Warm bodies - Isaac Marion - E-Book

Warm bodies E-Book

Isaac Marion

4,8
9,99 €

oder
Beschreibung

R ist ein Zombie. Es ist ihm peinlich, dass er sich nur an den ersten Buchstaben seines Namens erinnern kann. Wie die anderen Zombies verbringt R seine Zeit mit Herumstehen und Stöhnen. Was die Wenigsten wissen: Tot sein ist leicht. Bei einem der Raubzüge in der Stadt trifft R auf Julie. Dummerweise hat er gerade das Hirn ihres Freundes gegessen. R weiß nicht warum, aber er verliebt sich unsterblich in Julie - ausgerechnet in ein lebendes menschliches Wesen. »Warm bodies« erzählt die Geschichte des bestaussehenden und charmantesten Zombies aller Zeiten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 355




Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Tropen www.tropen.de Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Warm Bodies" im Verlag Atria Books, New York © 2009 by Isaac Marion Für die deutsche Ausgabe © 2011 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Printed in Germany Cover: Concorde Filmverleih GmbH ISBN 978-3-608-10180-5

Für die Pflegekinder, die ich kannte

Du weißt, o Gilgamesch, Was ich will, aus dem Brunnen der Unsterblichkeit trinken, Was heißt, die Toten Aus ihren Gräbern zu befreien, Die Gefangenen aus ihren Zellen, Die Sünder von ihren Sünden. Ich glaub, der Kuss der Liebe tötet unser Herz aus Fleisch. Er ist der einz’ge Weg zum ewigen Leben, Das unerträglich wär, müsst man’s Unter den sterbenden Blumen Und schrillen Lebewohls Der vergebens ausgestreckten Arme Unserer enttäuschten Hoffnung leben.

Herbert Mason, Gilgamesch: Eine Erzählung in Versen

»…«

Das Gilgamesch-Epos, Zweite Tafel, Verse 116, 162, 163, 199, 200

Schritt eins

Wollen

Ich bin tot, aber es ist nicht so schlimm. Ich habe gelernt, damit zu leben. Tut mir leid, dass ich mich nicht richtig vorstellen kann, aber ich habe keinen Namen mehr. Kaum einer von uns hat noch einen. Wir verlieren sie wie Autoschlüssel, vergessen sie wie Geburtstage. Meiner könnte mit einem R angefangen haben, aber genau weiß ich es nicht. Was lustig ist, denn früher, als ich lebendig war, habe ich ständig die Namen anderer Leute vergessen. Mein Freund M sagt, das sei die Ironie, wenn man ein Zombie ist: Alles ist komisch, aber man hat nichts zu lachen, weil einem die Lippen weggerottet sind.

Keiner von uns ist besonders attraktiv, aber mit mir hat es der Tod besser gemeint als mit anderen. Noch befinde ich mich im frühen Stadium des Verfalls. Bloß graue Haut, der unangenehme Geruch, die dunklen Ringe unter den Augen. Fast könnte ich als Lebendiger durchgehen, urlaubsreif, aber immerhin. Bevor ich ein Zombie wurde, muss ich Geschäftsmann gewesen sein, ein Banker oder Broker oder ein Praktikant, ich trage nämlich ziemlich feine Sachen. Schwarze Hose, graues Hemd, rote Krawatte. M macht sich manchmal lustig über mich. Dann zeigt er auf meinen Schlips und versucht zu lachen, ein würgendes Grollen tief in seinen Eingeweiden. Er trägt löchrige Jeans und ein schlichtes weißes T-Shirt. Das T-Shirt sieht mittlerweile ziemlich makaber aus. Er hätte besser ein dunkleres genommen.

Wir machen gern Witze über unsere Kleider und stellen Vermutungen an, weil diese letzten modischen Vorlieben der einzige Hinweis darauf sind, wer wir waren, bevor wir niemand wurden. Manche sind weniger verräterisch als meine: Shorts und Sweater, Rock und Bluse. Also raten wir.

Du warst Kellnerin. Du warst Student. Klingelt da was?

Es klingelt nie was.

