Waco 10 – Western - G.F. Waco - E-Book

Waco 10 – Western E-Book

G. F. Waco

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Beschreibung

Die Romane eines der besten Westernautoren erscheinen seit über 60 Jahren exklusiv im Martin Kelter Verlag. Kaum einer verstand es wie er, Dialoge und Handlungen so mitreißend und spannend zu schildern. Erleben Sie neue Abenteuer in der rauen Zeit des Wilden Westens, in der Männer nur die Wahl zwischen Heldentum oder Tod hatten. Vic Roggers, der wilde Bursche aus dem Laredostreifen, umklammert seinen Revolver. Sein Seitenblick trifft Ive Torpin. "Ssst!" zischelt Torpin. "Du links, ich rechts, klar?" "Klar", sagt Roggers und kriecht wie eine Schlange los. "Der arme Narr." Er meint den dritten Mann bei diesem Spiel des Todes. Dieser Mann hat keine Ahnung, daß sich zwei andere ihm nähern. Er hat ein Gewehr unter dem Arm und den Hut ins Genick geschoben. Der Mann raucht, kommt nun die Corralgasse hoch und blickt zum Himmel. Gras raschelt leicht im Nachtwind am Alva Creek in Südwesttexas. Es steht kniehoch am Corralzaun und bewegt sich nur wenig. Der Pferdewächter der Fieldsranch schlendert heran. Dann ist er auf ­Roggers' Höhe, und dem klopft das Herz nun doch ein paar Sekunden etwas schneller. Dennoch spürt Roggers keine Furcht. Für ihn ist dieses Beschleichen ein Spaß, ein kleines Abenteuer. Was sie danach tun werden, ist glatter Pferdediebstahl, aber das bereitet Roggers keine Kopfschmerzen. Einen Moment muß Roggers an seine wartenden Partner denken.

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Seitenzahl: 154

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Waco – 10 –

Madre – Banditos

G.F. Waco

Vic Roggers, der wilde Bursche aus dem Laredostreifen, umklammert seinen Revolver. Sein Seitenblick trifft Ive Torpin.

»Ssst!« zischelt Torpin. »Du links, ich rechts, klar?«

»Klar«, sagt Roggers und kriecht wie eine Schlange los. »Der arme Narr.«

Er meint den dritten Mann bei diesem Spiel des Todes. Dieser Mann hat keine Ahnung, daß sich zwei andere ihm nähern. Er hat ein Gewehr unter dem Arm und den Hut ins Genick geschoben. Der Mann raucht, kommt nun die Corralgasse hoch und blickt zum Himmel.

Gras raschelt leicht im Nachtwind am Alva Creek in Südwesttexas. Es steht kniehoch am Corralzaun und bewegt sich nur wenig.

Der Pferdewächter der Fieldsranch schlendert heran. Dann ist er auf ­Roggers’ Höhe, und dem klopft das Herz nun doch ein paar Sekunden etwas schneller. Dennoch spürt Roggers keine Furcht. Für ihn ist dieses Beschleichen ein Spaß, ein kleines Abenteuer. Was sie danach tun werden, ist glatter Pferdediebstahl, aber das bereitet Roggers keine Kopfschmerzen.

Einen Moment muß Roggers an seine wartenden Partner denken. Er stellt wieder einmal fest, daß John Marlons Berechnungen auf die Sekunde stimmen.

An der anderen Seite der Corralgasse ist der Tränktrog für die Pferde. Dort preßt sich in diesem Augenblick der hagere Ive Torpin an das rauhe Holz und die beiden Balken unter dem Trog.

Der Posten hält an, und Torpin steigen in diesem Moment die Haare vor Furcht hoch.

Der Pferdeposten dieser Ranch, auf der die US-Army, das dritte Kavalleriekorps, seine Pferde hält, lehnt sich an den Zaun. Der Mann kann den Tränktrog in der Dunkelheit als länglichen Schatten mit leicht blinkendem Wasser sehen.

Wenn er mich sieht, schießt es ­Torpin durch den Kopf, heiliger Strohsack, wenn der Kerl, der verdammte…

Dann geht der Posten weiter. Er hätte 120 Yards bis zum Bunkhaus zu rennen, in dem neun Ranchhelps schlafen. Im Haupthaus liegen ein Corporal der Armee und drei Mann. Die Ranch gehörte einem Fields, doch der kam im Krieg um. Nach dem Krieg übernahm die Armee die Ranch und schuf sich hier ein Zureitgelände, auf dem Armeepferde gedrillt werden.

