Wake 5 - Der Wandel - S. Jay - E-Book

Wake 5 - Der Wandel E-Book

S. Jay

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Beschreibung

Eine finstere Zeit bricht an, als Angor der Welt den Krieg erklärt. Doch es scheint, als würde gerade in den dunkelsten Momenten das Licht in den Menschen am hellsten strahlen. Während sich die Dunkelheit immer weiter über die Welt erstreckt, kämpfen die Lichtkrieger unermüdlich für das Gute und die Liebe und finden immer mehr Anhänger, aber auch Gegner. Mia erkennt in dieser Zeit immer deutlicher ihre Lebensbestimmung, die viel größer zu sein scheint, als sie alle geahnt haben. Doch der Krieg der Pole spitzt sich zu einem großen Showdown zu, in dem sich die beiden größten gegensätzlichen Mächte der Welt gegenüberstehen. Die Welt steht unmittelbar vor einer Apokalypse, deren Angelpunkt sie - das Kind des Teufels - ist. Der Wandel ist unausweichlich. Doch niemand von ihnen weiß, in welche Richtung er gehen wird. Es gibt nur zwei Optionen: Entweder die Menschheit steigt auf oder sie fällt tiefer als jemals zuvor. Mehr Informationen zu der Wake-Reihe gibt es auf: www.sasajay.de

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Wir sind eins

Licht und Schatten

vereint in einem Körper

in einer Welt

tragen wir die Illusion der Trennung

um zu finden

was niemals verloren war

und zu verbinden

was niemals getrennt.

Inhaltsverzeichnis

1. Ein neuer Plan

2. Malina

3. Aina

4. Kell

5. Mia

6. Scham

7. Blasphemie

8. Probleme

9. Feuer

10. O-R-K-A

11. Verführt

12. Übersinnlich

13. Offenbarung

14. Kontrolle

15. Akasha

16. Bestimmung

17. Entschluss

18. Die Lüge

19. Emma

20. Schmerz und Liebe

21. Schuld

22. Seraphin

23. Sarah

24. Wirklichkeit

25. Zeitdruck

26. Krieg

27. Macht

28. Krise

29. Des Teufels Gehilfe

30. Ein langer Tag

31. Zuneigung

32. Image

33. Impuls

34. Befreundete Feinde

35. Entsprechung oder Liebe

36. Der Sturm

37. Apokalypse

38. Rückkehr

39. Wandel

40. Nicht genug

41. Brüder

42. Kampf

43. Hingabe

44. Fehler

45. Tod

1

Ein neuer Plan

Als die Erde anfing zu beben, lief Segall in windeseile aus dem Gebäude und rannte den bewaldeten Hügel hinauf. Er lag am Rande eines kleinen Ortes nahe der Stadt, in der Mia lebte. Von hier oben aus konnte er das gesamte Gebiet überblicken, das sie evakuiert und für Reces Rückkehr vorbereitet hatten. Es war ein Erholungsgebiet, das meist von Touristen besucht wurde, die ihrem stressigen Alltag in den tiefen Wäldern, Schluchten und Badeseen entkommen wollten. Doch seit einer Weile war niemand mehr in das Zentrum der ewigen Unwetter gekommen, wie es mittlerweile genannt wurde. Das war ihnen sehr gelegen gekommen, denn so hatten sie nur die Menschen fortbringen müssen, die hier tatsächlich lebten und nicht auch noch die naturverliebten Urlauber, die sich nicht selten in den Wäldern verirrten.

Die Orte in diesem Gebiet und die Wälder waren jetzt allesamt leer. Es war nicht leicht gewesen, sie alle hier wegzubekommen. Nicht nur, weil sie hier zu Hause waren, sondern weil sie diesen Wald liebten. Mit all seinen Gefahren und Wetterkatastrophen. Bei manchen hatten sie mit der Feuerwehr anrücken müssen, um sie zu überzeugen, dass sie verschwinden mussten. Segall hoffte nur, dass das Gebiet, das sie geräumt hatten, groß genug war.

Während er lief, wählte er die erste Nummer, die in seinem Handy gespeichert war. Doch es ging niemand ran. Als er dann fast an der Spitze des Hügels angekommen war – wo es eine Plattform gab, von der aus man hinunter sehen konnte – erkannte er die Silhouette von Vhan. Segall beschleunigte, was bei dem Beben nicht leicht war. Zu rennen, während sich der Boden hin und her bewegte, war selbst für einen Vampir eine Herausforderung. Als er es geschafft hatte, stellte er sich schließlich still zu ihm und hielt sich am Geländer fest. Das Mondlicht schien ihnen direkt in die bleichen Gesichter, während sie beide das waldige Gebiet überblickten. Als das Beben stärker wurde, haftete Vhans Blick jedoch ausschließlich an den Lichtern der Stadt, in der Angor sein Unwesen trieb. Sie lag weit entfernt, doch Segall vermutete, dass Vhan mehr sehen konnte als er und so sprach er ihn direkt darauf an: »Was geschieht dort?«

»Provokation«, antwortete Vhan leise. »Manipulation. Kontrolle.« Dann nahm er ein paar tiefe Atemzüge. »Er versucht, Mia umzustimmen. Und er wird es schaffen.«

Segall blickte ihm ins Gesicht. Es war faszinierend, ihm dabei zuzusehen, wie er so mühelos in die Zukunft sah. Es war nicht nur ihm ein Rätsel, wie er das schaffte. Sie alle fragten sich, wie Rece ihn mit dieser Gabe ausstatten konnte. Denn soviel sie wussten, hatte nicht einmal Rece diese Fähigkeit. Oder Angor. Vhan war der Einzige ihrer Art, dem die Zukunft nicht verborgen war. »Sie wird es also tun?!«, fragte er ihn. »Sie wird erwachen? So wie ihre Mutter?«

Vhan wartete einen Moment, ehe er antwortete. Er schien erneut Informationen aus der Zukunft abzurufen und sie zu durchdenken. »So etwas kann man nicht tun«, sagte er dann irgendwann. »Man kann es nur zulassen. Solange sie sich dagegen wehrt, wird es nicht geschehen.«

»Aber er wird sie dazu bringen«, folgerte Segall und betrachtete die Stadt, in der gerade das Chaos ausbrach.

Vhan nickte nachdenklich. »Ja. Und er weiß genau, was dazu nötig ist«, antwortete er. »Er hat ihr Ramon genommen. Ihn wiederzusehen, wird sie völlig überwältigen.«

Segall riss den Kopf zu ihm herum. »Er lässt ihn gehen?«, fragte er fassungslos.

Vhan lachte leise. »Er lässt niemanden einfach so gehen. Es gehört alles zu seinem Plan«, sagte er in die Nacht und blickte hinauf zum Mond. »Es wird Zeit, dass wir Rece zurückholen. Es dauert nicht mehr lange und Angor wird bekommen, was er will.«

Ja, es war höchste Zeit. Das wussten sie alle. Angor würde nicht mehr lange zögern. »Wir haben das Gebiet vollständig geräumt. Es wird niemand zu Schaden kommen«, sagte Segall und spürte dabei, wie die Aufregung in ihm anstieg. Er konnte es kaum erwarten, seinem Schöpfer zur Rückkehr zu verhelfen. All die Jahre hatten sie ihm die Treue gehalten. Nicht aus einem Zwang heraus, sondern aus freiem Willen. Sie waren Emilia gefolgt, die ihnen beigebracht hatte, sich von dem Zwang zu lösen, den Angor nicht nur über seine Schöpfungen, sondern über die ganze Welt legte. Und nun war es endlich soweit. Der Sturz Angors, den sie schon so lange planten, stand kurz bevor.

Vhan jedoch blickte immer noch nachdenklich in den nächtlichen Himmel.

Segall fragte sich, was in ihm vorging. Er konnte seine Gedanken nicht hören, was natürlich daran lag, dass Vhan weit mächtiger war, als all die anderen Schöpfungen des Teufels. Doch er hätte gern gewusst, was ihm gerade durch den Kopf ging. Vhan sprach niemals über seine Fähigkeiten oder darüber, was er genau war. Und er sprach auch selten über das, was er in der Zukunft sah. Er war nervtötend verschlossen. Es machte ihn manchmal regelrecht wahnsinnig, so wenig über ihn oder über das, was sich da in seinem Kopf abspielte, zu wissen. Er half ihnen zwar schon seit einer Weile mit seiner Vorausschau, da sie nur auf diese Weise so weit hatten kommen können, ohne von Angor entdeckt zu werden. Doch in ihm musste weit mehr vor sich gehen, als das, was er ihnen an Informationshäppchen zuwarf.

