Was ich getan habe - Anna George - E-Book

Was ich getan habe E-Book

Anna George

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Beschreibung

Davids wunderschöne Frau liegt tot in ihrem gemeinsamen Haus. Sie hatten eine obsessive Ehe, er war so hingerissen von ihrer Schönheit, ihrer Freiheit, ihrer Stärke. Eine leidenschaftliche und intensive Liebe – bis zu dieser Nacht, in der Schreckliches geschehen ist ... Wozu kann ein Mensch fähig sein? Dunkel, aufwühlend und schockierend – »Was ich getan habe« ist ein packender Thriller über das tödliche Risiko, das man eingeht, wenn man liebt.

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EPUB

Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Zum Buch

Davids Frau liegt tot in ihrem gemeinsamen Haus. Sie hatten eine obsessive Ehe, er war so hingerissen von ihrer Schönheit, ihrer Freiheit, ihrer Stärke. Eine leidenschaftliche und intensive Liebe – bis zu dieser Nacht, in der Schreckliches geschieht … Wozu kann ein Mensch fähig sein? Dunkel, aufwühlend und schockierend – »Was ich getan habe« ist ein packender Thriller über das tödliche Risiko, das man eingeht, wenn man liebt.

Zur Autorin

ANNA GEORGEarbeitete als Anwältin, beim Film und für das Fernsehen. Sie studierte Kreatives Schreiben und hat Drehbücher geschrieben. Momentan arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Melbourne.

ANNA GEORGE

WAS ICH GETAN HABE

THRILLER

Aus dem australischen Englisch von Henriette Zeltner

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »What Came Before« bei Penguin Australia, Melbourne.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung August 2017

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Anna George

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

mr · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-20756-4V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

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Für Jason

»Mein Name ist David James Forrester. Ich bin Anwalt. Heute Abend um 18 Uhr 10 habe ich meine Frau getötet. Dies ist meine Aussage.«

Er steckt sich eine Zigarette in den Mund, hält das Diktiergerät in der anderen Hand. Der Wagen scheint sich selbst zu lenken. Er denkt über den Unterschied zwischen einräumen und gestehen nach. Räum ein Detail eines Verbrechens zu viel ein, und du hast gestanden. Das gilt auch für Mord. An so viel kann er sich noch erinnern.

Er stoppt die Aufnahme.

Sein Auto rollt so langsam mitten auf der Tennyson Street, dass der Motor fast abstirbt. Seddon, dieser Vorort im Westen von Melbourne, umfängt ihn mit Stille. Er starrt auf Lattenzäune und Rosensträucher. Die traditionellen Schindelhäuser, alle so wie ihres: symmetrische Front, zweifarbig und makellos gepflegt. Früher hatte diese Gleichförmigkeit sie zum Lachen gebracht und ihn auch. In den letzten ungefähr zehn Jahren des Imagewandels – vom Arbeiterviertel zum Quartier der jungen Karrieretypen – schien ganz Seddon nur einen einzigen Maler für die Fassaden und eine einzige Gärtnerin beauftragt zu haben.

»Ein beschäftigtes Paar«, hatte sie gemeint, »mit begrenztem Geschmack.«

Aber heute Abend sieht er in all den aufgehübschten Häusern nur trostlose Repliken des Tatorts.

Er schließt die Augen. Der Motor zittert und stirbt ab.

Das Diktiergerät rutscht ihm aus der Hand, prallt aufs Lenkrad und fällt ihm in den Schoß. Die Klappe springt auf, er sieht das Band. Und raucht. Er denkt an die Geschichte, die er zu erzählen hat, und an seinen Schmerz. Normalerweise kann er seine Gedanken ordnen, ohne sie irgendwo festzuhalten. Aber gelingt ihm das heute Abend? Wenn die Tat noch frisch ist und seine Hände schmerzen? Vielleicht nicht. Aber er muss es versuchen, bevor seine Worte verdreht werden und seine Erinnerung sich trübt. Bevor seine Schuld zum Faktum wird. Er greift nach der Kassette mit dem abgespulten Band. Ihm ist schlecht.

Er drückt die Tür auf. Die Kälte schlägt ihm ins Gesicht, während er auf die Straße kotzt.

Wenigstens kennt er sich in Sachen Aussagen aus. Seit über zwanzig Jahren hat er Tausende aufgenommen. Auch wenn die von ihm Befragten meist nur mürrische Banker sind, gelten doch die gleichen Prinzipien. Anklagen oder angeklagt werden, das ist eine emotionale Angelegenheit. Und er ist zu einem professionellen Händchenhalter geworden. Er sagt diesen Typen mit zitterndem Kinn, sie sollten sich einfach und mit ihren eigenen Worten ausdrücken, aber das ist, wie er jetzt merkt, eine schwierige Aufgabe. In der Dämmerung kotzt er noch einmal auf die Straße und richtet sich dann wieder auf. Seine Gedanken sind jetzt klar. Er wird die Sache chronologisch strukturieren. So werden die Handlungen, die gemeinsam das Verbrechen ergeben, nicht stundenlang zerpflückt. Was zuvor passiert ist, was jemand getan hat, prägt die Schuld, offenbart sie. Denn erst wenn der Schaden eingetreten ist, interessiert sich überhaupt jemand dafür, was zuvor geschah.

Mit revoltierendem Magen lässt er den Wagen wieder an und am Bordstein entlangrollen. Er parkt vor dem einzigen Haus mit Ziegelfassade in der Tennyson Street. Dann steckt er seinen kleinen Finger in das Rädchen in der Mitte der Kassette und dreht, als würde er sich das Ohr putzen. Er sieht, wie sich das Band glatt aufrollt. Und ein Bild steigt in ihm auf. Dieses Bild ist der Schlüssel zu seiner Geschichte, vielleicht so entscheidend wie dieser eine Winterabend. So sehr es auch schmerzt, er kann ihm nicht entgehen. Sie sitzt rittlings auf ihm, groß, schimmernd und nackt.

Kapitel 1

Es war Mitte August, also vor fast genau zwei Jahren. Er kaufte sich eine Karte für Sprich mit ihr im Rahmen einer Almodóvar-Retrospektive, als er sie, allein, zwei Menschen weiter, in der Schlange stehen sah. Er erkannte sie sofort wieder, obwohl er ihr vorher nur einmal begegnet war. Er beobachtete sie, wie sie etwas über den spanischen Regisseur las. Aus der Nähe betrachtet war sie, streng genommen, nicht hübsch. Ihrem Gesicht fehlte die Symmetrie, ihre Nase war nach links gebogen und ein Augenlid etwas schwerer als das andere, trotzdem sah sie gerade wegen dieser Makel so viel besser aus als andere. Er war hingerissen von ihrem olivfarbenen Teint und ihrem Haar, das sie jetzt nicht mehr »anwältinnenglatt« und schulterlang trug, sondern das etwas von der wilden Mähne eines Straßenkinds hatte. Er vermutete, dass diese Veränderung für ihren spektakulären neuen Look verantwortlich war. In ihrem herzförmigen Gesicht wirkten die hellen Augen riesig und ätherisch.

