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Kate ist eine mutige Frau, die als Kriegsreporterin kein Risiko scheut. Ihre Vergangenheit an der südenglischen Küste hat sie lange hinter sich gelassen. Erst als ihre Mutter stirbt, kehrt sie zurück nach Herne Bay, wo ihre Schwester Sally noch immer lebt. Aber Kate spürt vom ersten Tag an, dass die Heimkehr unter keinem guten Stern steht. Sie hat furchtbare Albträume und hört Stimmen, die ihr keine Ruhe lassen. Und so glaubt ihr auch niemand, als sie meint, die Schreie eines Jungen aus dem Nachbargarten zu hören. Doch Kate will der Sache auf den Grund gehen – nicht ahnend, dass sie und ihre Schwester dadurch in tödliche Gefahr geraten …
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2018
Buch
Die Schwestern Kate und Sally hatten keine einfache Kindheit. Kate war immer die Starke, inzwischen ist sie Kriegsreporterin und hat ihre Heimat Herne Bay an der südenglischen Küste hinter sich gelassen. Sally ist nicht von dort weggekommen, hat eine fast erwachsene Tochter, zu der sie jedoch keinen Kontakt mehr hat, und einen neuen Mann und ertränkt ihre Probleme im Alkohol. Doch dann stirbt die Mutter der beiden, und Kate ist gezwungen, nach Hause zurückzukehren. Für sie, die unter einem starkem Trauma leidet, ist die Rückkehr nicht einfach. Kate hört Stimmen und hat schlimme Albträume durch ihre Erlebnisse in Syrien. Und so glaubt ihr auch niemand, als sie meint, nachts einen Schrei zu hören und im Nachbargarten einen kleinen Jungen zu sehen. Doch Kate beharrt darauf, dass tatsächlich irgendetwas in dem Haus nebenan vor sich geht. Sicher ist jedoch nur eines: Eine der beiden Schwestern wird das Ganze nicht überleben …
Autorin
Nuala Ellwood zog mit Mitte zwanzig nach London – eigentlich um Karriere als Musikerin zu machen. Stattdessen begann sie, Romane zu schreiben. Ihr erster Thriller, »Was ihr nicht seht«, schaffte es auf Anhieb in die Top Ten der englischen Bestsellerliste.
NUALA ELLWOOD
Was ihr nicht seht
PSYCHOTHRILLER
Aus dem Englischen von Elke Link
Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »My Sister’s Bones« bei Viking, an imprint of Penguin Books, Penguin Random House UK, London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Deutsche Erstveröffentlichung April 2018
Copyright © der Originalausgabe 2017 by Nuala Ellwood.
The author has asserted her moral rights. All rights reserved.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München, nach einem Entwurf von Superfantastic.
Covermotiv: Superfantastic
Redaktion: Annekatrin Heuer
AG · Herstellung: kw
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-22210-9V002www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
Dieser Roman ist meinem Vater gewidmet – einem der »ganz Großen«.
Kommt in Schwarz die stille Stunde,
und bringt Träume mir ans Bette,
ruft mich nicht in eure Runde,
leise Stimmen der Skelette.
Alfred Tennyson
Prolog
Jetzt ist sie in Sicherheit. Frei von ihren Dämonen. Ihre letzte Ruhestätte ist still und friedlich, eine kleine, ruhige Zuflucht im Wasser. Das hätte ihr gefallen, denke ich bei mir, als ein Ausflugsboot in den Hafen einfährt. Sie hätte das passend gefunden.
Es fällt mir schwer zu glauben, dass sie nach einem so gewaltsamen Tod jemals Frieden findet, doch ich hoffe es.
Meine Schwester. Meine schöne Schwester.
»Gute Reise«, flüstere ich. Und als ich ihre Asche ins Wasser streue, seufze ich ganz tief. Vielleicht ist dies das Ende.
Das Boot füllt sich mit Touristen. Ihre aufgeregten Stimmen erfüllen die Luft, während wie hier stehen, drei gebrochene Seelen beim letzten Abschied. Ich sehe zu, wie sie verschwindet, und plötzlich kommt mir wieder der Gedanke, der mich verfolgt, seit sie tot ist.
Wie ist es möglich, dass ausgerechnet ich diejenige bin, die überlebt hat?
TEIL EINS
1
Herne Bay, Polizei
Sonntag, 19. April 2015
10:30 Uhr
»Soll ich die Frage noch einmal stellen?«
Die Ärztin spricht mit mir, aber über die Stimmen hinweg ist sie kaum zu verstehen.
»Kate?« Die Ärztin rutscht auf ihrem Stuhl hin und her.
»Entschuldigung, könnten Sie das wiederholen?« Ich versuche, mich zu konzentrieren.
»Ist es besser, wenn ich das Fenster zumache? Draußen ist es ziemlich laut.«
Die Ärztin will aufstehen, aber ich strecke die Hand aus, um sie aufzuhalten. Als sie zusammenzuckt, wird mir klar, dass sie meine Geste womöglich als aggressiv missverstanden hat.
»Nein«, sage ich. Die Ärztin nimmt verlegen wieder Platz. »Schon gut. Ich dachte nur, ich hätte etwas gehört … aber nein. Es ist nichts.«
Ich darf ihr nicht von den Stimmen erzählen.
Sie nickt und deutet ein Lächeln an. Das ist vertrautes Terrain für sie. Akustische Halluzinationen, Stimmen im Kopf. Für sie als klinische Psychologin wird das der wahre Himmel sein. Sie nimmt ihr Notizheft und richtet den Stift auf eine neue Seite.
»Schön«, sagt sie. Ein silbernes Funkeln ringt mit den Strahlen der Morgensonne, als ihr Stift über das Papier fährt. »Was Sie da hören, Kate, könnten Sie es mir beschreiben? Sind es erkennbare Stimmen?«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden«, antworte ich.
»Fällt es Ihnen schwer, sie zu unterscheiden?«
»Jetzt passen Sie mal auf. Ich weiß genau, was Sie hier machen«, sage ich barsch. »Aber es wird Ihnen nicht gelingen, denn ich bin nicht das, wofür Sie mich halten.«
»Wofür halte ich Sie denn?«
»Für eine Verrückte, die Stimmen hört, Dinge sieht, sich irgendetwas vorstellt. Sie glauben, das würde alles in meinem Kopf stattfinden.«
Aber während ich spreche, kommen sie wieder, werden lauter und leiser, als würde man im Radio nach einem Sender suchen. Shaw sagt etwas, aber ich verstehe sie nicht, wegen der Schreie. Die alte Frau heult, der junge Vater läuft durch die Straßen, den zerfetzten Körper seiner kleinen Tochter in den Armen. Meine alten Getreuen, sie kommen immer zu mir zurück, wenn ich unter Stress stehe.
Ich kann nichts dagegen tun. Ich lege mir die Hand auf die Ohren und behalte sie dort. Die Stimmen werden zu einem tiefen Brummen, als würde man sich eine große Meeresschnecke ans Ohr halten. Vor meinem geistigen Auge erscheint meine Mutter, die Wange an meine gedrückt. Hör genau hin, Schatz, hörst du es? Das ist das Meer, das zu dir spricht. Und ich glaubte ihr. Ich glaubte, das Meer läge im Inneren der Muschel verborgen, obwohl ich in Wahrheit nur die Luft in dem gerundeten Gehäuse vernahm. Ich glaubte ihr, weil ich es musste. Sie war meine Mutter, und sie log nie.
»Kate?«
Shaw bewegt die Lippen. Sie sagt meinen Namen. Ich starre die Ärztin einen Moment lang an, und sie erwidert meinen Blick. Ihre Augen sind schmutzig grün, die Farbe des Wintermeers in meinem Kopf. Es wird jetzt lauter, die Wellen schlagen gegen die Felsen.
»Kate, bitte.« Shaw will aufstehen. Sie wird Hilfe holen.