Als der Posten die nächsten beiden Schritte macht, dreht sich Torpin wie ein Regenwurm um den Trog und schiebt sich unter der untersten Corrallatte durch in die Gasse.

Im gleichen Moment taucht von drüben lautlos wie eine heransegelnde Fledermaus auch schon Vic Roggers auf.

Er hat nur seine Hose und ein Hemd in dieser warmen Nacht an und über dem Kopf eine Kapuze, damit sein Gesicht in der Dunkelheit nicht als weißer Fleck zu erkennen ist.

Roggers kommt blitzartig auf die Beine. Dann nickt er unmerklich dem etwas langsamer aufstehenden Torpin zu. Und danach springt der schlanke, wilde Bursche aus dem Laredostreifen vorwärts. Einen Moment sieht Roggers die Kopfbewegung des Wachpostens. Der Mann erschrickt zu Tode, als urplötzlich in seinem Rücken etwas schnurrt und knirscht. Seine Augen weiten sich, seine rechte Hand macht eine fahrige Bewegung zum Abzug des Gewehrs.

Ohne sich zu besinnen, saust Roggers auf den Wächter zu und schlägt den Colt herunter.

Im gleichen Moment stürzt Torpin wie ein Hühnerhabicht von rechts heran. Wie fast immer ist Roggers schneller an seinem Mann. Torpin hat eine Wette mit dem anderen verloren, daß er diesmal eher an dem Posten sein würde. Torpin bleibt nur die Aufräumarbeit. Der hagere Mann aus Washington streckt die Arme wie Ausleger eines Kranes vorwärts. Zielsicher schnappen Torpins Hände zu und packen das Gewehr. Dann rammt Torpin mit der linken Schulter das Kreuz des Postens und umschlingt den Mann mit dem linken Arm. Im selben Augenblick packt auch Roggers zu.

»Na?« fragt Roggers spöttelnd, als der Posten wie ein schlaffer Mehlsack auf Torpins Schultern liegt. »Was sagst du jetzt, Schlaukopf?«

»Hol dich Ratte der Teufel«, knirscht Torpin beleidigt. »Du hast nicht lange genug gewartet. Du bist eher losgesprungen.«

»Irrtum, du Bohnenstange«, erwidert Roggers grinsend. »Ich bin nun mal schneller als du, Torpin. Irgendwann mußt du das begreifen.«

»Ärgere mich noch lange, dann passiert was«, brummt Torpin. »Los, weg mit ihm, mach schon!«

Roggers greift unter das Hemd. Sie haben wie immer an alles gedacht, und Roggers stopft dem besinnungslosen Posten einen Knebel zwischen die Zähne. Dann packt er ihn bei den Beinen. Gemeinsam ziehen sie den Mann nun ein Stück weiter um die Corralecke. Sie legen ihn hin, binden ihn an die Stangen und sehen sich dann um.

Auf die Corrals fällt wieder das Licht des Mondes. John Marlons Berechnungen stimmen schon genau, wie?

Eine Minute, sagt er, hätten sie Zeit für den Posten. Die Minute ist um, der Mond taucht erneut alles in Helligkeit.

»Nun?« fragt Marlon, als die Reihe der anderen Männer erscheint und sie sich sorglos, als gingen sie hier spazieren, zwischen den Corrals bewegen. »Keine Eile, sie lösen erst in anderthalb Stunden ab. Von Westen ziehen Wolkenfelder heran, sie werden in etwa einer Stunde für Dunkelheit sorgen. Bis dahin sind wir weit genug weg. Wird nicht ganz leicht sein, die Spuren zu verfolgen.«

Sie werden uns nie erwischen, denkt Roggers zufrieden. Dazu sind sie alle zu dumm. Was John macht, das ist immer gründlich vorbereitet. Er hat im kleinen Finger mehr Verstand als wir alle zusammen.