Falls er einen Typ hatte, dann war sie es. Er stellte sich ihr vor, und sie plauderten. Nach dem Film ging sie mit ihm in die überfüllte Bar auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom Sun Theatre. Sie diskutierten gerade Almodóvars Frühwerk, als sie sich, irgendwie intuitiv seine Müdigkeit spürend, von hinten an ihn schmiegte und mit den Händen über seine Schultern strich. Dann ließ sie ihre Fingerspitzen auf seinem Nacken liegen, als bitte sie um Erlaubnis. Da er nichts sagte und sich auch keinen Schritt wegbewegte, begann sie ihn mit ihren langen Fingern unterhalb seines Haaransatzes zu massieren.

»Ist das besser?«, flüsterte sie.

Ah, jaa, dachte er und wagte nicht zu sprechen. Was sie tat, war gewissermaßen überstürzt, aber doch so passend, es beseitigte etwas zwischen ihnen, wofür man auch Stunden, wenn nicht sogar Tage hätte brauchen können.

Gegen ein Uhr nachts küssten sie sich in einem Taxi auf dem Weg zu ihr. Ihr kleines Haus im viktorianischen Stil war cremefarben und grün verziert und mit hohen Decken. Es gefiel ihm, vor allem die Einrichtung im Stil der Alten Welt mit europäisch-asiatischem Flair. Sie hatte ein Händchen für Art-déco-Möbel vom Trödel, chinesische Stiche, Sideboards und Lampen. Die Räume waren mit grünen und blauen türkischen Teppichen ausgelegt; an den Wänden hingen Bilder von Meer und Bäumen, gemalt von ihm unbekannten Künstlern. In jedem Zimmer quollen die Bücherregale über. Er hätte nie erwartet, dass eine junge ungebundene Frau so ein Haus bewohnte. Auch wenn sie ihm erzählte, es erst kürzlich gekauft zu haben, war nichts daran halb fertig, nichts vorläufig. Als sie dann auch noch ihren Kühlschrank öffnete, der randvoll mit Obst und Gemüse war, fühlte er sich geradezu eingeschüchtert.

»Möchtest du ein Omelett oder einen Teller Antipasti?«, fragte sie.

»Nichts, danke.«

Seine Nerven ließen ihm nichts bis auf sein Lächeln. Sie hatte dieselbe Ausstrahlung, seit er sich ihr vorgestellt hatte – offen, warmherzig, unkompliziert. So anders als seine Erwartungen an sie. Er wurde nicht schlau aus ihr.

Sie führte ihn durch ihr Wohnzimmer, das vom Lampenschein erhellt und von einem gasbetriebenen Kaminfeuer geheizt war, in ein Esszimmer mit einem honigfarbenen Holztisch und Stühlen. Er schaffte es, die Einrichtung zu bewundern, und sie schien sich darüber zu freuen.

»Aufgearbeitete viktorianische Esche, dank Victoria-Film und ihrem Programm für Drehbuchentwicklung«, sagte sie und bewegte sich auf ihn zu. Er musste verwirrt gewirkt haben. »Die Förderung sollte meinem Drehbuch Daisy vom Entwurf zur zweiten Fassung verhelfen.«

Das war die erste direkte Anspielung auf ihre neue Karriere gewesen. Im Verlauf des Abends hatten sie zwar ihre gemeinsame Leidenschaft für Arthaus-Filme entdeckt, aber nicht über ihre Rolle in der Filmbranche gesprochen.

Er machte zustimmende Geräusche, als sie seinen Gürtel öffnete. Die Sitzkissen waren mit feinem olivfarbenen Wildleder bezogen. Es fühlte sich auf der Haut seidig an. Dem Drehbuchschreiben zuträglich, vermutete er.

Gegen 1 Uhr 30 waren sie beide nackt, und sie saß rittlings auf ihm, während er auf einem der Esszimmerstühle Platz genommen hatte. Ihr Atem an seinem Hals war feucht, ihr Griff fest, umschließend, wie er es mochte. Praktisch alles, was sie getan hatte, war so gewesen, wie er es mochte: einfühlsam und spielerisch. Vor etwa zwanzig Minuten hatte sie ihn wieder geküsst. Den Rhythmus vorgebend, bog sie sich jetzt auf ihm, die schlanken Arme um ihn geschlungen. Seine Haare zwischen ihren Fingern auf seinen Schultern. Auch sein Rücken war behaart. Leicht rötlich. Er hatte sie beobachtet, als sein Hemd fiel, und im ersten Moment schien sie geradezu schockiert gewesen zu sein. Aber nun, im Licht des Kaminfeuers, sah er, wie sie den rot-golden glitzernden Flaum anschaute.

»Als ich heute Morgen aufstand, war das noch nicht da«, flüsterte er.

»Mir gefällt’s.« Sie bewegte sich langsam auf ihm. »Und ich mag deine Zähne und die Lücke und deine Lippen …« Sie fuhr sie mit der Fingerspitze nach. »Genau richtig, um zu sehen, wann du lächelst, und genau richtig um …« Sie küsste ihn sanft, und er unterdrückte ein Stöhnen. »Und ich mag dein krauses Haar«, sagte sie und vergrub ihre Finger darin, »mit den rötlichen Strähnen. Das passt zu den Haaren auf deinem Rücken.« Sie grinste.

An Plaudereien beim Koitus nicht gewöhnt, küsste er sie verlegen. Aber sie amüsierte sich weiter. »Keine der Einzelheiten deines Gesichts ist besonders umwerfend«, sagte sie und lehnte sich zurück, »aber alle zusammen sind unwiderstehlich.«

Er starrte sie an, verblüfft von ihrem scharfen Auge.

Sie lachte. »David, das ist ein Kompliment.«

Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Körper. Geschmeichelt und erleichtert beobachtete er sie. Es dauerte nicht lange, bis sie schnell und synchron atmeten. Mit geschlossenen Augen spürte er jedes Detail: ihre Oberschenkelmuskeln auf seinen, ihre Zungenspitze an seinem Ohr, ihre Hand auf seinem Nacken. Er würde jede Sekunde kommen. Er öffnete die Augen, um sich zu versichern, dass sie aus Fleisch und Blut war und nicht die Doppelgängerin, von der er vor vier Jahren geträumt hatte. Er bewegte seine Hüften. Sie stöhnte. Lehnte sich zurück. Er betrachtete ihren Hals und die blauen Augen, die sich hell und strahlend von ihrer melassefarbenen Haut abhoben. Er versuchte, an sich zu halten. Das war nicht leicht. Als sie dann nach Luft schnappte, bemerkte er den Schweißfilm auf ihrer Oberlippe, unter ihren Brüsten, zwischen ihren Schenkeln. Als würde sie schmelzen. Überall auf ihm. Es widerstrebte ihm zu unterbrechen, aber irgendwie fühlte er sich dazu verpflichtet.

»Du«, sagte er, »ich glaube, du urinierst auf mich.«

Im Raum herrschte Stille, bis auf ihrer beider Atem und das Brummen der Heizung. Keiner rührte sich. Er hielt den Blick auf sie gerichtet und betete darum, dass er den zarten Faden, mit dem sie sie beide eingesponnen hatte, nicht zerrissen hatte.

