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In Willibald Alexis' historischem Roman "Walladmor" wird der Leser in das Frankreich des 12. Jahrhunderts entführt. Der Autor entfaltet gekonnt eine epische Geschichte voller Spannung und Intrigen, die von der Rivalität zweier verfeindeter Adelsfamilien handelt. Mit seinem detaillierten historischen Hintergrund und seinem einfühlsamen Schreibstil schafft Alexis eine fesselnde Erzählung, die den Leser in die Welt des Mittelalters eintauchen lässt. Willibald Alexis, ein bekannter deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war selbst fasziniert von historischen Themen und verbrachte viel Zeit damit, die Vergangenheit zu erforschen. Seine umfangreiche Kenntnis der Geschichte und sein feines Gespür für dramatische Handlungsstränge spiegeln sich deutlich in "Walladmor" wider. Alexis' Leidenschaft für historische Romane kommt in diesem Werk besonders zum Ausdruck. "Walladmor" ist ein fesselnder historischer Roman, der Liebhaber von Geschichten aus vergangenen Zeiten begeistern wird. Mit seiner packenden Handlung und seinen liebevoll gestalteten Charakteren entführt Willibald Alexis den Leser auf eine abenteuerliche Reise in das mittelalterliche Frankreich. Ein absolutes Muss für alle, die historische Romane und epische Erzählungen lieben. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Zwischen historischer Wirklichkeit und literarischer Maskerade entfaltet Walladmor eine Spannung, in der die Suche nach Wahrheit unablässig mit dem Reiz des Erfundenseins ringt, während wechselnde Identitäten, flirrende Gerüchte und konkurrierende Autoritäten die Wahrnehmung trüben, sodass jede Spur zugleich Verheißung und Falle wird und die Erzählung fortwährend prüft, wie glaubwürdig Geschichten sein können, wenn sie von Stürmen an der Küste, von verschwiegenen Bündnissen und von der Macht öffentlicher Meinung geformt werden, die nicht nur Figuren, sondern auch Leserinnen und Leser dazu zwingt, die eigenen Maßstäbe für Wirklichkeit, Recht und Verantwortung immer wieder neu zu justieren.
Walladmor ist ein historischer Roman des deutschen Autors Willibald Alexis, dem Pseudonym von Georg Wilhelm Heinrich Häring. Er erschien 1824 und wurde im Erscheinungskontext als vermeintliche Übertragung eines Werks von Sir Walter Scott präsentiert – eine literarische Mystifikation, die zugleich die enorme Wirkung Scottscher Erzählmodelle in Deutschland sichtbar macht. Das Geschehen spielt auf den Britischen Inseln, in einer rauen Küstenlandschaft, deren soziale und politische Verwerfungen als Resonanzraum dienen. Damit verortet sich das Buch deutlich in der europäischen Romantik und im Siegeszug des historischen Romans, der Vergangenheit nicht museal, sondern als dramatisch erfahrbare Gegenwart begreift.
Zu Beginn öffnet sich eine Welt, in der Reisende, Ortsansässige und Obrigkeit einander misstrauisch umkreisen und Nachrichten schneller zirkulieren als Gewissheiten. Ein Fremder gerät, eher tastend als planend, in ein Geflecht aus lokalen Interessen, unerklärlichen Zwischenfällen und Handlungen, die zugleich privat motiviert und öffentlich bedeutsam wirken. Im Hintergrund steht der Name Walladmor als topographischer und symbolischer Fixpunkt, an dem Wege sich kreuzen und Geschichten sich verdichten. Mehr muss man nicht wissen: Die Lektüre lebt vom Mitgehen, vom Abwägen, vom steten Gefühl, dass hinter dem Sichtbaren weitere Räume der Deutung liegen.
Die Erzählstimme nimmt eine souveräne, bisweilen ironisch distanzierte Perspektive ein, die Panorama und Detail miteinander verschaltet. Szenische Dichte und dialogische Lebendigkeit wechseln mit Betrachtungen über Sitte, Recht und Gesellschaft; Beschreibungen der Landschaft tragen zur Stimmung bei, ohne die Handlung zu erdrücken. Der Ton bleibt dabei doppelt gestimmt: ernst im Blick auf Konsequenzen, spielerisch im Umgang mit Erwartungen. Das Tempo variiert, lässt Atempausen, bevor es die Spannung wieder anzieht. So entsteht ein Leseerlebnis, das Abenteuerlust, Denkbewegung und die Freude am Erkennen von Mustern in einer sorgfältig und stringent konstruierten Handlung miteinander verbindet.
Zentrale Themen sind Identität und Verstellung, das Verhältnis von Gesetz und Gewohnheitsrecht, der Einfluss öffentlicher Meinung und die Frage, wem man glauben darf. Zugleich reflektiert der Roman – nicht zuletzt durch seinen Publikationsrahmen als Mystifikation – die Autorität des Erzählens selbst: Wer setzt das Siegel der Glaubwürdigkeit, und wodurch? Machtverhältnisse, soziale Übergänge und Kommunikationswege werden sichtbar, wenn Gerüchte Tatsachen überholen und Handlungen von Missverständnissen beschleunigt oder aufgehalten werden. In dieser Verschränkung von Stoff und Form liegt die eigentümliche Modernität des Buchs, das historische Stoffe nutzt, um über Wahrnehmung und Urteilskraft nachzudenken.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Walladmor relevant, weil es Mechanismen offenlegt, die auch unsere Gegenwart prägen: die Dynamik von Information und Fiktion, die Anfälligkeit von Öffentlichkeit für Inszenierung, die Reibung zwischen persönlichem Gewissen und institutioneller Regel. Die Geschichte lädt dazu ein, Quellen zu prüfen, Perspektiven zu wechseln und das Wechselspiel von lokaler Erfahrung und übergreifender Ordnung zu beobachten. Zugleich bietet sie atmosphärische Spannung und erzählerischen Esprit, der den Zugang nicht zur Pflicht macht, sondern zur Lust an der Entdeckung. So verbindet das Buch Erkenntnisinteresse und Unterhaltung auf produktive Weise.
Als früher Beitrag zur deutschen Ausprägung des historischen Romans zeigt Walladmor, wie internationale Erzählmodelle kreativ adaptiert und kritisch gebrochen werden können. Das Werk machte den Namen Willibald Alexis bekannt und bereitete den Boden für seine weiteren historischen Arbeiten. Wer es liest, findet keine museale Vitrine, sondern eine lebendige Versuchsanordnung über Macht, Moral und die Beweiskraft von Geschichten. Ohne auf konkrete Auflösungen vorzugreifen, lässt sich sagen: Das Vergnügen liegt im Prozess des Erkennens. Walladmor bleibt damit ein Buch, das Vergangenheit nicht nur erzählt, sondern die Kunst des Erzählens selbst unter Beobachtung stellt.
Der historische Roman Walladmor von Willibald Alexis führt in eine raue Küstenlandschaft von Wales, wo das gleichnamige Anwesen als rätselhafter Bezugspunkt über einer zersplitterten Gemeinschaft steht. Ein fremder Reisender gerät bei seiner Ankunft in ein Geflecht aus lokalen Rivalitäten, alten Familieninteressen und misstrauischen Behörden. Früh etabliert das Buch seine leitenden Fragen: Wie verlässlich sind Gerüchte, wie standhaft Loyalitäten, und wo verläuft die Grenze zwischen Gewohnheitsrecht und staatlicher Ordnung? Ohne seine Figuren zu idealisieren, entwickelt Alexis eine Atmosphäre des latenten Konflikts, in der jede Begegnung doppelte Böden besitzt und harmlose Beobachtungen plötzlich politische Bedeutung gewinnen.
Die ersten Ereignisse konzentrieren sich auf Begegnungen mit Leuten aus einfachen wie besseren Ständen, deren Lebenswelten sich zwischen Markt, Kirchhof und Herrenhaus überschneiden. Ein öffentlicher Zwischenfall und merkwürdige Transporte in der Umgebung lassen den Verdacht auf unerlaubte Geschäfte aufkommen, doch die Spuren weisen über bloße Profitgier hinaus. Der Reisende wird unversehens zum Mitwisser, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Aus beiläufigen Gesprächen kristallisiert sich ein Hinweis auf verdeckte Netzwerke heraus, die in die Amtsstuben hineinreichen. Damit verschiebt sich der Ton von lokaler Folklore zu latenter Verschwörung, ohne die Zusammenhänge vorschnell zu entwirren.
Das Herrenhaus Walladmor erscheint zunächst als Zuflucht, dann als Brennpunkt der Spannungen. Hinter repräsentativer Fassade blitzen ungelöste Familienangelegenheiten, strittige Eigentumsfragen und alte Kränkungen auf. Der Gast wird in salongemäßen Umgang eingeführt, doch ihm begegnen Maskerade und Andeutung häufiger als offene Rede. Ein rätselhafter Gönner sowie eine prägnante weibliche Figur verkomplizieren seine Position, da beide unterschiedliche Lesarten der jüngsten Vorkommnisse anbieten. Zugleich mehren sich Hinweise auf einen älteren Konflikt, der das Bild der lokalen Geschichte überschreibt. Alexis hält die Motive seiner Figuren bewusst im Halbdunkel und lenkt den Blick auf die Mechanik von Einfluss, Ansehen und Abhängigkeit.
