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Eine verwirrende Vielfalt der Kulturen, überwältigende Natur und düstere Riten – die Touristin Alexandra kann der Exotik Indonesiens wenig abgewinnen. Doch als ihr Mann Martin auf mysteriöse Weise verschwindet, führt die Suche nach ihm tief in die Geheimnisse der Inselwelt. Und weit über ihre eigenen Grenzen hinaus.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2014
Steffanie Burow
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eine verwirrende Vielfalt der Kulturen, überwältigende Natur und düstere Riten – die Touristin Alexandra kann der Exotik Indonesiens wenig abgewinnen. Doch als ihr Mann Martin auf mysteriöse Weise verschwindet, führt die Suche nach ihm sie tief in die Geheimnisse der Inselwelt. Und weit über ihre eigenen Grenzen hinaus.
Widmung
Karte
Prolog | Mittwoch, 8. November 2006
Solor-Alor-Archipel, Ostindonesien, März 1870
1 | Donnerstag, 16. November 2006
2 | Samstag, 18. November 2006
3 | Sonntag, 19. November 2006
4 | Dienstag, 21. November 2006
5 | Mittwoch, 22. November 2006
Solor-Alor-Archipel, Ostindonesien, Juni 1871
6 | Samstag, 25. November 2006
7 | Montag, 27. November 2006
8 | Dienstag, 28. November 2006
Solor-Alor-Archipel, Ostindonesien, August 1871
9 | Mittwoch, 29. November 2006, Tag
10 | Mittwoch, 29. November 2006, Nacht
11 | Donnerstag, 30. November 2006
12 | Sonntag, 3. Dezember 2006
13 | Montag, 4. Dezember 2006
14 | Dienstag, 5. Dezember 2006
Amsterdam, Februar 1992
15 | Mittwoch, 6. Dezember 2006
16 | Freitag, 8. Dezember 2006
17 | Samstag, 9. Dezember 2006
18 | Sonntag, 10. Dezember 2006
19 | Montag, 11. Dezember 2006
20 | Dienstag, 12. Dezember 2006
21 | Mittwoch, 13. Dezember 2006
Epilog | Donnerstag, 21. Dezember 2006
Nachwort
Vielen Dank!
Glossar
Indonesisch/Malaysisch
Andere Sprachen
Für Sven, den guten Geist meines Lebens
Sie standen schon auf der Straße und warteten, als Sonja vorfuhr. Den vielen Koffern nach zu urteilen ein Pärchen auf dem Weg in den Urlaub. Den sauren Mienen nach zu urteilen ein Pärchen auf dem Weg zum Scheidungsanwalt.
Sonja stieg aus, um den beiden beim Verstauen des Gepäcks zu helfen. Teure Koffer, von irgendeinem unaussprechlichen französischen Designer. Die Frau, eine gepflegte Endzwanzigerin, machte keine Anstalten, einen Finger zu rühren, und stieg sofort ins Auto. Im Gegensatz zu ihr hatte sich die Stimmung des Mannes schlagartig verbessert, als er bemerkte, dass das bestellte Taxi von einer attraktiven Frau gelenkt wurde. Er begrüßte Sonja höflich.
Sie grüßte zurück. »Moin. Wir werden Schwierigkeiten haben, das ganze Zeug in den Kofferraum zu stopfen«, sagte sie mit einem Kopfnicken zu dem Gepäckberg.
Er zuckte die Achseln. »Mein Reden. Nutzt aber nichts, es muss alles mit.«
Es passte wider Erwarten alles ins Auto, und wenige Minuten später fädelte sich Sonja in den Feierabendverkehr ein. Die Strecke von der Haynstraße in Eppendorf bis zum Hamburger Flughafen würde mindestens zwanzig Minuten in Anspruch nehmen; sie konnte nur hoffen, dass das Pärchen genügend Zeitpuffer bis zum Abflug eingebaut hatte. Fahrgäste, die erst nicht in die Socken kamen und dann dem Fahrer die Schuld an Staus und roten Ampeln gaben, waren Sonja ein Greuel.
»Warum fahren Sie hier lang? Es geht kaum voran.«
Na also, dachte Sonja resigniert, das ging schnell. Die Stimme der Frau ließ kaum unterdrückte Wut erkennen. Wut, das war Sonja sofort klar, die nichts mit ihr oder ihrem Fahrstil zu tun hatte, aber wie üblich musste sie als Blitzableiter herhalten. Es gab eine Menge Leute, die das Wort »Dienstleister« großzügig auffassten. Normalerweise hätte Sonja pampig geantwortet, doch ihre Schicht war bisher so gut gelaufen, dass sie milde gestimmt war.
»Die Tarpenbekstraße ist um diese Zeit immer verstopft, und es gibt keine Möglichkeit, sie zu vermeiden. In zehn Minuten haben wir den Stau hinter uns, und Sie sind pünktlich am Flughafen«, erklärte sie geduldig und suchte im Rückspiegel den Blickkontakt mit der Frau. So etwas wirkte normalerweise mäßigend, doch die Frau starrte aus dem Seitenfenster. Sie murmelte etwas, das sich für Sonja wie »Mir doch egal« anhörte, aber sie konnte sich auch verhört haben. Da die Frau weiterhin nach draußen sah, hatte Sonja Muße, sie zu betrachten. Hübsch, sogar sehr hübsch. Spektakuläres Haar, lang, glatt, echtes Blond. Groß, Traumfigur, teure Kleidung, ein Hauch von Schminke, gerade genug, um den schönen Mund und die großen Augen zu betonen. Ein wenig zu alt für den Laufsteg. Sonja musste es wissen; sie hatte in einem ihrer vielen früheren Leben einem Modefotografen assistiert. Und zu verbittert. Die Frau umgab eine Atmosphäre der Unzufriedenheit. Nein, korrigierte sich Sonja, als sie ein weiteres Mal den Blick von der Straße nahm und in den Rückspiegel schaute. Unzufriedenheit auch, aber die Hauptkomponente war Traurigkeit. Ob der hübsche Kerl neben ihr die Schuld daran trug? Gut möglich. Sonja hatte ihn sofort als einen Mann eingeschätzt, der es mit der Treue nicht so genau nahm. Sie konnte sich natürlich irren, aber wie die meisten Taxifahrer hatte sie im Laufe der Jahre einen guten Instinkt entwickelt. Sie drehte den Kopf ein wenig und zuckte schuldbewusst zusammen. So wie sie die Frau beobachtet hatte, beobachtete der Mann sie. Seine blauen Augen lachten sie aus dem Spiegel an, und sie musste unwillkürlich zurücklächeln, bevor sie heftig auf die Bremse trat, weil direkt vor ihr ein Volvo ohne ersichtlichen Grund mitten auf der Straße anhielt.
»Scheiße!« Dieses unmögliche Paar hatte es tatsächlich geschafft, sie vom Fahren abzulenken. Innerlich fluchend zwang sie ihr Taxi an dem Volvo vorbei in den dichten Verkehr auf der zweiten Spur und bedachte die wild hupenden Golfs und Porsches hinter ihr mit einem imaginären Stinkefinger.
»Pinneberger?«, fragte der Mann.
»Keine Ahnung. Dilettanten eben«, antwortete sie mürrisch.
»Ich bin auch ein Landei«, sagte er. »Sie würden meinen Fahrstil bestimmt grässlich finden.«
Sonja musste lachen. Der Mann war entwaffnend. »Bestimmt«, sagte sie. »Wahrscheinlich fahren Sie zu schnell, blockieren anderthalb Spuren, können nicht einparken …«
»Er kann überhaupt nicht fahren«, unterbrach die Frau knapp. »Er hat keinen Führerschein.«
»Dann muss Ihr Fahrstil aber wirklich grässlich sein«, sagte Sonja leichthin, um den Frieden im Auto wiederherzustellen. Wenn überhaupt je welcher geherrscht hatte, seit die beiden eingestiegen waren. Es kam ihr mehr wie ein Waffenstillstand vor. Der jetzt gebrochen wurde.
»Danke, dass du die Dame aufgeklärt hast«, bemerkte der Mann säuerlich zu seiner Frau oder Freundin oder was auch immer.
»Ich habe die Schnauze voll von deinen kleinen Lügen und Geschichtchen.«
»Geschichtchen?«
Sonja schaltete demonstrativ das Radio ein. Sie hatte keine Lust, in den sich anbahnenden Rosenkrieg einbezogen zu werden. Eine Weile gelang es ihr, das sich hingebungsvoll streitende Pärchen im Fond zu ignorieren, aber als der gar nicht lustige Berufsjugendliche im Radio das nächste Lied anmoderierte, irgendein grässliches deutsches Stück über Liebe, Leid und Herzschmerz von einer der gerade angesagten weichgespülten Bands, forderten die Stimmen vom Rücksitz wieder ihre volle Aufmerksamkeit.
»Wie stellst du dir das eigentlich vor?«, fragte die Frau gerade. »Soll ich etwa für den Rest unseres Lebens dafür zuständig sein, das Geld zu verdienen, damit du dir einen Lenz machen kannst?« Sie hatte offensichtlich völlig vergessen, dass sie nicht ohne Zuhörer in der heimischen Küche saßen.
»Du weißt doch, wie schwierig die Auftragslage ist.«
»Du kümmerst dich nicht genug.«
»Es reicht, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wann habe ich dich je um Geld gebeten?«
»Oft, aber das hast du praktischerweise vergessen. Ja, du kannst deinen Lebensunterhalt bestreiten. Und zwar nur deinen, und das mit Ach und Krach. Sollte ich aufhören zu arbeiten, säßen wir auf dem Trockenen.«
»Wieso solltest du aufhören? Es macht dir doch Spaß.« Er hörte sich ehrlich verwundert an. Sonja konnte es nicht fassen. Der Typ war attraktiv, charmant, wahrscheinlich nicht dumm – und trotzdem eine komplette Niete. Das fand seine Frau offensichtlich auch.