Keiner, den ich kenne, hat konkrete Erinnerungen. Bloß die vage, verkümmerte Ahnung einer lange vergangenen Welt. Blasse Eindrücke von früheren Leben, die wie Phantomglieder fortbestehen. Wir erkennen die Zivilisation wieder – Gebäude, Autos, das große Ganze –, aber wir spielen keine Rolle darin. Wir haben keine Geschichte. Wir sind bloß da. Wir tun, was wir tun, die Zeit vergeht, keiner stellt Fragen. Aber wie gesagt: es ist nicht so schlimm. Wir scheinen ohne Verstand, aber wir sind es nicht. Die rostigen Rädchen der Vernunft drehen sich noch, nur langsamer, immer langsamer, bis man ihr Kreisen kaum noch bemerkt. Wir grunzen und seufzen, nicken und zucken die Achseln, und manchmal rutschen uns ein paar Worte heraus. Es ist nicht so viel anders als vorher.

Nur dass wir unsere Namen vergessen haben, macht mich traurig. Das scheint mir das Tragischste zu sein. Ich vermisse meinen Namen und ich trauere um die Namen der anderen. Gern würde ich die anderen lieben, aber ich weiß nicht, wer sie sind.

Hunderte von uns leben in einem verlassenen Flughafen außerhalb irgendeiner großen Stadt. Wir brauchen keinen Unterschlupf oder Wärme, und doch haben wir gern Wände um uns und ein Dach über dem Kopf. Sonst würden wir einfach durch den Staub eines offenen Feldes irren, und das wäre auf seltsame Weise schrecklich. Gar nichts um uns zu haben, nichts, das man anfassen oder ansehen könnte, überhaupt keinen Anhaltspunkt, nur uns selbst und den aufgesperrten Rachen des Himmels. So, nehme ich an, ist es, vollkommen tot zu sein. Eine Leere, enorm und absolut.

Ich glaube, dass wir schon lange hier sind. Ich habe immer noch all mein Fleisch, aber es gibt Ältere, die kaum mehr als Skelette sind, an denen Muskelstücke kleben, trocken wie Dörrfleisch. Irgendwie kontrahieren und strecken sich diese Reste immer noch, und die Alten bleiben in Bewegung. Ich habe keinen von uns je am Alter »sterben« sehen. Vielleicht leben wir ewig, ich weiß es nicht. Die Zukunft ist für mich so verschwommen wie die Vergangenheit. Nichts links oder rechts von der Gegenwart scheint mir etwas zu bedeuten, und die Gegenwart ist auch nicht besonders dramatisch. Man könnte sagen, der Tod hat mich locker gemacht.

Ich fahre Rolltreppe, als M mich findet. Ich fahre mehrmals täglich mit den Rolltreppen, jedenfalls immer wenn sie funktionieren. Es ist ein Ritual geworden. Der Flughafen ist verlassen, aber manchmal flackert der Strom auf, vielleicht kommt er aus Notfallgeneratoren, die tief im Untergrund vor sich hin stottern. Dann zucken Lichter, blinken Bildschirme, setzen sich Maschinen mit einem Ruck in Bewegung. Ich genieße diese Momente. Das Gefühl, dass Dinge zum Leben erwachen. Ich stehe auf den Stufen der Rolltreppe, und wie eine Seele fahre ich gen Himmel. Ein süßer Kindheitstraum, und nun ein geschmackloser Witz.

Nach der vielleicht dreißigsten Himmelfahrt werde ich oben von M erwartet. Er besteht aus hundert Kilo Muskeln und Fett, um ein Einsneunzig-Gerüst drapiert. Als ich den Rolltreppengipfel erreiche, schiebt sich seine grausige Visage in mein Blickfeld, bärtig, glatzköpfig und verschrammt. Ist er der Engel, der mich an der Himmelspforte empfängt? Aus seinem zerfetzten Mund sickert schwarzer Speichel.

Er deutet vage in eine Richtung und grunzt: »Stadt.«

Ich nicke und folge ihm.

