Warum wir - Carsten Otte - E-Book
Beschreibung

Ein sommerlicher Tag am Baggersee. Es schmeckt nach Pommes, Kinder spielen im Wasser. Jan und Nina genießen das Familienidyll. Er freut sich, zum ersten Mal Vater zu werden, und sie ist glücklich, dass ihre dritte Schwangerschaft gut verläuft. Eher beiläufig erwähnt Nina einen Termin: Babyfernsehen und Bluttest, sagt sie, dann sind wir auf der sicheren Seite. Doch die Ultraschallbilder liefern erste Hinweise auf Fehlbildungen. Nach quälenden Untersuchungen steht die Diagnose fest: Trisomie 13, Pätau-Syndrom. Und jetzt? Was tun? Nina möchte ihr Kind abtreiben. Jan aber will seine Tochter nicht aufgeben. Ein Alptraum beginnt. Wer hat das Recht, sagt er, den Tod des Kindes zu beschließen? Aber soll das behinderte Kind, sagt sie, auf die Welt kommen, um womöglich zu leiden? Beider Argumente greifen nicht – und verschwimmen in Tränen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:392

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Carsten Otte

Warum wir

Carsten Otte

Warum wir

Roman

Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

I went away aloneWith nothing leftBut faith.The Cure

Eins

Langsam tauchte ich auf. Oben angekommen, holte ich Luft, um gleich wieder in die Tiefe des Sees gleiten zu können. Ich warf einen kurzen Blick zur Liegewiese und traute meinen Augen nicht: Saß da wirklich ein Kind auf meinem Badetuch? Ich schwamm zum Ufer, ging zu dem kleinen Handtuchbesetzer. Es war ein Junge mit langen, blonden Locken. Hallo, wer bist denn du? fragte ich, und er strich sich die Haare ins Gesicht, weil er wohl glaubte, sich auf diese Weise vor mir verstecken zu können. Ich wollte ihm erklären, dass ich nicht gekommen sei, um ihn zu vertreiben, aber bevor ich das sagen konnte, sprang er zur Seite, umkreiste das Tuch und ließ sich dann auf den Rasen fallen, direkt neben meine Klamotten. Er musste drei oder vier Jahre alt sein. Hast du keinen Namen? fragte ich, aber er antwortete nicht. Stattdessen quakte er wie ein Frosch und hüpfte umher. Ich legte mich hin und schloss die Augen. Die Sonne schien. Es roch nach Pommes. Wassertropfen liefen über meine Haut. Ich hatte das Gefühl, gestreichelt zu werden. Als ich die Hand des Jungen auf meinem Bauch sah, erschrak ich. Der Junge lachte. Hell und laut. Ich heiße Jan, sagte ich. Und du? Wieder keine Antwort. Ich schaute nach links und rechts; niemand schien ihn zu vermissen. Hier neben mir saß eine ältere Dame mit Sonnenhut, die eine Zeitschrift las. Dort drüben küsste sich ein Pärchen. Kinder liefen umher und spielten am Ufer des Sees. Ein dickliches Mädchen mit Schwimmflügeln sprang ins Wasser, ein hagerer Mann beobachtete sie. Ob das der Vater war? Er sah der Kleinen nicht ähnlich. Plötzlich rief sie: Papa, wann kommst du endlich?

Es zog wieder eine Pommesduftwolke vorbei, und nun machte sich auch der Junge neben mir bemerkbar. Riecht gut, sagte er. Und lachte wieder. Hell und laut. Ich lachte mit. Du suchst wohl jemanden, der dir eine Portion Pommes ausgibt? Wo ist denn dein Papa? fragte ich. Der Junge schüttelte heftig den Kopf, starrte mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf die ausgetrocknete Wiese. Seine Bewegungen wurden heftiger, und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches gesagt hatte. Ich wollte sowieso zur Pommesbude gehen, behauptete ich. Komm doch mit, ich spendiere dir gerne eine Portion! Der Junge ließ sich aber nicht beruhigen, im Gegenteil, nun schlug er sich mit der flachen Hand auf den Bauch. Tränen liefen ihm über die Wangen, und seine Hand klatschte heftiger und heftiger auf die längst gerötete Haut. Hör auf damit, sagte ich streng, und die Dame mit Sonnenhut schaute mich an, als wollte sie sagen, das kommt davon, wenn man die Kinder nicht richtig erzieht. Ich hielt den Jungen am Arm fest, aber er riss sich los und schlug wieder zu. Wenn er doch wenigstens schreien würde, dachte ich. Sein tonloses Heulen, das die klatschenden Schläge begleitete, machte mich so ratlos, dass ich aufstand und versprach, gleich mit den Pommes zurückzukehren, aber ich hätte ihm wahrscheinlich alles versprechen können, er hätte sich trotzdem nicht beruhigt. Ich schaute auf den See und sagte mir: Soll er sich doch schlagen, ich bin nicht für ihn verantwortlich. Nach einer Weile stand ich auf, kam mir allerdings wie ein Feigling vor, auch weil ich hoffte, er werde nicht mehr da sein, wenn ich zurückkehrte, und so lief ich mit einem schlechten Gewissen zur Pommesbude, reihte mich in die Warteschlange ein, drehte mich nicht um, obwohl ich neugierig war. Er war bestimmt schon abgehauen. Oder doch nicht? Wieder versuchte ich mir einzureden, ich müsse mich nicht um ihn kümmern, weil ich nicht sein Vater sei, doch meine Ausreden kamen mir bald schäbig und verlogen vor, denn so gleichgültig war mir dieses Kind auch wieder nicht, zumal ich mich jetzt fragte, ob es einen Unterschied machte, dass der Junge nicht mein Sohn war.

Ketchup oder Mayo? rief die Frau in der Pommesbude, aber ich wusste keine Antwort. Dass ich nur mit den Schultern zuckte, statt irgendwas zu sagen, lag auch an dem penetranten Geruch des Bratfetts. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Mir wurde übel, und der Typ hinter mir beschwerte sich, ich solle mich doch bitte mal entscheiden. Ketchup oder Mayo? Beides, sagte ich schließlich, reichte der Pommesfrau einen Fünfeuroschein, trat zur Seite, um endlich einen Blick in Richtung des Jungen zu wagen. Doch von hier aus konnte man nicht erkennen, ob er noch da war. Ich hatte ihn im Stich gelassen. Auch wenn ich ihn nicht kannte, hätte ich mich sehr wohl um ihn kümmern müssen, auf jeden Fall hätte ich nicht weggehen dürfen. Mir wurden die Pommes gereicht. Wieder stieg der starke Frittiergeruch in meine Nase. Was hatte der Junge wohl durchgemacht, um sich so zu verhalten? Ihr Wechselgeld, sagte die Pommesfrau, aber da war ich schon auf dem Rückweg, rannte zu meinem Badetuch, und weil der Junge verschwunden war, schaute ich hektisch in alle Richtungen. Auch im Wasser war er nicht. Ich eilte zu den Umkleidekabinen, wo er sich hätte verstecken können, aber das kam mir, kaum war ich dort, vollkommen abwegig vor, also ging ich zu der Dame mit dem Sonnenhut, aber sie verstand mich nicht, und auch ich verstand sie nicht. Sie war wohl Russin. Ich eilte zum nächsten Mülleimer und warf die Pommes weg, was mein schlechtes Gewissen verstärkte, aber ich konnte die Pommes unmöglich essen, so unwohl war mir. Ich kehrte zu meinen Klamotten zurück, legte mich hin und merkte, wie verschwitzt ich war.