Die Handlung verdichtet sich durch eine Folge öffentlicher Szenen, die das Private unversehens politisieren: ein überfüllter Markt, eine waghalsige Rettung, ein nächtlicher Aufruhr. Der Protagonist wird durch Zufall und beherztes Eingreifen sichtbar, was ihm Vertrauen einträgt, aber ebenso die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Von nun an steht er zwischen den Fronten von Gesetzesvertretern und lokalen Wortführern, die beide ihre eigene Wahrheit reklamieren. Der Roman markiert hier einen Wendepunkt, indem aus Beobachtung Teilhabe wird: Das Risiko steigt, die Bewegungsräume schrumpfen, und Entscheidungen, die zuvor aufgeschoben werden konnten, verlangen plötzliche Konsequenz. Das soziale Gefüge wirkt brüchiger, je stärker es sich selbst zu behaupten versucht.
Die Umkehr erfolgt, als eine Anschuldigung auftaucht, die den Reisenden selbst belastet und ihn zum Gejagten macht. In der Wildnis der Höhenzüge und in abgelegenen Schlupfwinkeln entspinnt sich ein Rettungsspiel aus Verstellungen, Zufluchten und unerwarteten Allianzen. Jemand aus dem vermeintlich gegnerischen Lager erweist sich als Helfer, wodurch die Deutungslinien endgültig unscharf werden. Alexis nutzt die Flucht, um die Landschaft erzählerisch zu vermessen und den Gegensatz von offizieller Erzählung und gelebter Erfahrung zuzuspitzen. Die Frage, wer hier eigentlich Recht beanspruchen darf, wird drängender, während zugleich neue Details aus der Vergangenheit des Ortes an die Oberfläche dringen.
Schließlich führen Spuren und Zufälle alle Parteien an wenigen markanten Schauplätzen zusammen, unter ihnen das Haus Walladmor und ein Amtssitz, wo sich Öffentlichkeit, Recht und Prestige kreuzen. Vernehmungen, Konfrontationen und Enthüllungen rücken nahe, doch der Roman wahrt das Changierende seiner Intrige und lässt zentrale Klärungen erst im Hintergrund anklingen. Für die Figuren verdichten sich persönliche und politische Interessen: Es geht um Sicherheit, Namen, Besitz und Verantwortung. In dieser Zuspitzung zeigt sich das handwerkliche Programm des historischen Romans: Schauplätze und Sittenkunde dienen nicht der Zierde, sondern als Mittel, die Kollision konkurrierender Ordnungen anschaulich zu machen.
Walladmor entfaltet so, mit deutlich spürbarem Bezug auf die Erzählverfahren Walter Scotts, eine Mischung aus Abenteuer, Gesellschaftsbeobachtung und leiser Ironie. Das Buch, in den 1820er Jahren veröffentlicht und von Willibald Alexis verfasst, trug zur Etablierung des deutschsprachigen historischen Romans bei. Nachhaltig wirkt weniger ein einzelner Knalleffekt als die organische Verknüpfung von Lokalgeschichte, Rechtsgefühl und Identitätsfragen. Ohne seine Rätsel plump zu lösen, lädt der Roman dazu ein, Deutungen zu prüfen und Vorurteile zu hinterfragen. Sein bleibender Eindruck ist der einer vielstimmigen Welt, in der Wahrheit ausgehandelt wird und Zugehörigkeit stets auf dem Prüfstand steht.
Walladmor erschien 1824 als historischer Roman des unter dem Pseudonym Willibald Alexis publizierenden Georg Wilhelm Heinrich Häring. Das Werk spielt in Wales, also im westlichen Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland, und bewegt sich in den Ordnungen des britischen Common Law mit Assisen, Friedensrichtern und Geschworenengerichten. Prägend sind zudem die anglikanische Kirche, die lokale Gentry und die Zoll- beziehungsweise Küstenwachdienste an einer von Schmuggel geprägten Küste. Parallel dazu stand die deutschsprachige Buchkultur unter den Bedingungen der Restauration: Deutscher Bund seit 1815, Universitäten und Salons als Diskursorte, und die Karlsbader Beschlüsse von 1819 als maßgebliche Zensurgrundlage.
In den 1810er und frühen 1820er Jahren prägten Walter Scotts Romane den europäischen Buchmarkt; deutsche Übersetzungen von Waverley, Rob Roy oder Ivanhoe erreichten ein breites Publikum. Verleger bewarben ganze Reihen im Geist Walter Scotts, und Leser erwarteten historische Stoffe mit detailreicher Sitten- und Landschaftsschilderung. Alexis knüpfte bewusst an diese Erfolgsform an und übertrug Scotts Verfahren – Verbindung von fiktiven Lebensläufen mit sorgfältig platzierten rechtlichen und sozialen Institutionen – auf einen walisischen Schauplatz. Dadurch konnte er britisches Alltagsrecht, Landadel und ländliche Ökonomie erzählerisch bündeln und die Attraktivität des scottischen Modells für den deutschen Sprachraum demonstrieren.
Besondere Aufmerksamkeit erregte Walladmor, weil Alexis es als freie Bearbeitung eines angeblichen englischen Originals von Sir Walter Scott ausgab, obwohl ein solches Werk nie existierte. Zeitgenössische Rezensenten diskutierten Stilähnlichkeiten und Abweichungen; bald setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich um eine deutsche Originalarbeit handelte. Die Mystifikation steht in einer damals vertrauten Praxis der Pseudotranslation, mit der Autoren Autorität, Markterwartungen und Übersetzungsmoden kommentierten. Für die Einordnung des Romans ist wichtig, dass die Zuschreibung an Scott kein Versehen, sondern ein kalkulierter literarischer Rahmen war, der die internationale Reichweite und die Anziehungskraft des Namens Scott offenlegte.
Der geschilderte britische Hintergrund gehört zur Nachkriegszeit nach 1815: Demobilisierung, Preisschwankungen und Küstenhandel boten Anreize für Schmuggel, der an vielen Küstenstrecken geführt wurde. Der Staat reorganisierte die Einnahmenaufsicht; 1822 wurde die britische Coast Guard als zentrales Instrument gegen Küstenschmuggel eingerichtet. Rechtlich prägten die reisenden Assisen, lokale Magistrate und Geschworene die Strafverfolgung, während Pfarrstrukturen und Gutsverhältnisse den Alltag auf dem Land bestimmten. Wales, mit seiner Kombination aus Küstenräumen und ländlichen Gemeinden, liefert dafür ein glaubwürdiges Setting. Diese Institutionen und ökonomischen Konstellationen bilden die Folie, auf der die Handlung frühe 19.-Jahrhundert-Realität erfahrbar macht.
Im deutschsprachigen Raum bestimmten nach dem Wiener Kongress Restauration und Überwachung den literarischen Betrieb. Die Karlsbader Beschlüsse regelten Presse und Universitäten, zugleich wuchs das bürgerliche Lesepublikum rasant. Historische Romane ermöglichten es, Fragen von Ordnung, Recht und gesellschaftlicher Veränderung in vergangene oder ausländische Kontexte auszulagern. Alexis’ frühe Erfolge mit Walladmor bereiteten seine späteren, auf brandenburgisch-preußische Stoffe gerichteten Romane vor, wegen derer er als Wegbereiter des deutschen historischen Romans gilt. Das Buch steht damit an der Schnittstelle von Unterhaltungsbedürfnis, Zensurpraxis und literarischer Innovation im Vormärz, ohne sich auf offene Zeitkritik festzulegen.
Die internationale Resonanz lässt sich auch an der schnellen Rückübersetzung ablesen: 1825 erschien eine englische Fassung, die Thomas De Quincey aus dem Deutschen erstellte. Britische Periodika nahmen den Vorgang als Kuriosum eines Scott-Romans aus Deutschland auf, während Sir Walter Scott jede Autorschaft ausdrücklich verneinte. Die Episode verdeutlicht den grenzüberschreitenden Literaturverkehr der Epoche, in dem Namen, Gattungen und Stoffe in Verlagen und Zeitschriften zirkulierten. Walladmor fungierte so zugleich als Roman und als Beitrag zur Debatte über Übersetzung, Autorennamen und literarische Urheberschaft in einem zunehmend international vernetzten Buchmarkt.
Inhaltlich setzt das Buch – in der Tradition Scotts – auf soziale Breite: Gentry, Beamte, Geistliche, Seeleute und einfache Landleute treten in einer landschaftlich markierten Topografie auf. Der Roman nutzt juristische Verfahren, lokal kolorierte Sitten und ökonomische Zwänge als dramatisches Gerüst; damit knüpft er an zeitgenössische Antiquariats- und Folkloreinteressen an, die auch Wales betrafen. Sprachlich vermittelt Alexis britische Redeweisen im Deutschen und erzeugt so Nähe zu einem fremden Rechts- und Alltagsrahmen. Notwendige Handlungsspannung entsteht aus Konflikten zwischen gesetzlicher Ordnung und informellen Netzwerken – ein Muster, das Lesererwartungen der 1820er Jahre präzise bediente.
Als Kommentar zu seiner Epoche macht Walladmor sichtbar, wie stark Lektüren durch Autorennamen, Übersetzungsparatexte und Marktmechanismen gesteuert wurden. Der Roman zeigt zudem, dass historische Fiktion im restaurativen Europa als Medium diente, rechtliche Institutionen, soziale Schichtung und regionale Besonderheiten zu verhandeln, ohne unmittelbar politische Zensur zu provozieren. Für die deutsche Literatur markiert er einen frühen Beleg der produktiven Aneignung britischer Modelle und eine Station auf dem Weg zu nationalhistorischen Stoffen. In dieser Doppelrolle – Unterhaltung und Reflexion über Autorschaft und Ordnung – steht Walladmor exemplarisch für die literarische Kultur der 1820er Jahre.
