Verlag: Campus Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Was der Hund sah E-Book

Malcolm Gladwell  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Was der Hund sah - Malcolm Gladwell

Mit seinen Büchern verändert Malcolm Gladwell unsere Sicht auf die Welt und auf uns selbst. In seinem neuen Buch zeigt er an vielen Beispielen, wie hilfreich es ist, die Perspektive eines anderen einzunehmen. Aus scheinbar nebensächlichen Themen und Personen zaubert er verblüffende Erkenntnisse. So erfahren wir aus dem Beispiel von Shirley Polykoff und ihren Slogans für Haarfärbemittel etwas über den Wandel im Selbstverständnis der Frauen. Und das Beispiel des Hundeflüsterers" Cesar Millan zeigt besonders deutlich, wie wichtig es ist, sich den Blick eines anderen, sei es Mensch oder Tier, zu vergegenwärtigen. Gladwell zeigt uns die Welt mit vielen Augen. Sein Buch steckt voller überraschender Aha-Effekte und ist wunderbar unterhaltsam geschrieben. Es ist ein Muss nicht nur für seine immer zahlreicher werdenden Fans, sondern auch für alle, die mehr von der Welt und den Menschen begreifen wollen.

Meinungen über das E-Book Was der Hund sah - Malcolm Gladwell

E-Book-Leseprobe Was der Hund sah - Malcolm Gladwell

www.campus.de

Information zum Buch

Mit seinen Büchern verändert Malcolm Gladwell unsere Sicht auf die Welt und auf uns selbst. In seinem neuen Buch zeigt er an vielen Beispielen, wie hilfreich es ist, die Perspektive eines anderen einzunehmen. Aus scheinbar nebensächlichen Themen und Personen zaubert er verblüffende Erkenntnisse. So erfahren wir aus dem Beispiel von Shirley Polykoff und ihren Slogans für Haarfärbemittel etwas über den Wandel im Selbstverständnis der Frauen. Und das Beispiel des Hundeflüsterers« Cesar Millan zeigt besonders deutlich, wie wichtig es ist, sich den Blick eines anderen, sei es Mensch oder Tier, zu vergegenwärtigen. Gladwell zeigt uns die Welt mit vielen Augen. Sein Buch steckt voller überraschender Aha-Effekte und ist wunderbar unterhaltsam geschrieben. Es ist ein Muss nicht nur für seine immer zahlreicher werdenden Fans, sondern auch für alle, die mehr von der Welt und den Menschen begreifen wollen.

Informationen zum Autor

Malcolm Gladwell ist der populärste und erfolgreichste Sachbuchautor der USA. Er schreibt für das legendäre Magazin New Yorker. Seine Bücher sind internationale Bestseller. Bei Campus erschienen von ihm »Blink!« (2005) und »Überflieger« (2009).

Malcolm Gladwell

Was der Hund sah

und andere Abenteuer aus der Welt, in der wir leben

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2010. Campus Verlag GmbH

Besuchen Sie uns im Internet: www.campus.de

ISBN der Printausgabe: 978-3-593-39241-7

E-Book ISBN: 978-3-593-40940-5

Für Henry und David

|9|Vorwort

1.

Als kleiner Junge schlich ich mich oft in das Arbeitszimmer meines Vaters und stöberte in den Papieren auf seinem Schreibtisch herum. Mein Vater ist Mathematiker. Mit Bleistift schrieb er fein säuberlich lange Zahlenreihen auf Rechenpapier und zeichnete Grafiken. Ich saß auf der Stuhlkante und sah mir staunend jede einzelne Seite an. Es war mir unbegreiflich, wie seine Arbeit aus diesen sinnlosen Kritzeleien bestehen konnte. Vor allem aber kam ich nicht darüber hinweg, dass jemand, den ich so inständig liebte, Tag für Tag in seinem Kopf etwas anstellte, das ich nicht annähernd verstand.

Heute weiß ich, dass es sich dabei um das »Problem des Anderen« handelt, wie Psychologen es nennen. Einjährige meinen, weil sie gern Goldfischli essen, müssen Papa und Mama auch gern Goldfischli essen: Sie verstehen nicht, dass in ihrem Kopf etwas anderes vorgeht als in den Köpfen anderer Menschen. Der Moment, in dem wir erkennen, dass Papa und Mama nicht unbedingt Goldfischli mögen müssen, nur weil wir sie gern essen, ist einer der Meilensteine in unserer kognitiven Entwicklung. Kleinkinder begeistern sich an der Entdeckung, dass es außer dem ihren auch noch andere Köpfe gibt, und diese Faszination bleibt uns bis ins Erwachsenenalter erhalten. (Zweijährige können unter anderem deshalb so nervtötend sein, weil sie systematisch mit der überwältigenden und für sie vollkommen neuen Vorstellung experimentieren, dass etwas, das ihnen Spaß macht, ihren Eltern noch lange keinen Spaß machen muss.) Wie lautet die erste Frage, die wir einem Arzt stellen, den wir auf einer Party kennen lernen? Nicht: »Was machen Sie?« Wir haben eine ungefähre Vorstellung |10|davon, was ein Arzt tut. Nein, wir fragen, wie es ist, den ganzen Tag mit kranken Menschen zusammen zu sein. Wir wollen wissen, wie es sich anfühlt, ein Arzt zu sein, denn wir vermuten, dass es ganz anders sein muss, als den ganzen Tag am Computer zu sitzen, vor einer Schulklasse zu stehen oder Gebrauchtwagen zu verkaufen. Fragen wie diese sind weder dumm, noch sind die Antworten offensichtlich. Diese Neugierde, wissen zu wollen, was in anderen Menschen vorgeht, wenn sie ihrem Alltag nachgehen, ist eine zutiefst menschliche Regung, und sie ist auch der Antrieb hinter dem Buch, das Sie gerade in der Hand halten.

2.

Die Geschichten in diesem Buch sind zuerst im Magazin New Yorker erschienen, für das ich seit 1996 schreibe. Unter den vielen Artikeln, die ich seither verfasst habe, sind dies meine Lieblingsgeschichten. Ich habe sie in drei Gruppen eingeteilt. Im ersten Teil stelle ich Besessene und kleine Genies vor, wie ich sie nenne – nicht die Einsteins, Churchills, Mandelas und anderen Giganten, die unsere Welt verändern, sondern Menschen wie Ron Popeil, der den Chop-O-Matic verkaufte, oder Shirley Polykoff, die die legendäre Frage stellte: »Tut sie’s oder tut sie’s nicht? Das weiß nur ihre Friseuse.« Die Geschichten im zweiten Teil beschäftigen sich mit unseren Theorien und Versuchen, unsere Erfahrungen einzuordnen. Wie sollen wir beispielsweise mit der Obdachlosigkeit, Finanzskandalen oder Katastrophen wie der Explosion der Raumfähre Challenger umgehen? Im dritten Teil geht es schließlich darum, wie wir andere Menschen beurteilen. Woher wissen wir, ob jemand ein schlechter, ein kluger oder ein talentierter Mensch ist? Wie Sie sehen werden, habe ich meine Zweifel, ob wir derartige Urteile überhaupt mit einiger Verlässlichkeit fällen können.

In diesen Geschichten will ich keinesfalls den Eindruck vermitteln, als wüsste ich, was wir wirklich denken sollten. Ich beschreibe vielmehr, was Menschen, die sich Gedanken über Obdachlosigkeit, Ketchup oder Finanzskandale machen, über Obdachlosigkeit, Ketchup |11|oder Finanzskandale denken. Ich persönlich weiß nicht, wie ich die Challenger-Katastrophe verstehen soll. Für mich bleibt sie letztlich unbegreiflich, genau wie die langen Reihen fein säuberlich auf Kästchenpapier niedergeschriebener Zahlen und die Grafiken. Aber was wäre, wenn wir das Problem durch die Brille eines anderen Menschen betrachten würden? Wenn wir uns in den Kopf eines anderen Menschen versetzen könnten?

In einer der Geschichten versuche ich zum Beispiel den Unterschied zwischen einer Blockade und einem Panikanfall zu verstehen. Anlass war der Flugzeugabsturz von John F. Kennedy Jr. im Juli 1999. Kennedy war ein unerfahrener Flieger, der in eine Schlechtwetterfront geriet, den »Horizont verlor«, wie Piloten sagen, und in einer Todesspirale abstürzte. Um diese Erfahrung nachvollziehen zu können, stieg ich unter denselben Wetterverhältnissen in denselben Flugzeugtyp und bat den Piloten, in Sturzflug zu gehen. Das war kein Werbegag, sondern eine Notwendigkeit. Ich wollte verstehen, wie sich ein Sturzflug anfühlt, denn um das Unglück wirklich zu verstehen, reicht es nicht aus, nur zu wissen, was Kennedy tat.

In »Bilderrätsel« gehe ich der Frage nach, wie wir Satellitenbilder interpretieren – beispielsweise die Aufnahmen, in denen George W. Bush und seine Regierung Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen zu erkennen glaubten. Die Idee zu dieser Geschichte kam mir an einem Nachmittag, an dem ich gemeinsam mit einem Radiologen Mammografien ansah, und dieser irgendwann vollkommen unvermittelt anmerkte, er hätte bei der Interpretation der Röntgenbilder vermutlich dieselben Schwierigkeiten wie die Leute vom CIA bei der Interpretation von Satellitenfotos. Ich wollte wissen, was in seinem Kopf passierte, und er, was in den Köpfen der CIA-Mitarbeiter vorging. Ich erinnere mich, dass mir in diesem Moment regelrecht schwindelig wurde.

