Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Warum Engel nie Mundharmonika spielen E-Book

Karin Koenicke  

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E-Book-Beschreibung Warum Engel nie Mundharmonika spielen - Karin Koenicke

Im Himmel herrscht höllische Aufregung! Grund dafür ist der alljährliche „Euromission Schutzengel Contest“, für den ein Engel ausgewählt werden muss. Es erwischt ausgerechnet den himmlischen Organisten Pasiel, der lieber weiterhin Musik machen würde statt ins winterliche London hinabzufahren. Im Gegensatz zu ihm hat sein Schützling, eine junge Tätowiererin, mit Klassik nichts am Hut. Als toughe Großstädterin kommt sie auch mit den härtesten Kunden zurecht. Doch dieser altmodisch anmutende Organist, der sich um eine Stelle in ihrer Rockband bewirbt, verwirrt sie. Obwohl er ihr etwas weltfremd erscheint, ist sie von seiner Leidenschaft für Musik fasziniert. Warum ist er so anders als alle Männer, die sie kennt? Ein Roman über die Liebe. Über Leidenschaft und Musik. Lasst euch entführen ins winterliche London und begebt euch auf eine berührende Reise der besonderen Art.

Meinungen über das E-Book Warum Engel nie Mundharmonika spielen - Karin Koenicke

E-Book-Leseprobe Warum Engel nie Mundharmonika spielen - Karin Koenicke

Table of Contents

Titel

Kurzbeschreibung

Impressum

Warnung

1. Niedliches Nocturne

2. Rabiater Rock

3. Schräges Scherzo

4. Saustarker Soul

5. Taumelnde Toccata

6. Obskurer Oldie

7. Röhriger Retrosound

8. Manierliches Marienlied

9. Bettlägerige Ballade

10. Trunkener Trommelwirbel

11. Lyrisches Legato

12. Bedeutungsschwerer Bach

13. Steinerne Stille

14. Wallende Wassermusik

15. Himmlische Hymne

16. Furioses Finale

17. Jadegrüner Jazz

18. Epilog

New York Lovestorys

Warum Engel Sixpacks brauchen

 

 

 

 

Warum Engel nie Mundharmonika spielen

 

 

 

Ein himmlischer Liebesroman von

Karin Koenicke

 

 

 

Kurzbeschreibung

 

 

Im Himmel ist die Hölle los!

Grund dafür ist der alljährliche „Euromission Schutzengel Contest“, für den ein Engel ausgewählt werden muss. Es erwischt ausgerechnet den himmlischen Organisten Pasiel, der lieber Bach-Präludien spielen würde statt ins winterliche London hinabzufahren. Dass ihn der irdische Auftrag nicht nur musikalisch an seine Grenzen bringen wird, ahnt er nicht.

 

Im Gegensatz zu ihm hat sein Schützling, eine junge Tätowiererin, mit Klassik nichts am Hut. Als toughe Großstädterin kommt sie auch mit den härtesten Kunden zurecht. Doch dieser altmodisch anmutende Organist, der sich um eine Stelle in ihrer Rockband bewirbt, verwirrt sie. Obwohl er ihr etwas weltfremd erscheint, ist sie von seiner Leidenschaft für Musik fasziniert.

Warum ist er so anders als alle Männer, die sie kennt?

 

Ein Roman über die Liebe. Über Leidenschaft und Musik.

 

 

 

Impressum

 

 

Copyright Text: © Karin Koenicke 2016

Covergestaltung: Alexander Kopainski

Kapitelgrafiken Pixabay

 

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Kontakt: Karin Koenicke

Primelstr. 9

85386 Echingmail:koenicke@t-online.defacebook: https://www.facebook.com/karin.koenicke

 

Warnung

 

Ich bin ein bisschen verrückt.

Bei diesem Roman mische ich nicht nur die Genres Fantasy, Liebe und Humor, ich mute Euch auch noch einen männlichen Protagonisten zu und tauche alles bis zum Hals in Musik.

Mir ist himmelangst, weil ich in diesem Buch mit vielen Konventionen breche. Als Verteidigung kann ich nur sagen: Es steckt viel von mir drin. Ich bin eben so: lustig und tiefsinnig, musikverrückt und dramatisch, emotional und übermütig.

Es ist ein Herzensbuch und ich kann nur hoffen, dass Ihr, liebe Leserinnen, Euch auf das Abenteuer einlasst.

 

Viel Spaß beim Lesen, Lachen und Mitfühlen!

 

 

Karin Koenicke

 

 

1. Niedliches Nocturne

 

 

Himmel, Tag der Entscheidung

 

Auf der runden Bühne des himmlischen Amphitheaters, das normalerweise als Probestätte für die Engels-Chöre diente, saß Pasiel am Klavier, spielte Chopin und war überirdisch glücklich. Er schloss die Augen und versank völlig in die melancholischen Töne, die ihn umwehten. Der Dreivierteltakt umfloss ihn wie sanfte Wellen und die verspielten Achtelnoten der Melodie ließen ihn verträumt seufzen. Klassische Musik war etwas Wunderbares. Pasiels Finger liebkosten die kühlen Tasten und in ihm erwachten Erinnerungen an seinen ersten Klavierlehrer, der selbst noch ein Schüler Chopins gewesen war und oft von dessen leidenschaftlichem Wesen geschwärmt hatte.

Bei der Forte-Stelle bekam er wie immer eine leichte Gänsehaut und freute sich gleichzeitig auf den herrlich lyrischen Achtel-Lauf, der gleich folgen würde. Die Töne erhoben sich aus dem Klavier und erfüllten die Luft mit einem silbernen Klang, vor dem man sich nur ehrfürchtig verneigen konnte.

„Schluss mit dem Geklimper, ich muss hier putzen“, quäkte es urplötzlich hinter ihm. Mit einem Staubwedel wurde über seinen Nacken gefegt, als sollte er mit diesem profanen Objekt verscheucht werden.

Erschrocken fuhr Pasiel herum, nieste herzhaft und erkannte diesen unsäglichen Katzfiel, der ihn vorwurfsvoll anfunkelte. Katzfiel hatte sich aus Gründen, die Pasiel unverständlich waren, selbst zum leitenden Hausmeisterengel ausgerufen. Da auch im Himmel modernere Zeiten angebrochen waren, nannte er sich jetzt „cloud based facility manager“, was so gar nicht zu diesem derben Kerl mit struppigem Bart und Zottelhaaren passte. Warum der hier auf der hohen Himmelsetage gelandet war, wusste sicher nur Erzengel Gabriel persönlich.

„Los, mach Platz, Musikus“, ermahnte ihn Katzfiel auch schon und kippte einen Eimer Putzwasser mit Limonenduft in das strahlend weiße Rund des Amphitheaters, sodass sich Pasiel schnell auf den Stufen in Sicherheit brachte. Wie die meisten hier begegnete ihm der Hausmeisterengel mit nur wenig Respekt.

Von weiter oben stieg einer der Chorengel herab. Es war Amia aus dem ersten Sopran. Er kannte sie gut, weil er ihr oft Einzelstunden gab. Sie hatte eine glockenhelle Stimme, die nur noch ein bisschen Führung brauchte, dann war sie perfekt für die erhabenen Werke von Johann Sebastian Bach.

„Tut mir leid, Amia, für unsere Stunde sieht es im Moment schlecht aus.“ Er wies mit dem Kopf auf den wild wischenden Putzengel. „Jetzt bist du ganz umsonst hergekommen. Aber wir holen die Lektion bald nach, das verspreche ich dir.“

Er ging mit ihr zusammen die vielen Stufen nach oben. Amia strich sich mit einer eleganten Bewegung ihre blonden Locken zurück und lächelte. „Das ist kein Problem. Ich kann ja verstehen, dass er die Bühne auf Vordermann bringen will. Heute Abend soll natürlich alles glänzen.“

Pasiel war verwirrt.

„Heute steht doch gar kein Konzert an“, sagte er.

Im Amphitheater probten normalerweise die himmlischen Chöre eins bis vier. Natürlich traten sie dort auch mit den großen Chorwerken auf. Und weil an einem Ort, wo die Engels-Chöre Halleluja sangen, eine Orgel nicht fehlen durfte, hatte Pasiel gar manches Mal schon selbst ein Konzert auf der Königin der Instrumente gegeben.

Amia lachte. „Sag mal, wo lebst du denn? Seit Tagen steht doch schon alles Kopf wegen des Wettbewerbs. Heute ist die Auslosung!“

Sie deutete auf ein von Goldornamenten umschnörkeltes Plakat, das an einer Säule klebte. Beim Hinuntergehen hatte Pasiel das Schild übersehen, aber jetzt ging er näher heran und las mit hochgezogenen Augenbrauen, was in geschwungener Schrift darauf stand.

