WahrheitsDiebe - Andreas Neßlinger - E-Book
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Andreas Neßlinger

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Beschreibung

Der junge Student Elias recherchiert für seine Magisterarbeit. Er schreibt über den Kunstraub im Russlandfeldzug, als er Hinweise auf ein verschollenes Register findet. Durch unbändige Neugier getrieben, begibt er sich auf eine gefährliche Suche, die für ihn beinah tödlich endet. Er ist bereit aufzugeben. Doch mit seinen Nachforschungen setzt er ungewollt ein Netz aus Ereignissen in Gang. Er gerät in den Fokus eines einflussreichen und skrupellosen alten Mannes, dessen Vergangenheit an das Register gebunden ist. Verdrängten Wahrheiten auf der Spur, erhält Elias unerwartet Unterstützung. Kann er sich mit ihrer Hilfe behaupten?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buchbeschreibung

Der junge Student Elias recherchiert für seine Magisterarbeit. Er schreibt über den Kunstraub im Russlandfeldzug, als er Hinweise auf ein verschollenes Register findet. Durch unbändige Neugier getrieben, begibt er sich auf eine gefährliche Suche, die für ihn beinah tödlich endet. Er ist bereit aufzugeben. Doch mit seinen Nachforschungen setzt er ungewollt ein Netz aus Ereignissen in Gang. Er gerät in den Fokus eines einflussreichen und skrupellosen, alten Mannes, dessen Vergangenheit an das Register gebunden ist. Verdrängten Wahrheiten auf der Spur, erhält Elias unerwartet Unterstützung. Kann er sich mit ihrer Hilfe behaupten?

Über den Autor

Andreas Neßlinger, Jahrgang 1978, stammt aus der Oberlausitz in Sachsen. Er studierte Literaturwissenschaft und Geschichte. Neßlinger lebt und arbeitet in Berlin.

Besuchen Sie uns im Internet:www.nesslinger.infowww.wahrheitsdiebe.de

Ungekürzte Ausgabe als E-Book

1. Auflage Februar 2021

© Deutsche Ausgabe: NEßLINGER, Berlin 2021 © 2021 Andreas Neßlinger

Covergestaltung: NEßLINGER, Berlin

Satz: NEßLINGER, Berlin

Lektorat: René Wihan

Korrektorat: Eva Finkenstädt

E-Book: NEßLINGER, Berlin 2021

ISBN: 978-3-00-067865-3

Hinweis zu Urheberrechten: Alle Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer oder die Käuferin erwirbt eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf einem eigenen Endgerät. Die unautorisierte Vervielfältigung, Weiterverbreitung oder öffentliche Wiedergabe sind ausdrücklich untersagt. Zuwiderhandlungen können zivil- und/oder strafrechtlich verfolgt werden.

1. Grenzgang

Meine Schritte hallten durch die engen Gänge. Ich war getrieben von Angst. Wut, Verzweiflung und das Wissen über mein mögliches Versagen waren die Motivation, die mich am Leben hielt. Kein Licht und keine frische Luft, die meine ermüdeten Lungen füllen konnte. Noch immer kein anderes Geräusch, nur der dumpfe Hall meiner schwachen Schritte und des trockenen Hustens. Ich sackte zu Boden. Mein Körper krampfte. Ich zitterte. Kniend kämpfte ich um Halt, doch meine Kräfte waren aufgebraucht. Zu lang irrte ich in den Höhlen umher.

Ich konnte nicht mehr klar denken. Meine Zunge klebte am trockenen Gaumen. Mein Oberkörper kippte nach vorn über und der Kopf schlug hart auf dem Boden auf. Die Wände gaben den dumpfen Aufschlag wieder. Mein Ende, dachte ich.

Als ich meinen Oberkörper bewegte, durchstach mich ein unerträglicher Schmerz. Mit aller Verzweiflung krallte ich die Finger in den steinigen und sandigen Untergrund. Ich keuchte und biss die Zähne zusammen, schob mich vorwärts.

Meine Finger waren fast taub. Mein Kopf dröhnte. Unter Tränen richtete ich mich auf und lehnte meinen Oberkörper an die Felswand. Die trockene Luft der Höhle erschwerte das Atmen. Ich hatte Durst, aber den letzten Tropfen Wasser aufgebraucht. Vor meinen Augen tanzten glitzernde Sterne auf und ab.

Ich irrte etwa vier Tage in der Höhle umher. Am ersten Tag war ich gestürzt. Die Stirnlampe hatte es erwischt. Danach nutzte ich die LED-Lampe meines Handys. Aber der Akku reichte nur für einen halben Tag. Etwa eine dreiviertel Stunde nachdem die Taschenlampe erloschen war, hatten sich die Augen an die Umgebung gewöhnt. Aber da war nichts – kein Licht, nur absolute Dunkelheit. Die Schmerzen waren unerträglich, doch die Verzweiflung wog schwerer. Ich hatte fest daran geglaubt, das Geheimnis zu lüften. Aber mein Professor hatte angekündigt, dass die Unternehmung eine Nummer zu groß für mich wäre. Er war sogar der Auffassung, dass mich mein detektivischer Spürsinn ins Grab bringen würde. Selbstverliebt folgte ich der Spur. Sie roch abenteuerlich.

Mein Atem war schwach. Die stickige Luft und die Hitze machten mir zu schaffen. Die Lunge brannte. Bilder flimmerten unscheinbar vor meinen Augen. Ich hörte ein leises Geräusch und hob den Kopf – Kratzgeräusche. Das ist unmöglich, dachte ich. Die Gänge lagen einige Meter unter der Oberfläche. Niemand konnte sich da durchgegraben haben. Das Geräusch verstummte und ich schlief vor Erschöpfung ein. Als ich aufwachte, hatten die Schmerzen ein wenig nachgelassen, aber der Durst brannte wie Feuer. Mit lautem Stöhnen kroch ich vorwärts. Ich traute mich nicht, aufzustehen. Mein Körper war zu schwach und mir war schwindelig. Ich wollte vermeiden, dass ich erneut stürzte.

So verharrte ich einige Stunden. Schleppte mich immer wieder ein Stück vorwärts. Tastete im Dunkeln die Höhlenwände ab. Ich suchte nach einem Hinweis, der mir den Ausgang zeigen würde – ohne Erfolg.

So verging die Zeit. Die Luft war heiß, die Wände scharfkantig. Es blieb das Geräusch. Es war eine Art Kratzen oder leises Klopfen. Immer wieder rutschte ich ein Stück vorwärts, zog meinen müden Körper hinter mir her. Dann spürte ich, dass die Felswand am Boden feucht zu werden schien. Ich versuchte mich vollkommen auf dieses Gefühl zu konzentrieren. Immer wieder tastete ich die Stelle ab, an der ich Feuchtigkeit vermutete. Motiviert kroch ich weiter. Es wurde feuchter.

Auf einmal stieg Kälte von den Fingerspitzen der linken Hand aufwärts. Jetzt ließ sich das Geräusch deutlich zuordnen. Es klang wie der Wasserhahn in meiner Wohnung. Er tropfte. Kleine Wassertropfen zersprangen am Boden des leeren Spülbeckens. Im Alltag ein dumpfes und nerviges Geräusch.

In der Dunkelheit erkannte ich nichts. Seit zwei Tagen hatte ich nur die Trockenheit eingeatmet und getastet. Ich führte die Hand zum Mund. Meine Zähne knirschten vom nassen Sand. Es war Wasser. Aufgeregt tastete ich meine Umgebung ab. An der Wand spürte ich jetzt ein Rinnsal. Ich rutschte näher und ignorierte jeden Schmerz. Ich bildete zitternd eine hohle Hand. Das kalte Wasser kroch an der Handinnenseite hinauf. Mit höchster Gier führte ich das flüssige Gold an meinen Mund. Die Zeit kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich das erfrischende Nass auf den trockenen Lippen spürte. Ich keuchte und mein gepresstes Lachen huschte durch die Gänge, dann tauchte ich die Zunge ein und spürte, wie das kühle Nass meinen Körper belebte.

Nach einigen Schlucken nahm ich die leere und verstaubte Wasserflasche aus dem Rucksack. Ich hielt sie an die Felswand und wartete ungeduldig. Dann trank ich gierig und schüttete mir das Wasser über meinen schmerzenden Kopf. Wie benommen genoss ich dieses Gefühl. Ich lehnte mit einem befreienden Stöhnen den schmerzenden Rücken an die Wand. Das kalte Wasser durchtränkte im gleichen Augenblick das verschwitzte Hemd und betäubte für einen Moment die Schmerzen. Einige Zeit saß ich da und konnte endlich klare Gedanken fassen.

Der Weg des Wassers ist des Rätsels Lösung, schoss es mir durch den Kopf. Mit etwas Glück floss es in die Freiheit.

Ich ballte die Fäuste. Die Spur aus Wasser wies mir den Weg nach draußen. Raus aus diesen Höhlen. Ich folgte der Wasserfährte.

Mein Knie war blutig. Ich bemerkte spitze Steine und scharfe Kanten erst, als ich mir die Hand an ihnen aufschnitt. Die Kälte des Bergwassers kühlte meinen Körper. Nur mit Mühe bewegte ich die steifen Glieder.

Ich fror, doch die Freude über die Situation war grenzenlos. In einigen Metern Entfernung erkannte ich schemenhaft den Fels. Licht drang in den Tunnel! Ich versuchte aufzustehen. Der Untergrund war zu erkennen. In gebückter Haltung kam ich schneller voran. Nach kurzer Zeit sah ich in 50 Metern Entfernung ein helles, gleißendes Licht. Ich lief weiter. Der anfangs kleine Lichtfleck wurde schnell größer.