»Was hast du gesagt?«, flüsterte sie.

»Ich glaube du uri…«

»Was?«

Sie erhob sich, und die Innenseiten ihrer Schenkel tropften. Sein Schritt war nass und die Hälfte des Wildleders ebenfalls. Sie berührte das Kissen und führte ihre Finger mit großen Augen an ihre Nase.

»Ich könnte ein Handtuch brauchen«, sagte er. Ihre Miene konnte er nicht deuten, aber ihre Wangen brannten. »Ist okay«, sagte er mit einem schwachen Lächeln. »Nur sehr nass.«

Bevor er noch mehr sagen konnte, flitzte sie zur Tür.

Sein Herz raste noch, während er sich die Indizien ansah. Er befühlte den Stuhl, hielt inne. Seit seine Frau gegangen war, betrauerte er das umgekehrte Verhältnis von Hygiene und Sex. Oft war es besser, die Gerüche nicht zu identifizieren. Wenn er nur nicht so deutlich gewesen wäre. Er roch an den nassen Fingern, als er aufschaute und sie schon wieder reinkommen sah, mit Handtüchern im Arm. Sie sah unglaublich groß aus und blieb zögernd im Türrahmen stehen.

»Nun?«, sagte sie. »Wie lautet das Urteil?«

Es gab kein Entkommen. Er schnüffelte. »Geruchlos«, sagte er erleichtert. »Definitiv.«

»Ha, wusste ich’s doch!«, sagte sie strahlend. Aber auch über ihr Gesicht huschte Erleichterung, als sie ihm ein Handtuch zuwarf.

In ihrer Einbauküche saß er auf einer Bank und aß Toast mit vegetarischem Aufstrich. Das Kondom war entsorgt, das Kissen lehnte am Gasfeuer.

»Vor vier Jahren«, sagte er, »hatte ich gerade bei Freeman & Milne angefangen, als ich in deine Abschiedsparty stolperte.«

Genussvoll aß sie ihren Toast auf. »Ich weiß, und als Andrew Milne mit meiner juristischen Lobrede begann, hast du die Flucht ergriffen.«

Überrascht und erneut geschmeichelt konnte er nur nicken. Sie war damals Senior Associate gewesen, Anwärterin auf eine Partnerschaft, und er frischgebackener Partner in der Kanzlei. Als er hörte, dass sie gekündigt hatte, war er irritiert und beeindruckt gewesen. Er hatte ein Dutzend Jahre gebraucht, um das zu erreichen, was sie in fünf Jahren mit knapp dreißig geschafft hatte. Als er damals von ihr hörte, vermutete er, dass sie die richtigen Privatschulen besucht und in der belaubten östlichen Vorstadt von Melbourne aufgewachsen war – daher hatte man immer Großartiges von ihr erwartet. Er vermutete, die Tatsache, dass sie der Jurisprudenz den Rücken kehrte, war auch schon das Unvorhersehbarste an ihr. Jetzt wusste er, dass er sich in diesem Punkt geirrt hatte.

Auf sichererem, trockenerem Terrain sprachen sie über seine Kollegen und ihre früheren Chefs. Die höheren Ränge im juristischen Geschäft, die elitäre Inzucht. Es gab nur wenige, die sie beide kannten und mochten – trotz der zweihundertköpfigen Belegschaft bei Freeman & Milne.

»Ich fühlte mich dort immer wie das schwarze Schaf«, sagte sie.

Sie füllte am Spülbecken die Teekanne und lächelte. Er erinnerte sich daran, wie sie damals in dem Sitzungsraum ausgesehen hatte. Umgeben von Anwälten in der Mitte ihrer Karriere, wie ein Leuchtturm in einem Meer von Grau: lebhaft, greifbar, strahlend. Jetzt wusste er, warum. Anwälte ließen sich in drei Kategorien unterscheiden: die Minderheit der Gläubigen, die die Rechtspraxis liebten; die agnostische Mehrheit, die blieb (oder manchmal auch ging, aber wiederkam), weil sie nicht wusste, was sie sonst anfangen sollte; und die glücklichen Atheisten, die aufgrund einer anderen Berufung gingen. Er erkannte, dass sie zu Letzteren gehörte. Damals, in dem riesigen Sitzungsraum, hatte sie vor Glück gestrahlt. So wie heute Abend. Sie gemahnte ihn an seinen eigenen plattfüßigen Agnostizismus.

In ein marineblaues Handtuch gewickelt, spürte er, dass er eine schwelende Energie ausstrahlte. »Du bist intensiv«, sagte sie, »wie eine blaue Flamme.« Er musste lächeln. Sie schenkte schwarzen Tee ein. Die dampfende Flüssigkeit ergoss sich in einem Bogen aus der Kanne in den Becher. Mit der Rückseite seiner Finger berührte er ihre Wange, und sie ließ den Becher überlaufen – eine Reaktion, die ihn lächerlicherweise freute. Er meinte, sie erröten zu sehen, aber wegen des Dampfs vor ihrem Gesicht war er sich nicht sicher.

»Ist das schon mal passiert?«, fragte er.

Sie nippte an ihrem zu heißen Tee. »Nein.«

Wie sie so am Kühlschrank lehnte, in ihr Handtuch gewickelt, mit geradem Rücken und großen Füßen, erinnerte sie an einen imposanten Teenager am Schulzaun. Die Sorte Mädchen, die ihm immer gefallen hatte, denen er aber nur selten nähergekommen war. Definitiv erste Liga.

»Also, dann fühle ich mich geschmeichelt«, sagte er. »Ich habe bis jetzt von weiblicher Ejakulation nur gehört.«

Diesmal war ihre Farbe unverkennbar. »Ohne dich hätte ich das nicht hingekriegt.«

Er lachte, über ihre unbeholfene Prahlerei und das Erröten. Sie hätte fast alles sagen können, und er hätte es amüsant gefunden.

»Und es tut mir leid, dass es die Sache abgekürzt hat«, sagte sie.

»Muss es nicht. Ich bin vollauf befriedigt.«

Um ihre Verlegenheit in den Griff zu kriegen, ließ sie den Tee stehen und machte sich an den Abwasch. Er sprang von der Bank und nahm ihr ein benutztes Buttermesser aus der Hand. Wie sie so barfuß vor ihm stand, war sie noch immer groß. Ihm gefiel, dass sie den Kopf nicht neigen musste, um ihm in die Augen zu schauen. Wieder bemerkte er ihren Atem: frisch, vertraut, nach vegetarischem Aufstrich.

»Was machst du in zehn Stunden?«, fragte er und schlang seine Finger in ihre nasse Hand.