 

Willkommen zum Euromission Schutzengel Contest!Heute Abend findet die Zulosung statt und ebenso die Auswahl des Guardians, der den deutschen Himmel vertritt. Teilnehmende Länderhimmel sind Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Polen, Italien, Spanien, Portugal, Ungarn, Frankreich Malta, England und als Gast Neukaledonien

Organisation und Verantwortung der deutschen Gala: Die erhabenen Erzengel Michael und Gabriel

 

„Ach ja, richtig“, sagte Pasiel mit einem Gefühl, das ihn an Sodbrennen erinnerte.

Er hatte diese völlig überkandidelte Veranstaltung beiseite gedrängt und sich in der letzten Zeit absichtlich von irgendwelchen Engelsaufläufen ferngehalten, weil die Heerscharen anlässlich der Abend-Gala allesamt außer sich gerieten.

Dass der Himmel sich in geographische Regionen einteilte, war Pasiel zu Lebzeiten nicht bekannt gewesen. Dabei hatte er in der Kirche meistens aufgepasst. Vor mehr als hundert Jahren war er hier oben gelandet und völlig baff gewesen, nur Deutschen zu begegnen, denn jede Nation hatte ihren eigenen Himmel.

Noch mehr hatte ihn überrascht, dass keineswegs Eierkuchenstimmung herrschte, sondern die diversen Länderhimmel stark konkurrierten. Zum Beispiel bei diesem Wettbewerb, wo die fähigsten Schutzengel der Länderhimmel gegeneinander antraten. Das war so etwas wie die Olympischen Spiele, nur eben ohne Diskus und Speerwerfen, stattdessen wurde der beste Bewacher gekürt.

„Ich bin schon so gespannt, welcher Guardian für uns ins Rennen geht“, sagte Amia mit glänzenden Augen.

„Hast du denn einen Favoriten?“, fragte Pasiel. Allerdings mehr aus Höflichkeit als aus echtem Interesse.

Als hätte sie nur auf seine Erlaubnis gewartet, zog sie ein Magazin mit Hochglanzfotos aller Schutzengel hervor und deutete etwas verschämt auf einen blonden Muskelprotz. „Er würde den Auftrag sicher gut erfüllen“, sagte sie und klang ein bisschen kurzatmig.

„Nun ja, es kommt immer darauf an, welcher Schützling ihm zugeteilt wird. Erinnerst du dich noch an den Portugiesen, der uns im letzten Jahr zugelost wurde? Der ist schwierig zu bewachen gewesen.“

Amia lachte. „Stimmt, der fuhr Motocross und unser Guardian kam kaum hinterher. Deshalb haben wir ja auch nicht gewonnen.“

„Vier Wochen können eine lange Zeit sein“, sagte Pasiel.

Einen ganzen Monat lang musste der erwählte Guardian seinen ausländischen Schützling behüten, da konnte viel passieren. Wer den Auftrag am besten erfüllte, dessen Länderhimmel bekam am Ende als Trophäe den Goldenen Schrubber verliehen. Und genau den wollten Michael und Gabriel auf jeden Fall ergattern. Pasiel fand es ein klein wenig lächerlich, wegen eines Glitzerbesens so einen Aufstand zu machen.

„Gerüchten zufolge hat sich Gabriel eine Wandhalterung im Büro anbringen lassen, wo er die Trophäe aus dem Contest aufhängen kann“, sagte Amia. Sie verfügte über die göttliche Gabe des Gedankenlesens, was er manchmal vergaß.

Pasiel schüttelte verständnislos den Kopf.

„Wir Germanen haben diesen Wettbewerb seit zweihundertundelf Jahren nicht mehr gewonnen“, erklärte er, wobei er ganz bewusst den deutschen Ausdruck statt des Begriffes Contest wählte. Er fand die neumodischen Anglizismen, die Gabriel eingeführt hatte, gänzlich überflüssig.

„Ja eben!“ Das Gesicht des Chorengels leuchtete aufgeregt. „Die Erzengel wollen alles daransetzen, um dieses Jahr den Sieg einzufahren. Michael lässt schon seit gestern seine Rüstung polieren.“ Ein verzückter Ausdruck huschte über ihr Gesicht.

Pasiel zuckte nur mit den Schultern. Ihm war das Getöse um diesen aufgebauschten Wettbewerb zuwider. Wenn es um einen Preis für eine elaborierte Fuge gegangen wäre, hätte er das nachvollziehen können, doch die Musik hatte keinen allzu hohen Stellenwert bei seinen Engelskollegen.

Pasiel seufzte betrübt. Dummerweise musste er bei der Gala heute erscheinen, weil er zusammen mit dem zweiten Chor für die musikalische Umrahmung zuständig war. Gabriel hatte angeordnet, dass es eine ‚große Sause‘ werden sollte.

„Du wirst den Abend überstehen,“ sagte Amia mit einem freundlichen Lächeln. Sie hatte schon wieder seine Gedanken gelesen. „Wieso hast du dieses Engagement überhaupt angenommen?“

„Michael pflegt solche Aufträge nicht zu diskutieren.“ Der Erzengel hatte wahrlich einen autoritären Führungsstil. Allerdings musste Pasiel zugeben, dass er selbst gar keinen Widerspruch gewagt hatte. Sein Wort galt hier oben sowieso nicht besonders viel, er war eben nur der Musikus.

Amia tätschelte ihm mütterlich die Schulter. „Sei doch froh, dass du quasi in der ersten Reihe sitzen darfst.“

„So kann man es natürlich auch sehen. Ich werde bestimmt viel Spaß haben“, brummte er.

Anschließend verabschiedete er sich von Amia und machte sich auf den Weg in seinen privaten Bereich. Dabei redete er sich ein, dass der heutige Abend sicher gar nicht so furchtbar werden würde.

 

*

 

Wurde er doch.

Schon bei der Eröffnung der Gala ging es los. Das Amphitheater war voll besetzt und die beiden Erzengel, die wie üblich durch den Abend führten, flatterten aufgeregt umher.

Der Chor hatte als Eingangslied ein nicht gerade perfektes, aber sehr lautes Gloria geschmettert. Anschließend spielte Pasiel das Adagio einer wunderschönen Harfensonate, um die Zuschauer und besonders die Moderatoren zu beruhigen. Das funktionierte jedoch nicht, ganz im Gegenteil. Michael erhob seine mächtige Stimme mitten im zarten Zwischenteil des Harfenstücks, das damit jäh beendet war.

„Willkommen zum alljährlichen Euromisson Schutzengel Contest!“, donnerte er los und stellte sich breitbeinig nach vorne, damit jeder Zuschauer seinen beeindruckenden Körper und die gepflegte Lockenpracht bewundern konnte. Pasiel meinte, ein paar entzückte Seufzer aus der Richtung des ersten Soprans zu vernehmen. Er zog die Augenbrauen zusammen. Bei ihm selbst hatte noch nie irgendjemand solch hingebungsvolle Töne geäußert.

„In wenigen Minuten wird die Auslosung stattfinden, die alle sicher sehnlichst erwarten!“

Begeisterter Applaus brandete auf. Pasiel war froh, dass er seine Harfe festhalten musste und deshalb um das überflüssige Klatschen herumkam.

„Bevor der offizielle Teil beginnt, werden wir für die Neuankömmlinge die Details des Contests erklären. Ich habe Gabriel gebeten, das für uns zu übernehmen.“

Er trat ein Stück zur Seite, um Platz für seinen Erzengelkollegen zu machen. Gabriel wirkte nicht besonders begeistert darüber, dass Michael ihn als Sidekick abtat. Die beiden konkurrierten schon ewig darum, wer die wichtigste Position auf dieser Himmelsetage innehatte. Neben dem imposanten Muskelberg Michael sah Gabriel mit seiner zarten Gestalt und den weichen Zügen ein wenig verloren aus, doch Pasiel wusste aus Erfahrung, dass der himmlische Verwaltungschef knallhart war und sich hervorragend durchsetzen konnte.

„Gerne erläutere ich die Regeln, mein lieber Freund“, tönte es aus Gabriels Mund und wie stets, wenn er es darauf anlegte, zog er sofort alle Zuhörer mit seiner honigwarmen Stimme in den Bann. Nicht umsonst war er von ganz oben auserwählt worden, alle wichtigen Verkündigungen vorzunehmen. Schon die Jungfrau Maria hatte durch ihn ihre wahre Bestimmung erfahren, was er auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erwähnte. Aber nun war er in seiner Eigenschaft als Regelhüter gefragt.

„Wie ihr wisst, gibt es diverse Länderhimmel“, referierte Gabriel. „Zwölf von ihnen beteiligen sich an diesem Wettbewerb. Jeder Länderhimmel hat einen Erdenbürger ausgewählt, der beschützt werden muss. Ein Zettel mit dessen Namen landet in der Lostrommel.“

Er deutete auf eine funkelnde Glaskugel, die auf einem weißen Tischchen hinter ihm aufgebaut war. Pasiel wusste, dass dieselbe magische Kugel in allen teilnehmenden Himmeln gleichzeitig stand.

