Wahrheit - Terry Goodkind - E-Book

Wahrheit E-Book

Terry Goodkind

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Beschreibung

Sie ist allein. Sie wird verfolgt. Sie opfert sich für die Wahrheit.

Magda Searus ist am Boden zerstört. Ihr geliebter Ehemann, der Erste Zauberer Baraccus, ist gestorben und soll sich sogar freiwillig von der Burgmauer gestürzt haben. Gerade als sie sich entschließt, ihm zu folgen, entdeckt sie eine versteckte Botschaft von ihm: Finde die Wahrheit!

Plötzlich eröffnet sich Magda eine bislang unbekannte Welt der Intrigen, des Verrats und der Gier – und ihre einzige Möglichkeit, all das zu überstehen, liegt in einer neuen, verbotenen Magie.

Der Auftakt der neuen großen Saga von Bestsellerautor Terry Goodkind.

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Seitenzahl: 841

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Das Schwert der Wahrheit

bei Blanvalet in der ungesplitteten,

dem Original entsprechenden Taschenbuchausgabe:

Erstes Buch: Das erste Gesetz der Magie (36967)

Zweites Buch: Die Schwestern des Lichts (36968)

Drittes Buch: Die Günstlinge der Unterwelt (36969)

Viertes Buch: Der Tempel der vier Winde (37104)

Fünftes Buch: Die Seele des Feuers (37105)

Sechstes Buch: Schwester der Finsternis (37106)

Siebtes Buch: Die Säulen der Schöpfung (37288)

Achtes Buch: Das Reich des dunklen Herrschers (37289)

Neuntes Buch: Die Magie der Erinnerung (37290)

Zehntes Buch: Am Ende der Welten (37389)

Elftes Buch: Konfessor (37390)

Die Legende von Richard und Kahlan bei Blanvalet:

Erstes Buch: Dunkles Omen (26838)

Die Legende von Magda Searus, der ersten Konfessorin:

Erstes Buch: Wahrheit (26975)

Terry Goodkind

Wahrheit

Die Legende von Magda Searus,

der ersten Konfessorin

Erstes Buch

Roman

Deutsch von Caspar Holz

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The First Confessor« (self-published).

1. Auflage

September 2014 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Terry Goodkind

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Published in agreement with the author

c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft,

unter Verwendung einer Illustration von © Marc Simonetti/Bragelonne 2013

Redaktion: Werner Bauer

HK · Herstellung: sam

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN 978-3-641-13248-4

www.blanvalet.de

Gewidmet einem meiner besten Freunde, dessen Unterstützung und Ermutigung bei der Entstehung dieses Buches von unschätzbarem Wert waren. Rob Anderson ist nicht nur einer der klügsten Menschen, die ich kenne, sondern auch ein Mann von außerordentlicher Rechtschaffenheit, gewissenhafter Ehrlichkeit und zudem auch grenzenlos begeisterungsfähig. Seinen außergewöhnlichen Begabungen verdanke ich gleichermaßen die verblüffende Bildkraft meiner Sprache wie auch das wundervolle gesellschaftliche Umfeld für Besucher und Freunde meiner Bücher. Seine tiefe Wertschätzung sowohl für meine Arbeit als auch für meine Leser lässt ihn hinter den Kulissen unermüdlich am Austüfteln toller Dinge arbeiten, die die Menschen mir und den Büchern nähergebracht haben, als es je zuvor möglich war. Wir alle sind ihm zu Dank verpflichtet.

Dieses Buch ist für dich, Rob.

1

»Unter uns gehen Menschen um, hab ich erzählen hören«, raunte die Alte, »die mehr können als nur mit den Verstorbenen sprechen.«

Magda Searus befreite sich aus ihren zerfahrenen Gedanken und blickte mit gerunzelter Stirn auf zu der Frau, die sich über ihre Schulter gebeugt hatte. Die angespannte Miene der Alten ließ sie ihre breite, flache Stirn in tiefe Falten legen.

»Was redest du denn da, Tilly?«

Die Alte wandte ihre blassblauen Augen ab und warf einen prüfenden Blick in die im Schatten liegenden Winkel des düsteren Zimmers. »Unten, in den tieferen Bereichen der Burg, dort, wo die mit den außergewöhnlichen Talenten Begabten ihrem finsteren Werk nachgehen, gibt es, so erzählt man sich, unter ihnen mit der Gabe Gesegnete, die mit Seelen jenseits des Schleiers des Lebens sprechen können. Mit Seelen, die längst im Totenreich weilen.«

Magda fasste sich mit ihren zittrigen Fingern an die zerfurchte Stirn. »Du solltest nicht so töricht sein, Tilly, dieses Geschwätz zu glauben.«

Erneut hob Tilly den Blick, um das düstere, nur von den spärlichen, durch die verzogenen und nicht ganz schließenden Fensterläden fallenden Lichtstrahlen erleuchtete Zimmer abzusuchen. Die schmalen Lichtstreifen offenbarten nahezu reglos in der Luft stehende Staubpartikel über dem schweren, dicht an die Steinwand herangerückten hölzernen Arbeitstisch.

Der Tisch war mit altersblassen dunklen Flecken, Kerben und Schrammen übersät – Zeugnis der unterschiedlichsten Verwendungszwecke, denen er über die Jahrhunderte gedient hatte. Die Berührungen unzähliger Hände hatten die Kanten der dicken Arbeitsplatte ungleichmäßig abgerundet und glatt geschliffen und dem Holz im Laufe der Zeit eine glänzende kastanienbraune Patina verliehen.

Das Gesicht den mit Läden verschlossenen Fenstern zugewandt, saß Magda am Tisch, versunken in die Erinnerungen, die das einsam vor ihr stehende silberne Kästchen enthielt. In Gedanken war sie bei all dem, was sie verloren hatte.

Alles hatte sie verloren.

»Das ist nicht bloß Geschwätz«, widersprach Tilly sanft, voller Mitgefühl. »Eine gute Freundin von mir arbeitet in den unteren Bereichen der Burg. Sie weiß und sieht so einiges. Sie sagt, manche, deren Arbeit eine Vertrautheit mit dem Totenreich erfordert, hätten nicht nur mit den Dahingeschiedenen gesprochen, sondern noch ganz andere Dinge getan.«

»Ganz andere Dinge?« Magda konnte sich nicht überwinden, sich von den in dem Kästchen aufbewahrten Erinnerungsstücken zu lösen und aufzublicken. »Was redest du da?«

»Meine Freundin sagt, die mit der Gabe Gesegneten dort unten besäßen womöglich sogar Mittel und Wege, Menschen aus dem Totenreich zurückzuholen. Was ich sagen will, ist: Vielleicht könntet Ihr ihn ja zurückholen lassen.«

Magda, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, presste die Fingerspitzen an die Schläfen. Nur mit Mühe konnte sie einen erneuten Tränenausbruch verhindern. Starren Blicks betrachtete sie eine getrocknete Blume, die er ihr einst geschenkt hatte, eine seltene weiße Blume, für die er einen vollen Tag geklettert war. Seine junge Wildblume, so hatte er sie damals genannt und gesagt, nur eine solch seltene und schöne Blume werde ihr gerecht.

Warum also hätte er sie dann auf diese Weise verlassen sollen?

»Zurückholen? Von den Toten?« Magda stieß einen Seufzer aus und schüttelte langsam den Kopf. »Bei den Gütigen Seelen, Tilly, was ist bloß in dich gefahren?«

Die Frau stellte ihren hölzernen Eimer ab und ließ den Putzlappen in ihrer Hand ins seifige Wasser gleiten. Sie beugte sich ein wenig weiter vor, als wolle sie sich vergewissern, dass niemand zuhören konnte, obwohl sich außer ihnen beiden niemand in dem unaufgeräumten und selten benutzten Lagerraum befand.

»Ihr wart stets freundlich zu mir, Herrin.« Tilly legte sanft eine vom Putzen runzelige Hand auf Magdas Schulter. »Freundlicher als die meisten, selbst wenn Ihr dies gar nicht gemusst hättet. Die meisten beachten mich überhaupt nicht, wenn ich meiner Arbeit nachgehe. Viele kennen nicht mal meinen Namen, dabei arbeite ich schon fast mein ganzes Leben hier. Ihr habt als Einzige je nach mir gefragt, mir je ein Lächeln oder gelegentlich, wenn ich abgearbeitet aussah, eine Kleinigkeit zu essen angeboten. Ihr, ausgerechnet.«

Magda tätschelte die warme, tröstliche Hand auf ihrer Schulter. »Du bist eine anständige Frau, Tilly. Die meisten Menschen sind unfähig, die schlichte Wahrheit zu erkennen, selbst wenn sie sie direkt vor Augen haben. Was ich getan habe, war bloß ein Gebot des Anstandes.«

Tilly nickte. »Die meisten Leute Eures Standes würden sich nur gegenüber einer Frau von edler Geburt so verhalten.«

»Wir sind alle edel, Tilly.« Magda lächelte versonnen. »Das Leben eines jeden Menschen ist …« Sie musste tief durchatmen, denn sie befürchtete, jedes weitere Wort könnte sie um ihre Fassung bringen.

»Kostbar«, beendete Tilly den Satz für sie.

Magda schaffte es, sie anzulächeln. »Kostbar«, pflichtete sie ihr schließlich bei. »Mag sein, dass ich die Dinge anders sehe, weil ich es nicht von Geburt an war.« Sie räusperte sich. »Aber wenn das Leben vorbei ist, ist es vorbei. So ist das nun einmal. Wir alle werden geboren, wir leben unser Leben, wir sterben. Von jenseits des Schleiers gibt es keine Rückkehr.«

Magda überdachte ihre Worte noch einmal und sah ein, dass das nicht ganz stimmte. Zum allerersten Mal kam ihr der Gedanke, dass er möglicherweise den Tod mit zurückgebracht hatte, dass er sich, trotz seiner erfolgreichen Rückkehr von seiner gefahrvollen Reise in das Totenreich, womöglich doch nie wirklich aus seiner Umklammerung befreit hatte. Nun, vielleicht hatte er es nicht gekonnt.