Die Titelgeschichte dieses Buches ist schließlich ein Porträt von Cesar Millan, der als der »Hundeflüsterer« bekannt ist. Mit einer einfachen Berührung kann Millan die wütendsten und ängstlichsten Tiere beruhigen. Was geht dabei in Millans Kopf vor? Diese Frage war der |12|Anstoß für diese Geschichte. Doch während meiner Recherche stellte sich mir eine noch sehr viel interessantere Frage: Was geht bei der Begegnung mit Millan im Kopf des Hundes vor? Das ist es doch, was wir wirklich wissen wollen: was der Hund sah.

3.

Ich werde oft gefragt, woher ich meine Ideen nehme. Meine Antworten fallen häufig sehr unbefriedigend aus. Meist erkläre ich vage, dass mir jemand etwas erzählt hat, dass mir mein Herausgeber Henry ein spannendes Buch gegeben hat, oder einfach, dass ich mich nicht erinnere. Bei der Auswahl der Artikel für dieses Buch habe ich mir vorgenommen, diese Frage für mich selbst zu beantworten. In einer langen und etwas exzentrischen Geschichte gehe ich beispielsweise der Frage nach, warum Heinz-Ketchup bis heute unübertroffen ist. (Wie fühlt es sich an, wenn wir Ketchup essen?) Die Anregung dazu kam von meinem Freund Dave, der in der Lebensmittelbranche tätig ist. Wir gehen gelegentlich essen, und ihn treiben solche und ähnliche Fragen um. (Dave hat auch eine faszinierende Theorie über Melonen aufgestellt, die ich mir für eine spätere Geschichte aufgehoben habe.) In »Farbe bekennen« geht es um die Vorreiterinnen auf dem Markt für Haarfärbemittel. Eigentlich wollte ich einen Artikel über Shampoos schreiben (ich muss damals händeringend nach einem Thema gesucht haben). Nach zahllosen Interviews sagte ein entnervter Friseur an der Madison Avenue zu mir: »Was haben Sie nur mit Ihrem Shampoo? Haarfärbemittel sind doch viel interessanter!« Und er hatte Recht.

Um eine Idee für einen Artikel zu finden, muss man nur überzeugt sein, dass hinter allem eine Geschichte steckt. Ich sage »nur«, doch das ist gar nicht so einfach. Als Menschen gehen wir nämlich instinktiv davon aus, dass die meisten Dinge uninteressant sind. Wir zappen uns durch die Fernsehkanäle und schalten zehnmal weiter, ehe wir uns für eine Sendung entscheiden. Wir gehen in einen Buchladen und nehmen zwanzig Bücher in die Hand, ehe wir eines kaufen. Wir filtern, ordnen und urteilen. Das geht gar nicht anders. Es gibt einfach zu viel. |13|Aber als Autor muss man sich diesem Instinkt Tag für Tag widersetzen. Shampoo ist langweilig? Verdammt noch mal, es muss doch interessant sein, und wenn nicht, dann muss ich einfach fest daran glauben, dass es mich irgendwann auf irgendetwas Interessantes stößt. (Ich überlasse es Ihnen, zu beurteilen, ob das wirklich stimmt.)

Um Ideen für Geschichten zu finden, muss man außerdem klar zwischen Macht und Wissen unterscheiden. Die wenigsten der Menschen, denen Sie in diesem Buch begegnen, sind mächtig oder berühmt. Wenn ich eben geschrieben habe, dass ich mich für kleine Genies interessiere, dann meine ich genau das. Auf der Suche nach einer guten Geschichte fängt man nicht oben an, sondern in der Mitte, denn im wirklichen Leben machen die Leute in der Mitte die eigentliche Arbeit. Mein Freund Dave, der mich auf den Ketchup brachte, ist so jemand. Er hat mit Ketchup gearbeitet, und deswegen kennt er sich aus. Die Leute, die oben stehen, überlegen sich (vermutlich zu Recht) sehr genau, was sie sagen, denn sie haben eine Position und Privilegien zu verlieren. Sie haben keine interessanten Geschichten zu erzählen. In »Der Straßenhändler« begegnen Sie Arnold Morris, der mir in seiner Küche in New Jersey den Dial-O-Matic Gemüsehobel vorführte: »Kommen Sie näher! Ich zeige Ihnen das genialste Schneidgerät, das Sie je gesehen haben!«, fing er an. Er nahm eine Tüte Grillgewürz und hielt sie in die Höhe, als wäre es eine Vase von Tiffany.

Hier finden Sie Geschichten. In einer Küche in New Jersey.

4.

Ich wollte nie Autor werden. Ich wollte Jura studieren, doch während meines letzten Semesters beschloss ich, in die Werbung zu gehen. Ich bewarb mich bei achtzehn Agenturen in Toronto und erhielt achtzehn Absagen, die ich mir nebeneinander an die Wand pinnte (ich habe sie immer noch irgendwo). Gern hätte ich ein Masterstudium angeschlossen, aber ich hatte nicht die Noten dafür. Also bewarb ich mich auf einen Studienplatz im Ausland, um ein Jahr lang an einem exotischen Ort zu leben, und wurde abgelehnt. Mit dem Schreiben fing ich an, |14|weil mir nichts anderes übrig blieb, und weil ich lange brauchte, um zu verstehen, dass Schreiben ein Beruf sein konnte. Ein Beruf, das war doch eine ernste und anstrengende Angelegenheit. Und Schreiben machte mir Spaß.

Nach dem Studium arbeitete ich sechs Monate lang für den American Spectator, eine kleine Zeitschrift in Indiana. Dann zog ich nach Washington D. C., schlug mich einige Jahre lang als freier Journalist durch und landete irgendwann bei der Washington Post. Von dort kam ich schließlich zum New Yorker. Das Schreiben macht mir noch immer Spaß, und ich hoffe, das merkt man auch beim Lesen. Nichts frustriert mich mehr, als wenn die Leser meiner Geschichten oder der Artikel anderer Autoren verärgert ausrufen: »Das kaufe ich ihm nicht ab!« Warum der Ärger? Ob eine Geschichte gut ist oder nicht, hängt nicht unbedingt davon ab, ob sie überzeugt. Jedenfalls nicht die Geschichten in diesem Buch. Es hängt vielmehr davon ab, ob sie in der Lage ist, Sie zu fesseln, Sie zum Nachdenken anzuregen und Ihnen einen Blick in den Kopf eines anderen Menschen zu gewähren – selbst wenn Sie am Ende zu dem Schluss kommen, dass Sie die Welt lieber nicht durch diese Augen sehen wollen. Ich nenne diese Geschichten Abenteuer, denn genau das sollen sie sein. Viel Spaß beim Lesen!

|15|Teil 1

Besessene, Pioniere

und andere kleine Genies

»Für einen Wurm im Meerrettich

besteht die Welt aus Meerrettich.«

|17|Der Straßenhändler

Ron Popeil und die Eroberung

der amerikanischen Küche

1.

Die ungewöhnliche Geschichte des Ronco-Showtime-Grillofens beginnt mit Nathan Morris, dem Sohn des Schuhmachers und Kantors Kidders Morris, der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts aus England in die Vereinigten Staaten einwanderte und sich in Asbury Park im Bundesstaat New Jersey niederließ. Nathan Morris war ein Straßenhändler. Sein Arbeitsplatz waren die Gehsteige, Billigläden und Jahrmärkte entlang der gesamten Atlantikküste, wo er Küchengeräte von Acme Metal aus Newark verkaufte. Anfang der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts gründete Nathan mit N. K. Morris Manufacturing sein eigenes Fertigungsunternehmen, wo unter anderem KwiKi-Pi und der Morris-Gemüsehobel hergestellt wurde. Vielleicht lag es daran, dass in der Wirtschaftskrise die Arbeitsplätze rar waren, vielleicht aber auch daran, dass Morris sein Gewerbe so überzeugend vertrat, denn seine Verwandten traten einer nach dem anderen in seine Fußstapfen. Seine Söhne Lester und Arnold (genannt »das Messer«) wurden seine Verkäufer. Mit Nathans Starthilfe machte sein Schwager Irving Rosenbloom in Long Island ein Vermögen mit Plastikartikeln, darunter einer Handreibe, die so ausgezeichnet war, dass Nathan sie sofort kopierte. Nathan tat sich mit seinem Bruder Al zusammen, dessen Söhne mit einem schlaksigen Iren namens Ed McMahon auf der Straße arbeiteten. Kurz vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten stellte er seinen Neffen Samuel Jacob Popeil als Lehrling ein. S. J. ließ sich von der Arbeit seines Onkels Nathan derart inspirieren, dass er später in Chicago sein eigenes Unternehmen mit dem Namen Popeil Brothers gründete und der Welt Schneidgeräte wie den Dial-O-Matic, |18|den Chop-O-Matic und den Veg-O-Matic bescherte. S. J. Popeil hatte zwei Söhne. Der ältere hieß Jerry und starb bereits in jungen Jahren. Der jüngere ist ein guter Bekannter aller Fernsehzuschauer, die je die Werbesendungen im Nachtprogramm gesehen haben. Seine Name ist Ron Popeil.

Nach dem Krieg verdienten viele Menschen ein Vermögen mit Küchengeräten. Zum Beispiel die Klinghoffers aus New York, deren Erbe Leon 1985 auf tragische Weise ums Leben kam, als ihn palästinensische Terroristen während der Entführung des Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro in seinem Rollstuhl von Bord stießen. In den Fünfzigern erfanden die Klinghoffers den Roto-Broil 400, einen einfachen Tischgrill, den Lester Morris auf der Straße verkaufte. Ebenfalls erfolgreich war Lewis Salton, der den Nazis mit einer englischen Briefmarke aus der väterlichen Sammlung in der Tasche entkam und diese in der Bronx gegen eine Fabrik für Haushaltsgeräte eintauschte. Er bescherte der Welt den Salton Hotray, einen Vorläufer des Mikrowellenherds; heute stellt Salton Inc. unter anderem den George Foreman Grill her.