»Captain, das war leicht«, sagt er heiser und kichert leise. »Der Narr hat nichts gemerkt. Die werden fluchen, wenn sie keine Pferde finden.«

»Vielleicht, Vic«, antwortet Marlon kurz. »Los, vorwärts, die Pferde heraus, immer nur zwei für jeden. Bringt sie hinter den Hang.«

Vic Roggers kichert, als er davonhastet. Er erinnert sich an die Steckbriefe überall. Manchmal machen sie sich einen Spaß daraus, den Steckbrief Maxwells und Marlons oder den von Torpin irgendwo abzureißen. Man sucht sie seit Monaten und jenem Tag, an dem sie eine Nachschubkolonne der Armee überfielen und den Fahrern die neuen Henrygewehre abnahmen, sich mit Proviant und Munition versorgten und spurlos verschwanden.

Roggers sieht sich noch einmal um. Er betrachtet den großen schwarzhaarigen und kaltblütigen John Marlon mit offener Bewunderung. Marlon war im Krieg Captain der Südstaatenarmee. Als er nach Hause kam, fand er die Handelsagentur von einem Yankee besetzt. Der verdammte Kerl hatte sich die Agentur und Marlons Ranch an Land gezogen. Kriegsbeute nennt man das. Marlon ging hin, stellte den Burschen zur Rede und erschoß ihn, als der Mann seine Leute zur Hilfe rief und nach dem Revolver greifen wollte.

Seit jenem Tag ist John Marlon vogelfrei. Auf seiner Flucht fand Marlon bald gleichgesinnte Leute, Männer, die irgendwie eine Rechnung mit den Besatzungstruppen hatten, Männer, die wegen irgendwelcher Dinge gesucht wurden. Nach Wochen hatte Marlon eine Horde Männer um sich, die wie er weder Tod noch Teufel fürchteten.

Sie alle verbindet der Haß auf die Yankees, die Leute aus dem Norden. Für Roggers sind Torpin, Chapman und dessen Partner Belmont zwar ehemalige Yankees, aber sie haben der Armee den Rücken gekehrt. Deserteure nimmt Marlon auch auf. So ist es zu der seltsamen Tatsache gekommen, daß acht Südstaatler gemeinsame Sache mit drei Yankeedeserteuren machen.

Sie sind alle gleich wild, gleich freiheitsliebend und gleich rauh.

Elf Männer, elf gesuchte Banditen. Jetzt stehlen sie der US-Army 49 Pferde.

Es ist John Marlons achter Schlag gegen die Yankees.

Und es wird nicht sein letzter sein.

*

Hufe klappern laut auf den Steinen. Staub rollt durch das enge Tal, als Maxwells lauter Ruf John Marlon im Sattel zusammenfahren läßt.

Von hinten jagt Torpin im höllischen Galopp, als gäbe es hier keine Scharten und Risse, heran. Torpin kann reiten wie kaum einer unter den elf Mann. Geschickt treibt der hagere Mann sein Pferd über zwei Bodenrisse hinweg, läßt es an einer Klippe scharf nach links gehen und prescht dann auf Marlon zu.

»Captain«, berichtet er keuchend, während ihm der Schweiß in kleinen Bächen über das Gesicht rinnt. »Verfolger – vier Mann. Sie haben unsere Fährte entdeckt.«

»So, haben sie?« fragt Marlon trocken. Sein hartes Gesicht mit den hellen Augen zuckt einmal kurz. »Wie weit?«

»Zwei Meilen haben sie noch, Captain«, gibt Torpin heiser zurück. »Sie kommen schnell. Roggers fragt, was werden soll.«

Marlon winkt den anderen, weiter zu reiten, während er zur Seite lenkt und mit Maxwell hält.

»Es ist doch immer gut, eine Nachhut als Sicherungsstreife zu haben«, sagt Marlon dann kühl. »Charles, reite mit Torpin zurück. Ihr blockiert den Weg durch das Tal hier.«

»In Ordnung, John«, antwortet Charles Maxwell knapp. »Ive, haben sie euch gesehen?«

»Sind wir Narren, uns blicken zu lassen?« erwidert Ive Torpin beleidigt. »Keine Sorge, Graukopf, sie haben nichts von uns erblickt. Captain, sollen wir danach noch sichern? Es ist nicht mehr weit zur Grenze.«

»Sichern – rechts und links«, brummt Marlon scharf. »Keine Minute schlafen, verstanden?«

