknüllte ihn mit der anderen Hand. Seine verkrampften Finger begannen zu kribbeln, als wären sie blau gefroren. Er tastete sich zurück, verlor die Orientierung und lief gegen eine Bank, die hinter überhängenden Ästen verborgen gewesen war. Er ließ sich auf das harte Holz fallen, das schwach nach Teeröl roch. Kindheitserinnerungen wurden wach – ein Park, ein Teich, eine Hand, die Brot streute. Er zog die Knie an. In seinen Hoden pochte es schmerzhaft – dort, wo ihn die Fotze erwischt hatte. Er steckte seine rechte Hand wie ein kleiner Junge zwischen die Beine und schlief sofort ein.

Er fuhr hoch, als ein Mofa vorbeiknatterte. Der Lärm hallte von den stummen Häusern wider und erfüllte seinen Schädel. Er sprang auf.

Die Dunkelheit beruhigte ihn. Er konnte nicht lange geschlafen haben, denn um diese Jahreszeit wurde es schon gegen vier hell. Der Schlaf hatte ihm gutgetan und ihm einen klaren Kopf beschert. Mit seinen Zähnen zog er den linken Ärmel hoch. Kurz nach halb drei. Später als gedacht, aber er konnte es noch schaffen.

Auf dem Weg zum Auto passierte er eine Brücke. Zwischen den Geländerstäben lag ein Stück Ziegel. Er zog den rechten Handschuh aus, stopfte den linken mitsamt dem Stein hinein und ließ das Ganze senkrecht ins Wasser fallen. Nachdem er das Platschen gehört hatte, lief er mit beschwingten Schritten weiter. Er fühlte sich wie befreit.

Sie schlief oder tat so, als ob, als er neben sie unter das Laken glitt. Er hatte geduscht und fühlte sich sauber. Das warme Wasser hatte alles weggespült: Schweiß, Zweifel, Müdigkeit, Spuren. Vor allem die Spuren, aber die waren jetzt verschwunden. Die Kleider hatte er erst in die Waschmaschine und dann in den Trockner gesteckt. Das Messer war gespült und befand sich im Geschirrspüler. Kein DNA-Test käme jemals gegen einen Spülmaschinen-Tab an. Das zerrissene T-Shirt war im Müll, unter mehreren sorgfältig zugeknoteten Müllbeuteln. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf, spannte und entspannte die Schultermuskeln, streckte seine Beine und reckte sich, während er auf ihren Atem lauschte. In dieser Nacht würde er kein Auge mehr zutun, die Nervosität nagte an ihm. Aber wozu schlafen? Er hatte einmal einen Dokumentarfilm über Churchill gesehen, der auf dem Höhepunkt seiner Macht nie mehr als drei Stunden pro Nacht schlief. Er konnte nachvollziehen, wie sich der Mann gefühlt haben musste: als absoluter Mittelpunkt, als Spinne im Netz. In späteren Jahren lag derselbe Churchill bis zwei Uhr mittags im Bett. Da war er nur noch ein träger Koloss mit einem nutzlosen Pinsel in der Hand. Aber darum ging es nicht, sondern darum, dass er sich als Führungsfigur bewiesen hatte. Als jemand, der am Rad der Zukunft gedreht hatte. Dasselbe hatte er auch getan, wenn auch nur an seinem ganz persönlichen Rad der Zukunft.

Im grauen Dämmerlicht des Schlafzimmers lächelte er über den Vergleich. Noch hatte er es nicht ganz herumgerissen, aber als er noch einmal alles Revue passieren ließ, war er sich doch ziemlich sicher, die Kontrolle zu haben, das Rad nach wie vor fest in der Hand zu halten. Er konnte es jetzt ohnehin nicht mehr loslassen, selbst wenn er gewollt hätte.

Aber er wollte nicht.

Erst jetzt, wo es vorbei war, begriff er, dass er es sich unnötig schwer gemacht hatte. Vieles war schiefgegangen, das musste er zugeben. Aber nicht zu viel. Sie war kräftig gewesen, kräftiger als gedacht. Muskulös. Wahrscheinlich wegen ihres Berufs. Das hatte er unterschätzt. Dass sie den Kampf trotzdem verloren hatte, war einzig und allein seiner Unbeirrtheit zu verdanken. Seinem Willen. Er war ihr in mehrfacher Hinsicht überlegen gewesen. Er hatte einen Plan gehabt, eine Strategie verfolgt, eine bestimmte Taktik benutzt. Er hatte ein Ziel gehabt. Ihr Ziel, nämlich zu überleben, war etwas rein Instinktives, und die Vernunft war dem Instinkt nun mal haushoch überlegen. Heute Nacht hatte er das wieder aufs Neue bewiesen.

