Waisenjunge - Harald Skrobek - E-Book

Waisenjunge E-Book

Harald Skrobek

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Beschreibung

Amerika in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dave, der einfache Waisenjunge schafft es bis zum Senator der Vereinigten Staaten. Aber zuvor muss er noch zahlreiche Abenteuer bestehen und dabei alle seine Talente einsetzen. Nebenbei findet er, sozusagen vor der Haustür, die große Liebe seines Lebens.

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Seitenzahl: 376

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Harald Skrobek

Waisenjunge

Historischer Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

V o r w o r t

Kapitel 1: Norfolk Virginia in Frühjahr 1844

Kapitel 2: Die See, 15 Jahre später

Kapitel 3: Krieg 1861

Kapitel 4: Trapper 1865

Kapitel 5: Cowboy 1866

Kapitel 6: Die Eisenbahn 1867

Kapitel 7: Norfolk im Sommer 1869

Kapitel 8: Philadelphia 1870

Kapitel 9: Philadelphia 1879

Kapitel 10: Das Kreuz des Südens 1883

Kapitel 11: Im Wilden Westen, 1886

Kapitel 12: Der Ring, 1887

Kapitel 13: Philadelphia 1888

Kapitel 15: Washington 1990

Kapitel 15: Epilog

Hauptpersonen der Handlung

Impressum neobooks

V o r w o r t

Die zeitgenössischen Autoren gefallen sich meist darin, über Verlierer, neudeutsch Looser, zu berichten. Die folgende Geschichte erzählt zur Abwechslung über ein Glückskind, einen Gewinner, neudeutsch Winner.

Langenfeld im Juli 2017

Der Autor

Kapitel 1: Norfolk Virginia in Frühjahr 1844

Seit einer Woche wollte es tagsüber gar nicht hell werden. Dichter, feuchter Nebel zog in einem fort vom Atlantik heran und hing über der Stadt.

Eine junge Frau stolperte suchend den Fahrweg entlang. Mit letzter Kraft steuerte sie schließlich ein mittelgroßes Haus neben einer Kirche an und klopfte an die Tür. Pastor Joshua Andrews und seine Frau Sarah hatten gerade ihr karges Dinner beendet und fragten sich erstaunt, wer so spät noch um Einlass bat. Als er die Tür öffnete fiel ihm die junge Frau in die Arme. ̶ „Hilf mir Bruder“ hauchte sie, dann fiel sie in Ohnmacht.

Joshua rief seine Frau zu Hilfe; gemeinsam trugen sie die Frau ins Wohnzimmer und legten sie auf das Sofa. Als sie sie von ihrem Umhang und ihrem Kopftuch befreiten, stellte der Pastor entsetzt fest, dass es sich bei der Frau um seine jüngste Schwester Lea handelt, die vor drei Jahren ihr Zuhause heimlich verlassen und sich einer Wanderschauspiel-Truppe angeschlossen hatte. Sein Entsetzen steigerte sich ins Unendliche, als er feststellte, dass Lea schwanger war und kurz vor der Entbindung stand.

Eine Hebamme herbeizuholen, blieb keine Zeit. Sarah holte hastig sauberes Leinenzeug herbei. Die Wehen weckten Lea aus der Ohnmacht auf. Sie schrie und presste verzweifelt, dann erblickte ein zerknautschtes Etwas das Licht der Welt. Sarah trennte den Nabel ab, verknotete die Enden, hob den neuen Erdbürger hoch und gab ihm einen Klapps auf den Rücken. Ein dünnes Willkommens-Stimmchen signalisierte, dass er lebt. Lea lächelte zufrieden als sie das Schreien hörte und fiel unter ständigem Blutverlust wieder in Ohnmacht. Der herbeigeholte Arzt konnte kurz darauf nur noch ihren Tod feststellen.

Sarah, die vor zwei Monaten Mutter eines Mädchens geworden war, gab dem fremden Säugling die Brust und betrachtete ihn ab da als ihr eigenes Kind. Es war ein Junge. Sie tauften ihn auf den Namen David und riefen ihn später Dave.

*

Joshua Andrews war der älteste Sohn einer Pastorenfamilie aus Boston. Die Familie lebte streng nach den Gesetzes-Regeln Calvins. Joshua wurde mit knapp 17 auf die Hochschule nach Yale geschickt und trat in die Fußstapfen seines Vaters. Nach verschiedenen Vikars-Stellen wurde er vor 4 Jahren schließlich mit der Leitung der Kirche im Distrikt in und um die Hafenstadt Norfolk in Virginia betraut. Er war jetzt 40 Jahre alt. Vor zwei Jahren hatte er die halb so alte Sarah kennengelernt. Sie kam ebenfalls aus einer puritanischen Familie, die aber inzwischen als Folge verschiedener „Mischehen“ die Schriften Calvins, um es so zu sagen, etwas lockerer interpretierte.

Joshua war ein gutaussehender Mann von um die 1,80. Er hielt allerdings ein frei auflachendes Gesicht für eine Teufelsfratze. Deshalb blickte er meist ernst drein und seine Lippen umspielte nur selten ein Lächeln. Sarah war nur einen halben Kopf kleiner als er, eine gut gewachsene und wohl proportionierte Frau, kein Püppchen, mit einem offenen, markant geschnittenen, schönen Gesicht. Ihre Familie konnte ihr keine große Mitgift mitgeben; dazu kamen ihre Größe und die Tatsache, dass sie genau wusste, was sie wollte, alles Punkte, die ihre Chancen, einen Ehemann zu bekommen, begrenzt hatten. Sie heirateten vor einem Jahr. Sarah wurde direkt nach der Heirat schwanger und gebar pünktlich ihre Tochter Esther.

*

Sarah hatte genug Milch für zwei Kinder. Es machte sie glücklich, beide an der Brust zu haben und zu erleben, wie sie erschöpft vom Saugen einschliefen.

Joshua unternahm das eine und andere, um Daves Vater zu ermitteln. Aber das Land war groß und wie viele Wanderschauspieler darin herumreisten, konnte keiner sagen. Außerdem, so überlegte er, vorausgesetzt man finde tatsächlich das betreffende Theater, zu deren Truppe Lea gehört hatte, würde sich einer ihrer Kollegen freiwillig als Vater bekennen? Und schließlich hatte sie das Theater ja verlassen und war mitsamt ihrer Leibesfrucht zu ihm gekommen. Er begann nach langem Nachsinnen, diese Tatsache als gottgewollte Fügung anzusehen. Also ging er zum Notar und adoptierte den kleinen Dave.

Kapitel 2: Die See, 15 Jahre später

Esther und Dave bekamen in der Folgezeit in Abständen von etwa zwei Jahren noch vier Geschwister, erst drei Schwestern und dann noch einen Bruder. Esther und die Vier ähnelten alle ihrer Mutter. Nur Dave schickte sich an, auszusehen wie sein Onkel/Vater.

Diese Ähnlichkeit war aber nur äußerlich. Dem Gemüt nach, hätten die beiden unterschiedlicher nicht sein können. Dave hatte ein ausgesprochen sonniges Gemüt; er lachte viel und war stets zu Scherzen und Albernheiten aufgelegt. Der Schalk saß ihm im Nacken, wie der Volksmund zu sagen pflegt. Er lernte erstaunlich schnell und zwar nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch manuelle Fertigkeiten. Er konnte schon im Alter von 10 Monaten wie ein Wiesel laufen und mit einem Jahr gebrauchte er selbstständig beim Essen den Löffel.