Für Marlon ist die Sache bereits erledigt. Er war geschickt genug, ihre Fährte kurz vor dem Morgengrauen über das Gebiet der kahlen Felsen am Maravillas Canyon führen zu lassen. Dabei ritt er einige Meilen nach Süden, um wieder nach Osten abzubiegen. Dieser Trick hat sich bezahlt gemacht. Von all den ausgeschickten Suchtrupps scheint nur einer die wahre Fluchtrichtung Marlons erkannt zu haben. Der Suchtrupp ist zu klein, um Marlons Bande gefährlich zu werden. Keiner der beiden Vorreiter hat bis jetzt irgendwo Staubwolken gemeldet. Marlons Taktik, im steinigen Gelände zu bleiben, zahlt sich wieder einmal aus. Dennoch macht sich Marlon einige Sorgen wegen der nun notwendigen Schießerei. Das Echo von Schüssen ist meilenweit zu hören. Es könnte andere Suchtrupps, die vielleicht an der Grenze herumstreifen, anlocken.

»Patty!«

Marlons scharfer Zuruf gilt einem der Reiter. Der Mann, ein rothaariger, finster blickender Bursche aus Houston, dreht sofort den Gaul.

»Captain?«

»Nach vorn, den anderen Bescheid geben. Richtung vom Tal aus steil nach Süden!«

»Was? Captain, so kurz vor der Grenze…«

»Die Dämmerung kommt bald. Wenn jemand an der Grenze lauert, wird er bei dem Gekrache von Schüssen herkommen. Wir weichen nach Süden aus und benutzten die Höhen am Reegan Canyon, verstanden? Ich kümmere mich selbst nachher darum. Laß sofort die Richtung ändern, Patty!«

»In Ordnung, Captain.«

Er schafft es, sagt sich Patty, als er davonjagt. Wenn nur kein anderer Suchtrupp in der Nähe ist und bei der Knallerei gleich heranjagt. Na, es wird schon gutgehen. Bis jetzt haben wir nie Pech gehabt.

Hinter ihnen verschwinden Maxwell und Torpin. Sie erreichen hinter dem Hang am Eingang des Tales Vic Roggers. Maxwell steigt hastig ab, wirft einen Blick nach Norden und kraust die Stirn.

Dort unten im vorletzten Tal zeigt sich eine Staubfahne. Sie ist nur dünn und läßt die vier Verfolger gut sichtbar werden.

»Sie reiten rechts der Fährte«, stellt Maxwell fest. »Das werden sie auch im Tal hier tun. Lassen wir den Eingang frei und suchen wir uns die breiteste Stelle aus. Sie sollen glauben, daß hier niemand ist und sie ungefährdet einreiten können. Sollte mich wundern, wenn sie nicht den Talausgang umgehen und den Hang drüben hochkommen. Wir müssen sie eher packen. Vic, keinen umbringen, nur die Pferde, verstanden?«

»Tote reden und beißen nicht mehr!« grimmt der wilde Roggers. »Ich möchte wissen, wozu du bei uns bist. Ach, ja, ich vergesse immer, daß du schon ewig bei Marlon bist.«

Maxwell antwortet nicht. Er steigt wieder auf sein Pferd und treibt es wortlos an.

Roggers ist das reinste Gift, denkt der grauhaarige Mann bitter, so jung und so wild, schnell mit dem Colt wie eine Viper beim zubeißen.

Der alte Charles Maxwell schließt sekundenlang die Augen. In diesem Moment schwört er sich, John Marlon zu erschießen, ehe sie ihn hängen könnten. Nicht die Sucht nach Abenteuern hat Marlon zum Banditen werden lassen. Es waren die Umstände. Ein John Marlon soll nicht hängen.

*

Roggers pfeift schon wieder mal den Texas Song – und Torpin flucht bissig: »Hör auf, Mensch! Sollen sie uns hören, wenn sie uns schon nicht sehen können?«

Vic Roggers schließt die Lippen einen Moment, dann sagt er spottend: »Hast du Nerven, Torpin? Oder hast du was gegen den Song, he?«

»Gegen den und deine verdammte, künstliche Kaltblütigkeit«, zischt Torpin zurück. »Pfeifen, wenn diese Burschen kommen – und dann dieses verdammte Lied. Ich weiß langsam, daß du Texaner bist, Mister.«

»Sicher, und du ein Yankee«, stichelt Roggers. »Da hinten kommen deine Brüder, Mann.«

Torpin will sich wütend aufstemmen, aber in diesem Moment tauchen die vier Reiter am Eingang des Tales auf.