Tilly spielte mit den Enden ihrer Schürzenbänder und grübelte einen Moment über etwas nach. »Ich möchte Euch ja nicht verwirren, Herrin«, sagte sie schließlich. »Es ist nur, Ihr seid stets so freundlich zu mir gewesen und habt mich mit Respekt behandelt, deshalb möchte ich Euch etwas sagen, über das ich mit keinem anderen zu sprechen wage. Aber nur, wenn Ihr es hören wollt. Wenn nicht, genügt ein Wort von Euch, und ich werde die Sache nie wieder erwähnen.«

Magda atmete tief aus. »Nun red schon.«

Mit dem Finger strich Tilly sich über ihre Unterlippe und sah sich ein letztes Mal in dem düsteren Zimmer um, ehe sie begann. »Unten, in den Grabgewölben, Herrin, in den Gängen tief unter der Erde, wo so mancher Verstorbene untergebracht ist und wo kaum ein Besucher Zugang hat, dort, sagt meine Freundin, haben die für die Kriegsanstrengungen arbeitenden Zauberer einen Weg gefunden, die Toten wieder zum Leben zu erwecken. Ich muss allerdings zugeben, mit eigenen Augen habe ich diese Dinge noch nicht gesehen. Aber sie schwört bei ihrer Seele, dass es stimmt. Und wenn, dann gibt es vielleicht … vielleicht auch einen Weg, Meister Baraccus zurückzuholen.« Tilly hob eine Braue. »Ihr seid eine Frau von Ansehen und könntet doch um eine solche Gefälligkeit bitten.«

»Hast du vergessen, wer mein Gemahl eigentlich war, Tilly? Lass dir gesagt sein, Zauberer sind Meister der Täuschung. Sie können alle möglichen Trugbilder heraufbeschwören und sie wahr erscheinen lassen.«

»Nein, Herrin, ich habe nicht vergessen, wer Euer Gemahl war. Er war bei vielen sehr beliebt, mich eingeschlossen.« Tilly nahm ihren Eimer wieder auf, zögerte dann und dachte noch einmal über Magdas Worte nach. »Es muss wohl so sein, wie Ihr sagt. Mit solchen Trugbildern kennt Ihr Euch bestimmt besser aus als ich.« Sie neigte respektvoll das Haupt. »Ich muss zurück an meine Arbeit, Herrin.«

Noch nicht ganz an der Tür, wandte sie sich noch einmal um. »Ich wollte Euch mit meinem Gerede nicht verärgern, Herrin, dass man einen geliebten Menschen von den Toten zurückholen kann. Ich weiß, wie sehr Ihr leidet. Ich wollte bloß helfen.«

Diese Frau vermochte sich vermutlich nicht einmal ansatzweise vorzustellen, dass Magdas Gemahl, ein Mann, der über geniale Fähigkeiten verfügte, schon einmal aus dem Totenreich zurückgekehrt war. Nachdem andere bei dem Versuch, dem Warnruf des allnächtlich aufgehenden roten Mondes zu folgen, verschollen waren, jenem verzweifelten Hilferuf aus dem Tempel der Winde jenseits des Schleiers, hatte ihr Gemahl sich selbst auf diese zuvor noch nie unternommene Reise begeben.

Er war in das Totenreich aufgebrochen und von dort wieder zurückgekehrt.

Diesmal jedoch, das wusste Magda, würde er nicht wieder zurückkehren.

Jetzt, da ihr in der Welt des Lebens nichts mehr geblieben war, hatte sie nur noch den Wunsch, ihm nachzufolgen.

Erneut rang sie sich ein dünnes Lächeln für die Frau ab. »Ich weiß, Tilly. Das ist schon in Ordnung. Ich bin dir dankbar, dass du mir helfen möchtest.«

Tilly presste die Lippen aufeinander, besann sich dann und fügte hinzu: »Vielleicht könntet Ihr wenigstens eine Spiritistin aufsuchen, Herrin. Eine solche Frau wäre womöglich imstande, in Eurem Namen Verbindung zu Eurem Gemahl aufzunehmen. Dort unten gibt es Frauen mit entsprechenden Talenten, die so was können. Ich glaube, selbst diese Zauberer fragen sie bei ihrer Arbeit um Rat.«

»Und wozu sollte der Besuch bei einer solchen Frau gut sein?«

»Ihr könntet doch wenigstens mit ihr sprechen und sie bitten, Euch Antworten zu geben, damit Ihr Euren Frieden machen könnt mit dem, was der Oberste Zauberer Baraccus getan hat.«

Magda konnte sich nicht vorstellen, wie ihr Herz jemals wieder Frieden finden sollte.

»Vielleicht braucht Ihr ja Hilfe, Herrin«, fügte Tilly hinzu. »Vielleicht könnte der Oberste Zauberer Baraccus Euch noch immer beschützen helfen.«

Die Stirn gerunzelt, betrachtete Magda die Frau drüben auf der anderen Seite des kleinen Zimmers. »Mich beschützen helfen? Wie meinst du das?«

Tilly ließ sich einen Moment Zeit mit ihrer Antwort. »Die Menschen sind grausam, Herrin. Besonders zu einem, der nicht von edler Geburt ist. Als wunderschöne Gemahlin des Obersten Zauberers genießt Ihr überall Respekt, und das, obwohl Ihr so viel jünger seid als er.« Tilly fasste sich an ihr eigenes kurzes Haar und wies dann auf Magda. »Euer langes Haar ist ein Zeichen Eurer Stellung. Ihr habt Eure Machtstellung dazu benutzt, vor dem Rat der Midlands für jene zu sprechen, die keine eigene Stimme haben. Ihr allein verschafft diesen Menschen Gehör. Dafür kennt und respektiert man Euch weithin, nicht nur dafür, dass Ihr die Gemahlin des Obersten Zauberers seid. Doch jetzt, nach Meister Baraccus’ Tod, habt Ihr niemanden mehr, der Euch beschützt, der Euch vor dem Rat – oder wo auch immer – Geltung verschafft. Womöglich findet Ihr ja, dass die Welt ein unwirtlicher Ort ist für die Witwe eines mächtigen Mannes, die selbst nicht mit der Gabe gesegnet und nicht von edler Geburt ist.«

All das hatte Magda längst überdacht, nur war dies kein Problem, dem sie sich noch zu stellen gedachte.

»Vielleicht könnte diese Spiritistin Euch einen wertvollen Rat von jenseits des Grabes geben. Vielleicht könnte Euer verschiedener Gemahl zumindest seine Beweggründe erläutern und Euren Schmerz dadurch ein wenig lindern.«

Magda nickte. »Ich danke dir, Tilly. Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.«

Ihr Blick senkte sich wieder auf das silberne Kästchen mit Erinnerungsstücken. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum Baraccus getan hatte, was er getan hatte, oder dass er imstande wäre, es ihr von jenseits des Grabes zu erklären. Hätte er seine Beweggründe erklären wollen, hätte er dazu reichlich Gelegenheit gehabt. Er hätte ihr doch zumindest einen Brief hinterlassen können, der bei ihrer Rückkehr auf sie gewartet hätte.

Zumal sie wusste, dass Baraccus ihr Ansehen von jenseits des Grabes nicht schützen konnte. Im Grunde spielte das allerdings gar keine Rolle.

Als Tilly die Tür auf der anderen Seite des Raumes öffnete, huschte schwacher Kerzenschein über den Fußboden. »Herrin.«

Magda blickte über ihre Schulter und sah Tilly in der offenen Tür stehen, die Hand auf dem Türhebel.

Draußen auf dem Flur gewahrte sie mehrere Männer, die Gesichter in den Schatten, die Hände vor dem Körper verschränkt.

»Es sind … einige Besucher hier, die Euch zu sprechen wünschen, Herrin.«

Magda wandte sich zum Tisch um und schloss sorgfältig das silberne Kästchen mit den Erinnerungsstücken. »Lass sie bitte herein, Tilly.«

Sie hatte gewusst, dass sie früher oder später kommen würden. Offenbar wohl eher früher als später. Eigentlich hatte sie vorgehabt, mit alldem abgeschlossen zu haben, ehe sie Gelegenheit fanden, bei ihr aufzutauchen. Auch das sollte offenbar nicht sein. Hätte ihr Mut sie nicht bereits vollständig verlassen, wäre er jetzt noch weiter gesunken. Aber was für eine Rolle spielte das überhaupt noch? Bald schon würde es vorbei sein.

»Möchtet Ihr, dass ich bleibe, Herrin?«

Magda strich mit den Fingern über ihr langes, dichtes, frisch gebürstetes Haar, das ihr vorn über die Schulter fiel.

Sie musste stark sein. Baraccus hätte es so gewollt.

»Nein, Tilly«, sagte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder in den Griff bekommen hatte. »Ist schon in Ordnung. Lass sie bitte herein, und dann geh wieder an deine Arbeit.«

Tilly verneigte sich tief aus der Hüfte und wich ein kleines Stück zurück, während sie die Tür weiter öffnete, um die Männer reinzulassen. Kaum waren alle sieben in das Zimmer hineingerauscht, schloss sie hastig hinter sich die Tür und eilte davon.