Mit fünf Jahren erstaunte er alle mit seinem phänomenalen Gedächtnis sowie mit seinem Zeichentalent. Unter der Anleitung seiner Mutter, hatte er sich außerdem mehr oder weniger selbst das Lesen und das Flötenspielen beigebracht. Mit 10 schenkte er seiner Mutter zum Geburtstag Kohlezeichnungen mit den Porträts aller ihrer 6 Kinder. Die Zeichnungen gaben ihre Modelle erstaunlich ähnlich wieder.

Angesichts dieses Talents, haderte sein Vater mit seinen puritanischen Grundsätzen, nämlich stets eifrig und freudlos zu arbeiten und gottgefällig (wie Calvin es verstand) zu leben. Jeglicher Frohsinn und Zurschaustellung von Fertigkeiten waren ihm ein Gräuel.

Zwar konnte er Dave gute Manieren und ein jederzeit ehrerbietiges Benehmen nicht absprechen, dessen Herumalbern, dessen ausgelassenes Lachen und sein Flötenspiel waren ihm jedoch ein Dorn im Auge. Dave musste zur Strafe wiederholt viele Stunden allein in seiner Dachkammer verbringen.

Sarah verfolgte die Anordnungen ihres Mannes mit ausdruckslosem Gesicht, das nicht verriet, was sie dachte. Allerdings besuchte sie stets heimlich ihren Sohn in der Kammer und brachte ihm Milch und Kuchen. Sie verlor dabei selten ein Wort, zeigte ihm aber, indem sie ihm liebevoll über den Kopf strich, dass sie die Erziehungsmethoden ihres Ehemanns missbilligte. Dave liebte seine Mutter!

Der Aufenthalt in der Kammer machte Dave wenig aus. Die Bibelinterpretationen, die sein Vater ihm auferlegte, erledigte er stets im Handumdrehen; dann schmökerte er in Büchern, die ihm sein Schullehrer zur Verfügung stellte. Er las alle Reisebeschreibungen über den amerikanischen Kontinent mit großer Begeisterung. Vor allem aber faszinierte ihn die Astronomie. Er prägte sich anhand von Abbildungen und durch vergleichende nächtliche Beobachtungen aus der Fensterluke seiner Dachkammer den Sternenhimmel Stück für Stück ein und fand sich bald darin erstaunlich gut zurecht.

Als er älter wurde hielt er sich am liebsten im Hafen auf. Die wogende See und der Trubel um einlaufende und auslaufende Schiffe elektrisierten ihn. Er beschloss, auch einmal zur See zu fahren. Zwischenzeitlich verdiente er sich etwas Geld, indem er Leute porträtierte, meist Seeleute oder ihre Liebchen.

Er lernte im Hafen einen alten, sehnigen japanischen Kneipenwirt mit Namen Haragutshi kennen und freundete sich mit ihm an. Für ihre Verständigung benutzten sie zwar mitunter Hände und Füße, das tat aber ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Der Japaner erzählte ihm wehmütig von seiner Heimat Japan und dass er in seinem früheren Leben einmal Samurai gewesen sei. Neugierig geworden, wollte Dave mehr darüber wissen. Der Japaner, unfähig das Wesen dieser Krieger näher zu beschreiben, zeigte ihm seine zwei Rasiermesser scharfen Samurai-Schwerter, den kunstvoll gefertigten, Tod bringenden Samurai-Bogen sowie einige Kniffe des Bujikan. Dave war Feuer und Flamme. Die nächsten Wochen, wann immer sie Zeit fanden, trainierte er Dave in dieser waffenlosen Kampftechnik der früheren Samurais und Ninjas. Einige Zeit später hatte Dave Gelegenheit, das Erlernte anzuwenden. Als ihn ein zwei Köpfe größerer angetrunkener Seemann anrempelte und ihn als Bastard beschimpfte, zertrümmerte ihm Dave mit einem blitzschnell und gezielt ausgeführten Handkannten-Schlag das Nasenbein und machte ihn dadurch kampfunfähig. Der alte Japaner war stolz auf seinen Schüler. Dieser Vorfall sprach sich im Hafen schnell herum. Die im Hafen herumlungernden Lümmel und Rabauken machten ab da stets einen großen Bogen um Dave.

*

Inzwischen war Dave 15 Jahre alt geworden. Sein Vater rang mit einer Entscheidung. Er musste sich eingestehen, dass er in Norfolk Dave nicht mehr weiter fördern konnte. Er war sich sicher, dass dieser schon frühzeitig die Anforderungen an ein Studium erfüllte. Er lud zwei ältere Kollegen aus dem Umland zu sich ein, um ihre Meinung darüber einzuholen. Vor ihnen musste Dave verschiedenste Stellen aus dem Alten und Neuen Testament zitieren und anschließend mit eigenen Worten interpretieren. Die Kollegen gaben dem Vater recht. Gemeinsam setzten sie einen Brief an den Rektor der Universität Yale auf, mit der Bitte, Dave möglichst bald das Studium zu ermöglichen.

Dave war von dieser Entwicklung gar nicht angetan. Er überlegte fieberhaft, wie er seinem Schicksal entkommen konnte. Dann trat ein Ereignis ein, das seinen Entschluss beschleunigte.

Schon von Kindesbeinen an waren Dave und seine Schwester Esther ein Herz und eine Seele. Sie spielten zusammen, lachten und alberten miteinander und trösteten sich gegenseitig, wenn dem anderen ein Missgeschick passierte. Als sie älter wurden, stellte sich etwas ein, das sie sich nicht erklären konnten. Dave fiel auf, dass sie sich beide körperlich mehr und mehr veränderten. Das faszinierte ihn, übrigens auch sie. Wenn sie allein zusammen waren, knisterte es geradezu. Ja Dave träumte zuweilen sogar von ihr. Es waren wilde erotische Träume.

Eines Nachts öffnete sich leise die Tür seiner Kammer und Esther trat herein. Sie hatte nur ein Nachthemd an, das sie aber augenblicklich abstreifte. Der Mond schien durch die Dachluke und er konnte sie deutlich sehen. Er bemerkte, dass sie, bar ihrer sonstigen Kleider, aufreizende, jugendhaft weibliche Formen aufwies und ihre Achselhöhlen und die Scham schon zart behaart waren. Sein Mund fühlte sich klebrig an. Sein Herz pochte. Er brachte kein Wort heraus und fühlte sich plötzlich völlig willenlos.

Ester schlüpfte wie selbstverständlich zu ihm ins Bett. Sie zerrte ihn aus seinem Nachthemd, streichelte ihn und griff wie zufällig etwas ungeschickt aber behutsam an sein Geschlecht. Es wurde prall wie nie zuvor. Sie drängelte sich unter ihn und führte vorsichtig sein pochendes Glied bei sich ein. Ihre Vagina war weich und feucht. Als er in sie eindrang, stöhnte sie kurz vor Überraschung und Schmerz auf, dann jedoch hob sie ihm ihren Unterleib voll zitternder Ekstase rhythmisch entgegen. Er passte sich ihren Bewegungen an, bis beide, in einem wilden Orgasmus aneinandergepresst, erschöpft verharrten. Sie lächelte selig und küsste ihn zärtlich auf den Mund.