„Ein Zufallsgenerator teilt diesen Schützling dann einem der Länderhimmel zu. Dort wird ein geeigneter Guardian bestimmt, der einen Monat lang auf diesen Menschen aufpassen muss.“

Wie ein Oberlehrer sah er in die Runde, als wollte er kontrollieren, ob alle brav zuhörten. Fehlte nur noch die Nickelbrille.

„Am Ende wird der fähigste Schutzengel gekürt. Der Gewinnerhimmel erhält als Trophäe den begehrten goldenen Schrubber, der seit jeher für die Bemühungen steht, alles Ungute vom beschützten Menschen abzufegen.“

Pasiel unterdrückte ein Gähnen, während Gabriel voll Elan weitersprach. Seine klangvolle helle Stimme erreichte mühelos auch die oberen Ränge. Im gesamten Amphitheater verfolgten die Engel atemlos seine Rede.

„Dieses Jahr sind wir fest entschlossen, uns die Trophäe zu holen“, rief Gabriel und ballte die Hand kampflustig zu einer Faust.

Umgehend brandete Applaus auf. Sogar Bravorufe waren zu hören.

„Ganz genau“, mischte sich Michael ein, der lange genug ohne Beachtung geblieben war. „Wir haben das ganze Jahr über mit unseren Guardians hart trainiert, es gibt in der gesamten Himmelswelt keine besseren!“

Die Menge johlte und klatschte wie wild, als eine Gruppe wirklich imposanter Schutzengel nach unten marschierte und sich in einem adretten Kreis um die Erzengel herum postierte.

Pasiel stimmte, ohne lang aufzusehen, ein paar Saiten seiner Harfe nach. Er amüsierte sich schon seit mehreren Jahrzehnten über die Verbissenheit der hier ansässigen Erzengel Michael und Gabriel, den Wettbewerb zu gewinnen.

Warum die beiden sich ausgerechnet den deutschen Himmel ausgesucht hatten, um sesshaft zu werden, war ihm ein Rätsel. Er vermutete, es lag an Gabriels Vorliebe für die deutschen Tugenden Pünktlichkeit, Genauigkeit und die schwäbische Kehrwoche, aber genau wusste er es natürlich nicht.

Erzengel Raphael zum Beispiel hatte den italienischen Himmel gewählt und nippte angeblich gerne am Lambrusco. Aber auch das war nur ein Gerücht.

„Gleich ist es soweit“, erklärte Michael. „Nur noch ein Musikstück unseres herrlichen Chores, dann beginnt die Ziehung.“

Pasiel wechselte ans Klavier, anschließend versuchte der Chorleiter, seinen aufgeregten weiblichen Engeln vernünftige Töne zu entlocken. Als das Lied zu Ende war, leuchtete die gläserne Kugel hell auf.

„Nun ist der Zeitpunkt gekommen“, singsangte Gabriel. „Wir werden der Kugel den Zettel mit dem Namen des deutschen Erdenbürgers anvertrauen, der dann einem anderen Länderhimmels zugelost wird.“

Er hob einen Zettel in die Höhe und las vor, auf wen die himmlische Auswahl gefallen war. Alle lauschten gespannt.

„Bei dem deutschen Erdenmenschen handelt es sich um Ole Korn, einen gesunden, frommen Vierzigjährigen, der den ehrbaren Beruf des Kaminkehrers ausübt. Eine äußerst faire Wahl, wie wir meinen“, sagte Gabriel.

Von wegen!

Pasiel presste die Backenzähne aufeinander. Ihm war zu Ohren gekommen, dass die beiden Erzengel massiv geschummelt hatten. Dieser Ole Korn war hochgradiger Alkoholiker und litt zudem seit einigen Monaten unter Schwindelanfällen. Außerdem betete er nur, wenn er beim betrunkenen Heimfahren mit seinem alten Auto auf die falsche Spur geriet oder fast von einem Hausdach fiel. Das war eindeutig gegen die Regeln des Wettbewerbs, denn es durften keine Schützlinge mit selbstgefährdenden Tendenzen ausgewählt werden. Doch wenn es um Betrügereien ging, waren sich die beiden Streithähne offensichtlich einig. Sie schreckten vor nichts zurück, um den Contest endlich zu gewinnen.

Gabriel ließ den Zettel mit einer ausladenden Geste in die Glaskugel fallen.

Heller Rauch stieg auf, anschließend blinkte die Kugel in bunten Farben. Zeitgleich ließen auch in den elf anderen beteiligten Länderhimmeln die Verantwortlichen ihre Zettel in der Kugel verschwinden, wie Pasiel wusste.

Wie gebannt starrten alle auf das schimmernde Glas. Gleich würde es soweit sein und der Name des Erdenbürgers erscheinen, der dem deutschen Himmel zugelost wurde. Selbst Pasiel konnte sich dem Zauber des Momentes nicht entziehen und schaute ebenfalls zum Tisch.

Zwölf glockenhelle Schläge ertönten aus der Kugel.

Dann zischte es laut, es gab eine weiße Rauchfontäne und ein kleiner Zettel wurde aus der Kugel geblasen.

Blitzschnell fing Michael ihn auf.

„Uns wurde Großbritannien zugeteilt!“, rief er und hielt den Zettel nach oben, dessen Rückseite ein Union Jack zierte.

Die Menge begann sofort, sich lautstark über den Losausgang zu unterhalten. Manche stöhnten, weil sie alle Engländer für wilde Kerle hielten, die von Haus aus schwer zu behüten waren, andere johlten begeistert.

„Silentium!“, donnerte Michael so machtvoll, dass der Fußboden vibrierte und alle Gespräche erstarben.

„Ich werde nun verlesen, welcher Schützling für uns ausgelost wurde. Und nach der Gala wählen wir in einer nichtöffentlichen Sitzung den passenden Guardian.“

Die Schutzengel traten aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Natürlich wollte jeder von ihnen den Auftrag ergattern, denn wer den Wettbewerb gewann, mutierte umgehend zum himmlischen Mega-Star.

Michael räusperte sich theatralisch, dann trug er mit holprigem Akzent vor, was auf dem Zettel stand:

„Eddie Stevenson, twentyfour years, London, works in medical business, believes in heaven“

Die Zuschauer klatschten begeistert, denn der auserwählte Schützling schien kein besonders harter Brocken zu sein. Ein junger Mediziner, der an den Himmel glaubte. Der dürfte leicht zu bewachen sein. Pasiel wunderte sich, dass die Engländer sich wahllos für irgendeinen braven Kirchgänger entschieden hatten. Entweder sie nahmen den Wettbewerb nicht ernst - was er sich kaum vorstellen konnte - oder aber sie waren ebensolche Schlitzohren wie Gabriel und Michael.

Er hörte kaum mehr zu, als die beiden Moderatoren abwechselnd den Rest der Gala über die Bühne brachten. Lieber komponierte er im Geiste eine kleine Sonate, die er morgen an der Orgel ausprobieren würde.

Irgendwann kam Gabriel dann doch zum Ende der Veranstaltung. „Zum Abschluss beglückt uns unser Musiker noch mit einem schönen Klavierstück. Was spielst du für uns, Pasiel?“

Er war inzwischen ans Klavier getreten. „Ein Nocturne von Chopin“, erklärte Pasiel und griff eifrig in die Tasten.

Während er spielte, leerten sich die Stufen des Amphitheaters. Die Erzengel riefen die Guardians zu sich, danach verschwanden allesamt in Richtung Gabriels Büro. Dort, in der Verwaltungszentrale des Himmels, würde jetzt der passende Schutzengel ausgesucht und die Pressemitteilung für morgen aufgesetzt werden.

Pasiel war heilfroh, dass er mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun hatte. Er genoss die nach und nach einsetzende Stille. Da es niemanden mehr störte, blieb er am Klavier sitzen und ließ noch ein kleines Bach-Präludium aus seinen Fingern gleiten. Und dann noch eine Fuge. Oder zwei. Er spielte so versunken, dass er völlig die Zeit vergaß. Als Michael laut seinen Namen rief, zuckte er zum zweiten Mal heute erschrocken zusammen.

„Das war ein sehr niedliches Nocturne, das du vorher gespielt hast“, sagte Michael ungewohnt freundlich und ließ ausnahmsweise ein Lächeln aufblitzen.

Pasiel ging sofort in Habt-Acht-Stellung. Ein schleimender Erzengel verhieß niemals etwas Gutes.

„Schön, dass es Euch gefallen hat“, erwiderte er.

„Selbstredend! Und nun komm mit, wir müssen mit dir sprechen“, befahl Michael und marschierte voran.

Überrascht folgte ihm Pasiel. Was wollte er von ihm?

Mit langen Schritten eilte der Erzengel auf das Verwaltungsgebäude zu und trat ein. Sie landeten in Gabriels Büro, wo auch noch der zottelbärtige Uriel in einer Ecke saß, recht unbeteiligt dreinschaute und sich seine Pfeife mit irgendeinem Kraut aus der Wüste Sinai oder von sonst woher stopfte. Jedenfalls qualmte es gewaltig und stank bestialisch.