Ich zwinge mich, die Hände wieder von den Ohren zu nehmen und sie ineinander zu verschränken. Das Peridot-Armband, das Chris mir zu unserem achten Jahrestag geschenkt hat, rutscht hinunter und sammelt sich an meinem Handgelenk. Ich fahre mit dem Finger über die Oberfläche und reibe die grünen Steine wie eine Wunderlampe. Wünsch dir was, denke ich bei mir. Ich erinnere mich an den Abend, an dem mir Chris das Armband geschenkt hat. Wir waren in Venedig. Es war Karnevalszeit, und als wir uns durch die nebligen Straßen drängten und die kunstvollen Kostüme der Feiernden bewunderten, steckte er mir etwas in die Tasche. »Auf die nächsten acht Jahre«, flüsterte er, als ich mir das Armband am Handgelenk befestigte. Ich schließe die Augen. Bitte bring ihn mir zurück.
»Wie haben Sie in letzter Zeit geschlafen?«, fragt Dr. Shaw. »Hatten Sie Albträume?«
Ich schüttle den Kopf und versuche, mich zu konzentrieren, aber ich kann nur an Chris und die Reise nach Venedig denken. Der Geruch des venezianischen Kanalwassers hängt in der Luft.
»Das ist sehr hübsch.« Shaw zeigt auf das Armband.
»Angeblich schützt der Peridot vor Albträumen«, flüstere ich.
Ich reibe den Stein weiter mit Zeigefinger und Daumen. Die Geste ist merkwürdig beruhigend.
»Funktioniert der Stein, Kate?«
Sie wird nicht lockerlassen. Ich trinke einen Schluck Wasser aus dem Plastikbecher, den sie mir vor einer Stunde gegeben haben. Es ist lauwarm und riecht nach Chemikalien, aber alles ist besser als der Gestank der Kanäle.
»Gelegentlich träume ich schlecht.« Ich wische mir den Mund mit dem Handrücken ab. »Das ist aber doch normal. Die letzten Wochen waren hart.«
Während Shaw weiterschreibt, starre ich auf meine Füße. Einen Augenblick lang sehe ich Körperteile, zugekleistert mit Schlamm, wie ein makabres Puzzle. Die Ärztin hat mich nach meinen Albträumen gefragt, aber wo soll ich anfangen? Soll ich ihr erzählen, wie ich in rasch ausgehobenen Gräbern stand und merkte, wie meine Füße in die Erde sanken, die Zehen nass von Körperflüssigkeiten? Soll ich ihr von den endlosen schwarzen Nächten erzählen, in denen ich aufwachte und um Lärm flehte, um irgendein Geschwätz, um alles Mögliche, nur damit ich nicht das unentwegte Schweigen der Toten hörte? Nein, denn dann bestätige ich bloß ihre Vermutungen. Ich muss mich weiter konzentrieren und ihr einen Schritt voraus sein, sonst ist alles vorbei. Ich reibe den Peridot zum Schutz, als Shaw aufhört zu schreiben und aufblickt.
»Und würden Sie sagen, dass diese Albträume seit Ihrer Rückkehr nach Herne Bay schlimmer geworden sind?«
Ich stelle den Becher zurück auf den Tisch und richte mich in meinem Stuhl auf. Ich muss aufhören, die Gedanken schweifen zu lassen. Ich muss wachsam sein, vorsichtig. Jedes Wort, das ich hier von mir gebe, kann gegen mich verwendet werden.
»Nein, schlimmer sind sie nicht geworden.« Ich bemühe mich, ruhig zu sprechen. »Aber real.«
2
Sonntag, 12. April 2015
Eine Woche zuvor
Mich fröstelt, als ich aus dem Zug steige und auf dem verlassenen Bahnsteig stehe. Die Seeluft peitscht mir wütend um das Gesicht. Ich wuchte den sperrigen Rucksack auf meinen Rücken und steuere auf den Ausgang zu. Die Bahnhofsuhr zeigt 23:59 Uhr an. Mit einem beklommenen Gefühl laufe ich durch die drückende Stille. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Ich halte an und überlege, ob ich wieder in den Zug steigen soll, aber die Maschine ist aus, und ein Schaffner in einer Leuchtweste öffnet gerade die Türen, damit das Reinigungspersonal ans Werk gehen kann. Das hier ist die letzte Haltestelle, die Endstation.
Ich ziehe meine dünne Jacke enger um mich und ärgere mich über mich selbst, weil ich die dickere Jacke ganz unten in den Rucksack gepackt habe. Ich hatte vergessen, wie kalt es nachts in Herne Bay werden kann, sogar im April. »Knochenkälte«, sagte meine Mutter immer.
Während ich auf die Treppe zuhalte, sehe ich mich nach irgendwelchen Lebenszeichen um, aber da ist nichts. Ich bin der einzige Mensch im Bahnhof. Hoffentlich hat er meine Nachricht bekommen. Ich habe mich im Lauf der Jahre schon häufig in beängstigenden Situationen befunden, aber noch nie habe ich mich so unwohl gefühlt wie in dieser. Herne Bay. Wo die Dunkelheit früh heraufzieht und das Leben so vorhersehbar ist wie die Gezeiten. Ich werde alle Kraft, die noch in mir ist, aufbringen müssen, um diese nächsten Tage zu überstehen.
Als ich die düster beleuchtete Schalterhalle betrete, vibriert mein Handy in der Tasche, und ich bleibe im roten Schein eines Verkaufsautomaten stehen, um das Gespräch anzunehmen.
»Hallo. Ach, kein Problem. Ich bin gleich da.«
Draußen fällt ein leichter Regen, als ich den Bahnhof verlasse und die silberne Limousine entdecke, die an dem leeren Taxistand parkt. Auf dem Weg zum Auto winke ich dem Mann auf dem Fahrersitz zu. Der schwere Rucksack drückt mir gegen das Schlüsselbein. Mein Schwager winkt zurück, aber ohne zu lächeln. Meine Anwesenheit in Herne Bay bedeutet Ärger, und das weiß er. Trotzdem bin ich dankbar, dass er mich abholt. Er ist das einzige Mitglied meiner Familie, das noch mit mir sprechen will.
»Hallo Paul«, seufze ich, als ich die Tür öffne. »Danke, dass du um diese Zeit gekommen bist, das ist wirklich nett von dir.«
»Kein Problem«, antwortet er. »Verstau deinen Rucksack einfach auf dem Rücksitz. Dann hast du mehr Platz.«
Am liebsten würde ich mich auch auf dem Rücksitz verstauen und so tun, als säße ich in einem anonymen Taxi in London und führe nach Hause, zu meinem eigenen Bett. Aber vom Bahnhof zum Haus meiner Mutter ist es nur eine kurze Strecke, sage ich mir. Also werfe ich den Rucksack hinten hinein und setze mich auf den Beifahrersitz. Ich schnalle mich an, lehne mich zurück und schließe kurz die Augen. Ich bin zu Hause, was auch immer das heißt.
»Willst du wirklich bei deiner Mutter wohnen?«, fragt Paul, als wir losfahren. »Du bist mehr als willkommen, wenn du dich die Woche über bei uns einquartieren willst.«
»Danke, Paul.« Vertraute Anblicke ziehen am Fenster vorbei. »Aber ich will euch wirklich nicht zur Last fallen.«
»Du würdest uns nicht zur Last fallen«, sagt er. »Es wäre uns ein Vergnügen.«
»Ach, komm«, erwidere ich. »Ich glaube kaum, dass es Sally ein Vergnügen wäre. Ich kann mir gut vorstellen, was für ein Gesicht sie machen würde, wenn ich plötzlich vor der Tür stünde.«
»Na gut«, sagt er. »Und wie wäre es mit einem Hotel? Direkt am Meer hat ein neues eröffnet, hübsch und vornehm, das würde dir gefallen.«
»Ehrlich, Mums Haus ist völlig in Ordnung«, sage ich entschlossen. »Ich bin nur kurz hier, und nach allem, was passiert ist, wird es mir guttun, ein paar Tage dort zu verbringen. Das gibt mir die Gelegenheit, alles zu verarbeiten.«
»Okay«, meint er. »Aber das Angebot steht, falls du es dir anders überlegst.«
»Danke, Paul.«
Die restliche Fahrt über schweigt er. Ich blicke hinaus, während wir durch eintönige Wohnstraßen fahren, deren Namen vor meinen Augen verschwimmen wie Tinte, die sich in Wasser auflöst. Mein Magen knurrt, und mir ist auf einmal leicht schwindelig. Das passiert immer, wenn ich hierher zurückkehre. Als wäre ich allergisch auf diesen Ort.