Wieder liefen Tropfen über meine Haut, doch dieses Mal war es äußerst unangenehm. Ich fror, obwohl es heiß war, bekam eine Gänsehaut und versuchte, die aufgestellten Haare und vielen kleinen Hauterhebungen glatt zu streichen, was mir aber nicht gelang. Ich dachte an den Jungen, der seine Hand auf meine Haut gelegt hatte, und ich ärgerte mich, dass ich mich kaum erinnern konnte, wie er aussah. Waren seine Locken dunkelblond oder eher hellbraun? Und seine Augen? Blau? Ich hatte keine Ahnung. Er war aus meinem Gedächtnis verschwunden, und doch schien er anwesend zu sein; es kam mir vor, als zerrte er an mir, wie ich an seinem Arm gezerrt hatte, als verfolgte er mich, ohne sich zeigen zu wollen. Ich hörte sein Lachen. Hell und laut. Ich schlenderte zum Badesteg und sprang mit einem weiten Satz ins Wasser. Als ich meinen Körper in die Tiefe sinken ließ und die Augen öffnete, meinte ich auf dem Seegrund das Gesicht des Jungen zu erkennen, ohne Augen und ohne Haare, die Wangen eingefallen; kein Mensch, sondern ein Monster war das. Ich tauchte wieder auf, blickte zum Ufer und sah, dass erneut jemand auf meinem Badetuch saß, aber es war nicht der Junge, sondern Nina.

Ich schwamm zurück, obwohl ich gerne noch im Wasser geblieben wäre, aber Nina hatte mich längst entdeckt und winkte mir zu. Kaum hatte ich das Ufer erreicht, überfiel mich wieder der Fettgestank. Sofort dachte ich an den Jungen; ich schaute mich um, aber er war nicht zu sehen. Zwei Kinder bewarfen sich mit Sand, und als sie einander trafen, brüllten sie los; ich bekam Kopfschmerzen, sodass ich am liebsten nach Hause gegangen wäre, was Nina gleich bemerkte, denn bevor wir uns umarmten, fragte sie mich, was denn los sei, ob ich mich nicht freue, sie zu sehen, und dann erzählte ich von dem Jungen, und sie schien mir nicht zu glauben. Hast du immer noch Angst, Papa zu werden? fragte sie belustigt, was mich ärgerte, denn der Junge hatte ja nichts mit unserem Baby zu tun, und das wollte ich ihr auch sagen, doch dann nahm Nina meine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Angst? Es wird vieles anders werden, sagte ich. Nina lachte, und ihr Lachen war so fröhlich, dass ich sie in den Arm nahm. Ich strich über ihre kurzen schwarzen Haare, die in der Sonne wunderbar künstlich aussahen, so seidig und dicht waren sie. Keine graue Strähne störte den akkurat frisierten Bubikopf. Ich küsste sie und sagte: Die Schwangerschaft hat dich noch schöner gemacht. Ach, wirklich? entgegnete sie. Ich wollte meinen Eindruck nicht begründen. Ich saß da und schwieg. Nina sagte nach einer Weile, sie werde sich, wenn das Kind auf der Welt sei, eine Nähmaschine zulegen. Wie kommst du denn darauf? fragte ich. Sie habe, erklärte sie, immer schon mal eigene Hosen und Hemden schneidern wollen, und bald könne sie nicht nur für sich, sondern auch für das Baby etwas nähen, eine bunte Kuscheldecke vielleicht, die es nirgendwo zu kaufen gebe. Ja, flüsterte Nina, ich freue mich auf die Veränderungen. Ihre Stimme wirkte wie ein Beruhigungsmittel. Meine Kopfschmerzen ließen nach, obwohl der Lärm zunahm. In der Nähe des Badesees lag ein Flughafen, den man zwar nicht sehen, aber gut hören konnte, und immer wenn eine größere Maschine startklar war, heulten die Turbinen so laut auf, dass sogar das Kindergeschrei im Flugzeuglärm unterging. Das geschah nicht oft, vielleicht zehnmal am Tag; es war ein kleiner Flughafen, den die Billigflieger nutzten. Ich kannte Eltern, die den Badesee der Abgase wegen mieden, aber mir kam diese Vorsicht übertrieben vor, zumal ich das Schauspiel mochte, wenn wie jetzt am anderen Ende des Sees, über den Büschen und Bäumen, ein Jumbojet in die Höhe schoss.

Das Turbinengeräusch vermischte sich mit dem Badeseelärm, mit dem Kreischen der Kinder und dem Schlagzeug eines Liedes, das aus einem alten Radiorekorder wummerte. Ein Junge mit großer Sonnenbrille nutzte die Gelegenheit des Flugzeugstarts und drehte die Musik noch lauter, und sein Freund schien den Liedtext mitzugrölen. Ich verstand nichts, fühlte mich aber an meine eigene Jugend erinnert, als ich mit Musik in den Ohren am Badesee lag. Strange day. The Cure. Das war so ein Badesee-Song. Ich konnte den Text immer noch auswendig. I remember a song / An impression of sound / Then everything is gone / Forever / A strange day. Wohin die wohl fliegen? fragte Nina, als der Flugzeuglärm leiser wurde und auch die feixenden Jugendlichen die Lautstärke des Rekorders drosselten. In den Sommerurlaub, sagte ich. Raus aus dem Alltag. Möchtest du, ging sie dazwischen, noch mal verreisen, bevor wir …? Sie stockte, schien nachzudenken. Nach einer Weile sagte sie: Auch ich habe Angst. Erst konnte ich kaum glauben, was ich gehört hatte. Nina und Angst? Sie hatte sich das Kind gewünscht, hatte mich überredet, irgendwie auch überzeugt. Du weißt nicht, was du verpasst, hatte sie erklärt, als ich ihr mal sagte, ich sei damit zufrieden, für Grete und Leonie so etwas Ähnliches wie ein Papa zu sein. Seit sie schwanger war, redeten wir nicht mehr über meine Ängste. Ihr Glück und ihre Zuversicht machten auch mich glücklich und zuversichtlich. Meistens jedenfalls. Abends saßen wir stundenlang auf dem Sofa. Hand in Hand. Ohne etwas zu sagen. Ich erwähnte nicht mehr den Ärger im Büro, weil ich sie damit nicht belasten wollte, und Nina schien es zu genießen, dass ich mal keine Zweifel anmeldete. Ich nahm das Schweigen mit ins Bett, konnte schlecht einschlafen, wachte in der Nacht mehrmals auf und war am Morgen meistens so müde, dass ich mir kaum eine Meldung merken konnte, die im Radio lief. Die Morgennachrichten hatten mal zu unserem Frühstücksritual gehört: Wir diskutierten die Reihenfolge der Schlagzeilen, griffen eine Meldung heraus und sprachen darüber. Nun war das Radio zwar eingeschaltet, aber wir schwiegen am Frühstückstisch. Mir war schon klar, dass man Glück nicht in Worte zu fassen brauchte. Doch was würde mit uns geschehen, wenn wir im entscheidenden Moment den Mund nicht aufbekämen? Würden wir verschweigen, was uns beschäftigte? Es war gut, dass Nina hier am See von ihren Ängsten erzählte, auch wenn es mich beunruhigte, dass ausgerechnet sie, die immer so zuversichtlich war, nun Angst haben sollte. Als ich sie an mich drückte, überlegte ich, ob das der Moment sei, auch über den Ärger im Büro zu reden, ich entschied mich aber dagegen und sagte, ich würde mich sehr freuen, noch einmal zu verreisen, vielleicht zwei, drei Tage nach London.

