Warum wir Irre wählen - Roman Maria Koidl - E-Book
Beschreibung

Obwohl es Deutschland und seinen Bürgern so gut geht wie nie zuvor, führt diffuse Furcht zu immer irrationalerem Verhalten. Roman Maria Koidl seziert diese Ängste und ihre Funktionsweise – und benennt die Akteure, die sie schüren und von ihnen proftieren. Der Einzelne weist seine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft von sich, projiziert seinen Frust auf die Repräsentanten des Staates. So finden diejenigen Gehör, die den Unmut des Wutbürgers für sich zu nutzen wissen, die eine vermeintliche Alternative bieten. Koidls Essay ist keine Wutrede, sondern fundierte Analyse einer Gesellschaft die mit dem »Psycho Politico« gern hysterische Figuren wählt. Kurzweilig, spannend, aufschlussreich.

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EPUB

Seitenzahl:156


Roman Maria Koidl

Warum wir Irre wählen

Hoffmann und Campe

Für mich

Einleitung

Der moderne Wahlkampf braucht die Wirklichkeit nicht mehr. Seine Debatten finden in Scheinrealitäten, mit scheinbaren Argumenten statt. Wir stehen am Beginn des postfaktischen Zeitalters. Es ist die Geburtsstunde eines neuen Politikertyps, des »Psycho Politico«. Seine Legitimation ist die Angst, seine Opposition die Realität. Twitter und Facebook bringen ihm die notwendigen Mehrheiten, sein Wahlkampf ist ebenso unabhängig von der Parteilinie wie von ihrem personellen Auswahlprozess. Die Partei, Basis des demokratischen Willensbildungsprozesses, wird zum Auslaufmodell.

Seine unmittelbaren Botschaften treffen auf einen Bürger, dem seit Jahren die Verantwortung für das eigene Leben abgenommen wurde. Sein Eskapismus aus Realität in Fiktion, von Fakten in Faktoide und von Emotionen in kitschiges Pathos, macht ihn empfänglich für vielerlei Botschaften.

Die Ängste der Wähler mögen bisweilen mangelhaft artikuliert sein, gänzlich unbegründet sind sie nicht. Auf die gewaltigen Umwälzungen der Globalisierung folgt die digitale Revolution, die mindestens die Hälfte aller Arbeitsplätze kosten wird. Wer braucht bei selbstfahrenden Autos noch Taxi-, Bus- oder LKW-Fahrer? Wozu noch Personal-, Bank- oder Vermögensberater? All das erledigt in Zukunft ein Automat. Die einen werden arbeiten, ohne Geld dafür zu erhalten, die anderen bekommen Geld, ohne zu arbeiten. Die Frage, wer zukünftig in die sozialen Sicherungssysteme einzahlt, steht derzeit ebenso wenig auf der politischen Agenda wie das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen, an dessen Einführung man kaum einen Zweifel haben kann.

Das Lobby-Argument der Digitalbranche, »neue Jobs mit höherer Qualifizierung«, ist jenen, die mangelhaft qualifiziert sind, kein Trost. Die damit einhergehende Wut richtet sich gegen jene, die übersehen, dass nicht jeder Mensch die gleichen Startchancen hat. Weder intellektuell noch finanziell, nicht einmal emotional. Die neuen Verlierer sind nicht die Armen, es sind die Dummen.

Folglich befinden wir uns nicht in einer sozialen, sondern in einer politischen Krise. Auf den Straßen halten die Demonstranten keine Plakate gegen soziale Missstände in die Höhe – sie lehnen das politische System insgesamt ab, die Medien und Eliten gleich mit dazu.

Diesen Paradigmenwechsel hat vor allem die Sozialdemokratie nicht richtig mitbekommen. Ihre Themenwahl für den Bundestagswahlkampf 2017 ist ein Sommerschlussverkauf politischer Angebote. Tragbar, aber nicht mehr im Trend.