»Du hast es verdrängt«, sagte sie. »Ich helfe dir auf die Sprünge: Wir haben vor langer Zeit davon geträumt, irgendwann eine Familie zu gründen.«
Eben, dachte Sonja. Obwohl die zwei da hinten den Gedanken besser fallenlassen sollten.
»Na ja, irgendwann eben …« Er wand sich. »Ich fühle mich noch nicht reif genug.«
»Du wirst nie reif genug sein«, sagte die Blonde bitter. »Manchmal frage ich mich wirklich …«
»Vergiss es. Ich mich auch.«
Für den Rest der Fahrt herrschte eisiges Schweigen. Sonja trat erleichtert aufs Gaspedal, als sie endlich die Zufahrtsrampe zum Flughafen erreichte, und fuhr viel zu schwungvoll vor den Abflugterminal. Während der Mann die Koffer auslud, zahlte die Frau.
»Wohin soll es denn gehen?«, fragte Sonja versöhnlich.
»Nach Malaysia«, antwortete die Blonde. Sie hätte genauso gut sagen können: in die Hölle. Sonja verkniff es sich, ihr einen schönen Urlaub zu wünschen, und machte, dass sie wegkam. Eine derart deprimierende Tour hatte sie lange nicht mehr gehabt.
Ravuú war wütend, so wütend, dass sie sich kaum noch an den Grund dafür erinnern konnte. Fauchend und zischend erhob sie ihren Kopf über die Meeresoberfläche, nicht weit entfernt vom älteren Bruder, der ihrem unbändigen Treiben gelassen zusah. Ihre Wut hielt viele zehntausend Jahre an, in denen sie Lage um Lage flüssigen Gesteins ausspie und zu einem Berg übereinanderschichtete. Erst als ihr neuer Wohnsitz dem ihres Bruders nicht nur ebenbürtig war, sondern ihn sogar überragte, beruhigte sie sich. Der Vulkan hatte nun eine stattliche Höhe von beinahe achthundert Metern erreicht und bildete einen weithin sichtbaren, steilen Kegel auf einer kreisrunden Basis. Lediglich eine Landzunge an der Ostküste, die Ravuú während eines besonders heftigen Ausbruchs geschaffen hatte, ragte wie ein ausgestreckter Finger ins Meer.
Erschöpft von ihrer Raserei fiel Ravuú in tiefen Schlaf. In dieser Zeit trieb der Wind Pflanzensamen und Insekten übers Meer und legte ihrem Berg ein prächtiges Halsband aus smaragdgrünen Bäumen und blühenden Büschen um. Vögel flogen von der großen Insel herüber und begannen in dem Halsband zu nisten; Echsen und Nager klammerten sich an Treibholz und landeten ebenso wie die Kokosnüsse nach langer Überfahrt an den Stränden der jungen Insel. Das Paradies war, zum vieltausendsten Mal, neu entstanden.
Ravuú erwachte erst wieder, als die ersten Menschen, ein junger Mann und seine Frau, ihr Boot auf den weißen Sand der Landzunge zogen. Neugierig beobachtete sie von der Höhe aus die kleinen Wesen, die ihr so ähnlich waren mit ihrem zweibeinigen Gang und den kunstfertigen Händen. Sie ließ sie gewähren, als sie die Tiere ihrer Insel zähmten und verzehrten, als sie die Bäume ihres Halsbands zum Bau von Häusern und Booten verwendeten, sie ließ es sogar zu, dass sie Teile des Waldes mit Feuer zerstörten, um ihre eigenen Früchte anzubauen. In regelmäßigen Abständen erklomm der Mann Ravuús hochgelegenes Reich und brachte der Göttin ihren Anteil an Tieren und Früchten, und sie war zufrieden. Jahre vergingen. Der Mann und die Frau bekamen viele Kinder.
Dann, in einer sehr dunklen Nacht, kehrte der Mann vom Fischfang nicht zurück auf die Insel. Seine verzweifelte Frau bat Ravuú, ein Leuchtfeuer zu entzünden, damit er den Heimweg finden könne. Die Göttin erfüllte der Frau den Wunsch, und von da an geschah es immer wieder, dass sie ein Feuer entfachen musste, weil der Mann unachtsam war. Irgendwann wurde es Ravuú zu viel. Sie begann vor Wut zu zittern und zu rauchen, denn sie war eifersüchtig auf die Liebe der beiden Menschen und die vielen Kinder. Hohe Feuerfontänen spritzten zum Himmel, und eine glutheiße Lavazunge wälzte sich in Richtung der so mühsam bestellten Felder. Die Frau bestieg den Berg und bat Ravuú händeringend, ihr Wüten einzustellen. Da sagte die Göttin, sie würde es nur tun, wenn sie ebenfalls einen Ehemann bekäme, den sie so innig lieben könnte wie die Frau ihren Mann. Sobald der Mann wieder da sei, solle er seinen ältesten Sohn auf den Berg bringen und mit ihr verheiraten. Die Frau erschrak fürchterlich. Als der Mann vom Meer nach Hause kam, erzählte sie ihm nichts von Ravuús Forderung. Da wurde Ravuú noch zorniger, und die Erde zitterte, aber noch stärker zitterte die Familie, bis der Mann schließlich alle zum Boot führte und sie einsteigen hieß. Bevor sie jedoch von der Insel fliehen konnten, traf ein rotglühender Steinbrocken den ältesten Sohn, der als Letzter noch auf dem Strand gestanden hatte. Ravuú hatte ihn geholt, und sofort verebbte ihr Zorn.
Der Mann und die Frau blieben auf der Insel, da sie sich nicht von ihrem Sohn, der nun der Gemahl der Göttin war, trennen mochten. Auch ihre Kinder und Kindeskinder fühlten sich der Insel, die sie »Pulau Melate« nannten, die Rocheninsel, sehr verbunden und gingen ein Bündnis mit Ravuú ein. Die Menschen waren genügsam, achteten die Natur, und das Paradies blieb erhalten, viele hundert Jahre lang. Die Häuser des einzigen Dorfes drängten sich auf der kleinen Landzunge zusammen, so als wollten sie instinktiv die Nähe des unberechenbaren Vulkans meiden, der rauchend über der Heimat der kaum dreihundert Insulaner thronte. Die Menschen ernährten sich vom Fischfang und vom Ertrag ihrer kleinen Felder. Das Leben verlief in ruhigen Bahnen, bestimmt von Trocken- und Regenzeiten, von Erntefesten und Geisterbeschwörungen und dem Lauf der Sonne und des Mondes.
Normalerweise.
Aber heute war kein normaler Tag, und das lag nicht nur an dem ungewöhnlich heftigen Sturm, der die ganze Nacht gewütet und das Meer aufgepeitscht hatte, bis die brüllenden Wellenberge und die leuchtenden Blitze Furcht in die Herzen der Rochenkinder getragen hatten.
Nein, da war noch etwas anderes, dessen war Sa’e sich ganz sicher, als sie den Schutz der letzten Häuser verließ und sich gegen den Wind stemmend auf den Strand trat. Sie konnte es in ihren Fingerspitzen kribbeln spüren, auf ihrer Kopfhaut, in ihrer Leber. Etwas kündigte sich an. Etwas Unerhörtes. Etwas, von dem das Leben, ihres und das des Stammes, durcheinandergewirbelt würde, so wie die Sturmdämonen durch die hohen Palmen jagten, die Stämme bogen und die unvorsichtigen Vögel durch die Luft warfen, hin und her, bis sie schließlich zerzaust auf die Erde oder in die kochende See klatschten. Etwas Gutes? Etwas Böses? So stark Sa’es Vorahnungen auch waren, so wenig war sie sich darüber im Klaren, was der Sturm bringen mochte.
Suchend blickte sie aufs Meer. Ihr Gefühl sagte ihr, dass der Morgen nahte, doch noch verhängten dunkle Wolken den Horizont im Osten und ließen nicht erkennen, ob die Sonne sich bereits anschickte, die Sturmdämonen in ihre Schlupflöcher zurückzujagen.
Sa’e war allein; die anderen schliefen oder aber taten so, als würden sie schlafen, um ihre Angst nicht zu zeigen und sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Sie selbst hatte keine Angst, das Gefühl war ihr abhandengekommen und einer schalen Gleichgültigkeit gewichen, seit ihr Mann auf dem Meer verschollen war, gerade drei Monate nach der Hochzeit. Sie hatte nicht einmal ein Kind, an das sie sich klammern konnte, keinen Grund, am Leben festzuhalten. Sa’e schlang die Arme um ihren Körper und überließ sich ihrer Trauer, die selbst eine Regenzeit nach dem Tod ihres Mannes nichts an Stärke eingebüßt hatte. Ihr Vater drängte sie seit geraumer Zeit, erneut zu heiraten, es gab sogar einen Mann, drüben auf der großen Insel, der in Frage käme, aber sie konnte sich nicht entschließen. Grübelnd stapfte sie den Strand entlang, zu den Booten, die bis unter die Palmen gezogen worden waren, damit die See sie nicht holte. Der Wind flaute ein wenig ab, doch es war nur eine kurze Atempause. Mit neuer Kraft griffen die Sturmdämonen in Sa’es Haare und zerrten sie in Richtung des Wassers. Sie taumelte willenlos mit ihnen, bis das Meer ihre Waden umspülte. Eine gierige Welle riss sie von den Füßen. Halbherzig versuchte sie aufzustehen, doch schon kam die nächste Welle, und die nächste, und die nächste. Sa’e gab auf. Sie war bereit, ihrem Mann zu folgen.