Der tiefe Kratzer auf seiner Brust brannte. Beinahe hätte sie ihn überrumpelt. Er würde sich die Warnung zu Herzen nehmen, darauf achten, nicht allzu selbstherrlich vorzugehen. Aber es war gut gegangen, davon war er überzeugt. Phase eins war abgeschlossen. Also höchste Zeit, sich auf Phase zwei zu konzentrieren.

Er lag reglos da wie ein Reptil und sah zu, wie es dämmerte, wie die Gardinen wieder blau, die Steppdecke türkis und gelb und das Haar seiner Bettnachbarin rostrot wurden. Letzteres war allerdings nur eine Vermutung, da er den Blick bewusst abgewandt hatte.

4

»Meine Güte«, sagte Talsma. »Das sieht aber gar nicht gut aus, Vegter.«

Er war als Erster eingetroffen. Das Hemd hing ihm aus der Hose, das graublonde Haar war verstrubbelt und am Hinterkopf platt gedrückt, aber seine Augen waren hellwach.

»Sie lebt doch noch?«

Vegter kniete sich erneut hin und legte ein zweites Mal die Finger unter ihr Brustbein. »Ja.«

»Welcher verdammte Irre …« Talsma verstummte und zuckte die Achseln. »Den kriegen wir schon. Ist der Zirkus schon im Anmarsch?«

Vegter nickte. In der Ferne hörte er eine Sirene, danach noch eine in einer anderen Tonhöhe und mit einer anderen Frequenz.

»Sie kommen.«

Talsma beugte sich über Renée, musterte sorgfältig die Schnitte in ihrem Bauch und murmelte etwas Unverständliches.

»Was sagst du?«

»Schnitte«, wiederholte Talsma. »Aber keine tiefen. Das gilt allerdings nicht für Brust und Schulter.«

Die Sirenen jaulten um die Ecke. Danach wurden Wagentüren zugeschlagen. Vegter hatte die Haustür offen gelassen, und Talsma hatte sie ebenfalls nicht hinter sich geschlossen. Als sie Schritte im Flur hörten, drehten sie sich um. Mit dem Mann, der jetzt hereinkam, hatten sie jedoch nicht gerechnet.

Er trug einen Schlafanzug, so einen altmodischen, dunkelblau-weiß gestreiften. Aus den Hosenbeinen ragten zwei bleiche Altmännerfüße in Gummibadelatschen, die mit einer fröhlichen rotweißblauen Flagge verziert waren. »Was ist denn hier los?«

»Wer sind Sie?«, blaffte Vegter.

Talsma machte eine beschwichtigende Geste. »Sie sind ein Nachbar?«

Der Mann nahm ihn gar nicht wahr, sondern starrte Renée mit weit aufgerissenen Augen an.

Talsma packte ihn am Arm. »Kommen Sie.«

Sie verschwanden in die Küche. Vegter hörte, wie Stuhlbeine übers Linoleum scharrten. Dann fielen ihm die beiden leichten Metallstühle und der Tisch wieder ein. Bei einem früheren Besuch hatte er sich gefragt, ob Renée wohl dort frühstückte.

Selbstbewusste Schritte hallten über den Laubengang, und innerhalb einer Minute war die Wohnung übervoll. Mit effizienten Männerkörpern, lauten Stimmen, Apparaten, die ausgepackt wurden, und mit einer Rollbahre, auf die Renée schnell und kompetent gehoben wurde.

Vegter sah tatenlos zu, die Hände in die Hosentaschen vergraben.

Nachdem die Bahre vorsichtig aus dem Wohnzimmer in den Flur manövriert worden war, kam Talsma wieder herein. »Der Nachbar. Der könnte uns noch nützlich sein. Er hat Kampflärm gehört.« Ein Blick auf Vegter genügte, um ein anderes Gesicht aufzusetzen. »Begleiten Sie sie ruhig, Vegter. Wir schaffen das schon.«

Vegter schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. »Bist du sicher …?«

»Los, machen Sie schon.« Talsma schubste ihn in Richtung Tür.