Pasiel war mehr als verblüfft. Alle drei Erzengel zusammen? Das gab es normalerweise nur bei äußerst wichtigen Anlässen.

Von den stolzen Guardians fehlte jede Spur. Dafür bemerkte Pasiel, dass an der Wand hinter Gabriels Schreibtisch tatsächlich eine Halterung angebracht worden war, in die die langstielige Trophäe haargenau hineinpassen würde. Offenbar waren sich die Herren Erzengel wirklich sicher, dieses Jahr den Goldenen Schrubber zu ergattern.

Er fragte sich immer noch, wieso sie ihn hierhergeholt hatten.

„Wir haben ein Problem“, begann Gabriel und seine Stimme klang hier im Büro viel weniger einschmeichelnd als auf der großen Bühne. Eher rau und herrisch.

Michael trat nach vorne und legte den Zettel mit dem ausgelosten Schützling auf den Tisch. „Wie du sicher weißt, muss sich der Guardian dem Schützling als Mensch nähern. Zu diesem Zweck gibt es auf jedem Zettel einen Hinweis, der dies erleichtert.“

Pasiel nickte. Das hatte er natürlich mitbekommen, er war schließlich nicht erst seit gestern im Himmel.

Nun übernahm Gabriel wieder das Reden. „Unglücklicherweise haben wir keinen passenden Guardian für den britischen Schützling, der uns zugelost wurde.“

Verständnislos sah Pasiel vom einen zum anderen Erzengel. Uriel zuckte nur mit den Schultern und paffte wieder ein paar Wölkchen in die Luft, die anderen beiden hingegen musterten Pasiel mit ernster Miene.

„Was hat das mit mir zu tun?“, fragte er. „Ich bin kein Schutzengel.“

Wortlos schob ihm Michael den Zettel zu, der aus der Glaskugel geschwebt war.

Pasiel beugte sich darüber und las. Den Namen Eddie Stevenson hatte er schon gehört, auch Alter, Wohnort und Beruf. Aber dann stutzte er.

„Candidate is desperately looking for an organ- and harp-player“, las er laut vor.

Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Dieser Eddie aus London war verzweifelt auf der Suche nach einem Musiker, der Orgel und Harfe beherrschte!

„Wir haben alle Guardians überprüft“, brach Gabriel in seine Gedanken ein. „Keiner von ihnen hat diese Qualifikation. Aber dann habe ich mir deine Akte vorgenommen.“

Er deutete auf einen Ordner, der aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch lag.

„Du sprichst fließend Englisch, bist mehrmals in London gewesen und hast zu Lebzeiten bereits junge Männer musikalisch ausgebildet. Harfe und Orgel spielst du auch. Du bist die ideale Besetzung.“

Der Erzengel schenkte ihm ein gnädiges Lächeln.

Pasiel hingegen kämpfte mit plötzlich einsetzender Mundtrockenheit.

„Aber ich bin kein Schutzengel!“, krächzte er. „Und ich will überhaupt nicht auf die Erde runter!“

Hier im Himmel war sein Paradies, er fand seinen Job absolut göttlich und hatte nicht die geringste Motivation, in irdische Gefilde hinabzufahren.

„Du wirst dich einem so wichtigen Auftrag doch nicht verweigern!“, donnerte Michael los. Sein Brustpanzer klirrte bedrohlich und seine mächtigen Flügel fuhren ein Stück weit aus.

Uriel erhob sich schwerfällig und trat samt seiner Rauchwolke zwischen Pasiel und Michael, der immer noch die Pose eines Racheengels eingenommen hatte.

„Mich dünkt, ich muss gewisse Vorgaben in euer Gedächtnis rufen.“ Uriel funkelte seine beiden Erzengelkollegen vorwurfsvoll an. „Der Wunsch, die Menschen zu beschützen, muss der Brust des Engels selbst entspringen“, referierte er.

Gabriel nickte widerwillig. „Er hat recht“, sagte er zu Michael. „Man kann niemanden zum Guardian machen, wenn der es nicht will.“

Erleichtert ließ Pasiel den Atem entweichen, den er unwillkürlich angehalten hatte. Es gab also doch noch einen Ausweg für ihn.

Michael hingegen fuhr seine Flügel ein, kam einen Schritt näher und fixierte Pasiel mit stählernem Blick.

„Hast du viele Freunde hier?“, fragte er.

Pasiel überlegte. Worauf wollte der eiserne Mike, wie ihn viele nannten, hinaus?

„Ich komme mit einigen Chorengeln gut aus“, erwiderte er. „Und mit Nekael verband mich eine enge Freundschaft, aber er weilt ja nicht mehr unter uns.“ Sein Freund hatte sich stets nach dem Irdischen gesehnt und war tatsächlich zu einem Auftrag auf die Erde geschickt worden.

Der Erzengel polierte ein paar Sekunden lang mit dem Ärmel seinen Brustpanzer. Danach sah er Pasiel wieder eindringlich an. „Das klingt nicht so, als würden sich viele um deine Gesellschaft schlagen. Aber male es dir einmal aus: Wenn du als Held von diesem Einsatz zurückkommst - den Goldenen Schrubber im Gepäck - , dann werden ganze himmlische Heerscharen in Begeisterung ausbrechen, wo immer du auftauchst. Hingerissene Chorengel werden deinen Namen seufzen und jeder einzelne Engel wird dir Anerkennung zollen.“

Das saß.

Unsicher blickte Pasiel von einem zum anderen Erzengel. Selbst Uriel nickte gedankenvoll, während er wieder an seiner Pfeife zog.

„Nimm dir eine Stunde Zeit, deine Gedanken zu ordnen“, schlug Uriel vor. „Dann kehre hierher zurück und teile uns deine Entscheidung mit.“

Einen Augenblick später fand sich Pasiel außerhalb des Verwaltungsgebäudes wieder. Verwirrt fuhr er sich übers Gesicht. Meinten die das wirklich ernst? Wie immer, wenn er nachdenken musste, setzte er sich ans Klavier. Doch jetzt wollten sich die Töne genauso wenig zu einer harmonischen Einheit ordnen lassen wie seine Gedanken zu einem sinnvollen Konstrukt.

Er flüchtete sich in ein einfaches Rondo und hoffte, dass die logische Struktur des Stückes ihm half, auch in seinem Kopf ein klein wenig Ordnung zu schaffen. So ganz funktionierte es aber nicht. Ein Einsatz auf der Erde? Bei dieser Vorstellung verkrampften sich seine Finger und schlugen einen falschen Ton an. Er war nicht geschaffen für derartige Abenteuer, fürchtete er. Hinauszugehen in diese fremde Welt dort unten, bereitete ihm kein angenehmes Gefühl. Sicher warteten jede Menge Gefahren auf ihn, und außerdem hatte er schon früher Probleme gehabt, sich auf Menschen einzulassen, die anders waren als er. Bei Musikern hatte er sich wohlgefühlt, aber bei einfachen Arbeitern oder Soldaten war er oft angeeckt. Andererseits setzten die Erzengel all ihre Hoffnungen in ihn, das erfüllte ihn durchaus mit Stolz. Sie hätten ihn sicher nicht ausgesucht, wenn sie ihm den Einsatz nicht zutrauen würden. Womöglich steckte doch mehr Stärke in ihm, als er es selbst für möglich hielt. Oder war das eine Verzweiflungswahl gewesen, weil wirklich keiner der ausgebildeten Schutzengel die Voraussetzungen erfüllte? Seine Gedanken fuhren wild Karussell, was sich in seinem unkonzentrierten Klavierspiel niederschlug.

„Was ist denn mit dir passiert?“ Amia tauchte plötzlich neben ihm auf und sah ihn mit großen Augen an. „Du spielst ganz anders als sonst.“

Er riss die Hände von den Tasten. „Nichts!“, beteuerte er schnell. „Alles in Ordnung.“

Sie kam näher und sah ihn eindringlich an. Pasiel versuchte, seine Gedanken zu verschließen, aber gegen ihre göttliche Gabe konnte er natürlich nichts ausrichten.

„Sie wollen dich als Guardian ins Rennen schicken?“, las Amia in seinem Kopf und dann passierte etwas Seltsames mit ihr. Sie zuckte von innen heraus, ihre Schultern bebten und schließlich brach ein disharmonisches Gelächter aus ihr heraus, das in Pasiels Ohren schmerzte. Und nicht nur dort. Etwas in seinem Brustkorb krampfte sich zu einem harten Kloß zusammen, als er sie ansah. Ausgerechnet Amia, von der er angenommen hatte, dass sie ihn nicht nur als Musiker respektierte, sondern auch als Freund gern hatte, lachte ihn aus. Er presste die Lippen aufeinander.

