Wahrheit gegen Wahrheit - Karen Cleveland - E-Book

Wahrheit gegen Wahrheit E-Book

Karen Cleveland

4,5
9,99 €

Beschreibung

»Für meine Kinder würde ich alles tun. Einfach alles.«

Was, wenn dein Mann sich als dein größer Gegner entpuppt?

Der NEW YORK TIMES Bestseller.

Für alle Fans von »The Americans«.

Vivian Miller ist Spionageabwehr-Analystin bei der CIA. Mit ihrem Mann Matt, einem IT-Spezialisten, und ihren Kindern lebt sie in einem Vorort von Washington, D.C. Auf diesen Tag hat sie seit zwei Jahren hingearbeitet: Mithilfe eines speziellen Algorithmus will Vivian ein Netzwerk russischer Spione in den USA enttarnen. Ihr gelingt der Zugriff auf den Computer eines russischen Agentenbetreuers. Auf eine Datei mit fünf Fotos - allesamt „Schläfer“, die auf amerikanischem Boden operieren. Doch was sie entdeckt, bringt alles, was ihr wichtig ist, in Gefahr - ihre Familie, ihre Ehe, ihren Job. Ist es den Russen gelungen, sie an ihrer einzigen Schwachstelle zu treffen? Ist Matt nicht nur ein perfekter Mann und ein perfekter Vater. Sondern am Ende auch ein perfekter Lügner?

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Seitenzahl: 500

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Buch:

»Ein furioser Thriller, den man geradezu verschlingt.«

JOHN GRISHAM

NIEMAND kennt die ganze Wahrheit.

NIEMAND weiß von der Gefahr.

NIEMAND ahnt, dass alles auf dem Spiel steht.

Vivian Miller ist Spionageabwehr-Analystin bei der CIA. Mit ihrem Mann Matt, einem IT-Spezialisten, und ihren Kindern lebt sie in einem Vorort von Washington, D.C. Auf diesen Tag hat sie seit zwei Jahren hingearbeitet: Mithilfe eines speziellen Algorithmus will Vivian ein Netzwerk russischer Spione in den USA enttarnen. Endlich gelingt ihr der Zugriff auf den Computer eines russischen Agentenbetreuers. Auf eine Datei mit fünf Fotos – allesamt »Schläfer«, die auf amerikanischem Boden operieren. Nur einen Klick weiter, und alles, was ihr wichtig ist – ihre Familie, ihre Ehe, ihr Job –, ist plötzlich in Gefahr …

Vivian hat geschworen, ihr Land gegen alle inneren und äußeren Feinde zu schützen. Was aber, wenn es den Russen gelungen ist, sie an ihrer einzigen Schwachstelle zu treffen? Ist sie bereit, das letzte Opfer zu bringen?

Autorin:

Karen Cleveland war acht Jahre als Analystin für die CIA tätig, davon sechs Jahre in der Abteilung Russland. Mit »Wahrheit gegen Wahrheit« gelang ihr sofort der Sprung auf die New York Times-Bestsellerliste. Der Thriller erscheint in 30 Ländern und wird von Universal Pictures mit Charlize Theron in der Hauptrolle verfilmt. Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt Karen Cleveland in Virginia.

KAREN CLEVELAND

WAHRHEIT GEGEN WAHRHEIT

THRILLER

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Retterbush

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien im Januar 2018 unter dem Titel »Need to Know« bei Ballantine Books, New York.Das vorangestellte Zitat von Oscar Wilde entstammt folgender Ausgabe:Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Grey.Aus dem Englischen von Angelika Beck. © 1999 by Manesse Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2018

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Karen Cleveland

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Carlos Beltrán

Covermotiv: Katya Evdokimova/Millenium Images, UK

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Klü · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-22109-6V002www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Für B. J. W.

»Wenn man liebt, täuscht man immer erst sich selbst und dann andere. Das nennt alle Welt dann eine Romanze.«

Oscar Wilde

Ich stehe in der Tür zum Zimmer der Zwillinge und sehe ihnen beim Schlafen zu. Friedlich und unschuldig liegen sie da und schlummern. Wie sie da hinter den Gitterstäben ihrer Bettchen liegen, erinnert mich das irgendwie an eine Gefängniszelle.

Ein Nachtlicht taucht das ganze Zimmer in einen warmen orangeroten Schein. Der kleine Raum ist vollgestellt mit Möbeln. Viel mehr, als eigentlich hineinpassen. Zwei Babybetten. Ein altes, ein neues. Ein Wickeltisch, darauf ein Stapel Windeln, noch in der Plastikverpackung. Das Bücherregal, das Matt und ich damals zusammengebaut haben. Jahre ist das inzwischen her. Die Regalbretter biegen sich unter all den Kinderbüchern, die ich längst auswendig kann, so oft habe ich sie meinen beiden Großen schon vorgelesen. Und eigentlich habe ich mir vorgenommen, sie auch den Zwillingen noch öfter vorzulesen. Aber dazu fehlt mir einfach die Zeit.

Hinter mir Schritte auf der Treppe. Matt, der nach oben kommt. Meine Hand schließt sich um den USB-Stick. So fest, als würde er, wenn ich nur lange genug zudrücke, einfach verschwinden. Sich in Luft auflösen. Als wäre dann wieder alles wie vorher. Die vergangenen Tage wären ausgelöscht. Nichts als ein böser Traum. Aber er ist immer noch da: hart, unkaputtbar, echt.

Die Dielen knarzen, wie sie immer knarzen. Ich drehe mich nicht um. Er tritt hinter mich. So dicht, dass ich die Seife rieche, die er immer benutzt. Das Shampoo. Ihn. Diesen Duft, der sonst so seltsam tröstlich war und ihn mir jetzt kurioserweise noch fremder macht. Ich spüre sein Zögern.

»Können wir reden?«, fragt er. Ganz leise.

Aber es reicht, dass Chase sich rührt. Er seufzt im Schlaf, dann wird er wieder ruhig. Zusammengeringelt wie ein Tausendfüßler liegt er da, als müsse er sich vor der feindlichen Welt schützen. Ich habe immer schon gedacht, dass er seinem Vater sehr ähnlich ist. Mit diesen wachen ernsten Augen, denen nichts entgeht. Jetzt frage ich mich, ob ich ihn je wirklich kennen werde. Ob die Last der Geheimnisse, die er wird tragen müssen, womöglich so schwer wiegt, dass sie jeden, der ihm nahekommt, erdrückt.

»Was gibt es da zu sagen?«

Er kommt noch einen Schritt näher, legt mir eine Hand auf den Arm. Ich rücke von ihm ab. Gerade genug, um ihn abzuschütteln. Seine Hand verharrt einen Moment in der Luft, dann lässt er sie fallen.

»Was willst du jetzt machen?«, fragt er.

Mein Blick geht zu dem anderen Bettchen. Zu Caleb, der in seinem einteiligen Strampler auf dem Rücken liegt. Blonde Engelslöckchen, Arme und Beine ausgebreitet wie ein Seestern. Die Hände offen, die rosaroten Lippen genauso. Er weiß noch nichts von der Grausamkeit der Welt. Davon, wie unbarmherzig sie sein kann. Und wie sie ganz sicher zu ihm sein wird.

Ich habe immer geschworen, ihn zu beschützen. Dafür zu sorgen, dass er alle Chancen bekommt. Dass sein Leben so normal wie möglich verläuft. Aber wie soll ich für ihn sorgen, wenn ich nicht da bin?

Für meine Kinder würde ich alles tun. Einfach alles. Ich öffne die Hand, und mein Blick geht zu dem USB-Stick. Diesem kleinen, unscheinbaren, nichtssagenden rechteckigen Stück Plastik. So klein und doch so gefährlich. Er könnte alles richten oder alles zerstören.

Wie eine Lüge, wenn man so darüber nachdenkt.

Ich schaue meinen Mann an. Diesen Menschen, den ich so gut kenne und der mir so fremd ist. »Du weißt, dass ich keine Wahl habe.«

Zwei Tage zuvor

»Schlechte Nachrichten, Viv.«

Matts Stimme durchs Telefon. Worte, die wohl jeder fürchtet. Doch er klingt unaufgeregt. Unbeschwert fast, und ein wenig entschuldigend. Es muss etwas Unangenehmes, aber nicht allzu Schlimmes sein. Etwas, das wir schon irgendwie hinkriegen. Wäre es etwas wirklich Schlimmes, würde er viel ernster klingen. Er würde in ganzen Sätzen reden, mich mit meinem vollen Namen ansprechen. Ich habe schlechte Nachrichten, Vivian.

Ich klemme mir mit der Schulter den Telefonhörer unters Kinn und drehe mich samt Stuhl zur anderen Seite meines L-förmigen Schreibtischs, wo der Computer steht. Ziehe den Mausanzeiger zum Eulen-Symbol auf dem Bildschirm und doppelklicke darauf. Wenn es das ist, was ich denke, dass es ist – eigentlich weiß ich es –, dann bleibt mir nicht mehr allzu viel Zeit hier am Schreibtisch.

»Ella?«, frage ich. Mein Blick geht zu einem der Wachsmalbilder, die mit Reißzwecken an die hohen Trennwände meines Arbeitsplatzes gepinnt sind. Ein kleiner Farbklecks in einem Meer von Grau.