Im Krankenwagen ließ Vegter ihr Gesicht, das zur Hälfte von einer Sauerstoffmaske bedeckt war, nicht aus den Augen.

Er zeigte darauf. »Warum?«

Der Sanitäter, der ungerührt auf seinem Klappsitz saß, zuckte die Achseln. »Als Vorsichtsmaßnahme. Der Puls ist nicht im Normbereich, und sie hat eine Menge Blut verloren.«

Vegter sah ihn fragend an.

»Sie kommt schon durch«, sagte der Sanitäter. »Sie ist jung, gesund und scheint eine gute Kondition zu haben.« Er lächelte. »Wir beide würden uns da schwerer tun.«

Er war um die fünfzig, klein und drahtig, mit Wangengrübchen und einem heiseren Husten. Ein Mann in meinem Alter, dachte Vegter. Er ist Raucher, und ich habe Übergewicht.

Er sah wieder Renée an – ihre glatte Stirn, das straffe Kinn, das in einen faltenfreien Hals überging.

Stef hätte Renée als »taff« bezeichnet. Es gelang ihr gut, sich in der Männerwelt zu behaupten, die der Polizeiapparat nach wie vor war. Sie hatte sich als fähige, gewissenhafte Kripobeamtin gezeigt und sich damit bei fast allen Kollegen Respekt verschafft.

Aber hier lag eine verletzliche, fast mädchenhaft wirkende Frau, die nur ein knappes Top und eine modische Hose trug. Ihre Wimpern waren schwarz getuscht, und man erkannte noch Spuren von Lippenstift.

Sie sah so anders aus. Auf dem Revier war sie nie geschminkt und trug dasselbe wie ihre Kollegen: Jeans, T-Shirt und Lederjacke. Aber was wusste er schon über ihr Privatleben? Vielleicht hatte sie eine Verabredung gehabt, war spät nach Hause gekommen, und jemand hatte ihr aufgelauert? Vielleicht hatte sie einen Freund, und der Streit war eskaliert. Sie wäre nie so dumm gewesen, nachts einen Fremden hereinzulassen. Oder vielleicht doch? Sie war jung und selbstbewusst. So etwas kommt vor. Doch ihre professionelle Wachsamkeit sprach dagegen.

Die Sirene verstummte, als sie das Krankenhausgelände erreichten. Der Sanitäter ließ die Schultern kreisen, um Verspannungen zu lösen.

Zwei alte Männer und ein Mädchen. Er hätte in der Wohnung bleiben sollen, sich nicht von Talsma fortschicken lassen dürfen. Er hätte verdammt noch mal seinen Job machen müssen.

Dieser Gedanke quälte ihn auch im Wartezimmer, während er einen Becher mit ekligem Automatenkaffee in der Hand hielt. Er wusste, dass Talsma große Stücke auf ihn hielt, auch wenn er das so nie gesagt hatte. Obwohl es Talsma manchmal gern gehabt hätte, wenn er etwas energischer und weniger zurückhaltend gewesen wäre. Er legte großen Wert auf Talsmas Meinung. Der Kollege hatte sich sehr mitfühlend gezeigt, als Stef gestorben war, und zwar auf eine taktvolle und niemals aufdringliche Weise. Sie hatten Gespräche geführt, die eigentlich gar keine Gespräche waren, sondern eher zusammenhanglose Bemerkungen mit langen Pausen dazwischen. Bemerkungen, die sich häuften, als Talsmas Frau schwer erkrankt zu sein schien. Sie waren nicht wirklich befreundet, aber wie man ihre Beziehung sonst hätte bezeichnen sollen, wusste er auch nicht. Jetzt hatte er sich eine Blöße gegeben und stellte sich die Frage, wie schlimm das wohl war.