Wir ziehen los, um Nahrung zu finden. Während wir uns auf die Stadt zu schleppen, formiert sich um uns herum eine Jagdgesellschaft. Es ist nicht schwer, Teilnehmer für solche Expeditionen zu finden, selbst wenn niemand Hunger hat. Ein klarer Gedanke ist hier selten, und tut sich einer auf, dann gehen wir ihm nach. Sonst stünden wir bloß den ganzen Tag herum und stöhnten. Jahre können so vergehen. Das Fleisch welkt auf unseren Knochen, und wir stehen bloß da und warten, dass es vorbeigeht. Ich frage mich oft, wie alt ich bin.

Die Stadt, in der wir jagen, ist angenehm nah. Gegen Mittag des nächsten Tages treffen wir ein und fangen an, uns nach Fleisch umzusehen. Dieser neuartige Hunger ist ein seltsames Gefühl. Wir spüren ihn nicht in unseren Mägen – manche von uns haben gar keinen. Wir spüren ihn überall, wie ein Sacken und Sinken überall im Innern, als würde Luft aus unseren Zellen gelassen. Letzten Winter, als sich so viele Lebendige den Toten anschlossen und Beute knapp wurde, habe ich gesehen, wie ein paar meiner Freunde endgültig starben. Der Übergang war undramatisch. Erst wurden sie bloß langsamer, dann hielten sie still, und nach einer Weile wurde mir bewusst, dass sie Leichen waren. Zuerst hat es mich beunruhigt, doch es verstößt gegen die hiesige Etikette, den Tod zur Kenntnis zu nehmen. Also stöhnte ich ein bisschen, um mich abzulenken.

Ich glaube, die Welt ist im Großen und Ganzen an ihr Ende gekommen, denn die Städte, die wir durchwandern, sind so verrottet wie wir selbst. Gebäude sind eingestürzt. Rostige Autowracks verstopfen die Straßen. Fast alles Glas ist zerbrochen, und wenn der Wind durch die ausgeweideten Hochhaustürme fährt, klingt er wie ein sterbendes Tier. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist. Eine Seuche? Krieg? Soziale Unruhen? Oder waren es nur wir? Die Toten, die an die Stelle der Lebenden treten? So wichtig ist es nicht, meine ich. Hat man das Ende der Welt erst erreicht, spielt es kaum eine Rolle, auf welchem Weg.

Wir wittern die Lebenden zum ersten Mal, als wir uns der Ruine eines Appartementhauses nähern. Es ist nicht der Moschusgeruch von Haut und Schweiß, sondern das Aufwallen von Lebenskraft, wie der Ionen-Hauch von Blitzschlag und Lavendel. Wir riechen sie nicht mit unseren Nasen. Es trifft uns tiefer, näher beim Hirn, wie Wasabi. Wir nehmen Kurs auf das Gebäude und schlagen uns eine Bresche hinein.

Wir finden sie in einem kleinen Studio mit verbretterten Fenstern. Sie sind noch schlimmer gekleidet als wir, in verdreckte Fetzen und Lumpen, alle hätten eine Rasur nötig. M wird die restliche Zeit seiner fleischlichen Existenz mit einem kurzen blonden Bart geschlagen sein, wir anderen sind alle glattrasiert. Das ist einer der Vorzüge des Totseins, noch etwas, um das man sich nicht mehr kümmern muss. Bärte, Haare, Zehennägel … kein Kampf mehr mit der Biologie. Unsere wilden Körper sind endlich gezähmt.

Langsam, schwerfällig, doch unaufhaltsam dringen wir auf die Lebenden ein. Schrotflintenschüsse schwängern die Luft mit Pulver. Schwarzes Blut spritzt gegen die Wände. Doch der Verlust eines Arms, eines Beins, eines Stücks aus dem Rumpf ist kein Beinbruch, wird einfach abgeschüttelt. Eine unbedeutende kosmetische Frage. Ein Treffer im Gehirn jedoch, und wir fallen. Offenbar steckt in diesem welken grauen Schwamm noch etwas von Wert, denn verlieren wir ihn, sind wir Leichen. Die Zombies rechts und links von mir schlagen mit einem feuchten Klatschen auf dem Boden auf. Doch wir sind viele. Wir sind überwältigend. Wir gehen auf die Lebenden los und wir fressen.