2

Magda schob das silberne, mit Gravuren verzierte Kästchen hinüber zur Tischkante und stellte es dort neben eine viel benutzte Ansammlung aus erlesenen Kunstschmiedewerkzeugen, einigen Halbedelsteinen in unterteilten Sortierkästen sowie kleinen, voller Notizzettel steckenden Büchern, die ihrem Gemahl gehört hatten. Einen Augenblick ließ sie ihre Hände auf ebenjener Stelle verweilen, wo auch seine Hände gelegen hatten, wenn er, manchmal bis spät in die stillen Nachtstunden, an diesem Tisch gearbeitet und dabei Dinge wie jenes außergewöhnliche Amulett geschaffen hatte, das von ihm zu Beginn des Krieges angefertigt worden war.

Auf ihre Frage nach seinem Zweck hatte er geantwortet, es sei eine allgegenwärtige Erinnerung an seine Berufung, die sich nun erfülle, an sein Talent, seine Pflicht, ja an den Sinn seines Daseins. Er hatte ihr erklärt, es sei die Verkörperung des obersten Gebots eines Kriegszauberers: den Angreifer zu schneiden, ihn bis auf den Grund seiner Seele zu schneiden. Der rubinrote Edelstein im Zentrum der feinen Linien repräsentiere das Feindesblut.

Er hatte gesagt, das Amulett verkörpere den Tanz mit dem Tod.

Er hatte es jeden einzelnen Tag getragen, seit er es angefertigt hatte, es dann jedoch – mitsamt seinem einzigartigen schwarz-goldenen Anzug, dem Anzug eines Kriegszauberers, der Kampfrüstung eines Kriegszauberers – in der Enklave des Obersten Zauberers zurückgelassen, ehe er sich von der Mauer der Burg der Zauberer mehrere Tausend Fuß tief in den Tod gestürzt hatte.

Magda strich ihr langes, braunes Haar nach hinten über ihre Schulter und wandte sich herum zu den sieben Männern, die gerade den Raum durchquerten. Sie erkannte die vertrauten Gesichter von sechs Mitgliedern des Rats, jedes davon erstarrt zu einer steinernen Maske – Mienen, hinter denen sie vermutlich ihre Beschämung zu verhüllen gedachten, die sie wahrscheinlich über das empfanden, zu dessen Vollstreckung sie gekommen waren.

Sie hatte natürlich gewusst, dass sie kommen würden, wenn auch nicht so bald. Sie hatte angenommen, sie würden zumindest den Anstand besitzen, ihr ein wenig mehr Zeit zu lassen.

Begleitet wurden sie von einem weiteren Mann, dessen Gesicht im Schatten der Kapuze seines weiten braunen Ordensgewandes lag. Als sie näher traten, in das trübe, an den Rändern der geschlossenen Läden hereinfallende Licht, schlug der siebte Mann seine Kapuze zurück bis auf seine gebeugten Schultern.

Die schwarzen Augen des Mannes waren fest auf sie gerichtet, ganz so, wie sich der ungerührte Blick eines Geiers auf ein leidendes Tier heftete. Es kam des Öfteren vor, dass Männer sie anstarrten, wenn auch nicht so.

Sein Hals war kurz und dick, der eines Bullen. Kurz geschorenes, drahtiges Haar bedeckte die Krone seines Hauptes. Bartstoppeln verdunkelten die untere Hälfte seines Gesichts. Der hohe Haaransatz ließ seine Stirn, seinen Schädel insgesamt, noch wuchtiger erscheinen. Nahezu alle Linien und Furchen seines Gesichts neigten dazu, in der Mitte zusammenzulaufen, so als wäre es eingedrückt, was seinem Gesicht einen Ausdruck von Verkniffenheit verlieh. Seine Gesichtszüge zeugten von Entschlossenheit, so als wäre dieser Mann durch und durch so unerbittlich wie sein Ruf.

Er war nicht unbedingt hässlich, sah aber auf jeden Fall höchst ungewöhnlich aus. Auf gewisse Weise verlieh ihm sein ausgeprägtes Gesicht ein Aussehen von erbitterter, herrischer Autorität.

Er war unverkennbar der Oberste Ankläger in Person – Lothain, ein Mann von weitreichender Machtbefugnis und entsprechendem Ruf. Seine einzigartigen, von diesen schwarzen Augen wie durchstochenen Gesichtszüge machten es unmöglich, ihn jemals wieder zu vergessen. Magda hatte keine Ahnung, was ein solcher Mann in Begleitung der Ratsmitglieder verloren hatte, bei der Vollstreckung einer Formalität, einer erbärmlich minderen Pflicht, die seiner Zeit nicht würdig schien.

Lothains grimmiger Gesichtsausdruck – eingegraben in sein ledriges Gesicht in Gestalt tiefer Falten – machte nicht den Eindruck, als könnte sich dahinter, wie hinter den Mienen der anderen, auch nur die geringste Barmherzigkeit verbergen. Magda hielt den Mann für absolut unfähig, so etwas wie Unbehagen oder gar Scham zu empfinden – und erst recht Mitleid. Seine harten Züge waren der Beweis, dass dieser Mann seine Arbeit mit unnachgiebiger, eiserner Entschlossenheit versah.

Es war nicht einmal einen Monat her, da hatte Lothain zu jedermanns Verblüffung gegen die gesamte Tempelgruppe Anklage wegen Verrats erhoben – gegen eben jene Männer, die auf Anweisung des Zentralen Rats gefährliche Utensilien der Magie im Tempel der Winde zusammengetragen und anschließend, zur sicheren Verwahrung bis nach dem Krieg, in die Unterwelt geschickt hatten. Der Prozess war eine Sensation gewesen. In seinem Verlauf hatte Lothain aufgedeckt, dass diese Männer weit über ihren Auftrag hinausgegangen waren: Nicht nur hatten sie weit mehr Gegenstände weggeschlossen, als sie sollten, sondern dies auch noch so, dass sie nahezu unwiederbringlich verloren waren.

Einige von ihnen brachten zu ihrer Verteidigung vor, sie seien überzeugt von den Bestrebungen der Alten Welt, die Menschheit vor der Tyrannei der Magie zu bewahren.

Ihre Verurteilung hatte zu der Erkenntnis geführt, dass Lothains Ruf von ebenso unerbittlicher Schärfe war wie die Äxte, mit denen man die einhundert verurteilten Zauberer der Tempelgruppe enthauptete.

In einem waghalsigen Versuch, den von den Verrätern angerichteten Schaden wiedergutzumachen, hatte sich Lothain darauf eigenmächtig hinter den Schleier und in die Unterwelt zum Tempel der Winde begeben – auf eine Reise, während derer jeder um ihn fürchtete, jeder befürchtete, einen Mann von solchen Fähigkeiten und Stärken zu verlieren.

Zur Erleichterung aller kehrte Lothain lebend, wenn auch mitgenommen, von der Reise zurück. Unglücklicherweise erwies sich der von der Tempelgruppe angerichtete Schaden als größer, als selbst er angenommen hatte, zudem war es ihm nicht gelungen, einen Weg ins Innere des Tempels zu finden, weshalb er zurückgekehrt war, ohne den Schaden, den die von ihm verurteilte Tempelgruppe angerichtet hatte, beheben zu können.

Er trat mit lässigem Schritt auf Magda zu und unterstrich die Förmlichkeit seiner Vorrede mit einer Handbewegung.

»Lady Searus, ich möchte Euch mein Beileid über den ebenso unglücklichen wie frühzeitigen Tod Eures Gemahls aussprechen.«

Eines der Ratsmitglieder beugte sich vor. »Er war ein großartiger Mann.«

Ein Seitenblick Lothains ließ den Mann zurück in die Reihe der anderen treten.

»Ich danke Euch, Ankläger Lothain.« Ihr Blick ging kurz hinüber zu dem Ratsmitglied, welches das Wort ergriffen hatte. »Das war mein Gemahl fürwahr.«

Lothain hob eine dunkle Braue. »Nur, warum sollte sich ein so großartiger Mann, ein Mann, der von seinem Volk ebenso geliebt wurde wie von seiner jungen, charmanten Ehefrau, von der Burgmauer mehrere tausend Fuß einen Berghang hinabstürzen, um auf den darunterliegenden Felsen den Tod zu finden? Was glaubt Ihr?«

Mit fester Stimme bekannte sich Magda zu der schlichten Wahrheit. »Ich weiß es nicht, Ankläger. Er hatte mich an jenem Tag auf einen Besorgungsgang fortgeschickt. Bei meiner Rückkehr war er bereits tot.«

»Ach, tatsächlich«, meinte Lothain gedehnt und fasste sich ans Kinn, den Blick nachdenklich in die Ferne gerichtet. »Soll das heißen, Ihr vermutet, er wollte nicht, dass Ihr hier seid, dass Ihr die entsetzlichen Verletzungen seht, die ein Sturz aus dieser Höhe auf die darunterliegenden Felsen bei ihm bewirken würde?«

Magda schluckte. Tausendmal schon hatte sie nicht verhindern können, sich dies vor ihrem inneren Auge auszumalen. Als sie seinerzeit zurückgekehrt war, hatte man sich bereits seiner angenommen und ihn in einen fest verschließbaren, würdevollen Sarg gelegt.

An jenem Morgen, gerade mal Stunden, nachdem sie von seinem Tod erfahren hatte, hatte man den reich mit Schnitzereien verzierten Ahornsarg mit den sterblichen Überresten ihres Gemahls auf der Wallanlage der Burg der Zauberer, draußen vor der Enklave des Obersten Zauberers, auf einen Scheiterhaufen platziert. Weil sein Körper im Innern des Sarges eingeschlossen war, hatte sie ihm nicht ein letztes Mal ins Gesicht schauen können. Sie hatte den Sarg auch nicht noch einmal öffnen lassen. Sie wusste, warum er verschlossen worden war.

