Voyagers - Hölle aus Eis - Jeanne DuPrau - E-Book
Beschreibung

Außerirdischer Lesespaß!Planet Tundra sieht wie ein riesiges Schnee-Wunderland aus - doch was Team Alpha dort erwartet, ist ein Schnee-Alptraum. Sie geraten in Stürme und abgrundtiefe Gletscherspalten - eine wahre Hölle aus Eis. Doch die tödlichste Gefahr droht von den Eis-Kriechern. Die Voyagers müssen diese unheimlichen Monster besiegen, um das fünfte Element zu erlangen, das sie benötigen, um die Erde vor dem drohenden Kollaps zu bewahren. Als das gegnerische Team Omega dabei in Not gerät, kann nur Team Alpha sie noch retten. Doch wird Team Omega dasselbe für sie tun, wenn es darauf ankommt?

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EPUB

Seitenzahl:180

Sammlungen



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1. Auflage 2017

© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2016 PC Studios Inc.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel:

»Voyagers, Escape the Vortex« bei Random House Children’s Books,

a division of Penguin RandomHouse LLC, New York

Übersetzung: Bettina Obrecht

Umschlagkonzeption: init | Kommunikationsdesign,

Bad Oeynhausen unter Verwendung des Originalmotivs

© Random House Children’s Books, New York.

CK · Herstellung: UK

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-17721-8V001www.cbj-verlag.de

Piper Williams schwebte in ihrem Luftstuhl hoch hinauf unter die Decke ihres Gefängnisses – es war der Fitnessraum der Light Blade. Seit Wochen war sie hier eingesperrt, und nur der Roboter SUMI leistete ihr Gesellschaft. Jetzt wurde ihr die Zeit wirklich lang. Sie langweilte sich, sie war wütend und – das musste sie sich eingestehen – sie war verzweifelt. Wenn sie jemals ihre eigene Mannschaft oder ihr eigenes Schiff wiedersehen wollte, musste sie handeln.

Sie und SUMI spielten Verstecken.

Für SUMI war das Versteckspiel ein lustiger Zeitvertreib. Für Piper war es todernst.

Sie beugte sich über die Kante ihres Luftstuhls und flüsterte: »Ich bin hier!«

Ganz da unten legte SUMI ihren Kopf zurück, und nun hörte Piper das Quietschen und Stampfen der Federbeine, die den kleinen Roboter trugen.

»Wo, wo, wo?«, rief SUMI. Wenn sie aufgeregt war, glich ihre Stimme einem unendlichen Schluckauf.

Piper schwebte in weitem Bogen hinter einen Schrank, in dem Hanteln aufbewahrt wurden.

»Hier!«, flüsterte sie erneut.

SUMI änderte ihre Richtung. Sie bewegte sich in kurzen Sprüngen und grunzte dabei vor sich hin. Piper verhielt sich still und sah ihr zu.

SUMI kam um die Ecke. »Ha-ha-ha-ha!«, rief sie und hickste dabei wie verrückt. »Hab dich gefunden!«

Piper lächelte und schüttelte den Kopf, als sei sie enttäuscht. »Diesmal hast du gewonnen.«

Aber nächstes Mal gewinnst du nicht, dachte sie.

Laut sagte sie: »Wir spielen noch mal. Du hast mich zu schnell gefunden. Ich verstecke mich wieder.«

SUMI nickte mit ihren übergroßen Kopf. Piper fand, dass er einem Fußball auf einem Gerüst aus Spielzeugbausteinen ähnelte.

»Nur einmal noch«, sagte SUMI. »Dann folgt Quantentheorie Lektion 71.« Sie fuhr ihren Sichtschutz herunter und fing an zu zählen. »Ein, zwei, drei, vier …«

Piper sauste los. Sie steuerte einen hohen Metallschrank hinter den Hometrainern an. Ihr Luftstuhl summte so leise, dass SUMI ihn bestimmt nicht hören konnte, während sie zählte. Mit sehr umsichtigen Flugmanövern gelangte Piper hinter den Schrank und schwebte dort auf der Stelle. Guter Luftstuhl, dachte sie und tätschelte ihn leise mit den Fingern. Für sie war er wie ein Beinpaar (ihre richtigen Beine gehorchten ihr nicht mehr) und auch, das war noch viel besser, wie ein Flügelpaar.