»Arbeiten.« Sie trat einen Schritt zurück. Trocknete sich die Hände ab. »Nimm das nicht persönlich, aber ich habe dich als meinen ersten One-Night-Stand verbucht.«

Stirnrunzelnd wischte er sich die Finger an seiner Brust ab, wobei ein paar Brösel hängen blieben. Er fragte sich, ob er ihre Aussage parieren sollte mit: Etwas anderes habe ich auch nicht gemeint oder etwas in der Art. »Und warum das?«

Sie zögerte. »Um zu sehen, wie sich das anfühlt, denke ich.«

»Und wie fühlt es sich an?«

»Aufregend, spaßig …« Sie hielt seinem Blick stand. »Und beendet.«

Er gab ihr zwanzig Sekunden, es sich noch mal anders zu überlegen. Oder um sich wenigstens seiner Wirkung auf sie bewusst zu werden. Als er auf sie zutrat, fuhr sie sich mit den Händen durch ihre Mähne. Und als er ihr mit den Fingern erneut über die Wange strich, wurde ihr Gesicht wieder rosig. Unter seinem intensiven Blick erzitterten ihre Lippen.

»Sag mir, ob irgendeine andere deiner Beziehungen so begonnen hat«, bat er.

Sie formte die Antwort mehr mit den Lippen, als sie auszusprechen: »Nein.«

»Und hat eine deiner anderen Beziehungen funktioniert?«

Kopfschüttelnd wurde sie wieder zu dem imposanten Schulmädchen. »Aber du bist geschieden«, sagte sie und rückte langsam von ihm weg, »und du bist alt, und du bist ein Anwalt.«

Er blinzelte, um sein Staunen zu kaschieren. »Autsch.«

»Und«, sagte sie, sich räuspernd, wie um mehr Autorität zu erlangen, »nach einem Anfang wie diesem geht es nirgendwo mehr hin.«

Seine rotbraunen Augen flackerten. »Und ob«, sagte er. »Wir können überallhin – um genau zu sein, überallhin, wo es Plastikbezüge gibt.«

Ihr Lachen war ein lautes, klares Geräusch in ihrer Küche. Und er stimmte mit ein.

Er weiß nicht, wo Erinnerungen gespeichert werden – in der rechten Gehirnhälfte, in der linken oder irgendwo dazwischen? Aber heute Abend pochen seine Schläfen, während in seinem Kopf knapp zwei Jahre alte Amateurfilme laufen. Angeschlagen auf dem Fahrersitz, wird er in eine Collage von ihr hineingezogen: über ihrem Laptop grinsend, wie sie Gemüselasagne kocht, beim Unkrautjäten zwischen ihren Tomaten. In ihren zweiundzwanzig gemeinsamen Monaten änderte sich ihre Stimme von fröhlich zu verzweifelt. Am Anfang aber leuchtete sie geradezu. Er schließt die Augen. Reue ist noch fern, aber bereits am Horizont zu erkennen.

Er stellt sie sich am Morgen nach ihrem ersten One-Night-Stand vor. Sie schlüpfte aus seinen Armen und wickelte sich in ein Handtuch. Und er sah ihr dabei zu. Ohne Make-up waren ihre Wangen und Lippen rosig, und ihre blauen Augen glitzerten im Kontrast zum zerzausten hellbraunen Haar. Sie war die von Natur aus farbenfrohste Frau, die ihm je begegnet war. Sie grinste ihn an und schnappte sich ihre Kleider vom Boden. Obwohl es Samstag war, spürte er, dass sie für ihre Arbeit am Schreibtisch schon spät dran war. Sein Wochenende war dagegen wie immer ziemlich leer.

»Sag mal, warum ausgerechnet romantische Komödien?«

Die Frage traf sie unvorbereitet, und das freute ihn. Am Vorabend hatte er ihre freche romantische Komödie nicht erwähnt, obwohl sie bei der Kritik wie beim Publikum ein Hit gewesen war. Als sie an diesem Morgen ihr Handtuch wieder feststeckte, ahnte er, dass sie in Bezug auf ihn noch schwankte. Also lächelte er sein schönstes sinnliches Lächeln.

»Schuld daran ist Katharine Hepburn«, sagte sie seufzend. »Ich bin mit Die Nacht vor der Hochzeit, Die Frau, von der man spricht und Sein Mädchen für besondere Fälle aufgewachsen.«

»Das war mit Rosalind Russell.«

Schon aufs Badezimmer zusteuernd, sagte sie über die Schulter hinweg: »Ja, ich weiß. Die ist auch schuld.«

Im Schneidersitz hockte er nackt auf ihrem Bett und rief: »Screwball-Komödien, was? Howard Hawks, George Cukor, Rededuelle und überraschende Wendungen?«

Sie schwieg kurz. »Ja, genau.« Dann richtete sie diese großen Augen wieder auf ihn. »Als Teenager dachte ich, das wäre der einzige Weg, mit dem anderen Geschlecht in Verbindung zu treten. Jahrelang habe ich auf irgendeinen schnell sprechenden Mann gewartet, der ohne mich nicht leben konnte.«

Sie schwieg wieder, offenbar von ihrer eigenen Antwort überrascht. Er sah ihr beim Nachdenken zu. Schon seit Beginn ihres gemeinsamen Abends hatte er versucht dahinterzukommen, warum sie Single war; dafür gab es schließlich immer einen Grund. Als sie jetzt so im Türrahmen stand, taxierte er sie. Ihre subtile Schönheit und Intelligenz. Früher hätte er versucht, sie zu zeichnen.

»Also«, sagte er, »jetzt schreibst du romantische Komödien, um anderen Leuten falsche Hoffnungen zu machen?« Er nahm ihre hochgezogene Augenbraue als angedeutetes Geständnis. »Das muss doch per Gesetz verboten sein.«

»Genau genommen«, sagte sie, »spenden diese Filme mir Trost.«

»Immer noch?«, fragte er und spürte sein Zutrauen wachsen. »Ich hole mir den beim Boxen und bei Goya.«

Als sie daraufhin lächelte, erhob er sich vom Bett.

Ihr Blick wurde ernst. »David«, sagte sie und machte danach eine kleine Pause. »Hast du meinen Film überhaupt gesehen?«

»Klar«, sagte er. »Zwei Mal. Er hat mir gefallen. Und nenn mich Dave.«

Sanft küsste er ihre geschwungenen Lippen. Er hielt ihren Kopf, der sich unter den Haaren warm anfühlte. Dann löste er das Handtuch und zog sie zurück auf die Matratze. Zu seiner Erleichterung ließ sie sich darauf ein, erneut mit ihm zu verschmelzen. Sechs Stunden später ging er.

In seinem Auto stöhnt er, und die Blackbox der Erinnerung schnappt zu. Mein Gott, sie war ein Geschenk. Eine der zwei Frauen in seinem Leben, die er geliebt hat. Die Ungeheuerlichkeit seiner Tat trifft ihn wie ein Schlag. Er ist vieles, denkt er – ein Trinker, ein Arschloch –, aber kein Killer. Er würde es nicht glauben, wenn es den Beweis nicht gäbe. Die Kratzer auf seinen Handrücken sind tief und lang und lassen das rohe Fleisch darunter sehen. Er hatte sich auf sie gelehnt, die Hände fest um ihren langen Hals gelegt, und mit seinen Daumen zugedrückt. Mehr hatte es nicht bedurft: sein Körpergewicht und seine beiden Daumen. Obwohl sie mit ihren Händen an seinen gekratzt hatte.