Unter den Augen Hunderter ernster Menschen, die schweigend verfolgten, wie die Flammen ihren geliebten Anführer – und für viele ihre letzte Hoffnung – verzehrten, brannte der Scheiterhaufen fast einen vollen Tag.

Statt eine derart geschmacklose Frage zu beantworten, wechselte Magda das Thema. »Dürfte ich fragen, in welcher Angelegenheit Ihr hier seid, Ankläger Lothain?«

»Wenn es Euch nichts ausmacht, Lady Searus, so werde ich die Fragen stellen.«

Sein Tonfall war von einer Schärfe, die sie überraschte.

Er bemerkte ihren schockierten Gesichtsausdruck und bedachte sie mit einem kurzen, aufgesetzten Lächeln. »Ich hatte nicht die Absicht, Eure Trauer zu stören, aber seht Ihr, jetzt, da der Krieg unsere nackte Existenz bedroht, gibt es Angelegenheiten, die für uns alle von dringender Wichtigkeit sind und zu denen ich Euch bedauerlicherweise befragen muss. Mehr wollte ich damit nicht sagen.«

Magda war nicht in der Stimmung, Fragen zu beantworten, sie hatte ihre eigenen drückenden Sorgen. Andererseits kannte sie diesen Mann gut genug, um zu wissen, dass er sie nicht ihren Angelegenheiten überlassen würde, ehe er nicht die seinen geregelt hätte.

Sie sah keine andere Möglichkeit, als seine Fragen zu beantworten.

3

Magda strich ihr Kleid glatt und nahm all ihren Mut zusammen. »Und zu welcher Angelegenheit von dringender Wichtigkeit wünscht Ihr mich zu befragen?«

Er wies kurz auf die geschlossenen Fensterläden. »Nun, da wäre einmal die Angelegenheit des sich rot verfärbenden Mondes.« Gemächlich entfernte sich Lothain ein paar Schritte, kehrte dann wieder um. »Nachdem es mir nicht gelungen war, mir Zutritt zum Tempel der Winde zu verschaffen, haben andere – mit Talenten, die vermutlich für ein solch besonderes Unterfangen geeigneter waren als meine – dieselbe Reise unternommen. Aber keiner von ihnen ist jemals zurückgekehrt.«

Magda war verwirrt, worauf er denn nun hinauswollte. »Das waren tüchtige Männer, fähige Männer, Männer von hohem Ansehen. Es war ein grauenhafter Verlust.«

Gemessenen Schritts trat Lothain wieder vor sie hin. Der Blick aus seinen starren schwarzen Augen wanderte über die auf dem Tisch liegenden Gegenstände, gleich den Augen eines Geiers, der zwischen irgendwelchen Knochen nach Fleischresten sucht. Mit einem Finger drehte er ein Notizbuch herum, um die Aufschrift auf dessen Rücken zu lesen, ehe er erneut das Wort an sie richtete.

»Euer Gemahl hat diese Männer ausgesucht.«

»Es waren Freiwillige.«

Er lächelte höflich. »Ja, natürlich. Ich wollte sagen, Euer Gemahl hat die Männer, die zum Tempel und letztlich in den Tod gehen sollten, aus einer Gruppe von Freiwilligen ausgewählt.«

»Mein Gemahl war der Oberste Zauberer.« Ihre Stirn furchte sich tiefer. »Wer hätte Eurer Meinung nach die Männer für eine solch gefährliche Mission auswählen sollen? Der Rat? Ihr selbst?«

»Nein, nein, natürlich nicht.« Er gestikulierte kurz angebunden. »Zuständig für die Auswahl der Männer, die gehen sollten, war eindeutig der Oberste Zauberer Baraccus.«

»Worauf wollt Ihr dann hinaus?«

Er lächelte sie herablassend an, mit einem Lächeln, das vielleicht um seine Lippen spielte, in seinen Augen aber nicht zu finden war.

»Worauf ich hinauswill«, sagte Lothain schließlich, »ist, dass er Versager ausgewählt hat.«

So fest sie konnte, schlug Magda ihm ins Gesicht. Mit einem erschrockenen Keuchen wichen die sechs Ratsmitglieder zurück. Vermutlich schmerzte ihre Hand mehr als Lothains Gesicht, doch das war ihr egal. Das Geräusch der Ohrfeige schien noch eine Weile in der Luft zu hängen, ehe es verklang.

Lothain ging mit einem höflichen Neigen seines Kopfes über den Schlag hinweg. »Falls es wie ein Vorwurf geklungen haben sollte, so bitte ich Euch, meine Entschuldigung zu akzeptieren.«

»Wenn es kein Vorwurf war, was war es dann?«

»Ich versuche lediglich, die Wahrheit herauszufinden.«

»Die Wahrheit? Die Wahrheit ist«, knurrte sie, »dass sich der Mond jede Nacht, während Ihr in der Unterwelt wart, um Euch Zutritt zum Tempel der Winde zu verschaffen, und jede Nacht seitdem als Warnung rot verfärbt hat. Es ist die ernsthafteste Warnung, zu der der Tempel fähig ist. Dass schwerwiegende Unannehmlichkeiten drohen …«

Er fiel ihr ins Wort, tat die Angelegenheit mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Das wiederholte Auftreten roter Monde ist vermutlich auf den von der Tempelgruppe angerichteten Schaden zurückzuführen.«

»Und als Ihr nach Eurem gescheiterten Versuch, besagten Schaden wiedergutzumachen, zurückgekehrt wart, hatte der Oberste Zauberer die mehr als unangenehme Pflicht, einen Freiwilligen auszuwählen, der dem allnächtlichen Ruf des Tempels in Gestalt eines roten Mondes folgen sollte. Und als der erste dann nicht wiederkehrte, war der Oberste Zauberer gezwungen, einen anderen, erfahreneren Zauberer hinterherzuschicken. Und als auch dieser nicht wiederkehrte, war es seine bittere Pflicht, wiederum einen anderen, noch sachkundigeren Mann zu entsenden – alles Freunde und enge Vertraute. Nacht für Nacht stand ich an seiner Seite oben auf der Wallanlage, während er zum roten Mond hinaufstarrte, untröstlich, weil ein Freund nach dem anderen es nicht schaffte, aus der Unterwelt zurückzukehren. Untröstlich, weil er hoch angesehene Männer, seine Freunde, Männer, die Ehemänner und Väter waren, in den Tod geschickt hatte. Und nachdem schließlich alle anderen gescheitert waren, unternahm mein Gemahl selbst die Reise. Und hat am Ende mit seinem Leben dafür bezahlt!«

Lothain ließ die klingende Stille noch ein wenig andauern, ehe er mit sanfter Stimme sagte: »Genau genommen hat er nicht mit seinem Leben dafür bezahlt. Er hat sich nach seiner Rückkehr das Leben genommen.«

Magda funkelte ihn wütend an. »Worauf wollt Ihr hinaus?«

Einen Moment lang tippte Lothain die Fingerspitzen aneinander und betrachtete ihre tränenfeuchten Augen. »Ich will darauf hinaus, Magda Searus, dass er sich selbst entleibt hat, ehe wir in Erfahrung bringen konnten, was sich auf seiner Reise zum Tempel der Winde zugetragen hat. Vielleicht könnt Ihr es uns verraten?« Er neigte den Kopf zur Seite. »Hat er es geschafft hineinzukommen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Magda. Dabei wusste sie es sehr wohl. Baraccus selbst hatte es ihr erzählt, und noch sehr viel mehr dazu. »Ich war seine Ehefrau, und nicht etwa ein Ratsmitglied oder …«

»Ah«, machte Lothain und warf den Kopf in den Nacken. »Seine junge, ausnehmend schöne, aber so ganz und gar nicht mit der Gabe gesegnete Gemahlin. Natürlich. Offensichtlich war ein Zauberer von solch überwältigenden Fähigkeiten nicht bereit, Dinge von umfassender Macht mit jemandem zu besprechen, der nichts von alledem besaß.«

Magda schluckte. »So ist es.«

»Wisst Ihr, ich habe mich das stets gefragt. Warum sollte …« Wieder runzelte er die Stirn, als er seine schwarzen Augen auf sie richtete. »Nun ja, warum sollte ein Mann von solch außergewöhnlichen Fähigkeiten, ein mit der Gabe gesegneter Kriegszauberer, ein Mann, dessen Talente alles umfassten, von Kampfkunst bis hin zu Prophetie, warum sollte ein solcher Mann eine Frau ehelichen, die nichts von alledem besaß? Ich meine, außer …« Er ließ seinen Blick an ihrem Körper hinabwandern.

Er fischte im Dunkeln, warf ihr vor, nichts weiter zu sein als ein hübsches Ding, der geistlose Anhang eines mächtigen Mannes. Ankläger Lothain stellte die ebenso gewagte wie unverschämte Behauptung auf, sie habe schlicht seinem sexuellen Vergnügen gedient und mehr nicht – womit er wiedergab, was das verachtungswürdige Geschwätz unterstellte –, um ihr auf diese Weise das Geständnis abzuringen, sie sei doch mehr gewesen, und dass sie mehr wisse, als das attraktive Statussymbol eines älteren Mannes wissen könnte.

Magda ging gar nicht darauf ein. Sie hatte nicht die Absicht, gegenüber diesem Mann ihr Wissen preiszugeben. Ihr Instinkt sagte ihr, ihm nicht zu verraten, was sie über Baraccus’ Reise zum Tempel der Winde wusste.

Sie fühlte die ersten Tränen über ihr Gesicht laufen und von ihrem Kinn herabtropfen.

»Weil er mich geliebt hat«, sagte sie leise.

»Ah, richtig. Die Liebe.«

Magda verspürte nicht das geringste Bedürfnis, diesem Mann ihr Verhältnis zu Baraccus zu erläutern. Ankläger Lothain war viel zu zynisch, um auch nur ansatzweise zu begreifen, was sie und Baraccus füreinander bedeutet hatten. Vielmehr sah er sie so wie viele Männer, als Objekt der Begierde und nicht als Person, so wie Baraccus.