Vielleicht erinnert sich der Leser noch folgenden Artikels aus den Times, welcher vor einigen Jahren lebhaftes Interesse in unserer südlichen Hauptstadt erregte:
» Bristol. Gestern sahen die Bewohner dieser Stadt ein furchtbar schönes Schauspiel von den hochgelegenen Strandgegenden aus. Das Dampfboot Halcyon, von der Insel Wight nach der nördlichen Küste von Wales steuernd, ward plötzlich auf der hohen See, ohne daß ein Windstoß den Meeresspiegel trübte, in unsern Busen getrieben. Kaum aber hatte es die Spitze von Cardowa erreicht, als wir eine Rauchwolke an der Stelle des Schiffes erblickten. Bald verkündete uns ein von den Bergen wiederhallender Knall, daß die Dampfröhre gesprengt und die Pulverkammer aufgeflogen sei. Die von allen Seiten herbeieilenden Barken fanden nur Schiffstrümmer, und sahen sich, da ein heftiges Gewitter herannahte, bald genöthigt umzukehren. Weder vom Schiffsvolke noch den sechzig Passagieren, meist aus Frankreich heimkehrenden Engländern, ist Jemand gerettet. Auch soll ein gefährlicher Verbrecher an Bord gewesen sein. Wir erwarten die nähern Nachrichten über diesen traurigen Vorfall.«
Zum Schmerz der edelsten Familien des Landes bestätigten sich diese Nachrichten auf das Furchtbarste. Auf den Klippen fand man nach einigen Tagen die Leichen eines Lord W*** [und] eines Sir O***, so lange die Zierde des Hauses der Gemeinen. Kaum waren sie in ihrem zerschmetterten Zustande zu erkennen. So hatte sich Englands Meer an Englands Söhnen gerächt für die lange und freiwillige Verbannung aus der Heimath.
Am Bord des Halcyon stand an jenem Tage ein junger Mensch, und blickte, wie es schien, sehr bewegt, nach den fernen Küsten von Wales. Aus diesem träumenden Hinstarren wurde er plötzlich erweckt, als das Schiff mit einem furchtbaren Ruck sich umkehrte. Er blickte mit den Matrosen und Passagieren, welche der schöne Abend auf das Verdeck gelockt hatte, nach dem Steuermann hin. Dieser aber streckte sprachlos seinen Arm nach der Mitte des Schiffs aus, wo der Dampf aus der Röhre in dicken Wolken empor qualmte. Die Reisenden wurden bleich, die Matrosen fluchten:
Der alte Niklas greift uns. Kein Pardon von Oben. Holla lustig so lang’s geht!
Unter verworrenem Geschrei stürzte die Mehrzahl herunter, zerschlug die Brandweinfässer, trank und genoß, was nur zu finden war, und hörte nur in so weit auf den Zuruf der Passagiere: »Rettet! Rettet!« als einzelne Stimmen antworteten:
‘S giebt keine Rettung. Der alte Niklas schlürft uns Alle, und nun wollen wir’s zuerst thun.
Der Capitain, am besonnensten von Allen, eilte nicht zu retten, sondern sprang mit gezogenem Säbel nach dem Boote, um das Seil zu kappen. Der junge Mann, als er die ersten Symptome des nahenden Untergangs wahrgenommen, hatte ein kleines Felleisen sich umgeschnallt, und stand bereit in den Nachen zu springen, als der vorbeieilende Capitain ihn mit der Faust über Bord stieß. Alles dies geschah in wenigen Momenten. Kaum hatte eine Welle den Herabgestoßenen einige Schritte vom Schiffe fortgeschleudert, als dieses mit furchtbarem Krachen zersprang und in die Luft flog. Die Trümmern aber wurden weit über den Ohnmächtigen fortgeschleudert, so daß, als er seine Besinnung wieder erhielt, er auf der unruhigen Wasserfläche kein Schiff mehr, und nur in weiter Entfernung einiges Bretterwerk, als Spiel der Wellen, erblickte.
Die Noth führt allemal den Menschen zur Natur zurück. Wer von unsern weit hinausblickenden Reformern würde, wenn sein Dampfschiff gesprungen, noch ferner an der radicalen Ausbesserung des Staatsschiffes gedacht haben, sondern nicht viel lieber auf sein eigen Heil bedacht gewesen sein. Auch der junge Mann vergaß alle die trüben oder lockenden Aussichten, welche ihm am Bord des Schiffes vorgeschwebt hatten, und strengte jetzt alle Kräfte an, durch die hohen Wellen nach einer Tonne zu schwimmen, welche in geringer Entfernung von ihm bald aus dem Wasser hervorblickte, bald verschwand, jenachdem sie die Welle mit sich in die Höhe trug, oder beim Sturze mit sich hinunter riß. Endlich gelang es dem bereits Erschöpften, die Tonne zu erreichen. Kaum aber hatte er den äußersten Rand mit beiden Händen gefaßt, als auch von der andern Seite die Tonne niedergezogen wurde. Ein Schiffbrüchiger, dessen nasse lange Haare über sein Gesicht schlaff herabhingen, krallte sich, wie der Adler auf Schottlands Klippen das Lämmchen faßt, an den Reifen der Tonne an, und es schien aus seiner Gewaltanstrengung, als hätte er in das Holz selbst hineingreifen wollen. Als er den Nebenbuhler bemerkte, schüttelte er wild seinen Kopf, um die Haare aus den Augen zu schleudern, und öffnete den Mund, indem er dem Mitbewerber die zusammengepreßten Zähne wies.
Wärst Du Old Nick[2] selber, Du mußt ins Meer, denn uns Beide trägt nicht die Tonne.
Er rüttelte dabei so gewaltig, daß der jüngere Mann, wenn er nicht auch mit dem Tode gekämpft hätte, würde herabgestoßen sein. So zerrten Beide mehrere Minuten an der Tonne, ohne daß sich Einer hinaufschwingen konnte. Beim weitern Kampfe geriethen sie in Gefahr herabzufallen oder mit dem Gefäße unterzugehn. Deshalb vereinigten sie sich zu einem Waffenstillstande. Jeder von ihnen hielt sich mit der rechten Hand fest, die linke aber hoben Beide in die Höhe und riefen nach Rettung. Ihr Hülfsgeschrei blieb indessen fruchtlos, denn das Ungewitter zog, wie von der gewaltigen Erschütterung gerufen, heran, der Himmel wurde schwarz, Donner rollten über ihnen, und die Wogen, welche von der Explosion nur momentan konnten bewegt sein, hoben sich mit weißem Schaum bedeckt immer höher und unruhiger.
Es ist umsonst – sagte der zweite Schiffbrüchige, – Menschen und Himmel hören uns nicht; der unten ruft – Einen – oder Beide. Willst Du mitgehn, Brüderchen?
Der wilde Mensch ließ hier mit einem Male von der Tonne los, wodurch der andere, welcher diese Wendung nicht vorausgesehn, das Gleichgewicht verlor, und niedersank. Diesen Moment benutzte sein Gegner. Er packte nach seinem Kragen, um ihn völlig niederzuziehn, riß aber nur das Halstuch herunter. Der Angegriffene fand nun, auf einen Augenblick befreit, Gelegenheit sich auf die Tonne hinaufzuschwingen, und als der Andere einen neuen Angriff wagte, schlug er, im Todeskampf, ihn mit der Faust auf die Brust, daß jener zurücksank und die Welle ihn verschlang.
Sollte ein Bewohner unseres glücklichen Eilandes noch nicht das Schauspiel eines Sturmes auf offener See gesehen, und noch nicht das Hülfsgeschrei der Unglücklichen, welche auf Brettern und Masten nach Rettung schwimmen, gehört haben, der wird doch mindestens aus Reisebeschreibungen die furchtbare Angst und die Hoffnung kennen, welche abwechselnd Herrschaft über den Geist der Gefährdeten ausüben. Wer hätte nie in dem Firth von Forth oder der Themse vom reich beladenen Kauffarteischiffe Menschen herabstürzen und dann vom Ufer aus ihre Anstrengungen gesehen, über den Tod den Sieg zu gewinnen? Als neulich im Gedränge der Knabe von der Waterloo-Brücke herab in die Themse fiel, und Tausende von allen Seiten ihm zuriefen, wie er sich retten möge, ihm aber Niemand, durch die Umstände verhindert, thätig zu Hülfe eilte, wer bemerkte da nicht mit Bewunderung, wie der Knabe, taub gegen den Rath der Menge, immer die Mittel ergriff, welche ihn für den Augenblick über dem Wasser erhielten, bis er den, von mitleidiger Hand ihm zugeworfenen, Korb mit den Händen faßte? – Während die schwarzen Gewitterwolken sich immer tiefer herabsenkten und die Wogen ihren Schaum an den Himmel warfen, klemmte der junge Mann sich, so fest er vermochte, an die Tonne, sprach ein kurzes Stoßgebet und überließ sich den Elementen.