Und dann sah sie ihn.
Noch immer verbarg sich die Sonne, doch das trübe Morgenlicht reichte aus, um Sa’e eine dunkle, große Form erkennen zu lassen, die nur eine Armlänge entfernt von den Wellen hin und her geworfen wurde. Im ersten Moment vermutete Sa’e, es sei ein Hai, den der Meeresgott geschickt hatte, sie zu holen, doch einen Herzschlag später erkannte sie, dass dort ein Mensch trieb, der Größe nach zu urteilen ein Mann. Sofort vergaß sie ihre Todessehnsucht. Eine irrwitzige Hoffnung durchzuckte sie gleißend wie ein Blitz und erlosch genauso schnell. Dieses hilflose, leblose Bündel konnte niemals ihr Ehemann sein. Aber wer war es dann? Niemand hatte sich gestern aufs Meer gewagt, alle Fischer saßen zu Hause.
Sa’e duckte sich unter die nächste auf sie zurollende Welle, wurde herumgewirbelt, bis sie nicht mehr wusste, wo unten und wo oben war, und kam prustend wieder an die Wasseroberfläche. Das Wellental war niedrig genug, um ihre Füße Grund finden zu lassen. Mit zwei Schritten war sie bei dem Mann, gerade rechtzeitig, um mit beiden Händen ein Bein zu packen, bevor die nächste Welle sie beide ergriff. Wild strampelnd gelang es Sa’e, sich und den Mann über Wasser zu halten; sie schaffte es sogar, sich von der Woge näher zum Strand tragen zu lassen. Jetzt war das gurgelnde Wasser nur noch hüfttief. In Erwartung der nächsten Welle spannte sie ihre Muskeln an. Noch zweimal, dreimal, dann würde sie den schlaffen Körper in Sicherheit gebracht haben. Etwas traf sie mit voller Wucht in den Bauch. Sa’e zuckte zusammen, dann erkannte sie ein großes Stück Treibholz, an das sich der Mann geklammert hatte und das er nun im Geziehe und Gezerre der Wellen hatte aufgeben müssen.
Mit letzter Kraft schleppte sie den Mann auf den Strand. Keuchend und mit geschlossenen Augen sank sie neben ihm auf die Knie, noch immer sein Bein umklammernd, als würde nur ihr Griff ihn davor bewahren, von den Geistern ins Totenreich entführt zu werden. Wenn er nicht längst dort war, denn er bewegte sich nicht.
Lange kauerte sie so neben ihm, bis sie endlich den Mut fand, ihre Hände zu lösen und die Augen zu öffnen. Ein Blick auf seinen sich hebenden und senkenden Brustkorb sagte ihr, dass der Mann lebte, dann wanderte ihr Blick höher, hin zu seinem Gesicht.
Entsetzt sprang Sa’e auf. Ihr gellender Schrei übertönte selbst die Sturmdämonen.
»Wacht auf! Wacht auf! Kommt zum Strand!« Laut schreiend rannte Sa’e durch ihr winziges Heimatdorf auf das Haus ihres Klans zu. Jemand musste helfen, sie wusste nicht mehr ein noch aus. Die ersten Dorfbewohner erschienen auf den Veranden ihrer Häuser. Vom Anblick der tropfnassen jungen Frau alarmiert, schüttelten sie sich den Schlaf aus Kopf und Gliedern und hasteten ihr nach. Stimmen schwirrten durcheinander, fragend, ängstlich, wütend, doch Sa’e blieb ihnen eine Antwort schuldig. Behende erklomm sie die steile Leiter zur Veranda ihres Klanhauses und stieß mit ihrem Vater zusammen, der, aufgeschreckt von dem Lärm, gerade nach draußen trat. Überrascht nahm er sie in den Arm.
»Tochter, was hast du? Warum bist du nicht im Haus? Du weißt doch, dass in Nächten wie diesen …«
Sa’e unterbrach ihn. »Zum Strand!«, stieß sie hervor. Sie machte sich unwirsch von ihm los. Als er nicht reagierte, schrie sie es noch einmal, so laut sie konnte. »Wir müssen zum Strand! Dort liegt ein Fremder.«
Einer der älteren Männer hatte die Nacht durchwacht, um seine Familie zu beschützen. Sein Kopf war klar, als Erster begriff er, was Sa’e da rief. »Beeilt euch!«, schrie er und lief los, so schnell er konnte. Sa’e und ihr Vater eilten ihm nach, dann folgten auch die anderen, langsamer, zögerlicher. Wenige Augenblicke später waren sie am Strand und umringten ängstlich den fremden Mann, der jetzt die Augen aufschlug und sich stöhnend zum Sitzen aufrichtete.
Der Mann war ein Riese, mit langen gelben Haaren und einer Haut so hell wie der Sand, auf dem er lag. Ein Gott aus dem Meer.
Oder ein Dämon.
Ziemlich genau dreizehn Monde nachdem der Sturm den hellhäutigen Mann an Land gespült hatte, dreizehn Monde, in denen der Zyklus von Trockenzeit und Hitze und Regenzeit einmal vollendet worden war, kletterten Sa’e und ihre Schwester Mire über die riesigen scharfkantigen Lavabrocken eines weit vom Dorf gelegenen Küstenabschnitts, an dem besonders viele essbare Muscheln zu finden waren.
Mire lief ein Stück hinter ihrer jüngeren Schwester her.
»Ich habe dich gesehen«, rief sie.
Sa’e tat, als hätte sie nichts gehört, und sprang mit mehr Konzentration, als nötig gewesen wäre, von einem Felsen zum nächsten.
Leider ließ Mire nicht locker. »Halt doch mal an!«
»Was ist denn?«, fauchte Sa’e, blieb aber stehen. Sie ahnte, was ihre Schwester gesehen hatte. Eines Tages musste es passieren. »Also, was willst du?«, fragte sie resigniert.
»Du warst bei dem Fremden. Mitten in der Nacht.«
»Ja.«
»Ja? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«
Sa’e zuckte die Achseln. »Was soll ich denn sagen? Du hast mich doch bereits verurteilt.« Heftig fuhr sie sich mit der Hand über die Augen, aber ihre Schwester hatte die Tränen bemerkt und sprang zu ihr hinüber.
Besänftigend legte sie Sa’e den Arm um die Schultern. »Lass uns reden.«
Sa’e schniefte nur kläglich und ließ sich zu einem abgeflachten Felsen führen. Die beiden setzten sich, den Blick aufs Meer gerichtet, das glatt und glänzend wie das Innere einer Muschelschale vor ihnen lag, völlig leblos, so als existierten all die unheimlichen Kreaturen in seinen bodenlosen Abgründen nicht, von denen die Schwestern nur allzu gut wussten, dass sie dort draußen lauerten.
Sa’e kaute schweigend auf einer Strähne ihres krausen schwarzen Haares, bis Mire das Wort ergriff.
»Ich mag ihn nicht«, stellte sie fest. »Er ist unheimlich. Wenn er über den Platz geht, bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut. Er ist wie ein Tier, so groß, so plump, ganz anders als unsere Männer.« Sie hatte sich in Rage geredet und holte tief Luft. »Er ist nicht gut«, sagte sie abschließend.
»Woher willst du das wissen?«, fragte Sa’e.
»So etwas spüre ich. Und in seinen Augen sehe ich nur Verachtung.«
»Du irrst dich.«
»Er gehört nicht hierher«, beharrte ihre Schwester.
»Aber die Rochen haben ihn zu unserer Insel geleitet, sonst wäre er mit Sicherheit ertrunken. Wir haben ihn gesund gepflegt. Nein, ich habe ihn gesund gepflegt, viele Monde lang. Niemand kennt ihn so gut wie ich.«
»Das kann ich mir vorstellen«, bemerkte Mire anzüglich.
»Hör auf!«
»Nein, das werde ich nicht tun. Was ihr macht, ist verboten. Du bist nicht mit diesem … diesem Riesen verheiratet, sondern …«
»… mit einem Toten! Ich habe lange genug getrauert, und das war euch auch nicht recht. Immerzu drängt Vater: heirate diesen, heirate jenen. Ich will aber nicht diesen oder jenen, ich will Marr-Tin.«
»Aber was ist, wenn Ravuú euch entdeckt? Du weißt, was sie von solchen Geschichten hält«, sagte Mire und warf einen ängstlichen Blick hinauf zur Spitze des Vulkans, wo sich in dieser frühen Morgenstunde noch keine Wolken gefangen hatten.
»Marr-Tin wäre tot, wenn ich nicht gewesen wäre. Ravuú ist einverstanden«, antwortete Sa’e trotzig, obwohl ihr bei dem Gedanken an die rachsüchtige Göttin, die den Menschen so leicht ihr Glück missgönnte, ein Schauer über den Körper jagte. Sie sprang auf und stolperte davon, blind für die Spalten zwischen den Felsen.
»Er ist keiner von uns!«, schrie Mire ihr wütend hinterher.
»Dann muss er eben einer von uns werden«, gab Sa’e zurück.
Noch in derselben Nacht stahl sich Sa’e aus dem Klanhaus und huschte leichtfüßig wie ein Nitu des Waldes über den Dorfplatz in die tiefen Schatten zwischen den Häusern.