Ja, sagte Nina. Am besten nach dem Termin bei Dr. Langenfeld. Ich entgegnete: Welchen Termin meinst du? Nächsten Mittwoch, sagte sie, Babyfernsehen, dieses Mal dreidimensional und in Farbe. Habe ich nicht davon erzählt? Nein, gab ich zurück. Heißt deine Frauenärztin nicht Pietsch? Doch, doch, sagte Nina. Und sie meint, wir sollten das Baby von einem Spezialisten untersuchen lassen, sie habe nicht das entsprechende Ultraschallgerät. Außerdem würde Langenfeld den neuen Bluttest durchführen. Ich entgegnete: Welchen Bluttest? Und sie schaute mich an, als hätte ich eine vollkommen abwegige Frage gestellt. Den Test, sagte sie, den jetzt alle machen. Willst du nicht wissen, ob unser Baby gesund ist? Ich schaute dem Flugzeug hinterher, das sich immer weiter entfernte, und als es im Himmel verschwand, hatte ich das Gefühl, ich werde so bald nirgendwohin fliegen. In meinem Kopf breiteten sich die Gitarren, das Schlagzeug, die Stimme, der wehmütige Klang von The Cure weiter aus: An impression of sound / Then everything is gone / Forever / A strange day. Gibt es einen Grund, warum uns deine Frauenärztin zum Spezialisten schickt? fragte ich. Du musst auch immer vom Schlimmsten ausgehen! beschwerte sich Nina kopfschüttelnd. Sie freue sich aufs Babyfernsehen. Und mit dem Bluttest seien wir auf der sicheren Seite. Übrigens, ergänzte sie mit gedämpfter Stimme, Dr. Langenfeld wird uns bestimmt auch verraten können, ob wir ein Mädchen oder einen Jungen bekommen. Ich wette, und Nina lächelte, als sie das sagte, ich wette, es wird ein Junge.

Die Wände des Wartezimmers waren mit Babyfotos beklebt. Vielen Dank, Herr Dr. Langenfeld, stand auf einer Fotokarte geschrieben. Auf den anderen war meist nur der Name des Kindes zu lesen. Lea und Marie, Paul und Maximilian kamen besonders häufig vor. Es gab sieben Leas, fünf Maries, außerdem zwei Lea-Maries. Die Jungennamen zählte ich nicht mehr. Obwohl nur Nina und ich in dem Raum saßen, fühlte ich mich beobachtet. Ist dir aufgefallen, fragte ich, wie viele hundert Babyaugen uns anglotzen? Unheimlich, oder? Schau einfach nicht hin, sagte Nina, die in einer Elternzeitschrift blätterte, aber die Babygalerie faszinierte mich dermaßen, dass ich zurückglotzte, und irgendwann fiel mir auf, dass ausschließlich Fotos von gesunden Kindern aufgehängt waren, jedenfalls sah ich kein Baby mit deformiertem Kopf oder fehlenden Gliedmaßen. Das wäre natürlich unpassend gewesen, aber die Ansammlung von wohlgeratenen Babygesichtern machte mich misstrauisch. Immerhin saßen wir im Wartezimmer eines Arztes, der sich auf Pränataldiagnostik spezialisiert hatte. Der Mann musste allein aus statistischen Gründen die allerschlimmsten Fehlbildungen aufgespürt haben, aber diese Kinder waren wohl nicht auf die Welt gekommen und selbst wenn, wären sie hier nicht präsentiert worden. Wir hatten einen Termin um drei, und nun warteten wir schon eine Stunde. Ich fragte mich, welchen Grund es für diese Verzögerung gab. Hier tauchte niemand spontan auf, die Termine wurden rechtzeitig vergeben, auch wenn es, wie die Sprechstundenhilfe angedeutet hatte, durchaus Notfälle gab, weil die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war. Bald hatte Nina die ausgelegten Zeitschriften durchgeblättert, und als sie zu den Babyfotos aufsah, fragte ich, ob dort auch unser Kind ausgestellt werde, aber Nina gab keine Antwort. Guck mal, wie süß die ist, sagte sie. Die großen hellblauen Augen und das pausbäckige Gesicht des Babys, das laut Bildunterzeile Paula hieß, waren tatsächlich sehr niedlich, wobei sich dieses Kind nicht sonderlich von Henrike unterschied, die neben Paula platziert war und die ebenfalls dicke Backen und blaue Augen hatte. Endlich betrat die junge Arzthelferin das Wartezimmer und bat uns, ihr zu folgen. Wir gingen durch den langen Flur der Praxis, als uns eine Frau entgegenkam, die so verheult war, dass die Tränen ihre Schminke verschmiert hatten. Die Arzthelferin schob uns etwas unsanft in einen Raum am Ende des Flurs. Nina und ich standen schweigend in dem geräumigen Büro. Die Arzthelferin verschwand wieder, und wir setzten uns auf die beiden Stühle, die vor einem nierenförmigen Schreibtisch standen. Mir kam der weiße Plastiktisch seltsam aufgeräumt vor. Abgesehen von einem schwarzen Kugelschreiber und einem Notizblock lag nichts darauf. Im Sprechzimmer erinnerte nichts daran, dass wir bei einem Pränataldiagnostiker waren. An den Wänden hingen keine Babyfotos, sondern großformatige Ölgemälde, auf denen ich hellgraue und dunkelgraue Nebelschwaden zu erkennen glaubte. Die Praxis muss gut laufen, sagte Nina, als sie die Bilder betrachtete, und ich meinte zu hören, dass sie irgendwelche Summen in sich hineinnuschelte, Zwanzig- oder Dreißigtausend. Nina musste es wissen, immerhin beriet sie zahlreiche Banken beim Ankauf von Kunstwerken, und meistens waren die Arbeiten, die sie für die Firmensammlungen auswählte, nicht billig. Ich traute mich nicht zu fragen, was den Künstler veranlasst hatte, diese düsteren Nebelbilder zu malen, aber ich wunderte mich noch mehr über den Arzt, der sie in seinem Sprechzimmer aufgehängt hatte. Immerhin ließ der Mann uns nicht länger warten, und als er das Büro betrat, war ich überrascht.

Dr. Thomas Langenfeld war kleiner, als ich vermutet hatte, außerdem konnte man seine Gesichtszüge hinter einem dichten schwarzen Vollbart kaum erkennen. Ich kam mir mit meiner Glatze und meinem rasierten Gesicht schrecklich nackt vor. Langenfelds Bart ging in ein lockiges Haupthaar über, und ohne den weißen Arztkittel hätte ich ihn wahrscheinlich für einen Aussteiger gehalten, der gerade von einer einsamen Insel zurückgekehrt war. Seine goldfarbene Nickelbrille erinnerte mich an ein Modell, das ich während meiner Studienzeit getragen hatte. Guten Tag, sagte er, und ich hatte den Eindruck, dass er sich besondere Mühe gab, entspannt aufzutreten, was ihm aber offensichtlich nicht leicht fiel, denn seine Stimme zitterte ein wenig. Er reichte uns die Hand, und sein etwas zu fester Händedruck war mindestens so irritierend wie die zerzausten Haare.