Doch dem Klan der Morris-Popeils konnte keiner das Wasser reichen. Sie waren die ungekrönten Herrscher der amerikanischen Küchen. Sie heirateten schöne Frauen, häuften Vermögen an, klauten einander Ideen und lagen nachts wach und sannen darüber nach, wie sich Zwiebeln so hacken lassen, dass die einzigen Tränen, die wir dabei vergießen, Freudentränen sind. Sie lebten nach der Überzeugung, dass es ein Fehler war, Produktentwicklung und Marketing zu trennen, wie es die meisten ihrer Konkurrenten taten, denn in ihren Augen waren die beiden untrennbar miteinander verbunden: Das Gerät, das sich am besten verkaufte, war das Gerät, das sich selbst verkaufte. Die Popeils waren leidenschaftliche und geniale Männer. Und der leidenschaftlichste und genialste von allen war Ron Popeil. Er war der Josef der Familie, er wurde von seinem Vater in die Wildnis verstoßen, kam zurück und wurde reicher als der ganze Rest der Familie zusammen. Er war der erste, der die Geheimnisse der Straßenhändler auf die Mattscheibe brachte. Von sämtlichen Küchengeräten, die das Familienimperium je hervorgebracht hat, war keines so ansprechend im Design, |19|so unmittelbar überzeugend und eine derart gelungene Verkörperung der Morris-Popeilschen Marketingphilosophie wie der Ronco-Showtime-Grillofen, ein kleiner Herd, der in vier Raten zu je 39,95 Dollar erworben werden kann und in dieser Preisklasse vielleicht das beste Küchengerät ist, das je entwickelt wurde.

2.

Ron Popeil ist ein attraktiver Mann mit einem kräftigen Oberkörper, dem Kopf eines Löwen und einem auffällig großen Gesicht. Der Mittsechziger lebt im Coldwater Canyon von Beverly Hills, in einem weitläufigen Bungalow mit Avocadobäumen und einem großen Gemüsegarten hinter dem Haus. An den Standards von Beverly Hills gemessen, ist Popeil ein altmodischer Mann. Er trägt T-Shirts und Trainingshosen, lässt sich in billigen Fastfood-Restaurants blicken und trägt seine Einkaufstüten selbst ins Haus. Oft geht er zweimal am Tag in den Supermarkt, um Geflügel, Fisch oder Fleisch einzukaufen. Am liebsten kauft er bei Costco, weil dort das Pfund Hähnchen nur 99 Cent kostet, das ist verglichen mit 1,49 Dollar in anderen Supermärkten deutlich günstiger. Seine Einkäufe schleppt er in seine geräumige Küche, von der aus man einen Blick über den ganzen Canyon hat. Die Küche ist mit überdimensionierten Kochgeräten ausgestattet, in den Regalen steht eine Sammlung von 1 500 Flaschen Olivenöl. In einer Ecke hängt ein Ölgemälde von Ron mit seiner vierten Frau Robin (ein früheres Fotomodell von Frederick’s of Hollywood) und ihrem Töchterchen Contessa. Auf dem Papier ist Popeil Eigentümer von Ronco Inventions, einem Unternehmen mit zweihundert Mitarbeitern und ein paar Lagerhallen im kalifornischen Chatsworth. Doch in Wirklichkeit ist Ronco nichts anderes als Ron, der von Zuhause aus arbeitet; viele der leitenden Mitarbeiter sind Freunde von Ron, die ebenfalls Zuhause arbeiten. Hin und wieder kocht Ron eine Suppe und ruft sein Team zu einer Lagebesprechung in seiner Küche zusammen.

In den letzten dreißig Jahren hat Ron eine ganze Reihe von Küchengeräten erfunden, darunter den Ronco Lebensmitteltrockner und die |20|Popeil Nudel- und Wurstmaschine mit einem Kolben aus kugelsicherem Glas. Er arbeitet ununterbrochen und lässt sich dabei von seinen Eingebungen leiten. An einem sonnigen Tag im August 2000 wusste er beispielsweise urplötzlich, was das Nachfolgeprodukt für den Showtime-Grillofen sein musste. Zusammen mit Alan Backus, seiner rechten Hand, hatte er damals an der Entwicklung einer Paniermaschine gearbeitet, die bis zu 5 Kilogramm Hühnerflügel, Krabben oder Fischfilet panieren und die Panade aus Eiern und Paniermehl selbst herstellen sollte, ohne dass sich der Koch die Hände schmutzig machen musste. »Alan war gerade in Korea, wo wir damals ein paar große Bestellungen hatten«, erinnert sich Ron. Wir haben uns in der VIP-Lounge des Beverly Hills Hotels zum Mittagessen verabredet, und er isst einen halb durchgebratenen Hamburger mit Pommes. »Ich habe Alan sofort angerufen. Ich habe ihn aufgeweckt. In Korea war es zwei Uhr nachts. Und ich habe zu ihm gesagt: ›Stopp. Lass die Paniermaschine liegen. Mit der machen wir später weiter. Das andere Projekt hat Vorrang.‹« Dieses andere Projekt sollte ein Gerät sein, mit dem man in der heimischen Küche Fleisch räuchern konnte, ohne dabei das ganze Haus und die Möbel gleich mit einzuräuchern. Ron hatte einen Prototypen des Räucherofens auf seiner Terrasse stehen, an dem er im Vorjahr gebastelt hatte. Spaßeshalber hatte er ein Hähnchen darin gegrillt. »Das Hähnchen war so lecker« – er schlägt mit der linken Hand auf den Tisch – »das war das beste Hähnchen-Sandwich, das ich je gegessen habe.« Er sieht mich an und fragt mich: »Wie oft essen Sie ein Sandwich mit geräuchertem Truthahn? Alle sechs Monate? Und wie oft essen Sie Räucherlachs? Vielleicht ein bisschen häufiger. Ich würde schätzen, Sie essen vielleicht alle drei Monate Räucherlachs, als Vorspeise oder auf einer Party. Kalbsrippchen? Kommt darauf an, wo Sie essen gehen. Räucherwurst genauso. Sie essen gern Geräuchertes,« – er lehnte sich vor und legte mir zur Betonung die Hand auf den Arm – »aber eines weiß ich ganz sicher, Malcolm. Sie haben keinen eigenen Räucherofen.«

Genauso war ihm die Idee für den Showtime Grillofen gekommen. Als Ron vier Jahre zuvor bei Costco zum Einkaufen ging, war ihm |21|plötzlich aufgefallen, dass vor dem Hähnchengrill des Supermarkts eine lange Schlange stand. Diese Leute aßen gern Grillhähnchen, aber Ron war sich ganz sicher: Sie hatten keinen eigenen Grillofen. Wieder Zuhause, rief er Backus an. Sie kauften ein Aquarium, einen Motor, ein Heizelement, einen Spieß und eine Handvoll anderer Teile und begannen zu basteln. Ron wollte ein Gerät, das groß genug war, um einen 15 Pfund schweren Truthahn zu grillen, und klein genug, um es in einer normalen Einbauküche unter den Hängeschränken auf die Arbeitsplatte stellen zu können. Er wollte kein Thermostat, denn ein Thermostat geht nur kaputt, und das dauernde Ein und Aus der Heizspirale verhindert diese gleichmäßige, knusprige Bräune, die für ihn entscheidend war. Der Spieß musste sich um eine horizontale Achse drehen, denn wenn ein Huhn oder ein Stück Fleisch beim Grillen vertikal rotiert, läuft unten der Saft heraus.

Roderick Dorman, Rons Patentanwalt, erinnert sich, bei seinen Besuchen in Coldwater Canyon hätten oft fünf oder sechs Prototypen nebeneinander in der Küche gestanden. In jedem grillte Ron ein Hähnchen, um die Zartheit des Fleischs und die Bräune der Haut vergleichen zu können. Dabei spekulierte er beispielsweise, wie man einen Kebab-Grillspieß vor dem Heizelement so drehen könnte, dass er von allen Seite gleichmäßig braun würde. Schließlich meldete er für den Showtime Grillofen nicht weniger als zwölf Patente an. Der Grill hatte den stärksten Motor für ein Gerät dieser Art. Das Bodenblech war mit nichthaftendem Emaille beschichtet und einfach zu reinigen. Der Ofen war so robust, dass er zehn Mal hintereinander aus einem Meter Höhe auf einen Beton- oder Steinfußboden fallen konnte und immer noch funktionierte. Und für Ron gab es keinen Zweifel, dass er die besten Grillhähnchen machte, die er je gegessen hatte.

Danach nahm Ron einen 28-minütigen Werbefilm für den Showtime Grillofen auf. Der Spot wurde live vor einem Studiopublikum gefilmt und am 8. August 1998 zum ersten Mal ausgestrahlt. Seither wird er im Nachtprogramm oder auf obskuren Kabelkanälen ausgestrahlt, zwischen zweifelhaften Finanztipps und Wiederholungen von Herzbube mit zwei Damen. Die Reaktion war überwältigend, in den |22|ersten drei Jahren erzielte der Showtime Grillofen einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar. Ron Popeil verwendete nicht eine einzige Fokusgruppe. Er beschäftigte keine Marktforscher, keine Entwicklungsteams, keine Marketingabteilung, keine Werbeagenturen und keine Unternehmensberater. Er tat nur, was die Morris und Popeils beinahe ein Jahrhundert lang getan hatten, und was nach Ansicht von Experten in der modernen Wirtschaft vollkommen undenkbar war. Zuhause in seiner Küche erfand er ein Gerät und stellte sich auf die Straße, um es selbst zu verkaufen.

3.

