Wandere auf unerforschten Pfaden - Charlotte Taylor - E-Book

Wandere auf unerforschten Pfaden E-Book

Charlotte Taylor

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Beschreibung

Verspielte Delfine, schützende Tätowierungen und der Beginn einer unerwarteten Liebe. Kann man vor dem Leben davonlaufen? Yuma Solano ist auf der Flucht – vor der Angst. In Tofino kommt sie endlich zur Ruhe und mit der Entspannung kehrt nach Jahren auch ihre Kreativität zurück. Schiffe, Wellen und Wale bevölkern ihr Skizzenbuch – und eines Tages auch die seelenvollsten Augen, die sie jemals gesehen hat. Die gehören Nalu Kalakaoa. Der hawaiianische Seebär weiß auf den ersten Blick, dass Yuma sein Schicksal ist, doch mit ihrer Geheimnistuerei kann er nicht umgehen. Seine eigenen Narben trägt er offen und mit eindrucksvollen Tätowierungen verziert. Beide wissen, dass der erste Schritt in ein neues Leben der härteste ist, doch auf Vancouver Island wird ihnen klar: Man kann auch ankommen, wenn man unterwegs ist! Eine außergewöhnliche Geschichte über die Überwindung von Ängsten und die Magie der eigenen, inneren Kraft.

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Wandere auf unerforschten Pfaden

Charlotte Taylor

www.charlottetaylor.de

Inhalt

Neubeginn am Ende der Welt

Weichenstellungen

Sicherheit ist eine Illusion

Katerstimmung

Klabautermänner und feine Details

Schicksalhaft

(Schiffs-)Persönlichkeiten

Die Gezeichneten

Jungfernfahrt

Freundinnen-Kodex

Seemannsgarn und große Pläne

Abgekartetes Spiel

Strandläufer

Überraschende Erkenntnisse

Delfintherapie

Schiffskatzenweisheiten

Versuchte Vergangenheitsbewältigung

Schwerer Rückfall

Befreiungsschlag

Klare Sicht

Stern am Himmel

Anmerkungen

Danke

Wer ist Charlotte Taylor?

Veröffentlichungen

Für meinen Herzenshund Toni

11.10.2008-29.06.2021

Neubeginn am Ende der Welt

Tofino, Vancouver Island, 23. April – Yuma

»Wenn ich dich sehe, muss ich immer lächeln. Du bist der positivste Mensch, den ich kenne.« Meine Kollegin und Mitbewohnerin Lilly ließ sich neben mir auf die Bank sinken und packte ihr Sandwich aus.

»Heute ist der beste Tag meines Lebens«, entgegnete ich. Es stimmte, und ich konnte mein Glück nach wie vor nicht fassen.

»Das sagst du jeden Tag, seit du hier bist.« Lilly warf mir einen etwas ungläubigen Blick zu und biss dann in das saftige Pulled-Beef-Sandwich vom Foodtruck am Hafen, wo ich mir auch meinen Lunch geholt hatte.

Ich zuckte nur mit den Schultern. Es war für die meisten Menschen wohl schwer nachzuvollziehen, aber für mich war es die Wahrheit. Es erschien mir inzwischen wie eine schicksalhafte Begegnung, dass Esther Johnson vor vier Tagen das Marina-Café in Vancouver betreten hatte. Ich hatte an diesem Tag mit einer Kollegin die Schichten getauscht, sonst wäre ich Esther nicht begegnet. Wäre nicht mit ihr ins Gespräch gekommen. Hätte ihr nichts von meiner Sehnsucht nach Meer und Walen erzählt – und hätte jetzt nicht diesen Job!

Es war wirklich irre, was für Kapriolen das Leben manchmal schlug. Darüber hätte ich Romane schreiben können – allerdings wären die leider ziemlich traurig und deprimierend gewesen. Bis jetzt. Hier in Tofino, diesem abgelegenen Nest an der Westküste von Vancouver Island, konnte ich frei atmen – und fühlte mich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit sicher. Zumindest einigermaßen. Für mich Grund genug, jeden Tag hier als den bislang besten meines Lebens zu feiern. Außerdem machte mir der Job Spaß. Ich war Mädchen für alles bei »Johnson’s Giants«, dem Walbeobachtungsunternehmen von Esther Johnson. Ich half im Souvenirshop aus, kümmerte mich zusammen mit Lilly um die Social-Media-Kanäle und unterstützte Esther im Büro. Leider hatte es sich noch nicht ergeben, dass ich bei einer der Waltouren mitfahren konnte, doch das würde bestimmt bald passieren. Schließlich sollte ich in absehbarer Zeit auch da als Springerin eingesetzt werden, wenn einer der Tourguides ausfiel.

»Schreibst du Tagebuch?«, wollte Lilly wissen und linste neugierig auf das Notizbuch, das zugeklappt auf meinem Schoß lag.

»Nein. Das ist mein Skizzenbuch«, erwiderte ich und musste unwillkürlich noch breiter lächeln. Seit ich hier in Tofino war, konnte ich auch wieder zeichnen – was während der letzten drei Jahre unmöglich gewesen war. Ich war so blockiert gewesen, dass es einfach nicht geklappt hatte. Aber nun durchströmte mich wieder die Kreativität, und ich konnte gar nicht aufhören.

»Du malst?« Lilly klang beeindruckt.

»Ich zeichne. Am liebsten mit Tusche, aber in meinem Notizbuch auch mit Bleistift oder Kuli oder dem, was ich gerade greifbar habe«, erklärte ich ihr. Es juckte mir in den Fingern, ihr meine Skizzen zu zeigen. Doch ich wollte mich nicht aufdrängen.

»Darf ich mal sehen?« Sie legte ihr Sandwich neben sich auf die Bank und deutete auf mein Buch.

»Klar.« Ich schlug die Seite mit den kleinen Zeichnungen auf, die ich während der letzten Minuten angefertigt hatte.

»Wahnsinn«, stieß Lilly beeindruckt hervor. »Das musst du unbedingt Esther anschauen lassen.« Sie betrachtete die Skizze, die eines der Boote von »Johnson’s Giants« zeigte, das direkt vor der Bank am Anleger vertäut war.

Für mich war das nichts Besonderes, eine kleine Fingerübung. Aber ich hatte mich an einigen Details versucht – das Logo mit dem Wal und die Struktur des Halteseils. Ich hatte das Gefühl, dass ich erst wieder in Schwung kommen musste, um meine Seh-Eindrücke mit meiner Hand zu koordinieren, und dafür war fast jedes Motiv prima geeignet – selbst die zerknüllte Papiertüte von meinem Mittagessen, die ich ebenfalls verewigt hatte. Ich sehnte mich jedoch danach, wieder andere Dinge zu zeichnen. Vor meinem inneren Auge tauchten Wale und andere Meerestiere auf, aber noch war ich nicht so weit.

»Ich glaube nicht, dass Esther sich für ein hingekritzeltes Boot begeistern könnte«, wandte ich daher ein.

»Mit Sicherheit kann sie das«, beharrte Lilly. »Ich finde, du solltest von diesem Bild ein Foto knipsen und es auf Instagram hochladen. Ich bin mir sicher, die Leute fänden das ganz großartig.«

»Hm.« Ich fühlte mich geschmeichelt, wusste aber nicht, was ich dazu sagen sollte.

»Ich glaube, du bist ein sehr besonderer Mensch, Yuma Solano«, stellte Lilly fest und blickte mir prüfend in die Augen, als würde sie dort etwas erkennen können.