Jetzt erst schaltete sich sein Gehirn wieder ein. Er machte sich klar, was er, was sie beide gerade getan hatten. Ihm fielen spontan die entsprechenden Bibelstellen ein, die von Blutschande handelten. Auch überlegte er das praktische Problem, wie er es anstellen musste, das blutige Bettlaken loszuwerden.

Esther schien das alles nicht zu berühren. Sie streifte sich das Nachthemd über und tänzelte, beschwingt mit der Hüfte wackelnd, aus der Kammer. Am nächsten Morgen erschien sie gut gelaunt und mit sich zufrieden zum Frühstück. Er wagte nicht, ihr in die Augen zu sehen.

Die nächsten beiden Nächte wiederholte sich das Spiel und zwar bewusster und dadurch noch wesentlich intensiver. Dave schwankte zwischen seiner körperlichen Sehnsucht und seinem schlechten Gewissen.

An diesem Morgen kam er zu einem Entschluss. Er war sich sicher, dass man ihre unheilige Liebe über kurz oder lang aufdecken würde, und den daraus resultierenden Skandal mochte er sich nicht vorstellen.

Er schwänzte die Schule und begab sich in die Stadt. Er erfuhr, dass im Hafen ein Klipper lag, der am nächsten Morgen auslaufen wollte. Nach dem Abendessen zog er sich alles an Kleidung an was er besaß, steckte sein Taschengeld ein, packte alles, was er meinte, gebrauchen zu können, darunter auch etwas Proviant, in einen Sack und verließ heimlich das elterliche Haus. In seiner Kammer hinterließ er folgenden Brief an seine Mutter:

„Liebe Mutter,

es tut mir leid, dass ich Dir das antue. Hoffentlich verzeihst Du mir!

Vaters Wunsch, mich nach Yale zu schicken, um dort Theologie zu studieren, kann ich nicht erfüllen. Ich werde niemals ein solcher Theologe wie er.Ich kann nicht glauben, dass unser Leben allein aus Arbeiten und Beten bestehen soll und unser Gott zornig wird, wenn wir mal lachen und „unnütze“ Dinge tun.

Ich will, solange ich jung bin, die tosende See und die unendliche Weite unseres Kontinents kennen lernen. Sucht mich nicht! Ich komme schon zurecht! Ich schreibe Euch sobald ich kann!

Viele Grüße an Vater und meine Geschwister

Dave“

Er ging im Laufschritt zum Hafen. Dort stieg er frech in einen Kutter ein, der die halb besoffene Besatzung des Klippers Savannah an Bord brachte. Die Kutterbesatzung glaubte, er gehöre zur Besatzung des Klippers und umgekehrt. Keiner kümmerte sich um ihn. Es gelang ihm mühelos, unbemerkt an Bord des Klippers zu kommen, wo er sich im Laderaum hinter mehreren Waren-Ballen versteckte.

Als es begann, hell zu werden, hörte er die Ankerkette rasseln, Segelsetz-Kommandos ertönten, und das Schiff setzte sich in Bewegung. Eine ganze Zeit später, als er sicher war, dass eine Umkehr nicht mehr in Frage kam, krabbelte er aus seinem Versteckt hervor.

Der Bootsmann schleppte ihn sogleich zum Kapitän, der von der Mannschaft nur der Red Beart genannt wurde. Dieser schaute den blinden Passagier verblüfft aber angesichts seines angenehmen Äußeren interessiert an.

„Von zu Hause weggelaufen? Hast wohl was angestellt? Wie heißt du?“

Dave fuhr der Schalk in den Nacken. Er deutete den wohlwollenden Blick richtig und platzte fröhlich heraus:

„Ich heiße Tom Blacksmith. Mein Vater wollte, dass ich meine Tante heirate. Dazu hatte ich keine Lust.“

Der Skipper und der Bootsmann sahen sich an, dann mussten sie ob dieser Unverfrorenheit herzlich lachen. Red Beart erinnerte sich, dass er mit 15 auf ähnliche Art Schiffsjunge geworden war.

„Also gut, Schiffsjunge Tom Blacksmith, willkommen an Bord! Der Bootsmann soll dir deine Koje zeigen und der Smutje dir etwas zu beißen geben, dann meldest du dich wieder bei mir. Meinst du übrigens, Blacksmith klinge glaubwürdiger? Also, wennschon falsch, dennschon falsch! Du heißt ab jetzt Tom Smith, und damit basta!“

*

Im Hause Andrews wurde Daves Abschiedsbrief unterschiedlich aufgenommen.

Sarah versetzte er einen Stich; sie glaubte, ihr Herz würde aufhören zu schlagen. Tränen traten ihr ungehemmt in die Augen. Nach dem ersten Schock ruhiger geworden, musste sie sich aber eingestehen, dass sie seinen Weggang erahnt hatte. „Hoffentlich ergeht es dir gut, mein lieber Sohn“, stammelte sie immer wieder vor sich hin.

Joshua fühlte sich in seinen Stolz verletzt. Hatte er nicht das Beste für seinen Sohn gewollt? Er schalt ihn, ein undankbarer, verbohrter Mensch zu sein. Er solle mal sehen, wie es ihm, dem unreifen Knaben in der Fremde ergehen wird. Schließlich kam seine Mutter ja auch reumütig in den Schutz der Familie zurück.

Esther durfte ihre Gefühle als verlassene Geliebte nicht nach außen zeigen. Sie täuschte Migräne vor. Allein auf ihrem Zimmer musste sie sich allerdings eine Mitschuld an seiner „Flucht“ eingestehen. Sie weinte größtenteils aus gekränkter Eitelkeit.

Die jüngeren Geschwister merkten Daves Weggang erst richtig, als ihnen seine Fröhlichkeit, seine Albernheiten und Späße fehlten. Ihr Haus war leerer geworden.

*

Kapitän Red Beart hieß in Wirklichkeit William (Bill) McIntosh, war 38 Jahre alt, schottischer Abstammung, hatte eine untersetzte Figur, Hände so groß wie Bratpfannen und trug lange offene Haare und einen elegant gestutzten roten Bart. Als Tom alias Dave wieder vor ihm stand, saß er hinter seinem Schreibtisch, hatte Seekarten und Seemannsbesteck vor sich und einen Zirkel in der Hand.

„Erzähl mal von dir. Wie alt bist du? Was hast du gelernt? Kannst du lesen, schreiben, rechnen? Etwas Handwerkliches? Deinen Händen nach zu urteilen, hast du dir noch nie die Finger schmutzig gemacht!“

Dave merkte, dass es nun mit der Alberei vorbei war.

„Ich bin 15 Jahre alt.“

„Erst 15, der Größe nach zu urteilen, siehst du aus wie 17,“ wunderte sich der Skipper.

„Ich habe Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Ich kann zeichnen und Flöte spielen.“

„So, rechnen kannst du?“ – Der Skipper blickte kurz auf das Papier, auf dem Entfernungen und Zeiten ihrer Fahrt standen, und stellte Dave eine der Additionsaufgaben, die er eben selbst gelöst hatte. Er erwartete, dass dieser sich allein die vierstelligen Zahlen nicht werde merken können, geschweige denn fähig war, die Aufgabe im Kopf zu lösen. Als Dave ihm fast augenblicklich das Ergebnis nannte, war er sprachlos. Er begann zu ahnen, dass er es hier mit einem rohen Diamanten zu tun hatte.