Eines der Ratsmitglieder, ein Mann namens Sadler, trat vor, einen zunehmend ungehaltenen Ausdruck in seinen altersschlaffen Zügen.

»Wenn Ihr eine maßgebliche Frage habt, dann stellt sie, bitte. Ansonsten, denke ich, solltet Ihr die Witwe Searus ihrer Trauer überlassen.«

»Nun gut.« Lothain verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. »Was ich gerne wüsste, ist: Habt Ihr Kenntnis von irgendwelchen geheimen Zusammenkünften, die der Oberste Zauberer Baraccus möglicherweise abgehalten hat?«

Die Stirn in Falten, musterte Magda den Ankläger. »Geheime Zusammenkünfte? Was meint Ihr? Was für geheime Zusammentreffen? Mit wem?«

»Ebendas möchte ich von Euch erfahren. Habt Ihr Kenntnis von irgendwelchen geheimen Zusammenkünften seinerseits mit dem Feind?«

Magda konnte ihr Gesicht vor Zorn erröten fühlen. »Hinaus!«

Sie war überrascht, wie ruhig und kraftvoll ihre Stimme klang. Einen Moment betrachtete er ihre Augen, dann wandte er sich zum Gehen.

»Ich hoffe sehr, dass der Oberste Zauberer tatsächlich der Held war, für den so viele ihn hielten«, sagte er über seine Schulter. »Und dass er nicht an einer Verschwörung beteiligt war.«

Sie trat mit ausgreifenden Schritten hin zu dem Mann. »Ihr bezichtigt meinen Gemahl einer Verschwörung mit dem Feind?«

Bereits an der Tür, drehte er sich lächelnd um. »Natürlich nicht. Nur finde ich es seltsam, dass die Männer, die Baraccus zum Tempel schickte, allesamt versagt haben und dass er anschließend selbst zu einer solchen Mission aufbrach, zu einem Zeitpunkt, als der Krieg voll entbrannt war und er hier dringend gebraucht wurde. Immerhin bedrohen die heranrückenden Feindestruppen unser aller Existenz. Dieser Sache den Vorrang zu geben scheint doch seltsam, findet Ihr nicht auch? Noch merkwürdiger allerdings, dass er es nach seiner Rückkehr so eilig hatte, sich selbst zu entleiben, ehe man ihn auch nur fragen konnte, ob er es bis ins Innere des Tempels geschafft hatte, um den Schaden zu beheben.« Er hob einen Finger. »Oh, Augenblick. Soeben fällt mir ein: Da der Mond noch immer rot verfärbt ist, kann er gar nicht hineingelangt sein, denn sonst wäre er noch während seines Aufenthaltes dort wieder in den Normalzustand zurückgekehrt.« Wieder furchte sich seine Stirn. »Oder, falls er es doch bis hinein geschafft hat, kann er den Schaden nicht behoben haben. Denn ansonsten hätten die roten Monde längst wieder aufgehört. Jetzt hingegen, da der rote Mond allmählich abnimmt, scheint selbst der Tempel alle Hoffnung aufgegeben zu haben.«

Er fischte nach wie vor im Dunkeln. Magda hüllte sich in Schweigen.

Sein feindseliges Lächeln kehrte zurück. »Ich denke doch, Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Verrat ist ein Vergehen, das selbst einen Toten zu beschmutzen vermag. Und das gilt ebenso für das wissentliche Decken einer Person, die einen Verrat begeht. Was die Betreffende ihren hübschen Kopf kosten könnte.«

Er wandte sich abermals zum Gehen, nur um sich erneut herumzudrehen. »Ein Letztes noch, Witwe Searus. Ihr werdet Euch bereithalten, einige Fragen zu beantworten, sollte ich eine förmliche Untersuchung für notwendig erachten.«

Zitternd vor Wut, funkelte sie den kalt lächelnden Mann an. Und versagte ihm die Genugtuung einer Antwort, bis er sich schließlich abwandte und ging.

4

Kaum hatte er die Tür sich schließen sehen, wandte sich Ratsherr Sadler erneut Magda zu. »Ich muss um Verzeihung bitten, Lady Searus.«

»Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen.« Magda zog eine Braue hoch. »Es sei denn, Ihr befürwortet Lothains Vorwürfe gegen meinen Gemahl.«

Betrübtheit milderte seinen Gesichtsausdruck. »Baraccus war ein guter Mann. Er fehlt uns allen sehr. Ich fürchte, möglicherweise hat die bitterliche Sorge angesichts der jüngsten Ereignisse Lothains Urteilsvermögen getrübt.«

Sie sah hinüber zu den anderen fünf. Hambrook und Clay bekundeten mit einem Nicken, dass sie der gleichen Ansicht waren. Der Älteste, Cadell, ließ sich nicht anmerken, was er empfand. Die beiden letzten Männer, Weston und Guymer, senkten den Blick zum Boden.

»Mir schien er nicht gerade von Unglück besessen«, sagte sie.

Der gebeugte Älteste, Cadell, legte ihr sachte eine Hand auf die Schulter. »Besorgniserregende Dinge liegen in der Luft, Magda.« Er nahm die Hand von ihrer Schulter und wies, vorbei an ihr und den beiden anderen Ratsmitgliedern, auf die mit Läden verschlossenen, auf die Stadt Aydindril hinausgehenden Fenster. »Wir stehen am Rande unserer völligen Vernichtung. Da ist es nur verständlich, dass die Menschen sich ängstigen.«

Ratsherr Sadler seufzte bedrückt. »Hinzu kommt, es besteht große Verwirrung darüber, was dem Obersten Zauberer Baraccus zugestoßen ist. Nicht einmal wir begreifen es. Ihr könnt Euch also vorstellen, was an Gerüchten und Gerede in der Burg die Runde macht, ganz zu schweigen von unten in der Stadt. Alle hier sind davon ausgegangen, dass er seinem Volk stets zur Seite stehen, es verteidigen, beschützen würde. Stattdessen haben viele nunmehr das Gefühl, er habe sie im Stich gelassen. Sie verstehen nicht, warum. Ankläger Lothain verleiht ihrem Argwohn, ihrem Unbehagen lediglich eine Stimme, er spricht nur offen aus, was hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird.«

Magda schob ihr Kinn vor. »Ihr haltet es also für richtig, dass Ankläger Lothain dem Geschwätz eine Stimme gibt? Glaubt Ihr nicht auch, dass dieses Gerede von Leuten, die ungenannt bleiben wollen und nichts von den wahren Gründen hinter den Geschehnissen wissen, geradezu nach vorgefertigten Anschuldigungen seitens des Obersten Anklägers schreit, nach ein paar schnellen Hinrichtungen, um das Gerede und die Unzufriedenheit im Keim zu ersticken? Ist das Eure Haltung?«

Ihre Art der Formulierung ließ Ratsherr Sadler leicht befangen lächeln. »Aber nicht doch, Lady Searus. Ich weise lediglich darauf hin, dass dies aufreibende Zeiten sind und Ankläger Lothain diesen Druck zu spüren bekommt.«

Weder lenkte Madga ein noch wich sie seinem Blick aus. »Seit wann lassen wir uns von Ängsten und Befürchtungen leiten? Ich dachte, wir stünden für mehr. Ich würde meinen, ausgerechnet ein Oberster Ankläger sollte es doch als seine Pflicht ansehen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.«

»Und genau das ist womöglich seine Absicht«, sagte der Älteste Cadell, wobei er sich eines sanften Tonfalls bediente, um das, was eigentlich eine scharfe Spitze war, weniger barsch klingen zu lassen und gleichzeitig dem Streit und der Kritik ein Ende zu setzen. »Es ist die legitime Pflicht eines Obersten Anklägers, Fragen zu stellen. Auf diese Weise erfahren wir, was die Wahrheit ist. Abgesehen davon ist der Mann nicht hier, um sich über seine Beweggründe für die gestellten Fragen auszulassen. Also ist es nur rechtens, wenn wir unsererseits in seiner Abwesenheit nicht spekulieren oder Vorwürfe erfinden.«

Magda Searus hatte schon seit vielen Jahren mit dem Ältesten Cadell zu tun. So aufgeschlossen und gerecht er war: Hatte er einmal klargemacht, dass er nicht länger bereit war, sich einen Standpunkt anzuhören, erwartete er, dass die Angelegenheit damit beendet war, das wusste sie. Sie wandte sich herum, legte eine Hand auf die glatte, rund geschliffene Kante des Arbeitstischs und wechselte das Thema. »Welchem Anlass verdanke ich dann diesen Besuch des Rates? Seid Ihr alle gekommen, um einige der Punkte zu besprechen, die ich Euch zur Klärung vorgelegt habe?«

Es entstand ein langes Schweigen. Natürlich wusste sie, dass dies nicht der Grund für ihr Kommen war. Sie wandte sich wieder herum, um den sie musternden Männern ins Gesicht zu sehen.

»Das sind Fragen für einen anderen Zeitpunkt«, sagte Sadler.

»Und, wird man mich anhören, wenn ich bei anderer Gelegenheit erneut beim Rat vorspreche? Werden die Anliegen derer, für die ich spreche, auch dann noch Gehör finden, wenn ich nicht mehr die Gemahlin Eures Obersten Zauberers bin?«

Sadlers Zunge schnellte zwischen seinen feuchten Lippen hervor. »Das ist kompliziert.«

Sie bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Für Euch vielleicht, aber nicht für mich.«

»Uns liegen zahlreiche Angelegenheiten vor«, versuchte Ratsherr Weston über das Thema hinwegzugehen.