Es waren große, stabile, auf Stelzen stehende Bauwerke, ganz aus Bambus, Holz und gewebten Grasmatten errichtet, in denen jeweils eine Großfamilie Platz fand. Alle Häuser folgten demselben Bauplan: Über eine grob gezimmerte Leiter erreichte der Besucher als Erstes eine geräumige Veranda, an die sich hintereinander zwei große, fensterlose Räume anschlossen. Der vordere war den Männern vorbehalten, während der hintere zusätzlich zu den Schlafplätzen über einen großen Herd verfügte. Hier schliefen Frauen, Kinder und Kranke. Auch Marr-Tin hatte in dem hinteren Raum des Klanhauses gelegen, fiebernd und am Ende seiner Kräfte, bis der Heiler ihm erlaubte, die dicke, dunkelgraue Dämmerung des Hauses zu verlassen und die Insel zu erkunden, die ihm seit geraumer Zeit seine Heimat ersetzte.
Ein leises Geräusch ließ Sa’e aufblicken. Über ihr türmten sich die mächtigen Dächer, die mehrere Mannshöhen über die Plattformen aufragten, waghalsige Konstruktionen aus dicken Schichten von trockenen Alang-Alang-Gräsern. An den Enden der steilen, in lange Spitzen auslaufenden Satteldächer wachten geschnitzte Holzgötter mit Speeren und Schilden über die Rochenkinder. Wieder hörte Sa’e ein leises Flattern, dann sah sie einen sich entfernenden großen Schatten am Himmel. Erleichtert setzte sie ihren Weg fort. Es war nur ein Flughund auf dem Weg zu seinen Futterbäumen gewesen, kein Geist.
Schnell durchquerte sie einen kleinen Bananenhain und trat auf eine Lichtung. Es war eine helle Nacht, und sie sah, dass Marr-Tin schon auf sie wartete. Schlaflos saß er vor der einfachen Hütte, die ihm die Dorfbewohner etwas abseits ihrer Häuser errichtet hatten. Innerlich lächelnd erinnerte Sa’e sich daran, wie er das erste Mal die Leiter erklommen hatte, die zu seiner Veranda führte. Man hatte ihm ein Haus im Stil der Insel gebaut. Er hatte kaum die letzte Sprosse hinter sich gelassen, als das fragile Gebäude unter ihm zusammengebrochen war. Die Rochenkinder hatten sein Körpergewicht unterschätzt.
Jetzt bemerkte er sie. Sofort stand er auf und kam ihr entgegen. Mit einem Lächeln nahm er sie in die Arme. Sa’e überließ sich nur zu gern seiner Stärke. Wenn sie mit ihm zusammen war, fielen alle Sorgen von ihr ab; der Geist ihres Mannes, den sie anfänglich gesucht hatte und der sie nun Tag um Tag mit seiner Anwesenheit quälte, verblasste und trat zurück in die Schatten.
Marr-Tin schien ihre Gedanken zu ahnen und strich mit seinen kräftigen Händen über ihren Rücken, dann presste er seinen Mund auf ihren. Beim ersten Mal war Sa’e darüber entsetzt gewesen, doch mittlerweile gefiel ihr dieses »Küssen«, wie er es nannte. Ihr Volk kannte das Küssen nicht, und natürlich gab es auch kein Wort dafür. Nach einer Weile löste sie sich von ihm, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die Hütte. Sie hatten nicht viel Zeit.
Schon bald erhob sich Sa’e bedauernd von Marr-Tins Lager und band sich ihren Wickelrock um die Hüften.
»Ich werde nicht wiederkommen«, sagte sie zu ihm.
Er erwiderte etwas, doch sie verstand es genauso wenig, wie er sie verstanden hatte. Seufzend ging sie neben ihm in die Hocke.
»Meine Schwester hat uns entdeckt, und das ist schlimm. Ich glaube zwar nicht, dass sie uns verraten wird, aber es wäre nicht auszudenken, was geschähe, sollte unser Geheimnis meinem Vater oder gar dem Molang zu Ohren kommen.« Sa’e hatte sich jetzt so dicht über ihn gebeugt, dass sie trotz der in der Hütte herrschenden Dunkelheit sein weißes, schweißglänzendes Gesicht erkennen konnte. Seine blauen Augen musterten sie aufmerksam, und sie nahm es als Aufforderung, sich ihre Befürchtungen von der Seele zu reden.
»Nein, nachts komme ich nicht wieder«, wiederholte sie mit fester Stimme. »Aber ich werde alles daransetzen, dich heiraten zu dürfen.« Gefasst erhob sie sich und eilte hinaus. Hinter sich hörte sie Marr-Tin überrascht den Atem ausstoßen, dann sprang er so ungestüm auf, dass die ganze Hütte ins Schwanken geriet, aber sie war schneller. Als er ins Freie trat, hatte sie schon den Bananenhain erreicht. Er sollte nicht sehen, wie aufgewühlt sie war.
Martijn de Groot beobachtete ratlos, wie Sa’e zwischen den großen Blättern der Bananenstauden verschwand. In der Stimme der jungen Frau hatte er eine Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit vernommen, die ihm nicht behagte. Sie hatte ihm etwas erklären wollen, aber was? Waren sie entdeckt worden? Kaum, denn dann wäre sie mit Sicherheit heute Nacht ferngeblieben. Genau wie sie war auch er äußerst vorsichtig gewesen. Von Anfang an hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass ihre Liebelei geheim bleiben müsse, und er hätte den Teufel getan, sich nicht daran zu halten. Das Versteckspiel ging ihm zwar auf die Nerven, andererseits konnte er froh sein, dass sich überhaupt eine Frau gefunden hatte, die sich mit ihm einließ. Im Gegensatz zu den anderen Frauen, die trotz aller Freundlichkeit seine Nähe mieden, war diese hier nicht schüchtern. Sie schien verliebt in ihn zu sein, und obwohl er sie nicht sonderlich attraktiv fand mit ihrer breiten Nase und der dunklen Haut, spielte auch er ihr Verliebtheit vor. Er wollte sie schließlich nicht vertreiben. Ein Mann wie er, jung und stark, brauchte eine Frau, irgendeine Frau, und damit basta.
Martijn wischte die Gedanken an Sa’e fort; er würde früh genug erfahren, was los war. Ärgerlich schlug er nach den Moskitos, die sich voller Begeisterung auf seinen nackten Körper gestürzt hatten, dann ging er in die Hütte, holte seine völlig zerlumpte Kleidung und schlüpfte hinein. Prüfend blickte er an sich hinunter. Die Hose würde nicht mehr lange halten, ebenso wenig das Hemd, und was dann? Die von den Männern des Dorfes um die Lenden geschlungenen Tücher erinnerten ihn an Frauenröcke. Würde es so mit ihm enden? Ein Wilder in Weiberkleidern, vergessen von der Welt? Nicht, dass die Welt sich bisher um ihn geschert hätte; Martijn de Groot gehörte nicht zu den wichtigen Leuten, deren Namen jedes Kind in Amsterdam ehrfürchtig flüsterte. Er war ein Niemand aus armen Verhältnissen und hatte sein liebloses Elternhaus mit zwölf Jahren verlassen, um sein Glück auf den Ostindienfahrern zu suchen. Er war Seemann geworden, und die Jahre auf See hatten seine Muskeln hart, seine Schultern breit und sein Herz furchtlos gemacht. Seine Eltern hatte er nie wiedergesehen, aber er machte sich keine Illusionen, dass sie ihn vielleicht vermissten. Im Gegenteil, dank seines Fortgehens hatten sie einen Esser weniger durchzubringen.
Er streckte sich lang auf dem Boden aus, die Hände unterm Kopf gefaltet, und beobachtete eine schwarzgelb glänzende, handtellergroße Spinne, die sich direkt über ihm heimisch eingerichtet hatte. Martijn mochte seine Mitbewohnerin, hielt sie ihm doch anderes, weitaus unangenehmeres Getier vom Hals. Da die Spinne sich nicht rührte, landeten seine Gedanken bald bei seinen Fluchtplänen. Seit über einem Jahr saß er nun schon in diesem Dorf am Ende der Welt fest. Es kam ihm vor wie ein halbes Leben, und die erzwungene Untätigkeit machte ihn reizbar.
Dabei hatte er allen Grund, den Dorfbewohnern dankbar zu sein: Nachdem er damals beim Sturm über Bord gegangen und an das Ufer dieses gottverlassenen Eilands gespült worden war, hatten sie ihn gesund gepflegt. Sie waren freundlich, ganz anders als die Eingeborenen in den Geschichten an Bord, wo die alten Ostindienfahrer von Menschenfressern und verfluchten Inseln, von Kopfjagd und schwarzer Magie flüsterten. Er hatte in dem Dorf bisher jedenfalls weder getrocknete Feindesköpfe noch irgendeinen faulen Zauber ausmachen können. Die Menschen waren naiv wie Kinder und verhielten sich ihm gegenüber höflich und voll kaum gezähmter Neugier. Sein blondes Haar, die blauen Augen, die sommersprossige helle Haut, sein ganzes Äußeres war eine Quelle nicht ermüdender Faszination. Die Dorfbewohner hatten offensichtlich noch nie einen Weißen gesehen. Nicht, dass sich dazu viel Gelegenheit geboten hätte: Dieser Archipel war einer der abgelegensten und uninteressantesten Außenposten der niederländischen Kolonien. Es waren gerade elf Jahre vergangen, seit die Holländer den Portugiesen das Gebiet um Larantuka abgekauft hatten. Martijn fragte sich nach wie vor, ob es den Einsatz gelohnt hatte. Im Gegensatz zu den unendlichen Reichtümern der Gewürzinseln gab es hier nichts zu holen.