»Macht es dir etwas aus, wenn ich das Fenster öffne?«, frage ich Paul und hoffe inständig, dass ich mich nicht auf sein makelloses Armaturenbrett erbreche.
»Nur zu.« Er zeigt auf den Knopf neben dem Türgriff.
»So ist es besser.« Ein kalter Windstoß fegt mir ins Gesicht, allerdings ist der beißende Fischgeruch nicht gerade hilfreich.
Ich stecke die Hand in die Tasche und fahre mit den Fingern über die beruhigende, glatte Oberfläche meines Glücksstifts. Der Stift – ein wunderschöner silberner Füller, in den mein Name eingraviert ist – war ein Geschenk von Chris an unserem ersten Jahrestag. Er hat mich überallhin begleitet – nach Syrien, nach Afghanistan, in den Irak. Immer wenn ich den Stift berühre, weiß ich, dass ich in Sicherheit bin.
»Wie still es hier ist«, flüsterte ich und schiebe den Füller wieder in die Tasche, als das Auto den Hügel Richtung Smythley Road hinaufkriecht.
Ich hatte die Stille vergessen, die sich nachts wie eine Decke über die Stadt senkt. Beim Blick aus dem Fenster stelle ich mir die Bewohner der Smythley Road vor, eingepackt in ihren Betten, verloren in ihren »kleinen Scheibchen Tod«, wie die Figuren in den Geschichten von Edgar Allan Poe, die ich als Kind verschlungen habe. Kaum zu glauben, dass ich hier einmal zu Hause war, in dieser stillen Welt.
»Wir sind da«, sagt Paul und hält an.
Ich erschrecke, als ich seine Stimme höre, und blicke hinauf zu dem Haus, vor dem wir parken. Nummer 46: eine leblose Doppelhaushälfte aus den Dreißigerjahren mit ergrauendem Kieselrauputz, der früher einmal strahlend weiß war. Ich erinnere mich noch an die Telefonnummer – 65 43 45 – und an mein Kindheitsmantra: Ich heiße Kate Rafter und wohne mit meiner Mummy und meinem Daddy und meiner Schwester Sally in der Smythley Road Nummer 46. Meine Augen werden feucht, aber ich blinzle die Tränen weg und sage mir, dass der erste Schritt immer der schwerste ist.
Als ich die Wagentür öffne und auf den Gehsteig hinaustrete, zieht sich meine Lunge zusammen, als würde sich ein Hustenanfall ankündigen. Ich muss mich erst sammeln. Vorsichtig lege ich die Hände auf die Motorhaube.
Es ist nur eine Woche, das ist alles, rede ich mir ein. Ein paar Tage Seeluft und Mums Papiere unterschreiben, dann geht es wieder zurück zur Arbeit, zurück zur Normalität.
»Alles in Ordnung?«
Paul steht hinter mir. Er nimmt mir den Rucksack von der Schulter und führt mich zum Haus.
»Es geht mir gut, Paul, ich bin nur müde.«
»Kann ich dich wirklich nicht davon überzeugen, ein Hotelzimmer zu buchen?«
»Nein«, sage ich, während wir die Zufahrt hochlaufen. »Ich muss mich nur einmal richtig ausschlafen.«
»Das wird dir hier gelingen, da bin ich mir sicher«, meint er beschwingt. »Hier ist es ruhig und friedlich. Ich weiß nicht, wie du das schaffst, von einem Höllenloch ins nächste zu hüpfen. Ich wäre völlig am Ende.«
Ich lächle kläglich. Den meisten Menschen kommt es nur darauf an – in aller Ruhe ausschlafen zu können. Ich stelle mir Paul in Homs oder Aleppo vor, wie er vor sich hin schnarcht, während um ihn herum die Menschen um ihr Leben kämpfen.
Auf der Schwelle bleibe ich stehen und starre auf die Tür. Es ist immer noch unbegreiflich, dass meine Mutter nicht dahinter ist, umgeben vom Duft nach Gebackenem. Meine Mutter war dieses Haus, es war die einzige Welt, die sie kannte.
»Dann lasse ich dich besser mal allein.« Paul reißt mich aus meinen Gedanken. »Hier sind die Schlüssel. Der Chubbschlüssel ist für vorne, der andere für die Rückseite. Der Thermostat ist in der Küche über dem Wasserkessel, falls dir kalt ist. Ich komme morgen Vormittag vorbei und sehe nach dir.«
»Danke«, antworte ich, nehme die Schlüssel und reibe das kantige Metall zwischen Daumen und Zeigefinger. »Und sag Sally schöne Grüße, ja?«
Er zuckt zusammen, als ich ihren Namen erwähne.
»Sie ist immer noch meine Schwester«, sage ich zu ihm. »Trotz allem.«
»Ich weiß. Und in ihrem tiefsten Inneren weiß sie das auch.«
»Das hoffe ich.« Die Kälte jagt mir Schauer über den Rücken.
»Jetzt geh besser rein.« Paul klopft mir auf den Arm. »Es ist eiskalt hier draußen.«
Ich folge ihm über die Kieszufahrt und sehe zu, wie sein Auto in den dunklen Falten der Bucht verschwindet. Ich zögere es noch ein paar Augenblicke hinaus, das Haus zu betreten. Sobald ich die Tür öffne, wird alles real werden. Der Tod meiner Mutter wird Gewissheit. Es tut so weh, dass ich es kaum ertrage. Aber ich muss es tun, sage ich mir, als ich widerwillig zum Haus zurücklaufe, sonst komme ich nie weiter. Während ich mich der Tür nähere, bemerke ich im oberen Fenster des Nachbarhauses Licht und halte an. Es ist ein beruhigender Anblick, ein Lebenszeichen inmitten von Dunkelheit und Tod, und ich fühle mich getröstet. Dann stecke ich den Schlüssel ins Schloss und stoße die Tür auf.
Im Inneren taste ich nach dem Lichtschalter. Vorsichtig streiche ich mit den Handflächen über die glänzende Raufasertapete und stolpere dabei über meinen Rucksack. Als ich den Schalter schließlich finde und das schummrige Licht aufleuchtet, verkrampft sich mein Magen. Das hatte ich ganz vergessen: Meine Mutter ängstigte sich vor hellem Licht. Licht konnte man nicht vertrauen. Es offenbarte zu viel. Deshalb schraubte meine Mutter im gesamten Haus schwache Glühbirnen ein und zog sich in die Dunkelheit zurück.
Ich gehe durch den Flur und denke daran, dass ich die ersten achtzehn Jahre meines Lebens fast ausschließlich in Dunkelheit verbracht habe, voller Angst vor dem, was sich in den Ecken verbarg. Ich laufe von Raum zu Raum, schalte das Licht an, und mir wird schwer ums Herz, als die schwachen Birnen nacheinander stotternd zum Leben erwachen.