Rasch senkte ich die Lider – aus Angst, sie könnte tatsächlich etwas erfahren, was ich nicht preisgeben wollte. »Quatsch. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Das ist einfach mein Hobby. Ich habe schon immer gerne gezeichnet.«

»Für ein Hobby wirkt es reichlich professionell.« Lilly ließ sich nicht abbringen, schien meine Zurückhaltung aber bemerkt zu haben, denn sie wechselte das Thema: »Ich bin jedenfalls total froh, dass du hier bist. Kommst du heute Abend mit in den Pub? Da treffen sich immer die Kollegen von unserem und anderen Betrieben hier am Ort. Das ist eine lustige, bunte Runde – und du kennst ja noch nicht so viele Leute.«

»Klar, total gerne«, hörte ich mich zu meiner eigenen Überraschung enthusiastisch hervorsprudeln. Auch das war neu. Ich war zwar gerne unter Menschen, aber die letzten Jahre hatten mich gelehrt, dass ich auf der Hut sein musste. Bill hatte mir jedoch am Telefon bestätigt, dass Tofino tatsächlich so sicher für mich sei, wie ich es empfand. »Ich freu mich drauf, aber jetzt muss ich mich beeilen. Esther will mir gleich die Geheimnisse der Buchungssoftware für die Touren verraten.«

»Puh, dann viel Spaß dabei.« Lilly verdrehte die Augen. »Ich hasse die Büroschichten und den ganzen Admin-Kram. Ich bin froh, dass ich nachher eine Tour machen darf.«

»Mich stört das nicht. Ich mag es, wenn es gut strukturierte Arbeitsabläufe gibt, und ich glaube nicht, dass das Buchungssystem so kompliziert ist. Aber auf eine Tour hätte ich auch mal Lust. Hoffentlich klappt es bald.«

»Bestimmt. Spätestens im Mai kommen noch ein paar Meeresbiologie-Studenten her, die ihr theoretisches Wissen in der Praxis umsetzen wollen. Letztes Jahr waren da ziemlich knackige Jungs dabei ...« Lilly lachte vergnügt und zwinkerte mir zu. »Die eine oder andere Saisonaushilfe für den Shop wird auch noch dazukommen, sodass wir dann alle mehr rotieren können«, fügte sie hinzu.

»Ich freu mich drauf. Aber bis dahin will ich mich noch gründlich einlesen.« Ich steckte mein Notizbuch in die Umhängetasche und stand auf. »Viel Spaß bei deiner Tour. Sehen wir uns dann zu Hause, oder treffen wir uns gleich im Pub?«

»Wir sehen uns auf jeden Fall noch in der Wohnung, dann können wir gemeinsam zur Kneipe laufen.« Lilly biss genüsslich in ihr Sandwich und winkte mir noch einmal zu, ehe ich die wenigen Schritte zum Bootshaus ging.

Drei Stunden später rauchte mir der Kopf, denn die Aufgabenstellung war doch komplexer, als ich angenommen hatte. Aber meine neue Chefin Esther schien sehr zufrieden zu sein.

»Du bist ein wahrer Glücksgriff«, lobte sie und strahlte mich an. »So schnell wie du hat das Programm noch keiner begriffen – mich eingeschlossen. Wer auch immer dieses System programmiert hat, war ein echter Menschenhasser.«

»Das glaube ich nicht. Es gibt halt ziemlich viele Eventualitäten zu bedenken. Bei anderen Buchungssituationen ist es ja viel einfacher, weil die Termine nicht so häufig verschoben oder storniert werden müssen«, sagte ich und klickte mich noch einmal durch die Auswahl im Menü.

Die Waltouren waren ein wetterabhängiges Geschäft. Bei Sturm oder zu hohem Seegang liefen die Schiffe nicht aus. Da sich das Wetter aber oft kurzfristig änderte, eröffneten sich manchmal auch recht spontan Möglichkeiten für Touren. Gäste, die ihren Urlaub planten, buchten oft schon Monate im Voraus – zu einem flexiblen Tarif. Andere riefen spontan an oder kamen im Büro vorbei und erkundigten sich nach kurzfristigen Optionen. Dann gab es auch noch die unterschiedlichen Schiffstypen und Touren, denn es machte einen gewaltigen Unterschied, ob man mit den größeren Motorschiffen weiter aufs Meer rausfuhr oder mit den Kajaks in Kleingruppen in Küstennähe blieb. Das alles musste das System abbilden. Es war viel, aber wenn man einmal begriffen hatte, wie es funktionierte, war es eigentlich ganz logisch.

»Lilly hat recht. Du bist tatsächlich einer der positivsten Menschen, die ich kenne.« Esther schüttelte leicht den Kopf. »Also, nicht dass ich mich beklagen will. Ganz im Gegenteil. Ich bin so dankbar, dass wir uns über den Weg gelaufen sind und ich dich dazu überreden konnte, bei mir zu arbeiten. Aber manchmal frage ich mich, womit ich so viel Glück verdient habe.«

Nun war ich sprachlos. Ihr überbordendes Lob hatte mich verlegen gemacht und ich hatte Angst, dass sie in meiner Vergangenheit bohren würde. Dass sie wissen wollte, warum ich mich so leicht in dieses Buchungssystem einarbeiten konnte, warum ich so glücklich war, hier zu sein. Und warum ich ganz gut zeichnen konnte – was sie noch gar nicht wusste. Aber sie schien nicht misstrauisch zu sein, sondern ganz im Gegenteil einfach nur sehr dankbar. Dabei war es an mir, mich über die glückliche Fügung unserer Begegnung zu freuen und dankbar für dieses neue Leben zu sein. Esther Johnson hatte mir vielleicht nicht das Leben gerettet, aber es war ziemlich nah dran gewesen. Doch das konnte ich ihr nicht erzählen.

»Ich bin nicht religiös oder so«, entgegnete ich daher. »Aber vielleicht gibt es ja doch eine geheimnisvolle Macht, die dafür gesorgt hat, dass wir uns treffen? Ich bin nämlich auch wahnsinnig glücklich, hier zu sein. Einen spannenden Job zu haben und sogar eine so schöne Wohngelegenheit.«

»Wer auch immer dafür zuständig ist, es war ein Geniestreich«, sagte Esther mit einem Lächeln. »Hast du eigentlich alles, was du brauchst? Die Entscheidung, Vancouver zu verlassen und mit mir nach Tofino zu kommen, war ja doch ziemlich spontan.«

Ich unterdrückte ein Seufzen. Es wäre wohl zu schön gewesen, wenn sie das Thema hätte ruhen lassen. Vor vier Tagen war ich mit meinem großen Trekkingrucksack und zwei gut gefüllten IKEA-Taschen in Esthers Wasserflugzeug gestiegen und von Vancouver nach Tofino gezogen. Das war tatsächlich alles, was ich besaß – und es war erheblich mehr als noch vor wenigen Jahren. Leichtes Gepäck hatte wirklich Vorteile, auch wenn die meisten Menschen sich das nicht vorstellen konnten. »Ich habe alles. Mach dir keine Sorgen. Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich mit Minimalismus und habe alles Unwichtige aus meinem Leben entfernt«, erklärte ich, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass vermeintlich seltsames Verhalten von den Leuten deutlich besser aufgenommen wurde, wenn es einen coolen Namen dafür gab. Und bei den ganzen Aufräum-Lifestyle-Shows im Fernsehen war ich damit so etwas wie ein Trendsetter. Nur dass mein minimalistischer Lebensstil eher aus der Not geboren und keine Trendentscheidung war. Aber egal, ausschlaggebend war, dass man es mir abnahm und keine Fragen stellte.

