Wärst du nur hier - Susanna Schober - E-Book

Wärst du nur hier E-Book

Susanna Schober

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Beschreibung

Eine Liebe, die niemals vergeht! In der Fortsetzung der wunderbaren Liebesgeschichte rund um Eric Hills, setzen wir die Reise mit neuen Charakteren fort, denn Noah, Erics Sohn, hat einiges zu erzählen. Taschentücher bereit? Wieso muss ich so empfinden? Wieso kann ich nicht normal sein? Was ist los mit mir? Egal, wie sehr er sich bemüht. Noah kommt seit Jahren nicht über den Tod seiner Mutter Maja hinweg. Unzählige Therapien wurden ihm inzwischen aufgebrummt, Tabletten verschrieben und dennoch sitzt er beinahe täglich am Grab der Frau, die ihm vor achtzehn Jahren das Leben schenkte. Der Umstand, dass das Mädchen, in das er schon so lange verliebt ist, mit ihm unter einem Dach wohnt, praktisch seine Stiefschwester ist, macht das Ganze nicht besser. Bis er schließlich in der Praxis seiner Psychologin auf Ilvy trifft. Das Mädchen in den zu weiten Klamotten und dem panischen Ausdruck im Gesicht, weckt irgendwas in ihm. Schnell stellt sich heraus, dass Ilvy unter einer sozialen Phobie und vielen anderen Dingen aus ihrer Vergangenheit leidet, weshalb es ihr nicht möglich ist, sich direkt mit Noah zu unterhalten. Die virtuelle Welt scheint die Lösung zu sein. Wäre da nicht dieses Gefühl in Noah, ihr nahe sein zu wollen, welches immer stärker zu werden scheint ... Band 1: Wärst du nur mein Band 2: Wärst du nur frei

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Copyright © 2020 Susanna Schober

Alle Rechte vorbehalten.

[email protected]mx.at

Frohsinnstraße 27,

8200, Gleisdorf

 

Cover: Susanna Schober

Quelle: Canva, Shutterstock

Korrektorat/Lektorat: Tanja Lampel

 

Triggerwarnung

 

Achtung in diesem Buch werden Themen wie:

Mobbing

Missbrauch

Vergewaltigung

Soziale Phobien

Depressionen

Gewalt

Sex

Selbstmordgedanken

behandelt.

 

Bitte denke beim Lesen daran, dass alle Personen, alle Handlungen und alle Vorkommnisse frei erfunden sind. Reine Fiktion.

Solltest du aber außerhalb der heilen Bücherwelt ein Opfer von Gewalt, Mobbing, Missbrauch und all diesen schrecklichen Dingen sein, dann bitte ich dich, sag es jemanden. Bleib nicht still. Vertraue dich jemanden an. Lass es nicht mit dir machen. Du hast nichts falsch gemacht. Du kannst nichts dafür. Du bist nicht schuld.

Du bist toll, genauso, wie du bist!

Lass dir von niemandem etwas Anderes einreden. Egal ob du groß/klein, dick/dünn, weiß/schwarz, heterosexuell/homosexuell/bi oder Transgender bist. Du bist wertvoll, du bist wichtig, manchen Menschen bedeutest du die Welt.

INHALT

 

Triggerwarnung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

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Lust auf eine Leseprobe? Dann bleib jetzt dran :D

Eins

Zwei

Drei

Noch nicht genug? Ok, eine Leseprobe hab ich noch!

1.

2.

 

Eins

Noah

 

An mein Fenster gelehnt, sehe ich dabei zu, wie der Haufen, der sich meine Familie nennt, den ganzen Krempel in den Wagen schafft, um ans Meer zu fahren. Sie haben mich natürlich etliche Male gefragt, ob ich mitkomme, mich angebettelt und genervt. Als würde ich freiwillig in dieses Auto steigen, zusammen mit meinem verdammten Vater und dem Mädchen, das mich geradezu verrückt macht. Natürlich bin ich selbst schuld. Ich habe sie vergrault, sie von mir weggestoßen, mit ihr Schluss gemacht und ihr verklickert, dass sie mir gestohlen bleiben kann. Alles eine dämliche Lüge. Aber darüber will ich gar nicht länger nachdenken. Es hat sich ohnehin erledigt, seit sie mit diesem Spast ankam, den sie jetzt ‚Schatz‘ ruft. Es ist zum Kotzen.

Ich stoße mich vom Fenster ab, als sie endlich davonfahren und laufe die Stufen hinunter, um das Haus zu verlassen. Unten angekommen, steige ich in meinen eigenen Wagen, natürlich habe ich ihn von meinem spendablen Vater bekommen und brause los, nur um bereits zehn Minuten später dort zu landen, wo ich in den letzten Jahren die meiste Zeit verbracht habe. Mal abgesehen von der Praxis meiner Psychologin Dr. Wonisch, zu der ich mindestens einmal wöchentlich muss.

Meine Schritte auf den Kieselsteinen knirschen, während sie in alle Richtungen davonfliegen. Bis ich schließlich angekommen bin und mich auf den Boden sinken lasse. Lange starre ich nur vor mich hin, lese die Inschrift, das Datum, den Namen und beiße die Zähne zusammen.

„Hey, Mama“, spreche ich schließlich mit heiserer Stimme. All die Jahre, die vergangen sind, und ich komme noch immer nicht damit klar. Ich weiß nicht mal, was es ist, was mich immer wieder hierher zieht. Aber es ist inzwischen wie ein Zwang geworden. Hier kann ich alles sagen und tun, was ich möchte. Ungefiltert, ohne darüber nachdenken zu müssen. Ohne in die vorwurfsvollen Gesichter meiner Familie zu sehen, die sowieso denkt, ich sei nicht ganz dicht.

„Heute ist es besonders schlimm. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, weiß nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Ich hasse es so sehr. Wieso muss ich so empfinden? Wieso kann ich nicht normal sein? Was ist los mit mir?“, flüstere ich am Ende und weiß doch ganz genau, dass sie mir niemals wieder wird antworten können. Niemals wieder. „Wärst du nur hier, Mama.“

Ich bin mir so wahnsinnig sicher, dass alles anders gekommen wäre, wenn sie nicht viel zu früh gestorben wäre. Hätte ich meine Mutter an meiner Seite gehabt, bräuchte ich Dr. Wonisch bestimmt nicht, um über den Tag zu kommen. Oft rufe ich sie an, wenn ich wieder irgendwelche Probleme habe. Sie ist immer voller Verständnis. Aber helfen kann sie mir nicht wirklich. Keine Ahnung, wieso ich da überhaupt noch hingehe. Wahrscheinlich ist auch das einfach nur Gewohnheit geworden. So wie meine Besuche auf dem Friedhof und der Art, wie ich damit umgehe. Dr. Wonisch meint, ich sei in meinen Gewohnheiten festgefahren, hätte sie mir all die Jahre antrainiert und schaffe es nicht, aus ihnen auszubrechen. Einmal gab sie mir die Aufgabe, eine ganze Woche lang nicht ans Grab meiner Mutter zu gehen. Bereits drei Tage nachdem sie dies verlangte, saß ich wieder hier und hatte wahnsinnige Gewissensbisse meiner Mutter gegenüber, weil ich nicht hier war. In der darauffolgenden Woche habe ich den Termin bei Andrea – so heißt meine Psychologin im Vornamen - geschwänzt. Natürlich hatte das zur Folge, dass sie meinen Vater anrief und ich mir anhören konnte, dass ich wenigstens das ernstnehmen sollte. Es ist nicht so, als würde ich gar nichts ernstnehmen, bestimmt nicht. Normalerweise gehe ich sehr zuverlässig zu Andrea. Außerdem habe ich die Schule mit zumindest mittelmäßigen Noten abgeschlossen und mein Abitur gemacht. Mir kann also niemand vorwerfen, ein fauler Taugenichts zu sein. Trotzdem habe ich den passenden Job für mich noch nicht gefunden. Eric wollte selbstverständlich, dass ich ins Familiengeschäft einsteige, ein Studium mache und später die Firma übernehme. Aber darauf kann er lange warten. An seinen Immobilien und dem Bau davon, habe ich kein Interesse. Außerdem wird mir schon bei der Vorstellung schlecht, mit Fiona und ihm in einer Firma zu arbeiten, ihnen nicht nur zu Hause, sondern auch in der Arbeit zu begegnen. Welcher vernünftige Achtzehnjährige möchte denn sowas? Ich mit Sicherheit nicht. Das meinem Vater zu verklickern, war schwer genug.

Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich schon ziemlich spät dran bin. Mein bester Freund Joel schmeißt eine Abiparty im Haus seiner Eltern, die wie meine direkt zum Ferienbeginn vereist sind. Eigentlich sollte sie bei uns stattfinden, aber ich wollte weder so viele Menschen in meinem Haus, noch hatte ich Lust darauf, danach das ganze Haus aufzuräumen. Mal abgesehen davon, dass mir Eric wahrscheinlich den Kopf abgerissen hätte.

Rasch stehe ich deshalb auf und sehe nochmals auf das Grab vor mir. „Ich komme morgen wieder, versprochen“, sage ich, wie beinahe an jedem Tag des Jahres, wende mich ab und schlürfe den Weg zurück zu meinem Wagen, ohne einer anderen Person zu begegnen. Generell ist der Friedhof meist wahnsinnig ruhig und kaum jemand scheint seine Verstorbenen zu besuchen. Des einen Freud ist wohl des anderen Leid.

 

Wenig später mache ich, in einiger Entfernung, vor dem Haus meines Freundes Halt. Bereits von hier aus kann ich die tiefen Bässe hören, die vom Wind in meine Richtung wehen. Die Party ist anscheinend schon in vollem Gange, weshalb ich zögere. Schon immer habe ich eine Abneigung gegen große Menschenansammlungen. Weder mag ich die Gerüche, die dabei entstehen, noch kann ich es leiden, wenn ständig Leute gegen mich stoßen. Trotzdem bewege ich mich raschen Schrittes auf die Haustür zu und öffne diese, ohne vorher zu klopfen. Bei der Lautstärke würde mich eh keiner hören.

Kaum setze ich einen Fuß in den Flur, schlägt mir der Geruch nach Alkohol, Parfüm und schwitzenden Körpern entgegen, weshalb ich in der Bewegung stoppe und erstmal versuche, damit klarzukommen.

„Noah!“, ruft da auch schon die Stimme meines Freundes, welcher sogleich auf mich zueilt, mich in eine kurze Kerleumarmung zieht und mir schließlich auf die Schulter klopft. „Boah, bin ich froh, dass du hier bist! Es ist etwas eskaliert! Ich hatte ja keine Ahnung, dass so viele kommen würden!“

Den Drang unterdrückend, das Gesicht zu verziehen und sofort das Weite zu suchen, grinse ich Joel an. „Sieht ganz so aus! Du hättest die Party wohl nicht auch auf Instagram erwähnen sollen. Kennst du die denn überhaupt alle?“, rufe ich ihm zu, weil die laute Musik nichts anderes erlaubt.

„Neee, keine Ahnung, wer die sind!“, sagt er noch und deutet dann mit dem Kopf an, ihm zu folgen.

Uns an viel zu vielen Menschenkörpern durchschiebend, erreichen wir kurz darauf die Küche, wo sich einige Mädels und Kerle aus unserem Jahrgang unterhalten.

„Da bist du ja!“, quietscht Alissas Stimme, ehe sie auf mich zustürmt und in meine Arme hüpft, wie sie es ständig tut. Sie weiß genau, dass ich es hasse. Dass ich es nicht leiden kann, wenn mich jemand einengt. Aber das ignoriert sie stets, weshalb ich sie wegschiebe.

„Hey, du Klette“, erwidere ich und sehe zu, wie sie ihre Unterlippe vorschiebt und mir damit einen perfekten Schmollmund präsentiert. Vor etwa einem Jahr habe ich den Fehler gemacht und zum ersten Mal mit einem Mädchen aus meinem Jahrgang geschlafen. Ausgerechnet dieses, scheint schon seit Jahren schwer verliebt in mich zu sein und so zeigt sie es mir auch immer wieder. Sie ist einfach nicht davon abzubringen und der festen Überzeugung, wenn sie nur hartnäckig genug ist, werde ich ihre Gefühle schon irgendwann erwidern.

„Komm, mach dich locker, Kumpel! Wir feiern die Freiheit!“, schreit David, ebenfalls aus meinem Jahrgang, reicht mir einen Becher mit fragwürdigem Inhalt und stößt mit mir an.

Leicht mit dem Kopf schüttelnd, entgegne ich, sein schon ziemlich angeheitertes Grinsen, lasse zu, dass Alissa ihre beiden Arme um meine Körpermitte schlingt, und trinke das Zeug in einem Zug aus, nur um danach sofort zwei weitere zu bechern, bis ich endlich das Gefühl habe, nicht mehr ständig über alles nachdenken zu müssen.

„Das sind die letzten Ferien, bevor sich unsere Wege trennen“, sinniert Emma, Joels On-Off Beziehung und verzieht den Mund.

„Na, aber doch nicht von allen!“, hält dieser dagegen. „Außerdem haben wir ja die Möglichkeit, ständig zu telefonieren!“

Joel hat vor, in Berlin zu studieren, während Emma hier in Frankfurt bleibt und einen Job in einer großen Werbefirma anstrebt.

„Ich muss mal eine rauchen“, kommt es aus meinem Mund, während ich die Arme dieses Mädchens von meinem Körper entferne und im Gehen mein Handy aus der Hosentasche ziehe, die eine Nachricht von meiner überbesorgten Schwester anzeigt.

Noah, alles in Ordnung? Wo bist du? Melde dich bitte, ja?

Schnaubend und ohne zu antworten, stecke ich es wieder ein und bewege mich durch die Terrassentür hinaus in den Garten, in dem Joel und ich als Vierzehnjährige unsere Sommer verbracht haben. Der Pool war dabei unser Hauptmittelpunkt. Unzählige Bahnen bin ich darin geschwommen, um die Gedanken an meine Mutter zu verdrängen. Manchmal hat es geklappt, meistens aber nicht.

„Noah, warte“, ruft mir da auch schon Joel hinterher und rückt zu mir auf, bis wir neben der kleinen Holzhütte stehen, in der sich alles Mögliche an Gartenzubehör befindet. Dort lehne ich mich seitlich an die Rückseite, hole den Joint sowie das Feuerzeug aus meiner hinteren Hosentasche, zünde ihn an und ziehe einmal kräftig daran.

„Willst du auch?“, frage ich ihn, als er mich fragend beobachtet.