Ich blinzelte in die Sonne. Das grelle Licht schmerzte. Ich richtete mich auf und schwankte aus dem Höhlenausgang. Entkräftet lehnte ich mich an einen Baum, der nur wenige Meter vor dem Eingang der Höhle schon an die hundert Jahre stehen mochte. Ich hatte es endlich geschafft.

Minutenlang starrte ich auf die Berggruppen im Westen. In nördlicher Richtung erstreckte sich der große See, der an die Berghänge anschloss. An diesem See hatte ich vor einigen Tagen mein Nachtlager aufgeschlagen. Dort lag meine restliche Ausrüstung. Mit leichtem Gepäck hatte ich mich auf die Suche gemacht. Ich hatte nur einen kleinen Vorrat an Essen bei mir. Die felsige Landschaft ließ mich schnell dafür büßen. Ich war mir so sicher, unterschätzte aber die Gefahr und das Unbekannte. Dafür zahlte ich beinah mit meinem Leben.

Bevor ich aufbrach, musste ich meine schmerzenden Gelenke zur Ruhe kommen lassen und die Wunden versorgen. Der Herweg hatte knapp drei Stunden in Anspruch genommen. Jetzt war ich auf der anderen Seite des Berges und hatte die Sonne im Gesicht. Geschunden lag ich unter dem Baum. Der Hunger schmerzte. Die Sonne senkte sich und die Nacht brach herein.

Vertraute und markante Felsformationen zeigten mir an, dass ich in richtiger Richtung unterwegs war. Der Himmel klarte auf und eine frische Brise streichelte mein Gesicht. Ich bekam Gänsehaut. Der Augenblick war einzigartig. Am Waldrand stehend, blickte ich über den See. Es war eine beeindruckende Aussicht.

Etwas wackelig auf den Beinen lief ich zwischen den Bäumen am See entlang, bis ich auf die Lagerstätte traf, die ich vor mehreren Tagen verlassen hatte. Hastig hob ich die Zweige über dem Versteck an. Zelt, Rucksack und Fotoausrüstung – alles war da.

Ich nahm den Rucksack und konnte es kaum erwarten, die Dosen zu öffnen. Gierig verschlang ich den Inhalt – ein ungewohntes Gefühl. Nach einer Viertelstunde war mein Hunger befriedigt und ich schlief ermattet ein.

Ich erwachte erst am Mittag des nächsten Tages. Mit zittriger Hand holte ich eine Landkarte aus der Tasche. Das letzte Dorf, durch das ich gekommen war, lag nur einige Kilometer nördlich von hier, direkt am See.

Geschwind verstaute ich die Ausrüstung in meinem Armeerucksack, den mir ein Freund vor Jahren geschenkt hatte. Ich schaute mich ein letztes Mal um, bevor ich das Lager verließ.

Der Weg zum Dorf war bald zurückgelegt. Es war kühl und klar. Ich kam zügig voran. Nach zwei Stunden erreichte ich den Berghang, von dem aus es nicht mehr weit war. Ich stand am Hang und genoss den Augenblick, als ich das Dorf, eingebettet zwischen den Bergen, sah. Zarte Sonnenstrahlen malten es in Farbe und Kontrast neu. Der Wind hatte sich gelegt und der Rauch aus den Schornsteinen stieg kerzengerade in den Himmel. Es schien so, als wäre es an Fäden aufgehängt und ein Puppenspieler lenkte das Geschehen. Im Hintergrund senkte sich allmählich die Sonne. Die Wolken hüllten alles in einen orangefarbenen Schleier und kündigten das Ende des Tages an. Das Abendrot wich aus dem Tal und gab es für die Schatten und die Dunkelheit frei. Ich beobachtete dieses Schauspiel und lief weiter Richtung Dorf. Ich musste eine Unterkunft finden.

 

Das Wirtshaus war klein und stammte aus der Zarenzeit. Über dem Türbogen waren kyrillische Buchstaben eingeritzt. Eine gefühlte Ewigkeit hatte der Fußmarsch gedauert.

Erschöpft klopfte ich an die Tür. Ein alter Mann öffnete. »Was wollen Sie? Wer sind Sie?«, fragte er bestimmt.

»Haben Sie etwas Warmes zum Essen und eine Übernachtungsmöglichkeit? Ich habe mich in den Bergen verirrt. Mehrere Tage war ich unterwegs.« Regungslos schaute mich der alte Mann an.

»Was wollten Sie dort draußen?«, fragte er.

Seine Blicke durchbohrten mich. Seine dunklen Augen saßen tief im Schädel. Die Haut zeugte von einem harten Leben. Wenn er sprach, verbargen seine vertrockneten Lippen nur mühsam die braunen Zähne. Die Neugier des alten Mannes war größer als die Ablehnung gegenüber einem Fremden.

So ließ er mich mit der Frage ein: »Deutscher?« Während ich bejahte, raunte er einige Worte in seinen Bart. »Setzen! Brot und kaltes Fleisch. Mehr nicht.« Ich nickte, ohne ein Wort zu sagen. Wenig später stellte die Wirtin das Essen auf den Tisch. »Es ist warm«, sagte sie lächelnd und gab mir einen Krug mit Bier dazu.

»Was verschlägt Sie in diese Gegend?«, fragte sie.

»Ich fotografiere alte Kriegsschauplätze und schreibe über die deutsch-russischen Kampfhandlungen während des Zweiten Weltkrieges. Dokumentiere alles. Dafür habe ich ein Stipendium. Ein russisches Institut unterstützt mich. Vor ein paar Tagen dann, na Sie wissen schon. Das Gewitter. Hat mich überrascht. Ich habe mich dann zu weit in die Höhlen gewagt«, seufzte ich und verschlang einen Bissen. »Das war falsch. Ich hatte keine Ahnung, was mich da erwartet«, sagte ich mit vollem Mund. »Bin etwas voreilig aufgebrochen. Habe mich nicht gerade gründlich auf die Unternehmung vorbereitet. Also, ich meine damit die Gegebenheit vor Ort.« Kurz hielt ich inne und schluckte das Essen herunter. »Deshalb bin ich nur mit Mühe und einer Portion Glück aus den Höhlen rausgekommen«, nickte ich etwas verlegen.

»Ein starkes Gewitter?«, sie lächelte. »Und Glück? Ja, tatsächlich. Sie hatten Glück. Die Höhlen sind schon seit Jahren nicht mehr sicher. Der See, Sie verstehen?«

»Sind wohl dem Wasser gefolgt?«, raunte der Wirt.

Nickend drehte ich meinen Kopf in Richtung des Hausherrn.

»Sehn auch ziemlich ausgemergelt aus. Hats ja ganz schön erwischt. Ist schon einigen so gegangen. In den letzten Jahren nicht mehr so oft. Aber früher. Ist jedes Jahr einer umgekommen.«

Nach kurzer Stille fragte mich die Wirtin: »Kann ich ein paar Fotos sehen? Heutzutage ist so etwas doch möglich, also die Bilder gleich zu sehen, meine ich.«

»Ja, möglich schon, aber die Akkus meiner Kamera sind leer.«

»Dann vielleicht morgen?«, lächelte sie mich fragend an.

»Aber gern. Kennen Sie sich mit den neuen Kameras aus?«, fragte ich neugierig. Immerhin war die Wirtin über 80 Jahre alt.

»Ja, ich war Kriegsberichterstatterin und ich fotografiere immer noch gern«, sagte sie. »Ein Kriegsschauplatz war diese Gegend aber nicht.« Sie schüttelte mit dem Kopf. »Es sollte mich wundern, wenn Sie etwas Brauchbares vor die Linse bekommen haben. Schlechte Recherche, was?«

»Nein, das glaube ich nicht, aber wie gesagt, ich bin überstürzt aufgebrochen.«

Sie schaute mich an. Ihre hellen großen Augen glänzten und ihr Blick war gebannt auf mich gerichtet. Keine Sekunde bewegte sie sich. Ihre Sehnsucht, alles zu erfahren, war groß.

»Erzählen Sie. Wir haben Zeit«, sagte sie fordernd und schaute mich vertrauensvoll an.

Ich reiste gedanklich zu dem Punkt, an dem alles begann, und erzählte. Es war vor etwa einem Jahr, die Natur hüllte sich in ein farbiges Kleid und Schwärme aufgeregter Vögel formierten sich für den weiten Flug über Felder, Wälder und Meere. Ein Eichhörnchen verscharrte die letzten Nüsse. Ich schmunzelte und blickte ins Buch, das ich seit Stunden vor mir liegen hatte. Das Ahnenerbe der SS 1935-1945. Ich war in Kapitel sechs vertieft. Der Autor legte die Ergebnisse seiner Forschungen zum Verhalten und zur Funktion des Ahnenerbes im Polen- und Russlandfeldzug dar. Die SS wütete nicht nur in Form der Einsatzgruppen. Die Verbände sollten den Forschungsdrang des Reichsführers SS befriedigen. Kunstgüter wurden geraubt, verschleppt und katalogisiert.

Nachdenklich schaute ich auf. Seit Monaten hatte ich mich diesem Thema gewidmet. Vor allem interessierten mich die Zusammenhänge zwischen der Wewelsburg, die als Schulungszentrum für SS-Führer in Planung war, und dem Kunstraub in den besetzten Ost-Gebieten.

Ich schloss das Buch und legte es auf den Rückgabe-Tisch. »Na? Fündig geworden?«, fragte mich die hübsche Bibliothekarin, als ich an der Rezeption vorbeiging.