„Sei mir bitte nicht böse“, japste sie, „aber das ist eine so abwegige Vorstellung: ausgerechnet du als Schutzengel!“

Ihre Worte versetzten ihm einen zusätzlichen Stich ins Herz. Offenbar gab es wirklich keinen einzigen Engel, der in ihm mehr sah als einen Musiker. Erinnerungen an seine Familie wurden wach, lang verdrängte Wunden, die mit einem Mal wieder aufbrachen. Auch zu Hause hatte man ihn nie mit wirklich wichtigen Aufgaben betraut, er hatte stets im Schatten seines ehrgeizigen Bruders gestanden und war immer nur die zweite Wahl gewesen. Der plötzliche Schmerz nahm ihm fast die Luft zum Atmen.

Amia versuchte krampfhaft, wieder ernst zu werden, weil sie wohl erkannte, dass sie ihn verletzt hatte. „Tut mir sehr leid, dass ich gelacht habe“, sagte sie weich und berührte ihn entschuldigend an der Schulter. „Ich war nur überrascht, dass man dich auf diese Art von Einsatz schicken will.“

„Du traust mir das also nicht zu?“, fragte Pasiel bitter.

„Doch, doch“, erwiderte sie, aber er wusste, dass sie ihn anlog. „Sicher bekommst du das hin, ganz bestimmt. Du schaffst das garantiert. Ich kenne dich halt nur als Musiker und muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass du auch andere Dinge beherrschst.“

Pasiel schluckte.

Insgeheim hatte er die letzte Zeit gedacht, dass Amia eine Schwäche für ihn hegte. Doch selbst sie traute ihm nicht mehr zu als eine elaborierte Orgelimprovisation. Er galt offenbar als totaler Schlappschwanz. Als Versager. Als unmännlicher Tastenpolierer.

Aber das würde er nicht weiter auf sich sitzen lassen. Bei seinen Eltern und auch all die Jahre im Himmel hatte er sich in diese Rolle gefügt, aber das war nun vorbei. Er bekam eine einzigartige Chance, sich zu beweisen, und er würde diese auf Teufel komm raus nutzen!

Er straffte die Schultern und sah ihr direkt in die Augen. „Das tue ich sehr wohl“, erklärte er mit fester Stimme. „Ich beherrsche tatsächlich nicht nur Musikinstrumente! Das werde ich dir und allen anderen beweisen, die mich für einen nutzlosen Musiker ohne Rückgrat halten.“

Energisch raffte er seine Noten zusammen und sprang auf. Ohne Amia noch einen einzigen Blick zuzuwerfen, marschierte er an ihr vorbei und direkt in das Verwaltungsgebäude.

„Ich brauche keine weitere Bedenkzeit“, schleuderte er den drei Erzengeln entgegen. „Mit Freuden stelle ich mich der Herausforderung und werde zum Guardian!“

Alles lag plötzlich ganz klar vor ihm. Wenn er es schaffte, den Wettbewerb zu gewinnen, würde ihn kein Putzengel dieses Himmels jemals wieder vom Klavier verscheuchen. Und niemand würde es wagen, ihm irgendwelche ungeliebten Aufträge zu erteilen. Ja, sogar die jungen Chorengel würden vor Ehrfurcht erstarren, wenn der Gewinner des Contests sich für sie ans Piano setzte. Als erfolgreicher Schutzengel bekam man nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch jede Menge Respekt. Er wäre nicht mehr länger nur der „Musikus“, sondern ein waschechter Held.

Und er war mehr als bereit für diese Aufgabe!

Allerdings fragte er sich, wie das funktionieren sollte. Man wurde schließlich nicht von heute auf morgen Schutzengel. Davor standen eine lange Ausbildung, diverse Einsätze, schriftliche Prüfungen und eine zwölfseitige Abhandlung über Moral im Erdeneinsatz, die jeder Guardian zu verfassen hatte. Nicht wenige Bewerber bestanden das harte Auswahlverfahren nicht oder konnten den Kurs nicht erfolgreich zu Ende bringen. Außerdem gab es jedes Jahr einmal die große Ernennungszeremonie, bei der die neuen Guardians der Himmelsgemeinde vorgestellt wurden und ihre Plakette bekamen. Am Ende der Zeremonie stand das feierliche Einbrennen einer Erkennungsnummer auf dem Unterarm. Das alles war doch gar nicht hinzubekommen in der kurzen Zeit, die sie hatten. Noch heute fand die Aussendung der Wettbewerbsteilnehmer statt!

„Ich wusste, wir können auf dich zählen.“ Michael klopfte ihm auf die Schulter, fast genauso, wie Amia es getan hatte.

„Aber wie soll das ablaufen?“, fragte Pasiel.

„Wir werden das Verfahren für dich etwas beschleunigen.“ Gabriel setzte ein aufmunterndes Lächeln auf.

Umgehend bekam Pasiel eine Gänsehaut. Ausgerechnet Gabriel, der oberste Regelwächter, hatte vor, die eisernen Verordnungen zu beugen? Sein Magen zog sich zusammen.

„Wir geben dir eine Kurzanleitung mit, darin ist alles Wichtige zusammengefasst. Die Sache mit der Moral weißt du ohnedies. Du hast dich bisher im Himmel als gänzlich verlässlich und regeltreu gezeigt. Wir vertrauen dir.“

„Ja, alle hier vertrauen dir!“, fügte auch Michael hochtheatralisch hinzu. „Wir legen unser Schicksal in deine Hände. Du wirst uns nicht enttäuschen, das fühle ich tief in meiner Brust. Rette unsere Ehre und gewinne den Contest. Für dich, für uns, für deinen Himmel!“

Angesichts so übertrieben dramatischer Töne stellten sich bei Pasiel alle Nackenhaare auf. Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit. Erstarrt beobachtete er, dass Uriel näher kam, die stinkende Kräuterpfeife noch immer im Mund.

„Wohlan, lasset uns beginnen“, schnarrte er, wobei er eine Rauchwolke ausstieß. „Deinen Arm!“

Gehorsam streckte Pasiel seine rechte Hand vor. Uriel schob den Ärmel nach hinten und hielt Pasiels Unterarm fest. Die beiden anderen Erzengel positionierten sich in andächtigem Schweigen rechts und links neben ihm.

Jeder der drei hob seinen Arm und legte seine leicht gekrümmte rechte Hand auf eine Stelle kurz unterhalb Pasiels Ellbogens. Die drei Hände bildeten einen Hohlraum und in diesen hinein blies Uriel den hellgrauen Rauch seiner Kräuterpfeife. Auf Pasiels Haut begann es höllisch zu kribbeln, aber er hielt der Prozedur tapfer stand. Die drei Erzengel schlossen die Augen und murmelten ein uraltes Gebet, während seine Haut immer heißer wurde. Nach ein paar Minuten nahmen sie ihre Hände weg. Erstaunt musterte Pasiel die Stelle an seinem Arm. Direkt unterhalb seines Ellbogens hatten sich ringförmig eine Reihe altertümlicher Schriftzeichen ausgebreitet, die er nicht lesen konnte. Umkränzt wurden die Zeichen von einer Bordüre aus winzigen Federn, ganz fein und zart, die nun für alle Zeit in die Haut gebrannt waren.

„Nun denn, du bist gerüstet für deinen Einsatz, Schutzengel. Unser Segen sei mit dir!“

Alle drei streckten die Arme aus und murmelten erneut Unverständliches. Auch wenn es durchaus faszinierend war, die Erzengel so harmonisch vereint zu erleben, wurde es Pasiel ein wenig mulmig zumute. Aber es war zu spät, doch noch einen Rückzieher zu machen. Nun lag die Hoffnung der gesamten himmlischen Chefetage auf ihm und er gedachte, diese gänzlich zu erfüllen.

 

*

 

Nach einer kurzen Stunde und einer weiten Reise sah Pasiel sich überrascht um. Er war mitten in London gelandet, wie erwartet. Schutzengel wurden bei der Entsendung stets in der Nähe des Schützlings abgesetzt. Doch er hatte mit einem Krankenhaus gerechnet oder zumindest mit einem Ärztehaus, schließlich arbeitete der fromme Eddie laut Zettel im medizinischen Bereich. Stattdessen hatte es Pasiel auf eine Seitenstraße von Camden Town verschlagen, wie die Straßenschilder verrieten. Um ihn herum herrschte reges Treiben. Offenbar fand auf der nächstgrößeren Straße gerade ein Flohmarkt statt. Menschen in seltsamer Kleidung wanderten herum, viele hatten ein tragbares Telefon in der Hand.

Pasiel hatte regelmäßig das von Gabriel herausgegebene „irdische Bulletin“ über die neusten Entwicklungen auf der Erde gelesen und wusste deshalb gut Bescheid über Handys, die politische Lage sowie aktuelle Themen. So etwas wie seinem Kollegen Nekael, der beim Anblick eines dunkelhäutigen US-Präsidenten in ein Fettnäpfchen getreten war, würde ihm garantiert nicht passieren. Er war über das Leben hier unten vollkommen im Bilde.

Wie schon seit Jahrtausenden bei einer Entsendung üblich, hatte man ihn automatisch mit Geld und typischer Kleidung ausgestattet. Er schlug den Kragen des Wintermantels hoch, denn ein eisiger Wind fegte durch Londons Straßen. Selbstredend würde er sich „Paul“ nennen, was sowieso sein Erdenname war. Jetzt musste er nur noch diesen Eddie finden.