»38,3.«

Ich schließe die Augen und atme tief durch. Eigentlich hatten wir ja schon damit gerechnet. Die halbe Gruppe war krank. Sie fallen um wie die Dominosteine. Einer nach dem anderen. Es war also nur eine Frage der Zeit. Vierjährige sind nun mal nicht unbedingt die Reinlichsten. Aber gerade heute? Musste es ausgerechnet heute sein?

»Sonst noch was?«

»Nur erhöhte Temperatur.« Er unterbricht sich. »Tut mir leid, Viv. Als ich sie hingebracht habe, war noch alles in Ordnung.«

Ich schlucke gegen den Kloß im Hals an und nicke, obwohl er das ja nicht sehen kann. Wäre das an einem anderen Tag passiert, hätte er sie abholen können. Er arbeitet von zu Hause aus, zumindest theoretisch. Das kann ich in meinem Job leider nicht. Und meinen Jahresurlaub habe ich schon bei der Geburt der Zwillinge aufgebraucht. Heute aber ist Matt mit Caleb in der Stadt, zur vorerst letzten einer ganzen Reihe von medizinischen Untersuchungen. Seit Wochen schon habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht dabei sein kann. Und jetzt bin ich nicht dabei und muss trotzdem einen Tag freinehmen. Obwohl ich überhaupt keine Urlaubstage mehr habe.

»Bin in einer Stunde da«, entgegne ich mechanisch. Laut Regeln der Kita haben wir ab dem Zeitpunkt der Benachrichtigung genau eine Stunde Zeit, unser Kind abzuholen. Wenn ich die Fahrt einrechne und den Weg zum Auto – das ganz hinten auf dem weitläufigen Parkplatz hier in Langley steht –, bleibt mir jetzt noch knapp eine Viertelstunde, um alles Wichtige zu erledigen und dann für heute Schluss zu machen. Macht eine Viertelstunde weniger auf meinem Negativkonto.

Ich schaue auf die Uhr in der Ecke meines Bildschirms – sieben nach zehn –, dann wandert mein Blick zu dem Starbucks-Becher neben meinem rechten Ellbogen. Heißer Dampf schlängelt sich durch die kleine Trinköffnung im Plastikdeckel. Den Kaffee habe ich mir heute ausnahmsweise gegönnt. Ein kleines Extra in vorfreudiger Erwartung dieses langersehnten Tages. Nervennahrung für die anstrengende Arbeitszeit. Kostbare Minuten habe ich dafür in der Warteschlange vertrödelt, statt mich bereits durch digitale Dateien zu wühlen. Hätte ich mich doch wie sonst auch an die ewig tropfende Kaffeemaschine im Büro gehalten, bei der Pulverreste oben in der Tasse schwimmen!

»Habe ich der Schule schon gesagt«, erwidert Matt. »Die Schule« ist eigentlich die Kita, die unsere drei jüngsten Kinder ganztags besuchen. Aber wir nennen sie, schon seit wir Luke damals mit drei Monaten zum ersten Mal hingebracht haben, »die Schule«. Ich hatte irgendwo gelesen, das könne bei der Umstellung helfen. Mamas schlechtes Gewissen ein bisschen lindern, wenn sie ihr Kleinkind acht, zehn Stunden am Tag in fremde Hände gibt. Hat es zwar nicht. Aber alte Gewohnheiten lassen sich nun mal schwer ändern.

Dann schweigt er, und ich höre Caleb im Hintergrund brabbeln. Ich lausche angestrengt und weiß, dass auch Matt die Ohren spitzt. Inzwischen sind wir darauf konditioniert. Aber es ist nur eine lange Kette unzusammenhängender Vokale. Noch immer keine Konsonanten.

»Ich weiß, heute sollte eigentlich dein großer Tag sein …«, murmelt Matt schließlich und bricht ab. Ich kenne es, dass er so abbricht. Diese vagen, nichtssagenden Unterhaltungen auf meiner unverschlüsselten Leitung. Weil ich immer fürchte, es könnte jemand mithören. Die Russen. Die Chinesen. Wer weiß. Das ist auch einer der Gründe, warum die Kita immer zuerst Matt anruft, wenn es irgendwas zu besprechen gibt. Mir ist es lieber, einige Details aus dem Leben unserer Kinder herauszufiltern, ehe sie potenziellen Gegenspielern zu Ohren kommen.

Nennen Sie mich ruhig paranoid. Als CIA-Spionageabwehranalystin wird man das.

Wobei das auch schon alles ist, was Matt über meinen Beruf weiß. Nicht, dass ich bisher vergebens versuche, ein Agentennetzwerk russischer Schläfer zu enttarnen. Oder eine Methode entwickelt hätte, um Personen zu identifizieren, die an streng geheimen Regierungsprogrammen beteiligt sind. Nur, dass ich schon seit Monaten auf diesen Tag hinarbeite. Dass ich nun endlich erfahren werde, ob sich zwei Jahre harter Arbeit auszahlen. Und ob sich damit vielleicht die Chance auf die langersehnte Beförderung auftut, die wir dringend brauchen könnten.

»Tja, na ja«, brumme ich, bewege die Maus hin und her und sehe zu, wie der Mausanzeiger sich in eine Eieruhr verwandelt, als Athena anfängt zu laden. »Calebs Termin ist heute das Wichtigste.«

Mein Blick geht wieder zu der Trennwand mit den Wachsmalbildern. Eins ist von Ella, ein Bild unserer ganzen Familie: strichdünne Streichholzarme und -beine, die aus sechs fröhlichen kugelrunden Gesichtern ragen. Und eins ist von Luke. Schon etwas realistischer, nur eine Person, dicke krakelige Striche, die Haaren, Kleidung und Schuhen Farbe geben. Mommy, steht in fetten Druckbuchstaben darunter. Das ist aus seiner Superheldenphase. Das auf dem Bild soll ich sein. Mit Cape, die Hände in die Hüften gestemmt, ein großes »S« auf dem Shirt. Supermami.

Da ist wieder das altbekannte Gefühl in der Brust. Dieser Druck. Dieser überwältigende Drang, einfach in Tränen auszubrechen. Tief durchatmen, Viv. Tief durchatmen.

»Malediven?«, meint Matt, und trotz allem will sich der Anflug eines Lächelns auf meine Lippen stehlen. Immer macht er das. Immer schafft er es, mich zum Lachen zu bringen, auch wenn mir gerade nach Weinen zumute ist. Ich schaue auf das Foto von uns beiden, das seitlich auf dem Schreibtisch steht. Mein Lieblingsbild von unserer Hochzeit. Fast zehn Jahre ist das jetzt her. Wir waren beide so glücklich, so jung. Wir haben uns immer ausgemalt, unseren zehnten Hochzeitstag an einem ganz exotischen Ort zu verbringen. Daran ist längst nicht mehr zu denken. Aber man darf ja wohl ein bisschen träumen. Träume sind schön. Schön und deprimierend.

»Bora Bora«, erwidere ich.

»Damit könnte ich leben.« Er zögert, und im Hintergrund ist Caleb zu hören. Wieder stößt er langgezogene Vokale aus. Aah-aah-aah. Ich überschlage kurz, wie lange Chase jetzt schon Konsonanten kann. Ich weiß, das sollte ich lieber lassen – die Ärzte sagen, man soll das nicht machen –, aber ich mache es trotzdem.

»Bora Bora?«, sagt jemand hinter mir gespielt ungläubig. Ich lege die Hand über die Muschel und drehe mich um. Es ist Omar, mein Kollege vom FBI – mein Gegenstück, sozusagen. Amüsiert schaut er mich an. »Das könnte schwer zu erklären sein, selbst für die CIA.« Er grinst von einem Ohr zum anderen. Ansteckend wie immer. Als ich das sehe, muss ich auch lächeln.

»Was machst du hier?«, frage ich, die Hand noch immer über der Sprechmuschel. Am anderen Ende brabbelt Caleb mir ins Ohr. Diesmal ooh-ooh-ooh.

»Meeting mit Peter.« Er tritt einen Schritt näher, hockt sich auf die Schreibtischkante. Durch das T-Shirt zeichnet sich das Holster an seiner Hüfte ab. »Das Timing könnte Zufall gewesen sein. Oder auch nicht.« Er wirft einen Blick auf meinen Bildschirm, und sein Lächeln verblasst unmerklich. »Heute ist doch der große Tag, oder? Um zehn?«

Ich schaue ebenfalls auf den Bildschirm, der schwarz ist. Vor dem dunklen Hintergrund dreht sich noch immer die Eieruhr. »Heute ist der große Tag.« Das Brabbeln in meinem Ohr ist verstummt. Ich rolle mit dem Stuhl beiseite, wende mich ein kleines bisschen ab, weg von Omar, und nehme die Hand vom Hörer. »Liebling, ich muss Schluss machen. Omar ist hier.«

»Grüß ihn von mir«, sagt Matt.

»Mache ich.«

»Ich liebe dich.«

»Ich dich auch.« Damit lege ich den Hörer auf die Gabel und drehe mich wieder zu Omar um, der noch immer in Jeans auf meinem Schreibtisch hockt, die Beine ausgestreckt und an den Knöcheln überkreuzt. »Matt lässt grüßen«, sage ich.

»Ach so, das ist also die ominöse Bora-Bora-Connection. Plant ihr euren nächsten Urlaub?« Er hat das Hundert-Watt-Strahlen wieder angeknipst.

»In unseren Träumen«, antworte ich mit einem halbherzigen Grinsen. Was so bemitleidenswert klingt, dass ich schlagartig erröte.