»Oh doch«, sagte Vhan irgendwann leise und bedacht.

Segall blickte ihn überrascht an. Vor lauter Grübelei hatte er schon ganz vergessen, was er zuvor gesagt hatte.

Vhan half ihm auf die Sprünge: »Es werden viele Menschen zu Schaden kommen. Aber das müssen wir in Kauf nehmen.«

Segall blickte ihm verstört ins Gesicht. »Aber … wozu haben wir das Gebiet dann geräumt?«, fragte er irritiert. »Ging es nicht darum, den Schaden so gering wie möglich zu halten?«

Vhan trat einen Schritt zurück und ließ seine Hände in die Manteltaschen sinken. »Es ging darum, die positive Energie aus dem Weg zu räumen«, klärte er ihn auf und sah ihm endlich in die Augen. Dann streckte er den Arm aus und deutete auf die hell erleuchtete Stadt. »Aina«, sagte er andächtig, »Emilia, Sylvia, Mia, Jona…«, er atmete tief ein. »In dieser Stadt herrscht zur Zeit die positivste Energie auf der ganzen Welt! Und das, obwohl der Teufel selbst sie bewohnt und seine Schergen. Diese Energie strahlt auf die Umgebung aus und steckt die Menschen in den Nachbarorten und -städten an. Einer nach dem anderen wird dadurch geweckt. Es ist wie ein Dominoeffekt. Denkst du, in solch einer Umgebung kann sich das dunkelste Wesen dieser Welt manifestieren?«

Endlich verstand Segall. Er blickte die Stadt an und war sich nicht mehr sicher, ob es Rece überhaupt möglich war, auch nur in der Nähe dieser Energie zurückzukehren.

»Es ging darum, die positive Energie weiträumig zu entfernen«, sagte Vhan wieder und blickte ebenfalls die Stadt an. »Er kann nicht mehr in die Nähe seiner Frau. Und wenn seine Tochter erst erwacht, wird es noch schwieriger für ihn. Wir haben nicht viel Zeit. Angor wird alles tun, um sie zu wecken.«

Das Beben wurde stärker und Vhan beobachtete aus der Ferne das Geschehen. Währenddessen wählte Segall noch einmal die Nummer. Aber es ging immer noch niemand ran. Das Beben war jetzt so stark, dass sie Schwierigkeiten hatten, sich auf der Plattform zu halten. »Kell geht nicht an sein Telefon«, sagte Segall und wurde langsam nervös. »Es ist doch alles bereit! Wir haben die positive Energie entfernt. Warum geschieht nichts?«

Vhan wirkte auf einmal angespannt. Für einen Moment schien es, als wolle er über die Brüstung springen und in die Stadt eilen, doch er hielt sich zurück. In seinen Augen waren ernsthafte Sorgen zu erkennen.

»Vhan?« Segall sah ihn wissbegierig an. Wie sehr er sich wünschte, in diesem Moment seine Gedanken lesen zu können! Er musste gerade irgendetwas sehen, das dort vor sich ging. Etwas Besorgniserregendes seinem Gesicht nach zu urteilen. »Was ist?«

Vhan biss die Zähne zusammen und seine Augen huschten in Blitzgeschwindigkeit hin und her, so als würden sie Unmengen an Informationen zu verarbeiten haben.

»Was geschieht dort?«, fragte Segall erneut.

Als Vhan mahnend die Hand hob, verstummte Segall und wartete. Es dauerte noch einen Moment, einen ewigen Moment, in dem sich Segall hundert Mal wünschte, ein höher entwickeltes Wesen zu sein, um sehen zu können, was Vhan sah. Doch dann endlich atmete Vhan auf und ließ den Arm sinken.

Segall wartete noch einen Augenblick. Doch dann überrollte ihn die Ungeduld. »Vhan! Was ist los? Sollen wir eingreifen?«

Endlich wandte sich Vhan zu ihm um. »Er würde euch mit nur einem Augenzwinkern vernichten«, sagte er ruhig. »Nein. Es wird alles gutgehen. Aber«, er sah jetzt wieder hinüber zur Stadt, »es läuft alles nach seinem Plan. Er wird Mia zu einer Entscheidung zwingen. Sie wird sich zwar dagegen wehren, dieselbe Entwicklung wie ihre Mutter zuzulassen, aber es wird geschehen. Rece hat bereits jetzt kaum noch Zugang zu ihr.«

Segall hielt sich an dem bebenden Geländer fest und seufzte. »Er lässt die positive Energie nicht nur ansteigen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, oder?«, fragte er dann ernst. »Er verhindert damit auch seine Rückkehr.«

Vhan nickte. »Ja. Er macht es ihm damit unmöglich.«

»Aber er kann sich doch überall manifestieren!«, sagte Segall jetzt wütend. »In der Wüste, in der Antarktis, im Urwald … Überall!«

Vhan lachte leise und senkte den Kopf. »Segall. Wir sprechen hier von Recedere.« Dann sah er ihn amüsiert über seine Naivität an. »Er braucht ein Mindestmaß an negativer Energie in seiner Umgebung, um sich in seiner ursprünglichen Gestalt manifestieren zu können. Du weißt, wo er sich das erste Mal manifestiert hat.«

Segall senkte den Kopf und nickte. »In Angors Schloss.«

»Exakt. Es war die dunkelste Umgebung, die man sich vorstellen kann und auch dort hat er fast alles zerstört. Und außerdem«, fügte er noch seufzend an, »wird er sich nicht mehr als ein paar Kilometer von seiner Tochter entfernen. Es muss hier geschehen«, sagte er nachdenklich. »In ihrer Nähe. Und in der Nähe seines Bruders. Er braucht seine dunkle Gegenwart. Sonst schafft er es nicht.«

Segall ließ seinen Blick noch einmal über die evakuierte Umgebung schweifen. »Es hat also nicht gereicht, die Menschen aus dem Weg zu räumen.«

»Nein«, sagte Vhan. »Nicht mehr. Die positive Energie ist schon zu stark.«

»Was sollen wir also tun? Wie erschaffen wir genug negative Energie, damit er zurückkehren kann?«

Vhan ging jetzt auf der Plattform auf und ab und legte nachdenklich die Stirn in Falten. »Offenbar reichen nicht einmal mehr Schatten aus. Wir haben in den letzten Tagen das höchste Aufkommen gehabt und doch hat es nicht gereicht.«

»Weil es Naturereignisse sind«, erklärte Segall. »Die Menschen akzeptieren es mittlerweile. Sie nehmen die Schatten hin, selbst wenn sie daran ersticken. Sie lieben ihre Natur«, seufzte er und schüttelte fassungslos mit dem Kopf. »In früheren Zeiten hatte die Natur heftigere Auswirkungen auf den Gemütszustand der Menschen gehabt. Da haben sie noch an erzürnte Götter geglaubt.«

Vhan hauchte ein Lachen aus, als er sich an die alten Zeiten erinnerte. Damals waren die Menschen wirklich noch naiver und einfacher zu kontrollieren gewesen. Sie hatten an böse Geister geglaubt und an den Zorn Gottes, der in Form von Unwettern über sie gekommen war. Diese Zeiten waren lange vorbei. Doch plötzlich verstummte sein Lachen und er blieb stehen. Er hob den Kopf und sah Segall eindringlich an. Ihm war eine Erkenntnis gekommen. »Sie sterben nach wie vor an den Schatten«, stellte er fest und kam langsam auf ihn zu, »aber sie fürchten sich nicht mehr.«

»Sie gewöhnen sich wohl langsam daran«, folgerte Segall.

Vhan nickte. Ein Schatten löste in seiner Umgebung das aus, woraus er bestand. Bei den Menschen ebenso wie in der Natur. Jedoch schien die Wirkung bei den Menschen nachzulassen. Offenbar gewöhnten sich die Menschen wirklich langsam an diese Unwetter und auch an die körperlichen Empfindungen, die sie mit sich brachten. Sie nahmen sie an – und lösten sie damit auf. Deshalb hatte Rece während der Katastrophen in den letzten Tagen nicht zurückkehren können. Im Normalfall wäre die negative Energie hoch genug gewesen. Aber anscheinend waren die Menschen nicht mehr ängstlich genug. »Schatten treten niemals wirklich in Erscheinung. Deswegen fürchten sich die Menschen nicht. Weil sie es für ein simples Unwetter halten. Sie spüren zwar die negativen Gefühle, aber sie bringen es nicht mit dem Unwetter in Verbindung.«

Segall nickte und blickte ihm dabei neugierig ins Gesicht. »Kein dunkles Wesen zeigt sich jemals einem Menschen«, ergänzte er. »Sonst würden wir auffliegen. Und die Menschen«, er lachte, »würden durchdrehen!«

Vhan sah ihn lange an. Und auf einmal grinste er so teuflisch, dass selbst Segall Angst vor ihm bekam. »Die Menschen hatten mehr Angst, als sie noch an erzürnte Götter geglaubt hatten, nicht wahr?! Wesen, die mächtiger und stärker waren als sie.«

Segall nickte verwirrt. Er wusste nicht, worauf Vhan hinaus wollte.