Wir kannten uns. Schon oft hatten wir kleine Fachsimpeleien ausgetragen. Doch dieses Mal wollte ich nicht mit ihr sprechen und verneinte, da ich selbst nicht genau wusste, was das Ziel meiner Suche war. Es gestaltete sich schwieriger als angenommen, ein herausforderndes Thema für meine Magisterarbeit zu finden. Themen, die ausgiebig besprochen waren, interessierten mich nicht. Hoffnungsvoll dachte ich an die bestellten Dokumente. Sie sollten längst angekommen sein.

Ich lief die leeren Gänge entlang. Es war elf Uhr. Mein Professor hatte jetzt Sprechstunde. Er musste mir helfen, Licht ins Dunkel zu bringen, alles voranzutreiben. Die Stuhlreihe vor seinem Dienstzimmer war leer, denn es war Freitag.

»Kunstraub und Wewelsburg. Zweifelsfrei ein ergiebiges Thema, dennoch würde ich Ihnen davon abraten. Die Literatur hält sich, gelinde ausgedrückt, in Grenzen. Es sind Themen des Dritten Reiches, die nicht so umfänglich bearbeitet sind wie andere. Für eine Magisterarbeit ungeeignet. Eher für Ihre Dissertation bestimmt. Schauen Sie sich die wenigen Aufsätze des letzten Jahres an.« Kopfschütteln. »Lassen Sie die Finger davon, denn damit einher geht der enorme Zeitaufwand, der für eine Magisterarbeit nicht verhältnismäßig ist. In Ihrer Doktorarbeit können Sie das Thema immer noch abhandeln, sofern Sie Ihr Interesse nicht verlieren«, sagte er, während er mit dem Zeigefinger auf die Schreibunterlage tippte.

»Entscheidend ist die Herausforderung. Der Zeitfaktor ist nicht wichtig. Und das Thema meiner Hausarbeit hat mich gelangweilt«, entgegnete ich.

»Gelangweilt? Sie haben sich beinah um den Verstand recherchiert.« Er atmete tief ein und sprach weiter. »Sie wissen um Ihre Begabung, Dingen exakt auf den Grund zu gehen und sie zielsicher aufzuspüren. Die erwähnte Verhältnismäßigkeit ist aber nicht immer gegeben. Sie sollen mit dem Studium fertig werden. Große Wunder erwartet keiner. Ich will sehen, dass Sie das Handwerkszeug eines Historikers präzise einsetzen können.«

Ich wollte mich nicht entmutigen lassen. »Gut. Dennoch werde ich mich nicht der Simplizität hingeben, nur weil es keiner von mir erwartet.«

Beschwichtigend gab der Professor nach. »Ich weiß, dass Ihre Arbeiten inhaltlich tiefgründig sind. Ich möchte nur vermeiden, dass Sie ein Thema wählen, an dem Sie zwei Jahre verbringen. Sie sagten mir mal, dass Sie nicht an der Universität bleiben wollen. Ich bedaure das. Es ist Ihre Entscheidung. Glauben Sie mir: Da draußen wartet keiner auf Sie. Sie müssen endlich in die freie Wildbahn.« Er winkte ab. Seine Ansprache war wirkungslos. »Nun gut. Offenbar kann ich Sie an Ihrem Forscherdrang nicht hindern oder mich dem verweigern, vielleicht hat es den positiven Nebeneffekt, dass Sie sich das mit Ihrer Universitätskarriere doch noch einmal überlegen.«

Mit einem freundlichen Lächeln beließ er es bei dieser Diskussion und schaute mich an. »Nun gut. Wie wollen Sie das Thema Wewelsburg und Kunstraub zusammenbringen? Was ist Ihre Vorstellung?«

»Mich interessiert die Geschichte geraubter Kunstschätze in den ehemaligen besetzten Gebieten. Während des Feldzuges gegen Polen und die Sowjetunion. Im besonderen Maße interessiert mich dabei die Rolle der SS. Ich vermute, dass sich Soldaten an der geraubten Kunst bereichert haben. Dann sind da noch Himmler und seine Wewelsburg als Hort geraubter Beutekunst. Ich habe bereits nachgeforscht und wahrscheinlich aufschlussreiche Dokumente gefunden. Leider warte ich seit Wochen auf sie. Ich bin mir sicher, dass darin wichtige Informationen enthalten sind. Eine Korrespondenz liegt mir ebenfalls vor und Unterlagen mit einer Ortsangabe in Russland.«

Der Professor wirkte für ein paar Sekunden nachdenklich. »Na gut«, sagte er schließlich. »Das ist etwas orientierungslos. Sie haben möglicherweise ein paar sehr gute Unterlagen, aber die reichen noch nicht aus. Und mit der Ortsangabe«, er schüttelte den Kopf, »mit Verlaub, behalten Sie es im Hinterkopf, nicht mehr.« Er hielt kurz inne. »Wir machen jetzt Folgendes: Konkretisieren Sie die Fragestellung. Lassen Sie uns dann den inhaltlichen Rahmen festzurren, solange Ihre These im Bereich des zeitlich Machbaren liegt«, sagte er eher versöhnlich.

Seine Bedenken, ich könnte es wieder übertreiben, waren deutlich spürbar. »Das Ahnenerbe ist gut erforscht«, fuhr er fort. »Möglicherweise zeigt die Forschung einen Zusammenhang zwischen dem Ahnenerbe und den damit verbundenen Handlungen in den besetzten Gebieten und dem Kunstraub.« Er breitete seine Arme fragend aus. »Vielleicht treffen Ihre bestellten Dokumente in der Zwischenzeit ein. Ich höre mich bei einem Kollegen um. Wenn ich mich recht entsinne, hat er dazu geforscht. Wie da der Stand ist, weiß ich im Moment nicht. Ich glaube aber, dass er das Thema im Einzelnen nicht weiterverfolgt hat. Die lückenhafte Aktenlage«, er zog die Brauen nach oben. »Genau deshalb habe ich bei Ihnen Bedenken. Das ist sehr wahrscheinlich eine Nummer zu groß. Aber wir schauen erst einmal, bevor Sie sich in den Büchern vergraben.«

Wieder dachte er angestrengt nach. »Sie hatten doch erst eine umfangreiche Nachforschung bezüglich der Einsatzgruppen der SS vorgelegt? Es war, glaube ich, Ihre letzte Hausarbeit. Ich meine, mich zu erinnern, dass die Arbeit knapp hundert Seiten umfasste?« Fragend schaute er mich an. »Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Sie auf Vorhandenem aufbauen. Die Rezeptionsgeschichte des Ahnenerbes in der deutschen Presse nach 1945 zum Beispiel. Bauen Sie das Thema weiter aus. Wie viele Artikel hatten Sie damals herausgefiltert?«

»Es waren etwas über eintausend.«

Der Professor grübelte. »Vielleicht gehen Sie in diese Richtung. Nutzen Sie die Rechercheergebnisse und verknüpfen Sie diese mit den bisherigen Informationen. Die Sonderkommandos für den Kunstraub waren sicherlich involviert. Wie gesagt: Knüpfen Sie in den nächsten beiden Wochen Zusammenhänge – zwischen der SS, genauer den Einsatzgruppen, und dem Kunstraub im besetzten Ostgebiet. Ich bin mir sicher, dass Himmler Aufträge an seine Einheiten vergab. Vorstellbar ist es, zumal Göring nicht die Ressourcen hatte, in den Ostgebieten selbst tätig zu werden. Dadurch hatte Himmler einen entscheidenden Vorteil.« Er lächelte. »Dann haben Sie zumindest ein Thema, welches Sie nicht langweilt. Wenn Sie in zwei Wochen nichts Handfestes vorweisen können, werden wir die Sache anders angehen. Einverstanden?«

Zustimmend gab ich ihm meine Hand.

 

Die Tür fiel ins Schloss und ich verließ das Gebäude. Im Hof zündete ich mir eine Zigarette an. Mit voller Befriedigung zog ich daran. Also dann, dachte ich. Die Suche nach geraubten und verschleppten Kunstschätzen geht weiter.

In Gedanken versunken, schaute ich in den dunkelblauen Himmel und erblickte einen kreisenden Bussard. Ich erkannte deutlich seine markant brettartigen Flügel. Er schwebte so elegant und friedlich im Sommerhimmel. Geräuschlos nahm er seine Beute ins Visier. Er wandelte die Form in die eines Jagdfliegers und raste im Sturzflug wie ein fallender Stein auf die Grünfläche neben dem Gebäude zu. Ich verlor ihn für einen Moment aus den Augen. Das dichte Blätterwerk der riesigen Buche nahm mir die Sicht. Sekunden später schlug der braune Jäger beinah auf dem Boden auf. Präzise breitete er kurz vor dem Aufschlag die Flügel aus und stoppte kontrolliert den freien Fall. Seine Fänge bohrten sich in das überraschte Opfer. Stolz erhob er seinen Kopf. Jetzt folgte ein kräftiger Hieb. Die Beute war tot.

Ich war wie erstarrt von der Szene, die sich direkt vor meinen Augen abgespielt hatte. Ich nahm einen letzten Zug und ging in Richtung Bahnstation.

Auf dem Weg dorthin traf ich Max, einen guten Freund. Stets bei bester Laune, gesellte er sich zu mir. Er mochte einer der wenigen Menschen sein, die mich wirklich kannten. Sein ausgeglichenes Gemüt war eine Wohltat. Seine dunklen Augen funkelten und sein schwarzes Haar glänzte in der Sonne. Die braunen Sneaker waren verschlissen. Sein abgenutztes T-Shirt verbarg nur mit Mühe den Bauchansatz. Max waren solche Details egal. Er hatte andere Ideale als einen definierten Bizeps oder ein volles Konto. Wieder einmal lief er in dem für ihn typischen kerzengeraden Gang neben mir her. Seine angenehme, tiefe Stimme hatte ich in den letzten Wochen nur selten gehört.