Er schaut mich noch einen Moment an, dann senkt er zum Glück den Blick auf sein Handgelenk. »Also gut, es ist jetzt zehn nach zehn.« Er streckt die Beine und kreuzt sie dann anders herum. Dann beugt er sich vor. Die Aufregung ist ihm anzusehen. »Was hast du für mich?«

Omar ist schon viel länger dabei als ich. Mindestens zehn Jahre. Er sucht die eigentlichen Schläfer in den USA, während ich daran arbeite, herauszufinden, wer die Zellen leitet. Keiner von uns beiden war bisher besonders erfolgreich. Woher er seine ungebrochene Begeisterungsfähigkeit nimmt, ist mir ein Rätsel.

»Leider noch nichts. Hab noch gar nicht reingeschaut.« Nickend weise ich auf den Bildschirm, wo das Programm noch immer lädt. Dann geht mein Blick zu dem an die Trennwand gepinnten Schwarz-Weiß-Foto. Juri Jakow. Fleischergesicht, harte Züge. Nur noch ein paar Klicks, dann bin ich in seinem Rechner. Kann sehen, was er sieht, kann mich umschauen, seine Dateien durchstöbern. Und bin hoffentlich in der Lage, zu beweisen, dass er ein russischer Spion ist.

»Wer bist du, und was hast du mit meiner Freundin Vivian gemacht?«, fragt Omar grinsend.

Er hat recht. Hätte ich nicht bei Starbucks in der Schlange gestanden, hätte ich mich um Punkt zehn in das Programm einloggen können. »Ich bin da dran.« Dann weise ich mit dem Kinn zum Telefon. »Aber heute muss das noch mal warten. Ella ist krank. Ich muss sie abholen.«

Theatralisch atmet er aus. »Kinder. Keinen Sinn für Timing.«

Eine Bewegung auf dem Bildschirm lässt mich aufschauen, und ich rolle auf dem Stuhl näher heran. Endlich hat Athena fertig geladen. Überall rote Banner, Worte über Worte, jeder aufpoppende Hinweis eine andere Sicherheitswarnung, jede von einer anderen Abteilung. Je länger die Wortgirlanden, desto geheimer die Informationen. Diese hier sind verdammt lang.

Ich klicke die erste Pop-up-Anzeige weg, dann noch eine. Jeder Klick eine Zustimmung. Ja, ich weiß, dass ich auf hochsensible Informationen zugreife. Ja, ich weiß, dass ich nichts davon weitergeben darf oder auf sehr lange Zeit in den Knast wandere. Ja, ja, ja. Jetzt gebt mir endlich diese verdammten Informationen.

»Wir sind ganz nah dran«, murmelt Omar. Erst da fällt mir wieder ein, dass er da ist. Aus den Augenwinkeln sehe ich zu ihm rüber. Er hat sich abgewendet und schaut angestrengt überallhin, nur nicht auf den Bildschirm, damit ich ungestört arbeiten kann. »Das spüre ich.«

»Na, hoffentlich«, brumme ich. Und das tue ich wirklich. Ich bin nervös. Diese neue, unerprobte Methode ist ein Vabanquespiel. Alles oder nichts. Ich habe für mögliche Agentenbetreuer ein Profil erstellt: Bildungseinrichtungen, Studium und Abschlüsse, Bankverbindungen, Reisen innerhalb Russlands und ins Ausland. Habe einen Algorithmus entwickelt und fünf Leute ausfindig gemacht, die am besten in das Raster passen. Sehr wahrscheinliche Kandidaten.

Die ersten vier haben sich allesamt als Fehlschläge erwiesen. Die Spuren führten ins Nichts. Weshalb jetzt das ganze Programm auf der Kippe steht. Alles steht und fällt mit Juri. Unserer Nummer fünf. Sein Computer war am schwersten zu knacken. Bei ihm hatte ich von Anfang an so ein bestimmtes Gefühl.

»Und wenn nicht«, meint Omar, »hast du zumindest etwas geschafft, das sonst noch niemandem gelungen ist. Du warst ganz nah dran.«

Die Agentenbetreuer ins Visier zu nehmen ist ein ganz neuer Ansatz. Jahrelang hat das FBI versucht, die eigentlichen Schläfer zu identifizieren, aber die sind so gut integriert, dass das beinahe unmöglich ist. Die Zellen sind so ausgelegt, dass sie mit niemand anderem in Kontakt stehen als mit ihrem Betreuer. Und selbst dieser Kontakt ist auf ein absolutes Minimum reduziert. Die CIA ihrerseits hat sich auf die Agentenführer konzentriert. Die Männer, die die Betreuer kontrollieren, die in Moskau, mit der direkten Verbindung zum SWR, dem russischen Auslandsnachrichtendienst.

»Knapp daneben ist auch vorbei«, gebe ich leise zurück. »Das müsstest du doch am besten wissen.«

Als ich mit diesem Projekt angefangen habe, war Omar noch ein junger, knochenharter und ehrgeiziger Agent. Auf seine Initiative hin hatte man eine vollkommen neuartige Herangehensweise ausprobiert, und zwar, Schläfer in den USA einzuladen, »aus der Kälte heim ins Warme zu kommen«; denen, die bereit waren, sich zu stellen, wurde eine Amnestie versprochen. Die Idee dahinter? Es musste doch wenigstens ein paar Schläfer geben, die aus ihrer Tarnung eine echte Identität machen wollten. Vielleicht konnten wir durch sie genügend Informationen sammeln, um das ganze Netzwerk aufzudecken.

Der Plan wurde ohne großen Wirbel implementiert, und siehe da, es dauerte keine Woche, da kam der Erste auch schon hereingeschneit: ein Mann namens Dimitri. Er bezeichnete sich als Agentenbetreuer auf der mittleren Ebene, erzählte uns einiges über das Programm, was mit unseren bisherigen Informationen übereinstimmte – die Betreuer seien für jeweils fünf Schläfer zuständig und einem Agentenführer zugeordnet, der seinerseits für fünf Betreuer zuständig sei. Eine vollkommen autarke, hermetisch abgeschlossene Zelle. Damit hatte er uns. Doch dann kamen die unglaubwürdigen Behauptungen. Informationen, die so gar nicht zu dem passten, was wir bis dahin in Erfahrung gebracht hatten. Und dann war er plötzlich verschwunden. Dimitri, die Luftkarotte, so nannten wir ihn danach. Weil er uns wie einen Esel mit einer in der Luft baumelnden Karotte an der Nase herumgeführt hatte.

Und das war das Ende des gesamten Programms. Öffentlich einzuräumen, dass es in den USA unentdeckte Schläfer gab, und darüber hinaus eingestehen zu müssen, dass wir nicht in der Lage waren, sie aufzuspüren, war für die FBI-Oberen einfach undenkbar. Deshalb und wegen der Gefahr russischer Manipulationen – sie könnten versuchen, Doppelagenten mit falschen Hinweisen bei uns einzuschleusen – geriet der Plan ins Kreuzfeuer der Kritik und wurde schließlich verworfen. Sonst ertrinken wir in Dimitris, hieß es. Und damit war Omars eben noch so vielversprechend steile Karriere ins Stocken geraten. Seine Vorgesetzten hatten ihn vergessen, und seitdem rackerte er sich Tag für Tag an einer undankbaren, frustrierenden, unmöglichen Aufgabe ab.

Die Bildschirmanzeige wechselt, und ein kleines Icon mit Juris Namen erscheint. Es gibt mir immer einen Kick, wenn ich sehe, dass ich drin bin; dass jetzt ein Fenster zum digitalen Leben unserer Zielperson offen ist; dass wir Informationen bekommen, die sie selbst für geschützt hält. Wie aufs Stichwort steht Omar auf. Er weiß von dem Programm, von meinen Bemühungen, Juri festzunageln. Er ist einer von nur einer Handvoll FBI-Agenten, die in dieses Programm eingebunden sind – und einer seiner glühendsten Befürworter. Er glaubt felsenfest an meinen Algorithmus. Und an mich. Mehr als jeder andere. Trotzdem hat er selbst keinen Zugriff darauf.

»Du rufst mich morgen an, ja?«, sagt er.

»Worauf du dich verlassen kannst«, erwidere ich. Er dreht sich um, und sobald er mir den Rücken zugekehrt hat und rausgeht, konzentriere ich mich wieder ganz auf den Bildschirm. Ich doppelklicke auf das Icon, und ein rot gerahmtes Fenster mit dem Inhalt von Juris Laptop poppt auf. Ein Inhaltsverzeichnis, das mir alle Dateien von seinem Rechner anzeigt. Ich habe nur ein paar Minuten, bis ich wieder rausmuss, aber es reicht für einen flüchtigen ersten Blick.

Der Hintergrund ist dunkelblau. Davor etwas, das aussieht wie Luft- oder Seifenblasen in verschiedenen Größen und Blautönen. Ordentlich in vier Reihen angeordnete Symbole, die Hälfte davon Ordner. Dateinamen alle in kyrillischen Buchstaben. Die ich zwar erkenne, aber nicht entziffern kann – oder zumindest nicht flüssig lesen. Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Russischkurs belegt. Aber dann kam Luke. Es blieb bei dem Versuch und einigen rudimentären Kenntnissen. Ich kenne ein paar Alltagsfloskeln, erkenne einige einfache Wörter, aber das war’s auch schon. Für alles andere brauche ich Sprachkundige oder eine Übersetzer-Software.