„Aber jetzt Spaß beiseite! Warum bist von zu Hause abgehauen?“

Dave musste, so unter Druck gesetzt, mit der Wahrheit herauszurücken. Außerdem gefiel ihm der Kapitän und dessen Art zunehmend gut, so dass er hoffen konnte, Verständnis zu finden.

„Mein Vater ist ein streng puritanischer Pastor. Er wollte mich nach Yale schicken, wo ich wie er Theologie studieren sollte. Ich mag nicht, mein Leben so freudlos wie er verbringen.“

Red Beart gefiel der Junge immer besser. „Hm!“ kommentierte er nur!

„Du sagtest vorhin, du könntest Flöte spielen. Hast du sie dabei?“

Dave musste zu seiner Schlafkoje laufen, um die Flöte zu holen.

„Spiel mal was vor,“ forderte der Skipper ihn auf.

Dave spielte eine Melodie, die er im Hafen aufgeschnappt hatte. Der Skipper holte seinerseits eine Geige hervor und wiederholte Daves Melodie, dann spielten beide im Duett, wobei sie sich gegenseitig darin überboten, die Grundmelodie auszuschmücken.

„Ich kann dir hier an Bord kein Zuckerschlecken versprechen. Du musst arbeiten wie die anderen 40 Mann auch, aber auf dein Rechentalent und dein Flötespielen, komme ich noch zurück. Melde dich beim Bootsmann mit einem schönen Gruß von mir und lass dir von ihm die einzelnen Stationen des Schiffs zeigen und erklären und dir von ihm einen Posten zuteilen“

Aus der Tatsache, dass die Unterredung beim Skipper so lange gedauert hatte und beide zusammen Musik gemacht hatten, zog der Bootsmann die richtigen Schlüsse. Er führte Tom ohne innere Begeisterung, weil er schließlich noch anderes zu hatte, auf dem Schiff herum. Er teilte ihn vorerst dem Bordzimmermann zu.

*

Die Savannah war ein schnittiges, schnelles Segelschiff mit drei Masten. Sie hatte Tabak geladen und wollte diesen nach Bristol in England verfrachten. Sie segelte mit raumem Wind der Stärke 5 nach Nordwesten. Tom alias Dave stand vorne am Bug und sah hinaus auf die See. Soweit er blicken konnte, nur Wasser. Der Landstrich im Westen ließ sich nur erahnen. Das Schiff schnitt mühelos in die etwa 5 m hohen, schaumbedeckten Wellen und schien sie zu überholen. Er atmete tief die salzige Luft ein und fühlte sich frei.

Die erste Nacht hielt er es in der schwankenden Koje nicht aus. Er zog sich das Ölzeug über, das ihm der Skipper zur Verfügung gestellt hatte, und balancierte an Deck. Er traf dort den Skipper und den Steuermann an, die beide mit einem eigenartigen Gerät vor Augen, angestrengt in den sternklaren Himmel starrten. Das Gerät hatte eine Skala, die beide ablasen, um danach die abgelesenen Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Sie nickten, als ihre Ergebnisse übereinstimmten. Tom sah sie mit neugierigen Augen an, so dass beide lächeln mussten.

„Was wir hier haben, ist ein Sextant. Damit kann man Winkel messen,“ - klärte der Skipper ihn auf. Tom verstand gar nichts. Er überlegte fieberhaft, welchen Winkel man wohl messen könnte und wozu.

„Wir brauchen die Messung, um unsere Position zu bestimmen. Ohne Seekarten und ohne unsere genaue Position zu kennen, sind wir auf dem Meer verloren.“

Tom begann vor Aufregung zu schwitzen. Darüber, wie man sich mitten auf dem Meer zurechtfindet, hatte er bisher noch nicht nachgedacht. Er wagte nicht danach zu fragen und zog sich stattdessen kleinlaut in seine Koje zurück. Die beiden Seemänner sahen ihm, sich gegenseitig mit den Augen zuzwinkernd, nach.

*

In den folgenden Tagen lernte Tom nicht nur jeden Winkel des Schiffs sondern auch die Schiffs-Mannschaft kennen. Einige der Matrosen waren mit 17, 18, 19 Jahren nicht viel älter als er selbst. Es waren aber auch ehrwürdige Seebären darunter, die gut seine Väter hätten sein können. Da er sich, seiner Natur entsprechend, stets natürlich, höflich und gut gelaunt gab, nahm man ihn ausnahmslos freundschaftlich auf.

Über Mangel an Beschäftigung konnte er nicht klagen. Müßiggang gehörte auf einem Schiff zu den Fremdwörtern. Es ging immer irgendetwas zu Bruch oder in der Schiffshaut taten sich Leckstellen auf. Er lernte schnell, kräftig zuzupacken und die verschiedenen Werkzeuge des Zimmermanns zu gebrauchen. Er half ferner dem Segelmacher bei der Segelreparatur, lernte die Seemannsknoten, lernte die Taue zu spleißen, ging dem Smutje zur Hand, musste das Deck schrubben und so weiter und so weiter. Er bekam Schwielen an den Händen und eine frische rötlichbraune Gesichtsfarbe. Jede freie Minute verbrachte er damit, seine Bujikan-Kampftechnik weiter zu trainieren.

Die viele Arbeit, die neuen Eindrücke ließen Tom keine Zeit, an seine Familie zu denken. Legte er sich in die Koje, schlief er in der Regel sofort ein und schlief einen traumlosen Schlaf. Wenn er an zu Hause dachte, dann an seine Mutter. An seine Schwester zu denken und an die leidenschaftlichen Umarmungen mit ihr, verbot er sich. Das schlechte Gewissen wegen dieses Inzestes hatte er sich mittlerweile ausgeredet. Er erinnerte sich an die Bibelstelle, wo Lots Töchter sich von ihrem Vater schwängern ließen, ohne dass dieses Tun Gott missfallen hätte. Überhaupt hatte sich bei ihm schon lange der Verdacht festgesetzt, dass das Gerede vom Zorn Gottes in Wirklichkeit eine Erfindung herrschsüchtiger Priester war, um die Gläubigen unter ihre Fuchtel zu zwingen.

Die Savannahsegelte von Leuchtfeuer zu Leuchtfeuer die Nordamerikanische Küste entlang bis sie St. John’s auf Neufundland passiert hatte, um hier entlang des 50sten Breitengrades auf West-Kurs einzuschwenken. Für die rund 1600 Seemeilen brauchte sie 5 Tage.

Sonntags war auch auf dem Schiff Ruhetag. Es standen nur die Arbeiten an, um das Schiff in Fahrt zu halten. Die Freiwachen hatten Zeit, zum Beispiel ihre Klamotten auf Vordermann zu bringen, Briefe zu schreiben oder schreiben zu lassen, Karten zu spielen oder gemeinsam zu singen und zu Tanzen. Der Skipper legte Wert darauf, die Leute bei Laune zu halten und so spielten er auf der Geige, Tom auf der Flöte, dazu kam noch ein Banjo-Spieler, zum eigenen Vergnügen und zum Vergnügen der Besatzung regelmäßig auf.