Im Augenblicke der Todesnoth hören die menschlichen Gesetze auf, da die Strafen ihre Schrecken verloren haben; auch die höhern Gesetze können alsdann schweigen; wenn aber die Ruhe zurückgekehrt ist, wird auch die Stimme des Gewissens wieder laut. Als der Schiffbrüchige, erstarrt am Leibe, und starr im Geiste, bald unter bald hoch über dem Wasser fortgetrieben wurde, als Alles um ihn grause Nacht war, und die unterweilen niederschlagenden Blitze ihm nur noch gräßlicher die Todesscene zeigten, da schwieg die innere Stimme doch nicht soweit, daß es ihm nicht wäre leid geworden, seinen Unglücksgefährten ermordet zu haben.
Es mochten nur wenige Minuten vergangen sein, als der Schwimmende ein Stöhnen neben sich vernahm. Glücklicher Weise erhellte ein Blitz in dem Augenblicke die Gegend, und er konnte sehen, wie sein Gegner noch immer mit den Wellen kämpfte, indem er sich an einem schwachen Brette festhielt. Das Brett konnte ihn indessen nicht tragen, sondern diente allein ihn beim Schwimmen zu unterstützen. Die Kräfte schienen ihm auszugehn, als auch er seinen begünstigten Gegner erblickte. Er streckte die Hand nach ihm aus.
Habe Barmherzigkeit! Mit mir ist’s aus – gleich aus – nimm, wenn’s Dir besser geht, aus meiner Brieftasche – den Brief und bringe ihn der Lady – wenn Du selbst jemals geliebt hast, beschwöre ich Dich, thu’ es, und sag’ ihr, ich hätte beständig an sie gedacht – treu gedacht, und ‘s wär’ vielleicht das einzige Gute an mir gewesen. – Wenn’s eine Hölle oder ‘nen Himmel giebt, sehn wir uns wieder.
Mit großer Anstrengung suchte hierauf der Mann mit der einen Hand seine Brusttasche aufzuknöpfen, welches ihm indessen nicht gelang. Der junge Mensch wurde wunderbar gerührt von dem bleichen Todesantlitz des Mannes, in dessen Zügen man doch zugleich eine freche Wildheit auf den ersten Blick erkennen mußte. Er sagte zu ihm:
Du da unten! Geht’s mir besser, so bestell’ ich Deinen Auftrag. Aber ich kann schwimmen und habe mich jetzt ausgeruht. Gieb mir Deine Hand. Du magst nun auf die Tonne steigen, und ich will indessen schwimmen, bis ich wieder müde bin. So retten wir uns vielleicht Beide.
Bist Du wahnwitzig – rief der Andere – oder giebt’s Menschen auf Erden, wie sie in Büchern stehn sollen? – Es giebt kein Gesetz, das einem Schiffbrüchigen verwehrt, den andern vom letzten Brett runter zu stoßen, aber ein solch Gesetz, das ihm befiehlt abzusteigen, um den andern heraufzulassen, kann selbst unten Satan nicht machen. –
Das ist ja einerlei. – Gieb mir die Hand. Steig herauf. Ich halte mich fest an der Tonne, wenn ich schwach werde.
Der Andere faßte die ihm dargebotene Hand und stemmte sich mit beiden Armen auf den andern Rand der Tonne. Dann blickte er seinen edelmüthigen Gegner groß an, schüttelte den Kopf und sagte:
Entweder bist Du Satan selber, und während Du mir erlaubst, auf einer Tonne meinen elenden Leib fortzutragen – kommt hinter mir ein Boot, um mich gewiß zu retten; oder Du bist Einer, der Gnade bringen soll von oben, und Erhaltung dem Sünder, damit er recht ordentlich gestraft werden kann.
Keines von Beiden. Bin auch nicht so edelmüthig, daß, wenn wir auf einem Brette lägen, ich ins Wasser spränge, um zu ertrinken. Aber nimm Du mein kleines Felleisen, damit ich besser schwimmen kann, und nun – Glück zu.
Er ließ die Hand los und versank tief in die Welle. Eine andere aber brachte ihn wieder in die Höhe, und ein günstiges Geschick ließ ihn meistentheils die Oberfläche des Wassers halten. Indessen hatte der Sturm fortgewährt und die natürliche Dunkelheit sich mit der Gewitternacht vereinigt. Nur die Blitze, welche das Meer bis auf den Grund zu spalten schienen, gaben auf Augenblicke Licht, um im nächsten die fürchterliche Nacht dem Unglücklichen noch schrecklicher zu machen. Nach mehreren Minuten fragte der Mann, welcher jetzt im Besitz der Tonne war:
Lebst Du noch, Du Thor, da unten?
Ja, aber ich werde schwach, und will die Tonne wieder anfassen.
Faß’ zu. Kennst Du das Meer hier?
Nein – es war das erste Mal, daß ich zu Schiffe das Meer befuhr.
Der Andere lachte:
Nun sieh! Wozu quälen wir uns, und strengen das letzte bischen Kraft an, uns flott zu erhalten. Ich kenne das Meer hier wie mein Vaterland, und weiß, daß gar keine Rettung möglich ist. An kein Fleckchen Erde, nicht einmal an eine Klippe können wir treten, sondern in die offene See, und ‘s kommt nur drauf an, ob wir lebendig oder todt den Fischen in den Rachen fallen.
Noch ist’s möglich, sagte der Andere, daß uns Mitbrüder zu Hülfe kommen.
Jener lachte abermals, und fuhr fort:
Menschen? Mitbrüder? Du bist wohl noch ein junges Blut und kennst sie wenig? In dieser Nacht wagt sich keine Seele heraus Kein Mensch setzt sein Leben daran, um ein Paar Lumpenhunde willen, wie wir sind. Und wenn sie uns einholen, wer weiß, ob das nicht schlimmer wäre als Rettung. Aber ich weiß was Besseres.
So sprich.
Laß uns keine Narren länger sein. In dem Faß, worauf ich liege, ist Rum oder Arrak. Wir können’s wohl eindrücken. Dann trinken wir uns draus noch einmal lustig, umarmen uns, und fallen zusammen unten hinunter, von wo Niemand herauf kommt.
Abscheulich, das wäre Selbstmord.
Hast Du so ein feines Gewissen? Meinethalben, so mag ein Seehund thun, was wir selber gut hätten thun können. Komm herauf, Du zartes Herrchen, auf die Tonne. Ich will noch ein Paar Minuten schwimmen, so lang es geht, und dich dann unten erwarten.
Beide tauschten ihre Plätze. Aber selbst auf der Tonne fehlten bald dem jungen Mann die Kräfte. Er krallte sich darauf fest. Der Sturm wurde immer furchtbarer, und mehrmals vergingen ihm die Sinne, als er von der häuserhohen Welle in den tiefen Abgrund geschleudert wurde, bis er endlich mitten im stillen Gebet bei einem furchtbaren Stoße die Besinnung verlor.
Die Natur ist gütig auch in ihren Schrecknissen. Wenn sich das ihm Furchtbare so anhäuft, daß des Menschen Kraft es nicht mehr zu fassen vermag, so lindert eine Betäubung seinen Schmerz. Beim Erwachen treten alsdann zwar alle die schrecklichen Erscheinungen ihm wieder vor Augen, er hat aber neue Kraft gesammelt, und es ist ja des Menschen schöne Bestimmung, im Zustande der Besonnenheit durch den Geist über die Schrecken der Natur zu siegen.
Als der Schiffbrüchige aus der Betäubung erwachte, hörte er nicht mehr die See um sich toben, und fühlte sich nicht mehr von ihren Wellen geschaukelt. Es war noch finster um ihn, aber nicht jene große Nacht, welche die stürmenden Elemente gebildet hatten, sondern die Dunkelheit einer niedrigen Hütte begegnete zuerst seinem Auge. Lange Zeit blickte er stumpf und starr auf das Gebälk der Decke, an welchem einige Lumpen und Fische, vermuthlich um zu trocknen, aufgehängt waren, und von der Zugluft beständig geschaukelt wurden. Diese einförmige Bewegung, welche für Andere, gleich dem Ticken einer Wanduhr, zum Schlaflied hätte werden können, brachte ihn allmälig zu sich selbst zurück. Er verglich das traurige Schauspiel dicht über ihm mit dem schönen Momente auf dem Halcyon, wo er zuerst die Küsten von Wales im Sonnenscheine vor sich erblickt hatte; und bald ordneten sich ihm die Gedanken, obgleich der Zusammenhang zwischen der schwankenden Tonne, auf welcher er im Ocean geschwommen war, und dem feuchten Lehmboden, der jetzt seine Lagerstätte bildete, so wie der furchtbaren Elementarnacht und jetzt den trocknenden Heringen und geflickten Schürzen über ihm, fehlte. Diese Gedanken beschäftigten ihn indessen weniger als die Sorge um sein Felleisen. Zu seiner Freude entdecke er aber bald, daß er mit dem Kopfe auf demselben ruhe, und jetzt erst wandte er sein Auge zur Betrachtung der andern ihn umgebenden Gegenstände.