Vor der Küche bleibe ich stehen. Sie sieht anders aus. Paul und Sally haben sich offenbar an die Arbeit gemacht, um das Haus für den Verkauf vorzubereiten. Die dunkelroten Wände meiner Kindheit sind hell gestrichen, magnolienfarben, und das Linoleum wurde durch einen Teppich in fadem Beige ersetzt. Aber es ist alles gut, sage ich mir, als ich weiter in die Küche trete. So langweilig es auch sein mag, Beige ist jetzt genau das, was ich brauche. Seine stumpfe Neutralität wird mich davor bewahren, in den Strudel der Erinnerung zu stürzen.
In der Speisekammer stelle ich fest, dass Paul vor meinem Besuch die Vorräte aufgefüllt hat. Da stehen unangebrochene Packungen Kaffee und Tee, frisches Toastbrot, Dosen mit Suppe und Baked Beans. Ich öffne den Kühlschrank. Er enthält Vollmilch, Butter, Eier und eine Packung geräucherten Speck: alles Dinge, die ich seit Jahren nicht mehr gegessen habe. Trotzdem werde ich am nächsten Morgen dankbar dafür sein.
Mein Schwager hat auch zwei Flaschen Weißwein dagelassen. Ich nehme eine heraus und gieße mir ein großes Glas ein. Das sollte ich nicht, ich weiß schon. Immerhin habe ich bis zu den Ereignissen der letzten Monate Alkohol kaum angerührt. Ich habe mir geschworen, nie so zu werden wie mein Vater und Sally. Aber seit Aleppo scheint ein Gläschen das Einzige zu sein, was meine Nerven beruhigt.
Das und meine Schlaftabletten.
Ich taste meine Tasche ab und ziehe eine Packung davon heraus. Mit dem Rest des Weins spüle ich zwei Pillen hinunter und gehe nach oben. Hoffentlich wirken sie schnell.
Aber als ich den Treppenabsatz erreiche, halte ich inne. Mir schnürt sich die Kehle zu. Einen Augenblick lang stehe ich nur da und betrachte die geschlossene Tür des Schlafzimmers meiner Mutter. Sie ist immer noch dort. Eine uralte Delle in der Holztafel, in Form eines Fußes. Ich merke, dass ich zittere. Es ist, als wäre ich wieder zurück, als wären dreißig Jahre Abstand blitzartig verschwunden. Warum hat meine Mutter das nie richten lassen?
Ich will mich zwingen, nicht hineinzugehen, und lieber bis zum Morgen zu warten, wenn mein Kopf bereit dafür ist, aber es hat keinen Sinn, meine Hände drücken die Tür bereits auf. Scharf hole ich Luft. Der Zorn meines Vaters durchdringt den Raum. Ich habe das Gefühl, er könnte sich jeden Moment auf mich stürzen, mich fragen, was zum Teufel ich mir dabei denke, hier so herumzuschnüffeln. Aber alles bleibt still, als ich das düstere Zimmer betrete.
Nichts hat sich verändert. Ungläubig betrachte ich die Ansammlung verstaubter Möbel. Dieselbe Mahagonikommode, dieselben schweren Samtvorhänge, dieselbe grauenhafte braune Tapete mit dem spitzen Löwenzahnmuster. Ich sehe es vor mir, wie der Kopf meiner Mutter immer und immer wieder gegen die Wand kracht. Dann taucht die Hand meines Vaters auf. Er hält ihre Haare und schlägt meine Mutter gegen die goldgelben Blumen. Im Zimmer riecht es nach feuchtem Stoff und billigem Raumspray. Paul hat sich offenbar nach Kräften bemüht, es auf Vordermann zu bringen, aber überall im Raum ist das Blut meiner Mutter. Selbst wenn die sichtbaren Spuren verschwunden sind, liegt er noch in der Luft: der modrige Geruch der Angst.
Ich schließe die Tür und trete wieder auf den Treppenabsatz. Direkt vor mir hängt unheilvoll ein gerahmtes Bild vom Herz Jesu. Der bärtige Jesus streckt mir die Hand entgegen; ein flammendes Herz pulsiert in seiner Brust. Als Kind hasste ich dieses Bild, ich konnte es nicht ansehen. Für mich symbolisierte es alles, was an meiner Familie verkehrt war: blinder Glaube im Angesicht von Gewalt und Not, Unterordnung unter einen größeren Gott. »Jesus Christus, bete für uns«, lese ich laut, während ich vor dem verblassten Bild stehe. Unter diese Worte hat meine Mutter in dünner blauer Schrift die Namen ihrer Kinder geschrieben – zweier lebender, eines toten – , den ihres Mannes und schließlich, wie immer zuletzt, ihren eigenen.
»Was hast du uns jemals Gutes getan?«, schreie ich, und meine Stimme hallt durch das ganze Haus.
Wütend funkle ich den gütigen Mann im Bilderrahmen an. Was für ein Gott nimmt einem Kind das Leben? Ich lese noch einmal den Namen meines kleinen Bruders und überlege einen Augenblick, was für ein Gefühl es gewesen sein musste zu ertrinken, nach Luft zu schnappen, zu zappeln und zu strampeln und nach einer Mutter zu rufen, die nie kam. Plötzlich fällt mir ein anderes Kind ein, das es nicht geschafft hat. Ich schließe die Augen und versuche, die Bilder von mir fernzuhalten. Es reicht, sage ich mir. Dann drehe ich das Bild mit einer schnellen Handbewegung mit dem Gesicht zur Wand.
Völlig übermüdet öffne ich die Tür zu Sallys ehemaligem Zimmer. Irgendjemand – sehr wahrscheinlich Paul – hat das Bett frisch bezogen, und auf der Kommode liegt ein großes, flauschiges Handtuch. Der Gedanke an ein langes, heißes Bad ist verführerisch, aber das ist keine so gute Idee mit starken Schlaftabletten im Blut, das weiß ich. Trotzdem, eine Dusche könnte helfen.
Ich nehme das Handtuch und gehe über den Treppenabsatz zurück zum Bad. Ich schalte das Licht an und werde von einem grässlichen Anblick begrüßt: meinem Abbild in dem großen, langen Spiegel. Es ist derart entsetzlich, dass ich mich in Grund und Boden schäme. Man sieht mir jedes einzelne meiner etwas mehr als neununddreißig Jahre an. Mein Gesicht ist faltig und verquollen, die Haare sind ein dickes Knäuel ergrauender Stahlwolle. Ich drehe die Dusche auf und nehme mir vor, mir bei Anton einen Termin für Strähnchen geben zu lassen, sobald ich wieder in London bin.
Das Wasser brennt auf meiner Haut. Während ich mir das Gesicht abschrubbe, muss ich lächeln. Wie unsinnig, mir Gedanken wegen meines Äußeren zu machen. Was sind ein paar graue Haare im Vergleich zu den Schrecken der letzten paar Wochen? Mein Leben liegt in Trümmern, und ich kann nur an Waschen, Schneiden, Föhnen denken.
Doch dann fällt mir meine liebe Freundin Bridget Hennessey ein, eine der furchtlosesten Journalistinnen, die ich je gekannt habe. Zu Beginn meiner Karriere war sie meine Mentorin. Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war sie, die Kriegsberichterstatterin, gerade aus dem Kosovo zurückgekehrt, wo sie eine Scheinhinrichtung durch Aufständische miterleben musste. Sie war zehn Tage als Geisel festgehalten worden. Man hatte ihr einen Sack über den Kopf gestülpt und zugebunden. Im Nebenzimmer fielen Schüsse. Sie erzählten ihr, sie hätten ihren Fahrer und ihren Kameramann getötet, und sie wäre als Nächstes an der Reihe. Die Psychofolter, der Bridget ausgesetzt war, hätte die meisten von uns in den Wahnsinn getrieben, aber sie nahm sich zusammen, bis sie schließlich freigelassen wurde. Ich erinnere mich, wie sie in der Redaktion die Geschehnisse ruhig und gefasst aufschrieb. Mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln tippte sie auf die Tastatur ein. Ich saß mit meinen zerzausten Haaren und abgekauten Fingernägeln da und überlegte, wie es sein konnte, dass sie es nach einer so schrecklichen Tortur für notwendig hielt, sich die Nägel machen zu lassen.