Piper hatte auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit bereits jeden Winkel des Fitnessraums unter die Lupe genommen: jedes Rohr, jeden Abzug, jede Naht oder Ritze oder Delle in der Wand – alles hatte sie untersucht, und anfangs war sie sich sicher gewesen, dass sie einen Ausweg finden würde: Die Light Blade war nicht besonders solide gebaut. Das überraschte Piper. Sie hatte erwartet, dass sie genau ihrem eigenen Schiff, der Cloud Leopard, entsprechen würde, aber sie wirkte eher wie eine sehr grobe Kopie, als wäre sie sehr hastig zusammengeschraubt worden. Doch leider gab es keine Stelle, an der Piper die Wand aufstemmen oder aufdrücken konnte.

Flucht war einzig und allein durch die Eingangstür möglich. Diese war durch ein kompliziertes Schloss gesichert, das nur SUMI öffnen konnte. Zu den Essenszeiten gab SUMI den Schließcode ein und öffnete die Tür, und dann stand Niko mit einem Esstablett davor. Piper hatte daran gedacht, über SUMIs Kopf hinweg hinauszufliegen, aber das Problem war Niko. Zwischen seinem Kopf und der Türkante war überhaupt kein Platz für ihr Luftkissenfahrzeug.

»Einhundert«, rief SUMI. »Ich komme!«

Hops-hops-hops.

Piper wartete, bis SUMI nahe genug herangekommen war, dann flüsterte sie deutlich: »Ich seh dich!«

SUMI warf den Kopf in den Nacken und begann wild zu hicksen: »Wo? Wo?«

»Gleich hier!«, flüsterte Piper, dann flog sie leise weiter nach oben und schwenkte nach links. »Hier«, flüsterte sie erneut.

SUMI wirbelte herum und ihre Federbeine zogen sich zusammen. Sie hopste auf Pipers Stimme zu. »Ich kann dich nicht finden!«, rief sie. Wenn sie unglücklich war, nahm ihre Maschinenstimme einen quietschenden Tonfall an, wie ein rostiges Scharnier.

Piper sauste in die höhere Ebene des Fitnessraums und in einer Kurve wieder hinter SUMI. »Ich bin hier!«, rief sie, und gleichzeitig zog sie den Löffel hervor, den sie beim Frühstück eingesteckt hatte, und ließ ihn fallen. Er fiel scheppernd zu Boden, nachdem er unterwegs gegen ein paar Sprossen der Kletterleiter geprallt war.

»Hab dich!«, quietschte SUMI. Sie hopste wie ein kleines, kopflastiges Kaninchen in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatte, dann flog Piper in weitem Bogen in Richtung der verschlossenen Tür und blieb direkt oberhalb davon in der Luft stehen. Sie kippte ihren Luftstuhl leicht nach vorne und klopfte gegen die Tür: Klopf – klopfklopf-klopf-klopf –, genau so, wie Niko anklopfte, wenn er das Tablett mit dem Essen brachte. Dann flog sie senkrecht nach oben, hielt direkt unter der Decke an und sah zu, wie SUMI sich umwandte und rasch auf die Tür zuhopste.

Es wird funktionieren, dachte Piper. Nur noch fünf Sekunden, und diese Tür geht auf und wird offen stehen bleiben, und dann fliege ich abwärts und durch die Tür hindurch. Endlich würde sie frei sein – wenigstens auf der Light Blade. Und wenn sie erst einmal frei war, dann würde sie … na ja, das wusste sie noch nicht so genau. Aber irgendwie würde sie wieder auf die Cloud Leopard gelangen.

Auf einer Hilfsmission – oder was sie dafür gehalten hatte – hatte sie ihr Heimatschiff verlassen. Über Funk war der Notruf eingegangen: Anna, die Leiterin des Omegateams, sei schwer verletzt. Sie brauche Hilfe. Ob Piper bitte herüberkommen würde?