»Ruhig, ihr Narren«, faucht Maxwell finster. »Streitet euch sonstwann, aber nicht grade jetzt. Da sind sie. Verdammt, sie halten an!«

Die vier Verfolger reiten plötzlich auseinander. Jeweils zwei Mann nehmen eine Hangseite. Die Verfolger haben ihre Gewehre hoch und reiten vorsichtig zwischen die Felsen.

»Alle Teufel, die sehen sich ja um«, stottert Roggers überrascht. »Charlie, wenn sie auf unsere Spur stoßen, dann…«

»Sagte ich dir nicht, sie würden vorsichtig sein?« knurrt Maxwell. »Da haben wir es, sie wittern etwas. Mann, da ist ein Sheriff.«

»Ein Sheriff«, knirscht Roggers beim Anblick des Sternfunkelns zwischen den Zähnen. »Noch so ein verdammter, schmutziger Yankeesheriff.«

Für Sekunden vergißt er sogar, daß man sie entdecken könnte. Roggers beobachtet nur, unter einem Felsblock im Schatten liegend und zwischen zwei anderen wie durch eine Schießscharte sehend, daß der Sheriff den anderen Hang entlangreitet. Die beiden anderen Männer nähern sich dem Versteck der drei Banditen schnell.

»Runter«, sagt Maxwell leise. »Deckung, vorbei lassen, verstanden? Nicht rühren!«

»Sie sehen die Pferde.«

»Nein, sie sind zu weit oben«, antwortet Maxwell. »Unsere Pferde stehen unten hinter Felsen, sie sehen sie nicht.«

Von drüben kommt der scharfe Ruf des Sheriffs. Dann verstummt das Hufgeklapper keine sechzig Yard seitlich der drei Männer. Auch die beiden anderen Burschen des Suchtrupps halten nun an. »He, was gefunden, Carpenter?«

»Nichts, Sheriff, sie sind glatt durchgeritten mit den Pferden, keine Sicherungen!«

Die Stimme des einen Reiters auf dem nur sechzig Yard entfernten Hang klingt so deutlich durch die Abendluft, daß Maxwell jedes Wort genau versteht.

»Also, runter, und sehen wir zu, daß wir sie bald überholen und ihnen den Weg verlegen«, sagt der zweite Mann heiser. »Carpenter, ob noch andere Suchtrupps hier unterwegs sind?«

»Rechts von uns am Boquillas Canyon müßten welche sein«, erwidert Carpenter laut. »Möchte wissen, wo die anderen stecken. Sieben Suchtrupps in allen Canyons…«

Das andere verliert sich im donnernden Hufschlag. Die vier Männer reiten wieder aufeinander zu und treffen sich in der Mitte des Tales.

Die Canyons, denkt Charles Max­well bitter, das also war es, darum haben sie uns gefunden. Sie kontrollieren alle Canyons, weil dort nur jemand sein kann, der schnell verschwinden muß. John hat die richtige Nase gehabt. Wir müssen nachher über Felsen und die Canyonsenke vermeiden. Gut daß ich es weiß.

»Laßt sie vorbei«, zischt er den beiden anderen zu. »Erst schießen, wenn sie sich wieder sicher fühlen und die Sonne sie anscheint.«

Einen schnellen Seitenblick wirft Maxwell noch auf Roggers. Der junge Bursche bewegt sich wie eine Raubkatze. Er schiebt sich an den einen Felsen, nimmt das Gewehr hoch und hat ein seltsam dünnes, gefroren wirkendes Lächeln auf den Lippen.

»Roggers, nur die Pferde«, sagt ­Maxwell leise. »Nur auf die Pferde feuern, verstanden?«

In diesem Augenblick sind die vier Verfolger an ihnen vorbei. Sie nähern sich nun der Teppichstelle des Tales und wenden den drei Banditen bereits den Rücken zu. In der nächsten Sekunde erfaßt die vier Mann die Sonne mit ihrem rotgoldenen Abendschein.

»Achtung«, sagt Maxwell halblaut und hat das Gewehr an der Schulter und den einen Gaul bereits vor dem Lauf. »Paßt auf – jetzt!«

In derselben Sekunde zieht der ehemalige Transportbegleiter der Südstaatenarmee und altgediente Sergeant Charles Maxwell den Abzug durch.