»Aber genau darauf kommt es doch an, meine liebe Kate«, erklärte sie mir später, als ich sie danach fragte. »Das richtige Leben kann nicht aufhören – es darf nicht aufhören, sonst haben diese Schweine gewonnen.«
Ich steige aus der Dusche und wickle mich in das große weiße Handtuch. Wärme umgibt meinen Körper. Ich schließe die Augen. Ich stelle mir vor, ich wäre in unserem Lieblingshotel in Venedig, und Chris wartete im Schlafzimmer auf mich. Ich spüre seine raue warme Haut an meiner, als ich durch den Flur laufe. Seine Finger arbeiten sich in mich hinein, er schmeckt nach Glühwein. Aber das Schlafzimmer ist leer und kalt, und das Gefühl löst sich auf, sobald ich unter die Polyesterdecke krieche und die Augen zumache.
Gleich darauf bin ich in einem Laden voller Staub. Er wirbelt herum, dringt wie Giftgas in sämtliche Höhlungen und Spalten. Als ich weiter hineingehe, wird der Staub dichter, und ich sehe nichts mehr. Mein Mund ist ganz trocken vor Angst, aber ich muss weiter.
Dieser Laden war einst voller Kunden, voller Leben. Haufenweise Reiseprospekte und Schwarzmarktzigaretten lagen in den Regalen, und ein kleiner Junge rannte durch die Gänge und erzählte jedem, der ihm zuhören wollte, seine Geschichten, doch als ich jetzt durch die Schutthaufen wandere, ist alles still.
Der Boden ist anders hier, glitschig und nass. Ich werfe einen Blick auf meine Stiefel. Sie haben dunkelrote Streifen. Ich laufe nicht mehr auf Schutt, sondern wate durch dickes, klebriges Blut.
Eine Kamera klickt, der Blitz beleuchtet den Raum. Das Licht erschreckt mich so, dass ich das Gleichgewicht verliere und mit dem Gesicht nach unten in den Schlamm falle. Als ich aufblicke, entdecke ich aufgetürmte Steine, ein kleiner Schrein inmitten eines Ozeans aus Blut. Ich krieche darauf zu. Ich ahne, was darunter liegt. Ich spüre seinen Herzschlag unter meinen Händen und fange an zu graben. Ich bin ein wühlendes Tier, räume den Schutt weg und kratze mit den Fingernägeln daran. Auf den Steinen sind purpurrote Tupfen. Mir wird bewusst, dass sie von meinen Händen stammen, obwohl mir gar nichts wehtut. Dann sehe ich ihn. Er liegt auf dem Rücken, mit aufgerissenen Augen, die Arme nach oben gestreckt – ein Säugling, der nach seiner Mutter sucht.
Ich bemühe mich, ihm nicht ins Gesicht zu blicken, als ich mich bücke, um ihn aufzuheben. Hinter mir blitzt die Kamera, und der Junge wird von einem harten, weißen Blitz beleuchtet. Ich kann ihn nicht mehr erkennen; der Junge löst sich in dem Licht auf. Hör auf, schreie ich den Mann mit der Kamera an, das kannst du nicht fotografieren, und noch während meine Stimme von den zersplitterten Wänden hallt, erzittert der Boden. Der Junge schaut mich flehend an. Ich versuche, seine Hand festzuhalten, aber sie rutscht mir aus den Fingern. Der Junge ist Staub, und ich sehe zu, wie er vergeht. Aber im letzten Moment ruft er.
»Hilf mir!«
Das ist das Letzte, was ich höre, da blendet mich der Kamerablitz, und ich wache blinzelnd auf.
Zusammengekrümmt liege ich auf dem Boden, schabe mit den Nägeln über den Teppich, und obwohl ich weiß, dass ich in Sicherheit bin und es nur wieder ein Albtraum war, schmecke ich Staub. Ich drücke mich vom Boden weg. Der Raum ist von einem kalten, bläulichen Licht erfüllt, stelle ich fest. Ich war so müde, dass ich vergessen habe, die Vorhänge zuzuziehen.
Ich trete zum Fenster. Der Himmel ist klar und wolkenlos. Welch ein Kontrast zu dem verschmutzten Himmel, den ich jeden Abend in London sehe. Ich bleibe einen Moment lang dort stehen, betrachte den Mond und die funkelnden Sterne über dem Meer und denke an Syrien. Dort fiel die Dunkelheit schnell. Wie eine Guillotine, sagte Chris immer. Und ich merke, wie ich mich abkopple. Es scheint, als wäre das alles – Syrien, London, Chris – ein anderes Leben, und dieses Leben, dieser Ort am Meer, ist der einzige, der existiert. Ich bin keine furchtlose Journalistin mehr, ich bin ein verängstigter Teenager, der sich wieder einmal hinter dem Vorhang verkriecht, voller Angst vor den Albträumen, die sich einstellen, sobald er die Augen schließt.
3
Herne Bay, Polizei
10 Stunden in Gewahrsam
»Vielleicht sollten wir ein bisschen weiter zurückgehen«, sagt Dr. Shaw, »und zwar zu Ihrer Ankunft in Herne Bay.« Sie blickt auf das Blatt Papier vor sich. »Offensichtlich ist es einige Zeit her, seit Sie zuletzt hier waren. Warum sind Sie zurückgekehrt?«
Ich sitze da. Dr. Shaw schlägt die Beine übereinander und nimmt sie wieder herunter. Sie trinkt einen Schluck Tee aus einem Styroporbecher, wischt sich den Bodensatz vom Mund und stellt den Becher neben ihre Füße auf den Boden. Die große, ovale Uhr an der Wand hinter ihr tickt rhythmisch, während wir beide schweigend dasitzen. Die eine denkt über die Frage nach, die andere wartet auf die Antwort. Eine Antwort, die sie bereits kennt, da bin ich mir sicher.
In ein paar Monaten werde ich vierzig. Jetzt sitze ich in diesem winzigen, von Neonröhren beleuchteten Raum und sehe einen Kuchen mit Zitronenglasur und Buttercremefüllung vor mir. Ich sehe meine Mutter, die in einer kleinen Küche herumhuscht und Eier in einer Schüssel aufschlägt, die so groß wie ihr Kopf ist. Und ich sehe mich selbst, mit vier Jahren, wie ich auf dem Rand der Küchenarbeitsfläche balanciere und jede ihrer Bewegungen beobachte. »Ich will einen Kuchen, der die Farbe von der Sonne hat«, hatte ich zu ihr gesagt. Und meine Mutter erfüllt mir meinen Wunsch, denn nach allem, was wir gemeinsam durchlitten haben, könnte sie es nicht über sich bringen, mich zu enttäuschen. Wenn ich einen Sonnenkuchen haben will, sorgt sie dafür, dass ich einen bekomme.
Als Shaw sich räuspert, blicke ich auf, und das Gesicht meiner Mutter verschwindet in der Raufasertapete.
»Ich hatte Lust auf etwas Seeluft«, antworte ich.
Shaw beugt sich vor und nimmt eine Pappmappe aus ihrer Tasche.
»Wir haben mit Paul Cheverell gesprochen.« Sie holt ein Blatt Papier aus der Mappe. »Er ist doch Ihr Schwager?«
Ich nicke. Meine Brust zieht sich zusammen. Was hat Paul ihnen erzählt?
»Er hat gesagt, sie wären zurückgekommen, weil es einen Todesfall in der Familie gab.« Sie liest in ihren Notizen. »Ihre Mutter, glaube ich?«
»Ja.«
Ich starre die Wand hinter Shaws Kopf an und versuche verzweifelt, das Bild vom Grab meiner Mutter aus meinem Kopf zu löschen, aber ich sehe nichts anderes.