Kaum hatten wir uns gesetzt, bat er um Ninas Mutterpass. Sie sind also in der dreizehnten Woche, sagte er und gab ihr den Pass zurück. Geht es Ihnen gut? Langenfeld lächelte wohl, weil nicht nur Nina, sondern auch ich die Frage mit einem kurzen Kopfnicken bejahte. Schwanger ist man doch zu zweit, dachte ich. Ist das Ihre erste Schwangerschaft? erkundigte sich Langenfeld, und als Nina erklärte, dass sie bereits zwei Töchter habe, deutete ich den fragenden Blick des Arztes richtig, denn er wollte wissen, ob ich der Vater der beiden Mädchen sei, und als ich verneinte, schrieb Langenfeld etwas in seinen Notizblock. Ich sah, dass er einen Stammbaum zeichnete, während er sich wieder Nina zuwandte. Wie alt die Kinder seien, fragte er, und Nina begann von Grete zu berichten, die in den Kindergarten ging, und von Leonie, die schon in der zweiten Klasse war. Langenfeld lächelte. Ob die beiden schon wüssten, dass sie ein Geschwisterchen bekämen. Nina schüttelte den Kopf. Grete und Leonie sind derzeit bei Oma und Opa, sagte sie, und ich wunderte mich, warum sie das erzählte. Es sind ja Sommerferien, ergänzte ich, und Langenfeld lenkte das Gespräch wieder auf Ninas Schwangerschaften. Wie die verlaufen seien, ob es während der Geburt Komplikationen gegeben habe und ob bei den Kindern später irgendwelche Krankheiten, Herzfehler oder Stoffwechselprobleme festgestellt worden seien, möglicherweise genetische Defekte. Kaum hatte Nina eine Frage beantwortet, wurde ihr auch schon die nächste gestellt, und ich hätte mich wohl beschwert, wenn Langenfeld nicht so freundlich gewesen wäre. Mit meinen Töchtern ist alles in Ordnung, sagte Nina bestimmt und nahm meine Hand, sodass ich spürte, wie aufgeregt auch sie war. Langenfeld schien jetzt zu bemerken, wie sein Abfragen auf uns wirkte. Verzeihen Sie, sagte er, um sich dann zu erkundigen, ob es in Ninas Familie auffällige Schwangerschaften gegeben habe, bei den Eltern oder Großeltern. Was verstehen Sie unter einer auffälligen Schwangerschaft, fragte Nina gereizt, und Langenfeld hielt einen Moment lang inne, um dann von erblich bedingten Fehlbildungen zu sprechen, die nicht selten die Schwangerschaft beschwerlich machten und in besonders schweren Fällen eine Frühgeburt verursachen würden. Es gibt, so formulierte er das, folgenschwere Besonderheiten in der Chromosomenanlage. Ich dachte an meine Abiturprüfung in Biologie und an die Aufgabe, Symptome einer Trisomie 21 aufzulisten. Wenn es, sagte er, in Ihren Familien mehrere Früh- oder Fehlgeburten gegeben hat, kann das ein Indiz dafür sein, dass eine genetische Besonderheit vererbt wird. Ich weiß nicht, ob meine Mutter mir das erzählt hätte, ging Nina dazwischen, und Langenfeld vermerkte in seinem Notizblock einige Fragezeichen, die mich daran erinnerten, dass auch ich nicht viel wusste über Ninas Eltern. Gerade mal die Namen kannte ich: Elke und Heinrich. Kennengelernt hatte ich die beiden nie. Nina hatte den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Ich nehme an, sagte Langenfeld, es gab bei den ersten beiden Schwangerschaften keine pränataldiagnostischen Untersuchungen. Ich war damals noch jung, flüsterte Nina, und Langenfeld bestätigte freundlich, ja, das Alter sei ein wichtiger Faktor, aber nicht entscheidend.

Jetzt war ich an der Reihe, und als ich sagte, meine Mutter habe tatsächlich drei Fehlgeburten erlebt, die damals niemand erklären konnte und, als ich gesund auf die Welt gekommen war, auch niemand erklären wollte, sah ich, wie Langenfeld ein großes T und noch ein größeres Fragezeichen neben meinen Namen schrieb, und wieder erinnerte ich mich an meinen Leistungskurs Biologie und nahm an, dass dieses T wohl für Translokation stand, aber ich wusste nicht mehr genau, was das bedeutete. Langenfeld erklärte es uns. Sachlich. Als zitierte er ein Medizinlexikon. Ich verstand nicht alle Fachbegriffe, aber worauf es ankam, begriff ich durchaus, dass ich nämlich, ähnlich wie mein Vater, Überträger einer Erbkrankheit sein konnte, ohne an den Symptomen der Krankheit zu leiden. In diesem Fall hätte sich ein Chromosom an ein anderes geheftet, ohne dass eine genetische Information weggefallen oder beschädigt worden wäre. Nina schaute desinteressiert zu den Bildern an den Wänden. Ich achtete auf jedes Wort, das Langenfeld sagte, weil ich den Eindruck hatte, mich gut auszukennen in dem Thema, als hätte ich mich mit genetischen Fragen schon oft beschäftigt, nicht nur in der Schule, als wäre ich immer mal wieder von einer inneren Stimme gewarnt worden, bloß keine Kinder in die Welt zu setzen; vor allem als Langenfeld über die Folgen einer balancierten Translokation sprach, über kranke Genotypen und gesunde Phänotypen, kam ich mir wie ein Betrüger vor, der seine Frau mit einem verführerischen Phänotyp getäuscht hatte. Ich bin doch nicht deine Mutter, sagte Nina, und ich war froh, dass sie so gelassen reagierte, wobei ich eigentlich nicht kapierte, was sie mir sagen wollte, denn auf ihre genetische Gesundheit kam es in diesem Fall gar nicht an. Nina wusste von den Fehlgeburten meiner Mutter, die oft darüber sprach.