Nathan Morris, Ron Popeils Großonkel, sah aus wie Cary Grant. Er trug einen Strohhut, spielte Ukulele, fuhr Cabrio und komponierte Klavierstücke. Sein Unternehmenssitz war ein einstöckiges, weißes Gebäude an der Ridge Avenue in Asbury Park und hatte einen kleinen Anbau, in dem er mit Teflonbeschichtungen experimentierte. Er war ein Exzentriker und hatte beispielsweise Angst, ohne einen Arzt über die Grenzen von Asbury Park hinaus zu verreisen. Er überwarf sich erst mit seinem Bruder Al, der im Zorn nach Atlantic City zog, und dann mit seinem Neffen S. J. Popeil, der ihm für seine Einführung in das Geschäft mit den Küchengeräten nach Nathans Meinung nicht genug Dankbarkeit zeigte. Diese zweite Fehde gipfelte in einem Showdown vor Gericht. Zankapfel war S. J. Popeils Chop-O-Matic, ein Schneidgerät mit einem besonders beschichteten, w-förmigen Messer, das über eine spezielle Welle in Rotation versetzt wurde. Der Chop-O-Matic war das perfekte Gerät zum Häckseln von Krautsalat und Hackfleisch, und als Morris ein verblüffend ähnliches Gerät mit dem Namen Roto-Chop auf den Markt brachte, verklagte S. J. Popeil seinen Onkel auf Patentverletzung. (Wenig später sollte sich herausstellen, dass sich S. J. Popeil bei der Erfindung des Chop-O-Matic von einem Schweizer Gerät namens Blitzhacker hatte inspirieren lassen. Er verlor einen Patentprozess gegen dessen Hersteller.)

Der Prozess fand im Mai 1958 in Trenton statt. Im Gerichtssaal |23|drängten sich die Morris’ und die Popeils. Zur Eröffnung des Prozesses wurde Nathan Morris von den Anwälten seines Neffen verhört, die es darauf anlegten, ihn als Hausierer und Ideendieb zu verleumden. Plötzlich unterbrach der Richter das Verhör. »Er zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Morris«, erinnert sich Popeils langjähriger Patentanwalt Jack Dominik. »Das werde ich mein Leben nicht vergessen. Er rief: ›Ich kenne Sie! Sie sind ein Straßenhändler! Ich habe Sie auf der Straße gesehen!‹ Und Morris zeigte mit dem Finger auf den Richter und brüllte: ›Das stimmt nicht! Ich bin Gerätefabrikant! Ich bin ein ehrwürdiger Unternehmer, und ich habe die besten Berater!‹ Onkel Nathan bekam einen knallroten Kopf, und der Richter wurde noch röter. Der Prozess musste unterbrochen werden.« Was dann passierte, beschreibt Dominik in seinen unveröffentlichten Erinnerungen: Nathan Morris erlitt einen Herzinfarkt, und S. J. Popeil wurde von Schuldgefühlen übermannt. »Tränen flossen. Reue kam auf. Am nächsten Tag einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Und wie durch ein Wunder erholte sich Onkel Nathan von seinem Herzinfarkt vom Vortag.«

Nathan Morris war ein Schauspieler, genau wie viele seiner Verwandten. Verkaufen war in erster Linie Schauspiel. In der Familie erzählt man sich, Nathans Neffe Archie Morris habe über einen Nachmittag hinweg ein Küchengerät nach dem anderen an einen gut gekleideten Herrn verkauft. Als der Mann schließlich gegangen sei, habe Archie beobachtet, wie er anhielt, in seine Tüte sah, und sie in einen Mülleimer warf. So gut waren die Morris’. »Mein Cousin hätte Ihnen eine leere Schachtel andrehen können«, behauptet Ron.

Der letzte der Familie Morris, der noch im Verkauf arbeitet, ist Arnold, genannt »das Messer«. Diesen Spitznamen verdankt er seinen Erfolgen mit dem Sharpcut, einem Vorläufer des Ginsu-Messers. Er ist ein fröhlicher, verschmitzter Mann Anfang siebzig, mit rundem Gesicht und ein paar weißen Strähnen. Sein Markenzeichen ist eine schwungvolle Handbewegung, mit der er fein säuberlich aufgeschnittene Tomatenstücke mit dem Messerrücken in einer Reihe aufreiht. Arnold lebt heute in Ocean Township in der Nähe von Asbury Park. |24|Verheiratet ist er mit der 29-jährigen Phyllis, die er als »das hübscheste Mädchen von Asbury« bezeichnet (er sagt dies mit demselben unwiderstehlichen Brustton der Überzeugung, mit dem er vermutlich auch ein Klappmesser beschreiben würde). Als ich ihn morgens in seinem Arbeitszimmer besuche, gibt er den Monolog zum Besten, mit dem er den Dial-O-Matic verkaufte, den S. J. Popeil vor gut vierzig Jahren auf den Markt gebracht hatte.

»Kommen Sie näher! Ich zeige Ihnen das erstaunlichste Schneidgerät, das Sie je gesehen haben!«, beginnt er. Phyllis, die neben ihm sitzt, strahlt stolz. Anstelle des Geräts hält er eine Tüte mit Grillgewürzen hoch, die Ron Popeil zu seinem Showtime Grillofen verkauft. »Sehen Sie sich das an!« Er streckt sie in die Höhe, als handele es sich um eine Vase von Tiffany. Er erklärt, wie perfekt das Gerät Kartoffeln schneidet, dann Zwiebeln, und schließlich Tomaten. Seine volle Stimme klingt, als würde er singen: »Wer kann eine Tomate so schneiden? Sie pieksen sie an, Sie bohren rein, der Saft läuft Ihnen den Arm runter. Mit dem Dial-O-Matic wird alles anders. Sie legen die Tomate in das Gerät und drehen ein bisschen.« Er imitiert die Bewegung auf dem Schreibtisch. »Die Tomate! Meine Dame! Die Tomate! Je mehr Sie drehen, desto mehr bekommen Sie. Die Tomate! Meine Dame! Jede Scheibe ist perfekt, jedes Kernchen ist an seinem Platz. Aber am besten ist der Dial-O-Matic für Krautsalat. Meine Schwiegermutter hat ihren Krautsalat immer so gemacht«. Mit wilden Bewegungen hackt er auf einem imaginären Kohlkopf herum. »Ich dachte, sie wollte Selbstmord begehen. Was habe ich gebetet – dass sie nicht abrutscht! Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Schwiegermutter! Aber ihre Tochter ist mir ein Rätsel. Sie nehmen den Kohlkopf. Schneiden ihn in der Mitte durch. Krautsalat, Sauerkraut, Weißkraut, Blaukraut. Alles kommt in feinen Streifchen heraus ...«

Es ist ein Bühnenmonolog, wie fürs Kabarett, mit dem Unterschied, dass Arnold nicht nur unterhalten will. Er verkauft. »Aus einem Straßenhändler können Sie einen guten Schauspieler machen, aber aus einem Schauspieler können Sie noch lange keinen guten Straßenhändler machen«, erklärt er. Der Verkäufer muss es schaffen, dass Sie ihm |25|applaudieren und den Geldbeutel zücken. Im entscheidenden Moment muss er die Kurve kriegen und vom Unterhalter zum Unternehmer werden. Wenn von fünfzig Zuschauern fünfundzwanzig kaufen wollen, dann verkauft der wahre Straßenhändler nur an zwanzig. Den übrigen fünf sagt er: »Warten Sie! Ich muss Ihnen noch etwas anderes zeigen!« Und dann beginnt er seinen Monolog mit kleinen Variationen wieder von vorn. Die verbleibenden fünf Kunden sind der Kern seiner neuen Zuschauergruppe, sie werden von den Menschen um sie herum eingekeilt und sind derart darauf erpicht, zu bezahlen und sich wieder auf den Weg zu machen, dass sie eine neue Verkaufswelle anstoßen.

Die Kurve zu kriegen bedeutet, die Erwartungen des Publikums gezielt zu lenken. Deshalb stellte Arnold immer eine verlockende Ananas auf seinen Stand. »Vierzig Jahre lang habe ich den Leuten versprochen, ich würde ihnen zeigen, wie man eine Ananas aufschneidet, aber ich habe sie nicht ein einziges Mal angerührt«, erzählt er. »Das ging so weit, dass sich ein Freund von mir, auch ein Verkäufer, eine Plastikananas gekauft hat. Warum sollte man die Ananas aufschneiden? Die ist teuer. Und wenn Sie sie aufgeschnitten haben, gehen alle.« Arnold berichtet, wie er einmal ein paar Jungen anheuerte, um auf dem Jahrmarkt von Danbury in Connecticut einen Gemüsehobel für ihn zu verkaufen. Ihre gelangweilte Darbietung habe ihn derart geärgert, dass er die Vorführung selbst übernahm. Voller Schadenfreude hätten sie nur darauf gewartet, dass er sich mit dem Gerät blamierte: Er hatte diesen speziellen Hobel noch nie vorgeführt, und wie zu erwarten zerfetzte er das Gemüse. Trotzdem nahm er in einer einzigen Runde 200 Dollar ein. »Denen sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen«, erinnert sich Arnold. »Sie haben zu mir gesagt: ›Wie machst du das? Du weißt doch nicht mal, wie man das Gerät bedient!‹ Und ich habe denen geantwortet: ›Dafür weiß ich was anderes. Ich weiß, wie man am Ende kassiert.‹ Und das ist das ganze Geheimnis!«

|26|4.