In seinem rechten Daumen steckt einer ihrer Fingernägel. Ein pinkfarbener schartiger Halbmond. Er zieht ihn heraus, und der Druck in seinem Bauch nimmt zu. Heftig.

Er rast über die Tennyson Street Richtung Yarraville Gardens. Der Segen einer Toilette. Oder ein dunkles Gebüsch. Der Schmerz wird stärker, und er schlingert. Er fürchtet, es nicht zu schaffen. Drei lange Minuten später kommt der Park in Sicht, und er bremst, reißt die Tür auf und rennt. In Sichtweite befindet sich der Hafen von Melbourne mit seinen Kränen und Containern. Was für ein gottverdammter Ort, denkt er. Der Schrottplatz der Stadt.

Das Toilettenhäuschen aus Beton ist eiskalt und nur von einer einzigen Glühbirne erleuchtet. Er stürzt in eine Kabine, reißt sich die Hose runter und erleichtert sich. Der Schwall ist kurz und heftig. Aber nicht die Erleichterung, die er erwartet hatte. Perplex kauert er über der alten hölzernen Klobrille. Er schließt die Augen und sieht sich selbst. Gebeugt und zitternd, schwitzend und frierend. Total außer sich.

Ohne Vorwarnung explodiert sein Mageninhalt in seiner Kehle. Der perfekte Hinterhalt. Er wirbelt herum, schafft es aber nicht mehr und bespritzt den Zementboden. Während es ihn würgt, spült er, um wenigstens von der Scheiße wegzukriegen, was geht. Mit dem Fuß tritt er die Klobrille hoch und kotzt wieder. Zu spät erinnert er sich an die zwei Gläser Rotwein und ihr selbst gemachtes Tsatsiki. Beim zweiten Mal schmeckt alles viel schlimmer. Und beim dritten Mal. Hätte er zu Mittag gegessen, hätte er bessere Karten gehabt. Auch ein Frühstück hätte ihn zustopfen können. Aber wie’s aussieht, muss er auch den Chinesen von gestern Abend noch mal durchleben, Dim Sims und alles. Er kotzt, und sein Arsch ragt wie eine bleiche rothaarige Einladung aus der Klokabine. Während er würgt, reißt er sich die Hose hoch und schließt den Gürtel.

Dreißig Jahre exzessives Trinken, aber nie hat er derart gekotzt. Er wischt sich mit dem harten Klopapier übers Gesicht. Atmet. Wartet. Würgt. Es ist, als würde ein Kobold in seinem Bauch sitzen und den Mageninhalt nach oben aus ihm herausschleudern, eine Handvoll nach der anderen.

Er starrt auf den ekligen Toilettenboden, dann auf die Spritzer auf seinen Schuhen. Er runzelt die Stirn. Das ist keine Kotze, Galle oder Scheiße. Seine Hose ist – an den Aufschlägen – dunkel verdreckt. Sein Blick wandert die Beine nach oben, und er stöhnt. Auf seinen Knien die gleichen Flecken, und sein blaues Hemd sieht aus wie die Schürze eines Schlachters.

Kapitel 2

Elle Nolan befindet sich auf den kühlen Fliesen ihrer Waschküche. Sie ist aber auch an der Decke, wo sie sich herrlich leicht fühlt, als wäre sie ein Luftballon. Schwebend und hellwach ist sie, furchtlos. Und ruhig. Aus ihrem dunklen Haus kann sie Marinarasoße riechen und Buena Vista Social Club hören. Das ist nicht die Musik, die sie ausgesucht hätte. In der Waschküche entdeckt sie oben auf ihrem an der Wand befestigten Wäschetrockner eine Socke ihres Neffen sowie den verloren geglaubten Stringtanga aus Seide. Und zwei Meter unter sich kann sie ihren Körper sehen. Verdreht, auf der Seite liegend, unter einem grünen Handtuch. Obwohl er ihr leidtut, hat sie es nicht eilig, in ihn zurückzukommen. Erinnerungssplitter kehren zurück: ein Stoß, seine Hände, ihre Schreie.

Das ist also der Tod.

Kurz fragt sie sich, ob ihr Vater und die Großeltern erscheinen werden, mit ausgebreiteten Armen, wie säumige geisterhafte Gastgeber. Und wo ist das wirbelnde Licht oder der lockende Tunnel? Sie wartet. Nichts passiert. Dann sieht sie unangekündigt im Bruchteil einer Sekunde ihr Leben vor sich vorbeirauschen – ihre Triumphe und Niederlagen. Da ist sie als Zehnjährige in einem knallrosa Korbballrock in dem baufälligen Haus in Kew; mit einundzwanzig mit ihrem Vater in der Wohnung in Elwood; mit dreizehn als Stipendiatin am ersten Tag an der Melbourne Girls Grammar. Aus der Schule wird die Monash University, wird Freeman & Milne, wird die VCA Film School. Sundance Film Festival. Die Gesichter vergessener Freunde verschmelzen mit denen ihrer Boyfriends und ihrer Filmbesetzungen. Sie sieht Mira, ihren Bruder Jude, Doris und ihre Mutter. In der großen Hektik erkennt sie etwas Wiederkehrendes. Vor allem ein Abschnitt ihres Lebens wiederholt sich. In einer Schleife. Fast so, als müsste sie daraus etwas lernen, denkt sie.

Sie sieht sich selbst an dem Mittwoch, nachdem sie David Forrester kennengelernt hat. Um 9 Uhr morgens saß sie an ihrem Schreibtisch, fahles Sonnenlicht fiel auf das Skript in ihren Händen. Während ihr letztes Drehbuch auf der Idee basierte, dass »Mut durch glückliche Zufälle belohnt wird«, vermittelt dieses, dass »Liebe selbst die störrischsten Menschen ändert«. Der Fokus auf diese Veränderung passte, denn er bildete den Kern der romantischen Komödie. Was das Ausmaß der Macht der Liebe anging, war sie sich weniger sicher. Konnte sie aus einer kritischen Frau eine tolerante, aus einem durchschnittlichen Mann einen leidenschaftlichen machen – noch dazu auf Dauer? Sie überlegte noch, als das Päckchen eintraf. Darin befanden sich zwei Dinge: eine vertraute Visitenkarte und Katharine Hepburn. Jugendlich und hübsch, mit rosigen Wangen und aristokratischer Haltung schaute sie vom Cover des Buchs Ich – Geschichten meines Lebens. Geschmeichelt blätterte Elle durch die Seiten und dachte an David Forrester und Cary Grant.

Seit sie zwölf war, schwärmte sie für Cary. Befeuert wurde diese Leidenschaft durch Reihen wie Midday Movies, die alten Spielfilme um die Mittagszeit, und vor allem den Film Die Schwester der Braut. Ganz war sie dieser Schwärmerei bis heute nicht entwachsen. Im Laufe der Jahrzehnte hatte sie sich allerdings ausgeweitet: dank Ein Offizier und Gentleman auf Richard Gere und später dank Liebe, Lust und andere Laster auf George Clooney. Und inzwischen natürlich auch auf Ryan Gosling. Mit vierunddreißig fand sie immer noch, dass diese Leinwandhelden und ihre großartigen Liebesgeschichten ihre eigene Realität übertrafen. Oder zumindest war das so gewesen – bis letzten Freitagabend. Seither musste sie, zu ihrer eigenen Überraschung, oft an David Forrester denken: an seinen Witz, Enthusiasmus und sein Aussehen. Sogar sein Geruch, irgendwie angenehm nach Melone, hatte sich ihr eingeprägt. Innerhalb weniger Tage war er so überlebensgroß wie ihre Leinwandhelden geworden. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn gehen zu lassen.