Für meine Mutter gehörten diese Erlebnisse zum unergründlichen Lauf der Natur. Für mich waren sie vor allem Geschichten aus der Vergangenheit, nun aber fragte ich mich, wie es gekommen war, dass ich mich mit diesen Geschichten nicht mehr beschäftigt hatte. Haben Sie Ihre Chromosomen mal analysieren lassen? fragte Langenfeld. Wenn man sich gesund fühlt, geht man ja nicht zum Arzt, antwortete ich und meinte zu erkennen, dass Langenfeld Blickkontakt mied, auf jeden Fall schaute er zur Seitenwand, wo das größte seiner Nebelbilder hing. Ich folgte seinem Blick, und es kam mir vor, als würde sich der Nebel auf dem Bild verziehen, als sähe ich nun ein engelähnliches Wesen, das durch die Wolken schwebte. Weinte der Engel? Ich vernahm unwirkliche Klagelaute, hohe und zugleich tiefe Summtöne, und ich hatte das Gefühl, diese unwirklichen Klänge würden mich, wenn ich sie noch länger hören müsste, um den Verstand bringen. Aber was sollte ich tun? Ich erinnerte mich an die Ängste und Albträume, die mich in Jugendzeiten gequält hatten, und mir fiel ein, wie ich damals den Horror bekämpft hatte, und zwar mit dieser schwermütigen Badeseemusik, und da waren sie auch schon in meinem Kopf, die Gitarren, das Schlagzeug und die Stimme des Sängers, die sich anhörte, als würde er von ganz ähnlichen Ängsten und Albträumen verfolgt. An impression of sound / Then everything is gone. Es war grotesk, aber der weinende Engel verschwand tatsächlich. The Cure war die Medizin, die mir immer noch half. Wie früher, wenn meine Mutter auf mich einredete, weil ich in der Schule dies oder das falsch gemacht hatte, weil ich mich etwa, was in ihren Augen besonders schlimm war, auf dem Pausenhof von einem der vielen Schlägertypen ohne Gegenwehr hatte verprügeln lassen. Du bist doch eine Kämpfernatur, pflegte sie zu sagen, du hast überlebt, obwohl dir die Ärzte keine Chance gegeben haben. Wenn sie damit anfing, summte ich die Songs meiner Lieblingsband. Mit Boys don´t cry oder dem immer passenden Other voices übertönte ich Mutters Stimme. Ihre Vorwürfe, die mich furchtbar bedrückten, waren mit dieser Musik vorübergehend aus der Welt geschafft.

Ist was? fragte Nina. Kopfschmerzen, murmelte ich. Und Langenfeld räusperte sich. Meine Kollegin Dr. Pietsch hat Ihnen empfohlen, zu mir zu kommen, nicht wahr? Wir nickten. Das ist sehr vernünftig, sagte er. Ich hätte gerne gewusst, wen er für vernünftig hielt. Dr. Pietsch oder uns. Sehr vernünftig, wiederholte Langenfeld. In meinem Schädel steckt wahrscheinlich wenig Vernunft und viel Gefühl, dachte ich einen Moment lang, um mich dann zu fragen, welche Ängste unvernünftig wären. Bevor ich Nina vorschlagen konnte, auf die Untersuchungen zu verzichten, riss mich ein einziges Wort, das Langenfeld leise, fast sanft aussprach, aus meinen Gedanken: Nackentransparenz. Ich kam mir kindisch vor, aber ich griff mir tatsächlich an den Nacken, der sich verspannt anfühlte. Wissen Sie, was das ist, die Nackentransparenz? fragte Langenfeld. Mehr oder weniger, antwortete Nina. Frau Dr. Pietsch hat ein paar Mal darüber gesprochen. Langenfeld schaute auf seinen Notizblock und erklärte, dass er, wenn wir einverstanden seien, den Nackenbereich unseres Babys ausmessen werde, denn dieser Wert könne auf eventuelle Krankheiten hinweisen. Das ist keine Diagnose, sondern ein Suchtest, betonte er. Wenn ich auf meinem Bildschirm also irgendwelche Auffälligkeiten erkenne, heißt das nicht, dass Ihr Kind krank ist, und wenn die Messung einen günstigen Wert ergeben sollte, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Ihr Kind gesund ist.

Warum machen wir dann diese Untersuchung? hakte Nina ein. Mit dem Ergebnis, antwortete der Arzt, haben wir einen so genannten Softmarker für diverse Krankheitsbilder, die das Herz oder die Lunge betreffen. Eine verdickte Nackenfalte zeigt auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Chromosomenbesonderheit an, und dann können Sie entscheiden, ob weitere Untersuchungen durchgeführt werden sollen. Mich interessieren aber keine Wahrscheinlichkeiten, sagte Nina. Das kann ich gut verstehen, gab Langenfeld zurück. Jetzt lächelte er wieder. Sie haben ja bestimmt schon von der Methode gehört, im Blut der Mutter die Erbinformationen des Kindes nachzuweisen. Wir nennen das DNA-Sequenzierung, sagte er. Damit können wir zum Beispiel die Trisomien 13, 18 und 21 ausschließen. Nina nickte. Ich dachte an das Gespräch mit ihr am See. Das war also der Bluttest, den jetzt alle Schwangeren machten.

Vor ein paar Jahren habe er noch, fuhr Langenfeld fort, immer erst eine Nadel in die Fruchtblase pieksen müssen, um aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine Wahrheit zu machen, ja, die Sequenzierung sei viel sicherer für das Kind. Langenfeld atmete tief ein und sein Blick schweifte wieder zu den Nebelbildern. Plötzlich verfinsterte sich seine Miene, als sähe er in den Bildern die Vergangenheit, in der er viel zu oft mit der Nadel in die Fruchtblase stechen, den Tod auch gesunder Babys in Kauf nehmen musste, nur um schlimme und noch schlimmere Krankheiten auszuschließen. Langenfeld stand auf und lächelte bemüht. Der Gesetzgeber habe festgelegt, dass der Fötus vor einem solchen Bluttest zunächst von Kopf bis Fuß angeschaut werden müsse, um herauszubekommen, ob es überhaupt Anzeichen für irgendwelche Auffälligkeiten gebe und wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass solche Besonderheiten vorlägen. Langenfeld ging umher und sah uns nicht an, während er sprach: Ich würde die Untersuchung auch vorschlagen, wenn die Gesetze in diesem Bereich erneut geändert werden. Das passiert regelmäßig, weil sich nicht nur die technischen Möglichkeiten, sondern auch die öffentliche Meinung oft ändert.

Nina stöhnte, und ich hatte das Gefühl, dass diese unbestimmten und in ihrer Unbestimmtheit schrecklich bedrohlich wirkenden Formulierungen mir die Luft zum Atmen nahmen: Anzeichen. Auffälligkeiten. Wahrscheinlichkeiten. Besonderheiten. Diese Wörter kamen mir wie bittersüße Watte vor, in die wir eingepackt werden sollten, um uns nicht zu fest an der harten Realität zu stoßen, die mit kalten medizinischen Fachbegriffen umschrieben wurde: Nackentransparenz, Sequenzierung, Trisomie. Ich hatte Angst. Da halfen keine Wattewörter. Ich nahm an, dass es Nina ähnlich erging. Schweigend saß sie da. Was sollen wir tun? schien ihr Blick zu sagen, und ich dachte, wenn es den Teufel gibt, treibt er in diesem Raum sein Unwesen. Ich stellte mir vor, wie Langenfeld in einem schwarzen Kittel aussähe, aber so richtig teuflisch würde der Mann auch nach einem solchen Kleidungswechsel nicht wirken, eher wie ein in die Jahre gekommener Cure-Fan, und das machte ihn mir wieder sympathisch.

Können wir eine Ausnahme machen? fragte Nina und blickte zu Langenfeld. Können wir nicht die Messung der Nackenfalte auslassen und gleich mein Blut testen? Wieder erinnerte ich mich an unser Gespräch am See. Was hatte Nina gesagt? Babyfernsehen, dreidimensional und in Farbe? Das hörte sich lustig an, wie ein kleiner Freizeitspaß. Statt Fitnessstudio heute mal Babyfernsehen. Unsere Ahnungslosigkeit ärgerte mich. Warum hatte ich mich nicht damit beschäftigt, was uns beim Pränataldiagnostiker erwartete. Natürlich hatten wir eine Ahnung. Wie man eben eine Ahnung hat, wenn man die Zeitung liest und die Morgennachrichten hört. Aber vor dem Gefühl der Ohnmacht, das wohl jeden beschlich, der hier saß, hätte man uns warnen sollen, sagte ich mir, auch wenn ich natürlich wusste, dass dies eine Illusion war. Denn wer hätte uns denn warnen sollen? Wir wollten alles für unser Baby tun, wussten aber nicht, was das eigentlich bedeutete.