»Wie sieht es aus, Elias? Was ist mit deinem PC? Willst du das System heute neu aufgesetzt haben oder nicht?«, fragte er beinahe vorwurfsvoll.

»Na klar. Tut mir wirklich leid. Ich hätte dich anrufen sollen. Aber ich bin grad in andere Themen vergraben. Das ist zeitlich immer eng«, sagte ich unsicher, wohl wissend, dass ich in derlei Sachen nachlässig war.

»Wirds heute Abend was, um neun? Nach meinem Training im Schützenverein?«, fragte mich Max direkt. Er appellierte an meine Spontanität.

»Neun sollte passen«, sagte ich dankbar.

Wir liefen eine Weile nebeneinander, bevor wir uns verabschiedeten.

 

Wie immer kam Max pünktlich. Computerprobleme zu lösen war seine Berufung. Das Hobby zum Beruf machen ist für viele Menschen ein Traum. Nicht für Max, der sich im zweiten Semester selbstständig gemacht hatte. Dafür galt ihm meine Bewunderung. Dementsprechend schnell war mein Rechner einsatzbereit und ich konnte wieder ermitteln. Max war nach einem fantastischen Mahl und einigen Bieren gegangen. So suchte ich weitere Literatur und Quellen für meine Arbeit. Nach Stunden war ich müde und schaltete den Computer aus. Ein letzter Schluck und ich ließ mich auf das schmale Bett fallen, das in meinem kleinen Zimmer unter dem einzigen Fenster stand. Die harte Matratze federte nur wenig nach.

Während ich regungslos da lag, sah ich das Bild meines Großvaters vor meinen Augen. Gesehen hatte ich ihn nur auf Fotografien. Eine war mir in Erinnerung geblieben: Ungezwungen, unbelastet von schrecklichen Ereignissen, saß er als junger Mann auf einer Wiese. Neben ihm seine Frau. Sie war bildschön. In einem seiner Briefe erwähnte er diesen Tag. Es war für beide einer der letzten friedlichen Sommertage, bevor der Krieg ausbrach. Wenige Wochen später wurden sie von der SS deportiert. Ihre kleine Tochter, meine Mutter, hatten sie Tage vorher einer deutschen Familie anvertraut. Von dieser kannte sie die Wahrheit. Seine Frau, meine Großmutter, wurde vergast. Er kam in ein kleines Lager in der Nähe der Wewelsburg.

1939 war der Fortgang der Bauarbeiten an der Wewelsburg, dem geplanten ideologischen Zentrum der SS, gefährdet. Im Mai 1939 setzte Himmler für sein Lieblingsprojekt KZ-Häftlinge aus dem Kleinen Lager Niederhagen ein. Mein Großvater war unter ihnen. Jahre nach dem Krieg erhielt meine Mutter neun Briefe. Eine Dorfbewohnerin hatte sie aufbewahrt. Ich war darüber erstaunt. Denn es war der Wewelsburger Dorfbevölkerung strengstens untersagt, Kontakt mit den Insassen aufzunehmen. Aber es muss die Erklärung sein, wie die Dokumente aus dem Lager kamen. Es gibt Unterlagen darüber, die die Hilfeleistungen der Wewelsburger Frauen und Mütter während des Krieges belegen. Dass die Bevölkerung Vorbehalte gegen die SS-Mannschaften auf der Burg hatte, ist durch einige Berichte und die Dorfchronik belegbar.

Wie mein Großvater zu Tode kam, habe ich nie erfahren. Die Todesquote im Lager Niederhagen war hoch. Von insgesamt 3300 Häftlingen starben 1285. Wahrscheinlich kam er bei den schweren und gefährlichen Arbeiten an der Burg ums Leben. Er war Diplom-Bauingenieur gewesen und vor den Nazis erfolgreich in seinem Beruf – und glücklich. Mein Großvater erwähnte in den Briefen ein sogenanntes Kommando Nordturm-Burg als Arbeitsgruppe. Viele Gräueltaten beschrieb er – Unvorstellbares. Ich weiß nicht, wie die Wachmannschaften zu derartigen Dingen fähig sein konnten. Vielleicht starb er im Steinbruch.

Unzählige Male hatte ich die Briefe studiert. Sie waren die einzige Verbindung zu ihm und einer der Gründe, weshalb ich mich für dieses Thema entschied. Ich wollte wissen, wer er war und für was er starb. In einem Brief erwähnte er die Raubzüge des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei, Heinrich Himmler. Nur kurz hatte er einen Transport beobachtet, der Kunstschätze anlieferte. Leider trug der Brief weder ein genaues Datum noch beinhaltete er einen konkreten Hinweis, wann er die Beobachtung gemacht hatte, sondern nur, dass er zu dieser Zeit unter strenger Bewachung am Tor gearbeitet hatte. Vielleicht hatte mein Großvater bis 1945 überlebt und wurde als Mitwisser erschossen, da er sicherlich gewusst hatte, wo und welche Kunstschätze in der Burg zu finden waren. Aber bewiesen ist nichts.

Bei diesen Gedanken konnte ich nicht einschlafen. Stattdessen wälzte ich mich hin und her. Raufte mir verzweifelt die Haare. Ich sprang aus dem Bett und lief auf und ab. Die alten Dielen knarrten. Ich legte ein Holzscheit in den Ofen nach und schloss die Ofentür. Die Wärme umhüllte mich.

Frustration keimte in mir auf und die Ungeduld wuchs wieder ins Unermessliche. Die Dokumente, von deren Inhalt ich mir aufschlussreiche Informationen erhoffte, trafen nicht ein. Ich wartete schon eine gefühlte Ewigkeit. Mittlerweile konnte mich dieser Gedanke, dass die Dokumente mir einen Weg vorgaben, nicht mehr motivieren und mein Geldtopf war beinah leer – das Stipendium fast aufgebraucht.

 

Ich sah die Frau des Wirtes an, die meiner Geschichte gespannt zugehört hatte. Der Wirt stand im hinteren Bereich des Raums. Ich setzte eine Weile mit der Erzählung aus. Stille. Nur der Kamin knisterte.

»Tja und dann, dann machte ich den alles entscheidenden Fehler«, fuhr ich fort. »Ich hatte nur eine Korrespondenz und einige Briefwechsel zwischen hohen SS-Führern als Indiz für eine Art Register für geraubte Kunstschätze. Sie erwähnten immer wieder diesen Ort hier in Russland, an dem ich beinah den Tod fand. Eigentlich sollte ich den nur im Hinterkopf behalten«, schnaufte ich. »Dazu eine Sammlung von Briefen«, fuhr ich fort »die an Heinrich Himmler adressiert waren, und einige detaillierte Dokumente über Hinrichtungen deutscher Deserteure in dieser Gegend. Mehr hatte ich nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Meine Ungeduld war das Zünglein an der Waage. Mit dem restlichen Geld setzte ich alles auf eine Karte. Ich wollte die Beweise für dieses Register in dieser Gegend finden. Ich war mir so sicher. Wie töricht und naiv.«

Das letzte Stück Fleisch verschwand in meinem Mund, dazu ein kräftiger Schluck aus dem Bierkrug. Die Frau des Wirts schaute mich an.

»Die Erforschung unbekannter Orte ist immer mit Risiken verbunden«, sagte sie.

»Da kann schnell mal was schiefgehen«, pflichtete ich ihr bei. »Das alles für eine Magisterarbeit. Absolut lebensmüde«, ich lachte verächtlich und griff mir an die Stirn. »Leider nehme ich nichts Brauchbares mit nach Hause. Außer natürlich Demut. Ich meine, dass ich das überlebt habe«, seufzte ich.

»Was haben Sie denn erhofft zu finden?«, fragte sie mich in ihrem akzentfreien Deutsch.

»Lass ihn«, polterte der Wirt, »es reicht.«

Ich zuckte zusammen.

»Lass die Dinge, wie sie sind. Du musst wissen, dass die Neugier meiner Frau unersättlich ist«, entschuldigte er sich für die bohrenden Fragen. »Hin und wieder kommen Touristen aus der Stadt. Sie wollen an den See, da werden Führungen angeboten. Deutsche Flugzeuge sollen dort im Krieg abgestürzt sein. So falsch sind deine Nachforschungen nicht. Die Touristen kaufen in unserem Wirtshaus Essen, das hilft uns zu überleben. Alle im Dorf leben davon. Meine Frau will jede Neuigkeit erfahren und so sind ihr Gäste immer willkommen.« Er winkte ab. »Jetzt setz dich mit uns ans Feuer und ruh dich aus.«

Wir setzten uns an den Kamin. Sie erzählte von vergangenen Zeiten an der Front, von ihren Erlebnissen mit den Deutschen.

Ihr Mann regte sich keinen Augenblick. Er starrte in die Flammen und schien mit offenen Augen zu schlafen. Der Schein des Feuers spiegelte sich flackernd in seinem vom Alter gezeichneten Gesicht. Der Kopf wurde von der linken Hand gestützt. Einzelne graue Strähnen seines vollen Haares fielen ihm ins Gesicht. Es störte ihn nicht. Er hielt einen alten, verbeulten Becher, gefüllt mit Wein, in seiner rechten Hand.

Das Feuer war heruntergebrannt. Der alte Mann stand auf und lief in Richtung Ausgang. Er öffnete die Tür und blieb auf der Schwelle stehen.

»Die Treppe hoch und dann links. Da ist dein Bett.« Ohne sich umzusehen, ging er hinaus in die Dunkelheit, die ihn sofort verschlang.

Ich stand auf, dankte für das Essen und den Wein. Seine Frau schaute zu mir auf und nickte lächelnd. Schwerfällig erklomm ich Stufe um Stufe. Die Schmerzen wurden stärker.