»An Unwetter gewöhnen sie sich. Aber an erzürnte Götter…?!«

»Was … willst du damit sagen?«

Vhan antwortete nicht. Er grinste nur.

»Willst du ihnen etwa wieder strafende Götter auftischen?«, lachte Segall. »Diese Zeiten sind vorbei! So leichtgläubig und naiv sind sie nicht mehr.«

»Keine Götter«, sagte Vhan jetzt. »Vampire.«

Segall entgleisten die Gesichtszüge. Selbst in der Dunkelheit konnte man das Entsetzen in seinen Augen sehen. Er schnappte nach Luft, traute sich aber nicht auszusprechen, was er dachte und so starrte er Vhan nur mit großen Augen an.

»Die stärkste negative Energie ist Angst, nicht wahr? Und was fürchten die Menschen mehr als erzürnte Götter?«, fragte Vhan ihn mit einer wilden Entschlossenheit im Gesicht. »Monster«, antwortete er sich selbst.

Segall stand der Mund offen. »Das ist nicht dein Ernst. Du willst ihnen unsere Existenz offenbaren??«

Vhan grinste immer noch, drehte sich um und ging einfach.

»Das kannst du nicht machen!!«, rief Segall ihm nach.

»Oh doch, ich kann!«, sagte Vhan und verschwand so schnell im dunklen Wald des Hügels, dass Segall nicht mehr dazu kam, etwas zu sagen.

Er blieb auf der vibrierenden, bebenden Plattform zurück und blickte noch einige Minuten lang den Wald an, dessen Dunkelheit Vhan gerade verschluckt hatte wie einen Geist. Er konnte kaum klar denken. Ihm war natürlich bewusst, dass sie – zumindest für kurze Zeit – eine enorme Menge negativer Energie erschaffen mussten, um Rece zur Rückkehr zu verhelfen. Und es erschien ihm auch logisch, dass die effektivste Möglichkeit die Angst der Menschen war. Schatten hatten keine solch ängstigende Wirkung mehr auf Menschen, da sie sich niemals als Wesen zeigten, sondern nur ihre Auswirkungen in der Natur wahrgenommen wurden. Vhans Schlussfolgerung, den Menschen Wesen zu präsentieren, die ihnen Angst einjagten, war also im Grunde vollkommen logisch und würde eine effektive Wirkung erzielen. Doch sie konnten nicht einschätzen, was durch eine solche Offenbarung geschehen würde. Das gesamte Weltgefüge könnte in sich zusammenbrechen. Vielleicht würde eine weltweite Panik ausbrechen, Kriegszustände, Chaos. Segall malte sich bereits Horrorszenarien aus. Die negative Energie auf der Welt könnte so sehr in ein Ungleichgewicht kippen, dass sie völlig die Kontrolle darüber verlieren würden. Und abgesehen davon: Wie würde Angor reagieren, wenn sein seit Jahrtausenden gehütetes Geheimnis plötzlich offenbart würde? Bei diesem Gedanken ergriff eine fundamentale Angst von ihm Besitz. Es war vermutlich dieselbe Angst, die auch die Menschen schon gespürt hatten. Damals, als sie noch an Götter geglaubt hatten, die ihre Schöpfer waren und gleichsam ihre Zerstörer sein konnten. Sie zu erzürnen war nie eine gute Idee gewesen. Und ebenso eine schlechte Idee war es, Angor zu erzürnen. Er würde völlig die Kontrolle über die Welt verlieren. Die Kontrolle, die er seit Jahrtausenden für sich beanspruchte. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was für Konsequenzen das haben würde. Doch die Bilder und Szenarien verselbstständigten sich in seinem Kopf und versetzten ihn in Alarmbereitschaft. Vhan war nicht gerade jemand, der gern scherzte. Er meinte es ernst. Todernst.

2

Malina

Sie hatte ihn schon immer gehasst. Sefar. Den mächtigsten unter ihnen. Und es war auch nicht ungewöhnlich zu hassen, wenn man ein dunkles Wesen war. Sie waren alle aus diesem Hass gemacht. Aber Sefar hasste sie von allem, was man hassen konnte, am meisten. Sie hätte ihn im Laufe ihres Daseins schon zehntausend Mal in Stücke gerissen, wenn es ihr je möglich gewesen wäre. Zehntausendundein Mal, wenn sie diesen Moment mitzählte. Vielleicht lag es an seiner Überheblichkeit und Arroganz. Er ließ keine Gelegenheit aus, alle anderen Wesen spüren zu lassen, wer er war und wie überlegen er ihnen allen war. Deshalb brachte er Malina auch nicht einfach um, sondern demonstrierte ihr seine Stärke, indem er sie während des Erdbebens sehr effektiv von Mia und ihren Freunden fernhielt.

Ihre Wut auf ihn stieg ins Unermessliche. Es war ihr unmöglich, Mia zu helfen. Sie hatte momentan niemanden, der sie beschützte. Ramon war noch in Angors Schloss, Kell hatte seit Stunden nichts mehr von sich hören lassen und Vhan konnte nicht ins Geschehen eingreifen, da Angor hier noch irgendwo herum lief. Sie hoffte, dass wenigstens Mias Mutter unterwegs war. Wenn sie hier auftauchte, mussten sie alle verschwinden. Selbst Malina hatte es vor ein paar Stunden – als sie sich alle in Alvas Haus getroffen hatten – kaum in ihrer Nähe ausgehalten. Krampfhaft hatte sie versucht, ihre negativen Emotionen aufrechtzuerhalten, die sich in Ainas Gegenwart jedes Mal spürbar in Luft auflösten.

Malina lag stöhnend am Boden, während Sefar an ihr vorbei ging und wartete, bis sie sich wieder aufrappelte. »Bastard«, raunte sie atemlos in den bebenden Waldboden.

Sefar lachte. »Mir ist ja klar, dass ihr niederen Geschöpfe offenbar masochistisch veranlagt seid«, sagte er höhnisch, »aber das ist erbärmlich, Malina. Du weißt, dass du keine Chance hast. Warum ersparst du uns den Aufwand nicht?«

Als Malinas Bein wieder geheilt war, sprang sie auf und versuchte, ihm ins Gesicht zu schlagen, doch er wehrte sie ab und schleuderte sie gegen einen Baum. Sie spürte, wie ihre Rippen brachen, als sie gegen den Stamm schlug und fiel dann keuchend zu Boden. Sie stützte sich jedoch sofort ab und stand wieder auf. »Ist wohl … eine menschliche Eigenschaft«, sagte sie heiser. »Etwas, das du nicht mehr besitzt.«

»Ja«, sagte er seufzend und kam näher. Er hielt sich erstaunlich gut auf der schwankenden Erde. Selbst Malina hatte Schwierigkeiten, zu stehen. »Dass er euch diese offensichtlichen Schwächen gelassen hat, macht euch zu denselben erbärmlichen Kreaturen. Es ist fast tragisch mit anzusehen, wie ihr mit offenen Augen in euer Verderben rennt. Genauso wie diese Menschen. Ihr seid ihnen so ähnlich.«

Malina lachte leise. Ihm war nicht klar, wie recht er hatte. »Ja, ähnlicher als ihr es je sein werdet«, sagte sie. Angor hatte seinen 7 perfekten Schöpfungen alles genommen, was seiner Meinung nach eine menschliche Schwäche war. Allem voran die Fähigkeit des Mitgefühls, wodurch sie nicht erkennen konnten, was in anderen Wesen vor sich ging. Das befähigte sie zu einem blinden Gehorsam und einer unerreichten Kälte, doch es nahm ihnen auch die Möglichkeit, an dem, was andere sehen, fühlen und wahrnehmen konnten, zu wachsen und zu lernen. Er konnte nicht fühlen, was Malina gefühlt hatte, als sie nach dem Tod ihres Bruders gespürt hatte, dass er noch lebte. In ihr waren Überzeugungen eingestürzt, Glaubenssätze wie Luftblasen zerplatzt und Wissen über die Welt und die Realität in sich zusammengefallen. Sie hatte erkannt, dass die Dinge, die sie für real und wahr gehalten hatte, nicht festgelegt waren. Und das hatte sie nur deshalb erkannt, weil sie mitgefühlt hatte, was Kell erlebt hatte. In ihm waren dieselben Erkenntnisse erwacht. Mitgefühl. Es war eine Eigenschaft, die Angor hasste und die seine persönliche Armee nicht besaß. Sefar glaubte, dadurch mächtiger zu sein. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Tatsache, dass ihm diese Eigenschaft fehlte, begrenzte ihn. Er war auf das Wissen festgelegt, das Angor für ihn vorgesehen hatte. Etwas Anderes gab es für ihn nicht. Er würde völlig in sich zusammenstürzen, wenn er erfuhr, dass Kell noch lebte.