Ron Popeil begann Mitte der fünfziger Jahre, die Küchengeräte seines Vaters auf einem Flohmarkt in Chicago zu verkaufen. Er war damals dreizehn. Jeden Morgen um fünf kam er auf den Markt und bereitete fünfzig Pfund Zwiebeln, Kohlköpfe und Karotten und hundert Pfund Kartoffeln vor. Er verkaufte von sechs Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags und nahm bis zu 500 Dollar am Tag ein. Einige Jahre später reiste er über die Jahrmärkte der Gegend und eroberte sich schließlich einen erstklassigen Platz in der Chicagoer Innenstadt, neben dem Woolworth an der Ecke State und Washington Street. Das war seinerzeit die Woolworth-Filiale, die landesweit den größten Umsatz erzielte. Mit dem Verkauf des Chop-O-Matic und des Dial-O-Matic verdiente Ron mehr als der Manager des Kaufhauses. Er aß im Pump Room, trug eine Rolex und übernachtete in Hotelsuiten für 150 Dollar die Nacht. Fotos aus jener Zeit zeigen einen attraktiven jungen Mann mit dichtem, schwarzem Haar, blaugrünen Augen und sinnlichen Lippen. Als er einige Jahre später sein Büro in die Michigan Avenue 919 verlegte, nannte man ihn den Paul Newman des Playboy Building. Mel Korey, ein Studienfreund und sein erster Geschäftspartner, erinnert sich an die Zeit, als er Ron vor dem Woolworth an der State Street besuchte: »Er hatte eine hypnotische Ausstrahlung. Einige Sekretärinnen haben ihre Mittagspausen vor dem Woolworth verbracht, um ihm zuzuschauen, so gut hat er ausgesehen. Und wenn es ans Kaufen gegangen ist, kamen die Leute von allen Seiten angerannt.«

Als Rons Freund Steve Wynn vor einigen Jahren den Finanzbetrüger Michael Milken im Gefängnis besuchte, stand im Raum ein Fernseher. Zufällig lief gerade eine von Rons Werbesendungen. Ron war beim Countdown, einer Nummer, die er direkt von der Straße übernommen hatte: »Und es kostet Sie nicht zweihundert Dollar, nicht hundertachtzig, nicht hundertsiebzig, nicht hundertsechzig ...« Es ist ein typischer Verkaufstrick: Es klingt so dramatisch, weil der Einstiegspreis viel zu hoch angesetzt ist. Doch Ron hatte zudem eine unwiderstehliche Art. Als er immer weiter mit dem Preis nach unten |27|ging, riefen Wynn und Milken, die vermutlich mehr über Gewinnspannen wissen als irgendjemand sonst in den Vereinigten Staaten, einstimmig: »Hör auf, Ron! Hör auf!«

War Ron der Beste? Der einzige Versuch, diese Frage zu klären, wurde vor gut vierzig Jahren unternommen, als Ron und Arnold auf einer Verbrauchermesse in West Springfield, Massachusetts, ein Messerset verkauften. Mit von der Partie war Frosty Wishon, selbst eine Legende. »Frosty war ein adretter, eloquenter Mann und ein ordentlicher Verkäufer«, erzählt Ron. »Aber er meinte, er wäre der Größte. Also habe ich gesagt: ›Wir haben zehn Tage mit je elf oder zwölf Stunden. Jeder übernimmt eine Schicht, und am Ende schauen wir, wie viel jeder verkauft hat.‹« Der Wettstreit ging als »das Duell« in die Familiengeschichte ein, und niemand hat das Ergebnis vergessen. Ron schlug Arnold um Haaresbreite und nahm ein paar Hundert Dollar mehr ein. Doch Frosty Wishon verkaufte nur etwa halb so viel wie jeder seiner beiden Rivalen. »Sie können sich nicht vorstellen, wie Frosty geschwitzt hat. Nach der Messe ist er zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: ›Ron, ich arbeite nie wieder mit dir, so lange ich lebe.‹«

Frosty Wishon war zweifelsohne ein charmanter und überzeugender Mensch, doch er nahm an, das reiche schon aus. Er verwechselte den Verkauf mit der Empfehlung eines Prominenten. Wenn Michael Jordan Hamburger von McDonald’s verkauft, dann ist Michael Jordan der Star. Aber wenn Ron Popeil oder Arnold Morris verkaufen, dann schaffen sie es, den Chop-O-Matic zum Star zu machen. Dieser war schließlich die Erfindung. Er bot eine neue Methode, Zwiebeln und Leber zu hacken und verlangte von den Zuschauern, darüber nachzudenken, wie sie bestimmte Arbeiten in der Küche verrichteten.

Wie die meisten großen Erfindungen stellte er einen Bruch mit dem Bestehenden dar. Aber wie bringt man Menschen dazu, mit dem Vertrauten zu brechen? Weder durch Einschmeichelung und Ehrlichkeit, noch durch Ruhm und Schönheit. Sie müssen den Kunden das neue Produkt erklären, nicht ein- oder zweimal, sondern drei- oder viermal, und jedes Mal mit einem etwas anderen Dreh. Sie müssen demonstrieren, |28|wie es funktioniert und warum es funktioniert, Sie müssen Ihren Zuschauern die Möglichkeit geben, Ihnen genau auf die Finger zu sehen, während Sie Leber hacken, Sie müssen Ihnen erklären, wie es in ihren Alltag passt, und Sie müssen ihnen schließlich die widersprüchliche Tatsache klar machen, dass das Gerät zwar revolutionär, aber kinderleicht zu bedienen ist.

Als der Videorekorder vor dreißig Jahren auf den Markt kam, stellte auch er einen Bruch mit dem Bestehenden dar. Mit seiner Hilfe konnte man Fernsehsendungen aufzeichnen und war daher nicht mehr an die Sendezeiten gebunden. Der Videorekorder fand zwar weite Verbreitung, aber er wurde selten zu diesem Zweck benutzt. Das lag daran, dass der Videorekorder nie von Straßenhändlern verkauft wurde. Niemand erklärte den Verbrauchern das Gerät – nicht ein-oder zweimal, sondern drei- oder viermal –, niemand erläuterte ihnen die Funktionen, niemand zeigte ihnen, wie es in ihren Alltag passte, und niemand führte sie Handgriff für Handgriff durch die verschiedenen Abläufe. Die Hersteller überreichten den Kunden lächelnd eine Kiste und legten freundlicherweise noch eine Bedienungsanleitung bei. Jeder Straßenverkäufer hätte ihnen sagen können, dass das nicht ausreichte.

Bei einem meiner Besuche in der Küche von Coldwater Canyon demonstrierte mir Ron, wie der Straßenverkauf wirklich funktioniert. Auf seinem Barhocker sitzend erzählte er mir, er habe sich ein paar Tage zuvor mit dem Schauspieler Ron Silver getroffen, der in einer neuen Verfilmung des O.-J.-Simpson-Prozesses die Rolle von Robert Shapiro spielen sollte. »Für den Film rasierten sie Ron Silver eine kleine Glatze, denn der echte Bob Shapiro hat am Hinterkopf eine kahle Stelle. Also sag ich zu ihm, was du brauchst, ist GLH.« GLH, eines von Rons früheren Produkten, ist ein Spray, das Haare verdichten und kahle Stellen überdecken soll. »Ich habe zu ihm gesagt: ›Damit siehst du gut aus. Und wenn ihr dreht, wäschst du es einfach wieder raus.‹«

Die meisten Verkäufer hätten es dabei belassen. Es war schließlich nur eine Fußnote in unserem Gespräch. Wir hatten uns eigentlich über |29|den Showtime Grillofen unterhalten, auf der Theke hinter uns drehte sich ein Hähnchen im Grill, in einem zweiten Gerät brutzelten Spare Ribs, auf dem Tisch vor uns ratterte die Nudelmaschine, während Ron in der Pfanne Knoblauch dünstete und unser Mittagessen vorbereitete. Aber da er nun einmal GLH ins Gespräch gebracht hatte, musste er mir unbedingt vorführen, welche Wunderdinge das Spray vollbrachte. Also lief er zu einem Schrank auf der anderen Seite der Küche, wobei er ununterbrochen weitersprach. »Ich werde immer gefragt, wie ich auf den Namen GLH gekommen bin. Ich hab’s einfach erfunden. Great Looking Hair.« Er holte eine Dose aus dem Schrank. »Wir stellen es in neun verschiedenen Farben her. Das hier ist silber-schwarz.« Er nahm einen Handspiegel und hielt ihn sich so über den Kopf, dass ich seine lichte Stelle sehen konnte. »Als erstes sprühe ich es dahin, wo ich es nicht brauche.« Immer weiter redend, schüttelte er die Dose und besprühte seine Haare. »Dann gehe ich zu der Stelle selbst.« Er zeigte auf seine lichte Stelle. »Genau da. Okay. Das lasse ich jetzt trocknen. Bürsten ist die Hälfte des Erfolgs.« Er bürstete kräftig, und mit einem Mal hatte er keine Glatze mehr. »Wow«, staunte ich. Ron strahlte. »Sie sagen wow. Das sagen alle. Wow. Das sagen die Leute, die es benutzen. Und wenn wir rausgehen« – er nahm mich am Arm und zog mich nach draußen auf die Terrasse – »wenn wir draußen im hellen Tageslicht stehen, dann sehen Sie nicht, dass ich eine Glatze habe. Es sieht aus wie Haare, aber es sind keine Haare. Ein geniales Produkt. Wissen Sie, wer das gut gebrauchen könnte? Al Gore. Wollen Sie mal sehen, wie es sich anfühlt?« Ron beugte den Kopf vor. »Wow«, sagte ich wieder, nachdem ich es mir aus der Nähe angesehen hatte. Doch der Verkäufer in Ron Popeil war noch nicht zufrieden, ehe ich es nicht berührt hatte. Das tat ich. Es fühlte sich tatsächlich an wie echtes Haar.

5.