Ich steckte das Ladegerät für meinen Kameraakku in die Steckdose am Nachttischschrank und ließ mich dann ins Bett fallen. Mein Körper brauchte Schlaf.

 

Weiche Sonnenstrahlen streichelten meine Nasenspitze. Leises Vogelgezwitscher drang an mein Ohr. Ich sog die kalte und frische Morgenluft ein. Ich öffnete meine Augen und richtete mich auf. Welch eine Energie verspürte ich! Mein Blick fiel durch das Fenster auf den See, mit seinem tiefblauen und klaren Wasser. Die Berge um ihn herum erstrahlten in satten Farben. Am Fenster stehend, hielt ich diesen friedlichen Augenblick mit meiner Kamera fest. Ein Adler kreiste über dem See. An den Hängen der Berge vor mir sah ich kleine, weiße Punkte. Schafe, die der grünen Bergwiese die hellen Flecken verliehen. Mein Blick folgte dem Ufer in südlicher Richtung. Ich erkannte die gigantischen Felsen, die mich für mehrere Tage gefangen gehalten hatten und fast mein Grab geworden wären. Wie beeindruckend sie von hier aussahen. Mächtig und kraftvoll, aber friedlich. Die Zeit der Ungewissheit war vergangen und aufs Neue belebt. Diese Weite und Schönheit der Natur öffnete meine Seele und ich gewann abermals eine andere Perspektive auf die gegenwärtige Situation. Wer, wie ich, dem Tod ins Auge geblickt hatte, schärft seinen Blick für das Wesentliche.

Ich wollte weder meine Ziele aus den Augen verlieren noch die Strategie ändern. Kein Ruhm, keine Anerkennung diente mir als Antriebskraft, sondern die Suche nach der Wahrheit. Als Historiker war ich ihr verpflichtet. Es fühlte sich richtig an.

Ich packte meine Sachen, nahm den Rucksack und verließ das Zimmer. Der Wirt und seine Frau saßen im Schankraum und frühstückten. Der Wirt drehte sich zu mir um. »Frühstück?«

»Ja gern.«

Ich aß und zeigte der Wirtin die Fotos. Entgegen ihrer gestrigen Neugier sah sie sich die Aufnahmen ohne jede Regung an. »Schön«, sagte sie etwas gleichgültig.

Ich zahlte. Die Verabschiedung war herzlich. Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht.

»Sei vorsichtig«, sagte der Wirt, »man kann nie wissen.« Auf seinem Gesicht erkannte ich zum ersten Mal ein leichtes Lächeln. Aber er schien etwas nervös zu sein.

Nachdenklich verließ ich das Wirtshaus. Ich folgte dem Ufer. Kam nur wenige Meter, drehte mich um, sodass ich den Bootssteg an der Rückseite des Hauses sah. In diesem Moment verließ der Wirt das Haus durch die Hintertür. Er machte in aller Eile sein Boot los und fuhr ein paar Meter hinaus. Er schaute sich in meine Richtung um. Ich versteckte mich schnell hinter einem Baum in einem mannshohen Gebüsch und beobachtete von dort aus das Geschehen. Er war sich offenbar sicher, dass ich weg wäre, und setzte seine Fahrt in Richtung des gegenüberliegenden Ufers fort. Ich beschloss zu warten.

Nach einer halben Stunde näherte sich das Boot wieder dem Bootssteg am Haus. Es hing tief im Wasser. Es musste beladen sein. Der Dieselmotor lief auf Hochtouren. Ich war skeptisch und holte meine Kamera und das große Teleobjektiv aus dem Rucksack.

Gespannt wartete ich hinter dem Baum im Gebüsch ab. Ich schob die Zweige etwas beiseite und legte die Kamera an. Jetzt wusste ich meine Leidenschaft für große Brennweiten zu schätzen. Der Sucher war hell und der Bildausschnitt optimal. Deutlich erkannte ich neben dem Wirt zwei Männer auf dem Boot.

Der Wirt steuerte den Steg zielsicher an. Die Serienbildaufnahme ratterte wie ein Maschinengewehr. Immer wieder drückte ich den Auslöser. Das Boot legte an. Die Männer entluden es. Schwere Kisten, technisches Gerät und andere Gegenstände hievten sie aus dem Kahn, der etwa 80 Meter Luftlinie von mir entfernt lag. Der Wind stand günstig. Ich hörte den Wirt und seine anonymen Begleiter.

Einer der Männer drehte sich mit dem Gesicht in meine Richtung. Er verschnaufte, da das Entladen der Fracht anstrengend war. Seinen Hut setzte er ab. Ich sah sein Gesicht deutlich. Bloß nicht verwackeln, dachte ich, halt ja still. Mein Puls raste. Ich fühlte mich sicher, spürte aber die Gefahr, die vom Bootssteg ausging. Wer waren diese beiden Männer?, hämmerte es in meinem Kopf.

Einer der fremden Begleiter wurde unruhig. Er schaute immer wieder in meine Richtung und holte ein Fernglas heraus.

Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Geschockt schaute ich gen Himmel – die Sonne! Sie stand mir gegenüber und spiegelte sich sicher im Objektivglas wider.

Der Wirt und der andere Mann stellten die Kisten ab. Sie schauten abwechselnd durch das Fernglas in meine Richtung. Mein Herzschlag stieg bis zum Hals. Sie hatten mich entdeckt. In aller Eile verstaute ich die Kamera. Aber es dauerte zu lange, bis ich das schwere Teleobjektiv gelöst hatte. Ich zurrte mir den Rucksack auf den Rücken und versuchte, unbemerkt zu entkommen. Ich wollte flüchten, da hörte ich Schritte. Mein Herz raste. Der Klang der schweren Stiefel schürte die Angst. Es war der Wirt. Er hielt vor dem Busch und sagte leise: »Ich habe in genug Schützengräben gelegen, um zu wissen, dass du zum zweiten Mal einen folgenschweren Fehler begangen hast. Im Felde wärst du vor wenigen Sekunden gestorben. Was immer du in den Höhlen gesucht hast, es ist nicht mehr hier.«

Ich trat einen Schritt aus dem Gebüsch heraus. Er lächelte mich an. »Zu viele habe ich sterben gesehen und die Männer auf meinem Kahn sind wegen dir gekommen. Sie verfolgen dich schon eine ganze Weile. Es ist kein Spiel. Du gräbst in Dingen, denen du nicht gewachsen bist. Aber ein Teil in mir hofft, dass du nicht aufgibst. In der letzten Nacht habe ich mich entschieden: Vergangenes sollte keine Opfer mehr fordern. Aber sieh dich vor, ab jetzt wird alles anders.«

Er drehte sich um und schrie in Richtung des Bootes: »Der is weg, war aber hier. Das Gebüsch ist eingedrückt und auf dem Boden sind frische Spuren.« Er lief zurück, ohne sich umzudrehen.

»Der kann nicht weit sein. Verdammt noch mal«, brüllte der größere der beiden Männer dem Wirt entgegen. »Sie ham doch gesagt, dass er weg wäre, und das schon ne ganze Weile. Was soll das? Wir hatten eine Abmachung!«

Der Wirt war nur wenige Meter vom Steg entfernt. »Stimmt, war so nicht besprochen, lässt sich aber nicht ändern«, sagte er. Es gelang ihm, seine Lüge glaubhaft zu verkaufen.

»Der Bengel hat uns doch gesehen. So viel ist schon mal sicher. Wer sagt das jetzt dem Boss? Gibt wieder einen Anschiss, verdammt noch mal. Los! Erstatten Sie Bericht und buchen Sie gleich nen Flug. Machen Sie das Auto klar.«

Der größere der beiden Männer entfernte sich unbeherrscht vom Boot. »So ein Mist!«, brabbelte er weiter. »Es hieß verfolgen und berichten. So ein Scheiß! Nur Dilettanten hier. Ich hab noch gesagt …«

Die beiden Männer am Boot nahmen nur Wortfetzen wahr, da er hinter der Hausecke verschwunden war.

Sein Kollege rief ihm rechtfertigend hinterher: »Der braucht nur Vorsprung. Es läuft doch. Der ist angefixt. Lassen wir für den Moment Ruhe einkehren.«

 

Das Flugzeug brach durch die dichte Wolkendecke. Der blaue Himmel und die helle Sonne fluteten sogleich den Innenraum der Maschine. Ich saß auf Platz 27 F, unter dem Vordersitz mein Handgepäck. Ich schaute mir die Fotos auf dem Display meiner Kamera an und sah direkt in die Gesichter der Männer, die mich verfolgten. Der kleine Bildschirm der Kamera spiegelte die feuerrote Sonne wider. Ich war zu müde, um über Vergangenes nachzudenken.

2. Suche

Es war ein sonniger Tag, aber für mein Empfinden etwas zu kalt. Ich trug eine leichte Jacke. Auf dem Weg zur Bibliothek dachte ich an die bestellten Dokumente und an meine Erlebnisse in Russland. Das war einige Wochen her gewesen. Mein Zustand war nicht bedenklich, hatte mein Arzt gesagt. Dass ich schlecht schlafen würde, wäre normal. Er wusste nicht um die wahren Umstände. Meine Träume waren lebendig. Jede Nacht erfuhr ich die steinerne Gefangenschaft neu. Die Kehle war staubtrocken – jeden Morgen.

Ich hielt kurz inne. Sah nur schemenhaft das Eingangstor der Universität. Dann schaute ich in den blauen Himmel. Das Rauschen des Laubs beruhigte mich. Die vergangenen Erlebnisse holten mich ein. Bevor ich weiterlief, sagte ich zu mir: »Dramatik hast du gewollt. Abenteuer hast du dir herbeigesehnt. Es war ein harter Aufschlag, aber jetzt komm damit klar.«

Ich betäubte mich mit unablässiger Recherche. Seit meiner Rückkehr las ich beinahe täglich in der Bibliothek und meine erste Frage im Lesesaal war immer die gleiche. Die Antwort der Bibliothekarin bisher auch.