Sie war gekommen – und sofort hatte man sie gepackt und eingesperrt.

Zum Glück war der Fitnessraum der Light Blade riesig – so groß wie die Turnhalle ihrer Schule. In dem vollgestellten Raum gab es hundert Möglichkeiten, sich zu verstecken … vor allem für jemanden, der fliegen konnte. Piper war natürlich eine Expertin im Fliegen – und in wenigen Augenblicken würde sie entkommen.

SUMI streckte die Hand nach dem Türgriff aus.

Piper beugte sich startbereit nach vorn.

In diesem Moment klopfte jemand von außen gegen die Tür: klopf-klopfklopf-klopf-klopf.

»Ich hab dich schon beim ersten Mal gehört«, sagte SUMI. Sie zog die Tür auf, und Piper fiel das Herz in die Hose. Da stand Niko mit dem Esstablett. Piper konnte unmöglich über seinen Kopf hinwegfliegen.

Sie zwang sich, fröhlich zu lächeln. »Hi, Niko«, sagte sie und schwebte auf den Boden hinunter. »Hey, du siehst besser aus.« Nach der Rückkehr vom Planeten Infinity, wo er Stachlersporen gesammelt hatte, war Niko dem Tode nahe gewesen, und sie hatte ihre gesamten medizinischen Kenntnisse aufbieten müssen, um ihn zu retten.

»Ja, mir geht es auch besser«, sagte Niko. »Sieht so aus, als würde ich überleben. Das habe ich dir zu verdanken.« Er lächelte.

»Da bin ich wirklich froh«, sagte Piper. Einen Moment lang schöpfte sie Hoffnung. Niko war dankbar. Vielleicht würde er ihr helfen? Aber im nächsten Augenblick tauchten Anna und Siena hinter ihm auf. Niko warf Piper zwar einen mitfühlenden Blick zu, aber er sagte nichts. Die drei blockierten wie eine Mauer den Ausgang.

Beinahe hätte Piper die Nerven verloren. Sie musste sich eine Hand auf den Mund legen, um vor Verzweiflung nicht zu schreien. Wie sollte sie jemals aus diesem Raum entkommen? Eigentlich konnte sie den Begriff »hoffnungslos« überhaupt nicht leiden. Aber in diesem Moment entsprach er genau dem, was sie fühlte.

Und dennoch gelang ihr ein Grinsen. »Hallo, Leute«, sagte sie. »Haben wir hier eine Versammlung?«

»Wir haben eine«, sagte Anna kalt. »Du nicht.«

Niko setzte das Esstablett auf einer Tischplatte ab. »Die ZRKs haben heute etwas Neues ausprobiert«, sagte er. »Es ist …«

Anna unterbrach ihn. »Komm, wir gehen«, sagte sie barsch. Sie wandte sich um und verließ den Raum, und die anderen beiden folgten ihr. Siena warf ihr über die Schulter einen Blick zu. Was konnte der bedeuten? Piper hatte keine Ahnung.

Auf dem Steuerdeck der Cloud Leopard hatte sich das Alphateam versammelt, um sich von Chris nähere Information über ihr nächstes Etappenziel einzuholen.

Dash Conroy lehnte gegen eine Konsole und starrte durch das Panoramafenster auf die Sterne, die während des Flugs in Gammageschwindigkeit nur als leuchtende Striche zu erkennen waren. Er fühlte sich ein bisschen schlapp, aber das wollte er nicht zeigen. Als Anführer des Alphateams konnte er sich Müdigkeit absolut nicht leisten.

Neben ihm stand Chris, jenes Mannschaftsmitglied, das wie ein normaler Teenager aussah, in Wirklichkeit aber ein mit einer Art Superhirn ausgestatteter Außerirdischer war. Chris war cool, aber immer ein bisschen steif und förmlich.