Ob hier vielleicht eine Kirche in der Nähe war? Es könnte ja sein, dass sein Schützling gerade betete. Nicht umsonst suchte der Mann einen Organisten. Vielleicht leitete er den Kirchenchor hier in der Nachbarschaft?

Pasiel ging ein paar Schritte, wobei ihm niemand der Passanten besondere Beachtung schenkte. Alles lief wie am Schnürchen. Mit einem Mal breitete sich große Zuversicht in ihm aus. Er kam hier unten gut zurecht und der Auftrag war sicher auch kein unlösbares Problem. Sein Englisch war gut, die Musik sein Leben und mit einem gebildeten Mediziner konnte er sich bestimmt hervorragend unterhalten. Ihm würde es mit Leichtigkeit gelingen, diesen Eddie zu beschützen. Und dann, bei seiner heldenhaften Rückkehr in den Himmel – natürlich mit der Trophäe im Gepäck – würde er ein gefeierter Star sein und von allen Mitengeln mit tiefem Respekt behandelt werden. Auch von Amia. Pasiel lächelte freudig.

Voll Tatendrang sah er sich um und wählte das nächstbeste Geschäft aus, um sich nach Eddie zu erkundigen, der hier sicher irgendwo bekannt war. Energisch drückte er die Ladentür auf, marschierte hinein und begann sofort zu sprechen.

„Guten Morgen und Pardon für die Störung. Ich befinde mich auf der Suche nach einem gewissen Eddie Stevenson. Hätten Sie die Güte, mir mitzuteilen, ob sie diesen Mann womöglich kennen?“

Erst als er das ausgesprochen hatte, sah er sich um. Grundgütiger, wo war er denn hier gelandet? Pasiel schluckte.

Auf einer Art Bahre lag ein sehr lebendig wirkender, glatzköpfiger Seemann, dessen Körper großflächig mit Tätowierungen verziert war. Dieser Matrose sah aus, als wolle er just in diesem Moment auf eine junge Frau losgehen, die zwischen seinen Beinen saß. Ihr zierlicher Körper steckte in einer enganliegenden Lederhose und einem grauen Shirt, die Haare waren kurz geschnitten, wie man es sonst nur von Soldaten kannte. Am Nasenflügel glänzte ein Edelstein, dessen Funkeln jedoch gegen das wütende Blitzen ihrer grünen Augen verblasste. In der einen Hand hielt sie ein sirrendes, spitzes Gerät, dessen Nadel drohend auf den Seemann gerichtet war, ihre andere Hand umschloss das nackte Geschlechtsteil des Matrosen.

Ohne das Foltergerät loszulassen, drehte sie sich mit ärgerlichem Blick Pasiel zu. „Was zum Teufel willst du denn von mir?“

 

 

2. Rabiater Rock

 

 

Als Rocco zwei Minuten vor dem vereinbarten Termin seinen Hintern durch die Ladentür schob, musste Edwina grinsen.

„Du bist pünktlich wie ein Erstklässler am ersten Schultag“, begrüßte sie ihn. „Dabei ist das bestimmt schon dein zwanzigstes Tattoo, oder?“

Rocco schälte sich aus seiner abgewetzten Lederjacke. „Ich will eben nicht rumlaufen wie ein milchgesichtiger Anzugträger. Wo sind deine Entwürfe?“

Sie öffnete lächelnd eine Schublade und reichte ihm drei Zeichnungen, die sie in den letzten Tagen angefertigt hatte. Ein feuerspeiender Drache sollte es dieses Mal sein, das hatte Rocco bei der Terminvereinbarung angegeben. Und wie bei jedem ihrer Kunden suchte Edwina nicht einfach etwas aus irgendwelchen Tätowiervorlagen heraus, sondern entwarf ein ganz individuelles Motiv. Das war ihr Markenzeichen und auch der Grund, warum der Ladenbesitzer Gareth sie hier angestellt hatte.

„Ja, die sind ganz okay“, kommentierte Mister Cool in betont beiläufigem Ton ihre Entwürfe. Nur vergaß er dabei, das verräterische Leuchten in seinen Augen abzustellen. „Sollen mir alle recht sein. Willst du jetzt auch noch ’ne Entscheidung von mir?“

Sie nahm ihm das gerne ab. „Nimm den hier.“ Edwina deutete auf den am finstersten dreinschauenden Drachen. „Der wirkt genauso abweisend wie du, hat aber letztendlich ein gutes Herz, das habe ich im Farbverlauf so dargestellt.“

Rocco lachte. „Verflucht, Eddie, du kennst mich besser als meine eigene Mum!“

„Das liegt nur daran, dass ich in den letzten Monaten mehr Zeit mit dir verbracht habe als sie“, konterte Edwina.

Rocco war ein Stammkunde, dessen Körper sie bereits großflächig mit Tattoos aller Art verziert hatte. Im Grunde war er so etwas wie eine wandelnde Werbefläche für ihre Kunst.

„Ich kapier immer noch nicht, warum du hier in Camden Town herumhängst, statt an der Kunstakademie zu sitzen und grauhaarige Professoren mit deinem Zeug zu beeindrucken“, sagte Rocco, während er sich aus seinen ausgewaschenen Jeans schälte.

„Weil ich auf blasierte Schlipsträger nun mal keinen Bock habe und mich lieber mit glatzköpfigen Rowdies wie dir abgebe“, erwiderte sie und steckte eine frische Nadel in die Tätowiermaschine.

Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Sie hatte sehr wohl versucht, an eine dieser Akademien zu kommen. Oh ja, zwei verdammte Jahre lang hatte sie es versucht! Ursprünglich war es ihr Traum gewesen, Musik zu studieren und Sängerin zu werden. Aber die Unis hatten verlangt, dass man auch ein Instrument spielte, und für so etwas war daheim kein Geld da gewesen. Also war sie auf Kunst umgeschwenkt. Hatte wie verrückt gezeichnet, ihre gesamte Kohle für Aquarellfarben und Pastellkreide ausgegeben, eine ihrer Meinung nach echt beeindruckende Mappe zusammengestellt und sich überall beworben. Aber wen hatten diese Idioten genommen? Die Leute von den guten Schulen. Aus reichen Elternhäusern, die ihre Kinder in versnobte Privatschulen stecken konnten, wo man Reiten, Fechten und Smalltalk beim Gurkensandwich lernte. Während sie, Edwina, nur an einer staatlichen Schule herumgehangen hatte und schon als Teenie hatte jobben müssen, um ihre alkoholkranke Mutter zu unterstützen. Sie hasste dieses System, in dem schon mit der Schuluniform festgelegt war, ob man es später zu etwas brachte oder eben nicht.

„Wo genau soll der Drache hin?“, fragte sie Rocco, um sich von diesen unerfreulichen Themen abzulenken.

Er entledigte sich gerade seiner Boxershorts. „Hier am Bauch, unterhalb des Nabels. Und zwar so, dass der Schwanz des Drachens sich um meinen eigenen windet. Glaubst du, du kriegst das hin, Eddie?“ Unsicher sah er sie an.

„Soll das ein Witz sein?“ Sie grinste. „Eine meiner leichtesten Übungen. Rauf mit dir auf den Stuhl. Du bekommst den wildesten Drachen von ganz London, Sweetheart.“

Hochkonzentriert begann sie mit ihrer Arbeit. Erst stach sie den Kopf und Bauch des Drachens, dann arbeitete sie sich Schritt für Schritt weiter nach unten vor. Da Gareth sich diese Woche Urlaub gönnte, war Edwina allein im Laden. Ihr war das recht, so konnte sie sich in den Pausen zwischen den Kunden auf ihre Entwürfe konzentrieren. Mittlerweile war sie sogar ganz froh, dass sie es nicht auf eine Akademie geschafft hatte. Ihr Job machte ihr Spaß und sie verdiente hier sicher mehr, als wenn sie sich als freie Künstlerin durchschlagen müsste. Außerdem hatte sie ja noch die Band, denn Singen war ihre große Leidenschaft. Einer Karriere als Sängerin stand also trotzdem nichts im Weg. Außer, man würde ihr auch hier wieder so große Steine in den Weg legen wie bei der Malerei – das wollte sie sich gar nicht vorstellen, sonst wurde sie sofort tierisch wütend.

„Scheiße, Eddie, sei doch nicht so brutal“, rief Rocco.

Edwina sah von den Umrissen des Drachenschwanzes auf, die sie gerade stach. „Meine Güte, du stellst dich an wie eine Nonne bei der Entjungferung. Das ist doch nicht dein erstes Tattoo.“

Er krallte seine Hände um die Griffe des Stuhls. Kaum zu glauben, dass Rocco einer der härtesten Türsteher von ganz London sein sollte. Im Dark Eden Club kam keiner an ihm vorbei, wenn er das nicht wollte. Da hatten die Gäste sogar mächtig Respekt vor ihm. Hier jedoch war er ziemlich kleinlaut, jammerte jedes Mal herum wie ein Baby, kam aber doch immer wieder. Was sie sehr freute.