Fressen ist kein angenehmes Geschäft. Ich kaue einem Mann den Arm ab und finde es schrecklich. Ich kann sein Schreien kaum ertragen, weil ich Schmerzen nicht mag, ich möchte niemandem wehtun, aber so ist jetzt die Welt. Das ist, was wir tun. Natürlich fresse ich ihn nicht ganz auf, denn lasse ich ihm sein Hirn, wird er wieder aufstehen und mir zum Flughafen folgen, und vielleicht fühle ich mich dann besser. Ich werde ihn jedem vorstellen, und vielleicht stehen wir dann eine Weile zusammen herum und stöhnen ein wenig. Schwer zu sagen, was »Freundschaft« jetzt heißt, aber das könnte ihr nahekommen. Wenn ich mich zusammenreiße, wenn ich genug übriglasse …

Aber nein. Ich kann nicht. Wie immer gehe ich gleich auf die besten Stücke los, die Teile, die meinen Kopf wie einen Bildschirm aufleuchten lassen. Ich esse das Hirn, und für etwa dreißig Sekunden habe ich Erinnerungen. Paraden, Parfüm, Musik … Leben blitzt auf. Dann verblasst es und ich richte mich auf und wir alle stolpern aus der Stadt, immer noch kalt und grau, aber wir fühlen uns ein bisschen besser. Nicht gerade »gut«, nicht »glücklich«, bestimmt nicht »lebendig«, aber … ein bisschen weniger tot. Besser wird es nicht.

Als die Stadt hinter uns verschwindet, hänge ich ein Stück weit hinter den anderen zurück. Meine Schritte sind etwas schwerer als ihre. Als ich an einem Schlagloch voll Regenwasser haltmache, um mir das Blut von Gesicht und Kleidern zu reiben, bleibt auch M zurück und legt mir eine Hand auf die Schulter. Er weiß um den Abscheu, den ich vor manchen unserer Gewohnheiten habe. Er weiß, dass ich ein bisschen sensibler bin als die meisten. Manchmal zieht er mich deshalb auf, dreht mein schmutziges schwarzes Haar zu Zöpfen und sagt: »Mädchen. So ein … Mädchen.« Aber er weiß, wann er meinen Trübsinn ernst nehmen muss. Er tätschelt meine Schulter und schaut mich einfach an. Ausdrücken kann seine Mimik nicht mehr viel, aber ich weiß, was er sagen will. Ich nicke, und wir gehen weiter.

Ich weiß nicht, warum wir töten müssen. Ich weiß nicht, was es bringt, sich durch das Genick eines Mannes zu beißen. Ich raube, was er hat, um zu ersetzen, was mir fehlt. Er verschwindet und ich bleibe. Es ist simpel, aber sinnlos, der willkürliche Erlass irgendeines geisteskranken Gesetzgebers im Himmel. Doch zu gehorchen hält mich in Gang, und so gehorche ich aufs Wort. Ich fresse, bis ich nicht mehr fresse, und dann fresse ich wieder.

Wie hat es angefangen? Wie sind wir geworden, was wir sind? War es ein geheimnisvolles Virus? Gammastrahlen? Ein uralter Fluch? War es noch absurder? Niemand redet groß darüber. Hier sind wir und so ist es. Wir beklagen uns nicht. Wir stellen keine Fragen. Wir gehen unseren Geschäften nach.

Zwischen mir und der Welt, die mich umgibt, klafft ein Abgrund. Eine Kluft, die meine Gefühle nicht überwinden können. Bevor meine Schreie die andere Seite erreicht haben, sind sie zu einem Stöhnen geschrumpft.

Im Ankunftsbereich werden wir von einer kleinen Gruppe begrüßt, die uns aus gierigen Augen oder Augenhöhlen anstarrt. Wir lassen unsere Last auf den Boden fallen: zwei ziemlich intakte Männer, ein paar fleischige Beine und ein in Stücke gerissener Rumpf, alles noch warm. Nennen wir es Reste. Nennen wir es Takeout. Unsere Mit-Toten fallen darüber her und fressen gleich hier, auf dem Boden, wie Tiere. Das restliche Leben, das in diesen Zellen steckt, verhindert ihr endgültiges Sterben, ganz satt aber werden Tote, die nicht jagen, nie. Wie Seefahrer, denen frisches Obst fehlt, wird der Mangel sie welk werden lassen, schwach und auf Dauer inwendig leer, denn der neuartige Hunger ist ein einsames Monster. Das braune Fleisch und das lauwarme Blut akzeptiert er nur widerwillig, wonach er sich nämlich wirklich sehnt, ist Nähe, diese grauenvolle Verbindung, die entsteht, wenn sie und wir in jenen letzten Augenblicken aufeinandertreffen, einem dunklen Negativ der Liebe gleich.