Zugleich programmieren zumeist junge, intelligente Männer eine digitale Zukunft, die nicht nur jene zurücklassen wird, die daran keinen Anteil haben werden, sondern uns alle im Hinblick auf Daten und Privatsphäre ausbeuten und benutzen wird. Rasant explodierende Start-ups, die ihre eigenen Normen, ihre eigenen Regeln schaffen und dabei nicht-stoffliche, staatsähnliche Strukturen aufbauen, denen die »alten« Nationalstaaten herzlich wenig entgegensetzen. Es entstehen Organisationen, die unseren Rechtsstaat ignorieren und unsere demokratische Grundordnung erodieren.

Wir sind auf dem Weg in eine technokratische Diktatur, eine stille Machtübernahme, eingeleitet von wenigen Milliardären. Es ist der Beginn eines neuen Totalitarismus, den die meisten Politiker mit Achselzucken beantworten, weil sie ihn technisch schlicht nicht begreifen.

Die unglaublichen digitalen Möglichkeiten, den Einzelnen anzusprechen, zu manipulieren, zu desinformieren, lassen die Notwendigkeit wachsen, sich mit den Mechanismen dieser Revolution auseinanderzusetzen. Es ist die Psychologie des Wandels, die uns beschäftigen wird. Sie findet ihre Symbiose in der Psychometrie, der psychologischen Vermessung von uns allen. Ihre logische Basis besteht aus den Grundelementen unserer menschlichen Ängste. Sie sind Schlüssel zu Problem und Lösung.

So stellen wir fest, dass die leicht zwanghaften Bürger, jene, die Veränderung und Wandel fürchten, die gleiche psychologische Angststruktur aufweisen wie jene, die die Systeme einer neuen Weltordnung programmieren. Eine angsterfüllte Allianz der Zwanghaften.

Wohin führt die Angst? Die Antwort lautet: unmittelbar in die Radikalisierung. Doch sind nicht langbärtige Bombenleger aus den Vorstadtmoscheen das Problem, es ist die breite Radikalisierung unserer Mittelschicht. Sie reicht von der leichten Zwangsstörung der Bio-Prediger und Irgendwas-Intoleranten über die Hassmail-Schreiber und »Lügenpresse«-Brüller bis zu den gewalttätigen Brandsatzwerfern.

Eine angstvolle laute Minderheit droht die schweigende Mehrheit zu übertönen, ja, sie zu beherrschen. Die einen durch Radikalisierung des Systems, die anderen durch radikale Systeme.

Es geht um nicht weniger als die grundlegende Veränderung von Arbeit, die Zukunft des ökologischen Gleichgewichts und nicht zuletzt um die Frage, ob mit der Digitalisierung vor uns eine Revolution liegt, die, ebenso wie die Umstürze der Industrialisierung und der nachfolgenden Mechanisierung, jeweils in Weltkriege und großflächige Zerstörung mündet.

Die einen kennen mich,

die anderen können mich.

Konrad Adenauer

Psycho Politico

Eine immer gefühllosere Gesellschaft verwechselt Pathos mit Emotion und Wirklichkeit mit Phantasie. Sie verschiebt die eigene Verantwortung auf Stellvertreter und in Ersatzhandlungen. Es ist eine saturierte Mittelschicht, die vor den Konsequenzen des Wandels flüchtet. Und was ist mit unseren Sehnsüchten? Sehnsüchte brauchen den Mangel. In unserer Gesellschaft gibt es aber kaum Mangel, also wird er erschaffen. Das alles spielt sich in einer Welt idealisierter Partnerbilder, falscher Karrierevorstellungen und erträumter Millionärsvisionen ab: hyperglatte Projektionsflächen mit Glückskekswahrheiten, die zugleich eine immer stärkere Besitzstandswahrung und ein trotziges »Jetzt-sind-wir-mal-dran«-Ego mit sich bringen. Da ist das eigene Weiterkommen auf der Autobahn schon mal wichtiger als das Leben Schwerverletzter, wie die Zahl jener Hirnlosen belegt, die eine Rettungsgasse als Einladung zur Vorfahrt begreifen.