Auf der Fahrt nach Westen fuhren sie zunächst in eine Nebelwand. Sie konnten ihre Position nur durch Koppel-Navigation bestimmen. Sie holten die meisten ihrer Segel ein und verlangsamten so die Fahrt. Kurz darauf gerieten sie in einen heftigen Sturm. Bis zu 10 m hohe Wellen türmten sich auf. Kurs zu halten war unter diesen Umständen nicht möglich; sie mussten mit gerefften Segeln den Sturm ablaufen. Als sie wieder Sonnenstands-Messungen vornehmen konnten, stellten sie fest, dass sie ein Stückweit von ihrem direkten Kurs abgekommen waren. Doch der vorwiegend aus West wehende Wind und der Golfstrom halfen ihnen, Bristol nach insgesamt 20 Tagen zu erreichen.

*

Was Seeleute an fremden Häfen interessiert, ist immer das Gleiche: Kneipen und Bordelle. Tom, der sich aus Alkohol nichts machte, insbesondere, wenn er exzessiv getrunken wurde, und auch mit Bordellen nichts anzufangen wusste, zog es vor, auf dem Schiff zu bleiben. Die mitgebrachte Fracht wurde gelöscht, der Laderaum gesäubert und gelüftet. Das dauerte seine Zeit. Dann brachten Frachtboote neue Ladung herbei. Sie luden 500 Gewehre samt Munition und unzählige Ballen englischen Tuches in den Bauch des Schiffes. Dazu wurde frischer Proviant und Frischwasser übernommen.

Einen Tag bevor sie wieder ablegten, gaben der Kapitän und der zur Schiffsbesatzung gehörende Kaufmann ein Dinner für die englischen Kaufmannskollegen. Der Smutje und seine zwei Gehilfen zauberten ein mehrgängiges, köstliches Mahl herbei. Dazu floss reichlich Rotwein. Tom in seinen besten Kleidern, durfte servieren. Dank seiner angenehmen Manieren machte er einen guten Eindruck.

Als er diese Nacht in seine Koje stieg, voll der köstlichen Reste des Mahles und des Weines, hatte er zum ersten Mal, seit er von Zuhause weggelaufen war, wieder einen erotischen Traum. Er erwachte davon und entdeckte, dass offenbar sein Glied einen weißen, glitschigen Schleim ausgeschieden hatte. Er war davon verunsichert und beunruhigt. Beim Auswaschen beobachtete ihn ein älterer Seemann. „Na, jetzt bist du ja ein richtiger Mann,“ kommentierte er trocken.

*

Der vorherrschenden Windrichtung folgend, segelten sie zunächst nach Süden. Sie ankerten vor Lissabon, wo sie 10000 Flaschen Portwein zuluden, sowie in Puerto de la Cruz auf Teneriffa, wo sie noch mal 5000 Flaschen Malvasia-Wein dazu Frischwasser bunkerten. Vom Passatwind beflügelt, legten sie 11 Tage später in Charleston in South Carolina an.

Nachfolgend unternahmen sie noch viermal hintereinander die Reise nach Bristol und zurück, wobei sie in Lissabon nicht mehr anlegten. Auf der Hinfahrt hatten sie Baumwolle, auf der Rückfahrt Waffen geladen.

Tom wurde schon auf der zweiten dieser Reisen zum Steuermanns-Maat, auf der vierten dann zum 2. Steuermann ernannt. Er hatte eifrig und erfolgreich alles rund um die Seemannschaft, die Wettereinschätzung und um die Navigation, die Sicht-, die Koppel-, die terrestrische und die astronomische Navigation, gelernt. Besonders in die astronomische Navigation kniete er sich rein. Sie wurde sein Steckenpferd.

Er schoss in den zwei Jahren zu einer stattlichen Größe von über 1,80 m auf; ein hagerer aber sehniger Schlacks mit jungem, stets freundlichen Gesicht. In den Häfen schloss er sich der Mannschaft, auch schon mal dem Kapitän an und besuchte die üblichen Etablissements. Die dortigen Frauen und Mädchen waren von seiner Männlichkeit sehr angetan.

Immer, wenn sie in Charleston ihr Schiff entluden und beluden, schrieb er Briefe an seine Mutter. In ihren Antworten konnte er ihre Erleichterung darüber, dass es ihm so gut ging, spüren. Sie schrieb viel über das Leben in Norfolk, die Familie und alles, was sie bewegte. Er hatte den Eindruck, sie schütte ihm ihr Herz aus, ihm, ihrem noch so jungen Sohn. Er bekam eine Ahnung, wie geistig vereinsamt sie sein musste, an der Seite ihres ach so strengen puritanischen Ehemanns.

Kapitel 3: Krieg 1861

Im Winter 1860/61 traten nacheinander 11 Südstaaten aus der Amerikanischen Union aus. Am 12.April 1861 begann der Sezessionskrieg. Die Savannah war kurz vor Kriegsbeginn ausgelaufen, um weitere Waffen aus England herbeizuschaffen. Als sie bei ihrer Rückkehr gegen Abend in Charleston in den Hafen einfahren wollte, entdeckte der Ausguck, dass ein nordamerikanisches Kriegsschiff vor der Einfahrt kreuzte. Im Vertrauen auf die eigene Schnelligkeit und das schwindende Tageslicht versuchte der Kapitän, trotzdem in den Hafen zu gelangen. Das Kriegsschiff eröffnete sofort das Feuer. Die Savannahwurde getroffen, der vordere Mast und fast alle Segel wurden zerfetzt. Es gelang ihr gerade noch, sich in den Hafen unter den Schutz der Abwehrbatterien zu retten. Die Ladung blieb zum Glück unbeschädigt; ein Treffer der mitgeführten Munition hätte verheerende Folgen gehabt.

*

Die Reparatur zog sich hin, ohnehin wäre ein Auslaufen unter diesen Bedingungen zu riskant gewesen.

Um die Wartezeit zu verkürzen, meldeten sich vor allem die Südstaatler unter den Seeleuten zum Dienst in der Armee. Tom schloss sich ihnen aus Kameradschaft an. Zusammen mit anderen Freiwilligen landeten sie in einem Ausbildungscamp. Für die Musterrolle gab Tom seinen richtigen Namen an.

In der Meinung, bei dem vorliegenden Konflikt werde es sich nur um eine Episode handeln, sagten sich Dave alias Tom und sein Kapitän Bill McIntosh „Auf Wiedersehen“. Sie ahnten nicht, dass es sich um einen Abschied für immer handeln würde. Dave sollte sein Zuhause in den unendlichen Weiten des Kontinents finden, Bill dagegen den Atlantik gegen den Pazifik austauschen und fortan zwischen San Franzisco und Alaska hin und her schippern.

Die Freiwilligen wurden körperlich hart trainiert und lernten vor allem Schießen und den Bajonett-Kampf. Wieder machte sich Daves Begabung bezahlt; er avancierte schnell zu einem Meisterschützen und dank seiner Bujikan-Kenntnisse auch zu einem veritablen Bajonett-Fechter. Das sorgte über die Ausbildungskompanie hinaus für Gesprächsstoff. Der Hauptmann einer Spezialkompanie wurde auf ihn aufmerksam. Es handelte sich um eine Kompanie für Aufklärung und Sabotage. Dave, geschmeichelt von dem Interesse an seiner Person, entschloss sich, dabei mitzumachen.

Der Hauptmann hieß Robin Delarosas, mochte knapp 40 Jahre alt sein, hatte ein offenes Gesicht sowie einen schlanken, durchtrainierten Körper. Er war der zweite Sohn eines reichen Texaners, hatte spanisches Blut in den Adern, und wie ein spanischer Kavalier trat er auch auf. Er strahlte stets eine stoische Gelassenheit aus und schien kein Problem wirklich ernst zu nehmen. Später stellte sich heraus, dass er verwegen und unerschrocken sein konnte.