„Nein, danke. Seit wann kiffst du?“ Der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme ist mir nur zu bekannt. Schon immer war er es, der versuchte, mich auf Schiene zu halten. Dadurch habe ich einige Blödheiten, die mir so in den letzten Jahren einfielen, gelassen. Diese hier aber nicht.

„So zwei, drei Jahre ...“, murmele ich und ziehe nochmal daran, sodass die Glut aufleuchtet.

„Mann, Noah, ich finde nicht, dass du d-...“

„Lass es. Nur dieses eine Mal, ok? Wenn du willst, dass ich den Abend hier ertrage, brauche ich das.“

Er verzieht das Gesicht. „Und all die anderen Abende?“

Nun zucke ich mit den Schultern. „Es entspannt mich und es würde auch dich entspannen und dich dazu bringen, dir den Stock aus dem Arsch zu ziehen. Hör auf, dich ständig wie mein Daddy aufzuführen, Joel.“

Trotz meiner Worte verzieht er keine Miene. Stattdessen blickt er an mir vorbei und grinst plötzlich. „Na schön, aber Alissa wirst du heute wohl auch bekifft nicht mehr los.“

Kaum hat er dies gesagt, nehme ich eine Bewegung direkt hinter mir wahr und wieder schlingen sich zwei schlanke Arme um meine Körpermitte, dieses Mal allerdings schmiegt sie sich an meinen Rücken. „Noah, kommst du wieder rein?“, will sie wissen und ich drehe mich, weiterhin von ihr umklammert, um.

„Klar, gleich.“

Sie schnuppert kurz an mir, sieht dann den Joint in meiner Hand und lächelt: „Bekomme ich auch einen Zug?“

Kurz streift mein Blick meinen besten Freund, welcher den Kopf schüttelt. Dennoch reiche ich das Ding an Alissa weiter und sehe zu, wie sie ihn sich zwischen die Lippen schiebt und dann einen tiefen Brustzug nimmt. Kaum hat sie dies getan, beginnt sie zu husten und ich lache. „Geht‘s?“, frage ich, als ich ihr vorsichtig auf den Rücken klopfe.

„Ja, geht schon“, keucht sie und richtet sich wieder auf, um mir ins Gesicht zu sehen.

Meine Augenbraue hebt sich. „Du hast das wohl noch nie gemacht, oder?“

Ein bisschen benebelt, allerdings vom Alkohol und nicht diesem einen halben Zug, schüttelt sie den Kopf. „Ich bin Nichtraucherin.“

„Alles klar.“ Rasch nehme ich noch zwei weitere Züge, ehe ich den Joint ausdämpfe und ihn wieder zurück in meine Hosentasche schiebe. „Gehen wir noch was trinken.“

 

Zwei

Ilvy

 

 

Mit einer großen Kiste in der Hand betrete ich meine neue Wohnung mitten in Frankfurt. Was früher mein Traum war, ist heute nur noch ein Schulterzucken wert. Vor nicht mal einem Jahr, wünschte ich mir mehr als alles andere, eine eigene Wohnung in Frankfurt zu haben. Jetzt aber, fühlt sich hier alles unglaublich falsch an. Ich hätte in Hamburg bleiben sollen, dort, wo ich aufgewachsen bin. Dort, wo meine Eltern begraben sind. Aber sowohl meine Tante als auch mein Psychologe, rieten mir, unbedingt meinen Traum zu leben, auch wenn dies bedeutet, meine Heimatstadt zu verlassen. Der Gedanke daran, ab sofort hier alleine auf mich gestellt zu sein, behagt mir nicht. Niemand wird hier sein, wenn ich mich hilflos und allein fühle. Aber so ist es jetzt nun mal.

Wenigstens bin ich hier nicht mehr dem Spott meiner Mitschüler ausgeliefert. Die habe ich mit meinem Abitur hinter mir gelassen. Sie alle. Keine Ahnung, wie immer alle darauf kommen, dass ein Mädchen nur reich zu sein braucht, um geliebt und akzeptiert zu werden. Bei mir war das auf jeden Fall nicht so. Im Gegenteil. Obwohl ich auf einer Privatschule war, welche jedes Jahr einen ganzen Haufen Kohle verlangte, brachte mir der Reichtum meiner Eltern herzlich wenig. Oder doch, es brachte mir etwas. Den Neid der anderen. Und Neid ist bekanntlich nicht gerade harmlos. Es veranlasst Menschen dazu, gemein zu werden, Dinge zu tun, die andere verletzen. So wie sie mich verletzt haben, jahrelang. Natürlich haben meine Eltern versucht, das für mich zu regeln. Aber dadurch wurde es nur schlimmer. War ich früher nur von weitem beleidigt worden, kamen sie von da an näher, drangen in meinen privaten Wohlfühlbereich ein und zeigten mir, was sie von einer Petze hielten. Dabei hatte ich noch nicht mal gepetzt. Ich konnte meinen Eltern nur einfach nichts verheimlichen. Sie konnten in mir lesen wie in einem Buch.

Den Kopf schüttelnd, um die Gedanken an die Vergangenheit loszuwerden, trete ich weiter in die Wohnung ein, stoße die Tür mit meinem Fuß zu und begebe mich in das geräumige Wohnzimmer, wo ich die Kiste auf den Boden stelle und mich auf das große Sofa, welches bereits heute Vormittag geliefert wurde, fallenlasse. Die Wohnung ist hell und freundlich, mit zwei Schlafzimmern, einem Büro, Badezimmer, Küche und dem eben erwähnten Wohnzimmer. Eigentlich ist sie zu groß für mich. Aber meine Eltern haben sie schon gekauft, bevor sie gestorben sind. Vielleicht wollte ich sie auch deshalb unbedingt beziehen. Der Gedanke daran, dass meine Eltern hier waren, durch alle Räume gegangen sind und sie dann für mich gekauft haben, gefällt mir. Es erfüllt mich zumindest ein kleines bisschen mit dem Gefühl, nicht allein zu sein.

Als mein Telefon klingelt, ziehe ich es schnell aus meiner Hosentasche und gehe ran. Es kann nur eine Person sein, die mich anruft. „Hi, Dana!“, begrüße ich meine Tante, bevor sie überhaupt ein Wort von sich geben kann.

„Hallo, meine Süße. Bist du gut angekommen?“, will sie natürlich sofort wissen.

„Ja, klar. Bin gerade reingekommen.“

Durchs Telefon höre ich sie die scheinbar angehaltene Luft ausstoßen. „Sehr gut. Und? Wie gefällt sie dir?“, kommt es hoffnungsvoll von der anderen Seite der Leitung.

„Sie ist wunderschön, ganz, wie du gesagt hast. Ich liebe sie, ehrlich.“ Oder ich werde sie lieben, hoffentlich.

Dana lacht. „Das freut mich unheimlich. Deine Eltern haben sich wirklich Gedanken gemacht, was für dich angemessen wäre!“

„Sie ist es. Wirklich.“

„Sehr gut. Dann will ich dich auch gar nicht weiter beim Auspacken stören, Liebes!“ Sie macht eine kurze Pause. „Oh, und Ilvy?“

Seufzend sinken meine Schultern ein Stück nach unten. Ich weiß schon, was jetzt kommt. „Ja?“, sage ich trotzdem.