Ich öffne zuerst ein paar Ordner und dann die Textdokumente darin. Seite um Seite eng geschriebener Texte. Ausschließlich kyrillische Schrift. Was für eine Enttäuschung. Wobei, das ist natürlich Quatsch. Was hatte ich denn erwartet? Dass ein Russe, der in Moskau am Rechner sitzt, Englisch schreibt? Seine Unterlagen auf Englisch führt? »Liste der Undercover-Agenten in den USA.« Ich weiß, dass das, was ich suche, verschlüsselt sein muss. Worauf ich höchstens hoffen kann, ist ein kleiner Hinweis. Irgendeine geschützte Datei, etwas mit offensichtlicher Codierung.

Dadurch, dass es uns in den vergangenen Jahren gelungen ist, auch in hohe Organisationsebenen einzudringen, wissen wir, dass nur die Agentenbetreuer die Namen der Schläfer kennen und dass die Namen elektronisch gespeichert werden. Vor Ort. Nicht in Moskau. Weil der SWR Maulwürfe innerhalb der eigenen Organisation fürchtet. Diese Angst ist so groß, dass sie es lieber riskieren, Schläfer zu verlieren, als die Namen der Agenten in Russland zu speichern. Und wir wissen auch, sollte dem Betreuer etwas zustoßen, würde der Agentenführer die elektronischen Dateien einsehen und Moskau kontaktieren, um einen Dechiffrierschlüssel zu erhalten. Nur ein Baustein des aufwendigen Entschlüsselungsprotokolls. Den Code aus Moskau haben wir. Wir hatten bloß nie etwas zu decodieren.

Das Programm ist wasserdicht. Wir können da nicht eindringen. Wir kennen nicht einmal den wahren Zweck, wenn es denn einen gibt. Vielleicht geht es um pures Datensammeln, vielleicht steckt Übles dahinter. Da aber, wie wir wissen, der Kopf des Programms an Putin persönlich berichtet, neige ich dazu, Letzteres zu vermuten – und das raubt mir den Schlaf.

Ich überfliege das Inhaltsverzeichnis weiter. Mein Blick huscht über jede einzelne Datei, obwohl ich gar nicht so genau weiß, wonach ich suche. Und dann bleibt mein Blick an einem Wort hängen, das ich erkenne. друЗьЯ. Freunde. Das letzte Icon in der letzten Reihe. Ein großer gelber Briefumschlag. Ich doppelklicke darauf, und der Ordner öffnet sich. Zum Vorschein kommt eine Liste mit fünf JPG-Dateien, weiter nichts. Das Herz schlägt mir plötzlich bis zum Hals. Fünf. Jeder Betreuer ist für fünf Schläfer zuständig, das wissen wir aus diversen verlässlichen Quellen. Und dann dieser Name. Freunde.

Ich klicke auf den ersten Dateinamen. Das Bild öffnet sich. Ein Foto wie ein Passbild. Ein Mann mittleren Alters mit runder Brille. Unscheinbar. Mir wird kribbelig vor Aufregung. Schläfer sind bestens angepasst. Im Grunde fast unsichtbare, vollkommen unauffällige Mitbürger. Das muss einer sein.

Der logische Teil meines Hirns ermahnt mich, nicht gleich völlig auszuflippen. Unsere sämtlichen bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass alle Informationen über die Schläfer verschlüsselt sein müssten. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, das hier ist etwas ganz Großes.

Ich öffne das zweite Bild. Eine Frau, orangerote Haare, strahlend blaue Augen, breites Lächeln. Wieder ein Passfoto, wieder eine potenzielle Schläferin. Ich starre sie an. In meinem Kopf nistet sich ein Gedanke ein, den ich zu ignorieren versuche. Aber es gelingt mir nicht. Das sind bloß Fotos. Nichts über ihre Identitäten. Nichts, was der Agentenführer verwenden könnte, um Kontakt aufzunehmen.

Aber trotzdem. Freunde. Bilder. Dann ist Juri vielleicht gar nicht der schwer fassbare Agentenbetreuer, den die CIA unbedingt schnappen wollte. Aber womöglich ist er ein Anwerber? Und diese fünf Leute, die müssen irgendwie wichtig sein. Zielpersonen vielleicht?

Ich doppelklicke auf das dritte Foto, und ein Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Wieder wie ein Passfoto, nur diesmal in Großaufnahme. So vertraut, so wenig überraschend – und dann doch wieder. Weil es hier auftaucht, wo es nicht hingehört. Ich blinzele. Einmal. Zweimal. Und mein Gehirn versucht angestrengt, was ich da sehe, in Einklang zu bringen mit dem, was ich sehe und was es zu bedeuten hat. Und dann, ich schwöre es, bleibt die Zeit stehen. Eiskalte Finger legen sich um mein Herz und drücken zu, und ich höre nur noch mein Blut in den Ohren rauschen.

Fassungslos starre ich in das Gesicht meines Ehemanns.

Schritte kommen näher. Ich höre sie, sogar durch das Dröhnen in meinen Ohren. Der Nebel in meinem Hirn verdichtet sich schlagartig zu einem Befehl. Weg damit. Ich dirigiere den Mausanzeiger auf das »x« in der Ecke des Fotos, klicke darauf, und schon ist Matts Gesicht verschwunden. Einfach so, als sei es nie da gewesen.

Mit wild klopfendem Herzen drehe ich mich um zu dem Geräusch, zur offenen Seite meines Arbeitsplatzes. Es ist Peter. Zielstrebig kommt er auf mich zu. Ob er es gesehen hat? Mein Blick geht wieder zum Bildschirm. Kein Foto, nur der Ordner. Offen, fünf Zeilen. Habe ich das Bild rechtzeitig geschlossen?

Eine hartnäckige kleine Stimme im Hinterkopf fragt, warum das so wichtig ist. Warum ich es unbedingt verstecken will. Das ist Matt. Mein Mann. Sollte ich nicht schon auf dem Weg zur internen Gefahrenabwehr sein und nachfragen, warum in drei Teufels Namen die Russen ein Foto von ihm haben? Tief in meinem Bauch beginnt es zu rumoren, und mir wird übel.

»Meeting?«, fragt Peter, eine Augenbraue bis über den dicken Rahmen seiner Brille hochgezogen. In Slippern und Khakihose mit Bügelfalte und einem Hemd mit Button-Down-Kragen, das etwas zu hochgeschlossen ist, steht er vor mir. Peter, der leitende Analyst des Projekts, ein letztes Fossil aus der Sowjet-Ära und während der vergangenen acht Jahre mein Mentor. Niemand weiß mehr über russische Gegenspionage als er. Still und zurückhaltend, wie er ist, kann man gar nicht anders, als ihn zu respektieren.

Sein Gesicht verrät gar nichts. Vielleicht lässt er sich auch bloß nichts anmerken. Nur diese Frage. Ob ich zum Morgen-Meeting komme. Ich glaube nicht, dass er was gesehen hat.

»Geht nicht«, krächze ich und klinge unnatürlich hoch und schrill. Ich versuche, tiefer zu sprechen, ohne dass meine Stimme zittert. »Ella ist krank. Ich muss sie gleich abholen.«

Er nickt. Legt eigentlich nur ein bisschen den Kopf schief. Er wirkt unbeteiligt, ungerührt. »Dann gute Besserung«, brummt er, dreht sich auf dem Absatz um und geht rüber zum Konferenzraum. Unserem Glasquader. Der würde besser in ein hippes Tech-Start-up passen als ins CIA-Hauptquartier. Ich schaue ihm nach, bis ich mir sicher sein kann, dass er sich nicht noch mal umdreht.

Dann wende ich mich wieder dem Computerbildschirm zu, der inzwischen leer ist. Meine Knie sind weich geworden, mein Atem geht schnell. Matts Gesicht. Auf Juris Rechner. Und mein erster Gedanke: Weg damit. Warum nur?

Ich höre die Kollegen zum Konferenzraum gehen. Mein Arbeitsplatz ist der letzte vor dem Glaskasten, weshalb alle auf dem Weg dorthin an meinem Schreibtisch vorbeikommen. Sonst ist es hier immer ganz ruhig. Wie auf einer abgelegenen kleinen Insel in einem endlosen Meer aus Schreibtischzellen. Wenn die Leute nicht gerade zum Konferenzraum pilgern oder in den zutrittsbeschränkten Leseraum gleich dahinter – wo wir Analysten uns einschließen können, um die sensibelsten der sensiblen Akten einzusehen. Die, deren Inhalt so wertvoll ist, so schwer zu ergattern, dass die Russen, wenn sie wüssten, dass wir Zugriff darauf haben, die Quelle mit Sicherheit vernichten würden.

Ich atme tief durch, einmal, dann noch mal, damit mein wild pochendes Herz sich ein bisschen beruhigt. Als die Schritte näher kommen, drehe ich mich um. Marta ist die Erste. Dann Trey und Helen, nebeneinander, leise in ein Gespräch vertieft. Rafael. Und schließlich Bert, unser Abteilungsleiter, der nicht viel mehr macht, als Akten herumzuschieben. Der heimliche Boss ist Peter. Das weiß hier jeder.

Wir sind das Schläfer-Team. Wir sieben. Ein komischer Haufen eigentlich. Auch, weil wir mit den anderen Teams der Gegenspionage-Zentrale, Unterabteilung Russland, so wenig gemeinsam haben. Die bekommen mehr Informationen, als sie auswerten können. Wir haben so gut wie nichts.