»Morgen«, begann Chris in seinem üblichen geschäftlichen Ton, »werden wir auf dem Planeten Tundra landen. Er ist von Eis und Schnee bedeckt und es herrscht extreme Kälte. Soweit uns bekannt, existieren dort nur zwei Lebensformen: Eiskriecher und Schneeschrecken. Wir haben es auf die Eiskriecher abgesehen. Das Element, das wir brauchen – es handelt sich um sogenannte Nullkristalle –, ist die kälteste bekannte Substanz des Universums und stammt aus dem Inneren der Eiskriecher.«

»Wenn Tundra doch mit Eis bedeckt ist, was fressen dann die Eiskriecher?«, wollte Carly Diamond, die stellvertretende Leiterin der Mannschaft, wissen. Alle Fakten klären – das war ihre Spezialität.

»Sie fressen Schneeschrecken«, sagte Chris. »Wenn die Schrecken schwärmen, kriecht der Kriecher mitten in den Schwarm hinein, rollt sich zu einem Ball zusammen und kugelt dann einen Abhang hinunter. Aus dem so entstandenen Schnee- und Insektenball frisst er sich dann wieder heraus.«

»Ziemlich eintöniger Speiseplan«, meinte Gabriel Parker, Navigationsexperte und Witzbold. »Käfer, die man mit Schneewasser runterspült.«

»Eintönig, aber vollwertig«, sagte Chris. »Ein Eiskriecher versorgt sich auf diese Weise sowohl mit Eiweiß wie auch mit Flüssigkeit. Wenn er gefressen hat, fällt er in einen tiefen Schlaf. Dann ist für euch der entscheidende Moment gekommen. Dann holt ihr euch die Nullkristalle.«

»Und wie kriegen wir die Kristalle aus dem Tier heraus?«, fragte Dash.

»Ihr erhaltet dafür ein spezielles Entnahmeinstrument«, sagte Chris. »Ich nenne es den Sporn – warum, das werdet ihr dann sehen. Es bohrt sich durch die Haut und zieht die Nullkristalle heraus. Die Kristalle durchströmen den Körper des Eiskriechers, wie Blut durch unsere Körper strömt, und zwar durch ein Netz haarfeiner Gefäße, die direkt unter der Haut des Eiskriechers liegen. Dort stellen sie ein Gleichgewicht zwischen dem Kriecher und der Außentemperatur her, und so kann das Tier im Klima von Tundra überleben.«

»Wir stechen also in den Eiskriecher?«, fragte Dash. »Müssen wir ihn denn töten?«

»Nein, nein«, antwortete Chris. »Das ist überhaupt nicht nötig. Davon abgesehen haben wir gar nicht die richtigen Werkzeuge, um ihn zu töten. Er ist schließlich riesig. Ihr müsst nicht tief bohren, bis ihr auf die Kristalle stoßt. Ihr müsst nur die Haut so weit anritzen, dass ihr an sie herankommt. Bei der Lösung dieser Aufgabe ist Geschicklichkeit gefragt, nicht Gewalt.«

Carly verzog das Gesicht. »Macht es dem Eiskriecher etwas aus, wenn man ihn ankratzt?«

»Schwer zu sagen«, meinte Chris. »Uns ist nicht klar, inwieweit der Eiskriecher überhaupt ein Nervensystem besitzt. Es handelt sich um ein sehr primitives Lebewesen.«

»So was wie ein Dinosaurier?«, fragte Gabriel hoffnungsvoll. »Mit Dinosauriern kommen wir gut klar.«

»Nein, ganz anders. Eiskriecher bewegen sich nicht annähernd so schnell.«

Gut, dachte Dash. Mit einem großen, langsamen Tier sollte es eigentlich keine großen Schwierigkeiten geben.