Ich winke M zu und löse mich dann aus der Menge. An den beißenden Gestank der Toten habe ich mich schon lange gewöhnt. Aber heute ist der Dunst, der von ihnen aufsteigt, besonders ekelhaft. Atmen ist Wahlfach, aber ich muss mir ein bisschen Luft verschaffen.

Ich wandere in den Hallen umher und fahre Laufband. Ich stehe auf dem Stahl und sehe zu, wie die Szenerie hinter dem Panoramafenster vorbeizieht. Das Rollfeld wird begrünt, von Gräsern und Büschen überwuchert. Flugzeuge liegen wie gestrandete Wale reglos auf dem Beton, weiß und monumental. Moby Dick, doch noch besiegt.

Früher, als ich am Leben war, hätte ich das niemals gekonnt. Still stehen, die Welt an mir vorbeiziehen lassen, an fast gar nichts denken. Ich erinnere mich an Ziele und Abgabetermine, Ambitionen und Pläne. Ich erinnere mich daran, zweckgerichtet gewesen zu sein, immer überall die ganze Zeit. Jetzt stehe ich bloß hier auf dem Laufband, einfach so. Ich komme an, drehe mich um und fahre wieder zurück in die andere Richtung. Die Welt ist destilliert worden. Totsein ist leicht.

So vergehen Stunden, bis ich auf dem entgegengesetzten Laufband eine Frau bemerke. Anders als die meisten von uns taumelt und stöhnt sie nicht; nur ihr Kopf baumelt mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Das mag ich an ihr, dass sie nicht taumelt oder stöhnt. Ich fange ihren Blick auf und starre sie an, während wir einander näher kommen. Für einen kurzen Augenblick stehen wir Seite an Seite, nur Zentimeter voneinander entfernt. Dann reisen wir in entgegengesetzte Richtungen weiter, zum jeweils anderen Ende der Halle. Wir machen kehrt. Wir passieren einander erneut. Ich grimassiere, und sie grimassiert zurück. Bei unserer dritten Begegnung fällt der Strom aus, und perfekt aufeinander abgestimmt kommen wir zum Halten. Ich schnaufe ein Hallo und sie antwortet mit einem Schulterzucken.

Ich mag sie. Ich greife nach ihr und berühre ihr Haar. Wie ich befindet sie sich im frühen Stadium des Verfalls. Ihre Haut ist blass, ihre Augen sind eingefallen, aber weder Organe noch Knochen liegen frei. Alle Toten haben diese seltsam zinngrauen Augen, aber ihre sind besonders hell. Ihr letztes Hemd sind ein schwarzer Rock und eine weiche weiße Bluse. Ich vermute, dass sie mal Rezeptionistin war.

An ihre Brust ist ein silberfarbenes Namensschild geheftet.

Sie hat einen Namen.

Ich starre angestrengt auf das Schild, ich beuge mich ganz nah heran, mein Gesicht nur Zentimeter von ihrer Brust entfernt, aber es hilft nichts. Die Buchstaben trudeln und wirbeln durcheinander; ich kann sie nicht festhalten. Wie immer entkommen sie mir, als bloße Reihe bedeutungsloser Linien und Kleckse.

Noch eine von Ms Untoten-Ironien – von Namensschildern bis zu Zeitungen sind wir von den Antworten auf unsere Fragen umstellt und können sie nicht lesen.

Ich zeige auf ihr Namensschild und schaue ihr in die Augen. »Dein … Name?«

Der Blick, den sie mir zuwirft, ist leer.

Ich deute auf mich selbst und spreche den letzten Rest meines Namens aus. »Rrr.« Dann zeige ich wieder auf sie.