Es war eine so ärmliche, niedrige Hütte, wie man sie in diesem Königreiche nur noch auf den äußersten Spitzen der hochschottischen Halbinsel, deren Bewohner kümmerlich sich vom Strand-Fischfang nähren, vorfindet. Von kaum behauenen Fichtenstämmen war das Gestell der Hütte unregelmäßig zusammen gezimmert, und ohne Zwischengebälk jede der vier Wände mit Lehm, Torf, Seegras, Muscheln und Feuersteinen ausgestopft. Zwar bildeten einige Balken das Grundgestell der Zimmerdecke, sie waren aber nicht mit Brettern belegt, so daß man die Aussicht bis an die Spitze des Daches hatte, durch dessen Schilf und Moos der Luft und dem Regen der außergewöhnliche Eintritt in die Hütte nicht verwehrt war. In dem kleinen innern Raume hing zwar mancherlei Geräth, alles aber so bunt durcheinander und in so ungewissem Lichte, daß der Fremde das Wenigste davon zu erkennen vermochte. Das einzige Licht in der Hütte ging von dem etwas erhöhten Kaminfeuer im Winkel der Stube aus. Es war aber so spärlich unterhalten, daß selten eine Flamme aus den glimmenden Kohlen emporloderte, und auch diese nur dann dunkelroth glühten, wenn die Zugluft durch die Wände strich, was indessen bei der erwähnten Beschaffenheit derselben, häufig genug geschah. Ueber dem Brande hing überdies ein großer, schwarzer Kessel, aus welchem ein nicht grade unangenehmer, aber doch die Sinne einnehmender, Rauch ausströmte, und den Ausweg aus der Hütte seltener durch den Schornstein als durch die Ritzen in der Lehmwand suchte, zuvor aber alle Gegenstände, und auch den Dahingestreckten, schwarz umzog, so daß die Nacht oft noch dunkler wurde. Es war ganz still in der Hütte, nur daß zuweilen mehrere Katzen ihre traurig langweiligen Stimmen hören ließen. Auch schien Niemand in der Hütte zu leben; nur wenn die Kohlen heller aufglimmten, sah der Fremde ein scharf markirtes altes Weibergesicht aus dem Rauche hervor, und mit den dunkelgrauen, aber großen Augen unverwandten Blickes auf den Kessel hinblicken. Zuweilen, wenn der Rauch aus dem Kessel hinaufstieg, und in besondern Bildungen sich in die Winkel verzog, folgte sie ihm mit den Augen, und es schwebte auch wohl ein Lächeln auf ihren dürren Wangen; wenn sie ihm aber dringend bis in den äußersten Winkel des Zimmers gefolgt war, und er hier sich entweder verflüchtigte, oder durch die Ritzen hinausdrang, hörte man ein dumpfes Geheul oder ein tiefes Stöhnen, und der Blick der alten Frau kehrte auf die neu aufsteigenden Rauchsäulen zurück. Sie hatte, wie der Fremde beim Auflodern des Feuers bemerkte, zwischen den Füßen eine Spindel stehn; so mechanisch geschäftig aber auch ihre Hände dabei erschienen, so war doch nicht zu verkennen, daß sie eigentlich nichts, oder doch nur sehr wenig that. Wenn dagegen der Kessel überzulaufen drohte, sprang sie heftig empor, ließ die Spindel fallen, und rührte sorgsam mit mehreren Kochlöffeln in dem dunkeln Gefäße. Auch sang sie mitunter, doch glich der Gesang mehr einem rhythmischen Brummen, als einem bestimmten Liede, wenigstens verstand der Fremde kein einziges Wort, wenn es Worte waren, welche ihrer Zunge entschlüpften.
Wie jenem dabei zu Muthe gewesen, vermögen wir nicht zu sagen, da er selbst halb betäubt, halb geistig schlummernd, sich noch zu keinen bestimmten Gedanken und Vorstellungen über seinen neuen unheimlichen Zustand erheben konnte. Auch befand er sich für den Augenblick körperlich nicht unwohl, und fühlte sich in dieser Apathie nicht gedrängt, eine Aufklärung zu suchen, welche ihn vielleicht neuen Unannehmlichkeiten aussetzen konnte. Dennoch sollte er bald auf’s neue geprüft werden. Nach einem längern Gesange erhob sich plötzlich die Alte von ihrem Sessel, sie rang die Hände über ihrem Kopfe, zog dann mit beiden seltsame Kreise in der Luft, und streute endlich eine Substanz in das Kohlenfeuer, wodurch dieses zu einer hellen Flamme aufloderte, welche über dem Kessel zusammenschlagend, die ganze Hütte auf einige Momente erhellte, und dann flackernd durch den Schornstein verschwand, um die Hütte in noch größerer Finsterniß als vorher zurückzulassen. In diesem Momente hatte aber der Fremde Gelegenheit die ganze furchtbare Gestalt der Alten genau zu betrachten. Sie mochte so groß wie ein ausgewachsener Mann sein, ihre Glieder aber waren zu einer außerordentlichen Dürre zusammengeschrumpft, so daß der rothe Friesrock in tausend Falten auf ihrem Leibe zusammen fiel. Noch aber sah man in ihrem Gesichte die Spuren früherer Schönheit, so gräßlich auch dem feurigen Jünglinge auf den ersten Blick ihre scharfen Knochenzüge, ihr brennendes Auge und die loose umherfliegenden grauen Haare erscheinen mochten. Sie hob ihre Knochenarme wie flehend nach der Stelle, wo der Schiffbrüchige schlief; leicht aber konnte dieser bemerken, daß nicht er, sondern ein Gegenstand in seiner Nähe ihre Aufmerksamkeit reize. Bald erblickte er auch zu seinem Schrecken dicht neben sich einen Stuhl, den einzigen in der Hütte, und darauf sitzend ein Todtengerippe in der Stellung eines lebenden Menschen. Sie streckte die Hände immer weiter nach ihm aus, als erwarte sie ein Zeichen von demselben; als aber der Todte ruhig sitzen blieb, schlug sie erst die Hände über dem Kopfe zusammen, warf dann voll Ingrimm den Spinnrocken um, und fiel auf ihren Moossessel zurück. Wenn der junge Mann zuerst Mitleiden bei dem Ausdrucke des Schmerzes und der bangen Erwartung empfunden, so wurde dieses Gefühl bald ganz verscheucht durch den darauf folgenden Ausdruck des furchtbarsten Zornes. Er fühlte sich so beängstigt, daß er nicht reden mochte, aber er wollte versuchen, unbemerkt aus der Hütte zu entkommen, um seine völlige Besinnung in der freien Luft wieder zu gewinnen und dann das weitere zu beschließen. Wie aber ein neuer Schreck ihn übermannte, kann nur der empfinden, welcher sich jemals in einem ähnlichen Zustande von Starrsucht befand. Er konnte weder den Arm noch den Fuß rühren, und auch nicht den Kopf frei bewegen. Nur das Auge war in seiner Macht geblieben, um ihn durch den Anblick dieser Schrecknisse noch mehr zu ängstigen. Fast hätte er gewünscht, wieder der Macht der wüthenden Elemente übergeben zu sein, um aus dieser unheimlichen Lage zu entkommen. Wer möchte, wenn er auch lächelte, es dem jungen Mann zur Sünde anrechnen, wenn er momentan an eine medusenartige Bezauberung durch das alte Weib dachte? – Er hätte gewünscht, schlafen zu können; es war ihm aber unmöglich, bis es nach Verlauf zweier langen Stunden an die Thür der Hütte pochte.
Obgleich das Pochen immer stärker wurde, antwortete doch die Alte nicht darauf, sondern schien im Gegentheil durch diese Störung bewogen zu werden, noch emsiger an ihrem Spinnrocken zu arbeiten. Endlich hörte man ein Gepolter in der Gegend des Einganges, und, vermutlich mittelst eines verborgenen Handgriffs, ward die von innen verriegelte Thür eröffnet, und es trat Jemand in die Hütte. Auch jetzt rückte sich die Frau nicht von ihrem Sessel, und der Eintretende, indem er eine Last von altem Bretterwerk zu Boden warf, war genöthigt, selbst das Gespräch anzufangen, welches folgendermaßen in breitem Englisch und mit einem langsamen Tone geschah:
Was machst Du nicht die Thüre auf, alte Mutter! – Hab’ lang’ gepocht. –
Ohne das Gesicht von der Spindel abzuwenden, entgegnete die Alte: Hätte viel zu thun, wollt’ ich allen, die’s verstehn, die Thür aufmachen. –
Aber Mutter! ‘s war kalt draussen. –
Es fror mir wohl noch ein lieberer Sohn. –
Aber ich hab’ aufgerafft am Strand viel gut Zeug. –
Lumpige Bretter! ‘s schwimmt mancherlei in der Welt. –
Mancher, der Lumpen anhat, kann davon warm werden. –
Aber der im Grabe liegt, wird’s nicht davon. – Hier fuhr die Alte wieder fort in unverständlichen Lauten zu singen.