„Aber bisher tat es nie so weh“, jaulte er.

„Bisher wolltest du auch nie so eine sensible Stelle.“

Er stöhnte theatralisch auf, obwohl sie ihre Stiche extrem vorsichtig setzte. „Fuck, du stichst doch absichtlich so tief. Wahrscheinlich hast du einen Hass auf Männer, weil dein Kenny dich nicht richtig drannimmt, stimmt’s?“

Edwina biss sich auf die Lippe. Auf Kenny, ihren Freund, war sie nicht gut zu sprechen, seit er neulich auf der Party mit dieser rothaarigen Angie rumgeknutscht hatte.

„Lass Kenny aus dem Spiel“, zischte sie. Sie hatte null Lust, einen einzigen Gedanken an den Mistkerl zu verschwenden.

„Du hättest echt was Besseres verdient, Eddie.“Sie mochte Rocco gerne, aber wenn er nicht endlich mit dem Gewinsel aufhörte, würde sie tatsächlich tiefer stechen als notwendig. „Schluss jetzt mit dem Gequatsche, Rocco. Ich will hier in Ruhe meine Arbeit machen“, fuhr sie ihn an und drohte ihm dabei spielerisch mit der Nadel.

Irgendwer war in den Laden gekommen, doch Edwina war so mit Rocco beschäftigt gewesen, dass sie den Kunden erst richtig wahrnahm, als dieser nun anfing zu sprechen.

„Guten Morgen und Pardon für die Störung“, sagte der Typ. „Ich befinde mich auf der Suche nach einem gewissen Eddie Stevenson. Hätten Sie die Güte, mir mitzuteilen, ob sie diesen Mann womöglich kennen?“

Sie fuhr herum. Was für ein komischer Vogel war denn das? Hier in Camden liefen eine Menge seltsamer Gestalten herum, aber der hier redete, als wäre er frisch einer Anstalt entsprungen. Sicher wollte er sich nur den Namen seiner Verlobten auf die Schulter stechen lassen. Als ultimativen Liebesbeweis oder sowas. Am liebsten hätte sie ihn gleich weggeschickt, aber sie konnte im Augenblick jeden Penny gebrauchen, denn einer der Verstärker hatte den Geist aufgegeben. Na, aber einen roten Teppich würde sie ihm trotzdem nicht ausrollen.

„Was zum Teufel willst du denn von mir?“, begrüßte sie ihn.

Normalerweise war sie nicht ganz so unhöflich, aber die Sache mit Kenny lag ihr im Magen, außerdem hatte sie einen Mordshunger. Ein leerer Magen machte ihr immer schlechte Laune. Wenn sie dem neuen Kunden erst noch was stechen musste, würde sich ihre Mittagspause verschieben.

„Du bist Eddie Stevenson?“ Der Typ wurde noch blasser, als er sowieso schon war. Sie musterte ihn. Seine Jeans und der Wintermantel sahen ganz normal aus, aber seine Gesichtsfarbe wirkte, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr in der Sonne gewesen. Er hatte braune Haare, die fast bis zu den Schultern reichten, ebenmäßige Züge und in den dunklen Augen lag ein Hauch von Melancholie. Irgendwie wirkte er wie eine Mischung aus Johnny Depp und Lord Byron. Das Bild des Dichters war in der Schule in ihrem Englischbuch gewesen und im Vergleich zu Shakespeare und Wordsworth hatte der Dichterfürst Byron noch halbwegs attraktiv ausgesehen.

„Soll ich dir meinen Ausweis zeigen?“, fragte sie. „Natürlich bin ich Eddie!“

„Äh, nein. Ich dachte nur …“ Er wusste offenbar nicht mehr weiter. Ein wenig tat er ihr jetzt leid, wie er so verloren herumstand und nach Worten suchte. Sicher war er immer ein Außenseiter gewesen und für solche Menschen hatte sie nun mal ein Herz. Sie selbst hatte auch nirgends richtig dazugehört.

„Du dachtest, dass ich ein Mann sei, schon klar“, lenkte sie ein. „Du bist nicht der Erste, der glaubt, nur Kerle können als Tätowierer arbeiten. Was soll es denn sein?“

Er sah sie an, als hätte er sie nicht recht verstanden. Meine Güte, der war wirklich schwer von Begriff.

„Willst du auch was in der unteren Etage gestochen haben?“, sie deutete auf Roccos entblößte Männlichkeit. „Oder soll es woanders sein?“

Eine leichte Röte huschte über sein Gesicht. „Ich … nein … es ist vielleicht eine Verwechslung. Eigentlich dachte ich, Eddie Stevenson sei auf der Suche nach jemandem, der Orgel spielt.“

Ach so! Endlich kapierte Edwina, warum der Typ hier hereingeschneit war.

„Du kommst wegen der Band, sag das doch gleich! Gib mir fünf Minuten, dann bin ich hier fertig. Du kannst dich inzwischen da hinten hinhocken, neben dem Lautsprecher steht ein Stuhl.“

Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Dem harten Rocco war es dann doch zu peinlich, vor einem Fremden das Weichei zu spielen, und er blieb für den Rest des Drachenschwanzes ruhig. Edwina versorgte das Tattoo fachmännisch mit einer Folie und gab Rocco wie immer eine kleine Tube Creme mit, sodass er die Wunde gut pflegen konnte.

„Versuch, dir ein paar Tage keinen runterzuholen, wenn das möglich ist“, schärfte sie ihm ein, nachdem er bezahlt hatte.

Rocco nickte brav. „Eddie, du bist die erste Frau, die ihn in der Hand hatte, ohne dass er dabei stahlhart wurde, das kannst du mir glauben.“

„Schon gut. Du bist ein toller Hecht, das weiß ich doch.“ Sie schenkte ihm zum Abschied ein warmes Lächeln. Im Grunde mochte sie den glatzköpfigen Türsteher, der versuchte, ein harter Kerl zu sein. Er war eine ehrliche Haut und das war selten genug. Außerdem kam er immer zu den Auftritten der Band, falls er frei hatte.

Edwina warf die abgestreiften Handschuhe in den Müll und wandte sich dem Mann auf dem Stuhl zu. Er stand auf, als sie näher kam.

„Also nochmal von vorne. Ich bin Edwina, genannt Eddie.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.

„Paul“, stellte er sich vor. Seine Finger waren kühl. „Würdest du das, was du da tust, als medizinische Aufgabe bezeichnen?“

Verdutzt zog sie die Hand zurück. Was für eine eigenartige Frage. Selbst bei einem Faible für Außenseiter: Dieser Paul war ihr nicht ganz geheuer.

„Tätowieren? Na ja, es ist eine leichte Verletzung der oberen Hautschichten und ich verbinde das Kunstwerk am Schluss. Wenn du das meinst.“ So richtig wusste sie nicht, worauf er hinauswollte. Edwina hatte normalerweise ein gutes Gespür für Menschen, wenngleich sie nicht mit allzu vielen gut auskam. Wer hier in der Stadt überleben wollte, sollte einschätzen können, ob das Gegenüber harmlos war oder einen über den Tisch ziehen wollte. Dieser Kerl hier passte aber in keine Schublade. Das gefiel Edwina überhaupt nicht.

Paul schien zu überlegen. „Gibt es hier eine Kirche in der Nähe? Welche pflegst du denn zu besuchen?“

Heiliger Bimbam, er war einer dieser Jesusjünger! Das erklärte sein etwas altertümliches Englisch. Mit so einem konnte sie absolut nichts anfangen.

„Ich war seit zehn Jahren nicht mehr in der Kirche“, schleuderte sie ihm hin. „Was soll diese dämliche Fragerei? Ich dachte, wir sprechen über Musik?“

Sie sah ihn schlucken.

„Ja, selbstredend. Du suchst jemanden für Orgel und Harfe, habe ich gehört.“

Er sprach die beiden Instrumente seltsam ehrfürchtig aus. Unter anderen Umständen hätte Edwina nicht einmal darüber nachgedacht, einen Freak wie ihn in der Band auszuprobieren, aber es war Not am Mann.

„Wir haben heute Abend einen Gig und unser Keyboarder hat uns total kurzfristig hängen lassen. Ist zu einer Grungeband gewechselt. Als würde irgendwer noch schlechte Nirwana-Cover hören wollen! Noch dazu mit Keyboard, völliger Blödsinn. Aber wir möchten unseren Sound sowieso ein wenig verändern, ein paar alte Sachen einbauen, Doors oder Deep Purple. Retro, verstehst du? Kenny hat ne coole alte Hammond-Orgel aufgetrieben, deshalb haben wir jemanden gesucht. Du hast doch sicher Hush drauf oder? Light my fire haben wir auch auf der Setlist. Klar, das kennt ja sicher jeder Orgelspieler.“

Erwartungsvoll sah sie ihn an.