Er trank den lauwarmen Kaffee, der sauer und gleichzeitig bitter schmeckte, und warf den noch halb vollen Becher in den Müll. Auf dem Flur herrschte helle Aufregung, aber er verbot sich, sofort nachschauen zu gehen. Trotzdem stand er auf, weil er es auf dem klebrigen Plastikstuhl nicht mehr aushielt. Er roch den Kaffee, der ausgelaufen war und sich einen Weg zwischen den anderen Bechern hindurch gebahnt hatte. Aus ihnen hatten Menschen getrunken, die hier ebenso angespannt auf das Ergebnis einer Untersuchung, einer Operation gewartet hatten. Er überlegte, sich einen neuen Kaffee zu ziehen, verwarf den Gedanken jedoch wieder. Davon würde er nur Bauchschmerzen bekommen.

Die blassgrünen Wände des Wartezimmers schienen die Hoffnung und Verzweiflung vieler Jahre absorbiert zu haben und diese wieder auszudünsten. Die Luft war stickig und sauerstoffarm. Vegter öffnete einen weiteren Knopf seines Hemdes. Das letzte Mal, dass er in einem Wartezimmer gesessen hatte, war, als Stef von einem Lieferwagen angefahren worden war. Aufgrund eines Missverständnisses hatte man ihn nicht sofort von ihrem Tod unterrichtet. Die zwanzig Minuten, die er hatte warten müssen, bevor er Bescheid bekam, hatten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Was er jetzt fühlte, war etwas anderes als die damalige Fassungslosigkeit. Aber das war ganz normal, denn zwischen ihm und Renée herrschte nicht dieselbe Vertrautheit, dieselbe Verbundenheit. Sie hatten schließlich keine Beziehung, keine gemeinsame Vergangenheit. Aber die Hoffnung darauf, die gab es schon, auch wenn er sich diesbezüglich noch nicht wirklich sicher war.

Er setzte sich wieder, stützte die Ellbogen auf die Knie, zog sich in sich selbst zurück und ließ die Zeit verstreichen.

Als die Tür endlich aufging, stand ein blutjunger Arzt vor ihm. Er sah aus, als wäre er schon seit vielen Stunden auf den Beinen. Der weiße Kittel war zerknittert und schmuddelig, und das Gesicht darüber hatte viel zu tiefe Nasolabialfalten.

»Sie sind ein Angehöriger von Renée Pettersen?«

»Ihr Vorgesetzter«, sagte Vegter, wobei ihm sofort klar war, wie lächerlich das klang.

Der Arzt gab ihm die Hand. »Doktor Dulac.«

»Vegter, Kriminalpolizei.«

Der junge Mann ließ sich nichts anmerken. »Frau Pettersen geht es den Umständen entsprechend gut.« Sein Blick wurde schärfer. »Ich darf ins Detail gehen?«

Vegter nickte.

»Gewebe und Muskeln des linken Arms wurden geschädigt«, sagte der junge Arzt. »Wir haben versucht, den Schaden operativ zu beheben, aber ob das geklappt hat, kann ich Ihnen noch nicht sagen.« Er strich sich das Haar aus der Stirn, was ihn noch jünger wirken ließ. »Dann ist da noch ein tiefer Stich in die Brust. Das Messer ist von den Rippen abgeprallt, aber die Lunge wurde getroffen, sodass ein Pneumothorax die Folge war, zum Glück ohne ernsthafte Konsequenzen.«

Vegter hob die Hand, aber der Arzt war schnell von Begriff. »Ein Lungenkollaps. Außerdem sind da noch ziemlich oberflächliche Schnitte in der Bauchregion, ein oberflächlicher Schnitt am Hals, ein tiefer Schnitt in der Handfläche, eine Kehlkopfquetschung und ein ausgerenkter Kiefer.« Er schwieg einen Moment, woraus Vegter schloss, dass die schlechte Nachricht erst noch kam.

»Und?«

»So wie es aussieht, hat man versucht, sie zu skalpieren.«

Vegter starrte ihn an.

»Ich weiß, das klingt merkwürdig«, sagte Dulac. »Aber ich wüsste nicht, wie ich das sonst nennen sollte. Zusammen mit den Haaren wurde ein Stück Kopfhaut entfernt, oben an der linken Schläfe. Die anderen Verletzungen scheinen weniger zielgerichtet zu sein, von dem Stich in die Brust vielleicht einmal abgesehen. Der Schnitt in die Kopfhaut wurde vorsätzlich ausgeführt.«

Zum Glück lag Vegters letzte Mahlzeit schon mehrere Stunden zurück. Er sah ihr rotes Haar vor sich, das mal zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und mal zu einem dicken Zopf geflochten war. Doch meist fiel es ihr offen über die Schultern. Dickes Haar in einer leuchtenden Farbe, die sich gar nicht so leicht beschreiben ließ. Kupferfarben vielleicht oder kastanienfarben. Glänzendes, schimmerndes, lebendiges Haar.