Sie betrachtete seine Visitenkarte genauer und drehte sie um. In eine Ecke war mit blauer Tinte ein Esszimmerstuhl gezeichnet. Sie verbrachte den Tag lächelnd und damit, ihr Skript mit Anmerkungen zu versehen. Sie schrieb, bis sie keine Sekunde mehr widerstehen konnte, die winzigen schwarzen Ziffern zu wählen.

Um 17 Uhr saß sie im Auto, um ihn in Middle Park zu treffen. Auf der Fahrt durch Seddon ertappte sie sich dabei, ein Café für ihr gemeinsames Frühstück am nächsten Tag auszusuchen: Le Chien oder vielleicht Sourdough Kitchen. Unprätentiös und florierend. Sie waren typisch für ihren Vorort, und sie hoffte, dass sie ihm gefielen. An der nördlichen Schattenseite eines Highways gelegen, zwischen der Cafékultur von Yarraville und den vietnamesischen Märkten von Footscray, stellte Seddon ein gut gehütetes Geheimnis cleverer Eingeweihter dar. Ein Geheimnis, das sie gern mit ihm teilen würde. Da erinnerte sie sich daran, wie er im Sun Theatre, als sie ihm erzählt hatte, wo sie wohne, gesagt hatte: »Entschuldige, wo?« Als sei Seddon eines frühen Morgens erschaffen worden, während das übrige Melbourne gerade den Sonnenaufgang bewunderte. Als liege es nicht sieben, sondern siebenhundert Kilometer vom Central Business District entfernt. Auf der Williamstown Road lachte sie, nochmals bezaubert von seiner Ignoranz als Bewohner von Bayside.

Ernüchtert saß sie zehn Minuten später in einem Stau auf fünf Fahrspuren in der Mitte der West Gate Bridge fest. Sirenen heulten, und aus dem Norden wehte Rauch heran. Sie reckte den Hals und versuchte, über das Sicherheitsgeländer auf die Welt darunter zu schauen. Ihre beste Freundin und Exschwägerin Mira Raison lebte mit ihren beiden kleinen Söhnen in einem kleinen Arbeiterhäuschen in der Hyde Street in Yarraville. Ihr Zuhause lag nur einen Katzensprung von der Brücke entfernt, zwischen dem Terminal von Mobil Oil und einem Wald aus Strommasten. Dass sie die Masten durch den Rauch nicht sehen konnte, ließ Elles Sorge wachsen. Als sie das Radio einschaltete, erfuhr sie, dass es einen Grasbrand gab, den man aber bereits eingedämmt hatte. Als die Anspannung in ihrem Körper nachließ, griff sie nach ihrem Telefon in der Halterung. Mira. Sie zögerte.

Zwischen den dahinschleichenden Autos und in dem dünner werdenden Rauch dachte sie wieder an David. Sie dachte an ihren Sex, die Scherze und das Reden über Filme: eine machtvolle und einzigartige Kombination. Aber dann, als das Stadtbild von Melbourne vor ihr aufragte, dachte sie an seine Anzüge. Und an seine Mandanten und all diese gnadenlos in Rechnung gestellten Stunden. Da flaute ihre Erregung ab. Das war eine Welt, von der sie geglaubt hatte, dass sie sie längst hinter sich gelassen hätte.

Dann fiel ihr ihre Mutter ein. Elegant, aber mürrisch hatte ihre Mutter Jahre damit zugebracht, darauf zu warten, dass ihr Vater, ein heißgeliebter Englischlehrer, jeden Abend nach Hause kam. Elles früheste Erinnerungen waren, dass ihre Mutter mit Töpfen und Schranktüren eine Spur lauter knallte als nötig. Wenn Leo Nolan dann, so gegen sieben, in ihr zugiges Haus in Kew heimkehrte, schien in Isla Nolan ein Licht anzugehen. Schon als Kind war Elle klar geworden, dass Teile ihrer Mutter für sie und ihren jüngeren Bruder Jude versiegelt waren. Als sie heranwuchs und dabei die schwelende Unzufriedenheit ihrer Mutter beobachtete, traf Elle eine Entscheidung: Wenn sie heiratete, würde es anders sein. Sie würde einen Mann heiraten, der die Kinder mit ihr zusammen »großzog«. Einen Mann, der an einem Dienstagnachmittag um drei an ihrer Seite sein konnte. Als sie von jener Brücke aus zu seinem fünfzigstöckigen Büroturm hinaufschaute, fürchtete Elle, dass David Forrester nicht dieser Mann sein würde: ein Gehaltsempfänger.

Elle legte ihr Telefon in die Halterung zurück. Wenn sie mit Mira sprach, würde sie David erwähnen. Aber heute schon von ihm zu erzählen, das kam ihr verfrüht vor. Der Verkehr setzte sich in Bewegung und schwemmte sie mit. Sie war versucht umzukehren, aber da wurde ihr alter Valiant schon vom Verkehrsstrom über die Brücke und in Richtung Fishermans Bend erfasst.

In Middle Park war das seidige Wasser der Bucht mit Rennbooten durchsetzt. Yachten ballten sich in mittlerer Entfernung wie Mini-Schwäne. Mit zehn Minuten Verspätung parkte Elle und ließ sich tiefer in ihren Schalensitz rutschen. Sie konnte das führende Boot gerade noch erkennen und wünschte sich flüchtig, an Bord zu sein. Sechs Meter entfernt saß David im Schneidersitz auf einer Betonmauer und beobachtete die in der Ferne stattfindende Regatta. Sie registrierte seine breiten Schultern, langen Extremitäten, das von der Brise zerzauste Haar. Seine Nähe brachte ihr die Berührung seiner Lippen wieder in Erinnerung und das Streicheln seiner Haut. Seine Präsenz, mit der er ihr Esszimmer, ihre Küche, ihr Bett erfüllt hatte. Reglos saß sie da und lauschte auf ihren Herzschlag.

Am Horizont wurde das Violett am Himmel schmaler. Auf seiner Betonmauer rieb sich David die Stirn und blickte auf seine Uhr: Inzwischen war es 18 Uhr 18. Die Möglichkeit, versetzt zu werden, nahm in seinem Kopf Gestalt an, vermutete sie. Und zweifellos war er ihr zuliebe bei Freeman & Milne früher gegangen. Sie seufzte. Vor vier Jahren, als sie gekündigt hatte, war er ihr bereits aufgefallen. Die Kanzlei war nicht für Schönlinge bekannt, aber ein die Flure durchmessender Mr Rochester war natürlich schon etwas. In den drei Wochen, die er schon da war, bevor sie ging, hatte sie erfahren, dass er eine Nachteule war, Smalltalk scheute und sich mit seiner Frau auseinandergelebt hatte. Kurz danach wurde er, wie sie hörte, geschieden. Hinter ihm im Lift stehend hatte sie registriert, dass seine Anzüge oft zerknittert und seine Socken seltsam waren. Wenn sie einen flüchtigen Blick auf ihn warf, während er von Akten umgeben am Schreibtisch saß, hatte sie mitbekommen, dass er nicht oft lächelte, denn sein Auftreten hatte etwas Finsteres. Doch selbst damals war sie schon fasziniert gewesen.