Munkelt’s wieder? sagte der Eingetretene, mehr für sich, als zur alten Frau. – Aber im Kessel stinkts auch wieder. Ich hab’ ‘nen guten Geruch. Wo das nicht Seehundsohren sind und Mondaustern, und was von Krötengeschlingen und allerhand Aaswürmern – laß ich mich hängen! –
Hier heulte die Alte laut auf. Er fuhr gelassen fort: Mutter wird noch uns und sich und uns Alle zu Grunde richten; sie treibt’s so lange und denkt an nichts, bis die Stadtratzen kommen, und’s mit uns aus ist – und wir alle an’s Holz müssen. –
Und Ihr könnt auch alle an’s Holz, an’s trockne, dürre Holz, und ich will auch an’s Holz, denn Ihr seid Alle zusammen nicht so viel werth als der Eine war. Kommt’s mal soweit, daß sie vor der Thüre stehn und pochen, und wir stehn Alle drin und zittern, – und die so stolz sind, schlottern mit den Knieen, – und es wird einmal die Zeit kommen, wo ich lache, – dann will ich selbst die Thüre aufreißen und sagen: Hier sind sie! –
Der junge Bursch, denn für solchen erkannte der Schiffbrüchige den Eingetretenen, brummte etwas für sich, als achte er der Drohung der Alten nicht, oder habe doch das Vertrauen, derselben zuvorzukommen, und ging an’s Feuer, wo er mit weniger Behutsamkeit den Kessel bei Seite schob und dürres Reisholz und einige der mitgebrachten Bretter auflegte, so daß die ärmliche Hütte bald hell erleuchtet war. Die Alte brummte:
Der Junge wird noch ein Wachtfeuer für die Constablers[4] anstecken! –
Besser ist Hängen als Erfrieren! – Aber Mutter, was liegt denn der Seehund noch da mit kalten Ohren? – Mutter, was hast Du dein alt Schari-Wari-Gebräu gekocht, statt warmen Kräutertranks für die Wasserseele? –
Soll ich hinkauern – fuhr die Alte zornig auf – und soll ihn reiben, wie meinen eigenen Sohn? soll ich die Lumpen mir vom Leibe reißen für die fremde Wasserseele? Als ich mir die Augen ausrieb um meinen Sohn, um meinen eigenen Sohn, lachten sie mich aus – hu, hu, da war’s recht kalt und warm, und ich laß mich nicht mehr auslachen, und will immerfort nur die andern Narren auslachen. –
Aber Niklas hat ihn dir auf die Seele gebunden. –
Niklas seine Seele ist auch festgebunden. Old Nick hatte ihn schon beim Schopf gefaßt und hat ihn noch einmal losgelassen, aber er ist festgebunden, und ‘s giebt keine Scheere, die den Strick entzweischneidet.
Ohne weiter auf die Reden der Alten zu achten, setzte der junge Bursch eine Kanne mit Wasser an’s Feuer, faßte nun den Arm des Weibes, und, indem er sie wie ein Kind, welchem man etwas ins Gedächtniß reden will, schüttelte, sprach er zu ihr mit Nachdruck und in abgebrochenen Worten:
»Mutter Gillie kocht jetzt den Brei von Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer, Honig und Brandtewein und was sonst zukommt, wie sie weiß, und wie sichs für Fischerleute schickt, die ins Wasser gefallen sind, und das muß sie der Wasserseele da eingeben, Stund um Stunde, wie’s befohlen ist, und wenn sie nicht wieder an’s Leben kommt, steht Mutter Gillie dafür ein.« –
Die Alte sagte auf diese eindringliche Vorschrift, wie ein Kind, welchem man unter Drohungen etwas aufgegeben hat: Ja, ja, ja, Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer – und ging nun an das Geschäft des Kochens. Der Bursche aber näherte sich dem Fremden und äußerte, nachdem er ihm die Glieder befühlt hatte:
Die Seele wird wohl nie mehr warm werden, das Wasser ist hart drüber gegangen, aber es thut nichts, Mutter Gillie muß doch kochen, und wenn er auch schon todt wäre, denn Niklas hat’s befohlen. Nu Mutter, Gott befohlen, und ein andermal, wenn eine Christenseele und Unsereiner an die Thür klopfet, so rufe herein, und wenn er hungrig ist, so gieb ihm Käse und Brod, und wenn’s kalt ist und er Durst hat, schließ ihm den Schrank auf und gieß Brandtewein ein, und denke, daß Einer, der lebt, nicht bloße Knochen hat, sondern auch Fleisch. Gott befohlen, Mutter. –
Wo gehst Du hin, Toms? Etwa wieder zur Almy, der Dirne, die Dich bestrickt, und Dich ablockt von Deinen Freunden und Deiner Sippschaft?
Nein, Mutter Gillie, die Almy seh’ ich erst übermorgen beim gnädigen Fräulein; aber ich muß auf’s Schloß zum Squire[5], auf die Jagd mit ihm zu reiten, und muß dem Fräulein den Falken tragen. –
Toms, sie binden Dich an, der Squire und das Fräulein, und Deine Mutter verlässest Du um des Squires und des Fräuleins und der Dirne willen. Sie bauen Dir Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder. –
Mutter, der Squire ist mein guter Herr, und des Squires Vater hat meinem Vater das Haferfeld am Strande geschenkt, und dessen Vater rettete meinem Großvater in Amerika das Leben, und die Squires waren immer gute Herren, und wir immer treu ihnen, und wenn sie auch streng sind, so thun wir auch nicht immer recht und nach Gottes Gebot, und helfen, wo wir nicht sollten; und dafür hab’ ich’s immer für gut gehalten, was auch die Leute mit den weißen Hüten, die von den Vornehmen Schurken genannt werden, was die auch sagen mögen von der Freiheit und von Knechtschaft, und werd’s immer für recht halten, daß die Leute ‘s immer mit ihrer alten Herrschaft halten und ihnen treu sind. –
Steig’ in Deinen Kahn, falscher Tomas, und die Schlangen werden aus dem See raus zischen, und den fassen, der Vater und Bruder nicht ehrt. –
Toms ging, ohne im geringsten durch den Zorn der Alten aufgebracht zu werden, zur Thüre hinaus, und die Frau beschäftigte sich nunmehr ernstlich damit, einen warmen stärkenden Brei für den jungen Menschen zuzubereiten. Dieser hatte allmälig seine völlige Besinnung wiedergewonnen, und indem er aus dem Gespräche zwischen Mutter und Sohn, welches er, mit Ausnahme weniger Stellen, ganz verstanden hatte, für sich die ängstlichsten Folgerungen zog, wurde der Zustand der Starrheit für ihn immer peinlicher. Bei den Aeußerungen der Alten, welche eine – wenigstens gegen ihn – gänzliche Theilnahmlosigkeit bekundeten, glaubte er nichts weniger, als daß sie sorgsam bemüht sein würde, ihn ins Leben zurückzurufen, sondern fürchtete im Gegentheil, sie möchte ihn, den Scheintodten, als einen wirklichen behandeln, und mahlte sich alle Schrecknisse, welche ein solcher Irrthum erzeugen konnte, auf das furchtbarste aus. Aber er hatte sich geirrt. Sie kam den Befehlen ihres Sohnes auf das pünktlichste nach. Als der Brei fertig war und einen angenehmen Geruch in der Hütte verbreitete, näherte sich die Alte dem Erstarrten, schüttelte und rieb ihn, besonders auf der Brust, und legte ihm dann den Brei wie ein Pflaster auf dieselbe. Bald fühlte er auch die wohlthätige Wirkung, er athmete freier und vermochte es, den Mund zu öffnen. Kaum hatte dies die Alte bemerkt, als sie auch dahin ihren Brei führte. Sie richtete ihn auf, und goß ihm die wärmende Stärkung, vermittelst eines hölzernen Löffels, in den Hals, worauf sie ihn ganz und gar in Matten wickelte und mit einer Kraft, welche eher einem rüstigen Manne, als der alten Frau, zukam, in die Nähe des Feuers trug und niederlegte. Hier übte der Trank, mehr vielleicht aber noch die frühere Ermattung, und das neue, kaum gemilderte Entsetzen, schlafbringende Kraft über ihn aus. Er schlief, während die Alte an ihrer Spindel die unverständlichen Lieder brummte, gleich einem von der Amme gewiegtem Wickelkinde, sanft ein, und hörte wohl noch im Traume die wunderbaren Gesänge fortdauern, sie hatten aber auf ihn ihre Schrecken bringende Zauberkraft verloren.
Er mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als er zum völligen Bewußtsein seiner selbst, und zu seiner noch größern Freude auch zum freien Gebrauche seiner Glieder, erwachte. Noch lag er zwar in seinen Matten eingewickelt; was aber dem Kinde unmöglich ist, wird dem Manne leicht, er streifte sich aus seinen Banden hinaus, und empfand ein seltenes Gefühl der Freiheit, als er auf dem festen Boden stehend, seine Arme und Füße frei ausstrecken konnte. Er hätte in diesem Augenblicke gewünscht, daß die Schrecken des stürmenden Oceans, oder die geheimnißvolle Scheu der kurz vergangenen Stunden wiederkehren möchten, um ihnen als Mann die Stirne bieten zu können. Ehe er die letzten Begebenheiten seines Lebens überdachte, musterte er mit dem Auge die Bilder, welche sich ihm zunächst darboten, wie es ja überhaupt das charakteristische Kennzeichen jeder menschlichen Natur ist, eher das bildlich Zunächstliegende, als das Entferntere, wenn es auch für den Betrachtenden von größerer Wichtigkeit ist, aufzufassen. Das Feuer und die Kohlen auf dem Heerde waren ausgeglimmt, und es schien Tag geworden zu sein, obgleich durch kein Fenster, sondern nur durch unregelmäßig hie und da angebrachte längliche, viereckige oder runde, aber immer kleine, Oeffnungen ein matter, grauer Strahl in die Hütte drang. Diese gewann indessen hierdurch keinesweges an Freundlichkeit. Im Gegentheil gab die röthliche Beleuchtung des Kohlenfeuers dem Ganzen eher ein wohnliches, wenn auch ein wunderbares Ansehn, als dieses Einbrechen eines fremdartigen Lichtes in ein so geflissentlich, wie es schien, der Sonne verschlossenes Behältniß. Man denke an die Tafel aus Hogarths Rakewell[3], wo, am dämmernden Morgen, die Constablers in die Mörderhöhle grade in dem Momente dringen, wo auf der einen Seite die trunkenen Bösewichter jeder Ausschweifung unbesorgt sich überlassen, auf der andern aber zwei oder drei den entkleideten Leichnam eines von ihnen in dieser Nacht Beraubten in ein tiefes Loch versenken! Wen, der dieses Meisterstück betrachtete, ergriff nicht ein heimliches Grauen? – Als der Jüngling weiter umherblickte, bemerkte er, daß die Alte eingeschlafen sei; er näherte sich ihr und berührte sie mit den Fingern, aber sie erwachte selbst auf stärkern Druck nicht, sondern murmelte nur ihre Lieder im Schlafe fort.