Trotzdem war Larantuka seine Hoffnung. Zum Zeitpunkt des Sturms hatte sich sein Schiff irgendwo in der Passage zwischen Timor und den Inseln des Alor-Archipels befunden. Er ging davon aus, dass die große benachbarte Insel jenseits der schmalen Meerenge Pantar war. Er brauchte also nur ein Boot, um sich von Insel zu Insel westwärts zu schlagen. Aber hier lag auch das Problem: Die kleinen Fischerboote waren sehr schwierig zu navigieren, und die Strömungen zwischen den Inseln tückisch. Martijn schätzte, dass Larantuka nur achtzig Seemeilen entfernt war, aber es hätte genauso gut ein ganzer Ozean sein können. Selbst wenn er ein Boot stehlen und bedienen konnte, würde er immer wieder an Land gehen müssen. Und wer garantierte, dass die Eingeborenen der anderen Inseln ihm ebenso wohlgesinnt waren wie seine momentanen Gastgeber?
Malaysia war die Hölle. Seit zwei Stunden stolperte Alexandra nun schon inmitten einer sterbenslangweiligen Reisegruppe hinter ihrer Reiseleiterin Birgit her und versuchte, die Umgebung zu ignorieren. Es gelang ihr nicht: Während Birgit voller Begeisterung zu berichten wusste, dass der Taman Negara der älteste Dschungel der Welt sei, suchte Alexandra panisch den Boden ab, um jedes Insekt, das auf sie zuzukriechen wagte, umgehend zu zermalmen. Der im Prospekt so vollmundig angekündigte Dschungelspaziergang war eine Zumutung: schlammige Pfade, dornenbewehrte Ranken, stechendes Viechzeug und, um jede aufkommende Sympathie für das wuchernde Grün im Keim zu ersticken, eine klamme, dampfende, ekelerregende Hitze, die den Ausflug zur Qual machte. Zu allem Überfluss kommentierte die Reiseleiterin jede zweite Pflanze. Alexandra vermutete, dass sie es aus Bosheit tat, um die Schar mehr oder weniger interessierter Deutscher so lange wie möglich von ihren wohlverdienten Duschen fernzuhalten.
Als sie zu einer Weggabelung kamen und Birgit Anstalten machte, einen steilen Hügel zu erklimmen, von dem man einen wunderbaren Ausblick auf noch mehr Dschungel haben sollte, streikte Alexandra. Erstaunlicherweise fanden sich einige Gleichgesinnte. Nach einem kurzen Wortwechsel verließen die Rebellen die Hauptgruppe und eilten dem Hotel zu, das laut Birgit keine zwanzig Minuten entfernt war, da sie das Ende des Rundwegs beinahe erreicht hatten.
Die Bezeichnung »Hotel« war eine glatte Übertreibung für die schimmeligen, nach Moder und Fäulnis stinkenden Bungalows. Nach Birgits Aussagen waren sie die besten im Umkreis von hundert Kilometern, aber das hatte nichts zu sagen: Im Umkreis von hundert Kilometern gab es nämlich nichts außer Dschungel. Trotzdem war Alexandra froh, als sie die Tür hinter sich schließen und sich endlich aus ihrer schweißgetränkten Kleidung schälen konnte. Immerhin gab es eine Klimaanlage. Und die drehte sie voll auf.
Martin kam erst zwei Stunden später zurück, verdreckt und gut gelaunt.
»Was machst du hier drinnen?«, fragte er überrascht, als er Alexandra auf dem Bett liegen sah.
»Mich langweilen.«
Seine gute Laune verpuffte augenblicklich. Ungehalten pfefferte er seine schlammverschmierten Schuhe in die Ecke.
»Ich kann ausnahmsweise verstehen, dass dir der Ausflug nicht gefallen hat, aber musst du es immer so offen zeigen? Warum hast du dich nicht auf die Aussichtsterrasse beim Restaurant gesetzt? Es ist wirklich hübsch dort. Die anderen sind schon da.«
»Eben.«
»Was, eben?«
Alexandra setzte sich auf. »Na, die anderen sind schon da, das meine ich. Und zwingen mir Gespräche auf über all die tollen Rundreisen, die sie schon in irgendwelchen Dritte-Welt-Ländern gemacht haben.«
Martin schüttelte den Kopf. »Stell dich nicht so an. Malaysia ist ein hochentwickeltes Land, im Gegensatz zu, sagen wir mal, Indonesien.«
»Wenn es dort noch schlimmer ist als hier, werde ich niemals einen Fuß in dieses Land setzen.«
»Schade eigentlich. Ich wäre gerne einmal mit dir dorthin gereist.« Martin schnappte sich ein Handtuch. »Ich gehe duschen.«
Als er aus dem Bad kam, lag Alexandra noch immer auf dem Bett und sah ihm entgegen.
»Hast du es ernst gemeint?«, fragte sie.
»Was?«
»Dass du nach Indonesien möchtest?«
»Natürlich.«
»Mit mir?«
Er nickte abwesend, während er seinen Koffer nach einem frischen T-Shirt durchwühlte.
»Es hat doch keinen Sinn.«
Martin hob den Kopf. »Was hat keinen Sinn?«
»Alles. Wir beide. Was soll das noch bringen? Obwohl ich todunglücklich bin, würdest du mich am liebsten an einen Ort verschleppen, der noch grässlicher ist als dieser.«
»Ich will dich nicht verschleppen.«
Sie winkte ab. »Wortklauberei. Im Grunde ist auch nicht Malaysia das Thema. Es ist nur symptomatisch, dass du nicht merkst, wie es mir geht. Wir leben aneinander vorbei. Wir reden aneinander vorbei. Aber ich muss mit dir reden. Über uns.«
Martin hatte ein sauberes T-Shirt gefunden und richtete sich auf. »Das tun wir doch gerade«, sagte er verärgert. »Das tun wir eigentlich dauernd, und ich habe es ziemlich satt. Können wir nicht ausnahmsweise eine schöne Zeit miteinander verbringen, ohne alles zu hinterfragen?«
Alexandra sagte nichts.
»Also, worüber willst du mit mir reden?«, fragte Martin ungeduldig.
»Schon gut. Es ist wahrscheinlich nicht der richtige Zeitpunkt.«
»Dann eben nicht.« Hastig zog Martin sich das T-Shirt über den Kopf und schlüpfte in seine Shorts. »Aber wirf mir nicht vor, ich würde nicht auf dich eingehen.«
Mit zwei Schritten war er bei der Bungalowtür und schlug sie mit einem wütenden Knall hinter sich zu.
Typisch, dachte Alexandra. Wie üblich weicht er aus. Aber ich muss mit ihm reden. Irgendwann muss sich der richtige Zeitpunkt ergeben. So geht es einfach nicht weiter.
Hier leben Sie also?« Herr Borowski stellte sich neben Birgit, die, sofort nachdem den Passagieren das Betreten gestattet worden war, die gesamte Länge der Personenfähre durchmessen und sich gegen die Absperrung der hydraulischen Ein- und Ausstiegsbühne gelehnt hatte, ohne sich darum zu kümmern, ob ihre Schäfchen vollzählig an Bord waren.
Herrn Borowskis Frage ignorierend, atmete Birgit tief durch die Nase ein. Die Luft war dick von Diesel und Farbe, frischer grüner Farbe, die auf den Wänden und der Außenhaut der Fähre lange buckelige Nasen bildete. Das Hafenwasser steuerte einen organischen, gerade noch wahrnehmbaren Hauch von Salz, verrottenden Pflanzen und Fisch bei. Sie kannte diesen Geruch und liebte ihn.
»Ich hatte mir Penang ganz anders vorgestellt. Idyllischer«, unterbrach Herr Borowski Birgits Gedanken.
»Traumstrand, Palmen, Hängematte?«
»Ja, so etwas in der Art. Nicht diese Großstadt.« Er wies nach vorn, wo sich jenseits einer schmalen Wasserstraße die grünlich grauen Berge der Insel Penang aus dem Meer erhoben. Die grelle Mittagssonne hatte alle Farben gestohlen; das Meer war eine unbewegte Fläche aus flüssigem, hellgrauem Licht, kaum zu unterscheiden vom weißen Himmel. Selbst Georgetown, die große Stadt auf der kleinen Insel, sah verblichen aus.
Trotzdem erschien es Birgit, als lächelte die Perle des Orients ihnen zu, als bleckte sie freundlich ihr Gebiss mit den blendend weißen, fast die gesamte Küste säumenden Hochhauszähnen. Selbst das hässliche Komtar-Gebäude, eine sechzig Stockwerke hohe Monstrosität inmitten der Altstadt, erschien ihr als ein Leuchtturm, der sie nach Hause lotste.
Nach Hause. Birgits Blick glitt zur Inselmitte. Irgendwo dort, am Fuße des höchsten Berges, wartete ihre Wohnung auf sie. Die letzten fünf Monate waren sehr anstrengend gewesen. Sie hatte nacheinander neun verschiedene Reisegruppen durch Malaysia begleitet, aber jetzt galt es nur noch zwei Tage zu überstehen, bis sie sich zurücklehnen und das unaufgeregte Kleinstadtleben am Rande der Stadt genießen konnte. Endlich hatte sie ein paar Wochen Urlaub.