Jenseits der Yarra-Mündung erhoben sich die Schornsteine der Raffinerien wie ein fernes dunkelgraues Königreich. Eine mit Lichtern bestückte Spitze hob und senkte sich so gleichmäßig wie ein gemächlicher Pulsschlag. Sie konzentrierte sich auf diesen Rhythmus, um Klarheit in ihren Kopf und Ruhe in ihren Körper zu bringen. Die Versuchung war so, so groß. Sie sagte sich, dass seine finstere Haltung vermuten ließ, dass er tatsächlich unglücklich war. Berufsrisiko. Und sie war mit Unglück fertig, hatte sich ab dem Tag, als sie angenommen worden war, um ihren Master an der Filmhochschule zu machen, davon verabschiedet. Sie sagte sich, dass sie nun unbestreitbar zu unterschiedlichen Stämmen gehörten … Sie riskierte noch einen Blick durch ihre von Steinschlägen zerschrammte Windschutzscheibe. Davids edle Stirn lag jetzt in seine Hand gestützt. Es war fast 18 Uhr 30, und das Schauspiel am Himmel so gut wie vorbei. Um ihn herum zogen sich Vorhänge aus Dunkelheit zusammen. Sie beobachtete, wie er zögernd aufstand und sich streckte, was, ihrer Ansicht nach, sein Alter verriet.

Drei Dinge kamen ihr dann in den Sinn: Wenn sie nicht sofort verschwand, würde er sie entdecken; es war Furcht – nicht sein Beruf oder seine Arbeitszeit –, die sie im Auto sitzen bleiben ließ; und das Entscheidende – David Forrester war der aufregendste Mann, der ihr seit Jahren begegnet war.

In weniger als einer Sekunde war sie ausgestiegen. Der Abend war erstaunlich mild. Ermutigend. Sie nahm sich vor, es langsam angehen zu lassen und nicht wieder mit ihm zu schlafen – zumindest nicht an diesem Abend. Sie eilte von hinten auf ihn zu. Jetzt war sie bereits fünfundvierzig Minuten zu spät.

»Wow«, sagte sie laut, »du bist noch da.« Als sie sein kantiges Gesicht aus der Nähe sah, musste sie den Impuls unterdrücken, ihn zu küssen. »Es tut mir so leid.« Sie überlegte kurz und erzählte dann eine Halbwahrheit. »Der Verkehr war entsetzlich.«

»Ist schon okay.« Seine Stimme knarzte.

»Unter der West Gate gab es ein Grasfeuer, sodass die Autos sich stauten«, sagte sie und war dankbar für diese Tatsache. Sie drehte sich nach Westen. »Hast du den Rauch gesehen?«

»Nein«, sagte er verlegen, »ich habe nichts gesehen.«

»Das ist seltsam, das ist doch gleich dort drüben.«

Gemeinsam schauten sie über die Bucht, aber der Rauch hatte sich in den Nachthimmel verzogen. Die Brücke zeigte keine Spur des jüngsten Dramas und war wie immer mit glitzernden Lichtern bestückt.

»Ich bin froh, dass es nicht über den Zaun gewandert ist«, sagte sie. »Meine Neffen wohnen gleich gegenüber vom Mobil Terminal.«

»Ein aberwitziger Ort für Kinder.«

Sein Ton reizte sie. »Nicht jeder kann sich in Middle Brighton niederlassen.«

Sie verstummte und stand so nah bei ihm, dass sie einen Hauch von Alkohol wahrnahm. Vielleicht war er auch nervös. Sie machte sich keine Gedanken wegen der schleppenden Unterhaltung, sondern betrachtete ihn eingehend. Orangefarbene Turnschuhe, ausgewaschene Jeans und eine unförmige rote Windjacke mit spanischer Schrift als Muster. Sein exzentrisch-chaotischer Stil wirkte passend. Und dieses offensichtliche Lieblingsoutfit war deutlich besser als sein Anzug.

»Ich weiß nicht, wie’s dir geht«, sagte er, »aber ich bin am Verhungern.« Er sprang über die Betonmauer, um seinen Rucksack vom Sand aufzuheben. Ein Baguette und eine Weinflasche ragten heraus. »Ich hoffe, du magst Käse.«

»Und wie.«

»Aber eins nach dem anderen.« Er zog etwas aus der Außentasche des Rucksacks. Ein Fläschchen Sandelholz-Massageöl. »Für eine Frau, die zu viel denkt.«

Sie merkte, wie sie errötete, und er grinste. Wortlos packten sie aus, was er mitgebracht hatte: einen kleinen Teppich, an dem noch das Preisschild hing, Käse und Brot, Birnen und Schokolade, Wein und Wasser. Sie arbeiteten zielstrebig, ohne einander zu berühren. Nachdem der Teppich ausgebreitet war, goss er Wasser ein und reichte ihr einen Plastikbecher. Sein Grinsen war so breit, dass ihr der Atem stockte. Der Himmel färbte sich Petrolblau, und in der Luft lag ein Hauch von Frühling. Der Moment war wie ein Schnappschuss. Überhöht und rein.

Zwei Stunden später lehnte David an einer Säule auf ihrer Veranda und beobachtete sie. Ihr gemeinsamer Abend befand sich, nachdem das Lampenfieber überwunden war, an seinem nächsten Wendepunkt, aber sie konnte ihren Hausschlüssel nicht finden. Sie zögerte, ehrfürchtig. Er war umgeben von dem weiß blühenden Sternjasmin, der bis auf ihre Veranda wuchs. Es war berauschend: seine strahlenden braunen Augen und die cremefarbenen Zähne mit der kleinen Lücke. Seine Männlichkeit. Keiner von beiden sagte etwas. Aber während die Sekunden verstrichen, konnte sie sich das Lächeln nicht mehr verkneifen; ihm erging es genauso. Er schien sie zu durchschauen und agierte stumm. Sanft zog er sie an sich und küsste sie. In der duftenden Abendluft passten ihre Lippen sogar noch besser aufeinander als vor ein paar Tagen. Aneinandergeschmiegt füllte jeder die Vertiefungen im Körper des anderen.