Es giebt noch außer dem Gewissen, welches dem Menschen den Spiegel der moralischen Wahrheit vorhält, ein anderes Gefühl, welches ihm die Wahrheit der äußern Erscheinungen zu Gemüth führt, ohne daß er im Stande wäre, logisch oder gar mathematisch die ihm so eingegebenen Folgerungen aus eben den Erscheinungen sich zu bilden. Dieses Gefühl sagte dem Fremden jetzt, daß er ein Gefangener sei, daß man ihn freiwillig gar nicht, oder wenigstens nicht ohne Schwierigkeiten freilassen werde, und daß es aus diesen Gründen für ihn gerathener sein dürfte, während des Schlafes der Alten sich aus der Hütte zu stehlen und sein Heil zu versuchen. Woher diese Vorstellig ihm gekommen sei, dies zu ergründen, kam ihm jetzt gar nicht in den Sinn, sondern er war darauf bedacht, den Vorsatz, so schnell es ginge, ins Werk zu setzen. Deshalb ergriff er ohne Zaudern sein kleines Felleisen, und näherte sich der Thüre, durch welche der Bursche in voriger Nacht eingedrungen war. Es kostete ihm nicht viel Scharfsinn, die Riegel und schlecht gearbeiteten Schlösser aufzufinden und ohne Geräusch zu öffnen. Als er aber die Thüre auf-und wieder hinter sich zugemacht hatte, sah er sich in neuer Verlegenheit, denn von allen Seiten umgab ihn eine steile Erdwand, und über ihm drang des Tages Licht nur ganz matt, wie durch eine zerlöcherte Decke, hindurch. Indessen entdeckte er bald an der einen Seite der Wand verschiedene Hölungen, vermittelst deren, und mehrerer Wurzeln er auf sehr unebener Treppe in die Höhe stieg, und nun bemerkte, daß das Dach dieser Grube aus über einander gewachsenen Dornsträuchern, Hambutten und anderm Gestrüpp bestand, dessen welkes Laub größtentheils noch an den Zweigen hing. Auch hierdurch streifte er sich bald, war aber, als er die Höhe gewonnen hatte, noch immer nicht im Freien, denn über ihm wölbten sich mehrere starke, wilde Birnbäume, welche ihm weder das Tageslicht, noch die Gegend umher zu bemerken erlaubten. Jedoch waren jetzt die unmittelbaren Schwierigkeiten überwunden, und er konnte so viel bemerken, als die Hütte plötzlich verschwunden schien, daß sie mitten in einer kleinen, engen Felsspalte in der Art aufgerichtet war, daß ihr unterer Theil sich in der Spalte verborgen, ihr Dach aber von dem Gestrüpp und den um die Spalte zu beiden Seiten stehenden hohen Bäumen verdeckt sein sollte. Der Zweck der Erbauer war auch ziemlich erreicht; denn wenn das mit Moos unregelmäßig bekleidete Dach schon an sich einem Hügel glich, so wurde es durch die auf demselben wurzelnden Gesträuche einem solchen immer ähnlicher. Hiezu kam jetzt noch eine leichte Schneebedeckung; die Bäume, welche ihre blätterlosen Kronen darüber beugten, verbargen den Abstand des Erdreichs, und die wohl mit Fleiß angepflanzten Nesseln und Dornsträuche mochten schon zur Sommerzeit so leicht keinen unbefugten Wanderer die Natur des Hügels zu erforschen locken.
Durch das umstehende Gebüsch zu dringen, wurde dem Entronnenen nicht schwer, und seine Mühe belohnt, denn nach wenigen Schritten lag vor ihm ausgebreitet das gränzenlose Meer. Er stand an einem Abhange von Kalkschiefer, welchen der mit dem Sturm verbundene Wolkenbruch schlüpfrig gemacht, und viele tiefe Rinnen hinein gerissen hatte, so daß der junge Mann behutsam gehen und sich an einem Strauch halten mußte, um nicht von dem ziemlich hohen Ufer hinabzugleiten. Noch war das Meer in Bewegung, wie ein leidenschaftlicher Mensch auch noch geraume Zeit, nachdem er seinen Zorn hat wüthen lassen, zittert und die Brust ihm höher schlägt. Doch schlugen die Wellen nicht bis an den Rand des erhöhten Ufers. Der Himmel war mit zerrissenem Gewölk bedeckt, und am fernen östlichen Rande des Meeres ging eben die Sonne auf, aber nicht in ihrer majestätischen Klarheit, sondern bluthroth, von Wolken getheilt, und es schien, als zittere auch sie; aber es waren nur die Wolken, auf denen sie scheinbar stand, und welche von derselben auf ihrer dunkelen Stahlfarbe den röthlichen Schimmer entlehnt hatten.
Wenn die Sonne bluthroth aufgeht – sagte der junge Mensch – deutet es auf neue Stürme. Habe ich nicht schon genug Stürme im Leben erduldet? – Er sah auf das Meer, und bemerkte, wie die langsam daher rollenden, langen Wellen Bretterwerk, Seile und andere Schiffstrümmer an’s Ufer brachten und hier an der steilen Kalkwand zerschellten, so daß die Stücke auf immer dem Meere wiedergegeben wurden.
Seltsam! rief er aus. – Was kaum dem Meere entronnen ist, wird, nach langem fruchtlosem Kampfe um Erhaltung, im Augenblicke für immer zerstört. Gleicht nicht das Schicksal dieser Schiffstrümmer meinem eigenen? Mit welcher, mir selbst unbegreiflichen, Sehnsucht verlangte ich nach England! Ich überwand alle Stürme, welche mir auf dem Continent den Untergang drohten, und hier, dicht an Englands Küsten, mußte mich der Orkan überfallen, ich mußte mit dem Tode ringen, mußte sehen, wie seine Nähe alle Gesetze unter den Menschen auflöst und sie den Thieren der Wüste gleich werden; ich mußte alles dies sehen, um hülflos an den Strand geworfen zu werden und vielleicht von neuem dem Tode entgegen zu gehn! Wie zerbrechlich ist dies Kunstwerk der Schöpfung, der Mensch! welches Spielwerk der Elemente! Ein Tropfen Wasser – denn was ist die Welle anders gegen den großen Ocean gehalten, – ein Tropfen Wasser reißt ihn mit sich hinab, und ein Tropfen Wasser hebt ihn wieder empor! Und welche Hebel strengt unser Verstand an zur Erhaltung dieses dürftigen Daseins! Scheint es nicht, wenn unsere Philosophen denken, wenn unsere Erfinder auf neue Maschinen sinnen, als geht es auf nichts Geringeres hinaus, als das Weltmeer auszutrocknen, Berge zu versetzen und die Erde umzukehren? Aber was bewirken sie höchstens? – sie schlagen die Spitze eines Felsens ein, welche dem, der unten steht, so klein erscheint, daß er die Aenderung kaum bemerkt; sie bauen zwei Zoll tief ins Meer hinein; aber ein Stein, der von der Spitze des Urgebirgs unvorhergesehn abfällt, zerschmettert Hunderte dieser Weltverbesserer, und ein Balken, der auf ihrem Damm abgleitet, vernichtet das Werk der Jahrhunderte! –
Dieser Gedanke gefiel ihm so, daß er, seine Lage vergessend, Bleifeder und Pergament herauszog, um ihn niederzuschreiben. Noch fühlte er Müdigkeit und setzte sich deshalb auf einen großen Stein, warf dann noch einmal den Blick hinaus über die, jetzt silbern gewordene, Meeresfläche zur Sonne, welche nach Shakespeare in diesem Augenblicke auf den Zehen auf dem Meeresrande stand, und fing darauf an niederzuschreiben. Er mochte kaum einige Minuten so beschäftigt dagesessen haben, als der Gedanke ihn nöthigte, noch ein Mal auf das große Bild der Sonne hinzuschauen. Er blickte in die Höhe, sein Auge traf aber nicht die Himmelskönigin, sondern wenige Schritte von ihm stand das alte Weib aus der Hütte, in ihrer aufgerichteten furchtbaren Gestalt. Das Morgenroth beleuchtete, indem sie dem Betroffenen mit ihrem Leibe die Sonne verbarg, wunderbar ihren rothen Friesrock und die grauen Haare, welche im Winde flatterten. Da die scharfen Ecken ihrer ganzen Gestalt die Meeresfläche berührten, und nun der Glanz der Sonne von allen Seiten um sie strahlte, mußte sie auch einen überirdischen Anschein für den Unbefangensten gewinnen. Der Jüngling aber, der sie noch mehr zu scheuen Ursach, und sie vor Kurzem in einer noch unheimlichen Situation gesehn hatte, konnte in seiner Lage vor diesem Anblicke, wie vor einem dämonischen Wesen, zittern. Kommt noch hinzu, daß er neben ihr zwei große Bullenbeißer, zwar ganz still, aber in drohender Stellung, als erwarteten sie nur einen Wink, auf ihn los zu fahren, bemerkte, und sich gestehen mußte, daß er während seiner Anwesenheit in der Hütte nicht das Geringste von ihrer Nähe erfahren hatte: so läßt sich erklären, daß die Worte der Alten, welche sie mit dem Tone einer Gebieterin sprach, solchen Eindruck fanden, daß er ihnen willig und ohne auch nur ein Wort des Widerspruchs zu wagen, Folge leistete. Sie sprach:
Unverschämter! Wer eine Wasserseele gerettet hat, der hüte sich, sagt der alte Spruch, denn die Wassergeister sind in sie gefahren, und pochen und treiben so lang, bis sie ihren Retter verdirbt. Aber ich habe Macht – und kann den Undank bezwingen. Steh auf, Du verräterischer Hund, und gehorche mir, oder ich rufe meinen Sohn, und der kann fassen mit dürren, dürren Armen, und Dir das Herz aus dem Leibe pressen, wenn er Dich umarmt, denn er kommt alle Nacht und umarmt den Squire, bis er ihm das Herz hat ausgepreßt, und dann lacht seine Mutter laut auf, und umarmt auch ihren Sohn. Hu, Hu, da kommt er. Wasserseele, ins Haus zurück! –
Wir sagten schon, daß der junge Mann sich nicht lange nöthigen ließ, dieser Weisung zu folgen. Schneller als er heraufgekommen war, kehrte er in die tiefe Hütte zurück, wohin ihm die höfliche Wirthin mit ihren Hunden folgte. Nicht genug, daß sie ihn zur Rückkehr hierher gezwungen, er mußte sich auch auf ihren Befehl in einen Winkel auf die kaum verlassenen Matten niederlegen, und dann reichte sie ihm noch die Kanne mit dem warmen Zaubergetränk, welches so wohlthätig auf ihn gewirkt hatte, ohne jedoch weiter ein Wort zu verlieren. Obgleich er nun in diesem Augenblicke die gerechteste Furcht hatte, daß dies ihm dargereichte Getränk mindestes die Kraft eines Schlaftrunks auf ihn ausüben solle, so wagte er doch, theils aus den angeführten Gründen, nicht zu widersprechen, theils waren Geruch und Wärme für den Augenblick ihm so erfreulich, daß er, seinem Schicksal sich ergebend, trank und darauf in den Winkel niederlegte. Dennoch widerstand er der Neugier nicht ganz, und fing aus seinen Matten heraus, ein Gespräch an.