Dem geschätzten Mitbürger wird seit Jahren alles abgenommen: das Fühlen, das Denken, das Handeln, kurzum die Verantwortung für das eigene Leben. So verschieben die sogenannten »besorgten Bürger« ihren individuellen Lebensfrust auf Politiker und die Repräsentanten des Staates. Entlädt sich die Wut an »denen da oben«, werden Politiker zum Blitzableiter. Polizisten, ja selbst Sanitäter werden im Einsatz bedroht und attackiert. Weniger aggressive Zeitgenossen charakterisiert gleichwohl ein nicht minder schlechtgelauntes Genöle permanenter Unzufriedenheit. Wie etwa von jenen, die sich beim Kinderkanal KiKa lauthals über das Programm beschweren, obwohl sie gar keine Kinder haben.[1]

Wünsche und Träume hingegen erfüllen zunehmend Ersatzmänner und -frauen. So bringen die Kastelruther Spatzen eine verlorene Heimat zurück, die es nie gab, und Helene Fischer katapultiert die Traumfrau ins Wohnzimmer, die es nie geben wird. TV-Köche bereiten frisches Gemüse zu, doch der letzte große Wachstumsmarkt sind Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe. Die mühevollen Stufen zur gereiften Persönlichkeit beschreiten wir nicht selbst, das erledigt Hape Kerkeling für Millionen auf dem Jakobsweg. Steigt dennoch der seelische Druck, weichen wir in Spielfiguren aus, keineswegs nur bei Online-Games, wie der wachsende Zulauf zu Mittelalter-Märkten, Ritterspielen und Westernclubs belegt. Mancher Mann verweigert gleich vollständig das Erwachsenwerden und tritt mit fünfzig noch als Botox-Berufsjugendlicher in Erscheinung. Und überhaupt, wozu noch die beschwerliche Beziehungsarbeit einer Ehe auf sich nehmen, wenn an jeder Ecke jemand zu tindern ist? Widersprüchliche und widerstrebende Gefühle stehen wir nicht durch, halten sie nicht aus, sondern wischen sie weiter, mit dem Zeigefinger der Beliebigkeit. Wir begnügen uns derweil mit einem Zweitakt-Gefühlersatzgemisch aus Pathos und Peinlichkeit, abgeschaut bei Telenovelas und sülzenden Schlagertexten.

Statt unser Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen, widmen wir uns Ersatzproblemen. Scheindebatten einer Öffentlichkeit, die längst den Diskurs über Lösungen durch billige Empörung ersetzt hat.

Es ist eine Mediengesellschaft, in der das Gefühl zur Sentimentalität verkommen ist. Ein amerikanisches Pathos, dessen zähe Soße als Geschmacksverstärker über jedes Thema gegossen werden muss, weil es sich ansonsten gar nicht mehr vermitteln lässt. So entsteht ein verkitschter Nährboden für Populismus einer auf Bilder fixierten Öffentlichkeit, die schneller wertet, als sie denken kann. Das mag auch früher schon so gewesen sein, wurde aber seinerzeit durch den sogenannten moralischen Kompass abgemildert. Ein Gerät, bestehend aus Gefühl und Anstand oder wenigstens gefühltem Anstand. Sein gegenwärtiger Verlust macht orientierungslos, weshalb »Fake News« und immer irrere Politikerbotschaften überhaupt eine Chance haben, gehört zu werden.

Zugleich finden jene zunehmend Gehör, die diese Wohlstandsverwahrlosung für sich zu instrumentalisieren wissen. Irre Botschaften stimulieren irrationale Ängste. Die Folge ist: Wir wählen irre.