„Hast du schon nachgesehen, ob es in deiner Nähe einen geeigneten Psychologen gibt?“

Für einen Moment schließe ich die Augen. „Nein, noch nicht, Dana. Ich bin ja gerade erst angekommen. Ich werde mich morgen darum kümmern.“

„Bist du dir sicher?“, will sie prompt wissen. Wenn ich jetzt ‚Nein‘, sagen würde, würde sie mir wahrscheinlich direkt fünf vorschlagen, die sie bereits herausgesucht hat. Aber ich will selbst wählen.

„Ich bin mir sicher, Dana. Ich schaffe das schon. Mir geht es gut“, versichere ich ihr, wie so oft.

Nun höre ich auch sie seufzen. „Du weißt doch, ich mache mir nur Sorgen um dich.“

„Das weiß ich und ich bin dir dafür auch wirklich dankbar.“ Und das stimmt. Als meine Eltern vor fast einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben kamen, war Dana für mich da, übernahm, ohne zu zögern die Vormundschaft für mich und versuchte, das Loch zu stopfen, das sie hinterlassen hatten.

Nur zu gut kann ich mich daran erinnern, als die Polizei plötzlich vor unserer Tür stand und mir mitteilte, dass meine Eltern verunglückt waren. Der andere Lenker, ein betrunkener, bekiffter Student, hat überlebt und praktisch nur ein paar Kratzer davongetragen.

„Ilvy? Hörst du mir noch zu?“, erklingt plötzlich Danas Stimme und bringt mich damit ins Hier und Jetzt zurück.

„Ja, ja natürlich höre ich dir zu!“

„Liebes, bitte sieh zu, dass du bald Hilfe bekommst, ja? Ich mache mir sonst ständig Sorgen um dich“, drängt sie weiter.

„Das mache ich, wirklich. Ich werde gleich morgen nach jemanden geeigneten suchen. Ich sage das nicht nur so. Morgen schicke ich dir die Daten, okay?“ Auch wenn ich es nicht müsste, ich möchte sie beruhigen und ich hatte wirklich vor, mir wieder jemanden zu suchen. Ich muss meine Vergangenheit verarbeiten und das schaffe ich alleine nicht. Schon gar nicht, wenn ich vor ihr davonlaufe.

„Ok. Ich vertraue darauf.“

 

Nachdem sich Dana noch dreimal hat versichern lassen, dass ich mir ganz sicher einen neuen Psychologen suchen werde, haben wir endlich aufgelegt. Nicht nur für mich wird es eine große Umstellung, nicht mehr in Hamburg zu leben. Auch für sie. Im letzten Jahr hatte sie mich praktisch immer um sich herum. Dana hat selbst keine Kinder. Als sie noch eines wollte, sie einen geeigneten Partner hatte, stellte sich schnell heraus, dass sie keine Kinder bekommen kann. Die Ärzte meinten, es sei einfach angeboren und so gab sie ihren Kinderwunsch wieder auf. Dafür war sie in meiner Erziehung sehr präsent. Als ihre einzige Nichte bekam ich all ihre Aufmerksamkeit. So ist es eben bis gestern Abend geblieben. Aber selbst Dana konnte nichts gegen die Probleme ausrichten, die mich jeden Tag begleiteten. Niemand konnte es. Keiner konnte mich vor meinen Peinigern beschützen, selbst wenn sie bestraft wurden, hielt sie das nicht davon ab, kaum, dass sie ihre Strafe abgesessen hatten, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben ...

Entschlossen stehe ich auf, um die Kisten, die bereits geliefert wurden, auszupacken. Ab jetzt wird mich niemand mehr so behandeln. Ich bin jetzt erwachsen, habe meine eigene Wohnung, führe mein eigenes Leben. Irgendwann wird all das, was mir in meiner Jugendzeit widerfahren ist, nur noch eine dunkle Erinnerung sein. Hoffe ich zumindest. Bis dahin werde ich mich ganz einfach hinter meiner Arbeit verschanzen.

Vor weniger als zwei Wochen bekam ich die Zusage für einen Job als Mediengestalterin bei einem Onlinemagazin. Schon immer war das mein Wunsch und nachdem für mich klar war, dass ich auf keinen Fall jemals wieder die Schulbank drücken werde, war die Sache schnell entschieden. Außerdem versicherten mir die Inhaber des Magazins, als ich meine Bedenken bezüglich meiner Sozialen Phobie äußerte, dass sie mir ein eigenes Büro zugestehen würden, in welchem ich nicht gestört werde. Natürlich verstärkte das noch meinen guten Eindruck von ihnen und sie hatten mich für sich gewonnen.

Es ist nicht so, dass ich unter Menschen gar nicht klarkomme. Wenn sie mich nicht beachten, komme ich gut klar. Schwierig wird es, wenn sich ihre Aufmerksamkeit auf mich konzentriert. In diesem Fall stehe ich immer vor großen Problemen. Nicht nur, dass mein Sprachzentrum dann wie gelähmt ist. Ich bekomme dabei auch Herzrasen, fange an zu schwitzen, zu zittern, und erröte, als hätte jemand einen anzüglichen Witz gemacht. Das ist aber noch lange nicht das Schlimmste. Ich verliere zudem auch noch die Kontrolle über meine Harnblase, was dann erneut zur Folge hat, dass die anderen Punkte erst recht einsetzen. Deshalb gehe ich Menschen, so gut es eben möglich ist, aus dem Weg. Mein letzter Psychologe nannte es eine soziale Isolation. Aber ich sehe das anders. Ich bewahre meine Mitmenschen und mich davor, in unangenehme Situationen zu geraten. Früh begann ich deshalb, mich in die digitale Welt zurückzuziehen und damit bin ich sehr glücklich. Über diverse Plattformen habe ich viele nette Menschen kennengelernt, die damit klarkommen, dass ich bin, wie ich bin. Das genügt mir. Mehr brauche ich nicht. Auch wenn meine Tante meinte, virtuelle Menschen würden echte Berührungen nicht ersetzen. Aber ich möchte doch gar nicht berührt werden. Von niemandem. Viel zu oft wurde ich schon gegen meinen Willen angefasst und ich möchte keine dieser Berührungen jemals wiederholen. Niemals.

 

Drei

Noah

 

„Wo warst du?“, blafft mich Joy an, kaum, dass ich einen Fuß in die Tür gesetzt habe.

Sofort verziehe ich mein Gesicht. Mein Kopf hämmert wie wild. „Unterwegs.“

Ein Schnauben entfährt ihr. „Und du konntest nicht einfach Bescheid geben, oder was?“

„Ich bin achtzehn, Joy. Ich brauche dich nicht um Erlaubnis zu fragen, wenn ich über Nacht wegbleiben möchte.“ Mit diesen Worten dränge ich mich an ihr vorbei, aber natürlich belässt sie es nicht dabei.

„Findest du nicht, dass es respektlos mir gegenüber ist, mich die ganze Nacht hier sitzen und mir Sorgen um dich machen zu lassen, wenn es eine kurze Nachricht getan hätte?“

Sofort schüttle ich ihre Hand von meinem Handgelenk, an welchem sie mich festhielt. „Finde ich nicht.“

Ihr Blick verdüstert sich. „Wieso bist du nur so? Was habe ich dir denn getan?“

Tief durchatmend schüttle ich den Kopf. „Nichts. Du sollst mich einfach nur endlich in Ruhe lassen.“

„Du benimmst dich wie ein trotziges Kind und dann wunderst du dich, dass dich auch alle so behandeln!“, schimpft sie aufgebracht und viel zu laut für meinen verkaterten Kopf.