3

Aina

Während des Erdbebens lief Aina durch die Straßen. Es war spät, doch es war noch viel zu viel los. Die Menschen, die noch unterwegs gewesen waren, steckten nun mitten im Chaos. Autos standen quer auf den Straßen und hupten, Sirenengeheul mischte sich mit hinein und panische Rufe von Menschen, die versuchten, dem Chaos zu entkommen. Aina sah unzählige Unfälle, als sie an den Menschen vorbei rannte. Aber so lag die Aufmerksamkeit der Menschen wenigstens nicht auf ihr und der unmenschlichen Geschwindigkeit, mit der sie lief. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den nackten Füßen zu verlieren. Ein Hochgefühl stieg in ihr auf. Erneut. Und wieder verstörte es sie, in solch einer Lage ein Gefühl wie dieses zu empfinden. Sie suchte die Sorge in ihrem Herzen und die Angst um ihre Tochter, die auf dieser Party war und womöglich in großer Gefahr schwebte. Dies war schließlich kein normales Beben! Es musste von Angor ausgelöst worden sein. Doch keines dieser Gefühle war mehr da. Keine Wut und keine Angst. Nicht einmal Besorgnis. Ihr Verstand rebellierte, während sie lief. Was war sie für eine Mutter, wenn sie keine Sorge für ihr Kind empfinden konnte? Sie hatte ihr Leben lang Angst um ihre Tochter gehabt. Es war doch ihr Job, sich Sorgen um ihr Kind zu machen! Sie musste dafür Sorge tragen, dass es ihr gut ging. Das war die Aufgabe einer Mutter. Doch in ihr war nichts mehr davon vorhanden. Nichts.

All diese Gedanken und verwirrenden Gefühle in ihr vereinnahmten so vollkommen ihre Aufmerksamkeit, dass sie nicht auf den Verkehr achtete und fast in ein Auto lief, als sie die Straße überquerte. Jemand riss sie jedoch rechtzeitig am Arm zurück. Aina stolperte und als sie sich umdrehte, sah sie in die schönsten blauen Augen dieser Erde!

Es war dunkel. Der Strom war ausgefallen und nur die Autoscheinwerfer beleuchteten die Umgebung. Doch um diese Frau herum, die da vor ihr stand und sie anlächelte, war alles viel heller. Aina war, als blicke sie durch ihre Augen in die Unendlichkeit. Sie konnte kaum wegsehen. Ihr Blick war so voller Weisheit und Wärme. Als dann auch noch eines dieser wunderschönen Augen zwinkerte und das Lächeln der Frau breiter wurde, zersprang Aina fast vor Hochgefühlen. Es musste eine Ewigkeit vergehen, in der sie dastand und die Frau anstarrte, die sie davor bewahrt hatte, mitten in ein Auto zu rennen. Es fühlte sich so an. Unendlich lang. Doch vermutlich vergingen in Wirklichkeit nicht einmal zwei Sekunden.

»Augen auf, Aina«, sagte die Frau schmunzelnd zu ihr. Ihre Stimme war sanft und melodisch. Und doch so durchdringend, dass sie sie in ihren Knochen spürte. Sie klang wie ein Engel. »Es ist alles gut«, sagte das engelsgleiche Wesen noch. Und dann ließ sie Ainas Arm los und ging einfach weg.

Aina blickte ihr nach. Sie ging die Straße hinunter. Gemächlich. So als sei um sie herum nichts als Frieden. Und mit dem nächsten Augenzwinkern war sie plötzlich verschwunden. Aina sah sich um. Die Menschen um sie herum, die zuvor panisch umher gelaufen waren und geschrien hatten, waren auf einmal viel ruhiger. Die Erde bebte zwar immer noch, aber die Leute brachten sich jetzt ohne jede Panik in Sicherheit. Aina zwinkerte irritiert. Was passierte hier? Lag es an ihr? An ihrer positiven Ausstrahlung? Oder war es diese Frau gewesen, die…

Plötzlich hörte sie aus weiter Entfernung einen Schrei. Ihre Sinne waren so geschärft, dass sie neben all dem Lärm selbst das Rasseln der kleinen Kiesel auf dem bebenden Boden hören konnte. Es war Mia! Sie war in Gefahr. Aina lief sofort wieder los. Und dieses Mal war sie noch schneller. Sie rannte ohne Angst, doch voller wilder Entschlossenheit und Sicherheit in Richtung Schule, wo die Erde am stärksten bebte.

4

Kell

Sefar blieb direkt vor Malina stehen und betrachtete sie abschätzig. »Mir scheint, du empfindest mittlerweile Stolz für diese Spezies«, sagte er mit einem angewiderten Ausdruck in seinem Gesicht. »Es ist eine Schande, was diese kleine Göre mit dir gemacht hat.«

Malina dachte wieder an Mia und daran, dass sie sie beschützen musste. Sie schlug ihm ins Gesicht und versuchte, zu entkommen, doch Sefar packte sie blitzschnell und schleuderte sie zurück.

»Du warst einmal die gefürchtetste deiner Art, Malina«, sagte er und kniete sich zu ihr hinunter. »Stolz und mächtig. Und jetzt sieh dich an.« Er drehte ihren sich krümmenden Körper zu sich um und legte seine Hand fest um ihren Hals. »In Sorge um ein kleines Mädchen, das dich zerstören wird«, raunte er verächtlich. »Du bist eine Schande. Ich sollte dir das Leben genauso aussaugen wie deinem Bruder.«

Malina lachte erneut. Dieses Mal leiser, doch genauso höhnisch. »Hochmut«, keuchte sie, »kommt vor dem Fall.«

Er runzelte die Stirn und wollte gerade Luft holen, um wütend auf ihre Worte zu reagieren, doch dazu kam er nicht mehr. Etwas huschte fast geräuschlos und blitzschnell durch den Wald auf ihn zu und stieß ihn mit einer Gewalt von Malina weg, dass er jetzt selbst gegen einen Baum schlug und zu Boden fiel.

Malina schnappte erleichtert nach Luft und sah glücklich zu Kell auf, der ihr jetzt die Hand reichte. Er zog sie auf die Füße, zwinkerte ihr kurz zu und ging dann zu Sefar hinüber.

Dieser sprang wütend auf. Doch als er Kell erblickte, erstarrte er. Wie zu einer Eisskulptur gefroren stand er zwischen den Bäumen und blickte ihm ungläubig und fassungslos ins Gesicht. Es war nicht möglich! Es war schlicht und ergreifend nicht möglich, was er sah. Das war es, was seine von Schrecken erfüllten Augen ausdrückten. Noch nie zuvor hatten sie ihn so gesehen. Die Kälte und Härte war aus seinem Gesicht gewichen und hatte einem entrückten, verstörten Ausdruck Platz gemacht, den Kell und Malina ausgiebig genossen. »Das«, sagte Sefar irgendwann, »ist unmöglich.«

Kell schwang sein Schwert und trat entschlossen und wütend auf ihn zu. »So unmöglich, wie die Tatsache, dass ich dich ebenso genussvoll töten werde, wie du mich getötet hast?«

Sefar schnaubte verzweifelt. »Wie um alles in der Welt hast du…?« Kells Anblick schien ihn regelrecht zu zerstören. Als würde der Wahnsinn Besitz von ihm ergreifen, huschte sein Blick hin und her, als suche er im dunklen Wald nach einer Erklärung. Doch er fand keine. »Das ist unmöglich«, raunte er wieder und betrachtete Kell ungläubig.