Ausgangspunkt des vorliegenden Essays ist meine These zu einer Gesellschaft, deren prägendes Motiv die Angst ist: Angst lässt uns in Ersatzrealitäten flüchten oder die Schuld bei anderen suchen. Angst lässt Wahlen gewinnen oder verlieren. Angst ist der Treibstoff für »Fake News« und die Psycho-Manipulationstechniken digitaler Kampagnen und fremder Mächte. Dazu ist, nicht selten unterschätzt, Angst das zentrale persönliche Motiv im Leben derer, die wir wählen, uns zu vertreten. Vor allem aber ist Angst der Motor zur Radikalisierung in uns allen. Intoleranz als Synonym einer zwangsneurotischen Gesellschaft, die bei Laktose beginnt und beim Molotow-Cocktail nicht endet.

Dabei handelt es sich nicht um reale Ängste, wird unser Leben doch seit Jahren immer sicherer, wohlhabender, gesünder. Es ist vielmehr eine »neurotische Angst«, denn es sind eingebildete Gefahren. Mit diesen Neurosen setzen wir uns nicht auseinander, sondern verschieben sie auf andere. Schuldige finden sich dabei immer, Täter hingegen wenige. Flüchtlinge auf dem Balkan, die Banker, Griechenland oder die EU. Das führt zu gefühlt immer mehr Einbrüchen und Kriminalität, wahlweise zur Überfremdung, wo kein einziger Ausländer wohnt. Oder zur Bedrohung einer nationalen Identität, die längst von einem bunten Einwanderungspluralismus lebt.

Fakten belegen in der Regel das Gegenteil der Gemütslage. Das fördert allerdings nicht die Zufriedenheit, sondern die Ablehnung der Fakten. Mehr noch, es führt überhaupt zur Ablehnung von Bildung und damit auch derjenigen, die sie sich erworben haben.

Wo Pathos die Emotionen, Phantasie die Realität und Faktoide die Fakten ersetzen, zeigt sich eine pluralistische Demokratie von ihrer verwundbarsten Seite. Es ist die Stunde der großen Vereinfacher, der Fallensteller und Propagandisten, die lauthals nach der angeblich demokratischeren Form, nämlich der direkten Demokratie rufen.

Nicht mehr der Inhalt macht die Botschaft, sondern seine Form. Schriller, lauter, aggressiver oder gleich kompletter Nonsens – Hauptsache, es wird gesendet. Die daraus resultierende Aufmerksamkeit folgt keiner politischen Ideologie, sondern reiner Ökonomie. Klicks bringen Geld, und »Fake News« bringen am meisten. Denn Menschen wünschen sich Lösungen, keine Probleme. Fragt man Leute nach dem Weg, auch wenn sie ihn gar nicht wissen, so bevorzugt erstaunlicherweise die Mehrheit eher eine falsche Antwort als gar keine. Wenn man dann in die falsche Richtung geht, ist eben jemand anderes schuld. Das ist die große Chance des mediengestützten Populismus und seiner »alternativen Fakten«, vermeintlichen Tatsachen, die auf falschen Annahmen oder erfundenen Sachverhalten basieren.

Es ist die Angst vor dem Wandel, der Veränderung, dem Instabilen, die uns in eine »Andere-kümmern-sich-schon«-Haltung flüchten lässt. Hauptsache, wir müssen keine Verantwortung übernehmen. Gefühlte Beschwerden gibt es dennoch, aber keine, die klar zu benennen wären. Konkrete Vorschläge erst recht nicht. Aber es ist dieses »Gefühl«, das bleibt, dass da etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl, so das einhellige Politikgeschwafel, müsse man jetzt »ernst nehmen«, sei es auch noch so abstrus. Es kommt einem vor wie bei einem Falschfahrer auf der Autobahn, dem man entgegenruft: »interessante Richtung«!