Wieder begann für Dave eine Ausbildungszeit, die diesmal länger dauern sollte. Er musste vor allem Reiten lernen. Ein Halbindianer, der Militär-Scout, führte sie ferner tagelang durchs Gelände und bildete sie aus, im Spurenlesen, Spuren vermeiden bzw. verwischen, sich im Gelände zu orientieren sowie unsichtbar zu machen. Ein Sprengmeister unterrichtete sie im Gebrauch von Sprengladungen und im Umgang mit Landminen. Schließlich wurde verlangt, sich glaubhaft verstellen sowie sich notfalls in eine andere Person verwandeln zu können. Letzteres fiel den meisten Probanden sehr schwer. Nicht aber Dave. Als geborener Komödiant gelang es ihm mühelos, eine andere Person zu sein. Dank seiner Musikalität konnte er dabei auch Dialekte täuschend echt nachahmen.

Übrigens sollte der Scout noch eine bedeutende Rolle in Daves Leben spielen.

*

Der sogenannte Amerikanische Sezessionskrieg zwischen den Nordstaaten (Union) und den Südstaaten (Konföderation) sollte etwas über 4 Jahre dauern. Die Union setzte dabei insgesamt rund 2,8 Millionen, die Konföderation rund 1,1 Millionen Soldaten ein. Auf beiden Seiten zusammen gab es rund eine halbe Million Tote und fastgleichviele Kriegsinvaliden. Der Krieg ersteckte sich über ein Gebiet von rund 1,5 Millionen Quadratkilometern. Die Hauptlast des Krieges trugen die Bundesstaaten Maryland, Virginia, Nord Virginia und Tennessee.

*

Die Schar, der Dave angehörte, bestand aus dem Hauptmann Robin Delarosas, dem Leutnant Andrew Bell, dem Scout, Jonny Jones, ihm und 21 Mann. Sie waren bewaffnet mit den neuartigen, Henry-Repetier-Gewehren und mit Colt-Revolvern. Dazu gehörte ein Bajonett mit flacher Klinge. Dieses konnte man sowohl auf das Gewehr aufstecken als auch als Messer gebrauchen. Sie sollten von ihren Gegnern den Spitznamen Ghosts bekommen, weil sie überall unverhofft wie ein Geist auftauchten und auch wieder verschwanden.

Ihr erster Einsatz sollte in Missouri sein, in dem zwar ein Unionsanhänger als Gouverneur residierte, die Bevölkerung jedoch politisch gespalten war. Ihr Bahntransport stoppte allerdings schon in Tennessee, weil inzwischen Missouri in die Konföderation eingegliedert worden war.

Sie wurden General A.S. Johnston zugeteilt. Dessen Truppen marschierten in Kentucky ein, das sich zwar als neutral erklärt hatte, das aber als Truppen-Aufmarschgebiet zu interessant war, um es zu verschonen.

Ihre Aufgabe war die Feindaufklärung und sie verbrachten die meiste Zeit im Sattel. Dave griff Anfang 1862 zum ersten Mal aktiv in den Krieg ein. Er und ein Korporal waren auf dem Rückweg von einem Melderitt, als sie von einer fünfköpfigen feindlichen Patrouille überrascht wurden. Reiter und Pferde hatten ihr Tagespensum schon mehr als geleistet und die Flucht drohte ihre Reserven zu erschöpfen. An ein Entkommen war nicht zu denken. Die Verfolger kamen immer näher. Als sie quasi mit dem letzten Atemzug den Rand eines kleinen Wäldchens erreichten, sprangen sie deshalb ab und eröffneten das Feuer. Dave schoss schnell hintereinander sein Henry-Gewehr viermal ab und traf vier Gegner tödlich. Der Korporal benötigte drei Schüsse, um den fünften Mann zu erledigen. Mit fünf Beutepferden am Lasso erreichten sie schließlich ihre Truppe.

Wochen später sollte es wieder um Pferde gehen. Sie durchstreiften gerade ein hügeliges Gelände, als sie eine Schwadron Yankee-Kavallerie entdeckten. Der Tag neigte sich schon zu Ende und die Kavalleristen schickten sich an zu rasten. Sie sattelten ihre Pferde ab und ließen sie unter Bewachung in einer Talsohle grasen. Die Männer gruppierten sich um etliche Lagerfeuer. Offensichtlich waren sie den ganzen Tag geritten und jetzt müde, denn der sonst übliche Lagerlärm war eher gedämpft und verstummte auch bald.

Hauptmann Delarosas beschloss, die Pferde der Kavalleristen zu rauben beziehungsweise auseinander zu treiben. Die Pferde grasten, wie gesagt, in einer Talsohle zwischen dem Lager und den Wachen. Es galt also, erst die Wachen geräuschlos mundtot zu machen, dann mit zwei Reitergruppen die Pferde in die Zange zu nehmen und vom Lager wegzutreiben. Sie beobachteten, wie zwei Wächter im Talkessel auf und ab patrouillierten; sie trafen sich in der Mitte, dann ging der eine nach rechts, der andere nach links und so immer fort. Der Scout vermutete, es könnte noch ein dritter Wächter da sein, der womöglich in der Nähe des Treffpunkts schlief.

Sie rückten deshalb zu dritt aus, der Hauptmann, der Scout und Dave. Sie schlichen fächerförmig auf die Wachen zu, Dave in der Mitte. Der Hauptmann benutzte sein Wurfmesser, der Scout sein Bajonett. Dave wäre fast über den schlafenden Wächter gestolpert. Der erwachte erschrocken. Aber ehe er schreien konnte, hatte Dave ihn mit einem Handkantenschlag an die Schlagader wieder in die Welt der Träume geschickt. Die Kavalleristen mussten nun ihren Weg zu Fuß fortsetzen.

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Dave zählte nun 18 Lenze. Er maß 1,85 m, hatte eine athletische, durchtrainierte Figur und ein sympathisches Gesicht, das von braunen, schelmisch blickenden Augen dominiert und von üppigen, hellbraunen, welligen Locken umrahmt wurde. Seinen Dienst erledigte er überlegt, bedächtig und konzentriert. Legte man diese Attribute zugrunde, konnte man ihn für schon wesentlich älter halten, was allerdings durch seine ausgesprochene Fröhlichkeit und sein Sinn für Späße und Klamauk relativiert wurde. Er war sowohl mit dem Gewehr als auch mit dem Revolver ein Meisterschütze. Auch das Messer als Waffe handhabte er meisterlich. Hinzu kamen seine katzenhaften Bewegungen und Reflexe. Kein Zweifel, sein ehemaliger japanischer Lehrer hätte ihn sofort in den Rang eines Samurai erhoben.

Was er bisher von dem Krieg gesehen hatte, erfüllte ihn mit Entsetzen. Darüber konnten ihm auch die ausgedehnten Ritte durch das unendlich weite, unberührte, abwechslungsreiche, schöne Land, die seine Einheit unternehmen musste, nicht hinweghelfen. Er hatte sich mit ihrem Scout, Jonny Jones, angefreundet, obwohl dieser sein Vater hätte sein können. Jonny teilte mit ihm die Begeisterung für die Wälder, die Prärie und vor allem den Sternenhimmel.