„Ok, ganz wie du meinst. Kann ich jetzt endlich hochgehen? Bist du fertig?“

„Noch lange nicht, mein Lieber! Du hast heute noch einen Termin bei Dr. Wonisch, und zwar in fünfzig Minuten! Selbst daran muss man dich erinnern, wie ein Kleinkind!“

Ohne noch etwas zu erwidern, wende ich mich ab und steige die Treppen hinauf. Den Termin habe ich nicht vergessen. Genau deshalb bin ich ja auch bereits jetzt hier. Ich wollte duschen, mich umziehen und dann los. Natürlich nimmt Joy an, ich wäre nicht mal erwachsen genug, um mir meine eigenen scheiß Termine zu merken.

„Und beweg deinen Arsch unter die Dusche! Du stinkst wie ein Schnapsladen und glaub ja nicht, dass ich nicht das Gras an deinen Klamotten gerochen habe!“, ruft sie mir dennoch hinterher, woraufhin ich ihr, ohne mich umzudrehen, den Mittelfinger zeige und anschließend um die Ecke biege, um in mein Zimmer zu gelangen.

Dort angekommen setze ich mich an den Rand meines Bettes und stütze einen Moment meinen Kopf ab. Als ich heute aufgewacht bin, vor etwa zwanzig Minuten, lag ich in einem der Gästezimmer in Joels Haus. Neben mir Alissa, mit der ich ganz eindeutig eine Siesta gefeiert habe. An und für sich ist es mir ja egal, aber sie war ja schon zuvor eine Klette. Jetzt, wo ich wieder mit ihr geschlafen habe, wird sie wahrscheinlich denken, ich will etwas von ihr. Sie dachte es ja schon nach dem ersten Mal, weshalb ich mir geschworen hatte, nie wieder mit ihr in die Kiste zu hüpfen. Tja, das ging gründlich daneben. In nächster Zeit werde ich sie wohl wieder mehr meiden müssen.

Mit einem Stöhnen stehe ich auf, laufe zu meinem Kleiderschrank und suche mir dort gemütliche Kleidung heraus. Bei Andrea muss ich nicht besonders schick gekleidet sein. Sie kennt mich auch in Jogginghosen und Shirt. Schließlich meint sie immer, es soll möglichst bequem für mich sein.

 

Zwanzig Minuten später steige ich die Stufen in den Flur wieder nach unten, rufe Joy noch ein ‚Ciao‘ zu, ohne eine Antwort abzuwarten, und mache mich auf den Weg. Dr. Wonischs Praxis ist nur etwa fünfzehn Minuten mit dem Auto von zu Hause entfernt. Sie ordiniert in ihrem eigenen Haus, hat sich dort eine Privatpraxis eingerichtet und scheint damit ziemlich zufrieden zu sein. Es kam allerdings noch nicht oft vor, dass ich dort einen anderen Patienten getroffen habe, weshalb ich vermute, dass sie eher unregelmäßig neue Patienten bei sich hat.

„Guten Morgen, Noah“, begrüßt sie mich bereits an der Haustür, wie so oft. Meist lässt sie die Tür offenstehen, wenn sie mich erwartet. Ab und an wartet sie aber direkt auf mich.

„Hey“, gebe ich zurück und folge ihr ins Haus hinein. Wie immer sieht es hier wie geleckt aus. Nirgends liegt irgendwas herum. Kein Fussel ist auf einer der Oberflächen zu sehen. Oft schon habe ich sie darauf angesprochen, sie gefragt, ob sie einen Putzzwang hat. Aber darauf wollte sie bis heute nicht eingehen.

Kaum haben wir den klinisch weißen Flur durchquert, treten wir in die Praxis ein, wo sie mir sogleich zu verstehen gibt, dass ich mich setzen soll. Während ich tue, was sie von mir verlangt, bleibt mein Blick wie immer an einem besonderen Bild hängen. Es zeigt eine junge Frau, die an der Reling an Bord eines Schiffes steht und ins Meer hinausblickt. Dem Betrachter des Bildes kehrt sie den Rücken zu, lässt dabei nur durch ein leichtes Neigen ihres Kopfes vermuten, wie sie wohl aussehen mag. Aber das reicht auch völlig. Es macht das ganze Bild aus. Der Maler, der es gemalt hat, muss sich viel Zeit genommen haben und wie jede Woche, frage ich mich, wie lange sie dort an der Reling gestanden hatte, während sie gemalt wurde. Bestimmt einige Stunden.

„Also, Noah. Wie geht es dir heute?“, fragt mich Andrea, als sie sich mir gegenüber auf einen bequemen Stoffstuhl sinken lässt, die Beine überschlägt und mich interessiert und aufmerksam mustert. Die Psychologin meines Vertrauens ist Mitte dreißig, Mutter einer Siebenjährigen und verrichtet ihre Arbeit mittlerweile sechs Jahre lang. Hätte ich keine Ahnung von ihrem richtigen Alter, würde ich sie wohl gerade mal Ende zwanzig schätzen. Jede Spur des Alterns scheint an ihr vorüberzugehen und sie unberührt zu lassen. Einzig ihre klugen, grünen Augen verraten, dass sie kein so junges Mädchen mehr ist und schon einiges gesehen und erlebt hat.

„Gut, müde, aber gut.“

Ein Lächeln huscht über ihre Lippen und lässt auch mich einen Mundwinkel heben. Ich mag sie. Sehr sogar. Nicht auf die Art, wie ein Kerl eine Frau mag. Aber ich habe Respekt vor ihr. Mehr als vor allen anderen Menschen in meinem Leben. „Und wie geht es dir wirklich?“, hakt sie natürlich nach, wie sie es immer tut.

Mit einem Seufzen lehne ich mich zurück. „Ich habe mit Alissa geschlafen, nachdem ich gestern Nacht auf der Party meines besten Freundes war, dort getrunken und gekifft habe. Beantwortet das deine Frage?“

Nun lehnt auch sie sich zurück. „Alissa? Das ist doch das Mädchen, das dir schon so lange Zeit hinterherläuft, nicht?“

Nickend bestätige ich ihren Verdacht.

„Und hattest du nicht gesagt, du willst sie dir vom Leibe halten, weil du keine Gefühle für sie hast?“

Natürlich kommt sie jetzt damit. „Das habe ich auch getan. Bis eben letzte Nacht. Ich war nicht ganz bei mir.“

„Du meinst, wie so oft? Haben sich deine Gefühle diesbezüglich geändert? Kannst du dir vorstellen, mehr in ihr zu sehen als ein vorübergehendes Vergnügen?“

„Nein“, kommt es nur steif aus meinem Mund. Sie weiß genau, wem meine Gefühle gelten.

„Wegen Elena?“, forscht sie weiter.

Sofort steigt Unmut in mir auf. „Müssen wir das wieder und wieder durchgehen? Ich werde dir sagen, wenn sich meine Gefühle geändert haben, ok?“

Gelassen blickt sie mir entgegen. „Hast du denn vor, daran etwas zu ändern?“

„Im Moment? Nein. Ich wüsste auch nicht wie“, gebe ich ehrlich zu.