»Standen Ihre Mutter und Sie sich nahe?«
Ich blicke wieder Shaw an und sage mir, je schneller ich ihre Fragen beantworte, umso schneller komme ich hier heraus. Vielleicht sollte ich so tun, als wäre das ein berufliches Gespräch, als säße ich in einem Besprechungsraum und nicht in einer Haftzelle und als wäre die fragliche Person jemand anderer: eine abstrakte Mutter, keine Frau, die einen Kuchen backt oder ihre Tochter »Liebes« nennt oder bei Gedichten von Elizabeth Barrett Browning weint. Wenn ich mir diese andere Person vorstelle und nicht meine richtige Mutter, schaffe ich es.
»Ja, schon«, antworte ich lächelnd. Die Schwierigen immer anlächeln, an Bord holen.
»Haben Sie sie oft besucht?«
»Nicht so oft, wie ich gewollt hätte.«
»Warum?«
»Na ja, mein Beruf bringt es mit sich, dass ich häufig nur wenige Tage am Stück in Großbritannien bin, und wenn ich einmal hier bin, jagen sich die Termine.«
Noch während ich spreche, wird mir klar, wie lahm sich meine Erwiderung anhört, aber ich kann Shaw doch nicht erzählen, dass ich die Situation zu Hause viel zu schwierig fand. Mir meine wunderschöne Mutter ohne Verstand in einem Altersheim vorstellen zu müssen ging über meine Kräfte.
»Ihre Mutter litt an Demenz?«
»Ja.«
Ich bemühe mich, an dem Bild der abstrakten Figur, der hypothetischen Mutter, festzuhalten, aber es zerbricht, und ich sehe Mum vor mir, über einen Haufen Zettel auf dem Küchentisch gebeugt, um herauszufinden, wo sie die Telefonnummer meiner Tante aufgeschrieben hat. Diese Zettel waren ihr Gedächtnis, ihr Rettungsanker, aber dann fing sie an, sie zu verlieren, und wurde noch verwirrter. Irgendwann schenkte ich ihr ein Diktafon. Ich weiß noch, wie sie auf dem Sofa saß und sich bemühte zu verstehen, wie man die Tasten bediente. Die Verwirrung war ihr anzumerken. Sie hatte keine Ahnung, was sie mit dem Gerät anfangen sollte.
»Wie lange war sie in dem Altersheim?«
»Nicht lange. Nur ein paar Monate.«
»Es ist offenbar schnell mit ihr bergab gegangen.«
»Ja,« sage ich. »Aber Paul hat mir erzählt, dass es seither keine Probleme gab und sie im Schlaf gestorben ist.«
»Sie hatte einen Schlaganfall, nicht wahr?«
»So hat man es mir zumindest erklärt«, erwidere ich achselzuckend. Ich möchte das Thema wechseln.
»Ihr Schwager hat gemeint, Sie wären nicht zur Beerdigung gekommen.«
Shaws Stimme ist kalt und teilnahmslos. Sie dringt durch mich hindurch und verstärkt meine Trauer, meine Schuld.
»Richtig.«
»Und aus welchem Grund?«
Ihre Worte sind wie Gewehrkugeln. Ich muss mich zwingen, sitzen zu bleiben, während jede Faser meines Körpers möchte, dass ich aufspringe und mich wehre.
»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, wegen meiner Arbeit bin ich manchmal wochenlang im Ausland. Ich war in Syrien.«
»Und Sie konnten nicht zurück?«
»Nein. Ich wollte, aber … es war schwierig.«
»Sie haben also die Beerdigung Ihrer Mutter verpasst. Das war sicher nicht leicht für Sie.«
»Nein, im Gegenteil.«
Ich versuche, nicht an diesen Nachmittag zu denken, an die Männer und das Blut und das Kind, das nach mir schrie, sondern stattdessen an die Rückreise nach England. Als ich im Flugzeug auf den Start wartete, spürte ich, wie etwas in mir zerbrach. Ich glaubte sogar, irgendwo in meiner Brust ein Knacken wahrzunehmen. Es tat weh, körperlich weh, wie wenn man ein Gummiband extrem spannt und es dann in der Hand zerreißt. Und inmitten der Trauer um meine Mutter nagten Schuldgefühle an mir. Ich wusste genau, dass ich vor einem Grauen floh, an dessen Entstehen ich selbst nicht unbeteiligt war. Ich hatte etwas Schreckliches getan, was ich mir niemals vergeben konnte.
Aber Shaw will ich nichts davon erzählen, das geht sie nichts an.
»Es muss merkwürdig gewesen sein, nach so langer Zeit wieder nach Herne Bay zurückzukehren.«
Shaws Stimme versetzt mich ruckartig wieder in die Gegenwart.
»Ja.«
»Wenn ich es recht verstanden habe, wohnen Sie in Ihrem Elternhaus«, fährt die Ärztin fort.
Ich nicke und fange unwillkürlich an, an meinem Arm zu zupfen. Auf den Schnittwunden hat sich Schorf gebildet, und es sticht.
Ich schließe die Augen und stelle mir Schmerztabletten und ein großes Glas Chablis vor. Mir ist natürlich klar, dass nichts von beidem verfügbar sein wird. Shaw fällt auf, wie ich mich reibe. Stirnrunzelnd betrachtet sie die Verletzungen, die sich zickzackförmig meinen Arm hinaufziehen.
»Das tut bestimmt weh«, meint sie.
»Nicht der Rede wert.« Abwehrend halte ich mir den Arm vor die Brust.
»Wie ist das passiert?«
»Ich habe doch gesagt, es ist nicht der Rede wert.«
Sie sieht mich ein paar Sekunden an, dann trifft sie offenbar die Entscheidung weiterzumachen.
»Ist Ihr Vater noch am Leben?«
Das muss ihr doch auch schon bekannt sein. »Nein«, antworte ich. »Zum Glück nicht.«
»Warum zum Glück?«
»Weil er ein gewalttätiger Alkoholiker war«, erkläre ich. »Ich habe ihn gehasst, und er hat mich gehasst.«
»Warum haben Sie ihn gehasst?«
»Weil er meine Mutter behandelt hat wie einen Sandsack.«
Ich halte inne. Ich habe wieder zu viel preisgegeben.
»Hören Sie, ich bin Ihnen ja dankbar für diese Therapiesitzung, aber was hat das mit meiner Situation zu tun? Ich verstehe, wie das funktioniert, Dr. Shaw. Ich verdiene mein Geld damit, Menschen zu befragen. Aber das Problem liegt nicht bei mir – es liegt bei ihr.«
»Ich will nur, dass Sie ehrlich sind, Kate.« Die Ärztin verschränkt die Arme vor der Brust. »Diese Fragen helfen uns dabei, ein möglichst klares Bild davon zu bekommen, welche Umstände Sie hierhergeführt haben. Verstehen Sie?«
Widerwillig nicke ich.
»Wir können jederzeit eine Pause einlegen«, sagt sie leichthin, als würde sie mit einem aufsässigen Kleinkind sprechen. »Geben Sie Bescheid, und wir unterbrechen.«
»Nein«, blaffe ich sie an. »Es geht schon. Machen wir einfach weiter.«
»Okay.« Shaw rutscht auf ihrem Stuhl hin und her.
Einen Moment lang wirkt sie verwirrt, und das gefällt mir.
Ein paar Augenblicke bin ich Herrin der Lage.