Plötzlich stoppte das Beben. Alle Blicke wanderten sofort in Richtung Schule. Sie hörten einen Schrei. Es war Mia! Malina lief reflexartig los, doch im selben Moment hörten sie, wie jemand durch den Wald rannte. Jemand, der schneller war als sie. Viel schneller.

»Ramon«, flüsterte Malina erstaunt. »Es ist Ramon!«

Kell trat vor, um besser sehen zu können. »Er hat ihn frei gelassen??«

Auf einmal lachte Sefar hinter ihnen. »Er lässt niemanden einfach frei«, sagte er. Auf einmal schien er wieder vollkommen gefestigt. Man konnte wieder den überheblichen Ton in seiner Stimme hören. »Das wisst ihr besser als ich, nicht wahr?!«, fügte er noch an und bewegte sich langsam von ihnen weg.

Kell folgte ihm langsam. »Was soll das heißen?«

Wieder lachte er. »Das heißt, dass er weder euch noch Ramon oder sonst wen jemals einfach so davon kommen lässt. Ihr glaubt doch nicht tatsächlich, dass er euch verschonen wird, nur weil die kleine Göre es so will?! Oder Ramon? Das hier ist sein Spiel«, sagte er, »und ihr seid seine Schachfiguren. Ihr alle.« Er breitete die Arme aus und lachte wieder. »Was denkt ihr wohl, wer gewinnen wird, wenn nur ein Spieler am Schachbrett sitzt?« Mit diesen Worten verschwand er im dunklen Wald. Es schien fast, als flüchte er vor ihnen. Zweifellos hatte Kells Anblick ihm einen Schrecken versetzt und die beiden Geschwister waren sich sicher, dass er jetzt gerade zu Angor lief wie ein kleiner Junge und petzte, dass Kell die Dreistigkeit besaß, noch zu leben! Und wenn Angor erst davon erfuhr, dauerte es nicht lange, bis sie seine Wut zu spüren bekamen.

5

Mia

Mia saß auf Ramon und guckte ihn erschrocken an. Ihre Hände lagen auf ihrem Mund. Sie war so glücklich, ihn zu sehen! Seine Augen. Diese wunderschönen Augen, die immer die Welt um sie herum anhielten, wenn sein Blick auf ihr lag. Auch jetzt stand die Welt still. Alles war ruhig. Nur er existierte in diesem Moment für sie. Nur er und sein überraschtes Gesicht. Was hatte sie getan? In ihre hysterischen Glücksgefühle mischte sich Scham und Schuld. Und tausend Gedanken hämmerten durch ihren schmerzenden Kopf. Gedanken, die sie anschrien, sofort aufzustehen und sich zu entschuldigen. Bei ihm und bei Jona. Jona! Sie hob den Kopf und sah sich um. Er kam gerade aus der Menge, die aus der Sporthalle strömte und sah sie an. Mit einem entsetzlichen Blick! Bei ihm waren Jan und Mike. Sie sahen sie ebenfalls an. Mia drehte sich zu dem Riss in der Erde. Nadja war in Sicherheit und rappelte sich gerade auf. Und als sie sah, dass Mia auf Ramon saß, stockte sie. Sie hatte den Kuss nicht gesehen. Vermutlich war sie die Einzige, die ihn nicht gesehen hatte. Alle anderen Blicke verrieten, was vor wenigen Sekunden geschehen war. Und diejenigen, die nicht über den Kuss entsetzt waren, waren erschrocken über den Flug, den Ramon gerade mit Mia hingelegt hatte. Sie waren aus dem Erdspalt geschossen wie eine Rakete und im hohen Bogen über den Platz geflogen, um dann auf der Wiese aufzuschlagen. Viele Schüler, die nichts von all dem übersinnlichen Kram wussten, hatten dies mit angesehen und starrten sie nun um Fassung ringend an.

Mia löste sich sofort schweren Herzens von Ramon und stand auf. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah sich ängstlich um. Und in diesem Moment verstärkte sich der Schmerz in ihrem Kopf. Sie hob die Hand an ihre Schläfe und schwankte. Alles drehte sich und verschwamm vor ihren Augen. Sie sah noch, wie Ramon aufsprang und die Arme nach ihr ausstreckte, bevor sie umkippte. Doch es war nicht er, der sie auffing. Es war ihre Mutter. Sie war plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und hielt sie ganz fest. In ihren Armen wurde auf einmal alles friedlich. So friedlich, dass es gar nicht mehr wichtig war, was alle dachten. Es war nicht wichtig, ob Jona wütend oder eifersüchtig war, ob ihre Freunde jetzt alle sauer auf sie waren, ob Ramon erschrocken über den Kuss war, oder ob die Welt jetzt unterging. Es war nicht mehr wichtig. Es war alles okay. Alles war in Ordnung, als sie das Bewusstsein verlor und weg getragen wurde. Weg von all den Blicken und all den Gedanken. Und weg von dem Chaos, das Angor angerichtet hatte.

6

Scham

Aina lag stundenlang neben ihrer Tochter im Bett, beobachtete sie beim Schlafen und lauschte ihren Träumen. Mias Haut sah im Dunkeln aus wie feinstes Porzellan. Ihre Wimpern lagen zart und rabenschwarz darüber, bewegten sich manchmal leicht mit, wenn ihre Augen beim Träumen hin und her huschten und streichelten über die zarte Haut über den Wangenknochen. Aina strich ihr liebevoll über das dunkle Haar und immer, wenn Mia im Traum etwas Erschreckendes sah, berührte sie ihre Hand, um ihr zu zeigen, dass sie nicht allein war. Das war alles, was sie im Moment für sie tun konnte. Es war erschreckend wenig. Sie wollte sich Vorwürfe machen, weil sie nicht rechtzeitig da gewesen war, um ihren Sturz in diesen Erdspalt zu verhindern, doch es war ihr unmöglich, Schuld zu fühlen. Wie würde sie in Zukunft damit leben können, all diese Gefühle, die sie als Aina und als sorgende Mutter ausgemacht hatten, nicht mehr zu fühlen? Seit Mia auf der Welt war, hatte sich ihr Leben ausschließlich um ihren Schutz gedreht und war erfüllt gewesen von Sorgen und Ängsten. Sie konnte nicht damit umgehen, sich keine Sorgen mehr um ihr Kind machen zu können. Sie konnte es nicht.

Mit dem Versuch Verzweiflung zu fühlen, berührte sie die Stelle an Mias Kopf, die vor einigen Stunden noch geblutet hatte. Die Verletzung war stark gewesen und sie konnte noch ein wenig verkrustetes Blut in ihrem Haar fühlen. Doch jetzt war alles verheilt. Schon seit Stunden. Sie hatte sie erst ins Krankenhaus bringen wollen. Doch als Ramon ihr mitgeteilt hatte, dass der Chefarzt dort zu Angors Leuten gehörte und Mias Kopfverletzung schon nach wenigen Minuten von selbst geheilt war, waren sie schließlich nach Hause gegangen. Seitdem schlief Mia. Und sie träumte. Ununterbrochen. All die Geschehnisse vom heutigen Abend spielten sich in ihr noch einmal ab. Aus jeder erdenklichen Perspektive. Es war erstaunlich, wie sie die Ereignisse aus den Augen Anderer betrachtete.

Aina sah in Mias Träumen Kell und Malina im Wald mit Sefar und erlebte ihr Gespräch mit. Sie fragte sich, wie das möglich war. Sie war doch gar nicht dabei gewesen. Wie konnte ihre Tochter Dinge sehen, die sich an ganz anderen Orten abgespielt hatten? Sie sah auch ihre Mutter, wie sie heute Nacht durch die Straßen gelaufen war und sie hörte sogar – als sei sie in ihren Körper geschlüpft – was in ihr vorgegangen war. Sie hörte, wie ihre Mutter sich Vorwürfe machte, weil sie keine Sorgen mehr spüren konnte. Und sie sah sogar die geheimnisvolle Frau, die Aina vor dem Unfall bewahrt hatte. Es war faszinierend, Mias Träume zu beobachten. Sie sah so viel. So viele Dinge, die sie gar nicht gesehen haben konnte! Sie sah all die Schüler in Panik aus dem Gebäude rennen und spürte all ihre Emotionen. Und sie sah Ramon. Immer wieder Ramon. Aina spürte, welch heftige Gefühle er in ihrer Tochter auslöste. Mia war völlig überwältigt von der Intensität dieser Gefühle und versuchte, sie nicht zu sehr hervorkommen zu lassen. Sie machten ihr Angst.