Doch nicht nur die Bürger verschieben ihre Wohlstandsängste und flüchten aus der »wirklichen Wirklichkeit«. Auch Politiker sind von persönlichen Angstmotiven getrieben. Obrigkeitshörigkeit und medial aufgebaute Distanz lassen uns übersehen, dass da mitunter eher schlichte Zeitgenossen am Werk sind, die – wie wir alle – individuellen Angstmotiven folgen: der Furcht vor der Veränderung, der Scheu vor der Selbstwerdung oder der stillen Panik, nicht geliebt zu werden. Gerade erst lernen wir an einem prominenten Beispiel, wie wichtig die geistige Gesundheit eines Staatschefs für unsere Sicherheit sein kann. Umso mehr sind wir aufgefordert, uns mit der Frage nach Charaktereigenschaften, offensichtlichen Störungen und psychischen Defekten auseinanderzusetzen. Vor allem deshalb, weil Politiker nicht mehr in einem jahrelangen Vorschlags- und Auswahlprozess der Parteien auf Eignung und Zuverlässigkeit geprüft werden, sondern durch den Einsatz sozialer Medien wie Facebook und Twitter. Gleichsam aus dem Nichts erreichen sie Mehrheiten und kommen durch Agitation und reine Propaganda an zentrale Stellen der Macht. So hat sich ein gänzlich neuer Politikertyp, der »Psycho Politico« entwickelt. Seine Merkmale: laut, aggressiv und stets den nahen Untergang predigend. Sein Heilsversprechen ist die kollektive Flucht aus der Wirklichkeit, eine Abwendung des Unausweichlichen. Merkmal dieser Bewegung ist eine Basis aus Lügen, Übertreibungen und Phantasiewelten. So wurde die »Scripted Reality« der Vorabendunterhaltung unbemerkt zur Grundlage realer Politik. Die Tatsache, dass Politiker seit Neuestem selbst in höchsten Positionen falsche Informationen verbreiten oder wiedergeben, gar selbst ungestraft lügen, macht die Falschinformation amtlich. Der Irrsinn wird zu einem alternativen Fakt, einem »Faktoid«, zur Wahrheit einer nicht wirklichen Wirklichkeit. Dabei gilt: Wer gut lügt, gewinnt. Und wer besser lügt, kommt sogar richtig ehrlich rüber. Hauptsache, unsere Ängste werden bestätigt, von wem auch immer. So braucht der moderne Wahlkampf die Realität nicht mehr. Seine Debatten finden in Scheinrealitäten, mit scheinbaren Argumenten statt. Verdrehen, verschieben und lavieren: Das ist der Dreiklang moderner Mehrheitsbildung.

Warum also wählen wir irre und Irre? Sind es die Bürger, denen nicht mehr zu trauen ist, wie die wachsende Zahl an Spitzenpolitikern meint, die in den Hinterzimmern der Hauptstadt bereits über die Vorteile einer »gelenkten Demokratie« schwadronieren? Oder sind es gar die führenden Repräsentanten selbst, denen man – von Zwangsstörung bis Narzissmus – die leichte Persönlichkeitsstörung schon von Weitem ansieht? Und dann wären da noch die Medien, die sich von einer Säule der Freiheit zu einem Fundament der Freizügigkeit entwickelt haben und zugleich meinen, als selbsternannte »vierte Gewalt« nicht nur über die Macht zu berichten, sondern den Anspruch erheben zu dürfen, über die Politik selbst mitzubestimmen, wie die wachsende Präsenz präpotenter Print-Publizisten in Polit-Talkshows belegt. Von den ungeheuerlichen technischen Möglichkeiten der massiven Wählerbeeinflussung durch den Einsatz von »Big Data« und künstlicher Intelligenz ganz zu schweigen.

Unsere Welt ist im Umbruch. Diskussion und Reflexion durchaus berechtigter Ängste vor den Folgen dieser Revolution weicht Scheindebatten, deren pathetisches Charakteristikum die Empörung, wahlweise die Bestürzung ist. In der politischen Kommunikation findet all dies Ausdruck in einem Wechsel von Überzeugungen zu Geschichten, von Inhalten zu Unterhaltung, von Fakten zu Gefühlen.