Birgit riss sich zusammen. Noch war es nicht so weit, noch hatte sie sich um ihre Schützlinge zu kümmern. Sie zeigte auf das Buch in Herrn Borowskis Hand. »Hat Ihr Reiseführer Sie nicht vorgewarnt?«
»Hat er. Aber es ist doch etwas anderes, die Orte mit eigenen Augen zu sehen.«
Die Fähre rüttelte, und die Motoren verdoppelten ihre Lautstärke. Gleich würden sie ablegen. Birgit drehte sich um und suchte die dichtbesetzten Bankreihen ab. Ihre Reisegruppe hatte sich im mittleren Teil drei lange Bänke gekapert und die freien Plätze mit Tagesrucksäcken und Plastiktüten belegt, damit keiner der Einheimischen in ihre Domäne eindringen konnte. Eine Wagenburg. Birgit seufzte. Es war immer das Gleiche: Sobald das Fremde ihnen zu nahe kam, schraken die Touristen zurück. Sie wollten Zuschauer sein, aber unter keinen Umständen Teil der von ihnen bereisten Welt werden. Damals, als sie die ersten Reisegruppen leitete, hatte Birgit versucht, ihre Begeisterung für Land und Leute an die Urlauber aus Deutschland weiterzugeben, aber sie hatte sich die Zähne ausgebissen. Bali, Thailand und Malaysia wurden von den Touristen zu einer exotischen Kulisse degradiert, die einen interessanten Fotohintergrund für die wohlorganisierten Abenteuer abgaben, mit denen der Reiseveranstalter sie gelockt hatte. Interessanterweise waren die Urlauber meist zufrieden und flogen mit dem angenehmen Gefühl nach Hause, etwas über die Welt gelernt zu haben.
Zum Glück gab es Ausnahmen. Das aus Duisburg stammende Ehepaar Borowski beispielsweise, beide Mitte fünfzig und so neugierig wie Kinder. Oder Martin Jessberg, der gerade auf sie und die Borowskis zugeschlendert kam, ein Werbefilmer aus Hamburg, der für alles offen war.
Birgit winkte den anderen aus der Gruppe zu, bedeutete ihnen, ebenfalls an die großen offenen Luken zu treten, um die Anfahrt auf die Insel nicht zu verpassen. Zögernd erhoben sich die Ersten, dann immer mehr, bis nur noch Alexandra, die Frau des Werbefilmers, sitzen blieb. Was nicht anders zu erwarten gewesen war.
Die Überfahrt dauerte keine fünfzehn Minuten. Ein Schwesterschiff der Fähre legte gerade ab und machte ihnen Platz am Pier. Birgit ging zu ihrer Gruppe und übernahm die Führung. Ihr Reisebus hatte den längeren Weg über die Brücke genommen, aber mit etwas Glück wartete er schon vor dem Fährterminal. Es wäre natürlich bequemer gewesen, im klimatisierten Bus sitzen zu bleiben und sich auf die Insel kutschieren zu lassen, aber Birgit empfand die kurze Fährfahrt als den schönsten Weg, sich Penang zu nähern. Meist gingen ihre Reisegruppen auf den Vorschlag ein, die öffentliche Fähre zu nehmen.
Der Bus war noch nicht da, wahrscheinlich steckte er irgendwo im zähfließenden Verkehr fest. Es dauerte keine zwei Minuten, bis der erste ihrer Schützlinge sich über die Hitze beklagte und murrte, wie lange man denn noch warten müsse. Um die beginnende Meuterei im Keim zu ersticken, scharte Birgit ihre Leute um sich und erklärte ihnen die, wie sie selbst zugeben musste, unattraktive Umgebung, während sie routiniert einige Taxifahrer in Schach hielt, die wie hungrige Löwen Birgits Herde umstrichen. Kurz bevor ihr die Geschichten über die altehrwürdigen Handelshäuser in Sichtweite ausgingen, bog der Reisebus der Gesellschaft auf den Parkplatz.
Den Rest des Tages verbrachte Birgit damit, den Tourteilnehmern pastellbunte indische und verräucherte chinesische Tempel, Moscheen und Kolonialvillen zu zeigen, bis es schließlich Zeit fürs Abendessen war. Sie führte die Gruppe zurück zum Hotel und verabschiedete sich. Nachdem sich die Touristen in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, ging Birgit in die Bar und bestellte ein Feierabendbier. Eine Viertelstunde später betrat das Duisburger Paar in Begleitung des Werbefilmers den Raum. Herr Borowski eilte sofort auf Birgit zu.
»Wie schön, Sie sind noch hier! Uschi und ich hatten schon befürchtet, dass Sie uns durch die Lappen gegangen sind. Wir möchten Sie nämlich als Dankeschön für den wunderbaren Tag zum Essen einladen«, sagte er und umschloss mit einer Handbewegung seine Frau, Martin und sich selbst. »Natürlich bestimmen Sie, wohin es geht.«
Birgit war überrascht, aber auch erfreut. Es würde ein Vergnügen sein, den dreien ihr persönliches Penang zu zeigen. Sie rutschte vom Barhocker.
»Abgemacht«, sagte sie. »Ich will mich nur noch schnell auf meinem Zimmer duschen und umziehen. Geben Sie mir eine halbe Stunde.«
Zwanzig Minuten später hatte sie ihre formelle Reiseleitergarderobe gegen Jeans, Flip-Flops und ein T-Shirt eingetauscht. Man würde heute Abend mit ihr als Privatperson vorliebnehmen müssen.
Bevor sie das Zimmer verließ, schob sie kritisch die Daumen in den zu weiten Hosenbund. Sie war immer schlank gewesen, aber in den letzten Monaten hatte sie so viel abgenommen, dass sie hager wirkte. Auch ihre Gesichtszüge waren kantiger und die Krähenfüße tiefer geworden. Das Alter holte sie langsam ein. Noch vor fünf Jahren war sie grundsätzlich jünger eingeschätzt worden, als sie tatsächlich war, aber mittlerweile sah man ihr die sechsunddreißig Jahre an, davon neun Jahre unter tropischer Sonne. Sie strich durch ihre raspelkurzen aschblonden Haare. Dann hatte sie also Falten, na und? Sie hatte sich schließlich nie sonderlich um ihr Äußeres gekümmert, warum sollte sie ausgerechnet jetzt damit anfangen? Und was die fehlenden Pfunde anbelangte: Penang mit seinem guten Essen würde es schon richten.
Ihre Stimmung besserte sich, als sie aus der eisgekühlten Hotelhalle ins Freie trat und sich inmitten des abendlichen Trubels auf der Penang Road wiederfand. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und hatte die schwüle Hitze des Tages mitgenommen. Die milde Abendluft hatte die Städter aus ihren Häusern gelockt, die ersten Nachtschwärmer verteilten sich auf die Restaurants und mobilen Essstände, die zum Teil die gesamte Breite des Bürgersteigs besetzt hielten. Im Umkreis des Hotels befanden sich Kneipen, Bars und Diskotheken, und die ganze Straße vibrierte in Vorfreude auf eine durchfeierte Samstagnacht.
Ein kühler Luftzug traf Birgits bloße Arme. Die Tür der Hotellobby war aufgegangen, und die Duisburger sowie Martin Jessberg und seine unmögliche Frau Alexandra traten zu ihr. Birgit musterte die vier unauffällig. Uschi und Jürgen Borowski hatten die Zeit genutzt und sich ebenfalls umgezogen. Die beiden sahen aus, als hätten sie gerade eine frische Lieferung ihres bevorzugten Weltreiseausrüsters erhalten: Cargohosen mit Bügelfalten, ordentlich an den Armen aufgekrempelte karierte Hemden, weiße Socken – wegen der Moskitos – und multifunktionale Treckingsandalen. Birgit musste innerlich lachen, aber sie verkniff sich einen Kommentar. Diese Reise war für die Borowskis der erste Ausflug nach Asien; und selten hatten so begeisterungsfähige Menschen an ihren Führungen teilgenommen. Ohne Zögern probierten sie jedes Essen, waren morgens die Ersten und abends die Letzten, begierig, jede Minute mit Erlebnissen zu füllen.
Auch jetzt strahlten sie in Vorfreude auf einen spannenden Abend und waren bereit, alles zu mögen, was Birgit ihnen bieten konnte, ganz anders als die etwas abseits stehende Alexandra Jessberg. Gerade blickte sie einer Gruppe junger Chinesinnen in extrem kurzen Miniröcken nach. Ihre blasierte Miene machte die Mühe zunichte, die sie auf ihr dezentes Make-up verwendet hatte. Trotzdem musste Birgit zugeben, dass Alexandra umwerfend aussah. Sie war groß und schlank, ein elegantes knielanges Kleid setzte ihr perfektes Dekolleté, ihre perfekten Arme und Beine vorteilhaft in Szene. Perfekt frisierte goldblonde Haare flossen ihr in einer weichen Welle bis über die Schultern und gingen in das helle Gelb des Kleides über. Selbstverständlich passten ihre Schuhe ebenso perfekt zum Gesamtbild. Ein wenig schadenfroh registrierte Birgit die Bleistiftabsätze der hellgelben Sandalen. Die Schühchen waren entschieden die falsche Wahl für die mit unzähligen Stolperfallen ausgestatteten Straßen Penangs.
Im Gegensatz zu allen Männern in der näheren Umgebung schien Martin von seiner Frau nicht beeindruckt zu sein. Er wandte ihr den Rücken zu, und Birgit gewann den Eindruck, als würde er sich bewusst von ihr distanzieren. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, wäre Birgit niemals auf die Idee gekommen, dass die beiden ein Paar waren, ein verheiratetes noch dazu. Andererseits lagen sie sich seit Beginn der Reise in den Haaren, was dann doch wieder dafür sprach. Alexandras Anwesenheit begeisterte Birgit nicht sonderlich: Der blonden Schönheit würde der Abend nicht gefallen. Aber eigentlich war das auch nicht ihr Problem.
»Haben Sie einen bestimmten Wunsch?«, fragte sie in die Runde. »Hier gibt es so ziemlich alles, was die asiatische Küche zu bieten hat. Indisch, malaiisch, chinesisch, japanisch.«
»Wo wären Sie denn ohne uns hingegangen?«, fragte Jürgen Borowski und sah sie erwartungsvoll an.