Nach etwa zehn Minuten Fußmarsch hatte ich die Universitätsbibliothek erreicht. In voller Vorfreude auf das, was mich heute erwarten würde, öffnete ich die Tür zum Gebäude. Ob die bestellten Dokumente endlich bereit liegen würden? Am Tag zuvor hatte ich online nachgeschaut. Merkwürdigerweise hatte aber mein Laptop versagt, obwohl Max ihn repariert hatte.

Ein fragendes »Ja, bitte?« der Bibliothekarin unterbrach meinen Gedankengang. Sie schaute mich mit einem ernsten Gesichtsausdruck an. Sie stand auf und lief zielstrebig auf die Regale mit den Bestellungen zu. Den Umschlag hielt sie mir mit einem leichten Grinsen vor die Nase und sagte: »So, die Dokumente sind endlich da! Das Archiv stellt dir 25 Euro Kopier- und Transportkosten in Rechnung.«

Ich zahlte und nahm voller Spannung die Unterlagen. Ich setzte mich in den großen Saal. Er war leer, wie meist um diese Zeit. Das Morgenlicht verlieh den alten Tischen eine tiefbraune Farbe. In Ruhe breitete ich die Seiten vor mir aus.

 

Wie andere Nazi-Größen hatte auch Heinrich Himmler, der SS- und Polizeichef, auf der Wewelsburg einen Kunstschatz gehortet. In den Briefen meines Großvaters ließen sich Anspielungen auf diesen Schatz finden. Himmler hatte die Burg im Jahr 1942 besucht, mit ihm kamen Lkws.

Mein Großvater sah bei seinen Arbeiten am Nordturm, dass verschiedene Kunstgegenstände in die Burg gebracht wurden. Mehr erwähnte er in dem Brief nicht. Im vermutlich letzten Brief vermerkte er nebenbei, dass, aufgrund der Großschnäuzigkeit der Wachen, seine Vermutung bestätigt wurde: Himmler häufe einen Burgschatz an.

Nach mehr als 60 Jahren lässt sich die Frage nach dem Warum beantworten. Himmler ließ Kunstschätze aus Europa rauben, um einen Notgroschen für schlechte Zeiten zu haben, so die offizielle Version.

Wie in anderen Bereichen duellierten sich die NS-Größen. Hitler selbst mischte sich nicht ein, um seine Person im Lichte der unangefochtenen Autorität zu positionieren. Er steuerte und delegierte seine Schergen.

Anfangs war die Burg nur für feierliche Zusammenkünfte des höchsten SS-Führerkorps gedacht. Neben seiner privaten Gier reifte in Himmler der Wunsch, die Burg zu einem Bollwerk seines SS-Ordens und zum Mittelpunkt der Welt auszubauen. Später sollten die SS-Ringe der höchsten SS-Führer nach ihrem Tode in der Burg eingelagert werden. Tradition nannte er das. Am Ende lag die Burg – zumindest ein Teil von ihr – in Schutt und Asche.

Im Wettlauf mit anderen NS-Schergen war er bemüht, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Hitler, Göring und andere waren begierig darauf, die Museen zu plündern. Hitler selbst plante in Linz ein großes Museum für die germanischen Kunstschätze.

Mäßigen Erfolg konnte sich Himmler nicht erlauben. Elitebildung war das Stichwort. Himmlers Wewelsburg sollte hierfür als Pendant zu den Ordensburgen der Partei gerüstet sein. Eliteschulung auf einer Burg mit der größten Bibliothek über das Germanentum, 16000 Bände füllte sie – angeblich. Der Hauptschulungsleiter, Dr. Hans-Peter des Coudres, gab 1938 diesen Bestand an, zusätzlich 80 Zeitschriften und fünf Handschriften. Hochrangige SS-Führer sollten die Schulungen auf der Burg durchlaufen. Es war naheliegend, dass das germanische Kulturgut auf der Burg dem entsprechen sollte. Ein Wissenschaftler namens Wilhelm Jordan hatte Himmler bei seinen Planungen und Raubzügen unterstützt. Erpressung, Bestechung und Raub waren die gängigen Methoden bei der Beschaffung von Kunstschätzen gewesen. Jordan hatte 1944 das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse erhalten. So waren die Bestände auf der Burg immer umfangreicher geworden.

 

Ich schaute nach oben und genoss für einen Moment das Sonnenlicht, welches durch die riesige Glaskuppel direkt in mein Gesicht schien. »Und ich werde mich um den Verstand recherchieren«, entfuhr es mir. Doch die Begeisterung für das Kommende war zu groß, als dass ich mich selbst von diesem Thema abhalten würde. Zu brisant und unerforscht war es und ich hatte in den Höhlen einen hohen Preis gezahlt. Ich konnte jetzt nicht aufgeben. Aber es würde Zeit kosten, und so sichtete ich die Dokumente.

Nach einer Stunde nahm ich erwartungsvoll die letzte Kopie in die Hand. In der linken oberen Ecke prangten die SS-Runen. Sie präsentierten den Eigner des Dokuments. Das kräftige Schwarz des Stempels fraß sich in das Papier. Unter dem Siegel stand in Druckbuchstaben GEHEIM. Der Absender war ein SS-Hauptsturmführer und Mitarbeiter des Ahnenerbes, der einem der vier sogenannten Erfassungskommandos angehörte. Die Kommandos hatten Kulturgüter und Vermögenswerte in den besetzten Ostgebieten registriert und sichergestellt.

Das Schreiben war direkt an den Reichsführer SS gerichtet. Nach der üblichen Begrüßung kam er sofort auf den Punkt: »… wurde an mich herangetragen, daß persönliche Bereicherungen … durchgeführt werden … Ich besitze Informationen über ein Register, angefertigt durch einen, erst kürzlich von den Einsatzgruppen versetzten, jungen SS-Standartenführer. Angeblich dokumentiert dieses Register Aufenthaltsort, Name und derzeitigen Wert der gestohlenen Werke. Es ist keine gesicherte Aussage möglich, ob er selbst an der Bereicherung teilnimmt oder im Auftrag arbeitet … Dem Ausschnitt der Liste nach zu urteilen, sind es Werke, denen Sie, verehrter Herr Reichsführer SS, Priorität in Bezug auf die Wewelsburg einräumen.«

Am Ende des ersten Blattes wurden die Daten des SS-Standartenführers aufgeführt. Leider so unkenntlich, dass ich sie nicht entziffern konnte. Ich vermutete eine Auftragsarbeit, da wichtigen NS-Größen, wie Göring, die Ressourcen zur Beschaffung wertvoller Kunstwerke fehlten. Möglicherweise ließ er vereinzelt SS-Männer für sich arbeiten.

Obwohl mir diese Idee absurd erschien, ist es eine Tatsache, dass zwischen Himmler und Göring eine Rivalität bestanden hatte. Göring seinerseits in den besetzten Gebieten die Ressourcen Himmlers benötigte – der SS.

Ich war gebannt und las auf der zweiten Seite des Briefes weiter. »… im Anhang führe ich Ihnen einen Ausschnitt aus dieser vermeintlichen Liste zu. Es ist eine Abschrift. Die Informationen wurden mir vor einer Woche von einem tüchtigen SS-Mann namens Herrmann Müller zur Verfügung gestellt. Ich veranlasste eine Untersuchung, die binnen weniger Tage durchgeführt wurde. Es ergaben sich vier von fünf Übereinstimmungen. Wir stießen auf vier Gemälde in einem Bauerngehöft. Ich veranlasste die sofortige Zuführung der Kunstgüter zu einem Transport nach Deutschland. Die Bauernfamilie wurde einer Erschießung zugeführt. Zurückhaltung von Reichseigentum …« Wie elektrisiert las ich weiter. »Der ehrliche SS-Mann Herrmann Müller wurde befördert, verstarb wenige Tage später durch eine Sprengfalle. Ich veranlasste die Überführung des Leichnams.«

Auf den unteren Seiten führte der Verfasser die Einheit auf, in der der SS-Mann Müller zu dieser Zeit diente. Die Angaben waren deutlich zu lesen. Ich atmete tief durch und spürte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief – ich hatte eine Verbindung!

Ich legte das Dokument auf den Tisch und lehnte mich zurück. So viel stand fest: Das Thema für meine Arbeit hatte ich gefunden. Vor mir lag der Beweis. Offensichtlich gab es unter den Kommandos einige Soldaten, die Kunstgüter abzweigten. Wichtiger war in diesem Moment: der Beweis, dass es das Register gibt.

 

Es war wieder elf Uhr.

»Seien Sie gegrüßt. Wir haben uns ja nun schon eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie ich gehört habe, haben Sie die Sache selbst in die Hand genommen«, sagte der Professor streng. »Was Sie da gemacht haben, das hat nichts, überhaupt nichts mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun. Das ist naiv.« Er war aufgebracht. »Ich habe Sie in Ihrem gesamten Studium unterstützt, aber dass Sie diese Dummheit begehen … mir fehlen die Worte.«

Er beruhigte sich. »Sie hatten Glück, aus den Höhlen zu kommen, und ich werte das Geschehene als überstürztes Engagement. Jeder Forscher kommt an diesen Punkt.« Er holte tief Luft. »Berichten Sie. Wie kommen Sie voran?« Die Skepsis war deutlich in seiner Stimme zu hören.

»Woher wissen Sie davon?«, antwortete ich irritiert und wunderte mich.