»Sie meinten, Ihr Vater wäre gewalttätig gewesen und hätte Sie gehasst. Warum hat er Sie gehasst?«
»Ich habe keine Ahnung«, erwidere ich. »Vielleicht habe ich ihn an meine Mutter erinnert, die er auch gehasst hat. Meine Eltern haben nämlich ein Kind verloren, meinen kleinen Bruder, und das hat sie zerbrochen. Meine Mutter hat ihre Trauer verarbeitet, indem sie mich verwöhnt hat, aber mein Vater wurde immer zorniger. Er gab meiner Mutter die Schuld am Tod meines Bruders. Er war Alkoholiker, und wenn er betrunken war, schlug er um sich.«
»Warum hat er Ihre Mutter für den Tod des Kindes verantwortlich gemacht?«
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war das seine Art, damit fertigzuwerden.«
»Wie ist Ihr Bruder gestorben?«
»Es war ein Unfall«, sage ich barsch. Diese Antwort habe ich jahrelang geübt, immer wenn wohlmeinende Leute danach gefragt haben. »Er ist ertrunken.«
»Und Ihre Mutter war bei ihm?«
Ich höre Schreie. Aus dem Flur? Ich bin mir nicht sicher. Ich sehe Shaw an, aber sie hat offensichtlich nichts vernommen. Mein Herz rast, und ich versuche mich zu erinnern, was sie mir gesagt haben, als es das letzte Mal passiert ist. Ich solle mich aufs Atmen konzentrieren. Ich schließe die Augen und stoße langsam die Luft aus. Mir ist bewusst, dass Shaw auf eine Reaktion wartet.
»Kate?«
Ich schlage die Augen auf und fülle meine Lunge wieder tief mit feuchtkalter Luft.
»Tut mir leid.« Ich atme aus. »Ich würde lieber nicht darüber reden. Es ist schon lange her und hat nichts mit dem Grund dafür zu tun, weshalb ich hier bin.«
»Na gut«, sagt Shaw.
»Was ist mit Ihrer Schwester, Pauls Frau Sally – hat Ihr Vater sie auch geschlagen?«
Ich schüttle den Kopf.
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Ihre Schwester und Sie, stehen Sie sich nahe?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Ach, keine Ahnung. Kann man seiner eigenen Schwester nahestehen? Stehen Sie Ihrer Schwester nahe?«
»Ich bin ein Einzelkind«, erklärt Shaw.
»Sie Glückliche«, erwidere ich bissig.
»Ich habe Sie nach Ihrer Schwester gefragt, Kate.«
»Schon gut, schon gut«, rufe ich kopfschüttelnd. »Warum wir uns nicht nahestehen? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich schätze, wir führen einfach komplett unterschiedliche Leben.«
Shaw nickt und schreibt etwas auf. Während ich ihr zusehe, denke ich an das letzte Mal, als ich Sally begegnet bin. Sie schrie mich an, und ihr Gesicht war dabei völlig verzerrt. Du kommst einfach hier reinstolziert, nachdem ich dich jahrelang nicht gesehen habe, und glaubst, du könntest mir vorschreiben, was ich tun soll? Wir sind keine Kinder mehr, Kate. Ich treffe jetzt meine eigenen Entscheidungen.
»Inwiefern?«, fährt Shaw fort. »In welcher Beziehung ist Ihr Leben unterschiedlich?«
»In jeder Beziehung.«
Ich denke an die E-Mail, die in meinem Posteingang landete, als ich zusammengekauert in einem syrischen Keller saß. Mum ist tot. Ich fand, du solltest das erfahren.
Eine Zeile. Mehr konnte Sally mir nicht geben. Eine lapidare Zeile, die mir mitteilte, dass meine Mutter, die ich unaussprechlich liebte, nicht mehr da war.
Du Aas.
»Was war das, Kate?«
Ich blicke zu Shaw auf, die Erinnerung an diese E-Mail geht mir noch durch den Kopf. Habe ich das laut ausgesprochen?
»Meine Schwester ist keine besonders angenehme Person, Dr. Shaw«, antworte ich. »Wir kommen nicht gut miteinander aus. Können wir es nicht einfach dabei belassen?«
4
Montag, 13. April 2015
Mit einem strahlenden Lächeln steht Paul auf der Schwelle. Er hat eine Einkaufstüte in der Hand.
»Fish and Chips«, sagt er. »Die besten von ganz Herne Bay. Du hast sie bestimmt vermisst.«
Das habe ich nicht, aber ich empfinde seltsamerweise gute Laune, als ich ihm voran ins Haus gehe. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit bin ich mit klarem Kopf aufgewacht. Die Stimmen schweigen. Zumindest vorläufig.
»Ich habe mir eine verlängerte Mittagspause organisiert, da dachte ich, ich fahre kurz zu Tellivers. Sicher hast du eine Riesenlust auf ein anständiges Essen, nachdem du in – wo warst du noch mal?«
»In Aleppo«, kläre ich ihn auf. »Das liegt in Syrien«, füge ich hinzu, als er mich verständnislos ansieht.
»Ja, also ich wette, sie haben da nicht so gutes Essen wie wir hier.« Paul stellt die Tüte auf den Tisch.
Das ist verdammt noch mal ein Kriegsgebiet, denke ich, während ich von der Küchentür aus zuschaue, wie mein Schwager den Tisch deckt. Dort gibt es kaum etwas zu essen, und die Menschen kämpfen um ihr Überleben. Das Letzte, was ich in Aleppo im Sinn hatte, waren verdammte Fish and Chips.
»Um ehrlich zu sein, Paul, ich habe gar nicht viel Hunger. Ich habe gerade erst gefrühstückt.«
»Ach, komm schon.« Er klopft auf den hölzernen Esstischstuhl neben sich. »Es wird dich schon nicht umbringen, und du könntest dich ruhig ein bisschen aufpäppeln. Du bist ja nur noch Haut und Knochen.«
Er versucht nur, nett zu sein, sage ich mir, und setze mich widerwillig zu ihm an den Tisch.
»Hier, bitte schön.« Er häuft mir fette Pommes frites auf den Teller. »Lang zu.«
Ich stecke mir eine Pommes in den Mund und kaue langsam. Es schmeckt überraschend gut.
»Ich habe mit der Anwältin eurer Mutter in Canterbury gesprochen. Sie hat uns einen Termin gemacht, um die Papiere zu unterschreiben, am Mittwoch um ein Uhr«, sagt Paul. »Das sollte nicht lange dauern. Oh, und du musst einen Ausweis mitbringen. Hast du einen Pass?«
Ich starre ihn fassungslos an.
»Paul, glaubst du, ich könnte meine Arbeit verrichten, wenn ich keinen Pass hätte?«
»Ach, entschuldige.« Er lacht. »Natürlich. Tut mir leid, ich habe lauter Sachen aus der Arbeit im Kopf.«
Er geht zum Küchenschrank und holt eine verstaubte Flasche Malzessig heraus.
»Magst du?«
Ich schüttle den Kopf und sehe zu, wie er seine Pommes in der ätzenden braunen Flüssigkeit ertränkt.
»Kommt Sally mit?«, frage ich.
»Nein.« Er legt seine Gabel weg. Sein Blick ist ernst.