»Eure erste Aufgabe wird darin bestehen, euer Instrument, den Sporn, ausfindig zu machen«, sagte Chris. »Ich habe auf meiner ersten Reise zwei davon versteckt, für alle Fälle. Wenn ihr erst einmal den Sporn in den Händen haltet, macht ihr euch auf die Suche nach einem Eiskriecher. Von mir bekommt ihr Koordinaten, die euch zu einem führen müssten. Wenn ihr schnell und vorsichtig handelt, müsste alles glattgehen.«

Dash fand, dass das alles gar nicht so übel klang. Auf dem Planeten würde es natürlich eiskalt sein, aber immerhin: keine Raptogons, keine Kriegsherren, die um geschmolzenes Metall kämpften, keine Piraten, keine Stachler – das war doch ganz erfreulich. Sie würden die Sache schnell erledigen und dann fehlte nur noch ein weiteres Element. Vielleicht konnten sie sogar wieder ein bisschen von der Zeit aufholen, die sie auf Aqua Gen verloren hatten. Dann musste er sich nicht so viele Sorgen darum machen, dass ihm bald sein Anti-Alterungsserum ausgehen würde. Diese Mission hier klang unproblematisch. Er würde alles gut überstehen.

»Noch eine letzte Sache«, sagte Chris. »Unterschätzt die Kälte auf Tundra nicht. Wenn ihr euch auch nur eine Sekunde der Kälte aussetzt, erfriert eure Haut.«

Hatte Chris Dashs Gedanken gelesen? Für Dash klang es so, als ob diese Warnung direkt an ihn gerichtet wäre.

Als Gabriel nach dieser kurzen Einführung das Steuerdeck verließ, war er ein bisschen enttäuscht. Diesmal würde er nicht zur Bergungsmannschaft gehören. Tundra klang cool … kühl im wahrsten Sinne des Wortes. Er würde Dash und Carly noch mal die Hand schütteln, bevor sie in die Raumfähre stiegen, und danach würde er ziemlich einsam auf der Cloud Leopard herumstehen. Chris würde zwar da sein, aber der verschwand in letzter Zeit ziemlich oft in seinen eigenen Räumen. Er erklärte, er müsse eine wichtige Sache erledigen, aber er sagte nie, worum es sich bei dieser wichtigen Sache handelte.

Und genau genommen war das genau richtig. In Chris’ Abwesenheit konnte Gabriel seinen streng geheimen Plan viel besser in die Tat umsetzen. Die Cloud Leopard würde die Gammageschwindigkeit bald verlassen und Gabriel würde das Schiff dann im Sinkflug in die Umlaufbahn von Tundra lenken. Also musste der erste Schritt seines Plans genau jetzt ausgeführt werden.

Er schwang sich in einen Röhreneingang, nahm einige schnelle Kurven und Schleifen und kam im Fitnessraum wieder zum Vorschein. »STEAM!«, rief er. »Wo bist du?«

Der kleine Trainingsroboter tauchte hinter einem einfachen Simulator wieder auf und schlurfte auf Gabriel zu. Sein Kopf drehte sich dabei in alle Richtungen.

»Jawohl!«, sagte STEAM. »Im Anmarsch, jawohl!«

»Ich muss etwas überprüfen«, sagte Gabriel. »Ich muss dich mal kurz auf Standby schalten.«

Gabriel ging zum Computerbildschirm an der Seitenwand, auf dem das Programm, das als STEAMs »Gehirn« funktionierte, geöffnet war. Rasch rief Gabriel einen Code in Computerschrift auf und veränderte ein paar Zeilen.

»Fernbedienungsanfrage«, murmelte er vor sich hin. »Streiche Zeile einhundertneunundzwanzig Z, setze stattdessen die alternative Verbindung elf-vierzehn, lösche den unteren Kanal …« Seine Finger huschten über den Bildschirm. Dann lehnte er sich zurück.

»Das müsste reichen«, sagte er. »Okay, STEAM, du kannst wieder loslegen.«

STEAMs blaue Augen blitzten auf und er gab ein Summen von sich. »Jawohl«, sagte er.

Gabriel grinste ihm zu und tätschelte den Roboterkopf. »Rühren, Soldat«, sagte er, und dann schlenderte er lässig aus dem Fitnessraum, als hätte er darin gerade lediglich ein paar Liegestützen gemacht.