Aber, gute Mutter, Ihr habt doch wohl viel für meine Rettung gethan, und dafür muß ich Euch den herzlichsten Dank sagen.
Sie murmelte trocken vor sich hin: Dank ist unnütze Waare. Undank der wiegt was aus, aber gut nachtragen und gedenken ist das Beste. –
Aber, gute Mutter, wer hat mich eigentlich gerettet? Ich lag auf einer Tonne, und war ein Spiel der Wellen. Da verlor ich die Besinnung, und finde mich nun hier bei Euch, ohne zu wissen, wie ich hergekommen bin? –
Und wenn Du’s auch wüßtest, würdest Du darum kein Haar trockner. –
Aber ich schwamm mit einem andern Unglücklichen zusammen. Sagt mir nur das, ob auch er gerettet ist, oder ob ihn die Wellen auf immer von mir getrennt haben?
Kannst ja froh sein, daß Du aus dem Wasser raus bist. Ein Thor, wer sich um die Welt schiert, und nicht um sich allein und was ihm das Liebste ist. –
Es wäre sehr traurig, wenn der Mann ertrunken wäre! –
Gut wär’s für ihn. Wär’ er ertrunken, braucht’ er nicht mehr zu hängen. –
O schrecklich, wenn Niemand von allen gerettet wäre! –
Hier lachte die Alte höhnisch auf, und sang ein Liedchen in verdorbner Englischer Mundart, dessen Refrein war:
Der Gast merkte nun wohl, daß sie nicht antworten wolle, und da er kein Mittel besaß, sie irgendwie dazu zu bewegen, befahl er sich dem Schutze des Himmels, und widerstand nicht länger der einschläfernden Kraft des Trankes oder seiner eigenen Ermattung.
Aus diesem festen Schlafe wurde er durch eine leise Berührung am Arme erweckt. Er schlug wie verdrossen seine Augen nur wenig auf, wurde aber gezwungen, sie sogleich wieder zu schließen, indem ein blendendes, flackerndes Licht und ein qualmender Dampf seinen Körper umgab. Lange konnte er jedoch diese Ungewißheit nicht ertragen, besonders da er fühlte, daß seine Glieder hie und da fortwährend leise mit dem Finger, als prüfe man ihre Beschaffenheit, betastet wurden. Dennoch wagte er in seinem Zustande nichts zu unternehmen, sondern ließ vielmehr mit sich gewähren und begnügte sich, verstohlen das Auge aufzuschlagen, um die Natur der mit ihm vorgenommenen Operation kennen zu lernen: das alte Weib kniete neben seinem Lager, und indem sie in ihrer Linken einen großen Kienenbrand, vermutlich in der Absicht ihn zu beleuchten, festhielt, hatte sie mit der Rechten die Strohmatten aufgehoben, und fühlte bald hier bald dort an seinem Körper umher. Vornämlich schien sein linker Arm ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie hatte das Hemde bis über den Ellenbogen ihm abgestreift, und schien mit der Fackel und den Augen zugleich einen bestimmten Flecken sengen zu wollen; so etwas ließ sich wenigstens aus ihrer ängstlichen Stellung schließen, so wie aus ihren Augen, die aus den tiefen Höhlungen hervorquollen, und drohten, bei fortgesetzter Anstrengung, sich los zu machen von dem Körper und herauszuspringen, und endlich aus ihrem Zittern, einer Bewegung, von welcher der Jüngling, so viel er bisher das alte Weib betrachtet, nicht das Geringste wahrgenommen hatte, indem sie im Gegentheil eine Festigkeit bewiesen, welche sonst dem weiblichen Geschlechte, besonders aber ihrem Alter fremd ist. Im Glauben, daß ihr unfreiwilliger Gast noch schlafe, bemühte sie sich jetzt seinen rechten Arm, auf welchem sein Kopf noch immer in schlafender Stellung lag, hervorzuziehn; da ihr dies Experiment indessen nicht gelingen wollte, versuchte sie den schlummernden Gast ganz umzudrehn. Dieser aber, obgleich er wohl nicht im Stande gewesen wäre, sich Rechenschaft zu geben, weshalb, machte sich so schwer und unbehülflich als möglich, so daß die alte Frau, wenn sie ihn nicht erwecken wollte, was allem Anscheine nach nicht in ihrer Absicht lag, trotz der großen, früher bewiesenen Kraft, von ihrem Vorhaben abstehen mußte. Dies geschah jedoch nur in Beziehung auf die angegebene Art, vermittelst welcher sie den Schlafenden umdrehen wollte Der Vorsatz selbst schien allzufest in ihr gewurzelt. Sie nahm noch einen Fichtenbrand vom Feuer, so daß sie jetzt in jeder Hand einen dergleichen hielt, trat so bewaffnet in die Mitte des Gemaches und begann unter seltsamen Schwingungen dieser rauchenden Fackeln einen noch merkwürdigern Gesang. Zuerst waren es kaum vernehmbare Laute, die nur im Geiste der Sängerin einen Rhythmus haben mochten; dann stiegen die Töne, und es wurden Worte in einer fremden Sprache. Anfangs sprach sie auch diese nur mit gedämpfter Stimme; allmälig wurden sie aber immer schneller und schneller hervorgestoßen, bis endlich die Strophe in wildes Geschrei ausging. Diese Strophe wiederholte sich zwei, dreimal, und jedesmal nach dem Schlusse des refreinartigen Geschreies blickte die Alte auf den Schlummernden hin, um zu sehn, ob ihr Zaubergesang auf ihn die gewünschte Wirkung hervorgebracht habe.
Sie würde vermuthlich, da sie sich immer getäuscht sah, in ihrem Liede fortgefahren, oder vielleicht noch stärkere Zaubersprüche gewählt haben, wenn nicht mehrere Stimmen vor der Thüre sie unterbrochen hätten. Es war ein wildes Getöse, ein Durcheinanderreden und Stoßen und vielfaches Pochen, welches man von der Seite hörte, wo der junge Mann früher entschlüpfen wollen. Die Alte, ihrer frühern Rolle getreu, legte die Feuerbrände in den Kamin, und setzte sich, nachdem sie die Matten wieder über den Jüngling gedeckt hatte, auf ihren Sessel nieder, ohne im Geringsten auf die Pochenden zu hören. Sie murmelte nur, indem sie die Spindel fortdrehte, einige Worte, deren Sinn kein anderer zu sein schien, als der, welchen sie früher gegen ihren Sohn ausgesprochen hatte:
Pocht Ihr nur so lange Ihr wollt!
und der Gast fühlte eben so wenig als sie selbst Beruf, etwas zu Gunsten der Eintritt fordernden vorzunehmen, sondern hielt es für das Gerathenste, die Rolle des Schlummernden forzuspielen.