»Echt? Das finde ich total bewundernswert. Ich hätte echt gern weniger Zeug, aber bei mir klappt das nicht. Meine Schwester hat mir zu Weihnachten ein Buch von einem japanischen Minimalismus-Guru geschenkt. Sehr beeindruckend, aber unvorstellbar für mich.«

»Fumio Sasaki?«, fragte ich, und meine Chefin nickte enthusiastisch. Ich hatte im Internet nach einigen einschlägigen Namen gegoogelt und unter anderem ihn gefunden, weil er einen konsequenten Ansatz predigte, auf den viele Menschen total abfuhren. Theoretisch zumindest. »Ich finde ihn wirklich cool, aber verglichen mit ihm habe ich immer noch zu viel Zeug.«

»Wenn du das denkst, darfst du nie zu mir nach Hause kommen ...«

»Es hat alles Vor- und Nachteile. Ich mag es, wenn ich den Überblick habe, und empfinde die scheinbare Einschränkung als Freiheit. Aber das ist sicher nicht für jeden geeignet. Mit zwei kleinen Kindern, einem Hund und deiner Firma ist das bestimmt kaum machbar. Und es gibt ja auch keinen Grund dafür, dich einzuschränken, wenn die Sachen keine Last für dich sind«, sagte ich und kam mir wie eine Heuchlerin vor. Es hatte Zeiten gegeben, in denen ich wahnsinnig gern in einem etwas chaotischen Häuschen gelebt hätte – mit Kindern, Haustieren und zahllosen Erinnerungsstücken.

»Sicher, aber glaub mir, ein bisschen weniger Kram wäre auch schön.« Esther seufzte. »Es gibt Leute, die haben mehr Gepäck für einen Wochenendtrip dabei als du bei deinem ›Umzug‹.« Das Wort »Umzug« setzte sie in Luft-Gänsefüßchen, was mich offen gestanden ziemlich irritierte.

»Denkst du, ich bin nicht wirklich hierhergezogen?«

»Keine Ahnung«, gab sie zu. »Ich weiß nur, dass ich sehr froh wäre, wenn es so wäre, und ich werde deine Unterstützung genießen, solange sie anhält. Lass dich bitte nicht von meinen unbeholfenen Versuchen irritieren, mehr über dich herauszufinden. Du hast wie jeder andere Mensch eine Vergangenheit, und wenn du nicht darüber sprechen willst, ist das vollkommen okay für mich.« Sie drückte kurz meinen Arm, stand dann vom Schreibtischstuhl auf und ließ ihre Schultern kreisen, während sie aus dem Fenster schaute. »Wenn du magst, kannst du für heute Feierabend machen«, bot sie mir lächelnd an, doch ihr sehnsüchtiger Blick sagte mir etwas anderes. Es zog sie ganz eindeutig nach draußen.

»Ich kann gerne noch die Buchungen für die nächsten Tage checken und auch noch einige Social-Media-Posts vorbereiten«, sagte ich. »Lilly hat mir den Ordner in der Cloud gezeigt, in den die Guides die Videos und Fotos von den aktuellen Touren speichern. Das kann ich posten, und ich hätte auch noch ...« Ich zögerte, weil ich an Lillys Worte von vorhin zurückdachte, als sie meine Zeichnung von einem der Ausflugsboote gesehen hatte.

»Und du hättest auch noch was?« Esther schenkte mir nun wieder ihre volle Aufmerksamkeit.

»Es war nur so eine Idee von Lilly, dass man mal etwas anderes posten könnte.«

»Ich bin offen für alles – solange ich mir nicht selbst was ausdenken muss.« Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die lange blonde Mähne und bändigte sie mit einem Haargummi.

»Ich zeichne ganz gerne«, fuhr ich fort. »Heute Mittag habe ich ein bisschen rumgekritzelt, und Lilly meint, dass ich das unbedingt posten sollte.« Esther blickte mich auffordernd an, also zog ich mein Notizbuch aus der Tasche und zeigte ihr meine Skizze von dem »Johnson’s Giants«-Motorboot.

»Gekritzelt?«, rief Esther fassungslos. »Wie sieht es aus, wenn du dir Mühe gibst?«

»Na ja, besser halt.«

»Das war Ironie! Lilly hat vollkommen recht. Diese kleine Zeichnung wirkt so viel stimmungsvoller als ein Foto. Natürlich posten wir das. Also, wenn das okay für dich ist.«

»Warum sollte es denn nicht okay für mich sein?«

»Weil doch viele Künstler nicht wollen, dass ihre Werke einfach so im Internet verbraten werden. Vermutlich könntest du dafür Geld nehmen.«

»Dafür sicherlich nicht. Und es wäre mir eine Ehre, wenn ich das Bild posten dürfte.«

»Super.« Esther lächelte mich warmherzig an, dann fiel ihr Blick wieder aufs Fenster. »Wenn es für dich okay ist, nehme ich dein Angebot gerne an. Aber mach nicht zu lange. Ich will nicht, dass sich meine neue Mitarbeiterin schon nach der ersten Woche ausgebrannt fühlt.«

»Keine Sorge. Ich mache spätestens um sechs Feierabend, denn danach geh ich mit Lilly in den Pub.«

»Mach das. Da ist freitagabends immer eine sehr lustige Runde.« Esther schlüpfte in ihre Jacke und wandte sich zur Tür.

»Esther?«, rief ich ihr hinterher.

»Ja?«

»Ich fände es wirklich toll, wenn ich bald mal zu den Walen rausfahren könnte. Ich habe ja noch nie einen echten Wal gesehen und das macht vielleicht keinen so guten Eindruck, wenn mich Kunden im Shop oder am Telefon fragen.«

»Da hast du recht. Ich vergesse immer, dass du eine echte Wal-Novizin bist, weil du bei allen anderen Dingen so superkompetent wirkst. Ich frage Nora, ob sie morgen Vormittag das Büro betreuen kann, dann kannst du auf meine Tour mitkommen. Und wenn es morgen nicht klappt, dann spätestens Anfang nächster Woche«, versprach sie.

San Francisco, 24. April – Nalu

»Dann also bis nächsten Mittwoch«, sagte ich und nahm die ausgestreckte Hand des Hafenagenten.

Wider besseres Wissen, schlicht weil ich keine Ahnung hatte, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen sollte, hatte ich diesen Auftrag angenommen: eine luxuriöse Privatjacht für den Eigner von San Francisco nach Vancouver zu segeln, von wo aus er im Sommer zu einer Alaska-Tour starten wollte. Grundsätzlich waren solche Aufträge kein Problem, sondern mein täglich Brot. Überführungsfahrten hatten den Charme, dass ich mit meist erstklassigen Schiffen auf interessanten Routen segeln konnte – und zwar auf die Art und Weise, wie ich es wollte. Doch bei diesem Job würde es anders sein. Der Eigner hatte die Tour verchartert, und ich würde mit drei solventen, mittelalten Paaren einen »gechillten, individuellen Sightseeing-Trip in den Norden« machen müssen.

Erfahrungsgemäß gab es in so einer Gruppe immer mindestens zwei Oberklugscheißer, die in ihrem Leben schon vorher mal gesegelt waren und nun meinten, in allen Belangen besser Bescheid zu wissen als ich. Ich hatte nichts gegen enthusiastische Mitreisende, die wirklich Interesse hatten, etwas zu lernen oder ein Abenteuer zu erleben, aber ...

Nein, ich wollte mir nicht schon vom Gedanken daran die Laune verderben lassen. Niemand hatte mich gezwungen, diesen Auftrag anzunehmen. Niemand. Es hätte auch einen anderen gegeben – eine Überführungsfahrt in meine Heimat Hawaii. Aber da wäre es um eine große Motorjacht gegangen und der Trip hätte sich fast wie Busfahren angefühlt – und außerdem war ich nicht bereit, nach Hause zurückzukehren. Ich war seit zwanzig Jahren auf den Weltmeeren unterwegs. Meist im Pazifik, aber ich hatte auch schon drei Weltumseglungen hinter mir und war zwei Jahre lang in Europa gewesen. Auf Nord- und Ostsee, dem Atlantik, dem Mittelmeer. Das waren unvergleichliche Erlebnisse gewesen, viel schöner als die in der Karibik, die ich mit Mitte zwanzig für einige Saisons unsicher gemacht hatte. Ich musste grinsen, als ich daran dachte. Rein seglerisch war das bis auf den einen Hurrikan-Ausläufer eher uninteressant gewesen, doch die Partys ... Und die Frauen ...