Sie dürfen nicht vergessen, sagte Langenfeld, dass die meisten Entwicklungsstörungen keinen genetischen Hintergrund haben. Durch einen Bluttest würden wir solche Fehlbildungen etwa am Herzen oder an der Lunge nicht aufspüren. Eine Ultraschalluntersuchung sei in jedem Fall sinnvoll. Ich dachte: Wenn der Kerl noch einmal Entwicklungsstörung oder Fehlbildung sagt, werde ich handgreiflich. Langenfeld fuhr fort: Je früher wir eine Besonderheit erkennen, desto besser kann man sie behandeln. Ich fasste mir an den Kopf und wunderte mich, warum ich plötzlich so aggressiv war. Ich und handgreiflich? War ich vielleicht doch eine Kämpfernatur? Unmöglich. Aber selbst wenn, was konnte der Arzt dafür, dass wir uns auf die Pränataldiagnostik eingelassen hatten? Langenfeld war kein Unmensch. Er merkte wohl, wie wir haderten. Sie müssen nichts überstürzen, sagte er. Wenn Sie jetzt nach Hause gehen wollen, um über alles in Ruhe nachzudenken, habe ich dafür Verständnis. Jeder Mensch …, sagte er, zögerte und beendete den Satz schließlich mit brüchiger Stimme, als zweifelte er an seinen eigenen Worten: … hat ein Anrecht auf Nichtwissen. Langenfeld klappte den Notizblock zu.

Auf keinen Fall, entschied Nina. Ich will jetzt Bescheid wissen. Daheim werde ich garantiert nicht schlauer. Anrecht auf Nichtwissen. Das hörte sich gut an. Aber was nutzte einem das Anrecht, wenn die Neugierde, wenn die Angst größer war. Folgen Sie mir bitte, sagte Langenfeld. Er führte uns in den Raum, aus dem die Frau mit dem verheulten Gesicht und der verschmierten Schminke gekommen war.

Ein fensterloser Raum, Dämmerlicht. Die graue Untersuchungsliege füllte den kleinen, klimatisierten Raum fast vollständig aus. Hier können Sie gleich Ihr Baby sehen, und zwar dreidimensional, sagte Langenfeld und deutete auf einen Bildschirm, der am Fußende der Liege befestigt war. Der Arzt schaltete einen zweiten, größeren Bildschirm ein, der auf einem Beistellwagen stand. Hier lag auch der faustgroße Ultraschallkopf. Ob sie ihre Jeans ausziehen solle, fragte Nina, und Langenfeld meinte, ein vaginaler Ultraschall sei meistens nicht nötig. Sie müsse nur ihren Bauch frei machen. Kaum hatte sich Nina hingelegt, begann die Untersuchung.

Das ist Ihr Kind, sagte Langenfeld, und ich war erstaunt, was ich alles sehen konnte. Arme und Beine, kleine Finger, und als Langenfeld den Ultraschallkopf etwas bewegte, war sogar ein kleines, rundes Gesicht zu erkennen. Lächelt er? fragte ich mich und merkte sogleich, dass ich davon ausging, einen Jungen zu bekommen. Das Baby hat ja abstehende Ohren, bemerkte ich, und Langenfeld lachte. Ja, bestätigte er, die hat sie wohl. Nina hakte sofort nach. Ein Mädchen? Sagen wir mal zu 99 Prozent, sagte Langenfeld. Hätten Sie lieber einen Jungen? Nina runzelte die Stirn. Darauf komme es jetzt nicht an, meinte sie und sah gebannt auf den Bildschirm. Langenfeld vermaß den Kopfdurchmesser des Kindes. Die abstehenden Ohren hat sie von dir, sagte Nina. Ich dachte an das erste Ultraschallbild, das uns Dr. Pietsch gegeben hatte und ein wurmähnliches Wesen zeigte, nun aber sah ich einen Menschen, ein Baby, unser Baby. Die abstehenden Ohren gefielen mir. Hier ist das Herz, sagte Langenfeld, und wir konnten den schnellen Herzschlag beobachten. Langenfeld schaute sich das Organ aus den unterschiedlichsten Perspektiven an. Die Zahlen, die er in den Computer eingab, kommentierte er nicht. Hier ist die Leber, sagte er nach einer Weile, hier die Lunge.

Die Kleine bewegte sich so heftig, dass Langenfeld oft neu ansetzen musste. Offenbar fühlte sich das Baby durch den Ultraschall gestört, aber es hatte keine Chance, der Kontrolle zu entkommen. Alle wichtigen Körperteile wurden vermessen. Für jeden Wert gab es eine Abkürzung. SSL für Scheitel-Steiß-Länge oder AU für Abdomenumfang.

Jetzt setzte Langenfeld auf einem Standbild elektronische Markierungen, um die Länge des Oberschenkels festzustellen, und das Ergebnis schien ihn zu irritieren. Er wiederholte die Messung, aber der Wert änderte sich nicht. Grete und Leonie habe ich nicht gesehen, als sie in meinem Bauch waren, sagte Nina. Lächelte Langenfeld? Ich versuchte, seine Eingaben zu entschlüsseln, als Nina flüsterte: meine Tochter! Ich sagte: unsere Tochter. Langenfeld schaute noch einmal in den Mutterpass. Er gab Ninas Alter in die Maske des Computerprogramms ein, und auf Langenfelds Bildschirm war eine Kurve zu sehen, die steil nach oben anstieg. Das war wohl die Wahrscheinlichkeitskurve. Nun fehlte nur noch der Wert der Nackenfalte, und es sah aus, als würde der Arzt das Ergebnis schon kennen.

Langenfeld beobachtete den Fötus und verzog keine Miene, als er aus dem Babyfilm ein Bild herausnahm. Ich schaute mir das Profil unseres Mädchens an und überlegte, ob es mir wirklich ähnlich sah, da hörte ich, wie schwer Nina atmete. Sie weinte. Was ist denn? fragte ich, und sie zeigte auf den Bildschirm. Siehst du das denn nicht? rief sie, aber erst als Langenfeld einen dunklen Bereich im Nacken unseres Babys mit den digitalen Markierungen absteckte, sah ich etwas, was ich im Gegensatz zu Nina nicht zu deuten wusste. Das kann doch gar nicht wahr sein, schrie Nina, und ich kam mir wie ein Vollidiot vor, und so bat ich Langenfeld, mir endlich zu erklären, was Nina so aufregte. Langenfeld wurde leise. Die Nackentransparenz würde 3,4 Millimeter betragen, aber mit dieser Zahl konnte ich immer noch nichts anfangen. Drei … Komma … vier, wiederholte Nina niedergeschlagen, und es kam mir vor, als würde sie hier keine Zahl, sondern ein Todesurteil in drei Worten vortragen.