Ihr Blick geht zu Boden. Sie schüttelt den Kopf. Sie erinnert sich nicht. Nicht mal an Silbe Eins, wie M und ich. Sie ist niemand. Aber erwarte ich nicht zu viel? Ich strecke meine Hand aus und greife nach ihrer. Wir verlassen die Laufbänder, die Arme über die trennenden Geländer gebreitet.

Die Frau und ich haben uns verliebt. Oder was davon noch übrig ist.

Ich weiß noch, wie die Liebe vorher war. Komplexe emotionale und biologische Faktoren waren im Spiel. Wir mussten komplizierte Tests bestehen, Verbindungen aufbauen, es gab Höhen und Tiefen und Tränen und Wirbelstürme. Es war ein Martyrium, eine Übung in Schmerz, aber es war lebendig. Die neue Liebe ist einfacher. Leichter. Aber weniger.

Meine Freundin redet nicht viel. Wir laufen durch die widerhallenden Korridore des Flughafens, dann und wann an jemandem vorbei, der aus einem Fenster oder an eine Wand starrt. Ich überlege, was ich sagen könnte, aber mir fällt nichts ein, und wenn mir etwas einfiele, könnte ich es wahrscheinlich nicht sagen. Das ist mein großes Hindernis, der gewaltigste aller Felsbrocken auf meinem Weg. In meiner Vorstellung bin ich wortgewandt; über verschachtelte Wortgerüste erreiche ich die höchsten Decken der Kathedrale, an die ich meine Gedanken male. Mache ich aber den Mund auf, stürzt alles in sich zusammen. Derzeit liegt mein persönlicher Rekord bei vier schlingernden Silben, bevor irgend … etwas … klemmt. Dabei bin ich womöglich der redseligste Zombie auf dem Flughafen.

Ich weiß nicht, warum wir nicht reden. Ich kann die drückende Stille, die auf unserer Welt liegt, nicht erklären. Sie trennt uns wie das Plexiglas im Besucherraum eines Gefängnisses. Präpositionen sind eine Pein, Artikel anstrengend, Adjektive mehr als man ernsthaft verlangen kann. Ist diese Stummheit eine echte Körperbehinderung? Eines der vielen Symptome des Todes? Oder haben wir einfach nichts mehr zu sagen?

Ich versuche, ein Gespräch mit meiner Freundin anzufangen, probiere ein paar plumpe Phrasen und oberflächliche Fragen aus, versuche ihr eine Reaktion zu entlocken, ein Zucken von Geist. Aber sie schaut mich bloß an, als würde ich spinnen.

Ein paar Stunden lang wandern wir so ziellos umher, dann packt sie meine Hand und zieht mich in eine bestimmte Richtung. Wir stolpern die erstarrten Rolltreppen hinab und hinaus auf das Rollfeld.

Die Toten haben auf der Startbahn ein Heiligtum errichtet. Irgendwann in grauer Vorzeit hat jemand alle Gangways zu einem Kreis zusammengeschoben, sodass sie eine Art Amphitheater bilden. Hier kommen wir zusammen, hier stehen wir, heben unsere Hände und klagen. Im innersten Zirkel schwenken die alten Knochen ihre skelettierten Glieder, ihre Zahnreihen raspeln wortlose Gebete. Ich begreife nicht, was das soll. Ich glaube, niemand von uns versteht es. Doch es ist das einzige Mal, dass wir uns aus freiem Willen unter offenem Himmel versammeln. Das gewaltige kosmische Maul, die fernen Gipfel wie Zähne im Totenschädel Gottes, gähnend weit aufgerissen, um uns zu verschlingen und hinunterzuschlucken, bis wir da sind, wo wir wahrscheinlich hingehören.

Meine Freundin scheint viel frömmer zu sein als ich. Sie schließt ihre Augen und schwenkt ihre Arme beinahe so, als käme es von Herzen. Ich stehe neben ihr und strecke meine Hände schweigend himmelwärts. Wie auf ein Kommando, ausgelöst vielleicht von ihrer Inbrunst, unterbrechen die Knochen ihr Gebet und starren uns an. Einer von ihnen kommt heran, erklimmt die Stufen unserer Gangway, und seine Klaue fasst uns beide bei den Handgelenken. Er führt uns hinab in den Kreis und reißt unsere Arme hoch. Eine Art Röhren entfährt ihm, schockierend laut, ein unirdisches Geräusch, als bliese er in ein zerbrochenes Jagdhorn und triebe die Vögel in den Bäumen zur Flucht.