Jonny war ein Halbindianer. Von seiner Apachen-Mutter hatte er jedoch rein äußerlich nur das schwarze, kräftige Haar und den etwas dunkleren Teint geerbt. Die sich inzwischen in seinem Haar ausbreitenden grauen Strähnchen und die infolge des Aufenthalts im Freien ohnehin frische Gesichtsfarbe ließen ihn aber wie einen jener weißen Waldläufer und Trapper aussehen. Man musste schon um seine Herkunft wissen, um an ihm indianische Züge zu erkennen.

Jonny wuchs bis zu seinem 15. Lebensjahr im Südwesten von Texas bei den Apachen auf. Er lernte dort vor allem Jagen und Kämpfen. Da Texas damals eine mexikanische Provinz war, lernte er neben seiner Muttersprache zunächst einige Brocken Spanisch, erst später die Sprache seines Vaters Englisch, eigentlich Texanisch. Alle Versuche mexikanischer Missionare, ihn zum Christen zu machen, schlugen fehl. Er glaubte immer noch an „Manitu“, den großen Geist des Universums. Wenn er neben Dave auf der endlosen Prärie unterwegs war, brachte er diesem zunächst seine Muttersprache dann sein gebrochenes Spanisch bei, um ihm schließlich auch von Manitu zu erzählen. Bei dem puritanisch-christlich indoktrinierten Dave lösten diese Erzählungen Gedanken aus, wie sie sein Gehirn schon immer vergeblich gesucht aber nie gefunden hatte.

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Ihre Einheit überfiel jetzt vorwiegend feindliche Nachschub-Verbände, verlegte in gegnerischen Aufmarschgebieten Minen, sprengte weit im Norden Gleise sowie Eisenbahnen in die Luft. Ihr größter Coup war der Überfall auf ein Gefangenenlager in Ohio. Sie töteten die Wachmannschaft, befreiten über tausend gefangene Kammeraden und machten das Lager dem Erdboden gleich. Leider hatten sie dabei auch eigene Verluste zu beklagen; acht Mann darunter der Leutnant. Dave wurde ersatzweise zu seinem Nachfolger ernannt.

Hatten die Armeen der Konföderierten, trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit bisher im Krieg die Initiative inne, änderte sich das nach der Niederlage von General R. E. Lee bei Gettysburg. Der Norden warf nun seine zahlenmäßige personelle und ausrüstungstechnische Überlegenheit ohne Rücksicht auf eigene Verluste erfolgreich in die Waagschale. Die Jäger wurden nun zu Gejagten.

Daves Einheit operierte in West Virginia und versuchte den Nachschub der Unionstruppen zu stören. Beim Versuch eines Überfalls auf einen Bahnhof gerieten sie zum ersten Mal in einen Hinterhalt. Sie mussten fliehen, was die Pferde hergaben. Um den Verfolgern zu entgehen, verabredeten sie einen Treffpunkt und versuchten anschließend, einzeln zu entkommen. Dave schüttelte seine Verfolger ab und gelangte bei seiner Flucht über die Grenze nach Pennsylvania.

Es wurde schon dunkel, als Dave auf einer ausgedehnten Waldlichtung eine kleine Farm entdeckte. Er näherte sich vorsichtig. Als er auf den Hof ritt, trat eine Frau aus der Eingangstür. Sie mochte Ende 30 sein, trug eine graue Kleidung und ein Graues Häubchen auf dem Kopf. ‚Typisch Quäkerin‘ kam es Dave in den Sinn. Sie schaute ihn misstrauisch an, erst recht seiner Uniform wegen. „Ich bin auf der Flucht“, sagte Dave einer inneren Eingebung folgend. Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. „Wir sind vor Gott alle gleich,“ sagte sie ein wenig salbungsvoll. „Wir Quäker kennen keine Feinde“, fügte sie hinzu.

Sie rief etwas ins Haus hinein und es erschienen zwei junge Frauen. Sie sahen der Älteren ziemlich ähnlich, mochten 19 und 18 sein und trugen ebenfalls graue Kleider, allerdings andersfarbige Häubchen. ‚Ihre unverheirateten Töchter‘, fuhr es Dave durch den Kopf. Die Mutter gab den Töchtern Anweisung, Daves Pferd zu versorgen und bat ihn, ins Haus zu treten. Dave folgte erleichtert.

Die Frauen waren gerade dabei, zu Abend zu essen. Ein karges Mahl! Die Mutter wies die jüngere Tochter an, Fleisch herbeizuschaffen, wohl um den Gast etwas Kräftiges aufzutischen. Sie benahmen sich ihm gegenüber ausgesprochen reserviert. Jede hielt den Blick gesengt, kein neugieriges und unnützes Wort. Das Mahl verlief hauptsächlich still und schweigend, so, als ob sie sich bei Gott entschuldigten, dass sie etwas von seinen Vorräten verzehrten.

Sie wiesen ihm einen Schlafplatz in der Scheune neben seinem Pferd an. Dave war mehr als müde. Er hatte sich gerade auf einem Bündel Heu bequem gemacht, als die Scheunentür leise aufging. Dave reagierte sofort und griff nach seinem Colt. Eine Frau im Nachthemd und gelöstem Haar näherte sich zögernd. Ihren Bewegungen nach musste es sich um die Mutter handeln. Dave mochte das gar nicht glauben, denn gerade sie hatte sich besonders prüde gegeben. Ohne ein Wort zu sagen, lege sie sich zu ihm. Sie zitterte vor Erregung und Begierde. Bei Dave wurden Erinnerungen wach, doch, sexuell ausgehungert wie er war, dachte er nicht weiter drüber nach. Angesichts ihres ungestümen Begehrens und seiner eigenen Erregung vergaß er glatt die raffinierten, von Prostituierten erlernten Praktiken. Er ließ sich einfach von seinen Gefühlen treiben. Die Frau, die unter ihm lag, entpuppte sich als heißer Vulkan. Sie bewegte sich ekstatisch und stöhnte so laut, dass Dave fürchtete, das Scheunendach käme herunter. Nach dem dritten Liebesakt fiel er ermattet in den Schlaf.

Es sollte ein kurzer Schlaf werden. Er wurde wieder geweckt. Die Frau, die jetzt neben ihm lag, roch jünger und fühlte sich jünger an. Später begehrte auch noch ihre jüngere Schwester seine Männlichkeit. Zum Glück waren die Töchter leichter zufrieden zu stellen, als ihre Mutter.

Als Dave aufwachte, stand die Sonne schon voll am Himmel. Das Frühstück verlief so schweigend wie das gestrige Abendessen. Keine der Frauen sah ihm ins Gesicht. Sie taten so, als ob in der Nacht nichts geschehen wäre. Allerdings, später fand er seinen Proviantbeutel prall gefüllt vor. Obenauf lagen drei Rosen.

Dave taumelte auf sein Pferd. Er hatte Schwierigkeiten, wach zu bleiben und war froh, am Treffpunkt seine Kameraden wiederzusehen. Er traf als Letzter ein. Über seine nächtlichen Erlebnisse sagte er kein Wort.

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Sie hielten Kriegsrat ab. Für eine Fortführung des Kampfes fehlte ihnen genügend Gewehr-Munition. Sprengstoff und Spreng-Minen hatten sie gar keine mehr. Angesichts dieser Tatsachen entschloss sich der Hauptmann schweren Herzens, die Gruppe aufzulösen. Die meisten Männer wollten sich in ihre Heimatstaaten Virginia, Nord und Süd Carolina durchschlagen, die Texaner, nämlich der Hauptmann und der Scout, zog es nach Texas. Den beiden schloss sich Dave an. Der Trupp durchquerte noch zusammen den Staat Ohio, an der Grenze zu Kentucky trennten sich ihre Wege. Dave gab den Kollegen ein Bündel Briefe an seine Mutter mit.