»Unsere unmittelbare Sorge gilt der Suche nach einem Mann, der den Obersten Zauberer ersetzen kann«, sagte der Älteste Cadell. »Noch immer wütet der Krieg. Aydindril und sogar die Burg der Zauberer selbst könnten bald belagert werden. Diese Umstände erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit.«

»Zudem ist Alric Rahl soeben aus den Ländern D’Haras eingetroffen«, sagte Sadler. »Der Mann hat die Burg der Zauberer mit seinen nachdrücklichen Forderungen auf den Kopf gestellt. Er hatte gehofft, mit dem Obersten Zauberer Baraccus zusammenzutreffen, es ging um einige recht überraschende Forderungen und noch deutlich erstaunlichere Lösungen. Jetzt, da Euer Gemahl nicht mehr lebt, gibt es eine schier endlose Zahl von dringenden Problemen, derer es sich anzunehmen gilt.«

»Wie Ihr zweifellos einzusehen vermögt«, setzte Ratsherr Guymer, ganz am Ende der Reihe, hinzu, »gibt es jede Menge drängender Regierungsangelegenheiten, die derzeit unsere volle Aufmerksamkeit erfordern.«

»Aha.« Magdas Lächeln entbehrte jeden Humors, als sie die Männer nacheinander musterte. »Dringende Angelegenheiten, Staatsgeschäfte. Die großen Fragen von Kriegsführung und Herrschaft. Angesichts dieser Arbeit müsst Ihr alle schrecklich beschäftigt sein. Verstehe. Demnach seid Ihr also wegen eines dieser gewichtigen Probleme hier? Wegen Fragen über Krieg und Frieden?«

Durch die Bank wurden ihre Gesichter rot.

Langsam schritt Magda die Reihe der sechs ab. »Also, wie kann ich Euch bei diesen wichtigen Problemen helfen, die die ganze Aufmerksamkeit des Rats erfordern? Verratet mir doch bitte, was sind das für dringende Staatsgeschäfte, die Euch an diesem Tag zu mir führen, an ebenjenem Tag, da wir alle bereitgestanden und gebetet haben, die Gütigen Seelen mögen meinen verstorbenen Ehemann, unseren Anführer, unseren Obersten Zauberer in ihre sanften Arme schließen? Also, heraus mit der Sprache! Welch dringende Angelegenheit hält Euch von Eurer so überaus wichtigen Arbeit ab und führt Euch an diesem Tag zu mir?«

Die Mienen der sechs Männer verfinsterten sich. Sie mochten es nicht, wenn man sie verspottete. In diesem Augenblick jedoch war Magda das fast egal.

»Ihr wisst, weshalb wir hier sind«, sagte Cadell ohne besondere Betonung. »Es ist eine mindere Pflicht, und dennoch wichtig, unseren Respekt vor unserem Erbe aufzuzeigen. Es zeigt den Menschen, dass Tradition noch Bedeutung hat, selbst in diesen Zeiten und für jeden von uns, selbst wenn er ein hohes Amt bekleidet. Mitunter ist ein Zeremoniell wichtig für den Fortbestand des Zusammenhalts in der Gesellschaft.«

Mit seinen knochigen Fingern nestelte Ratsherr Cadell nervös am himmelblauen, auf die Ärmel seiner schwarzen Robe genähten Rangabzeichen. »Es demonstriert den Menschen, dass es Kontinuität in den uns überlieferten Sitten gibt, dass die Gebräuche unseres Volkes, die Praktiken, welche die Zivilisation als solche ausmachen, nach wie vor Gültigkeit haben und niemals aufgegeben werden.«

Einen Moment starrte Magda den Mann wütend an, dann drehte sie ihnen allen den Rücken zu und setzte sich auf den am Tisch stehenden Stuhl.

»Also gut, nur zu«, sagte sie schließlich in einem nichtssagenden Ton, bar jeder Lebendigkeit. »Vollzieht Euren so bedeutsamen Brauch. Und dann lasst mich in Frieden.«

Was spielte es noch für eine Rolle?

Ohne ein weiteres Wort holte einer der Männer ein blutrotes Band hervor und reichte es ihr über die Schulter. Einen Augenblick hielt Magda es in der Hand und betastete den seidigen Stoff mit den Fingern.

»Es ist ja nicht so, dass es uns Spaß machen würde«, sagte Cadell ruhig hinter ihrem Rücken. »Ich hoffe, Ihr könnt das verstehen.«

»Ihr seid eine achtbare Frau und dem Obersten Zauberer stets eine angemessene Ehefrau gewesen«, schwadronierte Sadler munter weiter, in dem offenkundigen Bemühen, sein unverkennbares Missbehagen zu überspielen. »Es handelt sich hier lediglich um die Aufrechterhaltung eines Brauches, der den Menschen ein Gefühl von Ordnung gibt. Aufgrund Eures hohen gesellschaftlichen Ranges als Gemahlin des Obersten Zauberers erwarten sie von uns, dem Zentralen Rat, dass wir uns dieser Sache annehmen. Eigentlich geschieht es aber eher ihretwegen, damit sie sehen, dass unsere Sitten Bestand haben – und somit auch wir, trotz dieser gefahrvollen Zeiten. Betrachtet es als Formalität, bei der Ihr eine tragende Rolle spielt.«

Magda hörte ihm kaum zu. Es war wirklich nicht weiter von Belang. Nichts von alledem. Eine innere Stimme flüsterte verheißungsvoll von liebevollen Umarmungen seitens der Gütigen Seelen, die sie jenseits des Schleiers des Lebens erwarteten. Und auch ihr Gemahl würde dort sein und auf sie warten. Die Einflüsterungen hatten etwas Beruhigendes, Verheißungsvolles.

Nur vage war sie sich ihrer Hände bewusst, als diese ihr langes Haar im Nacken rafften und mit dem Band dicht über ihrer Schädelbasis zusammenschnürten.

»So kurz nicht«, sagte Cadell. Sanft löste er ihre Finger und schob das Band nach unten, bis es unmittelbar unterhalb ihrer Schultern saß. »Ihr mögt vielleicht nicht von edler Geburt sein, gleichwohl habt Ihr Euch aus eigener Kraft als eine Frau von einigem Ansehen erwiesen. Davon abgesehen seid Ihr noch immer die Gemahlin des Obersten Zauberers.«

Steif und reglos saß Magda da, die Hände in ihrem Schoß verschränkt, als ein weiterer Mann den dicken Strang ihrer Haare mit einer rasiermesserscharfen Klinge unmittelbar oberhalb des Bandes durchtrennte.

Als das erledigt war, legte Cadell ihr den langen, unmittelbar unterhalb des frischen Schnitts mit dem roten Band zusammengebundenen Haarstrang in den Schoß.

»Es tut mir leid, Magda«, sagte er, »aufrichtig leid. Bitte glaubt mir, dass dies nichts an unseren Gefühlen für Euch ändert.«

Magda nahm den braunen Haarstrang in die Hand und betrachtete ihn. Das Haar bedeutete ihr eigentlich nichts. Wohl aber, dass sie danach beurteilt wurde, oder besser, nach seinem Nichtvorhandensein, anstatt danach, was sie aus sich gemacht hatte. Sie wusste, ohne das lange Haar besaß sie nicht mehr den gesellschaftlichen Rang, um vor dem Rat gehört zu werden.

So war das nun mal.

Am meisten jedoch machte ihr zu schaffen, dass diejenigen, deren Anliegen sie dem Rat vorgetragen hatte, nun über keine Stimme mehr verfügten, die für sie sprach. Mit anderen Worten: Nun gab es Geschöpfe, die ohne eine Fürsprecherin womöglich sterben würden, die es einfach nicht mehr geben würde.

Das war es, was das Abschneiden ihres Haars für sie bedeutete: dass sie den gesellschaftlichen Rang verlor, der es ihr erlaubte, denen zu helfen, die sie nicht nur respektieren, sondern lieben gelernt hatte.

Magda reichte dem Ältesten Cadell ihr abgeschnittenes Haar über die Schulter zurück. »Lasst es an einem Ort ausstellen, wo die Menschen es sehen können, damit sie wissen, dass die Ordnung wiederhergestellt und der Fortbestand von Tradition und Bräuchen gesichert ist.«

»Ganz wie Ihr wünscht, Lady Searus.«

Jetzt, da ihre Stellung in der Welt richtiggestellt war, ließen die sechs Ratsmitglieder sie endlich allein mit ihren trübsinnigen Gedanken – und in der düsteren Kammer zurück.

5

Warme Sommerluft stieg an der hoch aufragenden Außenmauer der Burg empor, wehte über die Wallanlage hinweg, zauste Magdas jetzt viel kürzeres Haar und blies ihr ein paar Strähnen ins Gesicht. Während sie die Befestigungsanlage entlangging, langte sie nach oben und strich sich das Haar zurück. Seltsam fühlte sich das an, fremd, jetzt, da es nur noch knapp ihre Schultern streifte, statt bis ganz zum Ende ihres Rückens hinabzureichen.

Viele, vor allem Frauen, achteten sehr genau auf die Haarlänge einer Frau, denn diese war ein, wenn auch nicht immer untrügliches, aber doch einigermaßen korrektes, Zeichen für ihren jeweiligen gesellschaftlichen Rang – und somit ihr Ansehen. Sich bei der richtigen Person anzubiedern konnte von Vorteil sein, wie es einen andererseits in Schwierigkeiten bringen konnte, die falsche zu verärgern. Die Haarlänge war da ein wertvolles Indiz.

Als Gemahlin des Obersten Zauberers trug sie das Haar länger als die meisten Frauen. Das bedeutete auch, dass viele Frauen mit kürzerem Haar sich nicht selten bei ihr einschmeichelten. Magda hatte diese Schöntuerei nie sonderlich ernst genommen, sich aber bemüht, gnädig darüber hinwegzusehen. Sie wusste, nicht ihre Person war es, sondern ihre Stellung, welche das Interesse der meisten weckte.