Ron Popeil war nicht nur in die Fußstapfen des Straßenverkäufers Nathan Morris getreten. Er war außerdem ein echter Sohn von S. J. Popeil, und das erklärt schließlich auch den Erfolg seines Showtime |30|Grills. S. J. Popeil hatte ein Zehnzimmerapartment in einer der oberen Etagen des Drake Tower am Ende der Magnificent Mile von Chicago. Er hatte eine Cadillac-Limousine mit Chauffeur und Autotelefon, was damals eine Seltenheit war, weshalb er gern damit prahlte (»Ich rufe Sie aus dem Auto an.«). Er trug dreiteilige Anzüge, rauchte Zigarre und spielte gern Klavier. Er blickte oft finster drein und gab beim Sprechen merkwürdige kleine Grunzlaute von sich. S. J. Popeil trug nur Tausend-Dollar-Scheine bei sich. Seine Philosophie brachte er in einigen aphoristischen Bonmots zum Ausdruck. Zu seinem Anwalt sagte er: »Wenn sie zu weit gehen, dann klage.« Zu seinem Sohn: »Wichtig ist nicht, was du ausgibst, sondern was du einnimmst.« Einem Designer, der Zweifel an der Nützlichkeit eines seiner Verkaufsschlager anmeldete, verkündete S. J.: »Es ist nicht zum Gebrauch, es ist ein Geschenk.« Im Jahr 1974 fasste seine zweite Frau Eloise den Plan, ihn ermorden zu lassen, und heuerte zwei Killer an. Sie lebte damals mit ihren beiden Töchtern und ihrem Freund, einem 37-jährigen Schlosser, in der Popeil-Villa in Newport Beach. Als S. J. während des Prozesses zu dem Schlosser befragt wurde, antwortete er: »Ich war froh, dass er sie mir abgenommen hat.« Das war typisch S. J. Doch als Eloise elf Monate später aus dem Gefängnis entlassen wurde, heiratete S. J. sie ein zweites Mal. Auch das war typisch S. J. Wie ein früherer Kollege meinte: »Er war ein komischer Vogel.«

S. J. Popeil war ein Bastler. Mitten in der Nacht wachte er auf und kritzelte hektisch einige Entwürfe auf einen Block, den er neben dem Bett liegen hatte. Stundenlang schloss er sich in seiner Küche ein, hinterließ ein Chaos und kam mit glasigen Augen wieder heraus. Er liebte es, hinter seinen Technikern zu stehen und ihnen dabei zuzusehen, wie sie einen seiner Prototypen zusammensetzten. Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre arbeitete er fast ausschließlich mit Plastik und interpretierte die Küchenklassiker in einem subtilen, modernistischen Gewand neu. »Popeil Brothers hat damals diese schönen Mehlsiebe hergestellt«, erinnert sich Tim Samuelson, Museumsdirektor der Chicago Historical Society und Popeil-Kenner. »Sie benutzten Kunststoffe in kontrastierenden Farben oder rührten Farbwirbel in durchsichtiges |31|Plastik.« Samuelson wurde zum Popeil-Fan, nachdem er eine original Doughnut-Maschine aus rotem und weißem Kunststoff erworben hatte; noch heute benutzt er einen Chop-O-Matic, wenn er zu Hause Salate zubereitet. »Ihre Sachen hatten immer einen besonderen Touch. Nehmen Sie den automatischen Eierwender. Auf den ersten Blick sieht er aus wie eine ganz normale Kelle, aber wenn Sie den Griff zusammendrücken, dreht sie sich und wendet das Spiegelei ganz automatisch.«

Der Designer Walter Herbst, dessen Unternehmen lange für Popeil Brothers gearbeitet hat, berichtet, dass S. J. »immer ganzheitlich dachte. Er kam immer morgens damit an.« Herbst imitiert S. J.s barschen Tonfall. »›Wir brauchen eine bessere Methode, um Kraut zu hobeln.‹ Das war Leidenschaft, absolute Leidenschaft. Einmal, da hat er morgens wahrscheinlich Grapefruit gegessen. Er kommt an, ruft mich zu sich und sagt: ›Wir brauchen eine bessere Methode, um Grapefruit zu zerteilen!‹« Am Ende stand ein Messer mit zwei Schneiden im Abstand von einem Millimeter, mit denen sich die beiden Seiten der Haut zwischen zwei Grapefruitschnitzen gleichzeitig durchschneiden ließen. »Ein paar Ecken weiter war ein kleiner Gemüseladen. Also schickt S. J. seinen Chauffeur los, um Grapefruit zu kaufen. Wie viele? Sechs. In den nächsten zwei Wochen sind aus sechs zwölf geworden, und aus zwölf zwanzig. Irgendwann haben wir am Tag dreißig, vierzig Grapefruits geschnitten. Die in dem Laden hatten wahrscheinlich keine Ahnung, was wir mit den ganzen Grapefruits angestellt haben.«

S. J. Popeils genialste Erfindung war ohne jeden Zweifel der Veg-O-Matic, der 1960 auf den Markt kam und im Grunde nichts anderes war als eine Küchenmaschine, nur ohne Motor. Das Herzstück des Geräts war eine Reihe von schmalen, scharfen Messerchen, die wie Gitarrenseiten über zwei mit Teflon beschichtete Metallringe gespannt waren. Die Ringe selbst wurden speziell in einem Werk in Illinois gefertigt und bestanden aus 364 Alcoa, einer besonderen Aluminiumlegierung. Wenn die beiden Ringe so eingestellt waren, dass die Messer parallel verliefen, dann kam eine Kartoffel, die auf der einen Seite hineingedrückt |32|wurde, auf der anderen in feinen Scheiben wieder heraus. Und wenn der Ring gedreht wurde, sodass die Messer ein Gitter bildeten, dann kam sie gestiftelt heraus. Die Ringe befanden sich in einem edlen Plastikgehäuse, und zu dem Gerät gehörte außerdem ein Stößel, mit dem das Gemüse durch die Messer gedrückt wurde.

Technisch gesehen war der Veg-O-Matic ein Triumph: Die Methode zur Herstellung von Klingen, die stabil genug waren, um dem Gemüse standzuhalten, wurde patentiert. Doch im Verkauf stellte er eine Herausforderung dar. S. J.s Produkte waren bis dahin von Straßenhändlern vertrieben worden, die genug Gemüse mitbrachten, um die Vorführungen eines ganzen Tages zu bestreiten. Doch der Veg-O-Matic war einfach zu gut. Nach Berechnungen von Popeil Brothers konnte er in nur einer Minute 120 Eierviertel, 300 Gurkenscheiben, 1 150 Kartoffelstifte oder 3 000 Zwiebelwürfel schnippeln. Damit wären die Gemüsemengen, die üblicherweise für einen ganzen Tag ausreichten, in wenigen Minuten aufgebraucht. Es reichte also nicht mehr, wenn die Verkäufer mit ihrer Vorführung hundert Personen erreichten – sie mussten Tausende ansprechen. Der Veg-O-Matic musste über das Fernsehen verkauft werden, und einer der Verkäufer, der das als erster erkannte, war Ron Popeil.

Im Sommer 1964, kurz nach Einführung des Veg-O-Matic, gründete Ron Popeil zusammen mit Mel Korey ein Unternehmen mit dem Namen Ronco. Für 500 Dollar nahmen die beiden einen Werbespot auf, eine einfache Verkaufsvorführung, eingedampft auf zwei Minuten. Mit dem Film in der Tasche verließen sie Chicago und klapperten die Nachbarstädte im Mittleren Westen ab. Ohne Voranmeldung kamen sie in die Kaufhäuser und boten den Veg-O-Matic in Kommission an, das heißt, die Geschäfte konnten nicht verkaufte Ware wieder zurückgeben. Dann besuchten sie den örtlichen Fernsehsender, buchten zwei oder drei Wochen zur billigsten Sendezeit und beteten, dass dies ausreichte, um die Kunden in die Läden zu locken.

»Wir haben den Veg-O-Matic zu einem Einkaufspreis von 3,42 Dollar hergestellt«, erzählt Korey. »Wir haben ihn für 7,46 Dollar an die Läden weitergegeben, wo er für 9,95 Dollar angeboten wurde. Das |33|heißt, wir hatten 4 Dollar, mit denen wir spielen konnten. Für 100 Dollar, die wir für Fernsehwerbung ausgegeben haben, mussten wir 25 Veg-O-Matics verkaufen.« Es war bekannt, dass man Haushaltswaren über das Fernsehen an den Mann bringen konnte, wenn man Procter & Gamble hieß. Aber es war keineswegs klar, ob man einen vollkommen unbekannten Gemüseschneider loswurde, wenn man Mel Korey und Ron Popeil hieß und Anfang zwanzig war. Die beiden gingen das Risiko ein, und zu ihrer eigenen Überraschung zahlte es sich aus.