Damals hatte ich das alles geliebt und mich voller Begeisterung ins pralle Leben gestürzt, aber irgendwie waren diese Zeiten vorbei. Die Abenteuer und Herausforderungen, nach denen ich mich jetzt sehnte, hatten nichts mehr mit denen zu tun, die ich noch vor zehn, fünfzehn Jahren gesucht und gefunden hatte. Blöd war nur, dass ich keinen Schimmer hatte, wie genau diese Sehnsüchte aussahen.

Wenn es nach meiner Familie ginge, würde ich endlich nach Big Island zurückkehren und in das Business meines Bruders einsteigen, der in Kailua-Kona alle Dienstleistungen anbot, die irgendwas mit dem Meer zu tun hatten. Er vercharterte kleinere und größere Schiffe – Segel- und Motorboote –, er war stiller Partner in einer florierenden Surfschule und in der größten Tauchschule vor Ort. Vor allem aber betrieb er ein Walbeobachtungsunternehmen, das eng mit einem lokalen Museum und Wissenschaftlern von einem meeresbiologischen Institut der Universität von Honolulu zusammenarbeitete. Zu tun gäbe es in diesem Familienbetrieb genug, und meine Eltern und Geschwister lockten mich regelmäßig mit den tollsten Versprechungen – und guten Argumenten.

Nach zwei Jahrzehnten Nomadendasein sollte doch der Zeitpunkt dafür gekommen sein, mich niederzulassen, meinem Leben eine neue Perspektive zu geben und vielleicht sogar eine eigene Familie zu gründen. So meine Mutter. Und ja, ein Teil von mir, den ich bisher zum Stillschweigen verdammt hatte, gab ihr recht. Ich verspürte tatsächlich die Sehnsucht, irgendwo anzukommen. Ob das aber wirklich ein geografischer Ort war oder eher ein neuer Lebenssinn, war mir nicht klar. Und solange ich es nicht wusste, wollte lieber nicht nach Hause.

Also würde ich mit den drei Paaren nach Vancouver schippern und dann vielleicht einen Abstecher nach Vancouver Island machen. Dort lebte meine alte Freundin Esther Johnson, mit der ich vor vielen Jahren einige unvergessliche Sommermonate auf dem Meer verbracht hatte und die inzwischen mutmaßlich ebenfalls in Wal-Angelegenheiten unterwegs war. Ihre Eltern hatten ein Ausflugsgeschäft in Tofino, das zwar längst nicht so groß war wie das meines Bruders, aber zumindest damals gut gelaufen war. Esther hatte immer gesagt, dass sie »Johnson’s Giants« eines Tages übernehmen würde. Ob das inzwischen passiert war, wusste ich jedoch nicht, denn wir hatten uns schon lange aus den Augen verloren und keinen Kontakt mehr gehabt. Schade eigentlich. Doch vielleicht war dieser Job mit den lästigen Passagieren in Wahrheit ja ein Wink des Schicksals? Vielleicht würde ich im Norden herausfinden, was das Leben noch mit mir vorhatte und wie genau meine Sehnsüchte beschaffen waren?

Weichenstellungen

San Francisco, 25. April – Nalu

»Zoe? Zoe Johnson? Ich fass es nicht.« Gestern hatte ich an Esther gedacht – zum ersten Mal nach vielen Jahren –, und heute stand ich ihrer jüngeren Schwester Zoe gegenüber. Am Ocean Beach in San Francisco. Zumindest war ich mir sicher, dass die Frau, die gerade ein paar ziemlich abgedrehte Yoga-Übungen geturnt hatte, Zoe sein musste, auch wenn ich sie nur ein paarmal kurz gesehen hatte – vor vielen Jahren. Aber mit ihren langen blonden Haaren war sie Esther verdammt ähnlich.

Mich schien sie jedoch nicht zu erkennen, wenn ihre gerunzelte Stirn und ihr abschätzender Blick Indizien waren. »Nalu«, half ich ihr daher auf die Sprünge. »Ich war vor vielen Jahren mit deiner Schwester ...«

Sie unterbrach mich, indem sie ihre Hand auf meinen Oberarm legte und mich anstrahlte. »Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt.« Sie musterte mich anerkennend und fuhr dann mit ihrem Zeigefinger über die Tattoos auf meinem linken Oberarm. »Die hattest du damals noch nicht«, stellte sie fest und nahm mich weiter in Augenschein. »Was machst du hier?«

»Joggen«, sagte ich wahrheitsgemäß, auch wenn sie ihre Frage zweifellos anders gemeint hatte.

»Lebst du in San Francisco?«, bohrte sie weiter nach.

»Nein, ich bin erst seit gestern hier und ab Mittwoch wieder unterwegs. Was ist mit dir? Wohnst du jetzt hier?«

»Ja, seit Jahren schon. Tofino war mir einfach zu klein. Ich arbeite hier als Yoga-Lehrerin.«

»Am Strand?«

»In einem Studio. Hier bin ich nur an meinen freien Tagen, wenn das Wetter schön ist.«

»Und Esther?« Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen. War sie am Ende auch aus Tofino weggezogen? In eine Stadt wie San Francisco schien sie mir allerdings überhaupt nicht zu passen. Esther war kein Stadtmensch, sondern liebte das Meer genauso wie ich. Eigentlich konnte ich sie mir genauso wenig an Land vorstellen wie mich selbst.

»Was soll mit ihr sein?«

»Lebt sie auch hier?«

Zoe schüttelte lachend den Kopf, als hätte ich einen wahnsinnig originellen Witz gemacht. »Nein, natürlich nicht! Esther ist nach wie vor in Tofino und hat vor ein paar Jahren das Geschäft unseres Vaters übernommen.«

Ich nickte, weil das genau meiner Vorstellung entsprach. Erinnerungen ploppten in meinem Kopf auf, und ich musste lächeln. Wir hatten wirklich eine coole Zeit gehabt damals. »Geht’s ihr gut?«, erkundigte ich mich.

»Wenn das eine Frage danach ist, ob sie Single ist, dann kann ich sie nicht eindeutig bejahen.« Zoe grinste mich herausfordernd an.

»War es nicht, ist aber trotzdem eine interessante Information. Habt ihr etwa keinen Kontakt zueinander?«

»Doch. Aber ihr Beziehungsstatus ist aktuell etwas unklar, wobei es sein kann, dass er gerade zu ›Vergeben‹ gewechselt hat.«

»Nur fürs Protokoll – ich habe kein Interesse daran, unseren Sommerflirt von vor fünfzehn Jahren wieder aufleben zu lassen. Ich wollte wirklich nur wissen, wie es Esther geht. Ich segle ab Mittwoch nach Vancouver und habe überlegt, ob ich mich bei ihr melden soll.«

»Ach so.« Zoe musterte mich prüfend und überlegte wohl, ob sie mir glauben konnte oder nicht. »Mach das. Ich bin mir sicher, sie freut sich. Und bei dem Anblick, den du heutzutage bietest, hättest du sogar eine Chance gegen Wolverine.«

»Muss ich das verstehen?«

Zoe winkte ab. »Esther hat einfach eine Schwäche für muskulöse Kerle, und der aktuelle Kandidat sieht ein bisschen aus wie Hugh Jackman als Wolverine. Leider benimmt er sich häufig wie Sheldon Cooper. Du dagegen hast inzwischen etwas von Jason Momoa. Also eher wie ein junger Jason Momoa, der noch nicht ganz so bullig und zottelig ist. Dafür aber geile Tattoos hat.« Sie ließ ihren Blick über mich gleiten, anzüglich und bewundernd zugleich, und ich war froh, dass ich ein weites Tanktop trug. Normalerweise machte es mir nichts aus, von Frauen abgecheckt zu werden – ich tat das umgekehrt ja auch. Oder hatte es früher getan. Bei Zoe jedoch war es mir seltsamerweise unangenehm, auch wenn der Vergleich mit Jason Momoa zweifellos schmeichelhaft war.