Für Magda, die nicht von edler Geburt war, hatte das lange Haar nichts weiter bedeutet als ein Mittel, das ihr so manche Tür geöffnet, ihr ein Publikum und in den ihr wichtigen Dingen Gehör verschafft hatte. Sie hatte Baraccus gemocht, nicht den Umstand, dass sie allein aufgrund ihrer Ehe mit ihm die Erlaubnis hatte, ihr Haar wachsen zu lassen. Und auch wenn sie mit der Zeit fand, es stehe ihr gut, so maß sie Dingen, die sie sich nicht verdient hatte, keinen Wert bei.

Dann war ihr langes Haar – in dem einen Jahr, da Baraccus sie umworben hatte, und den zweien, die sie mit ihm verheiratet gewesen war – zu einem Teil ihres Lebens geworden, sodass sie dachte, sie würde es vielleicht vermissen.

Doch dem war nicht so. Sie vermisste nur ihn.

Ihre prächtige Hochzeit mit Baraccus schien schon eine Ewigkeit zurückzuliegen. Sie war so jung gewesen … Vermutlich war sie es noch immer.

Jetzt, da sie ihr langes Haar wieder los war, kam es ihr ein wenig so vor, als wäre ihr in mehr als einer Hinsicht eine Last von den Schultern genommen worden. Sie war nicht länger verpflichtet, den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Sie war wieder ihr eigenes, wahres Selbst und keine von einem aufgesetzten Wertmerkmal bestimmte Person.

In gewissem Maß fühlte sie sich von ihrer gesellschaftlichen Stellung befreit, von dem Zwang, sich ihrem Rang gemäß zu verhalten, so wie andere diesen wahrnahmen. Jetzt bekleidete sie weder Rang noch Stellung, war sie in gewisser Weise von dem Gefängnis ihrer gesellschaftlichen Position befreit. Doch all dies war jetzt bedeutungslos – aus Gründen, die weit wichtiger waren als die Länge ihres Haars.

Baraccus hatte ihr zu einem neuen Leben verholfen – aufgrund ihrer gegenseitigen Bedeutung füreinander. Ohne ihn hatte sie kein Leben. Ihr gesellschaftlicher Rang spielte in dieser Gleichung keine Rolle.

Als sie an der richtigen Stelle angelangt war, jener Stelle, die sich für alle Zeiten in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte, kletterte Magda in die Öffnung in der massiven, mit Zinnen versehenen äußeren Burgmauer. Vorsichtig wagte sie sich vor bis an den Rand. Vor den Spitzen ihrer unter ihren Röcken hervorlugenden Stiefel ragte das dunkle Mauerwerk der Burgmauer Tausende von Fuß in die Tiefe. Und unterhalb des Burgfundaments fiel die Felswand noch viel weiter ab, bis hinab auf die darunterliegenden Vorsprünge und Geröllblöcke. Unter ihr wehten zarte Wolkenbäusche an den Felsenhängen vorbei. Es war ein beklemmendes Gefühl, an diesem schwindelerregenden Ort zu stehen.

Hier, auf dem obersten Rand der hoch aufragenden Burgmauer, kam Magda sich klein und unbedeutend vor. Mitunter blies ein so kräftiger Wind, dass er sie von ihrem Ausguck zu reißen drohte. In ihrer Fantasie sah sie sich bereits fortgetragen wie ein Blatt im Wind.

Tief unten erstreckte sich die wunderschöne Stadt Aydindril. Grüne Felder umsäumten die Stadt, dahinter schlossen sich dichte Wälder an. Auf ihrem Standort hoch droben auf dem Berg hielt die gigantische Burg der Zauberer Wache über die Mutterstadt, die schillerte wie ein in diesen grünen Teppich eingelassenes Juwel.

Magda konnte Wagen und Pferde führende Männer erkennen, die sich auf dem Rückweg von der Feldarbeit befanden. Aus Schornsteinen überall im Tal stieg Rauch auf, jetzt, da die Frauen die Abendmahlzeit für ihre Familien zubereiteten. Träge schoben sich Menschenmengen durch das verschlungene Straßennetz, um Märkte und Geschäfte aufzusuchen oder ihrer Arbeit nachzugehen.

Und obwohl sie das allgemeine Treiben sehen konnte, war von den Hufen der Pferde, dem Poltern der Wagen, den Rufen der Straßenverkäufer nichts zu hören. Aus dieser Entfernung war es, bis auf die Schreie der droben am Himmel ihre Kreise ziehenden Vögel und das Rauschen des Windes über den Befestigungswällen und um die Türme, still in der Welt hoch droben auf der Burg.

In ihrer Fantasie hatte sich Magda die Burg stets und vor allem stumm vorgestellt. Obwohl Hunderte Menschen in der gewaltigen steinernen Festung lebten und arbeiteten, ihrem Leben nachgingen, Familien gründeten, geboren wurden, dort ihr ganzes Leben verbrachten und starben, wohnte die Burg selbst alldem in grüblerischem Schweigen bei. In stoischer Gleichmut wachte ihre düstere Präsenz über das Kommen und Gehen der Jahrhunderte sowie der Menschenleben.

So hatten die massiven Festungsmauern, auf denen sie jetzt stand, mitangesehen, wie das Leben ihres Gemahls sein Ende fand. Genau hier, an dieser Stelle, hatte er in den letzten kostbaren Augenblicken seines Lebens gestanden.

Flüchtig kam ihr der Gedanke, dass sie ihm gar nicht nachfolgen wollte, doch dann wurden diese Selbstzweifel überlagert von den Einflüsterungen in ihrem Hinterkopf. Was blieb ihr denn sonst übrig?

Magda ließ den Blick über die zu ihren Füßen ausgebreitete Welt schweifen, wohl wissend, dass er genau diesen Anblick vor Augen gehabt hatte, als er an genau diesem Flecken stand. Sie versuchte, sich die Gedanken vorzustellen, mit denen er in den letzten Augenblicken seines Lebens gerungen hatte.

Und fragte sich, ob er in diesen letzten Momenten wohl an sie gedacht hatte, oder ob irgendeine schreckliche, vermeintlich wichtigere Angelegenheit ihm selbst das genommen hatte.

Ganz bestimmt musste er traurig gewesen sein, da war sie sich sicher, womöglich gar todunglücklich, dass er sie nun gleich verlassen, dass sein Leben in Kürze beendet sein würde. Höllenqualen musste er durchlitten haben.

Baraccus hatte das Leben geliebt. Es war für sie unvorstellbar, dass er sich ohne einleuchtenden Grund das Leben genommen hatte.

Und doch hatte er es getan. Das war alles, was im Augenblick zählte. Alles hatte sich verändert, unwiederbringlich.

Ihre gesamte Welt hatte sich verändert.

War zusammengebrochen.

Zugleich verspürte sie so etwas wie Scham, dass sie sich so engstirnig auf ihre eigene Welt beschränkte, auf ihr Leben, ihren Verlust. Angesichts des tobenden Krieges war die Welt für viele zusammengebrochen. Noch immer harrten die Frauen jener Männer, die Baraccus zum Tempel der Winde entsandt hatte, in stummem Elend und voller Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Lieben. Sie wusste, dazu würde es nie kommen. Auch das hatte ihr Baraccus anvertraut. Und doch klammerten sie sich noch immer an die Hoffnung, dass für diese Männer eine Möglichkeit zur Rückkehr bestand. Andere Frauen, die Ehefrauen von Männern, die in den Krieg gezogen waren, wehklagten, wenn sie die schreckliche Nachricht erhielten, dass ihre Männer nicht zurückkehren würden. Nicht selten hallten in den Fluren der Burg der Zauberer die verzweifelten Schreie der zurückgebliebenen Frauen und Kinder wider.

Wie Baraccus, so war auch Magda dieser Krieg und der entsetzliche Blutzoll verhasst, den er von allen forderte. Viele hatten bereits ihr Leben verloren, viele würden dies noch tun. Und noch immer war kein Ende in Sicht.

Ja, so viele andere Frauen hatten ebenfalls ihre Ehemänner, ihre Väter, Brüder und Söhne verloren; sie war mit ihrem Leid wahrlich nicht allein. Und doch spürte sie die schwere Last der Scham, weil sie sich in Selbstmitleid erging, wo so viele andere doch dieselben Qualen durchlitten.

Trotzdem konnte sie nicht anders, die Einflüsterungen ihres Kummers erdrückten sie.

Gleichzeitig empfand sie ein tiefes Schuldgefühl gegenüber denen, die zu verlassen sie im Begriff war. Sie hatte Menschen vor dem Rat eine Stimme gegeben, die selbst keine besaßen – war im Laufe der vergangenen wenigen Jahre nach und nach zum Gewissen des Rats geworden, das diesen immer wieder an seine Pflicht gemahnte, jene zu beschützen, die sich nicht selbst schützen konnten. Die Irrlichter zum Beispiel, die sie erst wenige Tage zuvor beobachtet hatte, waren auf die Fürsprache anderer angewiesen, darauf, dass man sie in Ruhe ließ, damit ihre so zerbrechliche Existenz nicht gänzlich erlosch.

Ohne ihre Stellung jedoch konnte sie nicht länger diese Stimme sein. Es war nicht richtig, dass sie durch die Ehe mit einem Mann von Stand selbst auch in diesen Stand erhoben wurde, aber so funktionierte die Welt nun mal.

Dann fiel ihr ein, dass sie möglicherweise auch ein wenig Verständigung zwischen den Völkern, den unterschiedlichen Stämmen und Gemeinschaften hatte bewirken können und dadurch in geringem Maße dazu beigetragen hatte, dass sie alle sich als Teil der Midlands insgesamt empfanden.