»Und das ist Ihrer Meinung nach mit Vorsatz geschehen?«

Dulac nickte. »Ich habe so etwas noch nie gesehen. Das Haar wurde …« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Entfernt.«

»Wird es wieder nachwachsen?« Vegter wusste, wie absurd diese Frage war. Es gab Wichtigeres – wenn auch vielleicht nicht für Renée.

Dulac spreizte die Finger. »Schwer zu sagen. Vielleicht teilweise.«

»Glauben Sie, dass der Täter sie wirklich …« Vegter verstummte.

Dulac zuckte die Achseln. »Ich kenne die Umstände nicht. Ich weiß nur, dass Frau Pettersen überfallen wurde. Und mehr muss ich auch nicht wissen.«

»Wo ist sie jetzt? Kann ich mit ihr sprechen?«

»Sie wacht gerade auf. Und nein, Sie können nicht mit ihr sprechen.«

»Ich hätte da mehrere Fragen …«, hob Vegter an.

»Das kann ich mir denken«, sagte Dulac. »Aber damit müssen Sie bis morgen warten. Gibt es Angehörige, die informiert werden müssen?«

»Ihre Mutter.« Vegter dachte nach. »Von anderen Verwandten weiß ich nichts, das wird sie Ihnen selbst sagen müssen.«

»Gut.« Der Arzt war schon fast im Flur. »Das war’s fürs Erste.« Er verschwand mit wehendem Kittel, bereits wieder zu einem anderen dringenden Fall unterwegs. Oder nach Hause, ins Bett.

Vegter ging zum Ausgang und sah auf die Uhr. Es war schon nach sechs, und um ihn herum wachte das Krankenhaus auf. Patienten hatten sich aufgesetzt und frühstückten in ihren Betten, Krankenschwestern schoben Rollwagen vorbei, Telefone klingelten. Vor der Klinik sah er ein leeres Taxi, das gerade wendete. Er hob die Hand.

Unterwegs rief er Talsma an. »Wo bist du?«

»Auf dem Revier.«

»Ich komme gleich.«

»Man wollte sie skalpieren?«, fragte Talsma. »Meine Güte, das ist ja wirklich abgefahren.«

Sie saßen in Vegters Büro: Vegter hinter seinem Schreibtisch, Talsma im Besuchersessel, während Brink, der kurzerhand herbeordert worden war, an der Wand lehnte. Vegter hatte das Fenster weit aufgerissen, obwohl das unvernünftig war. Aber er musste tief durchatmen, und die Luft, die hereinkam, roch nicht nur nach Benzin, sondern auch nach etwas Morgenfrische.

Er beäugte die in Plastik eingeschweißten Brötchen, die Talsma bestellt hatte, und beschloss, doch keinen Hunger zu haben. »Der Arzt spricht von einem bewusst geführten Schnitt.«

»Ein Verrückter«, sagte Brink entschieden.

Vegter runzelte die Stirn, aber Talsma kam ihm zuvor. »Nicht so voreilig! Wir kennen die Umstände nicht. Wir wissen nicht, woran sie arbeitet oder in den letzten Monaten gearbeitet hat.«

Brink ließ die Knöchel knacken. »Du glaubst also an eine Vergeltungsaktion?«

»Ich glaube gar nichts«, sagte Talsma. »Ich möchte nur nichts ausschließen.«

»Gibt es schon Fotos?«, fragte Vegter. »Fingerabdrücke?«

Talsma schob ihm eine Mappe hin. »Keine Fingerabdrücke, zumindest keine frischen, außer ihren eigenen. Der Täter scheint Handschuhe getragen zu haben.« Er sah zum Fenster, holte seinen Tabak hervor und begann mit flinken Fingern eine Zigarette zu drehen.

»Wurde sie vergewaltigt?«, fragte Brink.

Vegter schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Sie hatte noch ihren Slip an, und der war unversehrt.«

Brink wirkte nicht überzeugt.