»Wie auch immer«, lenkte ich ab. »Kannst du mir ihre aktuelle Telefonnummer geben, damit ich mich bei ihr melden kann?«

»Wenn du mir deine Nummer gibst, dann schick ich dir ihre Kontaktdaten – und zum Dank darfst du mich auf einen Drink einladen, solange du noch in der Stadt bist.« Sie lachte über mein erschrockenes Gesicht. »Keine Sorge, ich habe keine unlauteren Absichten. Ich würde einfach gern mit einem alten Bekannten quatschen und hören, was für Abenteuer er in den letzten Jahren erlebt hat.« Sie holte ihr Handy aus der Bauchtasche des Hoodies, das sie über ihr knappes Yoga-Outfit gezogen hatte, und tippte meine Nummer ein, die ich ihr diktierte. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte mir einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. »Ich melde mich später, aber jetzt muss ich los. Bis dann.«

Tofino, Vancouver Island, 26. April – Yuma

»Puh, so hab ich Esther noch nie erlebt«, brummte Lilly, als ich nach der Lagebesprechung mit ihr zum Anleger lief, um dort alles für die nächste Tour vorzubereiten, die in einer Stunde starten würde.

Es war das erste Mal, dass ich dabei sein durfte. In den letzten Tagen hatte es sich nicht ergeben, und nun zitterte ich regelrecht vor lauter Aufregung. Mein langgehegter Wunsch würde endlich in Erfüllung gehen. Leider war das Wetter nicht besonders schön. Der Himmel war grau verhangen, und ab und zu nieselte es, aber die See war vergleichsweise ruhig, und laut Esther war den Walen das Wetter ohnehin egal. Lilly warf mir einen Seitenblick zu, als erwartete sie meine Einschätzung zu ihrer Behauptung. »Ich kenne Esther noch nicht lange genug, um etwas dazu sagen zu können, aber sie machte einen etwas angespannten Eindruck«, antwortete ich daher und hoffte, dass die Diskussion an diesem Punkt beendet wäre. Ich mochte keinen Tratsch, aus dem im Handumdrehen fiese Gerüchte werden konnten, die einem das Leben zur Hölle machten.

»Soweit ich weiß, hatte sie am Samstag ein Date mit Dominic von gegenüber«, sprach Lilly jedoch gnadenlos und sensationslüstern weiter. »Und Dominic ist danach überstürzt abgereist.«

Ich zuckte mit den Schultern und wusste nicht, wie ich diese Enthüllungen kommentieren sollte.

»Dabei würde ich es Esther so gönnen, dass sie einen guten Typ findet, der für sie und die Kinder da ist.« Sie warf einen finsteren Blick auf das benachbarte Bootshaus, dessen erster Stock das Büro von Dominic Gordon und Matt Tomlinson beherbergte, wie ich inzwischen wusste.

»Esther scheint mir eine starke und unabhängige Frau zu sein, die gut allein klarkommt«, sagte ich, ehe ich mich bremsen konnte. »Man braucht nicht unbedingt einen Partner, um ein erfülltes Leben zu führen. Manchmal ist man ohne sogar viel besser dran.«

Das lenkte Lillys Interesse schlagartig von Esther auf mich – was definitiv die blödeste Alternative war. »Ich wittere eine spannende Geschichte.« Sie schaute mich mit großen Augen an, doch ich schüttelte den Kopf.

»Nichts, was nicht jeder von uns schon mal erlebt hätte«, entgegnete ich leichthin und wunderte mich, dass mir die Lügen inzwischen so locker über die Lippen kamen. Ich konnte regelrecht Bill hören, wie er mir wieder und wieder einschärfte, dass es keine Lügen waren, sondern eine legitime und angemessene Form der Selbstverteidigung. Das sah ich immer noch anders, doch natürlich hielt ich mich an die Regeln. Was blieb mir auch anderes übrig? Glücklicherweise schien Lilly meine Aussage zu schlucken.

»Auch wieder wahr«, gab sie zu und seufzte schwer. »Ich hoffe wirklich, dass wir noch ein paar schnuckelige Saison-Kollegen bekommen. Aber bis dahin sollten wir unbedingt mal in die Surfer-Bar gehen, in der die Wellenreiter immer abhängen. Da gibt’s erfahrungsgemäß ein paar echte Sahneschnitten.«

»Vor allem wäre ich jetzt total dankbar, wenn du mir kurz erklären könntest, was mich bei der Tour genau erwartet und mit welchen Fragen ich bei den Gästen rechnen muss«, wechselte ich abrupt das Thema. »Ich bin nämlich ehrlich gesagt ganz schön aufgeregt.«

»Kann ich verstehen. Das war ich vor meiner ersten Tour auch. Aber keine Angst, es wird garantiert toll.«

»Und wenn wir keine Wale sehen?«

»Das ist sehr unwahrscheinlich. Noch sind viele Grauwale unterwegs, und in den letzten Wochen haben wir auch fast jeden Tag Buckelwale und häufig auch Orcas und Delfine gesehen. Selbst Carlos findet die besten Stellen inzwischen fast im Schlaf.«

Carlos war der dritte Mitbewohner in unserer »Johnson’s Giants«-Kollegen-WG, in der ich hatte unterschlüpfen können. Er stammte aus Mexiko, wo sein Onkel ebenfalls eine Walbeobachtungsstation betrieb. Carlos machte hier im Norden ein Praktikum und arbeitete als Skipper. Er war Anfang zwanzig und ein wenig wortkarg. Aber vielleicht kam er bei der ständig plappernden Lilly auch einfach nicht zu Wort?

»Es haben sich nur zehn Leute für die Tour angemeldet, es sollte also alles ganz entspannt werden«, fuhr Lilly fort und fing an, die Schwimmwesten für die Gäste aus den großen Metalltruhen an Deck des Motorbootes hervorzuholen.

Während der nächsten halben Stunde erklärte sie mir alle Sicherheitsvorkehrungen und Verhaltensmaßnahmen, sodass mir einigermaßen der Kopf schwirrte. Das war komplizierter als die Buchungssoftware im Büro – die folgte wenigstens logischen Regeln.

»Entscheidend ist, den Gästen einzuschärfen, dass sie die Wale nicht anfassen dürfen«, sagte Lilly zum wiederholten Male eindringlich.

Ich selbst hatte zwar kein großes Bedürfnis danach, diese Giganten zu streicheln, aber ich verstand nicht ganz, warum es hier verboten war. In etlichen Internetvideos hatte ich gesehen, wie sich Wale geduldig von begeisterten Menschen betatschen ließen. »Wäre das wirklich so schlimm?«, fragte ich daher. »Ich habe gelesen, dass gerade Grauwale total neugierig sein sollen und den Kontakt zu Menschen regelrecht suchen.«

»Ja, das stimmt. Aber zur Philosophie von ›Johnson’s Giants‹ gehört es, dass wir die Tiere respektieren, indem wir ihnen eben nicht auf die Pelle rücken.«

Ich hatte den Eindruck, dass Lilly diese Regel selbst etwas merkwürdig fand, aber sie hatte sie verinnerlicht. Ich fand den Ansatz gut. Respekt vor anderen Lebewesen – Tieren wie Menschen gleichermaßen – war aber leider nicht selbstverständlich. »Was ist mit blinden Gästen? Die können die Tiere ja nicht sehen. Wäre es für sie nicht schön, wenn sie sie stattdessen buchstäblich ›begreifen‹ könnten?«, sprach ich den Gedanken aus, der mir gerade in den Sinn gekommen war.