Was heißt das? fragte ich. Langenfeld erklärte, die erhöhte Nackentransparenz würde jetzt tatsächlich eine umfangreiche Sequenzierung rechtfertigen. Reden Sie nicht immer im Konjunktiv! beschwerte sich Nina. Langenfeld gab den Wert der Nackentransparenz in den Computer ein, und es dauerte nicht lange, bis das Programm eine Verhältniszahl ausgerechnet hatte. Sie lautete: 1:10. Das bezieht sich auf die Trisomie 21, sagte Langenfeld. Bevor ich nachfragen konnte, wie dieser Wert einzuschätzen sei, bekamen wir noch weitere Zahlen mitgeteilt, die sich auf die Trisomien 13 und 18 bezogen, aber da hörte ich schon gar nicht mehr hin, denn ich versuchte mir vorzustellen, was dieses Zahlenverhältnis bedeutete: 1:10. Bei ähnlichen Werten, erklärte Langenfeld, sei unter zehn Kindern eines von Trisomie 21 betroffen. Erst dachte ich: Das sind mir zu viele Zahlen. Dann fragte ich mich: Warum sollte ausgerechnet unser Kind das eine unter zehn sein, das krank ist? Warten wir den Bluttest ab. Langenfeld schaute noch einmal auf den Computerbildschirm und sagte, leider müsse er uns mitteilen, dass das Nasenbein nicht vollständig entwickelt sei. Eigentlich wollte ich nachfragen, was das zu bedeuten hatte, aber ich versuchte jetzt, Nina aufzumuntern, was mir allerdings nicht gelang. Sie lag da, weinte und weinte und weinte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also starrte ich auf den Bildschirm, und bald schon verschwamm das Ultraschallbild des Babys in meinen Tränen. Was ich nun sah, erinnerte mich an die Nebelbilder in Langenfelds Sprechzimmer. Ich berührte den Bildschirm mit meiner Hand. War da wieder ein weinender Engel? Der Nebel schien dichter und dichter zu werden, bis ich kaum noch etwas erkennen konnte.

Langenfeld fragte leise, ob er nun das Blut entnehmen dürfte, aber Nina gab keine Antwort. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und nickte dem Arzt zu, auch wenn es mir sehr unangenehm war, darüber zu entscheiden, aber ich hoffte, es sei in Ninas Sinn. Langenfeld legte ihren linken Arm zurecht, suchte und fand eine Vene, reinigte die Einstichstelle, entnahm das Blut und gab Nina zu verstehen, dass sie wieder aufstehen könne, doch sie wollte nicht. Als ich ihr meine Hand reichte, schob sie mich zur Seite. Nina schüttelte den Kopf und blieb liegen. Lassen Sie sich Zeit, sagte Langenfeld, was mich ärgerte, denn diese Bemerkung hörte sich so an, als stünde schon fest, dass unsere Tochter krank sei. Warum sagte der Mann nicht, dass bislang gar nichts feststand? Nur weil die Nackenfalte zu dick und das Nasenbein etwas zu klein geraten war? Oder verschwieg Langenfeld noch etwas, um uns zu schonen? Gab es noch andere Anzeichen? Weitere Besonderheiten, welche die Wahrscheinlichkeiten erhöhten?

Meine Befürchtung wurde bestätigt. Langenfeld meinte, der Kopf sei etwas klein, er könne eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und ein Loch in der Herzscheidewand erkennen. Nina unterbrach ihn, sie habe genug, sie wolle das nicht hören, aber ich dachte, besser ein kleiner Kopf als gar keiner, und mein Großvater hatte auch ein Loch im Herzen und wurde damit über neunzig; für mich war unser Baby weder gesund noch krank, es war, in diesem Moment jedenfalls, irgendwie dazwischen. Bei den Werten, die Langenfeld ermittelt hatte, war doch fast alles möglich. Fast alles? Fast alles. 1:10. Na und? Selbst wenn irgendetwas nicht in Ordnung war, hieß das doch nicht, dass wir unser Baby aufgeben mussten, und das hätte ich Nina auch gerne gesagt, aber sie kam mir zuvor und fragte, wann die Ergebnisse der Sequenzierung vorlägen. Ich dachte: Wie schnell wir das Fachvokabular der Mediziner übernehmen. Als beinhaltete ein Wort wie Sequenzierung schon die Antwort auf alle Fragen. Ein paar Tropfen vom Blut der Mutter, und schon hatten Spezialisten die Gene unseres Babys entschlüsselt. Und dann?

Sobald die Ergebnisse vorliegen, melde ich mich, versprach Langenfeld. Lass uns nach Hause gehen, sagte Nina, und ich freute mich, dass sie jetzt meine Hand nahm und sich von der Liege erhob. Die Arzthelferin tauchte wieder auf und gab ihrem Chef einen kleinen Zettel. Dann noch einen. Und noch einen. Durch das Papier konnte ich erkennen, dass es sich um Telefonnummern handelte. Wahrscheinlich von Frauen und Männern, die um einen Rückruf baten. Die wie wir Angst hatten. Wenn Sie eine Frage haben, können Sie mich gerne anrufen, sagte Langenfeld. Wir verabschiedeten uns. Die Arzthelferin gab mir eine Visitenkarte des Arztes, auf der auch eine Mobilfunknummer gedruckt war. Ich schaute ins Wartezimmer. Da saß niemand. Dieses Mal hatte der Wechsel geklappt. Wir traten vor die Tür der Praxis, die sich im fünften Stock eines Ärztehauses befand. Nina und ich fuhren nicht mit dem Aufzug. Wir blickten die Treppe hinab. Für jede Stufe brauchten wir eine Ewigkeit.

Nach Hause? Nina gab keine Antwort. Wir standen auf der Straße und wussten nicht, wohin mit uns. Wir liefen die Müllerstraße entlang. Schauten uns nicht an. Waren sprachlos. Ich fühlte mich müde und leer. Wie nach einem anstrengenden Arbeitstag, an dem ich viele Telefonate geführt, viele Mails geschrieben, aber nur wenig erreicht hatte. Dieser Tag aber war alles andere als ein normaler Arbeitstag. An diesem Tag hatte sich alles verändert. Nichts sah auf der Straße noch so aus wie vor unserem Termin beim Langenfeld. Die Farbe des Backsteinhauses, in dem ein Supermarkt untergebracht war, wirkte jetzt blasser, die Straßen waren dreckiger, die Hitze drückender, und die Passanten kamen mir hektischer vor. Eine Frau mit Kinderwagen überquerte die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten, und ein Auto bremste heftig. Der Fahrer zeigte der Frau einen Vogel, aber sie ging weiter, als sei sie in Gedanken ganz woanders.