Sie lächelt schief. „Natürlich weißt du wie.“

„Du meinst, indem ich sie loslasse, mir eine andere suche, auf die ich mich konzentrieren kann? Nein, danke. Ich verzichte. Glaubst du wirklich, ich will jemandem zumuten, sich wirklich mit mir auseinandersetzen zu müssen? Es reicht doch schon, wenn ich dir mich antue. Einmal die Woche.“

Andreas Blick wird sanft, ebenso wie ihre Stimme. „Ich sehe dich nicht als Zumutung, Noah. Das habe ich niemals und werde ich niemals. Und ich bin mir sicher, das richtige Mädchen wird dich ebenso nicht als Belastung empfinden. Du musst sie nur noch finden.“

Ich möchte aber überhaupt niemanden finden, wieso versteht sie das denn nicht? „Lass uns einfach das Thema wechseln“, bitte ich deshalb.

Sie seufzt. „Schön, dann sprechen wir darüber, wann du zuletzt am Grab deiner Mutter warst.“

Klar, sie muss selbstverständlich als Nächstes dieses Thema wählen. „Gestern.“

„Und wie hast du dich dabei gefühlt?“

Diese Frage stellt sie mir jedes Mal. „Wie immer.“

„Beschreibe es bitte etwas ausführlicher“, fordert sie.

„Entspannt, befreit, ruhig. Am Grab meiner Mutter hat niemand Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen kann und will.“

Sie wechselt die Sitzposition etwas, schlägt das andere Bein über, sodass der Rock ihres Kleides kurz flattert und ich der Bewegung folge. „Welche Erwartungen?“

„Allen. Die meines Vaters, Fionas, selbst Joys Erwartungen werde ich nicht gerecht.“

„Was erwarten sie denn von dir?“, fragt sie, obwohl sie es längst weiß. Aber daraus besteht unsere Sitzung eben meist. Gesprächen, die wieder und wieder auf das abzielen, wieso ich ständig am Grab meiner bereits vor fünf Jahren verstorbenen Mutter rumhänge, mich durch die Gegend vögle, meinen Vater nicht leiden kann und wieso ich unter Depressionen leide, seit ich in die Pubertät kam.

„Dass ich in der Firma meines Vaters arbeite, tue, was er von mir will. Dass ich aufhöre, so anders zu sein, mich anders zu benehmen. Aufhöre, ans Grab meiner Mutter zu gehen, um mich besser zu fühlen.“

„Und welcher dieser Erwartungen willst du selbst entsprechen, falls es da etwas gibt?“

Unsere Blicke kreuzen sich einen Moment, ehe ich wieder wegsehe, das Bild mit der Frau auf dem Schiff ansehe. „Ich möchte mich auch ohne die Besuche am Friedhof wieder gut fühlen.“

Nach meinen Worten herrscht einige Sekunden lang Stille, bis sie sie durchbricht. „Dafür musst du aber anfangen, etwas zu ändern. Bist du denn dazu bereit? Willst du etwas ändern?“

Schulterzuckend wende ich mich wieder ihr zu. „Ja und nein.“

„Erkläre das bitte.“

„An manchen Tagen fühle ich mich okay, dann möchte ich etwas ändern, will es wenigstens versuchen. Aber an den anderen Tagen, will ich einfach nur, dass man mich so akzeptiert, wie ich bin“, murmele ich.

„Noah, so wie ich das verstanden habe, willst du doch selbst nicht so sein, wie du gerade bist. Wie können dann andere dich so akzeptieren?“

„Sie könnten es wenigstens versuchen!“, gebe ich brüsk von mir und stehe auf, um im Raum hin und her zu gehen. Das mache ich immer, wenn sie zu nah an meiner Schutzmauer dran ist.

„Ich verstehe, was du meinst. Dennoch kannst du nicht erwarten, dass sich Menschen deinen Launen anpassen. Das geht ganz einfach nicht. Du wirst lernen müssen, damit umzugehen. Ob nun im Job, bei deinen Freunden oder deiner Familie.“

Tief durchatmend nicke ich. „Das verlange ich ja auch gar nicht. Ich verlange nur Verständnis. Ich habe es mir schließlich nicht ausgesucht, so zu sein.“

„Das wissen sie doch. Ich hatte nicht den Eindruck, als würden sie sich deswegen unter Druck setzen, oder?“

Erschöpft lasse ich mich wieder auf meinen Stuhl fallen. „Nein. Nicht wirklich. Aber sie erwarten es dennoch. Es reicht, wie sie mich ansehen. Wie er mich ansieht!“

„Mit ‚er‘, meinst du deinen Vater?“

„Natürlich, wen denn sonst?“, gifte ich ihr entgegen, obwohl sie überhaupt nichts dafürkann.

„Noah, es sind nun fünf Jahre vergangen, seit deine Mutter gestorben ist. Wie lange willst du deinen Vater noch dafür bestrafen, dass er nicht in der Lage war, sich ausreichend um dich zu kümmern?“

„So lange, wie er sich um alle anderen kümmert, mich aber links liegen lässt, als wäre ich eine lästige Fliege, die nur gerade so eine Daseinsberechtigung hat!“, bricht es aus mir heraus und Andrea hebt die Augenbrauen.

„Seit wann empfindest du so?“, hakt sie sofort nach.

„Schon immer? Es hat nicht erst angefangen, als Maja gestorben ist! Ich habe praktisch meine ganze Kindheit beinahe nur mit meiner Mutter verbracht, weil er stets zu tun hatte! Er hatte gar keine Zeit für eine Familie! Dennoch hat er ein weiteres Kind gezeugt und dann erlaubt, dass seine Frau stirbt!“

„Aber das war doch keine Entscheidung, die er treffen konnte, Noah. Deine Mutter war viele Jahre krank. Es war abzusehen, dass sie sterben wird“, hält sie dagegen.

„Macht das einen Unterschied? Er hätte sich gegen ein weiteres Kind entscheiden können, dagegen, ein Kind zu zeugen, das später ganz sicher ohne Mutter wird aufwachsen müssen!“

Die Psychologin lehnt sich nach vorne. „Aber Maja hat sich dich doch so sehr gewünscht.“

Rasch beiße ich die Zähne zusammen, um die aufkommenden Emotionen in Schach zu halten. Ich werde ganz bestimmt nicht hier rumheulen wie ein beschissenes Kind. „Na und? Ich habe mir meine Mutter gewünscht, wünsche sie mir immer noch! Ich hätte mir einen Vater gewünscht, der mir auch nur einen Funken seiner Aufmerksamkeit schenkt. Ist das etwa fair?“, schreie ich ihr entgegen und weiß augenblicklich nicht wohin mit meiner Wut. Deshalb springe ich wieder auf, stürme auf die Tür zu, reiße sie auf und laufe aus dem Haus, nur um im Anschluss beinahe in eine junge Frau hineinzulaufen, die mir gerade noch ausweichen kann. Für eine Sekunde kreuzen sich unsere Blicke, ehe ich an ihr vorbeirenne, meinen Wagen entriegele, hineinspringe und mit einem lauten Quietschen die Einfahrt verlasse.

 

Vier

Ilvy

 

Mit großen Augen schaue ich dem Kerl hinterher, der mich beinahe über den Haufen gerannt hätte. Keine Ahnung, ob das nun für oder gegen die Psychologin spricht, die ich mir ausgesucht habe, wenn der erste Patient, den ich zu sehen bekomme, direkt davonstürmt, als wäre der Teufel hinter ihm her, aber ich werde es wohl gleich herausfinden.