Der amerikanische Präsident hat – 100 Tage im Amt – bereits seine Kampagne für das Jahr 2020 gestartet. Wahlkampf als Selbstzweck, das Regierungsgeschäft als lästige Nebenerscheinung der Entertainment-Industrie. Es ist der Beginn eines postfaktischen Zeitalters, die Stunde des »Psycho Politico«. Seine Legitimation ist die Angst, seine Opposition die Realität, seine Wählerbasis eine radikalisierte Mittelschicht.

Ahnungslosigkeit ist die

Objektivität der schlichten Gemüter.

Harald Schmidt

Wahnsinnige Wähler

Auf eine immer schwerer zu begreifende Wirklichkeit reagieren wachsende Teile der Bevölkerung mit irrationalen Ängsten, die sich nicht zuletzt in Verschwörungstheorien ausdrücken. Wo das Wissen um Zusammenhänge endet, fügt unser Hirn phantastische Elemente hinzu, um die allfälligen Wissenslücken zu schließen. Offenbar versucht unser Kopf immer, ein geschlossenes Ganzes zu präsentieren. Ergeben sich Lücken, wird eine Ersatzrealität konstruiert. Wer wenig weiß, konstruiert mehr. So gibt es nicht wenige Menschen, die glauben, ARD und ZDF würde eine fremde Macht die Texte in den Block diktieren. Das kann man als verrückt ächten oder als das verstehen, was es ist, nämlich eine atemberaubende Hilflosigkeit, das Unbegreifliche begreiflich und sich selbst dabei komplett lächerlich zu machen.

Ich habe jahrelang für Print- wie auch für private und öffentlich-rechtliche Medien gearbeitet. Mir hat nie jemand gesagt, was ich hätte schreiben, sprechen, senden sollen.

Die Verschwörungstheorie ist nichts anders als eine intellektuelle Schonhaltung von Menschen, die mitreden wollen, aber schlicht zu faul sind, sich angemessen zu informieren. Zuweilen fehlen auch die intellektuellen Möglichkeiten. Dabei ist insbesondere das Aufkommen der sozialen Medien kontraproduktiv, lassen diese doch die Verschwörungstheorien des Einzelnen in der Echokammer Gleichgesinnter zunächst als wahrscheinlich und kurz darauf als wahr erscheinen. Die »große Verschwörung« ist eine Fiktion der Furcht, eine Artikulation der Angst. Das ist die Wirkung. Die Ursachen hingegen sind vor allem in Bequemlichkeit und Faulheit zu suchen.

Politische Bildung, wenigstens Allgemeinbildung, ist das einzige Gegenmittel zu politischem Extremismus. Doch zusätzliche Erklärungen, mehr Talkshows, weitere Wähleranalysen und Angebote an »Fakten« gehen schlicht an dieser Wählergruppe vorbei, deren Interesse an komplexen Zusammenhängen, zurückhaltend ausgedrückt, wenig ausgeprägt ist. Denn wer sich näher mit den Dingen befasst, muss irgendwann auch eine begründbare Haltung dazu entwickeln. Dies wiederum mündet darin, sich einzugestehen, dass die Dinge nicht so einfach zu lösen sind, wie man zuvor dachte. Dass es gute Gründe dafür gibt, warum wochenlang um Positionen, Meinungen und Lösungen gerungen wird.

Einfacher ausgedrückt: Es ist keineswegs so, dass eine Mehrheit der Bürger nicht in der Lage wäre, Zusammenhänge zu verstehen. Aber erstens treffen neue Blickwinkel meist auf zementierte Einstellungen, die zu ändern mehr als ein unangenehmes Gefühl auslöst. Schließlich muss man sich womöglich eingestehen, nicht recht gehabt zu haben. Darüber hinaus bedeutet es in gewisser Weise Arbeit, weil man nicht mehr umhinkommt, selbst eine Lösung vorzuschlagen. Das ist im Bundestag nicht anders als in der Eckkneipe. Irgendwann kommt die Frage: »Wie würdest du es denn machen?«

Auf diese Frage haben die wenigsten eine Antwort, wie eine ARD-Reportage des Magazins Panorama aus Haßloch in der Pfalz nahelegte.[2] Die Kleinstadt war deshalb gut gewählt, weil sie als Marktforschungslabor dient. Die Struktur der Einwohner kommt dem Durchschnitt der Bundesrepublik sehr nahe, weshalb unter anderem die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) Haßloch als Testmarkt nutzt.