Die Gemeinde murmelt eine Antwort, und dann ist es geschehen. Wir sind verheiratet.

Wir kehren auf unsere Gangway zurück. Der Gottesdienst geht weiter. Meine neue Frau schließt die Augen und schwenkt die Arme.

Am Tag nach unserer Hochzeit kriegen wir Kinder. Eine kleine Gruppe Knochen hält uns in der Halle auf und präsentiert sie uns. Ein Junge und ein Mädchen, beide etwa sechs Jahre alt. Der Junge hat blonde Locken, graue Haut und graue Augen, vielleicht war er mal Kaukasier. Das Mädchen ist dunkler, schwarzes Haar und aschbraune Haut, schwarze Schatten um ihre stählernen Augen. Sie könnte Araberin gewesen sein. Die Knochen stupsen sie vorwärts, und die Kinder lächeln uns zögerlich an, umklammern unsere Beine. Ich tätschele ihnen die Köpfe und frage sie nach ihren Namen, aber sie haben keine. Ich seufze, und meine Frau und ich gehen weiter, Hand in Hand mit unseren neuen Kindern.

Ich habe so etwas nicht gerade geplant. Es ist eine große Verantwortung. Anders als den Erwachsenen fehlt den jungen Toten der Futterinstinkt. Man muss sich um sie kümmern und sie ausbilden. Und sie werden nie groß. Verkümmert durch den Fluch, der auf uns liegt, bleiben sie klein. Sie verrotten und werden kleine Skelette, lebhaft, aber leer, in den ewig selben Routinen und Ritualen gefangen, bis eines Tages, wie ich nur annehmen kann, auch noch ihre Knochen vergehen und sie einfach verschwunden sein werden.

Schaut sie an. Seht sie, wie meine Frau und ich ihre Hände loslassen und sie draußen spielen gehen. Sie necken einander und grinsen. Sie spielen mit Dingen, die nicht einmal Spielzeug sind: Heftklammern und Becher und Taschenrechner. Sie kichern und lachen, auch wenn es aus ihren trockenen Hälsen wie ein Würgen klingt. Wir haben ihr Hirn gebleicht, ihnen den Atem geraubt, aber sie klammern sich immer noch an den Rand der Klippe. Sie wehren sich gegen unseren Fluch, so lange sie können.

Ich sehe ihnen zu, wie sie im blassen Tageslicht im Ausgang der Halle verschwinden. Tief in mir, in einer dunklen und spinnwebverklebten Kammer, spüre ich einen Stich.

Und wieder ist Zeit, fressen zu gehen.

Ich weiß nicht, wie lang unsere letzte Jagd zurückliegt, wahrscheinlich nur ein paar Tage, aber ich spüre es. Ich spüre, wie die elektrische Spannung aus meinen Gliedern strömt, schwindet. Ich habe unwiderstehliche Visionen von Blut, diesem großartigen, hypnotisierenden Rot, das in komplizierten Netzen und pulsierenden Pollock-Fraktalen durch rosa Gewebe fließt.

Ich finde M mit einigen Mädchen in der Fressmeile. Er ist ein bisschen anders als ich. Offenbar genießt er die Gesellschaft von Frauen, und seine überdurchschnittliche Art zu reden zieht sie an wie geblendete Karpfen. Doch er hält Abstand. Er tut sie mit einem Lachen ab. Die Knochen wollten ihn mal mit einer Frau verkuppeln, aber er ist einfach weggegangen. Manchmal frage ich mich, ob er eine Lebensphilosophie hat. Vielleicht sogar eine Weltanschauung. Ich würde mich gerne mit ihm hinsetzen und in seinem Hirn stochern, bloß ein winziges Stück von seinem Stirnlappen kosten, um auf den Geschmack seiner Gedanken zu kommen. Aber er ist ein zu harter Brocken, um sich eine Blöße zu geben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!