Über die Rauchflamme seines Gewehrs sieht Charles Maxwell, wie das Pferd zusammenbricht. Charles repetiert blitzartig durch. Der Lauf der Waffe schwenkt zum nächsten Pferd, das einen Satz nach vorn macht.

Ohne zu zaudern feuert Maxwell noch einmal. Er trifft das anspringende Pferd in die Flanke. Der Gaul steigt, macht zwei verrückte Sätze und rennt in Maxwells dritte Kugel, ehe er sich überschlägt. Der Reiter fliegt im weiten Bogen aus dem Sattel.

Im gleichen Moment zieht der Vorgang ganz links außen Maxwells Aufmerksamkeit an sich. Dort hat sich der Sheriff geduckt. Während das dritte Pferd in dieser Sekunde zu Boden kracht und sein Reiter hinschlägt, um unter dem Gaul eingeklemmt zu werden, feuert Roggers wie ein rasender Teufel.

Überdeutlich sieht Maxwell, daß Vic Roggers nicht auf das Pferd, sondern auf den Sheriff feuert. Die Kugeln aus dem Gewehr des Kid schlagen in Hüfthöhe drüben gegen den linken Steilhang. Sie reißen kleine schmutzige Einschlagwölkchen hoch.

»Vic, du verdammter Halunke.«

Maxwell wird vor Zorn und Schreck bleich, denn Roggers mißachtet wieder mal jeden Befehl. Mit der vierten oder fünften Kugel endlich erwischt Roggers den flach auf dem Pferd liegenden Sheriff.

Es kracht ohrenbetäubend neben Roggers. Der Teufelsbraten Vic Roggers hat das Gefühl, als platze ihm sein Trommelfell. Dann sieht er, wie der Gaul des Sheriffs steigt, sich halb dreht und auf die Seite kracht. Dabei fällt der Sheriff auf den Bauch des Pferdes und rutscht sanft auf den Boden.

Maxwell hat geschossen.

»Idiot!« knirscht Maxwell, als das Bellen hinter dem einen Pferd herausfaucht und die Kugel singend an die Felsen knallt, um heulend abzuirren. »Du solltest auf das Pferd schießen, du Satan! Der Gaul wäre entwischt – und mit einem Pferd hätte uns einer der Kerle weiter verfolgen können. Was bist du doch für ein Hundesohn, Vic. Zurück, schnell!«

»Du – du alter, grauköpfiger Schurke!« keucht Roggers wild. »Ein Sheriff, der hätte nicht mehr lange gelebt. Jetzt ist der Kerl davongekommen, er ist… Mensch, das vergesse ich dir nicht!«

Die heranpfeifenden Kugeln zwingen ihn, zu schweigen und zurückzukriechen.

Sie laufen geduckt den jenseitigen Hang hinunter und hinter die Felsen. Dort sitzen sie auf, reiten an und sehen sich nicht mehr um.

Kaum sind die Männer an der gestohlenen Herde, als Marlon zu ihnen stößt.

»Was, zum Teufel, war los?« erkundigt sich Marlon finster.

Maxwell meldet, was er gehört hat, als sich der Sheriff und Carpenter verständigten, und Marlon nickt zufrieden.

»Wir sind in zwei Stunden drüben und in sechs bei Don Pablo. Dann rasten wir vier Stunden. Mit dem Geld kehren wir zurück. Morgen um diese Zeit sind wir in unserem Versteck. Kid, du hast auf den Sheriff gefeuert?«

»Nun ja – ich – ich…«

»Du hast einem Befehl nicht gehorcht«, sagt Marlon finster. »Der Mann ist nicht tot, wie mir Maxwell sagte, das ist dein Glück. Noch mal lasse ich dir das nicht durchgehen, verstanden?«

»Ja, Captain, ich werde es mir merken.«

Marlon nickt. Für ihn ist die Sache damit erledigt.

*

Pattys dunkles Gesicht rötet sich jäh. Der Zorn schießt in Pattys Augen. Dann streckt er jäh die Hand aus und umklammert den Unterarm des Mädchens.

»Ich sagte, du sollst mit mir trinken«, knurrt er wütend. »Rollins, ich denke, deine Nichte ist dazu da, he? Was, zum Teufel, bildet sie sich ein?«