Vorsichtig linse ich in das Innere des Familienhauses. Dr. Wonisch machte nicht nur bei unserem Telefonat einen freundlichen Eindruck. Als sie mir sagte, ihre Praxis sei bei ihr zu Hause, entspannte ich mich direkt etwas. Ich hatte befürchtet, in einer großen Wohngegend oder Ähnlichem zu landen. Es ist mir nicht direkt peinlich, wenn jemand davon weiß, dass ich in psychologischer Behandlung bin, aber unbedingt darauf stehen, dass es andere wissen, tue ich auch nicht. Vor allem begegnet man in großen Wohngegenden immer viel zu vielen Menschen.

„Hallo, du musst Ilvy Lorenz sein, oder?“, reißt mich eine Frau um die dreißig aus meinen Gedanken, woraufhin ich mich schnell aufrichte.

„Ja genau, sind Sie Dr. Wonisch?“

Ein Lächeln bildet sich auf ihren Lippen. „Genau. Entschuldige bitte den stürmischen Empfang. Manchmal treffe ich einen Nerv.“

Zittrig erwidere ich ihr Lächeln. „Oh, ok.“

„Komm doch erstmal herein. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten, ja?“, fragt sie sanft und weist mich an, ihr durch einen strahlend weißen Flur zu folgen. Sofort fallen mir all die Bilder an den Wänden auf, die aber keine Fotografien sind, sondern gemalt.

„Schön haben Sie es hier“, nuschle ich, als ich bei ihr ankomme, weil sie an einer Tür Halt gemacht hat.

„Danke! Freut mich, dass es dir gefällt. Alle Bilder, die du hier siehst, wurden von meinem Bruder gemalt. Ich bin ziemlich stolz darauf“, lässt sie mich wissen und verblüfft mich damit. Mein alter Psychologe bevorzugte es, keine privaten Informationen preiszugeben. Vermutlich hat so jeder seine Vorlieben, was das betrifft.

„Wow, dann hat er wirklich Talent. Sie sind wunderschön“, hauche ich und folge ihr in den Raum hinein, der mir sofort ein Gefühl des Behagens vermittelt. Er ist in einem zarten Gelb gestrichen und ebenso wie auf den Gängen, befinden sich überall an den Wänden die Malereien ihres Bruders.

„Setz dich bitte, Ilvy. Mach es dir bequem“, fordert sie mich auf, weshalb ich schnell den Blick von einem Bild mit einer Frau an Bord eines Schiffes abwende und mich setze.

„Mein letzter Patient mag dieses Bild besonders“, sagt sie, als sie sich mir gegenüber in den Stuhl sinken lässt.

„Das kann ich gut verstehen. Es hat etwas Besonderes an sich“, erwidere ich, als ich es erneut einen Moment lang betrachte.

„Dem kann ich nur zustimmen. Also, Ilvy, wir hatten ja schon am Telefon kurz darüber gesprochen, weshalb du der Meinung bist, eine Psychologin zu brauchen. Nun möchte ich gerne mehr darüber erfahren, wenn dir das recht ist?“

Nickend richte ich mich ein Stück auf, falte die Hände in meinem Schoß und hebe den Kopf, um Dr. Wonisch in die Augen zu sehen. „Ich habe eine soziale Phobie“, halte ich mich zunächst kurz.

„Ja? Wurde diese Diagnose gestellt oder denkst du nur, dass es so ist? Noch habe ich leider deine Akten nicht von meinem Vorgänger zugeschickt bekommen“, hakt sie nach.

„Es wurde diagnostiziert, als ich fünfzehn Jahre alt war. Seitdem hat sich nichts daran geändert.“

Freundlich erwidert sie meinen Blick und gibt mir damit das Gefühl, dass es in Ordnung ist, dass ich ihr die Informationen nur häppchenweise anbieten kann. „Ich nehme an, deine Phobie geht mit den üblichen Nebenwirkungen einher?“

Schnell nicke ich. „Leider, ja.“

„Ilvy, möchtest du mir sagen, was der Auslöser dafür war und ist?“

Bei dieser Frage wird mein Herzschlag deutlich schneller. Meine Hände beginnen zu schwitzen und ich reibe meine Handflächen aneinander. „Ja, aber ich weiß nicht, ob ich das kann“, wispere ich nur, weil meine Stimme zu versagen droht.

Meine Psychologin hebt die Hände. „Das ist kein Problem. Du erzählst mir nur, was du mir erzählen kannst, okay? Niemals mehr als das.“

Zittrig hole ich Luft und schließe die Augen, um mich wieder zu beruhigen. Sie will mir nur helfen, wird mich nicht verurteilen oder mit dem Finger auf mich zeigen. „Ich wurde gemobbt.“

„Wann fing das an?“

„Mit elf Jahren. Ich war schon immer etwas pummelig. Mit der Pubertät kamen auch die Pickel, der große Busen und ich brauchte eine Zahnspange ...“ Sofort steigen Tränen in mir auf, wenn ich an die Fotos von mir denke, die zu dieser Zeit gemacht wurden. Ich habe sie alle verbrannt, als meine Eltern fort waren. Sie erinnerten mich stets daran, nicht genug zu sein, nicht hübsch genug zu sein, nicht der Norm zu entsprechen.

Wortlos reicht Dr. Wonisch mir ein Taschentuch und drückt kurz meine Hand. „Es ist in Ordnung zu weinen.“

„Okay“, hauche ich, räuspere mich, wische mir die Tränen unter den Augen weg und hebe wieder den Blick. „Anfangs waren es nur kleine Sticheleien. Witze über meine Spange, mein Gewicht und dergleichen. Natürlich war das nicht schön, aber das konnte ich wegstecken. Später wurde es viel schlimmer.“

Die Ärztin lehnt sich ein Stück vor. „Mobbing, wenn auch nur verbal, ist schon schlimm. Man muss das nicht wegstecken. Niemand muss das. Beinahe niemand kann das. Es erfordert die Hilfe einiger Menschen, um das zu stoppen. Hattest du jemanden auf deiner Seite?“

Bei der Frage verziehe ich das Gesicht. „Sie meinen eine Freundin?“

„Ja, hattest du eine Freundin?“

Den Kopf schüttelnd starre ich auf meine Hände. „Ich hatte eine, aber sobald es anfing, stellte sie sich auf die Seite der anderen.“

„Hast du dich jemanden anvertraut?“, kommt es sofort von ihr.

„Ja, meinen Eltern und meiner Tante. Aber auch wenn sie mehrmals in der Schule waren, ich sogar die Klasse gewechselt habe, brachte das herzlich wenig. Ein paar Tage ließen sie mich in Ruhe, dann fing alles wieder von vorne an.“

„Kam es je zu einem Schulwechsel?“

Als ich ihren Blick erwidere, sehe ich das Fragezeichen in ihrem Gesicht. Sie fragt sich, wieso meine Eltern nicht dafür sorgten, dass ich in eine andere Schule kam. „Nein. Der Schulpsychologe und der Direktor hielten das für keine gute Idee. Sie waren beide mit meinen Eltern befreundet und bemühten sich auch wirklich, mir zu helfen. Außerdem befürchtete ich, dass es in einer anderen Schule noch schlimmer laufen könnte“, erkläre ich das Verhalten meiner Eltern und mir.

„Denkst du das auch jetzt noch? Glaubst du, es wäre in einer anderen Schule auch so gelaufen?“

„Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es an anderen Schulen auch diese Art von Menschen gibt“, erwidere ich und beiße die Zähne zusammen, während sich meine Hand zur Faust ballt.