»Das ist jetzt nicht wichtig«, winkte er ab. »Sagen Sie mir, wie Sie vorankommen. Das ist entscheidend.«

»Wie erwartet schleppend. Die Metapher Auf Granit beißen trifft es wohl am besten. Die Richtung ist geteilt und verschwommen und ja, Sie haben recht«, sagte ich reumütig. »Es war naiv und im Moment weiß ich nicht, für was es gut war. Aber noch mal die Frage: Woher wissen Sie von diesen Ereignissen?«, fragte ich nach wie vor entgeistert.

Mein Professor sagte nichts. Offenbar wollte er sich nicht auf diese Diskussion einlassen.

»Wo genau stecken Sie jetzt mit Ihrer Arbeit fest?«, lenkte er ab. »Davon abgesehen habe ich es sanft angedeutet: Dieses Thema ist nicht ergiebig und führt Sie in eine Sackgasse. Und in dieser sind Sie mittendrin.«

»Ja, das sagten Sie.«

»Jetzt sind wir genau an dem Punkt, vor dem ich Sie gewarnt hatte. Sie sollen eine Magisterarbeit verfassen, keine Habilitationsschrift. Wir kennen uns seit vielen Semestern. Deshalb erlaube ich mir diesen Hinweis: Ihre Dickköpfigkeit und Ungeduld behindern den Prozess enorm. Wissen Sie, Sie sind mein letzter Student, den ich vor meinem Ruhestand betreue, aber ich hatte mir das anders vorgestellt. Und ich vermute, dass Ihre finanzielle Lage denen der anderen Studenten gleicht? Eher schlechter, denn Tickets nach Russland sind nicht billig.«

Ich nahm es zur Kenntnis. Er war frustriert, aber ich wusste nicht warum.

»Dadurch ist eine jahrelange Erforschung ausgeschlossen, sofern Sie niemand finanziell unterstützt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will Ihnen zu einer guten Arbeit verhelfen. Aber Sie nehmen keinen Rat an und leider hat sich meine Befürchtung bewahrheitet. Was Ihnen da in Russland passiert ist …« Er setzte aus und holte tief Luft. »Das war unnötig und hätte schiefgehen können.«

Er bemerkte, dass er es jetzt zu weit getrieben hatte. »Sie müssen mich verstehen, mir liegt etwas an Ihnen. Und woher ich es weiß? Die Bibliothekarin. Sie ist die Freundin meines Sohnes. Er hat mir von Ihnen erzählt.«

Eine kurze Pause folgte und er erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden, bevor er wieder auf das Thema der Magisterarbeit zu sprechen kam.

»Wo können wir ansetzen und das Ganze gut über die Bühne bekommen?«

Ich räusperte mich. »Die Forschungsliteratur ist gesichtet, das erste Kapitel zum Forschungsstand geschrieben. Nun bin ich im Begriff, mich auf das Thema des Kunstraubs zu konzentrieren. Aber mit neuen Ausrichtungen.«

Nachdem er zu diesem Bereich seine Anmerkungen gemacht hatte, kam ich auf meine neusten Ergebnisse zu sprechen.

»Eine Sache bereitet mir Kopfzerbrechen«, sagte ich.

»Die wäre?«, fragte er, wissend, dass es nicht die einzige war.

»Gestern erreichten mich die Dokumente, auf die ich, vor der Reise nach Russland, gewartet hatte. Und ich bin fündig geworden.«

Ich schilderte ihm den Inhalt.

»Und Sie können nicht entziffern, wer der SS-Standartenführer ist?«, fragte er gelassen.

»Nein, ich weiß nur, welcher Einheit er angehörte.«

Das Dokument legte ich vor ihm auf den Schreibtisch. Nach wenigen Sekunden schaute er auf.

»Ein Register?«, fragte er erstaunt. »So, so. Und wo soll es sich befinden?«

Als er die Frage stellte, lehnte er sich in meine Richtung. Seine Augen leuchteten. Voller Erwartung saß er vor mir.

»Das weiß ich nicht, aber …«

»Haben Sie Hinweise?«, unterbrach er mich. »Denn das wäre doch der Aufhänger, den Sie brauchen und suchen. Halten Sie mich doch bitte auf dem Laufenden oder geben Sie mir etwas zum Anlesen. Ich helfe Ihnen gewiss, wo ich kann.«

Alles das hatte ich nicht erwartet, die vorhandenen Informationen über meine gescheiterte Suche, sein plötzlicher Stimmungswechsel, das damit verbundene Interesse und die angebotene Hilfestellung.

»Ja, das wäre wunderbar«, sagte ich gekünstelt. Ich hatte ein ungutes Gefühl.

Im Aufstehen schüttelte er mir aufgeregt die Hand: »Ich freue mich auf Ihre Ergebnisse«, sagte er enthusiastisch und verabschiedete sich.

Ich drehte mich um und ging. Beim Hinausgehen streifte ich etwas unglücklich den Türrahmen, sodass mein Handy vor seinem Büro auf den Boden fiel. Die Situation hatte er nicht mehr wahrgenommen. Er hatte die Tür schon geschlossen.

Draußen war es still, kein Student saß auf den Stühlen. Das Handy war nicht kaputt, aber der Rückendeckel und der Akku waren aus dem Gerät geschleudert worden. Ich setzte es zusammen und schaltete es ein. Es zeigte die Zeit. Ganze zwei Stunden hatten wir geredet.

Ich stand vor der Tür, hörte Stimmen anderer Studenten, die sich über den Innenhof des Gebäudes etwas laut zuriefen. Im Büro war es still. Ich wollte losgehen, als ich seine Stimme hörte. Er schien zu telefonieren. Er wirkte euphorisch.

»Ich habe Ihnen bereits beim ersten Mal gesagt, dass Sie vorsichtig sein sollen. Das Dokument mit der Ortsangabe konnte er nicht richtig einordnen und bewerten«, zischte der Professor ins Telefon. »Das kann nicht Ihr Ernst sein. Wieso waren Sie so unvorsichtig? Ich sagte Ihnen, dass dieser junge Mann auf der richtigen Fährte ist, aber die bestellten Dokumente nicht erhalten hatte. Allein das Dokument mit der Ortsangabe ist wertlos und Ihre Aktion am See überflüssig und unprofessionell. Verdammt noch mal.« Er knallte den Telefonhörer auf.

Ich dachte über das Geschehene nach. Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken.

»Du? Dich gibts noch, Elias?«, fragte Max am Telefon. »Nicht eine Mail hast du beantwortet. Und dein Geburtstag? Wir hatten eine Party organisiert und standen alle vor deiner Tür. Was ist nur los mit dir?«

In all der Aufregung hatte ich tatsächlich meinen eigenen Geburtstag vergessen. Es hieß jetzt, Freundschaften zu pflegen und eine Party zu organisieren.

»Es tut mir leid, Max. Ich war in letzter Zeit mit meinen Recherchen so beschäftigt. Kannst du Tim, Lisa und Arne Bescheid geben? Sie sind alle dieses Wochenende eingeladen. Du siehst sie doch im Seminar, oder?«

»Warum rufst du sie nicht selbst an oder gehst hin?«

»Max, bitte, tu mir den Gefallen. Eine Bestellung wartet im Archiv auf mich, es hat aber nur noch eine Stunde geöffnet«, flehte ich ihn an.

»Du verhältst dich in letzter Zeit seltsam. Erklärst du es mir wenigstens?«

»Das werde ich, versprochen.«

 

Der Samstag rückte immer näher. Die wenigen Tage, die mir bis zur Feier blieben, verbrachte ich wieder in der Bibliothek. Samstagmorgen erinnerte mich eine SMS von Max an die notwendigen Einkäufe. Ich sprang mit einem Lächeln aus dem Bett. Max war ein echter Freund, dachte ich beruhigt. Ich hätte es doch wieder vergessen. Meine schlechten Träume und Erinnerungen an die vergangenen Monate verflogen augenblicklich.

Mit wehendem Bademantel stolperte ich durch den Flur meiner WG und sah nur im Vorbeifliegen, dass Leonie am Tisch gemütlich frühstückte.

»Dein Mantel«, schrie sie mir hinterher. »Du fliegst heute auf die Fresse. Ich weiß es!«

In dem Moment, als ich ihr Schreien wahrnahm, stolperte ich ein letztes Mal und krachte vornüber auf die Holzdielen. Plötzlich war es dunkel und ich hörte Leonies dumpfe Stimme. Der Bademantel, durch den ich zu Fall gekommen war, hatte sich wie ein Tuch über meinen Oberkörper gelegt.

»Geiler Arsch«, hörte ich sie sagen. Mit Mühe hüllte ich meinen Körper in den Mantel. Dann richtete ich mich auf und schaute in ihr grinsendes Gesicht.

Sie war Mitte zwanzig, sehr schlau, zierlich, etwas untersetzt. Ihre wunderschönen Brüste zeichneten sich unter ihrem T-Shirt ab. Ihr volles, blondes Haar sah verlockend aus. Ich mochte ihre direkte Art. Leider stand sie nicht auf Jungs. Im Moment war ich nur glücklich darüber, dass sie mein Gesäß positiv wahrgenommen und beurteilt hatte. Ich sah sie an.

»So, mein Arsch. Na ja, wenn ich dir so in Erinnerung bleibe, war es die Sache wert.«

Sie grinste. »Wir beide, wa? Was hast du es denn so eilig?«

»Ich gebe heute Abend eine Party«, entgegnete ich ihr, immer noch auf dem Boden sitzend.

»Haste wohl wieder verpennt. Hm. Na ja. Brauchste Hilfe?«

»Ich geh schnell das Notwendige im Bad erledigen und dann muss ich einkaufen.«

Mit dem Aufstehen musste ich mir alle Mühe geben.