»Vielleicht«, gab Lilly zu. »Doch das ist nicht unsere Entscheidung. Und tatsächlich wirst du merken, dass du die Wale nicht nur mit den Augen wahrnimmst. Da sind echt alle Sinne gefordert.«

Nun war ich wirklich gespannt. »Auch Schmecken?«, forderte ich sie heraus, denn das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Sie lachte. »Glücklicherweise nicht. Aber die Geräusche sind toll, die die Tiere machen, und überhaupt gibt es immer eine ganz besondere Atmosphäre und ... Ach, lass dich einfach überraschen. Nach der Tour weißt du genau, was ich meine.«

Ich wusste schon während der Fahrt genau, was sie meinte. Und auch wenn ich noch nicht wirklich einordnen konnte, welche Bedeutung diese Begegnung für mich und mein Leben haben würde, war ich mir ganz sicher, dass ich soeben eine neue Richtung eingeschlagen hatte. Wie ein Zug, der von einer Weiche von einem aufs andere Gleis gezwungen wurde.

Wir hatten kaum den Hafen verlassen – flankiert von ein paar Seelöwen, die anscheinend ebenfalls etwas vorhatten –, da waren wir schon von einigen schnatternden Delfinen umringt, die mit offensichtlicher Begeisterung auf der Bugwelle surften, die unser Schiff erzeugte. Carlos gab nämlich ordentlich Gas, und der frische Fahrtwind und die würzige Meeresluft wirkten wie ein Aufputschmittel für mich. Nicht, dass ich eines gebraucht hätte, denn all meine Sinne waren wach und empfangsbereit, und tief in mir kribbelte wie verrückt eine Vorahnung. Ich vertraute diesem Bauchgefühl – es hatte mir schließlich schon das Leben gerettet. Mehrfach. Doch heute fühlte es sich nicht wie eine Alarmanlage an, sondern eher wie das Vorzeichen eines großen Abenteuers.

»Walblas, hart steuerbord«, rief Lilly plötzlich, die bisher scheinbar ganz lässig und entspannt an der Reling gestanden hatte und ihren Blick über die sanften Wellen hatte gleiten lassen. Carlos drosselte die Geschwindigkeit und lenkte das Boot nach rechts.

Ich sah mich genauso ratlos um wie unsere Gäste und konnte nichts erkennen. »Blas« war die Wasserfontäne, die Wale beim Ausatmen typischerweise erzeugten, und Profis konnten anhand der Form und Höhe erkennen, von welcher Walart sie stammte. Angeblich hatte man das im Handumdrehen drauf, doch dafür musste man so einen Strahl ja überhaupt erst mal zu Gesicht bekommen.

Die Delfine zogen ab, offenbar war ihnen das Zuckeltempo, in dem wir uns nun vorwärtsbewegten, viel zu langweilig.

»Vielleicht war es eine optische Täuschung?«, sagte ich zu Lilly und versuchte, meine Enttäuschung zu verbergen, doch sie schüttelte nur grinsend den Kopf.

»Abwarten«, empfahl sie mir und bat Carlos dann, den Motor ganz auszuschalten. Sie schien sich ihrer Sache verdammt sicher zu sein, obwohl ich und die anderen Gäste nichts erkennen konnten.

Es war ja auch kaum denkbar, dass wir so nah am Land ernsthafte Sichtungen haben würden, oder? Die Strandhäuser von Tofino waren immer noch gut auszumachen, und andere kleine Inseln waren gefühlt in Spuckweite. Konnte es wirklich sein, dass die Grauwale hier herumschwammen?

Es waren jedoch keine Grauwale, die Augenblicke später auftauchten, es waren Orcas – meine erklärten Lieblinge.

»Haie!«, schrie ein junger Mann mit aufgerissenen Augen und deutete auf die spitzen Rückenfinnen, die in einiger Entfernung aus dem Wasser ragten und sich ziemlich rasant näherten.

»Keine Haie«, korrigierte ihn Lilly lachend. »Das sind Orcas, und so wie sie sich benehmen, sind sie wohl gerade auf der Jagd.«

»Sag ich doch, blutrünstige Raubtiere«, entgegnete der Typ trotzig und ich konnte nicht erkennen, ob er scherzte oder es ernst meinte.

»Also ich finde die Orcas ja voll süß«, fiel ihm seine Freundin ins Wort. »Seit der Show letztes Jahr im SeaWorld in San Diego sind das meine Lieblingstiere. Werden wir sie auch füttern?« Sie sah sich suchend um, als erwartete sie, dass sich jeden Moment ein Eimer mit Fischen an Deck materialisieren würde. Offensichtlich hatte sie vorhin bei Lillys Einführung keine Sekunde lang zugehört.

Ich bewunderte das Pokerface meiner Kollegin, das ich dem sonst so fröhlich plappernden Wirbelwind gar nicht zugetraut hätte, doch sie blieb trotz der Triggerworte »Show« und »SeaWorld«, die bei jedem Tierschützer mindestens für empörte Schnappatmung sorgten, erstaunlich cool. »Das hier sind wild lebende Tiere, die sich selbst versorgen«, erklärte sie mit einem freundlichen Lächeln. »Wir beobachten sie nur. Aber wenn wir Glück haben, liefern sie uns trotzdem einiges an Action.«

»Was fressen die denn so? Heringe?«, wollte der Hai-Typ wissen.

»Kommt drauf an. Wenn es eine heimische Gruppe ist, dann Lachs. Manchmal kommen aber auch andere Orca-Familien vorbei, die eher Appetit auf Robben haben. Doch da die Seelöwen ganz entspannt sind, werden es einheimische Wale sein.« Sie deutete auf die Gruppe, die abrupt die Richtung gewechselt hatte und nun, statt direkt auf uns zuzuschwimmen, einen großen Bogen um das Schiff machte.

»Mir scheint, die haben die dämlichen Kommentare gehört und haben keine Lust auf eine Show«, brummte eine Männerstimme hinter mir und klang gleichermaßen enttäuscht und gereizt.

Insgeheim gab ich dem Typ recht, aber nett war der Kommentar trotzdem nicht, zumal er ihn so laut ausgesprochen hatte, dass ihn auch das Hai-SeaWorld-Pärchen gehört hatte.

»Die wild lebenden Orcas sind nicht hier, um uns eine Show zu bieten«, erwiderte Lilly ganz ruhig. »Sie lassen uns an ihrem Leben teilhaben – und das besteht im Moment aus der Jagd nach Lachsen. Das ist eigentlich viel spannender, nicht wahr? Außerdem gibt es keine dämlichen Kommentare oder dummen Fragen auf unseren Touren. Jeder kommt mit einem anderen Wissensstand an Bord, was total okay ist. Ich werde versuchen, alle Fragen zu beantworten.«

Meine Bewunderung für Lillys Geduld wuchs ins Unermessliche. So viel pädagogisches Gespür und Taktgefühl hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Ehe sich jedoch eine weitere Diskussion entwickeln konnte, hörten wir plötzlich lautes Schnauben, und alle Gäste, die bislang den jagenden Orcas hinterhergesehen hatten, drehten sich abrupt um. Unmittelbar neben unserem Schiff ragte ein Walkopf aus dem Wasser und beäugte uns neugierig. Ein Buckelwal.