Als Aina intensiver über Ramon nachdachte, öffneten sich plötzlich Mias Augen. Sie huschten über Ainas Gesicht und sahen sich dann im Raum um. Mia richtete sich halb auf und versuchte, sich zu orientieren. »Alles in Ordnung«, sagte Aina sanft und berührte ihre Tochter an der Schulter. »Du bist zu Hause.«

Mia sah ihre Mutter an. »Wo ist…«

»Ramon ist draußen«, antwortete Aina rasch, »und spricht mit Kell und Malina.«

Mia ließ erleichtert die Schultern sinken. Er war also hier. In ihrer Nähe. Ihr fiel ein solcher Stein vom Herzen, dass sie sich wieder in die Kissen fallen ließ. Es war ruhig draußen. Fast zu ruhig. Nach all den Ereignissen wirkte eine solche Stille beunruhigend, obgleich sie ein wenig Erholung bot. Mia drehte ihren Kopf zu ihrer Mutter und sah ihr in die Augen. Sie versuchte, darin die Gefühle zu erkennen, die sie früher immer in ihren Augen gesehen hatte. Die Angst und die Besorgnis. Aber sie waren nicht da. Schon seit einer Weile nicht mehr. »Ich habe dich gesehen«, sagte Mia jetzt leise. »Im Traum.«

Aina nickte. »Ich weiß.«

Mia blickte sie überrascht an. »Du kannst meine Träume sehen? So wie Ramon?«

Wieder nickte ihre Mutter.

Mia seufzte. Es war merkwürdig, dass ihre Mutter plötzlich all diese Fähigkeiten besaß. Sie würde sich erst daran gewöhnen müssen. »Ist das wirklich so passiert?«

»Ja«, raunte Aina. »Du hast geträumt, was während des Bebens um dich herum geschehen ist.«

Mia sah sie lange nachdenklich an. In letzter Zeit träumte sie öfter von Dingen, die um sie herum geschahen. Von der Gegenwart ebenso wie von der Vergangenheit. Also überraschte sie diese Sache nicht sonderlich. »Wer war die Frau?«, fragte sie dann neugierig.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Aina nachdenklich.

»Glaubst du, sie war eine von...« Sie sprach das Wort XAINA nicht aus, aber Aina wusste natürlich, was sie meinte.

»Möglich«, entgegnete sie. Es war eine merkwürdige Begegnung gewesen, erinnerte sich Aina. Und nach dem Erscheinungsbild der Frau zu urteilen und dem Frieden, den sie in ihrer Umgebung ausgelöst hatte, war es nicht auszuschließen, dass es sich um einen Engel gehandelt hatte. Aina sträubte sich jedoch immer noch dagegen, eins dieser Wesen zu sein. Ein Wesen, das kaum noch menschlich war, weil es keine negativen Emotionen mehr fühlen konnte. Sie senkte den Blick und versuchte erneut, Schuld zu fühlen. Aber es gelang ihr nicht.

»Ich … will nicht, dass du dir Vorwürfe machst, Ma«, sagte Mia daraufhin. »Es ist okay.«

Aina lächelte milde und berührte Mias Hand. »Das ist nicht okay«, erwiderte sie leise. »Mir keine Sorgen um dich machen zu können, ist … nicht okay.« Sie senkte den Blick.

Mia sah sie mitfühlend an. »Aber Sorgen sind negative Gefühle«, sagte sie. »Ich wäre froh, wenn ich keine Sorgen mehr fühlen müsste.« Damit versuchte sie, ihre Mutter aufzuheitern und grinste leicht.

Aina lächelte dankbar, hob Mias Hand zu ihrem Mund hoch und küsste sie sanft. »Aber ohne Sorgen und Ängste«, versuchte sie jetzt zu erklären, »ist man nicht mehr wachsam. Man nimmt alles hin, weil alles okay ist.« Sie versuchte, schuldbewusst zu gucken, schaffte es aber nicht.

»Trotzdem bist du aber zu mir gelaufen«, entgegnete Mia jetzt. »Obwohl du nicht besorgt warst.«

»Ich war zu spät.« Aina sah Mia tief in die Augen. »Und ich möchte, dass mir das leid tut. Ich möchte mir Vorwürfe machen und Schuld fühlen. Ich hätte da sein müssen, um dich zu beschützen.«

Mia umfasste die Hand ihrer Mutter fester und rückte mit dem Kopf näher an sie heran. »Nein«, sagte sie dann, »hättest du nicht. Du hast doch genau gewusst, dass mir nichts passieren wird.«

Aina stutzte und sah ihre Tochter überrascht an.

Mia hingegen spürte eine vollkommene Sicherheit in sich. Sie wusste nicht genau, wo sie herkam. Vielleicht daher, dass sie genau gespürt hatte, was in ihrer Mutter vorgegangen war. Es hatte sich angefühlt, als habe sie sich ihren Körper übergestreift, so deutlich hatte sie ihre Gefühle wahrgenommen. Es war wunderbar gewesen, solch ein Vertrauen zu spüren und eine so unumstößliche Sicherheit und Ruhe. Das hatte sie noch nie zuvor gespürt. Und vielleicht spürte sie sie jetzt immer noch und sprach deshalb so selbstsicher, als sie sagte: »Ich habe es im Traum gefühlt. Du hast genau gewusst, dass alles gutgehen wird. Und es ist ja auch alles gut gegangen. Ramon war doch da.«

Aina atmete tief ein. Wie war es möglich, dass ihre Tochter mehr über ihre seltsamen neuen Gefühle wusste als sie selbst? Sie hatte diese innere Sicherheit nicht deuten können. Sie hatte sie gefühlt, ja, aber woher hatte sie wissen sollen, was sie zu bedeuten hatte? Wie konnte sie diesem Gefühl einfach vertrauen, wenn ihre Tochter in Gefahr war? In solchen Momenten regierte ihr Verstand und befahl ihr zu handeln – trotz der seltsamen Gefühle. Sie hätte doch nicht einfach tatenlos herum sitzen können! Aber genau das hatte ihr Gefühl ihr gesagt. Sie war ruhig gewesen. Vollkommen ruhig und sicher. Und damit kam sie nicht klar. Und sie wusste nicht, ob sie es jemals können würde. »Es ist nicht wirklich alles gut gegangen, Mia«, sagte Aina dann. »Du warst verletzt.«

Mia fasste sich sofort an den Kopf und bemerkte das getrocknete Blut. Dann nahm sie ihre Hand nach vorn und betrachtete sie. Die Wunde war schon verheilt. Sie blutete nicht mehr. Und es tat auch nicht mehr weh. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Wundheilung offenbar schon seit einer Weile genauso schnell war, wie bei Kell und Malina. Sie erinnerte sich an das Patchouli-Kraut, das starke Verbrennungen auf ihrer Haut ausgelöst hatte. Die Verletzungen waren jedoch nach kürzester Zeit wieder verheilt gewesen. Und die Wunde an ihrem Kopf…

»Es waren nur Minuten gewesen«, klärte ihre Mutter sie über die Heilgeschwindigkeit ihrer Kopfverletzung auf und beobachtete interessiert weiterhin die Gedanken ihrer Tochter.

Mia richtete sich wieder auf. Ihr fiel die Blutgeschichte ein, die Kell ihr erzählt hatte. Darin ging es um die Schöpfungen des Teufels, die – je mächtiger sie waren – dem Menschen umso mehr ähnelten. Sie dachte an die Hierarchie, in deren Rangordnung Angor und ihr Vater die Spitze darstellten. Sie waren die mächtigsten. Unter ihnen standen ihre persönlichen Schöpfungen. Ramon und Emilia, ihre Großmutter. Doch warum war ihr nie in den Sinn gekommen, dass sie selbst ebenfalls in diese Hierarchie gehörte? Sie war doch seine Tochter! Auf welcher Stufe stand sie? Mia hob ihre Hände und betrachtete sie. Zweifellos musste in ihren Adern ebenfalls dieses mysteriöse ursprüngliche Menschenblut fließen, das den höheren Schöpfungen des Teufels diese Macht verlieh. Und das musste doch bedeuten, dass sie ebenso mächtig war! Warum wurde ihr das erst jetzt bewusst? Sie sah ihre Mutter erstaunt an und bemerkte, dass sie ebenso erstaunt über diese Erkenntnis zu sein schien. Jedoch spielte sie eher mit dem Gedanken, dass all diese Macht noch immer in den Menschen stecken musste, wenn Angor sie von ihnen kopiert hatte. Und sie fragte sich, wie er all diese Fähigkeiten und Mächte in ihnen ausgeschaltet hatte.