»In Butte in Montana gab es einen Laden, Hennessy’s hieß der«, fährt Korey fort. »Das war ein verschlafenes Provinzkaff. Der Ort hat fast nur aus ein paar Kneipen bestanden, kein Haus hatte mehr als drei Stockwerke. Butte hatte 27 000 Einwohner und einen Fernsehsender. Ich bin mit dem Veg-O-Matic in den Laden und die haben mir gesagt: ›Gut, wir nehmen eine Kiste. Wir haben nicht viel Kundenverkehr.‹ Ich komme in den Fernsehsender, und der sieht aus wie ein Müllhaufen. Der einzige Kerl da ist blind und taub. Also stelle ich meine Rechnung auf. Fünf Wochen kosten 350 Dollar. Wenn ich 174 Maschinen – sechs Kisten – verkaufe, dann bin ich zufrieden. Ich fahre also zurück nach Chicago, und als ich ins Büro komme, klingelt das Telefon. Sie sagen mir: ›Wir sind ausverkauft. Schickt uns noch sechs Kisten Veg-O-Matics.‹ Am nächsten Montag klingelt das Telefon wieder. Wieder Butte: ›Wir haben 150 Vorbestellungen.‹ Ich schicke noch mal sechs Kisten. Immer wenn das Telefon geklingelt hat, haben wir uns angeschaut und gesagt: ›Butte, Montana.‹« Selbst heute, Jahrzehnte später, kann Korey es kaum fassen. »Wie viele Haushalte hat dieser Ort gehabt? Ein paar Tausend? Wir haben dort in fünf Wochen zweieinhalbtausend Veg-O-Matics verkauft!«

Warum war der Veg-O-Matic ein derartiger Erfolg? Es lag wahrscheinlich auch daran, dass viele Menschen nach einer einfacheren Möglichkeit suchten, ihr Gemüse zu schneiden. Aber es war mehr als das: Der Veg-O-Matic war das perfekte Zusammenspiel zwischen dem Medium (dem Fernsehen) und der Botschaft (dem Gerät). Der Veg-O-Matic war vollkommen transparent. Sie nehmen eine Kartoffel, |34|schieben sie durch einen teflonbeschichteten Ring und – voilà! – auf der anderen Seite kommen Pommes heraus. Es mussten keine Knöpfe gedrückt werden, es gab keinen versteckten und furchteinflößenden Motor. Mit einem zweiminütigen Spot ließ sich der Veg-O-Matic erklären und jede Befürchtung gegenüber der neuen Technologie ausräumen. Die Kamera ließ sich genau auf das Gerät einstellen und lenkte die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz auf das Produkt. Damit erreichte das Fernsehen genau das, worum es dem besten Straßenhändler in seinen Live-Vorführungen ging: Es machte das Produkt zum Star.

6.

Diese Lektion sollte Ron Popeil nie vergessen. Sein Werbefilm über den Showtime beginnt nicht mit ihm, sondern mit Bildern von Fleisch und Geflügel, die sich beinahe obszön glänzend im Grillofen drehen. Eine Stimme aus dem Off kommentiert jede Einstellung: »ein leckeres Hähnchen«, »eine saftige Ente«, »ein appetitlicher Lendenbraten« und so weiter. Erst dann begegnen wir Ron. In Trainingsjacke und Jeans erklärt er, wie schmutzig und unangenehm ein herkömmlicher Grill ist. Er schlägt mit dem Hammer gegen die Tür des Showtime, um seine Robustheit zu demonstrieren. Geschickt bereitet er ein Hähnchen vor, schiebt es auf den patentierten, zweizackigen Bratspieß und hängt diesen in den Ofen. Dann wiederholt er den Prozess mit zwei weiteren Hähnchen, mit marinierten Lachssteaks und einem Braten. Die ganze Zeit hält die Kamera auf seine Hände, die dauernd in Bewegung sind und elegant den Showtime bedienen, während seine beruhigende Stimme den Zuschauern jeden einzelnen Schritt erklärt. »Ich schiebe es einfach nur hier durch. Es ist ganz einfach. Dann mache ich es hier drüben fest. Jetzt will ich noch mit ein paar Kräutern nachwürzen. Ich schiebe es einfach nur zurück. Ich mache die Glastür auf. Ich stelle den Ofen auf eine Stunde ... Einstellen und vergessen.«

Warum ist diese Vorführung so wirkungsvoll? Weil der Showtime, genau wie der Veg-O-Matic vor ihm, so entworfen wurde, dass er der |35|Star ist. Von Anfang an wusste Ron, dass die Tür vollständig aus Glas sein und schräg angebracht werden musste, um so viel Licht wie möglich in den Ofen zu lassen. Auf diese Weise waren das Hähnchen, der Truthahn oder der Braten, die sich im Innern drehten, ständig sichtbar. Alan Backus erinnert sich, dass Ron nach der ersten Version des Showtime besessen war von der Qualität und Gleichmäßigkeit der Bräune und zu dem Schluss kam, dass die Rotationsgeschwindigkeit des Spießes noch nicht optimal war. Ursprünglich drehte sich der Spieß mit vier Umdrehungen pro Minute. Ron machte in seiner Küche einen Vergleichstest und grillte ein Hähnchen nach dem anderen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, bis er überzeugt war, dass er bei sechs Umdrehungen pro Minute die optimale Bräune erzielte. Ein Marketingexperte hätte vermutlich Fokusgruppen organisiert. Dann hätte er erklärt, dass Ron mit seinem Grillofen Lebensstil und Gesundheit verkaufte, und davon abgeraten, Hunderttausende Dollar auszugeben, um die Produktion umzustellen und eine noch goldenere Bräune zu erzielen. Doch Ron wusste, dass die perfekte Bräune entscheidend war, genau wie die schräge Glastür: Jeder Aspekt des Designs musste die Transparenz und Effizienz des Geräts während der Vorführung sichtbar machen – je besser es auf der Bühne aussieht, um so einfacher ist es für den Verkäufer am Ende, die Kurve zu kriegen und zu kassieren.

Wenn Ron der Erfinder des Videorekorders gewesen wäre, dann hätte er das Gerät also nicht einfach in einem Werbefilm verkauft. Er hätte den Videorekorder selbst schon so entworfen, dass er der Hauptdarsteller eines Werbefilms wäre. Er hätte beispielsweise niemals eine Digitaluhr eingebaut. (Nicht umsonst ist das unselige Blinken der zurückgesetzten Uhr zu einem Symbol der Frustration geworden.) Das Band würde nicht in einen verborgenen Schacht verschwinden, sondern wäre gut sichtbar wie das Hähnchen im Grillofen, damit man zusehen könnte, wie sich während der Aufnahme die Spulen drehen. Die Bedienelemente wären keine diskreten Knöpfchen, sondern sie wären groß und würden beim Drücken beruhigend laut klicken. Jeder Schritt der Programmierung wäre mit einer großen Nummer versehen, |36|und Sie könnten Ihren Videorekorder einfach einstellen und vergessen. Rons Videorekorder wäre aus rotem und weißem Kunststoff mit durchsichtigen Wirbeln, oder aus 364 Alcoa-Aluminium in einer kräftigen Primärfarbe, und er würde oben auf dem Fernseher stehen, damit ihn Freunde und Nachbarn beim Besuch sofort sehen könnten und staunen würden: »Wow, Sie haben ja einen Ronco Tape-O-Matic!«

7.

Ron Popeil hatte keine glückliche Kindheit. »Ich erinnere mich daran, wie ich mir eine Ofenkartoffel gemacht habe. Ich glaube, ich war damals vier oder fünf«, erzählt er mir. Wir sitzen in seiner Küche und haben gerade ein paar Spare Ribs aus seinem Showtime probiert. Es ist nicht einfach, ihm einige Erinnerungen zu entlocken, denn er hält sich nicht gern mit der Vergangenheit auf. »Ich konnte die Kartoffel gar nicht schnell genug hinunterschlingen, so einen Hunger hatte ich.« Normalerweise ist Ron dauernd in Bewegung, er gestikuliert mit den Händen, schnippelt Gemüse und läuft hin und her. Doch nun hält er inne. Seine Eltern trennten sich, als er noch ein kleiner Junge war. S. J. zog nach Chicago. Rons Mutter verschwand. Er und sein älterer Bruder Jerry wurden in ein Internat im Bundesstaat New York gesteckt. »Meine Mutter habe ich nur ein einziges Mal gesehen. Meinen Vater habe ich erst wieder getroffen, als ich mit dreizehn nach Chicago gezogen bin. Ich erinnere mich an einen Sonntag im Internat, an dem die Eltern ihre Kinder besucht haben. Meine Eltern sind nie gekommen. Ich habe gewusst, dass meine Eltern nicht kommen, aber ich bin raus gegangen und habe über die Felder geschaut, die Straße entlang.« Er machte eine Wellenbewegung mit der Hand, als wolle er die Landstraße andeuten, die sich am Horizont verlor. »Ich habe an der Straße gestanden und geweint, und habe bei jedem Auto gehofft, es könnten mein Vater und meine Mutter sein. Aber sie sind nie gekommen. Das ist alles, an was ich mich aus meiner Zeit im Internat erinnere.« Ron sitzt unbeweglich da. »Ich habe in meinem ganzen Leben nie eine Geburtstagsparty |37|gehabt. Meine Großeltern haben uns aus dem Internat geholt, und wir sind nach Florida gezogen. Mein Großvater hat mich im Bett festgebunden, an Händen und Füßen. Warum? Ich hatte die Angewohnheit, auf dem Bauch zu liegen und mit dem Kopf auf und ab zu zucken. Warum? Wie? Keine Ahnung. Aber er hat mich am Bett festgezurrt, und wenn ich es mitten in der Nacht irgendwie geschafft habe, mich umzudrehen und zu zucken, dann ist mein Großvater aufgewacht und hat mich verdroschen.« Ron machte eine Pause, dann fügte er hinzu. »Ich habe ihn nicht ausstehen können. Meine Mutter und ihre Familie habe ich nicht gekannt. Das ist alles. Nicht viel, an das man sich erinnern könnte. Natürlich sind eine Menge andere Sachen passiert. Aber die sind alle weg.«