Robin, Jonny und Dave folgten dem Ohio Fluss an dessen nördlichem Ufer flussabwärts. Sie gingen vorsichtig vor. Bevor sie einen Landstrich unter die Hufe nahmen, sondierten sie zunächst die Lage ausgiebig durch das Fernglas. An der Grenze zu Indiana schlugen sie die westliche Richtung ein. Sie überquerten den Wabash bei Vincennes. Hier in Illinois steuerten sie St. Louis an.

Indiana und Illinois waren vom Krieg unberührte, wenig besiedelte Unions-Staaten. Sie genossen die friedliche, fruchtbare Landschaft. Direkt hinter Vincennes stießen sie auf einen mittelgroßen Planwagen. Er gehörte einem reisenden Händler. Der Mann mochte knapp 50 sein und machte trotz seines jovialen Gesichts einen resoluten, wehrhaften Eindruck. Er wurde von seinen beiden erwachsenen Söhnen, die beide aussahen wie der Vater, begleitet. Jeder der Drei hatte ein schussbereites Gewehr zur Hand und beäugte misstrauisch die heruntergekommenen Soldaten in Süduniformen. Erst als Robin ihnen mit der Offenheit eines texanischen Aristokraten erklärte, für sie sei der Krieg vorbei und sie seien auf dem Weg nach Texas, sicherten diese ihre Gewehre und entspannten sich.

Beide Seiten kamen nach einer gemeinsamen Mahlzeit und einem kräftigen Schluck Whiskey überein, zusammen zu reisen. Der Händler führte vor allem Ausrüstung für Büffeljäger. Das bot den Südstaatlern die Gelegenheit, ihre Uniformen los zu werden und sich in Jäger zu verwandeln. Der Händler nahm ihre drei Henry-Gewehre samt Bajonett, das Kavallerie-Pferde-Zaumzeug und das, was er von den Uniformen noch für wiederverkaufsfähig hielt, in Zahlung. Sie erstanden zwei Bison-Büchsen samt Munition, zwei Bowie-Messer, drei komplette Kleider-Ausrüstungen sowie Pferde-Zaumzeuge, wie Bisonjäger sie trugen beziehungsweise führten. Nur seinen Offiziers-Kavalleriesäbel, seinen Kompass und sein Fernglas behielt Robin. Sie bezahlten den Händler mit Beute-Dollars. Beide Seiten waren mit dem Geschäft zufrieden.

Sie trennten sich, als sie St. Louis erreichten.

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Dave sah zum ersten Mal den Mississippi. Er bekam vor Staunen den Mund nicht zu. Welch ein Ungetüm von einem Fluss! Zwar kannte er ihn schon aus den Büchern, die er als Junge gelesen hatte, doch die Wirklichkeit übertraf seine kindliche Phantasie bei weitem. Zumal die Breite hinter dem Zufluss des Missouri noch beträchtlich zunahm. Und dann das Schauspiel, das beide Flüsse nach dem Zusammenschluss boten! Sie flossen zwar im selben Bett, doch kilometerweit nebeneinander her, wie man aus den verschiedenen Farben ihrer Wasser ersehen konnte. Als Dave mit der Fähre übersetzte, erinnerte ihn das an seine erste Ausfahrt vom Hafen Norfolk hinaus auf den Atlantik.

In den Straßen von St. Louis stolperten Dave und seine Begleiter fast als erstes über eine Gruppe von Soldaten der Südstaaten-Armee aus Texas. Zwei von ihnen erkannten Robin von der gemeinsamen Dienstzeit. Sie berichteten ihm, dass im Staate Missouri der Sezessionskrieg in einen Bandenkrieg umgeschlagen sei. St. Louis werde von einer Bande ehemaliger Unions-Soldaten terrorisiert.

Robin, Jonny und Dave beschlossen im Vertrauen auf ihre Verkleidung einzeln die Lage zu erkunden. Dave war am erfolgreichsten. Er hatte beobachtet, wie die Bande einem Konkurrenten einen Denkzettel verpasste und hatte auch die beiden Anführer zu Gesicht bekommen. Er versuchte, ihr Aussehen verbal zu beschreiben, hatte dann aber eine bessere Idee. Er ließ sich Papier geben, holte ein Stück Zeichenkohle aus der Tasche und skizzierte im Handumdrehen deren Gesichter auf. Seine Zuschauer beobachteten ihn verblüfft. Am meisten verblüfft war Robin. „Sind das die Anführer?“ stieß er heraus. „Ich kenne die Beiden, das sind Major S. W. Wallis und Sergeant Edgar Stone. Wir haben zusammen gedient. Nicht wahr, Sergeant Stone ist ein vierschrötiger Riese?“

Ganz genau,“ meinte Dave. „Und das Gesicht sieht zum Fürchten aus, so, wie ich es gezeichnet habe.“

Robin dachte eine ganze Weile angestrengt nach. „Deine Zeichnungen bringen mich auf eine Idee,“ sagte er endlich. „Traust du dir zu je vier gleiche Fahndungsplakate von den Beiden anzufertigen? Sie müssten darauf jünger aussehen, als sie jetzt sind, und Yankee-Uniformen tragen. Das Kopfgeld tot oder lebendig können wir ziemlich hoch ansetzen, sagen wir 1000 Dollar für den Major und 300 Dollar für den Sergeanten. Als Herausgeber der Fahndung erlauben wir uns die US-Armee anzugeben. Die Plakate hängen wir dann nachts an vier stark frequentierten Plätzen in der Stadt auf. Ich würde mich wundern, wenn sich die beiden nicht Hals über Kopf aus dem Staube machten.“

Dave brauchte einen Tag, um die Plakate anzufertigen. Sie schlugen ein wie eine Bombe. Trauben von Menschen umsäumten sie. Sicherlich überlegte jeder einzelne, wie er sich das Geld verdienen konnte. Die Frage, woher die Plakate so plötzlich stammten, stellte sich keiner. Wie später zu erfahren war, überlegten selbst einzelne Mitglieder der Bande, ihre Anführer auszuliefern. Diese jedoch flüchteten noch am frühen Vormittag aus der Stadt Richtung Westen.

Am Rande sei erwähnt, dass just diese Bande unter ihren neuen Anführern Frank und Jesse James traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Die Texaner zog es nach Hause. Robin kam auf die Idee, ihre Reisekasse aufzubessern und zwar mit Kartenspielen. Er hatte einen stark frequentierten Saloon entdeckt, in dem Poker gespielt wurde. Er war ein ausgezeichneter Poker-Spieler und kannte fast alle Falschspielertricks.

Robin, Jonny und Dave gingen in ihrer Büffeljäger-Kluft einzeln in den Saloon, so, als ob sie sich nicht kennen würden. Jonny und Dave postierten sich so, dass sie den Pokertisch aus der Ferne gut überblicken konnten. An einer Seite des gut belegten Tisches saß ein offensichtlicher Profi-Spieler, der die Karten mit flinken Bewegungen austeilte. Auch sonst machte er einen flinken Eindruck. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regungen.