Und plötzlich wusste ich genau, was Lilly mit »allen Sinnen« gemeint hatte. Meine Augen tasteten seinen markanten Kopf ab, der von weißen Seepocken und goldgelben Kieselalgen bewachsen war. Ich konnte ihn riechen und ihn auf eine Art fühlen, wie ich noch nie ein Lebewesen wahrgenommen hatte. Ich hatte fast den Eindruck, ein neues Sinnesorgan erhalten zu haben, anders konnte ich es nicht erklären.

Ich nahm die aufgeregten Rufe meiner Mitreisenden nur diffus wahr, die allesamt hektisch versuchten, diesen Moment fotografisch festzuhalten. Ich selbst war stattdessen ganz auf das Tier konzentriert. Ich prägte mir alle Einzelheiten ein: die dunklen Flecken auf dem grau-weißen Furchenkinn, alle Runzeln und Narben und vor allem das kluge, wissende Auge, das beinahe amüsiert wirkte. Es war kein bewusster Vorgang, sondern eher ein passives Erleben des Moments, in dem sich dieses mächtige Tier in mein Herz stahl und meine Seele berührte. Ich wollte es nicht fotografieren, aber ich hatte das dringende Bedürfnis, es zu zeichnen.

In mir verschob sich etwas – die Weiche, die mich auf ein neues Gleis brachte? In eine noch unbekannte, aber möglicherweise wundervolle Zukunft?

Ein überraschter Aufschrei weckte mich aus meiner Trance und ich sah, wie ein weiterer Buckelwal praktisch in der Luft schwebte, ehe er im nächsten Augenblick wieder ins Wasser platschte und uns allesamt komplett durchnässte. Sein Kumpel zwinkerte mir noch einmal zu – zumindest kam es mir so vor – und tauchte dann ebenfalls ab.

»Meine Fresse, war das geil!«, rief der Hai-Mann beeindruckt, während seine Freundin und einige andere Gäste panisch versuchten, ihre Kameras und Handys trockenzulegen. Trotz Lillys eindringlicher Warnung zu Beginn des Trips hatten die wenigsten ihre Geräte gegen Spritzwasser geschützt – oder vor Flutwellen, wie im aktuellen Fall.

Lilly warf mir einen Blick zu, den ich nicht ganz deuten konnte, und grinste dann breit. »Das war übrigens die Waltaufe, die ich extra für dich bestellt habe. Jetzt bist du offiziell eine ›Johnson’s Giants‹!«

Natürlich hatte sie das nur so dahingesagt, das war mir schon klar, aber irgendwie fühlte es sich trotzdem wie die Wahrheit an. Ich war in meinem neuen Leben angekommen, und ich wollte das Beste daraus machen.

Sicherheit ist eine Illusion

Tofino, Vancouver Island, 1. Mai – Yuma

Es war noch reichlich Trubel hier am Hafen, aber vermutlich würden die meisten Touristen gleich zum Abendessen in eins der Restaurants oder einen der Pubs verschwinden und von den Abenteuern ihres Tages schwärmen. Ich tat das auch – auf meine Art. Ich saß mit meinem Notizbuch auf einer Bank und zeichnete wie manisch. Es war fast so, als hätte ich keine Kontrolle über meine Finger, die den Stift hielten und Wale skizzierten. Vorwiegend einen Wal – den Buckelwal, mit dem ich bei meiner ersten Tour vor ein paar Tagen diesen intensiven Blickkontakt gehabt hatte. Seitdem war ich fast jeden Tag draußen auf dem Meer gewesen und hatte vorhin sogar meine erste Tour leiten dürfen. Okay, Esther war ebenfalls dabei gewesen und wäre im Notfall sicherlich eingesprungen, doch ich war gut klargekommen. Ich hatte alle Fragen beantworten können und offenbar keine allzu schlimmen Behauptungen aufgestellt, denn meine Chefin hatte mir lächelnd das Okay für weitere Trips gegeben.

Dieser Vertrauensbonus fühlte sich verdammt gut an, auch wenn ich wusste, dass ich demnächst wohl nicht ganz so oft die Chance haben würde, aufs Meer zu fahren. In den nächsten Wochen wollten einige weitere Studenten von dem Ozeanografie-Institut anreisen, mit dem »Johnson’s Giants« seit Jahren zusammenarbeitete, wie mir Lilly erklärt hatte. Die würden dann vorwiegend die Touren begleiten und den Gästen zweifellos spannendere Hintergrundinfos liefern können als ich. Aber ich wollte mich sicher nicht beklagen, die Erlebnisse der letzten Tage hatten mir eine Welt eröffnet, von der ich nicht einmal geahnt hatte, dass sie existierte. Klar, Wale faszinierten mich schon lange, und ich hatte schon immer alles über diese wundervollen Tiere gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Doch theoretisches Wissen und echte Erfahrungen waren einfach nicht dasselbe.

Ich war regelrecht besessen von der Vorstellung, was für Geschichten die Wale wohl erzählen könnten. Jedes Tier, das mir bislang begegnet war, schien eine eigene Persönlichkeit zu sein und eigene Erfahrungen zu haben. Wie spannend das sein musste! Leider sprach ich kein »Walisch«, wobei das ohnehin eine dämliche Verallgemeinerung war, denn die Lautäußerungen der einzelnen Arten unterschieden sich signifikant voneinander. Ob Orcas wohl verstanden, was Buckelwale von sich gaben? Unwillkürlich musste ich über meine bizarren Überlegungen kichern und wünschte mir doch gleichzeitig, ein bisschen was von Dr. Dolittle in mir zu haben und mit allen Tieren sprechen zu können. Wobei – war das wirklich erstrebenswert? Vermutlich hatten viele Tiere wenig Nettes über uns Menschen zu sagen. Vor allem Wale nicht.

Während mein Kopf mit diesen Gedanken beschäftigt war, führte meine Hand ein Eigenleben. Angetrieben von meinem Unterbewusstsein oder irgendwelchen mystischen Kräften, die ich nicht steuern konnte, entstanden Strich für Strich Persönlichkeiten auf dem Papier, die alle etwas zu erzählen hatten. Schmerz, Freude, Wut, Liebe – all das meinte ich aus den Porträts herauslesen zu können. So hatte ich das noch nie erlebt, denn normalerweise entstanden meine Zeichnungen immer kopfgesteuert, nie unwillkürlich. Sehr faszinierend – und ein klein wenig unheimlich.

Ich musste mir dringend besseres Papier, Tusche und Federn besorgen, damit ich die Skizzen in etwas »Haltbareres« umsetzen konnte. Lilly hatte gestern einige von meinen Bleistiftbildern gesehen und war vor Begeisterung fast ausgerastet. Und auch wenn sie vielleicht ein bisschen übermotiviert war, hatte ich doch langsam selbst das Gefühl, dass diese Bilder tatsächlich gut waren. Offensichtlich hatte ich – mein halbes Leben lang –, ohne es zu wissen, nach dem richtigen Motiv gesucht, das mein Talent so richtig zum Vorschein brachte.

Kurz blitzte ein Erinnerungsfetzen in mir auf. Eine Kunstlehrerin in der siebten oder achten Klasse hatte einmal zu mir gesagt, man könne erkennen, ob der Kopf, das Herz oder die Seele den Stift führte. Ich hatte das damals nicht begriffen, und noch heute traute ich mich kaum, in diese Richtung weiterzudenken, doch das Ergebnis war erstaunlich eindeutig. Oder? Es mochte an den Walen liegen oder daran, dass ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich wohlfühlte. Sicher fühlte. Womöglich zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben. Ein kleiner Seufzer entfuhr mir. Wie schön es wäre, wenn ich mich nun einfach diesem Gefühl hingeben könnte. Aber das Wohlbefinden und das Gefühl der Sicherheit waren trügerisch. Waren sie immer, denn die Vergangenheit hatte die unangenehme Angewohnheit, mich einzuholen. Meist dann, wenn ich nicht mehr mit ihr rechnete.