Mit seinem Freitod jedoch hatte ihr Gemahl sie auch unwiderruflich ihrer Stimme vor dem Rat beraubt.

Ihr Leben diente nicht länger einem noblen Zweck, außer für sie selbst.

Und in diesem Augenblick hatte ihr eigenes Leben für sie nur noch eine Bedeutung: unerträgliche Qualen, ohne dass ein Ende in Sicht gewesen wäre. Sie hatte das Gefühl, von einer tosenden Flut aus Kummer erfasst zu werden.

Und wollte nichts weiter, als dass diese verzweifelten Qualen endeten.

Die Einflüsterungen in ihrem Innern drängten sie, ihrem Elend ein Ende zu machen.

6

Wie sie so über den Rand der Burgmauer in den beängstigenden Abgrund hinabstarrte – wie gesagt, einen Abhang von Tausenden Fuß –, bemerkte Magda plötzlich, dass die in den Himmel ragende Mauer in diesem Teil der Burg nicht vollkommen senkrecht verlief, sondern dort, wo sie nach unten zum in die felsige Flanke des Berges eingelassenen Burgfundament abfiel, tatsächlich leicht nach außen vorsprang. Ihr wurde klar, dass sie bei ihrem Sprung einen gewissen Abstand zur Mauer gewinnen musste, um sicherzustellen, dass sie den weniger steil abgeschrägten Unterrand der Burgmauer vermied. Ansonsten würde es ein grauenvoller Sturz.

Der Gedanke an einen sich in die Länge ziehenden, unkontrollierten Sturz, bei dem sie wieder und wieder gegen die angeschrägte Mauer prallen und sich noch vor dem Aufschlag sämtliche Knochen brechen würde, ließ ihre Muskeln verkrampfen. Die Vorstellung behagte ihr ganz und gar nicht. Sie wollte ein rasches Ende.

Die Hände auf die steinerne Umwallung zu beiden Seiten der Einkerbung gestützt, beugte sie sich weiter vor, um besser sehen zu können. Auch sah sie sich nach hinten und zu den Seiten um, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war. Wie schon ihr Gemahl so musste auch sie nicht groß befürchten, dass jemand sie aufzuhalten versuchte. Dieser spezielle Abschnitt der Burgmauer führte zur Enklave des Obersten Zauberers, was ihn zu einem einsamen, abgelegenen Bereich der Burg der Zauberer machte. Die Wachen hinten bei den Zugangstreppen, die sich hier spiralförmig von unten heraufschraubten, kannten Magda und hatten ihr ihr aufrichtiges Beileid ausgesprochen. Und weil sie sie so gut kannten, hatten sie auch gar nicht erst versucht, sie daran zu hindern, bis nach ganz oben zu steigen.

Magda spähte den Berg hinab und versuchte abzuschätzen, wie viel Abstand zur Mauer sie beim Sprung gewinnen müsste, um auf dem Weg nach unten nicht gegen die Mauer zu prallen. Sie wollte, dass es vorbei wäre, ehe sie Zeit hätte, die Schmerzen zu spüren. Die Einflüsterungen verhießen ihr, wenn sie nur weit genug hinausspränge, würde sie bis zum Aufprall auf den Felsen am Grund – wo alles in einem einzigen Augenblick enden würde – frei fallen.

Sie hoffte, dass Baraccus dies ebenfalls gelungen war und er nicht gelitten hatte.

Und doch musste er auf seinem Weg bis ganz nach unten ein anderes Leid verspürt haben: das Leid, zu wissen, dass er aus dem Leben schied und sie verließ. Ihr wurde klar, dass sie diesen letzten Schrecken, das Leben endgültig hinter sich zu lassen, ebenfalls würde ertragen müssen.

Wie auch immer – das Ende würde rasch genug kommen, und dann hoffte sie in den beschützenden Armen der Gütigen Seelen zu liegen. Vielleicht würde sie dann sogar wieder Baraccus’ Lächeln sehen. Sie hoffte nur, er würde ihr nicht zürnen.

Sie jedenfalls war nicht böse auf ihn, weil er seinem Leben ein Ende gesetzt hatte – sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er für seine Tat einen triftigen Grund gehabt haben musste. Sehr viele Menschen hatten sich im Krieg für das Leben anderer aufgeopfert. Diese Opfer waren aus Nächstenliebe erfolgt, und ganz ohne Zweifel hätte auch Baraccus sein Leben nur für einen ebenso gewichtigen Grund geopfert. Wie konnte sie deswegen böse auf ihn sein? Nein, es gelang ihr nicht, einen Groll gegen ihn zu verspüren.

Das Einzige, was sie spürte, war überwältigende Traurigkeit.

Magda packte die vorderen Ecken des rauen Gesteins zu beiden Seiten. Obwohl die Sonne bereits unterging, war der Stein noch immer erstaunlich warm. Und obwohl die Zinnen für ihre Körpergröße ziemlich weit auseinanderstanden, würden sie ihr beim Abstoßen durchaus nützlich sein.

Nicht weit entfernt, genau vor ihr, stand im Aufwind ein Rabe mitten in der Luft, das glänzend schwarze Gefieder vom Wind gezaust, während er sie aus seinen schwarzen Augen bei ihrer Absprungvorbereitung beobachtete.

Magda ging in die Knie und machte sich bereit, sich mit maximalem Schwung von der Mauer abzustoßen. In ihrem benommenen Zustand war ihr, als würde sie sich selbst nur beobachten. Die Einflüsterungen trieben sie an.

Pochenden Herzens holte Magda tief Luft, ging noch ein wenig tiefer in die Hocke und begann, vor- und zurückzuwippen, mit jedem Schwung ein wenig weiter über den Mauerrand hinweg, dem Sturz in die Tiefe, der sie von ihrem Schmerz erlösen würde, immer näher kommend, und holte Schwung für den letzten, mächtigen Stoß.

In einem sich dehnenden Moment des Zweifels vernahm sie in ihrem Innern eine Stimme, jetzt nur nicht nachzudenken, sondern es einfach zu tun.

Als sie sich mit dem letzten Wippen vor dem großen Sprung nach vorn zwischen die Mauerzinnen schob, erkannte sie in einem einzigen Moment kristalliner Klarheit die Ungeheuerlichkeit dessen, was sie tat.

Sie war im Begriff, ihrem Leben ein Ende zu machen, für immer und für alle Zeiten. Alles, was sie ausmachte, würde nicht mehr sein.

Die Stimme wurde hartnäckiger, beschwor sie, nicht nachzudenken, befahl ihr, ihrem Elend ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Plötzlich kam ihr der Gedanke, wie befremdend das klang. Wie sollte das gehen: nicht denken? Denken war für jede wichtige Entscheidung von ausschlaggebender Bedeutung.

Die Erkenntnis überkam sie wie ein eiskalter Guss. Den Einflüsterungen zum Trotz erkannte sie, welch ungeheuer entsetzlichen Fehler sie im Begriff war zu machen.

Es war, als wäre sie, seit sie vom Tod ihres Gemahls erfahren hatte, von einem tosenden Gefühlsstrom mitgerissen worden, angetrieben von einer inneren Stimme, die sie zu dem Einzigen drängte, was ihrer Qual ein Ende machen konnte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie diesen Gedanken gar nicht zu Ende gedacht hatte, dass sie sich einfach hatte fortreißen lassen – bis zu dem Punkt, an dem sie sich jetzt befand.

Was sie hier tat, war keine Aufopferung aus Liebe. Sie würde ihr Leben nicht gegen etwas eintauschen, an das sie glaubte, es für etwas Wertvolles aufopfern, so wie es Baraccus getan hatte. Stattdessen war sie im Begriff, es einfach wegzuwerfen, für nichts. Sie war im Begriff, ihrer eigenen Schwäche nachzugeben, weiter nichts.

Sie war im Begriff, alles, woran sie glaubte, für das sie gekämpft hatte, gedankenlos von sich zu weisen. Wie viele Male war sie vor den Rat hingetreten, um sich für das Leben derer einzusetzen, die nicht für sich selbst zu sprechen vermochten? Wie oft war sie für die Bedeutung ihrer Existenz eingetreten, hatte sie für den Wert ihrer Existenz gestritten?

War die ihre nicht ebenso wichtig? Sollte ihr Leben so achtlos, so ohne jeden Sinn und Verstand fortgeworfen werden? Müsste sie nicht ebenso für ihr Recht auf Leben kämpfen, wie sie es für andere getan hatte?

Sie musste daran denken, wie sie Tilly erklärt hatte, dass jedes Leben wertvoll sei. Dies war das einzige, das sie hatte, und es war ihr wertvoll, trotz ihrer erdrückenden Seelenqualen. In ihrem Kummer hatte sie das völlig aus dem Blick verloren.

So als lichtete sich ein undurchdringlicher Nebel rings um sie her, erkannte sie auf einmal, dass Dinge geschahen, die keinen rechten Sinn ergaben. Hinter den Geschehnissen der letzten Zeit musste mehr stecken, als sie zu sehen vermochte. Wieso hatte Baraccus sich umgebracht? Was mochte er damit bezweckt haben? Wen wollte er decken? Gegen was hatte er sein Leben eingetauscht?

Auf einmal bereute sie den Gedanken, sterben zu wollen, bereute sie es, hier oben auf der Burgmauer zu stehen. Tatsächlich schien es ihr jetzt, als wäre sie wie im Traum an diesen Ort gelangt.

So verletzt sie auch war, sie verspürte auf einmal Lebenswillen.

Doch längst hatte sie viel zu viel Schwung, um noch innehalten zu können, längst kippte sie hinaus ins Leere.