»Kommst du?«, fragt Marta und bleibt vor meinem Schreibtisch stehen, eine Hand an der hohen Trennwand. Sobald sie den Mund aufmacht, weht ein Duft nach Pfefferminz und Mundwasser herüber. Sie hat Tränensäcke, die sie unter einer dicken Schicht Abdeckstift zu verstecken versucht. Einen zu viel gestern Abend, wie es aussieht. Marta ist eine ehemalige Einsatz-Offizierin mit einem ausgeprägten Hang zu Whiskey und melancholisch-weitschweifigen Erzählungen aus der guten alten Zeit da draußen. Einmal hat sie mir gezeigt, wie man mit einer Kreditkarte und einer der Haarnadeln, mit denen ich sonst Ella die Haare für den Ballettunterricht hochstecke und die ich ganz unten aus meiner Handtasche geangelt habe, ein Türschloss knackt.

Ich schüttele den Kopf. »Kind ist krank.«

»Kleine Virenschleudern.«

Sie lässt die Hand sinken und geht weiter. Ich lächele den anderen, die vorbeikommen, zu. Alles ganz normal hier. Als alle im Glaskasten verschwunden sind und Bert die Tür hinter sich schließt, wende ich mich wieder dem Bildschirm zu. Ich zittere. Ich schaue auf die Uhr in der Bildschirmecke. Ich hätte vor drei Minuten gehen müssen.

Der Knoten im Bauch will sich nicht lösen. Ich kann doch jetzt nicht gehen, oder? Aber ich muss. Wenn ich Ella nicht pünktlich abhole, ist das unsere zweite Verwarnung. Nach dreien sind wir raus. Es gibt für jede Gruppe eine ellenlange Warteliste, und sie würden uns, ohne mit der Wimper zu zucken, auf die Straße setzen. Außerdem, was könnte ich denn tun, wenn ich jetzt hierbliebe?

Es gibt nur eine todsichere Methode, um herauszufinden, was das Foto von Matt hier zu suchen hat. Und die ist nicht, weiter ziellos in den Dateien herumzuschnüffeln. Ich schlucke, mein Magen hebt sich, und ich gehe mit dem Mausanzeiger auf das Symbol von Athena, um das Programm zu schließen und den Computer herunterzufahren. Dann nehme ich Handtasche und Mantel und mache mich auf den Weg.

Sie haben versucht, ihn anzuwerben.

Am Auto angekommen, die Finger wie Eiszapfen, der Atem kleine weiße Wattewölkchen, bin ich mir da sicher.

Er wäre nicht der Erste. Die Russen sind im vergangenen Jahr wesentlich aggressiver vorgegangen als je zuvor. Mit Marta hat es angefangen. Eine Frau mit osteuropäischem Akzent hat sie im Sportstudio angesprochen, sie anschließend auf ein paar Drinks bei O’Neills eingeladen. Nach etlichen Gläsern hat die Frau dann ganz unverblümt gefragt, ob Marta die »Freundschaft« nicht bei einem kleinen Plausch über die Arbeit vertiefen wolle.

Als Nächster war Trey dran. Vor seinem Coming-out brachte er zu Weihnachtsfeiern und ähnlichen Veranstaltungen immer seinen »Mitbewohner« Marco mit. Eines Tages sah ich ihn, aufgewühlt und leichenblass, hoch zur internen Sicherheit gehen. Später habe ich läuten hören, er habe einen Erpresserbrief in der Post gehabt – Fotos von ihnen beiden in eindeutigen, kompromittierenden Stellungen. Und die Drohung, sie seinen Eltern zuzuschicken, sollte er sich nicht zu einem Treffen bereit erklären.

Der Gedanke, dass die Russen wissen könnten, wer ich bin, ist also gar nicht so weit hergeholt. Und wenn sie das wissen, wäre es ein Kinderspiel für sie, Matts Identität in Erfahrung zu bringen. Und unsere verwundbarste Stelle auszuloten.

Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss, und der Corolla keucht erstickt. »Komm schon«, brumme ich und drehe den Schlüssel noch einmal. Stotternd springt der Motor an. Sekunden später trifft mich die eiskalte Luft aus den Lüftungsdüsen wie eine Ohrfeige. Ich drehe den Heizungsknopf auf maximale Wärme, reibe mir die Hände und lege mit sanfter Gewalt den Rückwärtsgang ein. Eigentlich sollte ich warten, bis er ein bisschen warmgelaufen ist, aber die Zeit habe ich nicht. Nie habe ich Zeit.

Der Corolla ist Matts Auto. Den hatte er schon, ehe wir uns kennengelernt haben. Zu behaupten, er pfiffe aus dem letzten Loch, wäre eine schamlose Untertreibung. Mein altes Auto haben wir eingetauscht, als ich mit den Zwillingen schwanger war. Den neuen Wagen, unser Familienauto, fährt Matt, weil meistens er die Kinder herumchauffiert.

Ich fahre wie auf Autopilot. Wie in dichtem Nebel. Je länger ich unterwegs bin, desto fester zieht sich der Knoten in meinem Magen zusammen. Das Schlimmste ist nicht, dass sie Matt ins Visier genommen haben. Sorgen macht mir vor allem dieses Wort. Freunde. Lässt das nicht ein gewisses Maß an Komplizenschaft vermuten?

Matt ist Software-Entwickler. Er hat keine Ahnung, wie raffiniert die Russen sind. Wie skrupellos sie sein können. Wie sie schon die allerkleinste Lücke erbarmungslos ausnutzen. Das leiseste Anzeichen, dass jemand gewillt sein könnte, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Dass sie dort sofort ansetzen und denjenigen zwingen würden, mehr und mehr und immer mehr für sie zu tun.

Zwei Minuten vor Ablauf der Zeit stehe ich vor der Kita. Beim Hineingehen weht mir ein Schwall warmer Luft entgegen. Die Leiterin, eine Frau mit kantigen Gesichtszügen und permanent missmutiger Miene, schaut vielsagend auf die Uhr und bedenkt mich mit einem strengen Blick. Ich bin mir nicht sicher, ob das heißen soll: Wieso haben Sie so lange gebraucht? Oder: Wenn Sie Ihre Tochter jetzt schon wieder abholen müssen, war sie doch heute Morgen, als Sie sie hergebracht haben, bestimmt auch schon krank. Im Vorbeigehen lächele ich ihr halbherzig entschuldigend zu, dabei würde ich sie am liebsten anschreien: Was auch immer sie hat, sie muss es sich hier eingefangen haben, Himmel Herrgott noch mal!

Ich laufe den Flur entlang, vorbei an den Kinderbildern an den Wänden – Eisbären aus Handabdrücken und Glitzer-Schneeflocken und Handschuhe in Wasserfarben –, aber in Gedanken bin ich ganz woanders. Freunde. Hat er irgendwas gemacht, das sie zu der Annahme verleitet haben könnte, er sei willens, mit ihnen zu kooperieren? Es braucht nur das geringste Anzeichen. Irgendwas, egal was, wo sie einhaken können.

Ich komme zu Ellas Klassenzimmer. Winzige Stühlchen und Spielhäuser und Spielzeugkisten, ein Feuerwerk aus Primärfarben. Ella sitzt auf der anderen Seite des Raums, ganz allein auf einer roten Kindercouch, ein Bilderbuch aufgeschlagen auf dem Schoß. Separiert von den anderen Kindern, wie es scheint. Sie trägt lila Leggings, in denen ich sie noch nie gesehen habe. Vage erinnere ich mich, dass Matt etwas gesagt hat, er sei mit ihr einkaufen gewesen. Klar, muss er ja. Sie wächst schneller aus den Sachen raus, als man sie nachkaufen kann.

Mit ausgebreiteten Armen und einem übertrieben fröhlichen Lächeln im Gesicht gehe ich zu ihr. Sie schaut auf und beäugt mich misstrauisch. »Wo ist Daddy?«

Autsch, das tut weh. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und lächele tapfer weiter. »Daddy ist mit Caleb beim Doktor. Heute hole ich dich ab.«

Sie klappt das Buch zu und stellt es zurück ins Regal. »Okay.«

»Umarmst du mich mal?« Ich habe die Arme noch immer ausgebreitet, aber sie hängen ein bisschen unmotiviert herunter. Kurz schaut sie sich das an, dann lässt sie sich von mir in die Arme nehmen. Ich drücke sie fest und vergrabe das Gesicht in ihren flaumweichen Haaren. »Tut mir leid, dass es dir nicht gut geht, Süße.«

»Schon okay, Mom.«

Mom. Mir schnürt sich die Kehle zu. Heute Morgen war ich noch Mommy. Bitte, lass sie noch nicht aufhören, mich Mommy zu nennen. Das ertrage ich nicht. Ich bin noch nicht so weit. Nicht ausgerechnet heute.

Ich schaue sie an und setze erneut ein Lächeln auf. »Komm, holen wir deinen Bruder ab.«

Vor dem Kleinkindzimmer setzt Ella sich auf die Bank, während ich reingehe und Chase hole. Der Anblick dieses Raums deprimiert mich heute noch genauso wie vor sieben Jahren, als ich Luke zum ersten Mal hergebracht habe. Der Wickeltisch, die schnurgerade Reihe Babybettchen, die ordentlich aufgereihten Hochstühlchen.

Chase sitzt auf dem Boden, und eine seiner Betreuerinnen, die jüngere, hebt ihn schwungvoll hoch, noch ehe ich bei ihm bin. Knuddelt und herzt ihn und drückt ihm einen Kuss auf die Wange. »So ein süßes Kerlchen«, schwärmt sie lächelnd. Das zu sehen versetzt mir einen kleinen Stich. Diese Frau hat seine ersten Schritte gesehen. In ihre ausgebreiteten Arme ist er getappt. Während ich im Büro saß. Ihr Umgang mit ihm wirkt so vertraut, so ungezwungen. Aber warum wundert mich das? Schließlich ist sie den ganzen Tag bei ihm.