In dem TV-Beitrag marschiert ein Lokalpolitiker einer großen Volkspartei mit einem Fernsehteam durch die Stadt, klingelt an Haustüren, stellt sich vor und fragt nach dem Befinden. Schmucke Häuschen, geordnete Gardinchen, gepflegte Gärtchen. Ding-Dong.

Zunächst kommt der übliche Schwall an Floskeln, von »denen da oben«, den Politikern, die sich »nicht kümmern«, »den Umständen«, die immer schlimmer werden, und natürlich »den Asylanten« (in Haßloch leben 254 Flüchtlinge unter 21000 Einwohnern). Die übliche Litanei. Dann sagt der Bürgervertreter, er stehe ja nun hier, was denn nun genau von ihm gewünscht werde, was er besser machen könne. Er sei wirklich offen für Vorschläge und Anregungen – aber es kommt nichts. Auch auf Nachfrage keine Forderung, kein Hinweis, keine Idee. Am Ende stellt sich heraus: Die zufällig Befragten hatten reichlich wenig Probleme, noch nie einen »Asylanten« gesehen und waren auch sonst eigentlich ganz zufrieden. Vielen Dank und schönen Tag noch!

Damit ist natürlich keineswegs gesagt, dass es in Deutschland keine Probleme gibt. Soziale Ungerechtigkeit, der sinkende Lebensstandard der Geringverdiener, Integration und Migration, Kriminalität und Bildung. Alles richtig. Das Erhellende an diesem TV-Beitrag bestand ja nicht darin aufzuzeigen, all dies seien keine realen Probleme. Der Sinn des Beitrags war vielmehr zu verdeutlichen, wie wenig die Bürger tatsächlich darüber wissen und vor allem, wie wenig ihnen die Größenordnung dieser Problemstellungen klar ist.

Es geht im politischen Diskurs weniger um »richtig« oder »falsch«, sondern darum, die Fakten in ihrer Relation zu bewerten, also ins Verhältnis zu setzen. Richtig, es sind viele Flüchtlinge 2016 zu uns gekommen, über eine Million. Aber auf das Oktoberfest gingen im selben Jahr fast sechs Millionen Besucher. Davon blieben rund vier Millionen in München über Nacht, wovon übrigens 30 Prozent bei Freunden nächtigten.[3] Das bedeutet, die Münchner Einwohner nehmen in den vier Wochen des Oktoberfestes die Anzahl aller Flüchtlinge aus 2016 bei sich zu Hause auf, nämlich 1,2 Millionen Besucher.

Gefühlt werden immer mehr Einbrüche begangen. Oft löst ein rumänisches, bulgarisches oder ukrainisches Autokennzeichen in der Nachbarschaft bei vielen Bürgern schon Angstzustände aus. Richtig, Einbruchskriminalität von umherreisenden osteuropäischen Banden ist ein Problem. Aber 2016 ist die Zahl der Einbrüche um fast 10 % zurückgegangen.[4]

Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Verhältnismäßigkeit ist das Gegenteil von schwarz-weiß. Allen Bemühungen von Medien, Bildungseinrichtungen und Aktionsgruppen zum Trotz geht diese vertiefte Betrachtung der Realität an den meisten Wählern vorbei. Schlimmer noch, sie schenken den Statistiken keinen Glauben, halten diese gar für »gefälscht« oder für ein Produkt der »Lügenpresse«. Was nicht ins Glaubensmuster passt, wird aussortiert.