Als Ron mit dreizehn Jahren mit seinen Großeltern nach Chicago zog, musste er in der Fabrik von Popeil Brothers arbeiten. Aber nur an den Wochenenden, wenn sein Vater nicht da war. »Zum Mittagessen gab’s Dosenlachs und Weißbrot«, erinnert er sich. »Ob ich bei meinem Vater gelebt habe? Nie. Ich habe bei meinen Großeltern gewohnt.« Als er Verkäufer wurde, gab ihm sein Vater nur eine einzige Hilfestellung: Er gab ihm Kredit. Mel Korey erzählt, er habe Ron einmal von der Universität nach Hause gefahren und vor der Wohnung des Vaters abgesetzt. »Er hatte einen Wohnungsschlüssel, und als er reinkam, war sein Vater schon im Bett. Sein Vater hat gefragt: ›Bist du’s, Ron?‹ Ron hat ›Ja!‹ geantwortet. Aber sein Vater ist nicht rausgekommen. Auch am nächsten Morgen hat ihn Ron nicht gesehen.« Später, als Ron sein eigenes Unternehmen gründete, wurde er bei Popeil Brothers zur unerwünschten Person. »Danach hatte Ron keinen Zutritt mehr«, erinnert sich einer der Partner von S. J. »Er durfte nicht mehr zur Tür rein. Er hatte keinen Anteil an gar nichts.« Ron sagt einfach: »Mein Vater war nur Geschäft. Persönlich habe ich ihn nicht gekannt.«

Und das von einem Mann, der sein Leben nach dem Vorbild seines Vaters ausrichtete, der in das dasselbe Geschäft einstieg, sich mit derselben rückhaltlosen Leidenschaft den Küchengeräten verschrieb und seine Karriere mit dem Verkauf der Geräte des Vaters begann. Aber |38|wo war der Vater? »Zusammen hätten sie Wunder vollbringen können«, sagt Korey kopfschüttelnd. »Ich erinnere mich, wie wir einmal mit K-tel über einen Zusammenschluss sprachen. Die meinten, zusammen wären wir eine Dampfwalze. Ron und sein Vater wären auch eine Dampfwalze gewesen.« Trotzdem wirkt Ron nicht im geringsten verbittert. Als ich ihn einmal frage: »Wer sind Ihre Vorbilder?«, nennt er ohne zu zögern seinen guten Freund Steve Wynn. Dann schweigt er einen Moment lang und fügt hinzu: »Und mein Vater.« Trotz allem ist das Vorbild des Vaters von unschätzbarem Wert für Ron. Und was machte er aus diesem Erbe? Er übertraf es. Er erfand den Showtime Grillofen, ein besseres Gerät als der Morris-Hobel, der Chop-O-Matic und der Veg-O-Matic zusammen.

Als ich Arnold Morris in Ocean Township besuchte, führte er mich auf den jüdischen Friedhof Chesed Shel Ames, der auf einem kleinen Hügel über der Stadt liegt. In Arnolds weißem Mercedes fuhren wir durch die ärmeren Stadtviertel. Es regnete. Am Eingang zum Friedhof lungerte ein Mann im Unterhemd herum und trank Bier. Wir betraten den Friedhof durch ein kleines, verrostetes Tor. »Hier fängt alles an«, sagte Arnold, und meinte damit, dass alle, der gesamte leidenschaftliche und zerstrittene Klan, hier begraben waren. Wir gingen an den Reihen der Gräber entlang, bis wir in einer Ecke die Grabsteine mit dem Namen Morris fanden. Da war Nathan Morris, der Mann mit dem Strohhut und dem opportunen Herzinfarkt, und neben ihm seine Frau Betty. Ein paar Gräber weiter lag Kidders Morris, der Patriarch der Familie, mit seiner Frau. Und einige Schritte entfernt war das Grab von Irving Rosenbloom, der auf Long Island mit Kunststoffen ein Vermögen verdient hatte. Auch die Popeils lagen hier, einer neben dem anderen: Rons Großvater Isadore, der hinterhältig war wie eine Schlange, und dessen Frau Mary; S. J., der seinem Sohn die kalte Schulter zeigte, und Rons Bruder Jerry, der früh starb. Von ihnen stammt Ron ab, doch er gehörte nicht zu ihnen. Langsam ging Arnold an den Grabsteinen vorüber, während der Regen auf seine Baseballmütze prasselte. Dann sagte er: »Ich wette, dass Sie Ronnie hier nie finden werden.«

|39|8.

Eines Samstagabends kam Ron Popeil in die Zentrale des Fernseh-Shopping-Kanals QVC, eines riesigen, glitzernden Komplexes in den bewaldeten Vororten von Philadelphia. Ron ist Stammgast bei QVC. Hier strahlt er nicht nur seine Werbefilme aus, sondern er tritt auch regelmäßig live auf. Für den folgenden Sonntag hatte er bei QVC acht Stunden Livesendung gebucht, beginnend mit einer speziellen Ronco-Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens. Ron reiste in Begleitung seiner Tochter Shannon, die mit dem Verkauf des Ronco Lebensmitteltrockners auf Verbrauchermessen ihr Handwerk gelernt hatte. Die beiden sollten sich über die gebuchten Stunden abwechseln. Verkauft werden sollte der Digital Jog Dial, eine schwarze Sonderausgabe des Showtime mit Digitaluhr, die nur an diesem Tag und zu einem Vorzugspreis von 129,72 Dollar erhältlich war.

Im Studio baute Ron achtzehn Grillöfen auf fünf holzvertäfelten Arbeitstischen auf. Aus Los Angeles hatte er in Dutzenden Styroporcontainern das Fleisch einfliegen lassen, das er im Laufe der Sendung verarbeiten wollte: acht 15 Pfund schwere Truthähne, 72 Hamburger, acht Lammkeulen, acht Enten, mehr als dreißig Hähnchen, zwei Dutzend Wachteln und so weiter. Dazu kamen verschiedene Beilagen, Forellen und Würste, die er an diesem Morgen in drei Supermärkten in Philadelphia eingekauft hatte. Die Tagesvorgabe waren 37 000 Geräte oder ein Umsatz von 4,5 Millionen Dollar in 24 Stunden. Es war ein langer Tag, selbst gemessen an den Standards des Senders.

Ron schien angespannt. Er schnauzte die Produzenten und Kameraleute an, die im Raum herumschwirrten. Er fummelte an den vorbereiteten Beilagen herum, mit denen er das Fleisch präsentieren wollte, wenn er es frisch aus dem Ofen holte. »Das geht so nicht«, motzte er und starrte auf einen Teller mit Kartoffelbrei und Soße. »Ich brauche mehr Soße.« Er hinkte ein wenig. »Der Druck ist riesengroß«, sagte er müde. »›Wie ist Rons Auftritt? Ist er immer noch der Beste?‹«

Wenige Minuten vor Sendebeginn schlüpfte Ron in die Garderobe neben dem Studio und sprühte sich GLH ins Haar. Ein paar Sprühstöße, dann heftiges Bürsten. »Wo ist Gott?«, rief sein Assistent Rick |40|Domeier und suchte theatralisch nach dem Gaststar. »Ist Gott hinter der Bühne?« Ron betrat das Studio in einem blendend weißen Kochkittel, und es ging los. Ron schnitt eine Lammkeule an. Er spielte mit der Uhr des neuen digitalen Showtime. Er bewunderte die knusprige, leckere Haut der Ente. Er erörterte die Vorteile der neuen Warmhaltevorrichtung, mit der das Gerät nach Ende der Garzeit noch bis zu vier Stunden bei niedriger Hitze weiterrotierte, um den Saft in Bewegung zu halten. Gleichzeitig schäkerte er vollkommen überzeugend mit den Zuschauern, die im Studio anriefen. Man konnte meinen, er stünde wieder vor dem Woolworth an der Ecke von State und Washington Street und hypnotisiere Sekretärinnen.

Im Green Room standen zwei Computerbildschirme. Eine Grafik auf dem ersten zeigte an, wie viele Anrufe pro Minute hereinkamen. Auf dem zweiten war ein Balken zu sehen, der den bisherigen Verkauf darstellte. Während Ron sich langsam warm lief, verließen die Mitarbeiter einer nach dem anderen das Studio und versammelten sich um die Computerbildschirme. Zuerst Shannon Popeil. Es war 0:40 Uhr. Im Studio hackte Ron mit einem Dial-O-Matic seines Vaters Zwiebeln. Sie sah auf den zweiten Bildschirm und stieß einen leisen Schrei aus. Nach vierzig Minuten hatte Ron bereits 700 000 Dollar erreicht.

Ein Manager des Senders kam herein. Ron stürmte weiter und war um 0:48 Uhr bei 837 650 Dollar. »Unmöglich!«, rief der Mann von QVC. »Unglaublich!« Zwei Produzenten traten hinzu. Einer zeigte auf den ersten Monitor, der die Zahl der Anrufe anzeigte. »Wie das springt!«, rief er. Es blieben nur noch wenige Minuten. Ein letztes Mal rühmte Ron die Tugenden des Ofens, und die Grafik machte einen weiteren Satz nach oben, als Zuschauer im ganzen Land die Geldbörsen zückten. Die Zahlen auf dem zweiten Bildschirm verschwammen, während die Summe in Sprüngen von 129,72 Dollar plus Versandkosten in die Höhe schnellte. »Wir kommen auf eine Million, und das in der ersten Stunde«, staunte einer der Mitarbeiter des Senders mit Ehrfurcht in der Stimme.

Es war eine Sache, zu hören, dass Ron der beste Verkäufer aller Zeiten war, und eine andere, mit eigenen Augen den Beweis dafür zu |41|sehen. In diesem Moment ging die Tür auf und ein Mann kam herein, leicht gebückt und müde, aber mit einem Lächeln im Gesicht. Es war Ron Popeil, der in seiner Küche einen hervorragenden Grillofen erfunden und ihn selbst auf der Straße verkauft hatte. Ein Schweigen legte sich über den Raum, dann sprangen alle auf und jubelten.

30. Oktober 2000

|42|Das Ketchup-Rätsel

Es gibt Dutzende Senfsorten.

Warum nur einen Ketchup?

1.