»Er hat sie unterdrückt«, sagte Mia daraufhin, »und ihnen Angst gemacht. Damit hat er sie geschwächt und vielleicht sind ihre Kräfte dann immer mehr…« Plötzlich stockte sie. Hatte sie gerade auf einen Gedanken geantwortet, den ihre Mutter gehabt hatte?? Warum hörte sie auf einmal ihre Gedanken?

Jetzt richtete sich auch Aina auf und betrachtete ihre Tochter prüfend. Dann nahm sie ihre Hand.

Mia senkte den Blick. An der Stelle, an der ihre Mutter sie berührte, begann ihre Haut zu glühen. Sie riss erschrocken den Kopf hoch. »Das ist mir auch mit Ramon passiert«, sagte Mia erstaunt.

Aina sah ihre Tochter groß an. »Mir ist es mit Vhan passiert.«

»Mit Vhan??«, rief Mia überrascht aus. Was hatte das zu bedeuten?

»Und in der Nacht im Wald«, fuhr Aina fort, »als ich…« Sie erinnerte sich daran, dass Malina sie fortgetragen hatte und sah die Bilder noch einmal vor sich. Mia beobachtete diese Bilder neugierig und sah, dass ihre Mutter bereits in ihren Armen erwacht war. Als Malina sie berührt hatte. Aina zog rasch ihre Hand weg und stand auf. »Schnell«, sagte sie jetzt fordernd, »sag mir, ob du negative Gefühle fühlen kannst, Mia!«

Mia sah sie erschrocken an und versuchte sofort, etwas Negatives zu fühlen. Doch sie fand nichts. Keine Ängste, keine Wut, keine Schuldgefühle, weil sie Ramon geküsst hatte und Jona … Erst jetzt fiel ihr das alles wieder ein! Mia sprang auf und wollte in Panik geraten. Doch auch das gelang ihr nicht. Sie fasste sich an den Kopf und an das Herz und suchte verzweifelt etwas Negatives. Es musste doch etwas geben! Sie dachte an Angor. An sein gemeines Grinsen und seine Überheblichkeit. Sie dachte daran, was er Ramon angetan hatte und ihrem Vater! Und dann endlich spürte sie einen Funken Wut. Nicht viel. Doch es reichte aus, um erleichtert aufzuatmen.

»Geh«, sagte ihre Mutter, »schnell! Geh zu Ramon. Ich bleibe hier oben.«

Mia verließ sofort das Zimmer. Es stieg ein Hauch Angst in ihr auf, dass sie sich jetzt ebenso von ihrer Mutter fernhalten musste wie Kell und Malina, weil sich in ihrer Gegenwart alles Negative auflöste. Aber das wollte sie nicht! Sie ging noch einmal zurück und lugte in den Raum. Ihre Mutter stand am Fenster und sah hinaus. Ihre Hand lag an ihrem Kopf. Es war verstörend, ihre verzweifelte Körperhaltung zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass es Verzweiflung in ihr nicht mehr gab. »Mama?«, sagte Mia leise.

Aina drehte sich um. Sie sah wunderschön aus. Fast unwirklich. Wie ein Engel, der da am Fenster stand und mit dem nächsten Blinzeln verschwinden würde.

»Ich hab dich lieb«, sagte Mia gefühlvoll.

Aina lächelte glücklich. »Ich dich auch, meine Kleine. Immer.« Und dann winkte sie sie hinaus.

Mia ging wieder, lief leise über den Flur und schlich die Stufen hinunter. Was sollte sie zu Ramon sagen, wenn sie ihn sah? Sollte sie sich zuerst entschuldigen? Oder würde er das falsch verstehen? Wenn sie sich entschuldigte, klang das so, als täte es ihr leid, dass sie ihn geküsst hatte. Aber das tat es nicht. Nicht wirklich. Es tat ihr leid, dass Jona sich deswegen vermutlich schlecht fühlte und es tat ihr leid, falls Ramon das überhaupt nicht gewollt hatte. Schließlich war er doch so etwas wie ihr Bruder! Musste sie sich nicht eigentlich ekeln? Wieso ekelte sie sich nicht? Irgendwie hatte es ihr gefallen. Viel zu sehr. Mia fasste sich an den Kopf, als sie am Fuß der Treppe ankam. Was dachte sie da eigentlich? Wo waren ihre Schuldgefühle? Und wo war ihr Schamgefühl? Sie hatte vor der ganzen Schule jemanden geküsst, der nicht Jona war! Bestimmt hassten sie jetzt alle! Aber warum konnte sie sich das nicht glauben? War sie immer noch in Reichweite der positiven Schwingungen ihrer Mutter?

Während sie darüber sinnierte, ging sie um die Treppe herum und lugte kurz ins Wohnzimmer, um zu sehen, ob ihr Großvater da war. Es lag jemand auf der Couch. Doch es war nicht ihr Großvater. Mia schlich näher heran und als sie über die Lehne schaute, trafen sie die Schuldgefühle nun doch eiskalt mitten ins Herz.

Es war Jona, der da auf der Couch lag! Mia hielt die Luft an, so schwer wog die Schuld auf einmal. Er sah so friedlich aus, während er schlief. Und so wunderschön. Sein Gesicht spiegelte all das Gute wider, das er verkörperte. All die Liebe und Fürsorge und auch die wilde Entschlossenheit, auf der Welt das Gute zu verbreiten. Sie dachte an all die glücklichen Momente, die sie zusammen verbracht hatten und in denen sie oft sein liebes Gesicht liebkost und gestreichelt hatte. Und sie dachte auch an die Zeit, als er fort gewesen war, weil die Polizei ihn geschnappt hatte. Sie hatte ihn so sehr vermisst. Wie hatte sie ihm das nur antun können? Erneut sah sie sein erschrockenes Gesicht vor ihrem geistigen Auge, als er gesehen hatte, wie sie auf Ramon gesessen und ihn geküsst hatte. Mia hielt sich beschämt die Hände auf das Gesicht. Was war nur in sie gefahren? Sie schämte sich so sehr, dass sie Jona kaum noch ansehen konnte. Stattdessen verließ sie jetzt das Wohnzimmer und trat entschlossen aus dem Haus. Sie wusste jetzt, was sie zu Ramon sagen würde. Sie musste das in Ordnung bringen. Ihre Schuld und ihr Schamgefühl wuchsen mit jedem Schritt, den sie tat. Sie musste es bei allen in Ordnung bringen. Bei Jona, bei Ramon und bei all ihren Freunden. Und bei Ramon würde sie anfangen.

Als sie jedoch dann den nächtlichen Garten betrat und ihn sah, wie er gerade das Gartentor schloss und zurück kam, blieb sie stehen und hielt erneut die Luft an. Dieses Mal nicht vor Schuldgefühlen. Sondern vor Glück. In ihr explodierte die helle Freude! Sein Anblick versetzte sie erneut in ein solch hysterisches Euphoriegefühl, dass sie völlig die Kontrolle über ihren Körper verlor. Er schien sich von allein auf ihn zuzubewegen. Und er wurde immer schneller. Ihr Blick haftete dabei an seinen Augen, die die Welt um sie herum erneut auflösten. Ihr Verstand schrie noch einmal auf. Doch er war nur noch ganz leise. Fast flüsternd versuchte er sie daran zu erinnern, was noch vor wenigen Sekunden so schwer in ihr gewogen hatte. Schuld. Und Scham. Doch das alles war auf einmal nebensächlich. Sie wusste plötzlich, warum sie ihn geküsst hatte. Die Freude, ihn wiederzusehen, hatte sie – genauso wie jetzt – völlig überwältigt.

Sie sprang ihm in die Arme, als sie vor ihm stand und krallte sich an seinem Hemd fest. Und als sie spürte, dass er sie ebenfalls ganz fest umarmte und sie wie ein Felsen festhielt, fing sie plötzlich an, zu weinen. Sie konnte es nicht aufhalten. Die Gefühle brachen über sie herein und übernahmen völlig die Kontrolle. Sie zitterte, als sie an seinem Hals schluchzte und immer wieder versuchte sie, ihn noch fester zu umarmen. Sie wollte ihn nie wieder loslassen.