»Ja, das ist er«, murmele ich und klinge irgendwie eigenartig.

Ich stecke meine Kinder in dicke Daunenjacken, setze ihnen die Mützen auf den Kopf – es ist ungewöhnlich kalt für einen Märztag – und packe sie in die Autositze. Die harten, unbequemen, die so schmal sind, dass drei davon nebeneinander auf die Rückbank des Corolla passen. Die guten, die sicheren sind im Minivan.

»Wie war dein Tag, Süße?«, frage ich Ella und werfe ihr, während ich rückwärts aus der Parklücke rangiere, im Rückspiegel einen Blick zu.

Sie ist einen Moment ganz still. »Ich bin als einziges Mädchen heute nicht zum Yoga gegangen.«

»Ach, wie schade, das tut mir aber leid«, erwidere ich prompt. Und kaum habe ich das gesagt, weiß ich, dass es nicht die richtige Antwort war. Ich hätte etwas anderes sagen sollen. Das folgende Schweigen ist bleischwer. Ich schalte das Radio ein und lege die Lieblingsmusik der Kinder auf.

Ein Blick in den Rückspiegel. Ella schaut aus dem Fenster, ganz still. Ich sollte sie noch was fragen. Sie dazu bringen, mir zu erzählen, wie ihr Tag war. Aber ich bleibe stumm. Ich bekomme dieses Bild einfach nicht aus dem Kopf. Matts Gesicht. Das Foto war recht aktuell, nicht älter als ein Jahr oder so. Wie lange sie ihn wohl schon beobachten? Uns alle?

Die Fahrt nach Hause dauert nicht lang. Die Straße schlängelt sich durch eine Gegend, die ein Muster an Widersprüchlichkeiten ist: gerade erst hochgezogene Bausatzvillen neben Häusern wie unserem, das eigentlich viel zu klein ist für uns sechs und so alt, dass schon meine Eltern darin hätten aufgewachsen sein können. Die Vororte von D.C. sind berühmt-berüchtigt teuer und Bethesda beinahe unerschwinglich. Dafür sind die Schulen hier mit die besten im ganzen Land.

Wir halten vor dem Haus, das adrett und rechteckig ist wie ein Schuhkarton mit zwei Garagen. Es hat eine kleine Veranda vorne, die die Vorbesitzer angebaut haben, die so gar nicht zum Rest des Hauses passt und die wir nicht annähernd so oft nutzen, wie ich eigentlich gedacht hatte. Wir haben das Haus gekauft, als ich mit Luke schwanger war und wir glaubten, dass die hervorragenden Schulen der Gegend das riesengroße Preisschild rechtfertigten.

Mein Blick geht zu der amerikanischen Flagge neben der Haustür. Die hat Matt aufgehängt. Die alte hat er ersetzt, weil sie so ausgeblichen und zerschlissen war. Niemals würde er gegen unser Land arbeiten. Das könnte er gar nicht. Das weiß ich. Aber hat er vielleicht irgendwas gemacht? Hat er etwas gemacht, das die Russen zu der Annahme verleitet haben könnte, er würde es eventuell tun?

Eins weiß ich jedenfalls mit Gewissheit: Sie haben ihn meinetwegen rausgepickt. Wegen meines Jobs. Darum habe ich das Foto verschwinden lassen, oder? Wenn er irgendwie in Schwierigkeiten steckt, dann nur meinetwegen. Und ich muss alles in meiner Macht Stehende tun, um ihn aus diesem Schlamassel rauszuholen.

Ich lasse Ella auf der Couch Zeichentrickserien gucken. Eine Folge nach der anderen. Normalerweise ist nach einer Schluss. Aber sie ist krank, und ich kann an nichts anderes denken als an dieses Foto. Während Chase also ein Mittagsschläfchen hält und Ella blind und taub für die Welt vor dem Fernseher sitzt, putze ich die Küche. Wische die Arbeitsplatten, die blauen, die wir so gerne ersetzen würden, wenn wir nur das nötige Kleingeld hätten. Schrubbe die eingebrannten Flecken von den drei noch funktionierenden Kochplatten. Sortiere den Schrank mit den Plastikdosen, suche zu jeder den passenden Deckel und stapele sie übereinander.

Nachmittags packe ich die Kinder ein, und dann gehen wir gemeinsam zur Bushaltestelle, um Luke abzuholen. Er begrüßt mich mit denselben Worten wie Ella. Wo ist Dad?

Dad ist mit Caleb beim Doktor.

Ich mache ihm eine Kleinigkeit zu essen und helfe ihm bei den Hausaufgaben. Ein Mathe-Arbeitsblatt. Zweistellige Zahlen addieren. Ich wusste gar nicht, dass sie schon zweistellige Zahlen machen. Normalerweise hilft Matt ihm.

Ella hört noch vor mir Matts Schlüssel im Schloss, springt wie ein Floh von der Couch und hopst fröhlich zur Haustür. »Daddy!«, ruft sie begeistert, als er die Tür aufmacht, auf dem einen Arm Caleb, im anderen die braune Papiertüte mit den Einkäufen. Irgendwie schafft er es trotzdem, sich hinzuhocken, sie zu umarmen und zu fragen, wie es ihr geht, während er gleichzeitig Caleb die Jacke auszieht. Irgendwie wirkt sein Lächeln echt. Es ist echt.

Er steht auf und kommt zu mir rüber, gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Hi, Schatz«, murmelt er. Er trägt Jeans und den Pullover, den ich ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt habe. Den braunen mit dem Reißverschluss oben, mit einer Jacke darüber. Er stellt die Einkäufe auf die Arbeitsplatte und hebt Caleb noch ein bisschen höher. Ella klammert sich an sein Bein, und er fährt ihr mit seiner freien Hand über das Haar.

»Wie war’s?« Ich strecke die Hände nach Caleb aus und wundere mich fast, als er sich widerstandslos von mir auf den Arm nehmen lässt. Rasch drücke ich ihn an mich und gebe ihm einen Kuss auf den Kopf, während ich seinen wunderbaren Babyshampoo-Duft einatme.

»Eigentlich ganz toll«, meint Matt und schält sich aus der Jacke, die er auf den Küchentresen legt. Dann geht er zu Luke, der immer noch am Tisch sitzt, und zerstrubbelt ihm die Haare. »Hey, Großer.«

Luke schaut strahlend auf. Man sieht die Zahnlücke, dort, wo er den ersten Milchzahn verloren hat. Der schon unter seinem Kopfkissen lag, als ich von der Arbeit kam. »Hey, Dad. Können wir noch ein bisschen Bälle werfen?«

»Gleich. Zuerst muss ich mit Mom reden. Hast du schon an deinem Sachkundeprojekt gearbeitet?«

Es gibt ein Sachkundeprojekt?

»Ja«, sagt Luke, und dann schaut er mich an, mit einer Miene, als habe er ganz vergessen, dass ich da bin.

»Sag die Wahrheit«, entfährt es mir, schärfer als beabsichtigt. Mein Blick sucht den von Matt, der kaum merklich die Brauen hebt. Aber er sagt nichts.

»Ich hab über das Sachkundeprojekt nachgedacht«, murmelt Luke.

Matt kommt zu mir und lehnt sich an den Tresen. »Dr. Misrati ist sehr zufrieden mit dem Verlauf. Ultraschall und EKG sehen wirklich gut aus. In drei Monaten sollen wir wiederkommen.«

Ich drücke Caleb noch fester an mich. Endlich mal gute Nachrichten. Matt macht sich daran, die Einkaufstüte auszupacken. Ein großer Karton Milch. Eine Packung Hühnerbrust, eine Tüte Tiefkühlgemüse. Kekse aus der Bäckerei – die Sorte, bei der ich immer sage, er soll sie nicht kaufen, weil wir sie für einen Bruchteil des Preises selbst backen könnten. Er summt vor sich hin, irgendeine Melodie, die ich nicht kenne. Er ist gelöst und fröhlich. Immer, wenn er fröhlich ist, summt er.

Dann bückt er sich, holt eine Pfanne und einen Topf aus der untersten Schublade und stellt sie auf den Herd. Ich gebe Caleb noch einen Kuss und sehe Matt zu. Warum wirkt bei ihm alles immer so kinderleicht? Wie kann er nur gleichzeitig mit so vielen Bällen jonglieren, ohne je einen fallenzulassen?

Ich wende mich ab und schaue rüber zu Ella, die sich wieder auf die Couch gekuschelt hat. »Alles gut bei dir, Süße?«

»Ja, Mom.«

Ich spüre Matt hinter mir stutzen und kurz erstarren.

»Mom?«, flüstert er. Ich drehe mich um und sehe einen Anflug von Sorge in seinem Gesicht.

Ich zucke die Achseln. Aber ich bin sicher, dass er mir ansieht, wie sehr mich das schmerzt. »Ist wohl heute so weit.«

Er stellt die Reispackung ab, die er gerade in der Hand hatte, und nimmt mich fest in die Arme. Und mit einem Mal drohen alle Gefühle, die sich in den letzten Stunden in mir aufgestaut haben, sich unaufhaltsam Bahn zu brechen. Ich höre seinen Herzschlag, spüre seine Wärme. Was um Himmels willen ist passiert?, will ich ihn fragen. Warum hast du mir denn nichts gesagt?