Es war Zeit für den Austritt aus der Gammageschwindigkeit. Gabriel steuerte den nächsten Röhreneingang an. Ja, es stimmte, stellte er fest: Er war genial. Im Geist schickte er Piper eine Nachricht: Hilfe ist unterwegs.

Die Mitglieder der Alphamannschaft nahmen ihre Plätze auf dem Steuerdeck ein und überprüften ihre Sitzgurte. Gabriel setzte sich die Flugbrille auf, für den Fall, dass er die manuelle Steuerung übernehmen musste.

»Bereit?«, fragte Dash.

»Bereit«, antworteten die anderen einstimmig.

»Verlassen Gammageschwindigkeit«, sagte Dash ruhig.

Gabriel hatte die Cloud Leopard jetzt schon drei Mal in die Umlaufbahn eines Planeten gesteuert. Merkwürdig, dass so ein ungeheurer Vorgang schon beinahe zur Routine geworden war.

Routine hin oder her – das waren immer sehr ungemütliche Minuten, in denen es sich anfühlte, als habe eine Riesenfaust das Raumschiff gepackt und schüttle es wie ein Spielzeug. Allen klapperten die Zähne. Ihre Körper wurden von den g-Kräften jäh gegen die Sitze gepresst. Ihre Mägen rebellierten, ihre Finger umklammerten die Sitzlehnen, ihre Knochen hüpften und zuckten – und dann hatten sie es geschafft. Die normale Schwerkraft nahm wieder vom Schiff Besitz. Das Brüllen der Triebwerke verstummte und sie schwebten leise und sanft in der Umlaufbahn des Planeten Tundra.

»Das soll ein Planet sein?«, fragte Gabriel, der aus dem großen Frontfenster starrte. »Sieht aus wie eine Kugel Vanilleeis.«

»Stimmt«, gab Dash zu. »Nur nicht so appetitlich wie Vanilleeis.«

»Ist schon gut«, sagte Carly, die nicht so viel aufs Fantasieren gab. »Es ist Eis. Auf jedem Quadratzentimeter dieses Planeten herrschen Temperaturen unter null – weit, weit unter null.«

»Die Tiere, die da unten leben, tun mir echt leid«, sagte Gabriel. »Hoffentlich haben sie eine Art Ofen oder heiße Quellen, wo sie sich mal aufwärmen können.«

Carly verdrehte die Augen. »Wenn da unten irgendwas lebt, dann verabscheut es Hitze. Da sind doch alle an das Leben in der Eiseskälte angepasst.«

Ja, klar, dachte Dash. Hitze war für die Lebewesen auf Tundra der größte Feind, so wie für einen Jungen, der in Florida aufgewachsen war, die Kälte ein Feind war.

STEAM rollte herein und piepte. »Ice ice baby!«, sagte er, und die Alphamannschaft brach in Gelächter aus.

Dash löste seinen Sitzgurt und die anderen taten es ihm nach. »Los, Zeit zum Packen!«

Die Light Blade hatte die Gammageschwindigkeit verlassen und ebenso wie die Alphamannschaft starrten die Mitglieder des Omegateams ehrfürchtig auf den merkwürdigen weißen Planeten hinunter.

Auf Annas Terminplan stand zunächst ein Funkgespräch mit der Erde. Sie wandte sich an Colin, der am Steuerpult saß. »Stell die Verbindung her«, sagte sie.

Colin nickte kurz. Er drückte einige Schalter und drehte an verschiedenen Reglern. Dann sprach er in den Funksender, und seine Stimme durchquerte die Lichtjahre, die zwischen dem Schiff und der Erde lagen: »Hier Light Blade«, sagte er. »Kommandant Ike Phillips, bitte kommen!«

Ein leises Heulen war die Antwort.

Colin runzelte die Stirn und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. Er drehte noch einmal am Regler. »Bitte kommen, Sir«, wiederholte er, und diesmal antwortete eine ferne Stimme – verblüffend deutlich.