»Nach Little India, um ein Tandoori-Huhn zu essen.«
»Na dann los! Ist es weit?«
»Nein. Zehn, vielleicht fünfzehn Minuten zu Fuß. Ist das okay?«, fragte Birgit an Alexandra gewandt.
»Ich hoffe, dort ist es sauberer als in diesem Hotel.«
Birgit war sprachlos. Das Hotel war eines der besten der Insel, und diese arrogante Ziege hatte immer noch etwas zu meckern. Es kostete sie Mühe, sich eine scharfe Bemerkung zu verkneifen. Martin rettete die Situation, indem er seine Frau am Ellbogen fasste und sie auf die Straße schob. »Los jetzt, ich habe Hunger.«
Sie kamen nicht weit. Wie Birgit es vorausgesehen hatte, stolperte Alexandra schon nach fünf Minuten über eine hochstehende Bürgersteigplatte und schürfte sich bei dem Sturz das Knie auf. Martin half ihr hoch.
»Das blutet wie verrückt. Wahrscheinlich hole ich mir bei all dem Dreck hier eine Blutvergiftung.« Alexandra war nicht mehr zu halten. Mit schriller Stimme schimpfte sie ohne Unterlass auf ihren Mann ein, bis sie zu Birgits Überraschung plötzlich in Tränen ausbrach. Martin nahm seine Frau ein wenig ungelenk in den Arm. So als hätte er es lange nicht mehr gemacht, dachte Birgit.
»Ich bringe sie am besten zurück ins Hotel und komme dann nach«, sagte er leise zu Birgit. »Wo finde ich Sie?«
»Immer geradeaus diese Straße hinunter. Sie merken es an den Läden, wenn Sie in Little India sind. Fragen Sie nach dem Restaurant ›Sri Ananda‹. Wir warten mit dem Essen, es ist ja noch früh.«
»Gut. Bis gleich dann.« Martin fasste seine Frau um die Taille und manövrierte sie vorsichtig in Richtung des Hotels. Birgit sah ihnen nachdenklich hinterher. Ein wirklich seltsames Paar.
Eine Dreiviertelstunde später setzte sich Martin auf den freien Stuhl neben Birgit. Er hatte blendende Laune, seine Augen blitzten.
»Wie geht es Alexandra?«, fragte Frau Borowski besorgt.
»Kein Grund zur Sorge.« Er machte eine wegwerfende Geste. »Es ist nur ein Kratzer. Um sie zu beruhigen, habe ich ihr eine antiseptische Salbe aufs Knie geschmiert. Sie schleppt eine komplette Apotheke mit sich herum.« Damit war das Thema für ihn erledigt. Neugierig sah er sich um. Sie saßen an einem der auf der Straße stehenden Tische, direkt vor einem tonnenförmigen, tiefschwarz verrußten Ofen. Birgit nahm an, dass er schon diverse Äonen Dienst in der Hölle getan hatte, bevor der indische Restaurantbesitzer ihn bei einem Ausverkauf ersteigern konnte. Den Ofen bedeckte eine Herdplatte von mindestens einem Meter Durchmesser, hinter der ein dicker Inder mit einem prächtigen Schnurrbart hantierte, das dunkle Gesicht glänzend vor Schweiß, und im Akkord dünne Brotfladen herstellte. Das Restaurant lief gut; ein stetiger Strom von Menschen schob sich an einer mit Bergen von unterschiedlich zubereiteten Hühnerteilen, scharf gewürzten Gemüseeintöpfen, Currys und Süßspeisen beladenen Vitrine vorbei. Mindestens ein halbes Dutzend Männer war damit beschäftigt, von Tisch zu Tisch zu rennen, Getränke heranzuschleppen, den Köchen die Bestellungen zuzurufen, abzuräumen, vollbeladene Teller zu balancieren und abzukassieren.
»Nett hier«, stellte Martin fest und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Ofen strahlte eine enorme Hitze ab, aber Birgit und die Borowskis hatten den Platz draußen trotzdem dem stickigen Innenraum des Restaurants vorgezogen. »Kommen Sie öfter her?«
»Sooft es geht.« Birgit winkte einen der indischen Kellner heran und bestellte für alle. Kurz darauf legte der Mann viereckig zurechtgeschnittene Bananenblätter auf den Tisch und klatschte mit einer Kelle das bestellte Essen darauf. Als sich vor jedem ein Berg aus Reis, Curry und duftendem Tandoori-Huhn auftürmte, fragte er Birgit etwas auf Malaiisch. Sie schüttelte den Kopf. Der Kellner sah sie erstaunt an, dann huschte ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. »Selamat Makan!«, sagte er und eilte zum Nachbartisch, wo schon lautstark nach ihm gerufen wurde.
»Selamat Makan«, wünschte auch Birgit in die Runde.
»Ich nehme an, das bedeutet ›guten Appetit‹. Den wünsche ich auch, aber«, sagte Herr Borowski und sah sich suchend auf dem Tisch um, »wo ist das Besteck?«
Birgit hielt ihre rechte Hand hoch. »Hier«, sagte sie. »Heute essen wir wie die Einheimischen.«
»Auch das Curry?«
»Auch das Curry.« Sie machte ihnen vor, wie man das Curry mit dem Reis vermischt und kleine Bällchen formt. Uschi Borowski vergrub zögernd ihre Finger im Reis. Wenige Minuten später sah der Tisch aus wie ein Schlachtfeld. Jürgen Borowski kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Jeder Reisklumpen, der wieder zurück aufs Bananenblatt fiel, führte zu einem Heiterkeitsausbruch, auch seine Frau gab den Versuch, sich nicht zu bekleckern, schnell auf. Birgit gratulierte sich dazu, das Besteck abbestellt zu haben. Ihre Gäste hatten eine fantastische Zeit.
Sie sah zur Seite. Über die Duisburger hatte sie Martin vernachlässigt. »Soll ich Ihnen zeigen, wie es geht?« Sie hielt verblüfft inne. Mit einer sparsamen, präzisen Bewegung rollte Martin gerade eine kleine Reiskugel und schnippte sie mit den Fingerspitzen in den Mund. Er hatte seine Portion schon fast aufgegessen, sein Platz war relativ sauber.
»Sie machen das nicht zum ersten Mal, oder?«, fragte Birgit.
Martin blickte auf. »Darauf können Sie wetten«, sagte er. Seine Miene verfinsterte sich. »Aber Alex will nicht in solchen Läden essen.« Er winkte ab. »Ist ja auch egal. Wo gehen wir als Nächstes hin?«
Sein jungenhaftes Lächeln war wieder da. Er hatte Birgit irgendwann in der letzten Woche erzählt, dass er vierunddreißig Jahre alt war, aber er wirkte wesentlich jünger und auf eine charmante Art sorglos, sogar ein wenig unreif. Um erwachsener und seriöser zu erscheinen, trug er seine dunkelblonden Haare sehr kurz, einen sorgfältig getrimmten Dreitagebart und eine jener eckigen schwarzen, zur Standardausstattung eines jeden deutschen Kreativen gehörenden Brillen. Im Grunde sah Martin aus wie der Prototyp eines erfolgreichen Yuppies. Eine Spezies, um die Birgit im Allgemeinen einen großen Bogen schlug, aber dieses Exemplar hier war ihr sympathisch. Vielleicht hatte sie auch Mitleid mit ihm. Alexandra und Martin waren ein ausgesprochen attraktives Paar, aber mit dem guten Aussehen endeten ihre Gemeinsamkeiten. Soweit Birgit es nach der kurzen Zeit beurteilen konnte, besaß Martin viele gute Eigenschaften, die seiner Frau fehlten: Spontaneität, Herzlichkeit, Offenheit und Neugier.
Birgit verbannte Alexandra aus ihren Gedanken. Sie hatte sich schon genug über diese Frau geärgert, die von Anfang an die Atmosphäre in der Gruppe vergiftet hatte. Morgen Abend, sobald Birgit ihre Touristengruppe in dem gebuchten Strandhotel auf der anderen Seite der Insel abgeliefert hatte, konnte sie aufatmen. Ihre Aufgabe würde dann nur noch darin bestehen, die Leute nach weiteren zehn Tagen dort abzuholen und sicher zum Flughafen zu eskortieren.
Sie erhob sich. »Was halten Sie davon, noch irgendwo ein Bier zu trinken und dann tanzen zu gehen?«
Am späten Nachmittag des nächsten Tages fuhr der Bus endlich auf den Parkplatz des Fünf-Sterne-Hotels in Batu Ferringhi, dem Ferienort Penangs. Zu Birgits Erleichterung waren alle Reiseteilnehmer mit Hotel, Zimmern, Pool und Strand zufrieden, aber es wurde trotzdem sieben Uhr abends, bis sich ihre Gruppe endlich in dem weitläufigen Strandhotel zerstreut hatte. Für die nächsten zehn Tage würden sie sich hier von den Strapazen der Rundreise erholen und einen erstklassigen Sonnenbrand einfangen. Wenn alles gutging, wurde sie bis zum Tag des Abflugs nicht mehr gebraucht.
Nachdem sie sich von den letzten ihrer Schützlinge verabschiedet hatte, verließ Birgit das Hotel durch den rückwärtigen Ausgang. Die Sonne versank gerade hinter einer Landzunge zu ihrer Linken, während die Kellner auf der Terrasse die Tische fürs Abendessen deckten. Vom Büfett wehten appetitanregende Düfte herüber. Birgit suchte sich in dem weitläufigen Hotelgarten einen freien Liegestuhl, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und genoss den kurzen tropischen Sonnenuntergang mit seinen violett, orangefarben und gelb auflodernden Wolken.