Ich schlucke, atme tief durch und löse mich von ihm. »Kann ich dir beim Kochen helfen?«

»Ich mache das schon.« Er wendet sich ab und dreht am Knopf der Herdplatte, dann beugt er sich rüber und zieht eine Weinflasche aus dem Metallregal auf der Arbeitsplatte. Ich sehe ihm zu, wie er sie entkorkt und ein Glas aus dem Küchenschrank holt. Es vorsichtig halb voll gießt. Mir reicht. »Trink einen Schluck.«

Wenn du wüsstest, wie dringend ich das gerade brauche. Ich lächele ihm schief zu und nippe an dem Glas.

Dann helfe ich den Kindern beim Händewaschen und schnalle die Kleinen in ihren Hochstühlchen fest, an jedem Tischende einen. Matt löffelt das Wok-Gericht in Schalen und stellt jedem von uns eine auf den Tisch. Währenddessen unterhält er sich mit Luke, und ich mache das passende Gesicht, so als hörte ich zu. Aber in Gedanken bin ich ganz woanders. Er wirkt so fröhlich. In letzter Zeit ist er fröhlicher als sonst, oder?

Immer wieder habe ich dieses Bild vor Augen. Diesen Ordner. Freunde. Er hätte sich doch niemals darauf eingelassen, oder? Aber hier geht’s um die Russen. Die geringste Schwäche würde reichen, der kleinste Anhaltspunkt, die leiseste Andeutung, dass er geneigt sein könnte, mit ihnen zusammenzuarbeiten, und sie würden sich darauf stürzen wie die Aasgeier.

Kribbelnd schießt ein Adrenalinstoß durch meinen Körper. Irgendwie hat es fast etwas von Verrat. Diesen Gedanken dürfte ich gar nicht denken. Tue ich aber. Und klar könnten wir das Geld gebrauchen. Was, wenn er dachte, er tut uns damit einen Gefallen? Ein netter kleiner Nebenerwerb? Ich versuche, mich daran zu erinnern, wann wir uns das letzte Mal wegen Geld gestritten haben. Am Tag danach ist er mit einem Powerball-Lotterielos nach Hause gekommen, hat es an den Kühlschrank geheftet, unter eine Ecke der Magnettafel geklemmt. Auf die Tafel hat er »Tut mir leid« geschrieben, mit einem kleinen Smiley daneben.

Was, wenn sie ihm ein Angebot gemacht haben, das ihm vorkam wie ein Lottogewinn? Was, wenn er nicht mal wusste, dass das Angebot von den Russen kam? Was, wenn sie ihn reingelegt haben? Wenn er glaubt, einen ganz normalen legalen Nebenjob zu machen, damit wir ein bisschen besser über die Runden kommen?

Himmel, immer dreht sich alles ums Geld. Wie ich das hasse. Aber am Ende geht es immer nur um Geld.

Hätte ich das gewusst, hätte ich damals gesagt, er solle sich noch ein bisschen gedulden. Dass es besser wird. Dann sind wir eben gerade in den Miesen. Aber Ella kommt bald in den Kindergarten. Nächstes Jahr sieht das alles schon wieder ganz anders aus. Besser. Viel besser. Es war einfach ein hartes Jahr. Wir wussten, dass es nicht leicht werden würde.

Gerade spricht er mit Ella, und ihre zuckersüß zwitschernde Stimme bricht wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel in meinem Hirn. »Ich bin als einziges Mädchen heute nicht zum Yoga gegangen«, erzählt sie ihm, genau wie mir vorhin im Auto.

Matt steckt sich einen Bissen in den Mund, kaut sorgfältig und lässt sie nicht aus den Augen. Ich halte den Atem an, während ich auf seine Antwort warte. Endlich schluckt er. »Und, wie war das für dich?«

Sie legt den Kopf ein bisschen schief, nur ein klein wenig. »Ganz okay, glaube ich. Beim Vorlesen durfte ich ganz vorne sitzen.«

Die Gabel noch in der Luft, starre ich sie fassungslos an. Es hat ihr überhaupt nichts ausgemacht. Sie brauchte gar kein Mitleid. Wie findet Matt bloß immer die richtigen Worte? Weiß immer so genau, was er sagen muss?

Mit pummeligen, klebrigen Fingern fegt Chase den Rest von seinem Essen auf den Boden, und als Caleb das sieht, kreischt er vor Vergnügen und haut mit beiden Händen auf sein Tablett, dass das Essen nur so in alle Richtungen spritzt. Wie auf Kommando schieben Matt und ich gleichzeitig die Stühle zurück und springen auf, um die Küchenrolle zu holen und soßenbespritzte, mit Essensresten verschmierte Gesichter und Hände abzuwischen. Eine gut einstudierte Choreografie. Ein Tandem-Reinigungsteam.

Luke und Ella dürfen aufstehen und ins Wohnzimmer gehen. Wir machen die Zwillinge sauber, dann bringe ich sie auch nach drüben und fange an, die Küche aufzuräumen. Ich bin gerade dabei, die Reste unseres Abendessens in eine Plastikdose umzufüllen, als ich kurz unterbrechen und mein Weinglas noch mal nachfüllen muss. Matt schaut auf und sieht mich fragend an, während er den Küchentisch abwischt.

»Harter Tag?«

»Kann man sagen«, entgegne ich und frage mich, was ich wohl gestern geantwortet hätte. Wie viel hätte ich preisgegeben? Nicht, dass ich vor Matt jemals vertrauliche Informationen ausgeplaudert hätte. Anekdoten über meine Kollegen vielleicht. Hier eine Andeutung, da ein Halbsatz, viel Gerede um den heißen Brei. Aber nur Schnipsel und Fetzen. Nichts, was für die Russen interessant sein könnte. Nichts, wofür sie bezahlen würden.

Schließlich blitzt und blinkt die Küche wieder, und ich werfe das letzte Stück Küchenkrepp in den Mülleimer und setze mich müde an den Tisch. Mein Blick geht zur Wand, zur nackten, kahlen Wand. Wie lange wir jetzt schon hier wohnen, und noch immer ist das Haus nicht richtig eingerichtet. Aus dem Wohnzimmer höre ich den Fernseher plärren. Die Serie mit den Monster-Trucks, nach der Luke ganz verrückt ist. Daneben die leise Melodie von einem Spielzeug der Zwillinge.

Matt kommt rüber, zieht einen Stuhl unter dem Tisch vor und setzt sich zu mir. Mit sorgenvoller Miene schaut er mich an. Wartet darauf, dass ich etwas sage. Ich muss irgendwas sagen. Ich muss es wissen. Sonst bleibt mir nur, direkt zu Peter zu gehen und ihm von meiner unerhörten Entdeckung zu berichten. Und das würde bedeuten, dass ich meinen eigenen Ehemann zum Abschuss freigebe. Sie würden ihn durchleuchten und auf links drehen.

Es muss eine harmlose Erklärung geben. Sie haben noch nicht versucht, ihn anzuwerben. Sie haben es versucht, aber er hat es nicht mitbekommen. Er hat sich auf nichts eingelassen. Ganz bestimmt hat er sich auf nichts eingelassen. Ich trinke den letzten Schluck Wein. Meine Hand zittert, als ich das Glas wieder auf den Tisch stelle.

Wortlos starre ich ihn an und weiß nicht, was ich sagen soll. Man würde doch meinen, ich hätte mir in der Zwischenzeit irgendwas überlegt.

Arglos sieht er mich an. Er muss ahnen, dass etwas ganz Großes kommt. Das sieht man mir sicher an der Nasenspitze an. Aber nervös scheint er nicht. Er scheint gar nichts. Er sieht einfach nur aus wie Matt.

»Wie lange arbeitest du schon für die Russen?«, platze ich heraus. Die Worte sind unüberlegt, unbedacht. Aber jetzt sind sie raus, also beobachte ich ihn genau, denn seine Reaktion wird mir viel mehr verraten als seine Antwort. Ist er ehrlich erstaunt? Empört? Beschämt?

Da ist nichts. Überhaupt keine erkennbare Regung in seinem Gesicht. Er verzieht keine Miene. Zuckt mit keiner Wimper. Und es läuft mir eiskalt den Rücken herunter.

Ungerührt schaut er mich an. Wartet einen Moment zu lange mit der Antwort, aber nur einen klitzekleinen. »Zweiundzwanzig Jahre.«

Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Es ist, als fiele ich, wild rudernd, ins vollkommene Nichts, und es kommt mir vor, als schaute ich mir selber dabei zu, beobachtete mich, ganz unbeteiligt, denn es passiert nicht mir, sondern jemand anderem, es passiert eigentlich gar nicht. Ich habe ein Klingeln in den Ohren, einen seltsam blechernen Ton.

Mit einem Geständnis hatte ich nicht gerechnet. Eigentlich hatte ich ihn mit dieser ungeheuerlichen Anschuldigung, dem Vorwurf des schlimmstmöglichen Verrats, aus der Reserve locken wollen. Ihn herausfordern. Ihn dazu bringen, sich eines harmloseren Fehltritts schuldig zu bekennen. Es gab da mal ein Treffen, dachte ich, würde er sagen. Aber ich schwöre dir, Viv, ich arbeite nicht für sie. Oder rechtschaffene Empörung. Wie kannst du so was auch nur denken?

An ein Geständnis habe ich keine Sekunde gedacht.