Nach einem Augenblick löste sie sich von ihm und nahm sein kräftiges Handgelenk in ihre schlanken Finger. Ihn zu spüren erregte sie, vielleicht zu sehr. Sie dachte daran, was sie seit ihrer gemeinsamen Nacht dazugelernt hatte. Laut Wikipedia bezeichnet die weibliche Ejakulation, auch Freudenfluss oder Gushing genannt, den Ausstoß einer beträchtlichen Menge klarer Flüssigkeit aus den Endabschnitten der Harnröhre vor und während des Orgasmus. Die genaue Entstehung und Zusammensetzung der Flüssigkeit ist unter medizinischen Fachleuten noch umstritten. Er hatte diesen Platzregen ihres Körpers gefeiert und in jedem Fall befriedigt registriert. Sie wusste seine Galanterie zu schätzen und fühlte sich in seiner Schuld. Aber als er sie heute Abend so begehrlich betrachtete, musste sie sich eingestehen, dass es ihr peinlich gewesen war.

Sie bekam Herzklopfen. Was auch immer geschieht, dachte sie. Ich werde damit klarkommen. Mit einer Geste bat sie ihn hinein.

»Noch ein One-Night-Stand?«, sagte er lässig, rührte sich aber nicht.

Leicht beunruhigt fuhr sie sich mit den Fingern durchs Haar, und er lächelte. Bisher hatte keiner von ihnen ihre erste gemeinsame Nacht erwähnt, zumindest nicht direkt. Sie schüttelte den Kopf, bevor sie ihren Schlüssel endlich entdeckte und die Haustür aufschloss. Sie ließ die Tür aufschwingen, doch er bewegte sich nicht. Gleichzeitig wurden ihr die eigene Erregung und seine Zurückhaltung bewusst. Also küsste sie ihn eindringlich, bis sie beide keuchten. Dann löste sie sich souverän von ihm und warb um ihn, indem sie erst einen Stiefel, dann den anderen abstreifte und in den Flur warf. Schließlich vollführte sie einen spontanen Striptease: Sie zog die Jacke aus, das limonengrüne Kleid in A-Form und ihre Strumpfhose. David beobachtete erfreut, wie sie herumkasperte und immer mehr von ihrer Haut zum Vorschein kam. Schließlich warf sie ihre noch warme Strumpfhose wie ein Lasso nach ihm, umfing in mit den seidigen Beinen und zog. Dann war er drinnen.

Mit dem Gesicht zu ihm gewandt, verspürte sie auf ihrem Bett eine gewisse Ruhe, bis sie in seinen braunen Augen eine besondere Glut auflodern sah. Sie hielt den Atem an, als er durch ihre Haare fuhr, wie sie es sonst selbst tat, sodass sie zu Berge standen.

»Also«, sagte er leichthin, »was hat deine Meinung geändert?«

Obwohl sie eigentlich lieber ehrlich war, zögerte sie, so viel preiszugeben: dass er an jedem Wendepunkt entwaffnend gewesen war. »Ich habe eine Schwäche für attraktive Männer«, sagte sie, »fast so wie meine Schwäche für Süßes.«

David lachte. »Ich hätte dich für klüger gehalten.«

Um fünf Uhr morgens wachte sie auf und bemerkte, dass das Bett neben ihr leer war. Sie streckte sich und berührte das kühle Laken und die Reste der Feuchtigkeit. Ein bisschen davon war Massageöl, aber das meiste nicht. Wenigstens war sie diesmal darauf vorbereitet gewesen. Und sie waren locker damit umgegangen. Lachten sogar. Er war stolz auf die Flut und ermunterte sie, es auch zu sein. Es war eine gewisse Leistung, nichts, wofür man sich schämen musste. Und sie konnte sehen, dass David entschlossen war, darin ein gutes Zeichen zu erkennen. Für ihn kündeten ihre Wolkenbrüche davon, was zwischen ihnen vorging: von ihrer unwahrscheinlichen Vereinigung. Vielleicht hatte er damit ja recht. Solchen Sex hatte sie noch nie: Seine Haut auf ihrer fühlte sich fast samtig an; sein Körper bewegte ihren auf eine Weise, die ihr bisher unbekannt gewesen war. Nackt und gelöst hatte sie erneut alle Hemmungen abgelegt. Verträumt setzte sie sich auf und nahm nach und nach die Einzelheiten wahr. Davids Kleider lagen noch verstreut auf dem Teppich, neben den feuchten Handtüchern. Aber das Bad gleich neben ihrem Schlafzimmer war leer. Sie erhob sich. Mit einer Kaschmirdecke um die Schultern schlich sie auf Zehenspitzen aus dem Raum. Am Ende des Flurs war Licht. Erstaunt näherte sie sich ihrem Arbeitszimmer. Nackt und zurückgelehnt saß David an ihrem Schreibtisch und lachte glucksend in sich hinein. Auf seinem Schoß lag ihr neues Skript. Erschrocken bemerkte sie, dass er fast schon am Ende angelangt war.

Ihre hellwache Stimme klang in der Stille laut: »Was machst du da?«

»Hey«, sagte er, »ich liebe das, dass sie Musikerbiografien schreibt und er engagiert wurde, um ihre Biografie für einen Film zu adaptieren. Und mir gefällt ihr Name, Freddie. Das erinnert mich definitiv an Howard Hawks.« Sein Blick ruhte beständig auf ihr.

»Tut es das?« Ihr Ton war ironisch, aber ihre Gefühle waren nicht so eindeutig – vielleicht etwas angesäuert, aber doch auch beschwingt. Sie zog die Decke enger um sich.

»Limerence ist ein interessanter Titel, aber du erklärst ihn nirgends. Was bedeutet er?«

Sie zögerte erstaunt. Er hatte recht.

Er setzte sich gerade hin. »Elle?«

»Der Begriff wurde in den Siebzigerjahren von der Psychologin Dorothy Tennov eingeführt, um diese berauschende Verliebtheit zu benennen, die so typisch für die ersten Tage einer Beziehung ist, diese alles beherrschenden, intensiven Gefühle, die allerdings zwangsläufig vergehen.«

»Ah. Aber muss das wirklich so sein?« Die Intensität seines Blicks strafte seinen belustigten Ton Lügen.

»Laut Tennov«, erklärte sie in nüchternem Ton, »bei den meisten Menschen schon.«

»Aber wie ist das bei dir?«

»Oh …« Ein Schatten glitt über ihr Gesicht, und sie versuchte, ihn einzufangen.

An jenem ersten Morgen hatte er sie damit aufgezogen, als Erfinderin romantischer Komödien falsche Hoffnungen zu wecken. Aber an ihren eigenen war nichts falsch gewesen. Sie hatte sich einen Lover aus Fleisch und Blut gewünscht, der sie erregte. Aber im Laufe der Jahre hatte sie begonnen zu fürchten, dass ihr Problem nicht falsche Hoffnung, sondern sie selbst war. Bevor sie David begegnete, hatte sie nie so etwas wie Limerenz, wie Verliebtheit, gespürt. Jetzt dagegen betrat sie, wenn auch taumelnd, Neuland. Sie versuchte, seinem Blick auszuweichen.

»Ich kann es nicht sagen«, antwortete sie.

»Du kannst nicht oder du willst nicht?«

Auf ihrem Stuhl, an ihrem Schreibtisch sah er so verdammt ansprechend und selbstbewusst aus. »Kann nicht«, sagte sie und straffte ihre Schultern. »Ist noch nie passiert.«

»Wirklich?« Seine Augen bekamen einen neuen Glanz.