Ich fragte mich, wie eine Mutter so unachtsam sein konnte, und stellte mir vor, wie unsere Tochter eines Tages im Kinderwagen läge, ich sie durch die Stadt spazieren führte, wie ich ihr etwas vorsingen und sie mich anstrahlen würde. In diesem Augenblick rempelte ich einen Mann an, der mich sofort anbrüllte: Sind Sie blind? Nein, entgegnete ich, verzeihen Sie, ich war in Gedanken woanders, und als ich das sagte, kam mir wieder die Frau mit dem Kinderwagen in den Sinn, erst jetzt verstand ich, was geschehen war. Nina schien das alles nicht zu interessieren. Sie sagte jedenfalls nichts. Plötzlich ging sie schneller, was mir unangenehm war; am liebsten hätte ich mich hingesetzt. Ihr Tempo war nicht mein Tempo. Noch hielten wir uns an den Händen. Es kam mir vor, als zöge sie mich wie einen störrischen Esel hinterher. Bald würden wir den Mann erreichen, den ich angerempelt hatte, und als wir nebeneinander an einer roten Fußgängerampel warteten, musterte mich der hoch gewachsene Kerl, der zu einem hellgrauen Anzug eine dunkelblaue Krawatte trug. Er lächelte abschätzig. Ob er bemerkte, wie stark ich nach Schweiß stank? Obwohl Langenfelds Praxis klimatisiert war, hatte ich schrecklich geschwitzt, und jetzt fiel mir auf, wie intensiv dieser Angstschweiß roch. Ich sah, wie der Mann im Anzug die Nase rümpfte. Oder bildete ich mir das ein? Je länger ich über meinen Angstschweiß nachdachte, desto intensiver nahm ich den Geruch wahr. Ich ekelte mich vor mir selbst, nicht nur des Schweißes wegen. Warum waren meine Gedanken nicht bei Nina und dem Kind, das möglicherweise krank war? Was war ich für ein Unmensch, dass ich die eigenen Peinlichkeiten so wichtig nahm?

Ich bekam wieder Kopfschmerzen, worüber ich mich dieses Mal sogar freute, denn dieser Schmerz riss mich aus meinen Gedankenverirrungen; der Schmerz war angemessen, der Schmerz passte zu dem, was wir durchlebten. Ich wollte jetzt nicht über meinen Schweiß nachdenken, sondern lieber stechende und bohrende Kopfschmerzen haben, sodass ich über gar nichts mehr nachdenken konnte. Wir kamen an einem Geschäft vorbei, das Kurzwaren verkaufte. Nina blieb stehen und sagte: Die Nähmaschine kaufe ich mir trotzdem. Dann zog sie mich wieder durch die Straßen, doch wir kamen nicht weit, denn plötzlich stand Barbara vor uns und fragte: Na, wie geht es Euch? Weder Nina noch ich antworteten. Wie blickten uns hilflos in die Augen, und Barbara hakte nach: Ist was? Ich nahm an, dass Nina entscheiden würde, was sie ihrer besten Freundin erzählen wollte und was nicht. Barbara wusste, dass Nina schwanger war. Aber den Termin beim Pränataldiagnostiker hatte sie bestimmt nicht erwähnt. Oder doch?

Nina schwieg, überließ es mir, eine Antwort zu geben, nur war ich vollkommen überfordert von der Situation. Sollte ich mit einer Floskel reagieren? Ja, alles gut, wir sind in Eile, tschüss. Oder doch die Wahrheit sagen? Uns geht es beschissen, wir wollen aber nicht darüber reden. Oder sollte ich von der zu dicken Nackenfalte erzählen? Sollte ich sagen, mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 werde unser Kind an einer Trisomie 21 oder einem anderen schlimmen Gendefekt leiden? Sollte ich das wirklich sagen, hier auf der Straße, neben einer Eisdiele, aus der gerade zwei Jungen kamen, die sich über ihr blaues Schlumpfeis mit Schokostreuseln freuten? Habe Migräne, behauptete ich schließlich. Ja, das Wetter, sagte Barbara, und ich war froh, dass sie meine Ausrede akzeptierte. Ich ruf dich die Tage mal an, sagte Nina mit belegter Stimme. Dann hakte sie sich bei mir ein, und wir gingen weiter in einen kleinen Park. Hier waren wir allein. Mit Tauben und einem streunenden Hund.

Wir hatten uns auf die kinderfreie Zeit gefreut. Mit Grete und Leonie telefonierten wir zwar jeden Tag, weil wir sie vermissten, aber wir genossen die Zweisamkeit auch; wir konnten aufstehen, wann wir wollten, wir mussten Grete nicht in den Kindergarten bringen und Leonie nicht zum Schulbus, es gab keine Fahrt zum Turnen und keine zum Musikunterricht, kein Gezerre beim Zubettgehen. Urlaub daheim, eine angenehme Ruhe war das. Doch seit dem Besuch bei Dr. Langenfeld war die Ruhe kaum auszuhalten. Die Angst vor einem kranken Baby verfolgte uns. Ins Wohnzimmer und in die Küche. Ins Badezimmer und ins Bett.

Wir hatten gerade die Zähne geputzt und schauten gemeinsam in den Spiegel, als ich meine Hand auf ihren Bauch legen wollte, aber sie stieß mich zurück. Ich entschuldigte mich, weil ich sie keinesfalls bedrängen wollte, aber Nina schien gar nicht hören zu wollen, was ich sagte. Sie verließ das Bad, während ich noch vor mich hinstammelte. Als ich ihr eine gute Nacht wünschte, stand sie plötzlich auf, um sich im Wohnzimmer aufs Sofa zu legen. In den nächsten Stunden rannte sie ständig zur Toilette, und als ich zu ihr kam und sagte, auch ich könne nicht einschlafen, zog sie sich die Decke über den Kopf. Immerhin frühstückten wir zusammen, wobei ich mich als schwer erträglicher Morgenmuffel präsentierte. Als Nina mir etwas Milch in den Kaffee gab, schob ich die Tasse mit der Bemerkung zur Seite, ich wolle nicht bemuttert werden, sie wisse doch, dass ich den Kaffee lieber schwarz trinke. Es war kaum auszuhalten, und dass Grete und Leonie nicht da waren, machte die Situation noch viel schlimmer.

Wenn wir die beiden jetzt in den Kindergarten, zum Schulbus, zum Turnen und zum Musikunterricht hätten bringen dürfen, wären wir abgelenkt worden. Wir wären am späten Nachmittag noch an den Badesee gefahren, hätten über Kleinigkeiten gelacht und mit den Kindern mühselige Verhandlungen geführt, ob es Zeit sei, ins Bett zu gehen. So aber saßen wir herum, mal im Wohnzimmer, mal in der Küche, und schwiegen uns an. Als ich die Stille nicht mehr aushielt und meine Mutter zitierte, nach der ich nicht mehr am Leben wäre, hätten sich die Aussagen der Mediziner erfüllt, meinte Nina: Jetzt nicht wieder diese Geschichte!

Gekränkt zog ich mich zurück, ging in Leonies Zimmer, legte mich auf den Boden. Was konnte ich dafür, dass meine Mutter ihr so oft erzählt hatte, dass ich mit nicht mal 900 Gramm in der 27. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen war? Ich hatte Nina etwas aufmuntern wollen, aber sie wollte sich nicht aufmuntern lassen. Ich mochte meinen Überlebensmythos auch nicht. Er verfolgte mich. Aber in unserer Situation gab die Geschichte, mit der Mutter mein Leben und ihr Leiden einer medizinischen Erklärung entzog, doch ein wenig Hoffnung. Ich verstehe dich nicht, rief Nina durch die Wohnung. Wenn alles gut ist, siehst du das Schlechte, und wenn die Lage beschissen ist, wirst du optimistisch. So ist es, sagte ich leise. Offenbar war ich meiner Mutter ähnlicher, als ich es mir bis jetzt eingestehen wollte. Jetzt war ich stolz auf sie und ihre notorische Unzufriedenheit, die mich offensichtlich genauso geprägt hatte wie ihre Fähigkeit, in ausweglosen Situationen etwas Hoffnung zu schöpfen.