»Wasn jetzt. Soll ich dir helfen? Mach ich gern«, fragte sie mich plötzlich mit ernster Stimme.

Ich nickte nur. Stand unsicher vor ihr.

»Haste wieder schlecht geschlafen, was? Schaffst das schon. Wird werden.«

Für einige Sekunden herrschte Stille. Wir schauten uns an.

»Ja, es wird werden«, sagte ich mit zittriger Stimme.

»Ach komm. Lass uns das zusammen machen, ja?«, bot Leonie erneut an.

Ihr ernster Ausdruck wandelte sich in das süße, schelmische Grinsen, das ich an ihr so mochte.

»Das wäre nett von dir«, sagte ich verlegen.

Nach einem tiefen Seufzer lief ich ins Bad. Danach half sie mir, die Einkäufe zu erledigen. Wir suchten die Zutaten für Mixgetränke aus und nach etwa drei Stunden waren wir fertig. Bis auf Zitronen und Orangen war alles da. Deshalb machte ich mich noch einmal auf den Weg.

Der Supermarkt war überfüllt. Die Menschen liefen wie Ameisen umher. Eilig kauften sie die letzten Vorräte für ein langes Wochenende ein.

Am Zeitungsstand sah es wüst aus. Sämtliche Tageszeitungen waren herausgerissen und lagen auf dem Boden, auch die Ausgabe meiner Lieblingszeitung.

Im Moment des Weitergehens sah ich den Titel des Blattes. Die großen Lettern fesselten mich: Kunstraub – Heinrich Himmlers Gier. Hastig griff ich nach der Ausgabe. Ich starrte das Titelbild an und war derart gebannt, dass ich selbst die Beschwerde einer alten Dame aus dem Hintergrund nicht wahrnahm. Sie stand direkt hinter mir. »Nun machen Se ma schon. Das Blättchen können Se auch zu Hause lesen. Legen Se endlich Ihr Zeug aufs Band. Ich habe heute noch ne Menge vor.«

Ohne Widerworte legte ich die Zitronen und Orangen auf das Band. Die Zeitung verdeckte das Obst, welches sich ruckelnd der Kasse näherte. Die Kassiererin bemerkte schnell meine geistige Abwesenheit. Mehrmals sprach sie mich an, bevor ich aufblickte. Ich bezahlte und verließ den Supermarkt. Draußen setzte ich mich auf eine Bank, die unweit in einer kleinen Nebenstraße zwischen zwei großen Eichen stand. Ich konnte es kaum erwarten, den Artikel zu lesen. Kunstraub – Heinrich Himmlers Gier. Weiter Seite 2. Ich folgte der Angabe. Der Artikel erstreckte sich über die gesamte Doppelseite. Zwei vom Text eingeschlossene große Fotos waren abgebildet. Eines zeigte ein abfotografiertes Dokument, das andere ein Gemälde. Die SS-Runen im Briefkopf waren auf dem Bild deutlich zu erkennen. Der Brief war an den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Himmler gerichtet.

Das ist nicht möglich, dachte ich. Das ist unglaublich.Der Verfasser des Artikels gab in Auszügen den Inhalt wieder. »… daß persönliche Bereicherungen … durchgeführt werden … besitze Informationen … Register … kürzlich von den Einsatzgruppen versetzten, jungen SS-Standartenführer. Angeblich … gestohlenen Werke.« Ich konnte es nicht fassen. Es war derselbe Brief, den ich vor einigen Tagen in der Hand gehalten hatte. Begierig las ich weiter. »Doch wegen der guten Verfassung, in dem sich das Dokument befindet, ist es wahrscheinlich, dass der angefügte Name am unteren Ende des Blattes im Original absichtlich unkenntlich gemacht wurde.«

Meine Hände zitterten und mein Blick fiel auf die gegenüberliegenden wuchtigen Bäume mit ihren saftigen Blättern. Sie wiegten sich sanft im Wind. Ich faltete die Zeitung und steckte sie wieder in die Einkaufstüte, nicht ohne noch einmal die Schlagzeile zu lesen.

Der warme Kontrast des weichen Lichtes hüllte die flauschigen Wolken in einen rötlichen Schleier und erfüllte den Himmel. In friedlicher Zweisamkeit flog ein Schwanenpärchen Richtung See über mich hinweg. Im Gehen schüttelte ich den Kopf, weil ich an meine Anfänge als Geschichtsstudent dachte. Kein Fachgebiet, das nicht ausreichend erforscht worden ist. Diese angebliche Weisheit hatte der Dekan schon im ersten Semester angekündigt. »Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie am Historischen Seminar der Universität Potsdam«, sagte er. Nachdem er über den Aufbau des Studiums und die Lehrinhalte gesprochen hatte, gab er uns zwei Hinweise mit auf den Weg. »Sie sollten die beiden folgenden Ratschläge beherzigen: Für eine fundierte wissenschaftliche Arbeit sollten Sie lesen, lesen, lesen. Außerdem möchte ich Sie, die Sie alle neuere Geschichte studieren, darauf hinweisen, dass Ihr Gebiet sehr gut erforscht ist. Wenn Sie in der Hoffnung studieren, grundlegend Neues zu entdecken, werden Sie keinen Erfolg haben.«

Was für warme Worte. In nur einem Satz zerstörte er die Vorfreude auf das Kommende. Die Neugier auf Neues hatte mich zu diesem Studium veranlasst. Archäologie wäre eine lohnende Alternative gewesen. Ihr fehlte aber der Bezug zur Gegenwart, der für mich notwendig war. Dennoch baute sich mein Studium genau nach der pessimistischen Einschätzung eines Mannes auf, der sein ganzes Leben die Geschichte studiert hatte und wahrscheinlich Recht behalten würde.

Ich war wieder an dem Punkt, an den ich häufiger kam. Unterstützung war eine Notwendigkeit, vor allem in dieser Angelegenheit und nach meinem gescheiterten Alleingang. Ich wollte den Journalisten finden, der den Artikel verfasst hatte. Ich hatte schon die erste Idee, wie ich es anstellen würde: die Bibliothekarin. Es brannte mir auf den Nägeln, aber es war ohnehin Samstagmorgen und ich würde heute nichts mehr erreichen, vielleicht Montagfrüh.

 

Mein Zimmer war klein, hatte einen Balkon und einen romantischen Ofen. Die WG-Wohnung befand sich direkt unter dem Dach. Im Sommer war es hier oben heiß. Die Eigentümerin hatte vor Jahren einen Dachgarten anlegen lassen. Fast jedes Wochenende kam sie seither herauf. Es war ein schöner Garten, den ich nutzen durfte. Die alte Dame sagte mir, dass es etwas Besonderes sei, denn nur ich, mein guter Freund Max, Leonie und ihre Enkel durften hier oben verweilen. Im Gegenzug half ich ihr ab und an. Das Haus hatte keinen Fahrstuhl, sondern nur eine knarrende, alte Treppe mit einem wackligen Holzgeländer. Blumenerde, Pflanzen und Steine zur Dekoration: So manches Wochenende hatte ich damit verbracht, diese Utensilien auf das Dach zu tragen. Umso mehr genoss ich den Aufenthalt an lauen Sommerabenden und den Blick über die Stadt, wenn sie im kräftigen Licht der Abendsonne erstrahlte. Mit einem kalten Bier in der Hand lag ich zwischen grünen Palmen und duftenden Blumen. Einige Vögel hatten sich das kleine Paradies als Zuhause auserkoren und sangen befreit ihr Lied hinaus. So manche meiner Ideen entstand hier oben.

 

Es war Sonntagabend. Wieder einmal saß ich im Dachgarten und blickte über die Stadt. Max saß neben mir und wir redeten über das Wochenende.

»Es war eine tolle Feier, meinst du nicht auch? Ich bin froh, euch alle gesehen zu haben. Nach meinem Ausrutscher dachte ich, dass der eine oder andere nicht kommen würde. Schön, dass ihr alle da wart.«

Wir genossen den Augenblick.

»Was steht nächste Woche bei dir an?«, fragte Max.

»Recherche«, sagte ich eher zaghaft.

»Was machst du eigentlich genau?« Er drehte seinen Kopf zu mir und wartete auf eine überzeugende Antwort. »Elias, was ist los mit dir? Du lässt dich nicht blicken, rufst nicht an, beantwortest keine meiner Nachrichten und auch nicht die von den anderen. Du hast dich komplett zurückgezogen«, sagte Max sichtlich besorgt.

»Wie soll ich es dir erklären?«, erwiderte ich.

»Nun red schon!«, forderte er mich auf. »Wir kennen uns seit der Grundschule und haben so einiges gemeinsam ausgestanden, aber seit den letzten Monaten, ach was, seit den letzten beiden Semestern bist du beinah unauffindbar. Ich dachte, wir wären Freunde?« Er hob fragend die Arme.

Ich holte tief Luft und sammelte mich, um die Sache, so kompliziert wie sie war, schnell auf den Punkt zu bringen. »Es ist schwierig. Wo fange ich am besten an? Du weißt, dass meine Neugier immer wieder … wie soll ich sagen … befriedigt werden musste. Was wollte ich nicht alles entdecken.«

»Ja, ich versteh dich«, sagte Max mit einem leichten Schmunzeln. Er wusste genau, von was ich sprach. »Dennoch ist es nun mal so«, sagte er, »dass wir nicht im Zeitalter von Indiana Jones leben.« Er räusperte sich. »Wie ist der Stand deiner Abschlussarbeit? Welches Thema behandelst du? Sag schon! Keiner von uns ist sich sicher, warum du solch ein Geheimnis darum machst.«