»Ich weiß«, sagte Vegter, dem es unangenehm war, solch intime Details über eine Kollegin ausbreiten zu müssen.

»Er kann …«, hob Brink an.

»Ich weiß«, wiederholte Vegter. »Aber es weist nichts darauf hin. Bislang jedenfalls.«

Talsma sorgte dafür, dass sich seine Irritation noch verstärkte. »Wenn er Handschuhe anhatte, passt das nicht zu einem Vergewaltiger. Der will Haut spüren. Fleisch.«

»Ich dachte, der fühlt mit einem anderen Körperteil«, witzelte Brink.

Vegter zog die Fotos aus der Mappe und sah sie sich an. Brink schaute ihm über die Schulter. Der Polizeifotograf hatte Renée mehrmals fotografiert, bevor die Sanitäter sie mitgenommen hatten. Ein unbarmherziges Blitzlicht erhellte ihr blasses Gesicht und den offen stehenden Mund, aus dem Speichel troff. Die kindlichen Sommersprossen im milchweißen Dekolleté.

»Sie wird nicht schnell braun«, sagte Brink und streckte seine muskulösen bronzefarbenen Arme.

Wieder kam ihm Talsma zuvor. »Depp.«

Er besänftigte Vegter, indem er die Fotos bündelte wie Spielkarten und in die Mappe zurücksteckte.

»Was haben wir sonst noch?« Noch nie hatte Vegter versucht, einen Kollegen versetzen zu lassen. Jetzt jedoch zog er es erstmals in Erwägung.

»Sie haben sie ja gesehen, Vegter, die Kampfspuren. Die Messerstiche.« Der Rauch von Talsmas Zigarette stieg langsam zur Decke. Brink sah ihm missbilligend nach. Er war ein Gesundheitsfanatiker, wobei sich Vegter nicht vorstellen konnte, dass das seinen Geist mit einschloss.

»Ich glaube, dass sie beim Nachhausekommen vor der Haustür überfallen wurde«, sagte Talsma. »Das war kein Einbruchsversuch. Alles war noch in ihrer Handtasche: EC-Karte, Führerschein, Geld. Ich bin nach draußen gegangen und habe die Motorhaube ihres Wagens angefasst. Sie war noch warm. Sie muss also erst kurz zuvor nach Hause gekommen sein.«

Das hätte ich auch tun können, dachte Vegter. Ja tun müssen! Doch dann fiel ihm ein, dass er es dafür viel zu eilig gehabt hatte und dass diese Eile ihr vielleicht das Leben gerettet hatte.

»Wetten, der Irre hat ihr aufgelauert?«, sagte Talsma. »Die Glühbirne auf dem Laubengang war losgeschraubt. Das legt nahe, dass er sie beobachtet und auf einen günstigen Moment gewartet hat. Eine scheußliche Vorstellung. Bestimmt wurde er gestört und hat beschlossen zu fliehen, bevor er mit ihr fertig war. Die Frau des Nachbarn hat Lärm gehört und ihren Mann losgeschickt, um nachzusehen. Er hat geklingelt, aber es kam keine Reaktion. Danach war es ruhig. Wahrscheinlich hat er sie gerettet.«

Vegter nahm die unabsichtliche Bemerkung gelassen auf. »Wurde vor dem Haus irgendwas gefunden? Unter dem Balkon, meine ich?«

Talsma stand auf und warf die Kippe aus dem Fenster. Immer wenn Vegter darunter vorbeiging, konnte er an den Kippen ablesen, ob es in den letzten Tagen viel oder wenig zu besprechen gegeben hatte. Und wenn er sich nicht sehr täuschte, würden es in nächster Zeit deutlich mehr werden.

»Ein halber, kaum erkennbarer Fußabdruck, wahrscheinlich von einem Turnschuh«, sagte Talsma. »Es hat schon seit Wochen nicht mehr geregnet, der Boden ist steinhart. Jede Menge gebrochene Zweige. Er scheint mitten im Gebüsch gelandet zu sein. Offenkundig hatte er es eilig. Er hat sich nicht getraut, durch die Vordertür zu verschwinden, er konnte ja nicht wissen, wem er da begegnen würde.« Er schwieg. »Gut, dass Sie gleich den Notarzt gerufen haben. Es war bestimmt nicht beabsichtigt, dass sie überlebt.«