Sobald die Farben verblassten, erhob sie sich wieder und schlenderte zum Strand hinunter. An der Wasserkante zog sie ihre Schuhe aus, stopfte sie in ihre geräumige Umhängetasche und wandte sich nach rechts. Vielleicht würde ein kleiner Strandspaziergang ihre schon den ganzen Tag anhaltenden Kopfschmerzen mildern. Martin, die Duisburger und sie hatten irgendwann im Laufe der letzten Nacht eine Gruppe Chinesen kennengelernt und waren bis vier Uhr morgens mit ihnen von Bar zu Bar gezogen.
Birgit verfluchte gerade die Chinesen, die eine Runde Bier nach der anderen bestellt und es als Ehrensache betrachtet hatten, dass am Ende niemand mehr geradeaus gehen konnte, als von der Hotelterrasse lautes Geschepper ertönte, gefolgt von Schreien und Zetern.
Da schmeckt es wohl jemandem nicht, dachte sie und ging weiter in Richtung eines kleinen Strandcafés, wo sie zu Abend essen wollte.
Schuld an dem Getöse – und überhaupt an allem – hatten zwei Kater, ein alter und ein junger, Streuner mit zerfledderten Ohren, Legionen von Flöhen und einem stolzen, etwas hölzernen Gang, der ihre Mannespracht wunderbar zur Geltung brachte. Der alte Kater hatte gerade seinen Kontrollgang zwischen den auf der Hotelterrasse aufgebauten Tischen beendet, war geschmeidig einem lahmen Fußtritt ausgewichen und schließlich unter den Büfetttisch geglitten. Die Tischdecke reichte nicht ganz bis zum Boden und gab den Blick auf die nach Sonnenmilch und Mückenschutz, Leder, Gummi und Buttersäure stinkenden Füße der Hotelgäste frei. Der alte Kater nieste. Er hatte sich nie an den Geruch gewöhnen können, und doch kam er seit Jahren hierher, präzise wie ein Uhrwerk, denn mit ebenso präziser Vorhersehbarkeit fielen die wunderbarsten Leckerbissen zu Boden: Würste, gebratenes Huhn, Fischstückchen, Frühlingsrollen, Shrimps und vieles mehr. Er brauchte nur die Pfoten auszustrecken.
Und dann sah er ihn. Der junge Kater lag flach auf dem Bauch und angelte nach einem saftigen Stück gedämpftem Fisch, einer Delikatesse, die der alte Kater auf keinen Fall einem dahergelaufenen Niemand überlassen durfte. Dieser Büfetttisch war sein ureigenstes Territorium.
Der andere Kater hatte den Fisch zu sich herangezogen. Gerade als er sich darüber hermachen wollte, entdeckte er den alten Kämpfer. Er sprang erschrocken zurück. Sein Fell sträubte sich, und er machte einen Buckel, aber es reichte nicht, um den Alten zu beeindrucken, der sich jetzt zu doppelter Größe aufgeplustert hatte, sich dem Eindringling näherte und ein bedrohliches Knurren hören ließ. Der junge Kater knurrte ebenfalls, und schließlich standen sie sich nur einen halben Meter voneinander entfernt gegenüber. Ihre Stimmen wurden immer höher und schriller, bis sie in einem Fauchen und Schreien eskalierten, das die um den Tisch stehenden Menschen erschreckte. Jemand klopfte auf den Büfetttisch. Der ohnehin schon eingeschüchterte Jungkater verlor die Nerven. Mit einem blitzschnellen Satz warf er sich auf den Älteren, kassierte zwei routinierte Schläge, die ihn seine linke Ohrspitze kosteten, und flüchtete. Der alte Kater hetzte hinter ihm her: So einfach durfte er den jungen nicht davonkommen lassen.
Einige Touristen sprangen überrascht beiseite, als die beiden Kater unter der Tischdecke hervorschossen. Der junge Kater hatte in seiner Panik die Orientierung verloren und raste unter den Tischen und zwischen den Beinen der Menschen hindurch, ohne sie wahrzunehmen. Er spürte den Alten dicht auf seinen Fersen und wollte nur noch weg. Dann sah er einen Fluchtweg: eine lange Gerade zwischen zwei Tischen und dahinter ein Gebüsch, das ein Versteck und Sicherheit versprach. Er mobilisierte seine letzten Kräfte und sprintete den Gang hinunter. In diesem Moment schob sich ein geblümtes Hindernis zwischen ihn und das rettende Gebüsch.
Die Kellnerin trug das mit mehreren Tellern, Schüsseln und zwei aufwendig dekorierten Cocktails beladene Tablett mit einer Leichtigkeit, die auf lange Berufserfahrung schließen ließ. Martin beobachtete fasziniert, wie sie sich elegant mit ernster Miene und unbeeindruckt von herumrennenden Kindern, unentschlossenen Gästen und geschäftigen Kollegen ihren Weg zu seinem Tisch bahnte. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, lächelte Martin ihr zu. Sie lächelte zurück, ein schnelles, kaum wahrnehmbares Verziehen ihrer Mundwinkel, ein kurzes Aufleuchten der Augen. Aber Alexandra hatte es bereits bemerkt. Ebenso wenig war ihr entgangen, dass Martin zuerst gelächelt hatte.
»Kennst du die schon?«, fragte sie schnippisch. »Wir sind doch gerade erst ein paar Stunden in diesem Hotel.«
»Bist du schon wieder eifersüchtig?«, fragte Martin zurück. »Ich wollte freundlich sein. Einfach nur freundlich.«
Martin sah noch, wie Alexandra den Mund zu einer zweifellos spitzen Bemerkung öffnete. Doch die Worte kamen nie über ihre Lippen, denn in exakt diesem Moment prallte der Jungkater ungebremst gegen die Beine der Kellnerin. Die trat erschrocken einen Schritt zurück, das Tablett kam ins Schwanken und die Cocktails schwappten über. Ein kleiner bunter Papierschirm kippte aus dem Glas, rollte über den Rand des Tabletts und segelte langsam zu Boden, wodurch sich der junge Kater für den Bruchteil einer Sekunde von seinem eigentlichen Problem ablenken ließ. Dann war das Problem über ihm, fauchend, mit spitzen Zähnen und ausgefahrenen Krallen. Die Kellnerin war diesem zweiten Ansturm nicht mehr gewachsen und verlor vollends das Gleichgewicht. Cocktails, Suppe und Curry regneten auf die Tischdecke, Martins Hemd und Alexandras Kleid. Die Kellnerin und die ineinander verbissenen Kater lagen auf dem Boden neben Gläsern und zersplittertem Porzellan. Alexandra bekam einen Wutanfall, Gäste und Kellner riefen durcheinander, die Kater fauchten, und endlich landete das große Metalltablett mit einem alles übertönenden finalen Gongschlag auf dem Boden. Von einem Augenblick zum anderen verstummten alle Geräusche, erstarrte jede Bewegung. Der Garten des Hotels war zu einem Schnappschuss der Fassungslosigkeit eingefroren. In diese bewegungslose Stille hinein ertönte Martins Lachen: Nicht nur die Kater waren spurlos verschwunden, sondern auch der gebratene Fisch, der als Herzstück von Martins und Alexandras Abendessen gedacht war.
»Respekt«, sagte er. »Wenigstens die Viecher haben einen klaren Kopf bewahrt.«
Alexandra machte die Kellnerin für alles verantwortlich, was Martin nicht überraschte. Überraschend war eher die Heftigkeit ihres Ausbruchs. Seine Frau war schon auf der gesamten Reise unverhältnismäßig reizbar und aufbrausend gewesen, aber ihr Verhalten an diesem Abend widerte ihn an. Alexandra schüttete ihren angesammelten Frust, ihre Enttäuschung und Verbitterung über die mit unbeweglicher Miene zuhörende Kellnerin, bis Martin einschritt und seine Frau mit sanfter Gewalt in ihr Zimmer führte. Danach kehrte er wieder zurück, suchte sich einen Tisch ganz in der Nähe des Katerzwischenfalls und winkte die großgewachsene Kellnerin mit den schwarzen Kringellocken heran.
Zuerst versuchte sie, Martin zu ignorieren, aber da der Tisch eindeutig zu ihrem Zuständigkeitsbereich gehörte und keiner ihrer Kollegen ihr aus der Klemme half, schlug sie schließlich widerstrebend seine Richtung ein. Die Bluse ihres Arbeitskostüms spannte in den Schultern; nachdem sie ihre eigene von oben bis unten bekleckert hatte, war es anscheinend unmöglich gewesen, eine passende Uniform für sie aufzutreiben. Die Kellnerin überragte ihre Kolleginnen ausnahmslos um einen halben Kopf.
»Sie wünschen?«, fragte sie auf Englisch. Obwohl die Worte sachlich und professionell waren, bemerkte Martin einen belustigten Unterton.
»Ich wünsche mir, dass Sie meine Entschuldigung annehmen. Meine Frau hat sich im Ton vergriffen. Das Missgeschick war keinesfalls Ihre Schuld – morgen wird sie sich beruhigt und es eingesehen haben.«
Die Kellnerin verzog keine Miene. »Natürlich wird Ihre Frau es einsehen«, sagte sie.
»Natürlich«, sagte Martin.
»Natürlich nicht«, sagte die Kellnerin plötzlich. Aus den Tiefen ihrer dunklen Augen blitzte für einen winzigen Moment Wut auf, so alt wie der Kolonialismus selbst.
»Nicht?«, fragte Martin erschrocken.
»Für Ihre Frau bin ich nur ein Möbelstück«, sagte die Kellnerin heftig. »Sie hat gemeint, was sie gesagt hat. Und sie wird sich auch nicht entschuldigen.«
»Nein«, sagte Martin zerknirscht. »Das wird sie nicht.«