„Diese Art von Menschen, was meinst du damit? Mobber?“

Ein Beben geht durch mich hindurch. „Das möchte ich nicht sagen“, nuschele ich und wage es nicht, ihr weiterhin in die Augen zu sehen. Noch kann ich es ihr nicht sagen, kann ihr das Ausmaß meines Leidens nicht mitteilen. Ich kann es noch nicht mal denken.

„Ok, das ist kein Problem, Ilvy. Wie gesagt, sprechen wir über die Dinge, über die du sprechen kannst. Gibt es denn für heute noch etwas, was du mir sagen willst und kannst?“, sagt sie und gibt mir sofort wieder das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein.

„Vor einem knappen Jahr sind meine Eltern gestorben. Ich wurde von meiner Tante aufgenommen, weil ich noch nicht volljährig war.“ Mir fällt es leichter, über meinen Verlust zu sprechen, als über die Dinge, die mir körperlich widerfahren sind. Auch wenn beides seelisch schmerzt und mich nur noch weiter in mein Schneckenhaus zerrt.

Dr. Wonisch nickt mir aufmunternd zu. „Was ist geschehen?“

„Sie waren in Hamburg, im Theater. Auf dem Weg nach Hause, auf der Autobahn, kam ihnen ein alkoholisierter, bekiffter Student entgegen. Er hatte seinen Wagen nicht mehr unter Kontrolle, rammte meine Eltern frontal, mit über hundertachtzig km/h. Laut den Ärzten und Polizisten, waren sie beide so gut wie sofort tot. Der andere Fahrer hat beinahe unverletzt überlebt.“

Mitfühlend nickt sie und schweigt daraufhin einige Sekunden, ehe sie wieder spricht. „Es wäre eine nichtssagende Floskel, dir nun mein Beileid auszusprechen. Ich kenne dies nur zu gut. Menschen sprechen diese Worte aus, wie sie ‚wie geht’s dir‘, fragen, obwohl sie die Antwort gar nicht interessiert. Als würde es die Trauer auch nur annähernd schmälern, wenn möglichst viele ‚ihr Beileid‘ bekunden. Mir wäre damals, als meine Eltern nacheinander starben, lieber gewesen, sie hätten einfach ihren Mund gehalten und hätten mich in Ruhe trauern lassen.“

Überrascht davon, dass sie mir erneut von ihrem eigenen Leben erzählt, hebe ich rasch den Kopf. „Ihre Eltern sind auch gestorben?“

Sie seufzt. „Ja, leider. Mein Vater erlag dem Krebs. Er war starker Raucher, seine Lunge machte das nach vielen Jahren einfach nicht mehr mit und sagte ihm den Kampf an. Er gewann ihn nicht. Meine Mutter war daraufhin so von ihrer Trauer zerfressen, dass sie nicht mehr ganz bei Sinnen war. Sie stürzte mehrmals die Treppen hinunter, brach sich immer wieder etwas, bis in ihrem Kopf ein Blutgerinnsel festgestellt wurde, welches sich nicht komplikationslos entfernen ließ. Sie starb bei der Operation. Mittlerweile ist es fast zehn Jahre her, aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an sie denke, wenn auch nur kurz.“

„Danke, dass Sie mir das erzählt haben ...“, wispere ich darauf nur. Ich bin ihr wirklich dankbar. Es ist nicht selbstverständlich, so etwas mit einer fremden Person zu teilen. Schon gar nicht, wenn diese Person nur eine Patientin ist.

„Ich danke dir, dass du mir zugehört hast, und ich würde dich bitten, mich Andrea zu nennen. Wir werden uns in Zukunft mindestens einmal die Woche sehen. Da fände ich es schön, wenn wir ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen könnten. Gegenseitiges Vertrauen ist mir wichtig. Ich bevorzuge diese Art des Therapierens, wenn es für dich in Ordnung ist?“

Ausnahmsweise muss ich hier nicht lange überlegen. Dr. Wonisch hat es in einer einzigen Stunde geschafft, mein Vertrauen so weit zu gewinnen, dass ich für kurze Zeit sogar meine Angst vergaß. „Das wäre mehr als in Ordnung, vielen Dank, Andrea.“

Wir schenken uns ein gegenseitiges Lächeln, bevor wir uns erheben. Die Stunde, die ich ab jetzt jede Woche bei ihr habe, ist schon um und es wird Zeit, sich wieder der Welt da draußen zu stellen. Zumindest, bis ich in meiner Wohnung ankomme. „Bis nächste Woche“, sage ich noch, als sie mir durch den Flur folgt, mir die Hand reicht und mich schließlich gänzlich verabschiedet.

Fünf

Noah

 

„Noah? Wo bist du?“, erklingt die Stimme meines kleinen Bruders Emil durch das Telefon, nachdem ich bereits dreimal den Anruf Fionas ignoriert habe. Wie immer, hat sie aber natürlich nicht aufgegeben und nun den Kleinen ans Handy geholt.

„Hey, Kumpel. Ich bin in Frankfurt, zu Hause. Wo bist du denn?“, frage ich ihn und höre ihn leise etwas zu Fiona sagen, was ich nicht verstehe.

„Feiiien, Wascha!“, nuschelt er und ich kneife die Lippen zusammen.

„Und ist das Wasser warm?“, fordere ich ihn auf, weiter zu sprechen. Ich mag es, wie er spricht.

„Jaaaa“, jauchzt er. „Wam! Emil swimmt!“

„Wie jetzt? Du kannst schwimmen, mein Großer?“

Er kichert laut ins Telefon. „Mami, hift!“

„Ah, Fiona hilft dir also? Das ist toll. Hast du Spaß?“

„Schpaß! Ja! Noah, missen!“

Meine Kehle wird etwas enger, als er dies zu mir sagt. „Ich vermisse dich auch, komm bald nach Hause, ja? Dann spielen wir wieder Fußball.“

Sein freudiger Ausruf lässt mich tief durchatmen. Ich liebe dieses Kind. Vermutlich mehr, als ich jeden anderen auf der Welt liebe. Ausgenommen von ... „Jaaaa! Pielen! Noah und Emil pielen!“, unterbricht er meine Gedanken.

„Super, ich warte dann hier auf dich. Aber schwimm noch etwas, okay? Gibst du mir deine Mami?“ Sofort höre ich Fiona im Hintergrund.

„Schüüüüs, Noah. Slaf sön.“

„Du auch, Kumpel. Bis bald.“ Kaum habe ich dies gesagt, raschelt es in der Leitung.

„Hey, mein Hübscher“, begrüßt mich nun meine ‚fast‘ Stiefmutter. Noch haben mein Vater und sie nicht geheiratet. Aber sie sind verlobt und ich vermute, in diesem Sommer wird es wohl so weit sein.

„Hey, Fi“, erwidere ich ihren Gruß und weiß natürlich schon, was jetzt kommt.

Sie stößt ein Seufzen aus. „Joy hat deinen Vater angerufen ...“

„War ja klar“, murmele ich nur.

„Sie macht sich bloß Sorgen, Noah. Du weißt das. Es ist nicht ... in Ordnung, wenn du sie allein im Haus sitzen lässt, ohne ihr wenigstens zu sagen, dass du wegbleiben wirst.“ Ihre Worte wählt sie mit bedacht, klingt dabei, wie immer, sanft und freundlich. Anfangs mochte ich sie nicht. Ich dachte, sie will meine Mutter ersetzen, so tun, als wäre ich ihr Sohn. Das tat sie aber nie und so hat sich zwischen uns tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.

---ENDE DER LESEPROBE---