»Phillips hier. Wie lautet euer Bericht?«

»Ich übernehme«, sagte Anna. Sie nahm Colins Platz am Funkgerät ein. Kurz und knapp berichtete sie Ike von der Mission auf dem Planeten Infinity – dort waren sie auf geflügelten Pferden durch unterirdische Gänge geritten und hatten gegen Riesenaale gefochten, um ein Element zu bergen, das sie Stachlersporen nannten. Sie unterbrach ihren Bericht kurz, für den Fall, dass Ike »Gut gemacht« oder etwas in der Art sagen wollte. Ike war das Genie, das hinter der ganzen Reise stand – jener Visionär, dem klar gewesen war, dass sie und ihre Mannschaft diejenigen waren, die diese Missionen übernehmen mussten. Auch wenn es nicht gerade leichtfiel, ihn zu mögen, wünschte sich Anna doch, dass er stolz auf sie war.

Aber Ike sagte nichts dazu. »Und sonst?«, fragte er lediglich.

»Wir haben eine Gefangene«, sagte Anna. Sie erzählte ihm von Piper. »Jetzt, wo wir sie an Bord haben, werden uns die Alphas garantiert keinen bösen Streich spielen. Und darüber hinaus haben wir jetzt zwei Sanitäter, für den Fall der Fälle.«

»Nicht schlecht«, sagte Ike. »So, jetzt hört mal zu, Omegas. Ihr seid schon weit gekommen, es fehlen nur noch zwei Elemente. Ich wünsche, dass alle in Topform sind. Keine Fehler. Es geht um …«

Seine Stimme wurde leise und undeutlich.

»Wir verlieren das Signal, Sir«, rief Anna.

Colin griff ihr über die Schulter und stellte einen Regler neu ein.

»… die Zukunft des Planeten«, erscholl Ikes Stimme plötzlich viel zu laut durch das Raumschiff. »Wenn ihr wiederkommt …«

Wieder wurde das Signal schwächer und Ikes Stimme verlor sich in einem fernen Wispern.

»Verstanden, Kommandant«, sagte Anna. »Ende.«

Bald, wenn sie erst mit den Elementen eintreffen würden, die für die Energieversorgung der Erde erforderlich waren, würde ihnen Ike Phillips das Lob zukommen lassen, das sie verdienten. Von jenem Moment an würde die Verwaltung sämtlicher Energiequellen in seinen fähigen Händen liegen und nicht in den Händen seines einfältigen Sohns Shawn oder der Regierung, für die Shawn arbeitete. Und den Ruhm (Anna musste sich eingestehen, dass sie gerne berühmt sein wollte) würde das Omegateam für sich beanspruchen.

Nun stand die Besprechung der Tundramission an. Anna nahm ihre Mannschaft, die sich auf dem Steuerdeck versammelt hatte, gründlich in Augenschein. Inzwischen waren sie kampferprobt. Sie hatten vier Planeten erobert; sie hatten sich ein Wettrennen mit dem Alphateam geliefert und es – manchmal – geschlagen. Bald würde die lange Reise zu Ende gehen, und Anna bestand darauf, dass es richtig ausgehen musste: mit dem Sieg der Omegas.

Egal, was erforderlich war, um dieses Ziel zu erreichen: Anna war zu allem bereit. Wenn es bedeutete, dass sie ihrer Mannschaft ab und zu einen Befehl erteilen musste, der ihnen nicht schmeckte – nun ja, damit musste man als Anführer leben. Sie betrachtete die Gesichter ihrer Mannschaft und dachte: Bis jetzt haben sie es hingekriegt. Sie können es wieder schaffen.

»Hört mal alle zu«, sagte sie. Sie warf Niko Rodriguez und Siena Moretti, ihrer Stellvertreterin, einen strengen Blick zu. Sie hatten geflüstert, aber Niko verstummte sofort. Er hatte gelernt, sich nicht mit Anna anzulegen, wenn die ihren Kommandoton anschlug. Andererseits musste er Siena unbedingt etwas mitteilen, etwas, was Anna nicht wissen durfte. Er nickte ihr knapp zu, so verstohlen, dass keiner der anderen davon Notiz nahm. Siena wusste, was dieses Nicken bedeutete: später.