Zweiundzwanzig Jahre. Ich konzentriere mich auf diese Zahl, weil sie etwas Greifbares ist, etwas Konkretes. Siebenunddreißig minus zweiundzwanzig. Da wäre er gerade fünfzehn gewesen. In Seattle, auf der Highschool.

Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

Mit fünfzehn hat er Baseball gespielt. Trompete in der Schulband. In der Nachbarschaft Rasen gemäht, um sich was zum Taschengeld dazuzuverdienen.

Ich verstehe das nicht.

Zweiundzwanzig Jahre.

Ich drücke die Fingerspitzen gegen meine Schläfen. Dieses Klingeln in den Ohren will und will nicht aufhören. Es ist, als säße da etwas. Eine Einsicht, eine Erkenntnis, so grauenhaft, dass ich nicht erfassen und verstehen, nicht anerkennen kann, dass sie wirklich wahr ist. Weil sonst meine ganze Welt in sich zusammenstürzen würde.

Zweiundzwanzig Jahre.

Mein Algorithmus sollte mich zu einem russischen Agenten führen, der Schläfer in den USA betreut.

Zweiundzwanzig Jahre.

Und dann geht mir eine Zeile aus einem alten internen Papier durch den Kopf. Sie rekrutieren sogar Jugendliche, manche nicht älter als fünfzehn.

Ich schließe die Augen und presse die Hände noch fester gegen die Schläfen.

Matt ist nicht der, der er zu sein behauptet.

Mein Mann ist ein russischer Geheimagent.

Ein glücklicher, unmöglicher Zufall. So habe ich unser Kennenlernen damals erlebt. Eine Szene wie aus einem Film.

Es war der Tag, an dem ich nach Washington gezogen bin. Ein Montagmorgen im Juli. Bei Tagesanbruch war ich in Charlottesville losgefahren, meine Siebensachen in meinen Accord gequetscht.

Mit Warnblinker stand ich in der zweiten Reihe vor einem alten Backsteinhaus, an das sich klapprige Feuerleitern krallten, so nahe am National Zoo, dass der Wind den durchdringenden Geruch der Wildtiere herübertrug. Mein neues Zuhause. Gerade lief ich zum dritten Mal schwer bepackt vom Auto zur Haustür und manövrierte einen viel zu großen Umzugskarton über den Bürgersteig, als ich mit einem unsichtbaren Hindernis kollidierte.

Matt. In Jeans und hellblauem Hemd mit Knöpfchen am Kragen, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Und ich hatte ihn gerade von oben bis unten mit Kaffee bekleckert.

»Ach, du lieber Himmel«, stammelte ich und stellte die Kiste hastig auf dem Gehsteig ab. In der einen Hand hielt er den triefenden Kaffeebecher, dessen Plastikdeckel neben seinen Füßen auf dem Boden lag, die andere Hand schüttelte er angewidert aus, so energisch, dass die Kaffeetropfen in alle Richtungen stoben. Er verzog das Gesicht wie unter Schmerzen. Vorne auf dem Hemd prangten mehrere große Kaffeeflecken. »Das tut mir so schrecklich leid.«

Hilflos stand ich da, die leeren Hände ausgestreckt, als könnte ich diese unangenehme Situation irgendwie retten.

Er schüttelte noch ein paarmal den Arm, dann schaute er mich an. Und lächelte. Ein vollkommen entwaffnendes Lächeln. Und ich hätte schwören können, dass mir das Herz stehen blieb. Diese strahlend weißen Zähne, diese schelmisch blitzenden braunen Augen. »Halb so wild.«

»Ich hole Ihnen schnell ein bisschen Küchenkrepp. Die Rolle muss ich hier irgendwo im Karton haben.«

»Schon okay.«

»Oder vielleicht ein frisches Hemd? Vielleicht finde ich ein T-Shirt, das Ihnen passt?«

Er schaute an seinem bespritztem Hemd herunter und zögerte kurz, als würde er darüber tatsächlich nachdenken. »Schon okay, wirklich. Aber trotzdem danke.« Und damit lächelte er mich noch einmal an und ging weiter. Und ich stand wie vom Blitz getroffen mitten auf dem Bürgersteig und sah ihm nach. Leise hoffend, dass er sich vielleicht noch mal umdrehen, es sich anders überlegen würde. Vergebens. Und mit einem Mal war ich unaussprechlich enttäuscht und hatte keinen anderen Gedanken mehr als den dringlichen Wunsch, mich noch ein bisschen länger mit ihm zu unterhalten.

Liebe auf den ersten Blick, habe ich später immer gesagt.

Für den Rest des Vormittags bekam ich ihn einfach nicht mehr aus dem Kopf. Diese Augen, dieses Lächeln. Am Nachmittag desselben Tages bummelte ich gedankenverloren durch meine neue Nachbarschaft und schaute mich ein bisschen um, da entdeckte ich ihn, wie er vor einer kleinen Buchhandlung stand und sich die Bücher draußen in der Auslage anschaute. Selber Kerl, anderes Hemd – ein weißes diesmal, ohne Kaffeeflecken. Völlig in die Bücher versunken. Schwer zu beschreiben, was ich in dem Moment empfand, aber meine Gefühle fuhren plötzlich Achterbahn – alles ging drunter und drüber, Aufregung und Adrenalin und ein eigenartiges Gefühl der Erleichterung. Da war sie, meine heiß ersehnte zweite Chance. Ich atmete tief durch, ging zu ihm rüber und blieb unschlüssig neben ihm stehen.

»Hi«, sagte ich mit einem Lächeln.

Worauf er aufschaute und mich, zunächst verständnislos, ansah. Doch dann erkannte er mich. Er erwiderte mein Lächeln, und wieder blitzten mich diese strahlend weißen Zähne an, und das Herz schlug mir bis zum Hals. »Na, hallo.«

»Diesmal ohne Umzugskarton«, platzte ich heraus und wäre am liebsten im Boden versunken. Was Besseres fiel mir nicht ein?

Aber er lächelte immer noch. Also räusperte ich mich mit klopfendem Herzen und nahm all meinen Mut zusammen. So was hatte ich noch nie gemacht. Mit dem Kopf wies ich in Richtung des Cafés nebenan. »Darf ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen? Ich glaube, den bin ich Ihnen schuldig.«

Sein Blick ging zur Markise des Cafés und wieder zu mir. Er wirkte zurückhaltend, misstrauisch fast. O Gott, bestimmt hat er eine Freundin, dachte ich entsetzt. Ich hätte ihn nicht fragen sollen. Wie todpeinlich.

»Oder auf ein neues Hemd? Schulde ich Ihnen wohl auch noch.« Ich lächelte tapfer weiter. Versuchte, ganz lässig zu klingen, als sei das alles bloß ein Scherz. Gut gemacht, Viv. Du hast ihm den Notausgang gezeigt. Jetzt kann er einfach lachen und gehen.

Doch zu meinem übergroßen Erstaunen legte er den Kopf schief und machte den Mund auf, und als ich hörte, was er sagte, wurde ich ganz kribbelig vor Erleichterung und Vorfreude und Aufregung. »Kaffee klingt gut.«

Wir setzten uns an einen Tisch ganz hinten in dem kleinen Café, und da blieben wir, bis die Sonne langsam unterging. Angeregt unterhielten wir uns über Gott und die Welt, und kein einziges Mal entstand eine peinliche Gesprächspause. Unglaublich, wie viele Gemeinsamkeiten wir entdeckten: Wir waren beide Einzelkinder, katholisch erzogen, gingen aber nicht mehr in die Kirche, und wir waren in einer sehr politischen Stadt eher unpolitisch. Beide waren wir allein und mit sehr schmalem Geldbeutel quer durch Europa gereist. Unsere Mütter waren beide Lehrerin, als Kinder hatten wir beide einen Golden Retriever gehabt. Die Übereinstimmungen waren fast schon unheimlich. Wir schienen füreinander bestimmt. Als sei es Schicksal, dass wir uns hier über den Weg gelaufen waren. Er war witzig und charmant und klug und höflich – und umwerfend attraktiv.

Irgendwann, der Kaffee war längst ausgetrunken und die Angestellten wischten schon die Tische ab, schaute er mich an – und man sah ihm an, wie schrecklich nervös er war – und fragte mich, ob er mich zum Essen einladen dürfe.

Wir gingen in das kleine italienische Restaurant gleich um die Ecke, bekamen riesengroße Portionen hausgemachter Pasta und eine Karaffe Wein und ein Dessert, das eigentlich viel zu viel des Guten war, das wir aber trotzdem bestellten, um einen Grund zu haben, noch nicht nach Hause zu gehen.

Wir redeten, bis die Kellner uns schließlich fast hinausfegten. Dann brachte er mich nach Hause und nahm ganz selbstverständlich meine Hand, und mir war noch nie so warm und leicht und fröhlich zumute gewesen. Auf dem Bürgersteig vor dem Haus, in dem ich wohnte, küsste er mich. Genau da, wo ich ihn vormittags beinahe über den Haufen gerannt hatte. Und als ich dann im Bett lag und irgendwann selig einschlummerte, wusste ich, dass ich den Mann getroffen hatte, den ich einmal heiraten würde.

»Viv.«

Ich blinzele, und die Erinnerungen verschwinden. Schlagartig. Ich höre Fetzen des Monstertruck-Titelsongs aus dem Wohnzimmer. Gebrabbel. Spielzeuge, die aneinandergeschlagen werden. Plastik auf Plastik.

»Viv, schau mich an.«