Eigentlich könnte ich jetzt auf einer Party sein. Nora und ihr Freund Matt feierten den Einzug in ihr neues Häuschen und hatten mich netterweise ebenfalls eingeladen. Nora war die jüngere Schwester von Esthers Geschäftspartner Reed. Ihr Freund Matt betrieb zusammen mit Dominic Gordon die kleine IT-Firma am Anleger gegenüber, und soweit ich wusste, entwickelten sie derzeit eine Software für Spracherkennung bei Walen. Nora jobbte bei »Johnson’s Giants« und bei Reeds Firma »Scott’s Spout Scouts« und war sozusagen eine Kollegin von mir, trotzdem hatte mich die Einladung sehr überrascht, weil wir uns ja noch kaum kannten. Also hatte ich abgesagt und einen anderen Termin als Grund angegeben, was für ziemlich erstaunte Blicke bei Lilly und für ein Schulterzucken bei Nora gesorgt hatte. Keine Ahnung, was sie sich dachten – womöglich, dass ich arrogant war oder total unsicher.

Dabei war es die Wahrheit. Ich hatte tatsächlich etwas anderes vor und war ziemlich erleichtert, dass die wenigen Menschen hier in Tofino, die ich inzwischen ein bisschen besser kannte, nicht mitkriegen würden, mit wem ich mich gleich traf. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass ich noch eine halbe Stunde hatte, ehe ich zur Polizei musste.

Zur gleichen Zeit in Eureka, Kalifornien – Nalu

Erst drei Tage und drei Nächte – und schon überlegte ich ernsthaft, ob ich das Schiff verlassen und einfach abhauen sollte. Das war mit großem Abstand die schlimmste Tour, die ich jemals erlebt hatte. Drei Alphamännchen Ende fünfzig, die einander, mir und ihrem Anhang beweisen mussten, was für virile, weltgewandte Superhengste sie doch waren, die sich in jedem denkbaren Bereich besser auskannten als alle anderen. Wenn es nicht so traurig und ärgerlich gewesen wäre, hätte ich über die geballte Testosteron- oder Viagra-gesteuerte Klischeebande wirklich lachen können. Die drei waren Abteilungsleiter oder Direktoren einer internationalen Beraterfirma und schienen einen ungesunden Wettstreit darum auszufechten, wer der größte Arsch war.

Wie man es mit solchen Menschen dauerhaft aushalten konnte, war mir schleierhaft, und ihre Begleiter machten auch einen entsprechend unglücklichen Eindruck. Einer der Männer hatte seine neueste, blutjunge Geliebte oder fünfte Ehefrau dabei – wie genau sich der Beziehungsstatus gestaltete, hatte ich noch nicht herausgefunden und wollte es eigentlich auch nicht wissen. Derart tote Augen hatte ich im Gesicht einer Fünfundzwanzigjährigen jedenfalls noch nie gesehen – dafür war der Rest von ihr auf Hochglanz poliert. Ginger sprach nicht viel, sondern beklagte sich nur, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob und ihr das hundertste Bikiniselfie für Instagram versaute. Wie sie es überhaupt im Bikini aushielt, war mir ebenfalls unerklärlich. Auf dem Meer war es kaum wärmer als fünfzehn Grad und bei Fahrtwind noch kühler. Aber was wusste ich schon von solchen Dingen?

Der zweite Alpha gab sich betont offen, modern und divers und war mit einem jungen Mann an Bord gekommen, dessen fein gemeißelte Züge selbst mir aufgefallen waren. Hermes hieß der hübsche Kerl, der tatsächlich an einen athletischen Griechengott erinnerte. Leider war der Götterbote nicht seefest, sondern hing die meiste Zeit kotzend über der Reling, was seiner Aura dann doch abträglich war. Mir tat er leid, seinem »Partner« schien es egal zu sein. Der war nämlich damit beschäftigt, mir Segeltipps zu geben oder sich über die Ehefrau des dritten Kollegen zu mokieren. Dabei war Rosie noch die Coolste von allen. Mitte fünfzig, normal gealtert, aber forsch im Auftreten. Sie schien völlig unbeeindruckt von dem Gegockel der drei Männer, dem Gekotze von Hermes und der Gänsehaut von Ginger. Womöglich halfen bei dieser gechillten Einstellung aber auch die Joints, die sie sich regelmäßig reinpfiff. Mehr als einmal war ich schon kurz davor gewesen, sie um einen Zug zu bitten, doch das vertrug sich natürlich nicht mit meiner Verantwortung für Schiff und Fracht.

Heute Vormittag waren die sechs jedenfalls zu einem Ausflug aufgebrochen, von dem sie eigentlich bereits vor drei Stunden wieder hatten zurück sein wollen. Natürlich hatten sie nicht Bescheid gesagt, dass es länger dauern würde, und so war es unwahrscheinlich, dass die Fahrt heute noch weiterging. In diesem Tempo würden wir bis Vancouver jedenfalls noch ewig brauchen.

Dabei konnte ich es kaum erwarten, endlich dort anzukommen. Kurz vor der Abfahrt hatte sich nämlich Esther Johnson bei mir gemeldet und mir nach nur wenigen Minuten Smalltalk gleich ein verdammt verführerisches Angebot gemacht. Offenbar hatte sie gerade mit einem Geschäftspartner eine historische Zweimaster-Brigg gekauft, mit der sie während der Sommersaison mehrtägige Trips für Wissenschaftler und interessierte Laien anbieten wollten – und für die sie dringend einen zuverlässigen Skipper suchten. Ich sah mich nicht gerade als Kreuzfahrtkapitän, doch diese Sorge hatte mir Esther im Handumdrehen genommen. Es ging nicht um Vergnügungsfahrten, sondern um ernsthafte Expeditionen, bei denen renommierte Wissenschaftler die Möglichkeit bekommen würden, Wale zu beobachten, zu filmen und mit Hydrofonen zu belauschen. Sie hatte mir einige Projektschwerpunkte geschildert, die wirklich spannend klangen, und mir versichert, dass meine Expertise gleich doppelt gefragt sein würde: zum einen meine nautischen Fähigkeiten, zum anderen meine Erfahrung mit den Meeresgiganten. Ich war natürlich kein Walforscher, aber mich faszinierten diese Tiere seit Kindertagen, und ich hatte mir in all den Jahren durch schieres Beobachten viel passives Wissen angeeignet, von dem die »Labor-Ratten«, wie Esther die Universitätsforscher nannte, nur träumen konnten.

Beim Gedanken an dieses Telefonat musste ich unwillkürlich grinsen. Wir hatten seit mehr als zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt, aber nach nur wenigen Minuten war es so gewesen, als hätten wir uns vergangene Woche das letzte Mal gesprochen. Sie war schon immer eine besondere Frau gewesen, daran schien sich nichts geändert zu haben. Und sie wusste immer noch, wie sie mich problemlos um den kleinen Finger wickeln konnte. Spätestens, als sie mir Fotos von der »Sound of my Soul« geschickt hatte, war es ohnehin um mich geschehen gewesen. Diese alten Schiffe waren etwas Besonderes und hatten deutlich mehr Charakter als die modernen Jachten. Ich freute mich auf die Herausforderung, vor allem auch, weil sie mir noch etwas Aufschub verschaffte, ehe ich mir wieder neue Gedanken über mein Leben machen musste.

---ENDE DER LESEPROBE---