Auf einmal wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte und wie stark der Schmerz der Trennung wirklich gewesen war. Es hatte so weh getan. So sehr. Das alles fiel jetzt von ihr ab wie eine tonnenschwere Last und verursachte ein solches Hochgefühl, dass sie glaubte, über dem Boden zu schweben. Und als Ramon ihr tröstend über den Rücken strich, wurde das Gefühl so stark, dass sie nach Luft schnappte. Sie kannte dieses Gefühl. Sie hatte es im Wald gefühlt, als all diese Blitze neben ihr eingeschlagen waren. Es war die pure Ekstase. Mia spürte, wie sich eine angenehme Wärme in ihrem Inneren ausbreitete. Es fühlte sich so wunderbar an. So weit und unendlich. Doch als ihre Hände heiß wurden, dachte sie plötzlich an ihre Mutter und den Moment in ihrem Zimmer. Und dann schaltete sich ihr Gehirn ein.

Mia löste sich von Ramon. Es fühlte sich an, als würde sie ein meterdickes Gummi auseinanderziehen. Es war schwer. Es zog sie sofort zu ihm zurück. Sich auch nur einen Schritt von ihm zu entfernen, schmerzte fast. Mia betrachtete ihre glühenden Hände, um sich abzulenken und sah dann ratlos auf.

Ramon wirkte aufgelöst und etwas atemlos, doch er versuchte, sich zu konzentrieren, nahm einen tiefen Atemzug und betrachtete dann Mias Hände. In seinem Gesicht zeigte sich in diesem Moment eine erschreckende Erkenntnis. Als er aufsah und sich ihre Blicke wieder trafen, trat er mit einem schmerzhaften Ausdruck in seinem Gesicht einen Schritt von Mia zurück.

Sie wussten beide, was Mias glühenden Hände zu bedeuten hatten. Es war die XAINA-Energie, die in ihr erwachte und offenbar immer stärker wurde. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie bald in jenen Zustand eintreten, in dem sich ihre Mutter befand. Und genau das war es, was Angor wollte.

»Es tut mir leid«, sagte Ramon auf einmal.

Mia zwinkerte verwirrt. »Was?«

»Ich habe gewusst, dass das passieren würde. Aber ich hatte keine Wahl.«

Mia trat auf ihn zu, doch Ramon entfernte sich wieder ein Stück von ihr. »Wovon redest du da?«

»Angor will, dass du erwachst, Mia«, erklärte er und sah sie dabei einen Moment lang bedeutsam an. »Und er wusste, dass ich diese Reaktion bei dir auslösen würde. Deshalb hat er mich frei gelassen.«

Mia machte ein verwirrtes Gesicht. Doch dann wurden ihr die Zusammenhänge bewusst. Die XAINA-Energie wurde durch starke Glücksgefühle ausgelöst. Hatte er Ramon also nur deshalb freigelassen? Um bei ihrem Wiedersehen diese Gefühle auszulösen?

»So macht er es immer«, sagte Ramon erklärend. »Er verursacht Leid und bringt es wieder in Ordnung, um Glück auszulösen. Dadurch hält er die Polarität von Glück und Unglück im Gleichgewicht.«

»Er … hat das alles absichtlich getan, um…?« Mia fasste sich an den Kopf und drehte sich fassungslos von Ramon weg. Er hatte ihn also gar nicht entführt, um Mia und ihre Mutter auszuhorchen. Er hatte ihn ihr weggenommen, um sie unglücklich zu machen und dann, wenn er ihn wieder frei ließ, Glück in ihr auszulösen! Sie konnte es nicht fassen. Er hatte sie manipuliert! Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie präzise er wirklich über die menschlichen Emotionen Bescheid wusste und wie geschickt er sie lenkte.

»Dich und deine Mutter auszuhorchen kam ihm dabei sehr gelegen«, sagte Ramon jetzt. »Er hat damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und alles über euch herausgefunden.«

Mia sah ihn erschrocken an.

»Und dann hat er auf den perfekten Moment gewartet. Er hat diese Schulfeier organisiert, deine Freunde entführt, ihnen Angst gemacht, das Beben ausgelöst und dich in Gefahr gebracht.« Ramon atmete tief ein. »Nur, um mich in allerletzter Sekunde frei zu lassen, damit ich dich retten kann.«

Mia stand vor Entsetzen der Mund offen. Das alles hatte er geplant?

»Du hast ihm das Versprechen gegeben, als du abgestürzt bist«, sagte Ramon jetzt mit einem gequälten Ausdruck in seinem Gesicht. »Und jetzt wartet er darauf, dass du es einlöst.«

Mia schlug das Herz auf einmal bis zum Hals. Bisher hatte sie auf Angor immer nur Wut gehabt und Hass gespürt. Doch jetzt, zum ersten Mal, war er ihr wirklich unheimlich. Nicht, weil er der Teufel war und grausame Dinge tat, sondern weil er sie so vollkommen unter Kontrolle hatte. Er wusste genau, wie sie fühlte, dachte und reagierte und manipulierte ihre Handlungen, als sei sie eine kleine Marionette, deren Fäden er zog. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Und dann schüttelte sie mit dem Kopf. »Nein«, hauchte sie. »Den Gefallen tue ich ihm nicht.«

Ramon senkte den Blick und seufzte. »Wenn du es nicht tust…«

»Ich weiß!«, sagte sie viel zu laut. »Dann tötet er alle Menschen, die ich liebe.« Ihr kamen bei diesen Worten schon wieder die Tränen. Was sollte sie jetzt tun? Sie war dazu gezwungen, zu erwachen. Aber wenn sie das tat, würde sie ihren Vater nie wieder sehen und Angor würde dem Rest der Menschheit den Krieg erklären. Im Moment wartete er noch, bis diejenigen, die er auserwählt hatte, erwachten. Es war also zur Zeit noch ein Krieg, der sich ausschließlich in dieser Stadt abspielte. Vielleicht konnte sie es noch ein wenig hinauszögern.

»Er wird weiterhin deine Gefühle manipulieren«, sagte Ramon jetzt. »So lange, bis du…«

»Aber er muss Glücksgefühle in mir auslösen«, unterbrach Mia ihn, »um mich zu wecken. Oder?«

Ramon seufzte. »Nicht unbedingt.«

Mia sah ihn hilfesuchend an. »Was soll ich jetzt tun?«, fragte sie ihn verzweifelt. Was konnte sie tun? Egal was sie tat, es würde in einer Katastrophe enden. Er gewann sein Spiel. Denn sie hatte keine Ahnung, was sie ihm noch entgegensetzen konnte.

Ramon kam jetzt wieder vorsichtig näher. »Hast du nicht gerade erkannt, dass du mindestens genauso mächtig bist, wie er?«

Mia sah zu ihm auf.

»In dir fließt Reces Blut, Mia. Du hast ihm eine Menge entgegenzusetzen. Du weißt es nur noch nicht.«

Was sollte das heißen? Dass sie auch Erdbeben heraufbeschwören und Schatten rufen konnte?

»Einen hast du zumindest schon mal verspeist«, scherzte Ramon jetzt und schmunzelte neckisch.

Mia konnte nicht fassen, dass er in dieser Situation zu Scherzen aufgelegt war. Aber sie musste trotzdem lachen. »Ich habe ihn nicht verspeist«, entgegnete sie. »Ich habe ihn … angenommen.«

»Verspeist«, beharrte Ramon grinsend. »Und das war ziemlich beeindruckend. Ich war stolz auf dich.«

Mias Herz fühlte sich an, als würde es bei seinen Worten im Dreieck springen. Er war stolz auf sie gewesen?

»Und, dass du ihm bei der Schulfeier eine verpassen wolltest«, sprach Ramon voller Begeisterung weiter, »war ebenfalls ziemlich cool. Leichtsinnig. Aber stark.«

Mia platzte fast vor Stolz. Er fand sie cool? Und stark? Doch als sie an die Schulfeier dachte, dachte sie auch daran, was später passiert war und damit kehrte Jona wieder in ihren Kopf zurück. Plötzlich fehlten ihr die Worte. Sie wurde ernst und sah Ramon schuldbewusst an.

Ramon senkte den Kopf und lachte leise. »Mach dir keinen Kopf deswegen, Mia. Du hast dich gefreut. Es ist alles okay.«

»Aber…«, protestierte Mia.

Doch Ramon unterbrach sie. »Das sehen alle so. Okay?« Er sah sie lange an.

Mia fragte sich, ob er das auch so sah. Oder hatte er sich vielleicht sogar geekelt?

Auf einmal fing Ramon herzhaft an zu lachen, versuchte sich aber schnell wieder in den Griff zu bekommen, da Jona im Haus schlief und er ihn nicht wecken wollte. Er räusperte sich und lachte leise weiter. Dann sah er Mia amüsiert an. »Mit Ekel würde ich es nicht gerade beschreiben«, sagte er immer noch lachend.

»Das ist nicht zum Lachen«, sagte Mia dann etwas peinlich