„Ich spiele nur Klassik“, stammelte Paul und wirkte leicht überfordert.

„Perfekt! Deep Purple ist ja wohl ein echter Klassiker. Genau so etwas brauchen wir. Der Sound wird hammergeil sein.“

Paul schien nicht so ganz überzeugt zu sein. Er drehte sich zur Musikanlage um, die hinter ihm stand. Gareth war ein Technikfreak und hatte im Laden eine moderne Anlage installieren lassen. Aber da er beim Skifahren in Schottland war, konnte Edwina schalten und walten, wie sie wollte, auch mit seiner heiligen Anlage.

„Könntest du mir diese Art der Musik womöglich auf dem Grammophon vorspielen?“, fragte Paul.

Ein echter Scherzkeks. Sie ging an ihm vorbei, um in den Platten zu kramen, und bekam dabei seinen Duft in die Nase. Nachdenklich hielt sie einen Moment inne. Der Geruch kam ihr vage bekannt vor, aber sie konnte sich nicht richtig daran erinnern. Würzig irgendwie. So wie frisches Holz aus dem Wald. Oder Kräuter. Ein bisschen wie ein nicht angezündeter Joint. Ein derartiges Aftershave hatte sie jedenfalls noch nie gerochen.

Endlich hatte sie die lila Platte mit den Köpfen darauf gefunden, legte sie auf und setzte die Nadel auf die richtige Position. Ein Wolf jaulte. Auf Pauls Stirn entstand eine Falte. Im nächsten Augenblick begann der Deep-Purple-Song. Edwina drehte die Lautstärke noch etwas auf und bemerkte erst dann das Entsetzen in Pauls Gesicht. Er sah aus, als hätte er plötzlich heftige Zahnschmerzen.

„Mach doch aus, sonst geht das Grammophon ja noch ganz kaputt!“, brüllte er über die Riffs hinweg. „Oder es explodiert!“

Als er Anstalten machte, sich selbst am Gerät zu schaffen zu machen, drückte Edwina den Stop-Schalter.

„Sag mal, hast du einen Knall?“, sagte sie. „Was machst du für ein Theater bloß wegen eines Purple Songs?“

„Sollte das Musik sein? Ich dachte, das Gerät hat eine Fehlfunktion. Das klang, als hätte jemand das Tor zur Hölle geöffnet!“

„Jetzt reicht’s!“ Sie ging auf ihn zu, fasste ihn an der Schulter an und schob ihn in Richtung Tür. „Hau ab. Einen wie dich können wir sowieso nicht in der Band brauchen.“

Abwehrend hob er beide Hände. „Es tut mir leid, wirklich. Ich kann das sicher lernen. Lass es mich doch bitte versuchen in dieser Band.“

Sie schob weiter. „Kommt gar nicht infrage. Du hast keine Ahnung von Musik und bist sowieso viel zu brav für uns.“

Dieser Paul war garantiert irgendein Schreibtischfuzzi, der nur Mineralwasser trank und dessen Hauptbeschäftigung es war, Moralpredigten zu halten. Und so, wie er redete, war er bestimmt an einer der verhassten Nobelschulen gewesen. Der hatte sicher noch nie im Leben geraucht oder sonst was Wildes getan.

„Bitte, nur ein einziges Lied mit euch zusammen!“

Die Verzweiflung in seiner Stimme ließ Edwina noch energischer werden. „Ich sagte: Nein!“

An der Tür sträubte Paul sich noch immer, doch sie schob weiter. Dadurch rutschte sein Ärmel hoch und gab den Blick auf seinen Unterarm frei. Überrascht ließ Edwina von Paul ab.

„Was ist das?“ So eine Tätowierung hatte sie noch nie gesehen. Und sie kannte eine Menge Tattoos. „Was sind das für Schriftzeichen? Sieht aus wie Hebräisch oder so. Wo hast du das machen lassen?“

Sie ließ dieses kleine Meisterwerk auf Pauls Unterarm nicht aus den Augen. Das war unglaublich filigran und richtig sauber gestochen. Der Tätowierer musste ein Könner sein, bei dem selbst sie noch etwas lernen konnte. Vielleicht täuschte sie sich ja doch in diesem Paul? Ein Tattoo hätte sie ihm absolut nicht zugetraut.

„Das ist sozusagen von meinem Arbeitgeber, wenn man so sagen will“, erklärte er. „Eine lange Geschichte. Weißt du, ich komme nicht von hier.“

„Das ist mir klar, dein Akzent ist unüberhörbar. Du bist vom Kontinent, stimmt’s?“

Er nickte. „Deutschland. Und wie gesagt, ich spiele viel Klassik, aber ich bin ein geübter Organist und lerne schnell. Wenn ich in irgendetwas gut bin, dann in der Musik.“

Edwina kaute auf ihrer Lippe. Vielleicht war Deep Purple nur in Großbritannien so bekannt? Und die Deutschen hörten tatsächlich eher andere Sachen? Für einen Augenblick war sie verwirrt.

„Gib mir eine Chance“, durchbrach er ihre Gedanken. „Du kannst mich nach dem ersten Lied von der Bühne jagen, wenn dir mein Spiel nicht zusagt.“

Verflixt, sie brauchten wirklich einen vierten Mann. Da sie nur eine einzige Gitarre hatten, bekamen sie sonst keinen vernünftigen Sound hin. Wer so ein cooles Tattoo hatte, war vielleicht doch kein totaler Spießer.

„Okay. Wir versuchen es. Sei heute Abend um acht im Black Odeon. Und jetzt raus mit dir, ich habe Hunger.“

 

*

 

 

Puh! Als Pasiel sich zur Camden High Street vorgekämpft hatte, musste er sich erst einmal gegen eine Hauswand lehnen und den Tornado seiner Gedanken zur Ruhe bringen. Von wegen: Eddie, ein junger, gläubiger Arzt, der einen Harfenspieler suchte! Die Briten hatten mit ihrem Kandidaten genauso getrickst wie Michael und Gabriel mit dem deutschen. Eine Anstellung im Tätowierladen als „medical business“ zu bezeichnen, war schon fast eine Unverschämtheit.

Außerdem war ihm völlig unverständlich, wieso auf dem Zettel gestanden hatte, dass Edwina gläubig sei. „Believes in heaven“, murmelte er vor sich hin und schüttelte den Kopf. Davon war nun wirklich nichts zu spüren gewesen. Von einer braven Kirchgängerin war sie so weit entfernt wie Strawinsky von Vivaldi. Auch die Sache mit der Harfe blieb ihm ein Rätsel. Dass Orgel ganz offensichtlich ein Begriff für ein modernes Tasteninstrument war, das man in kleinen Ensembles spielte, war ihm inzwischen klar. Aber wie passte eine Harfe in diese sogenannte „Band“ von Edwina? Bei der Art von Musik, die sie ihm auf diesem modernen Grammophon vorgespielt hatte, würden zarte Harfenklänge sicherlich untergehen.

In Gedanken versunken schlenderte Pasiel die winterliche Chalk Farm Road entlang. Auf der rechten Seite gab es eine Menge Cafés und Läden, auch Flohmarktbuden waren aufgestellt. Manche davon verkauften Mode, wie er sie noch erlebt hatte. Andere boten Dinge feil, die ihm völlig fremd waren. Zu seiner Zeit hatte sich kein stilbewusster Käufer hierher verirrt. Soweit er sich erinnerte, waren nur die Dienstboten in diesen Teil der Stadt gekommen, um Obst oder Gemüse zu kaufen. Allerdings hatten sich seine Besuche in London nie über längere Monate erstreckt, außerdem war er stets vollauf mit seiner geschäftlichen Mission ausgelastet gewesen.

Doch natürlich hatte sich in den letzten hundert Jahren nicht nur London selbst massiv verändert, sondern auch die Menschen, die hier lebten. Von Handys hatte er im Irdischen Bulletin natürlich ein paar oberflächliche Dinge gelesen, aber dass so viele Spaziergänger diesen Apparat in der Hand hatten und nicht damit telefonierten, sondern mit dem Finger darüber glitten, verwunderte ihn nun doch. Männer trugen bunte Hosen und manche hatten ihre Augen geschminkt, als wollten sie in einem Varietétheater auftreten. Frauen trugen trotz der Kälte kurze Röcke über dicken Strumpfhosen und stellten ihre Beine zur Schau.

Apropos Frauen: Er hatte durch einige Schaufenster geschielt. Sie schnitten Haare, verkauften Motorräder, schleppten Kästen mit Bierflaschen. Oder tätowierten halbnackte Männer. Pasiel war sich nicht einmal sicher, ob dieser Rocco tatsächlich ein Matrose gewesen war.

Er seufzte tief. Sein Auftrag war bei Weitem nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte. Trotzdem würde er sich der Herausforderung stellen. Er war hier, um als Held nach oben aufzufahren, und genau das würde er tun. Entschlossen schritt er voran. All denen im Himmel, die ihn nicht ernst nahmen, würde er beweisen, dass er kein mozartumwehter Weichling war.