»Was ist los?«
»Na ja, es ist einfach Sally. Sie fühlt sich nicht besonders gut.«
»Soll das heißen, sie trinkt wieder?«
»Allerdings. Sie hatte ein paar Rückfälle.« Er nimmt eine Pommes und dreht sie zerstreut zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Wart ihr schon bei den Anonymen Alkoholikern?«
Paul schüttelt den Kopf. »Sie will nichts davon wissen. Sie glaubt, sie hätte kein Problem. Vielleicht kannst du ja einmal mit ihr reden. Du könntest dafür sorgen, dass sie Vernunft annimmt. Auf mich hört sie nicht mehr.«
»Ach komm, Paul. Sie hat mir beim letzten Treffen klipp und klar gesagt, dass ich nicht willkommen bin. Sie hat mich quasi aus der Tür geschoben.«
»Schon, aber das ist lange her, und du weißt, wie empfindlich sie wegen der Situation mit Hannah ist. Sie dachte, du würdest ihr die Schuld daran geben.«
»Ich wollte ihr einfach nur etwas Vernunft beibringen.« Ich schiebe meinen Teller weg. »Es ist mir egal, ob sie sich angegriffen gefühlt hat, sie musste der Wahrheit ins Auge sehen. Wäre sie nüchtern gewesen, wäre Hannah noch hier, so einfach ist das.«
»Das stimmt wahrscheinlich«, meint Paul. »Aber wenigstens ist Hannah wohlauf. Übrigens, danke für deine Hilfe bei der Suche nach ihr. Das hat uns wirklich beruhigt.«
»Sie ist doch meine Nichte«, erwidere ich. »Ich wollte mich selbst vergewissern, ob sie in Sicherheit ist, und das ist mehr, als man von Sally behaupten kann.«
»Du bist sauer auf sie, klar«, sagt Paul. »Aber mit Sally geht es rapide bergab. Kannst du nicht diesen dummen Streit zwischen euch begraben und dich mit ihr versöhnen?«
»Es tut mir leid, Paul, ich finde es nur seltsam von einer Mutter, einfach so aufzugeben.« Ich nehme meinen Teller und schiebe die Portion Fish and Chips in den Müll. »Ist es ihr denn überhaupt wichtig?«
»Jetzt wirst du aber ungerecht, Kate.« Er wischt sich den Mund an einem Stück Küchenpapier ab. »Natürlich ist es ihr wichtig. Hannahs Verschwinden hat Sally zerstört. Sie hat wieder mehr getrunken, sie hat ihren Job verloren. Sie war völlig aufgelöst. Tief in ihrem Herzen versteht sie sehr wohl, dass sie mit ihrem eigenen Verhalten Hannah von hier vertrieben hat – die Trinkerei, die Streiterei – , und das zerfrisst sie innerlich.«
Während ich neben dem Mülleimer stehe, taucht das verängstigte Gesicht meiner Schwester in meinen Gedanken auf, vor all den Jahren auf der Entbindungsstation. Sie war zu jung, erst vierzehn und selbst noch ein Kind, als sie Hannah bekam. Ich weiß noch, wie ich an ihrem Bett saß, und das Baby in dem kleinen Plastikbettchen neben ihr schlief. Sally sah mich an und sagte: »Was soll ich damit machen, Kate?«
»Sie haben sich wirklich geliebt.« Paul unterbricht meine Erinnerung. »Du hättest sie am ersten Weihnachtsfest ohne Hannah sehen sollen, sie war völlig außer sich. Aber andererseits hättest du das ja gar nicht sehen können. Du warst ja nie da.«
Er nimmt seinen Teller und trägt ihn zur Spüle. »Sie ist deine Schwester, Kate. Sie hat dich damals gebraucht. Und sie braucht dich jetzt.«
»Ich habe es versucht.« Ich schaue ihm zu, während er durch die Küche segelt wie ein großer, verwirrter Vogel. »Aber sie wollte nicht auf mich hören.«
»Nein, du hast versucht, die große Reporterin zu sein«, sagt er. »Recherchieren und Kontakte anrufen. Was großartig war, denn auf diese Weise haben wir Hannah ausfindig gemacht. Aber Sally musste nicht befragt werden. Sie brauchte dich einfach als ihre Schwester. Sie braucht dich jetzt, Kate.«
»Na schön, Paul, aber eins nach dem anderen.« Ich stehe auf und öffne die Hintertür. Das Haus riecht nach schalem Essig, und ich muss dringend frische Luft schnappen. »Lass uns doch erst Mums Angelegenheiten regeln, und dann, na ja, ich verspreche nichts, aber ich denke darüber nach.«
»Danke, Kate. Es würde Sally und mir viel bedeuten, wenn ihr das Kriegsbeil begraben könntet.« Paul nimmt seine Jacke von der Küchentheke. »Ich muss wieder in die Arbeit. Aber sag mal, du warst doch noch gar nicht am Grab deiner Mutter. Ich kann dich morgen in der Mittagspause hinfahren, wenn du magst.«
Die Worte »Mutter« und »Grab« hören sich seltsam an. Am liebsten würde ich Paul schütteln und ihm erklären, er hätte das alles falsch verstanden, meine Mum sei nur kurz einkaufen gegangen und würde in fünf Minuten wieder zurück sein.
»Kate, ist alles in Ordnung?«
Tränen steigen mir in die Augen, aber ich drehe mich nicht um. Er darf mich nicht weinen sehen.
»Alles okay«, sage ich blinzelnd. Am anderen Ende des Gartens blüht eine einsame rosa Rose. Ich starre sie fest an, und die Tränen hören auf zu fließen.
»Aber das Grab würde ich gerne besuchen.« Ich halte den Blick immer noch auf die Blume gerichtet. »Wenn es dir wirklich nicht zu viele Umstände macht.«
»Überhaupt nicht«, antwortet er freundlich. »Ich hole dich morgen ab. Um halb eins?«
»Perfekt.« Ich drehe mich von der Hintertür weg. »Und danke, danke für alles, was du tust. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«
»Kein Problem«, sagt er. »Bis morgen.«
Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fällt, seufze ich erleichtert. Wenigstens kann ich jetzt mit meinen Gedanken allein sein.
Ich begebe mich nach draußen und sehe mich im Garten um. Es herrscht ein völliges Durcheinander, überall Unkraut und zerbrochene Töpfe. Meine Mutter war eine leidenschaftliche Gärtnerin. Sie war auf einer Farm aufgewachsen, und ich glaube, sie sehnte sich innerlich immer ein bisschen nach dem Land. Der Gemüsegarten, den sie hier pflegte, war ihre kleine Oase, eine Erinnerung an ihre Kindheit. Sie verbrachte Stunden darin und kümmerte sich um die Kartoffeln und Karotten und die Stangenbohnen, die sie dort zog. In den Sommerferien half ich ihr manchmal. Wir krochen zwischen den Beeten hindurch und knabberten rohe Bohnen. »Eines fürs Töpfchen und eines für uns«, sagte sie immer, und ihre Augen glänzten vor Freude, weil sie meinen Vater zumindest für ein paar Stunden los war. Wenn er seiner Arbeit nachging, war sie ganz sie selbst. Sie konnte lachen und singen und wieder eine junge Frau sein. Hin und wieder nahm sie ihre Gedichtbände mit, und wir setzten uns auf die Veranda und lasen gemeinsam. Meine Liebe zu Wörtern habe ich von meiner Mutter. Sie hatte eigentlich Englischlehrerin werden wollen, aber ihren Traum aufgegeben, nachdem sie meinen Vater kennengelernt hatte und mit mir schwanger geworden war. »Damals ließen sich Kinder und Beruf nicht vereinbaren«, erklärte sie mir einmal. »Man hatte entweder das eine oder das andere. Niemals beides.«
Ich knie mich neben die Stelle, wo einst das Rosenbeet war, und lege die Hand auf den körnigen, trockenen Boden. Meine Mutter hatte den Garten mit Blumen überhäuft: Teerosen mit Schlenkerpuppenköpfen, Wicken, die um Tipis aus geflochtenen Weidenruten herumwuchsen wie Trauben zarter Schmetterlinge. Aber auch Kapuzinerkresse, deren riesige tatzenförmige Blätter aus einem alten Blechkessel quollen, und rot-weiß gestreifte Pfingstrosen. Sie erinnerten mich immer an Zuckerstangen. Der ganze Weg war gesäumt von hohem Rittersporn. Er verlieh dem Garten etwas Edwardianisches. Fast konnte man sich vorstellen, wie Mädchen in weißen Kleidern und Männer mit Strohhüten hier entlangwandelten. Im kleinbürgerlichen Herne Bay war der Rittersporn auf jeden Fall eine ungewöhnliche Blume, wahrscheinlich mochte meine Mutter sie genau deswegen. Es hob sie von den Nachbarn ab.
Aber jetzt sind die Blumen allesamt verschwunden, und nur Unkraut und trockene Erde sind geblieben. Dieses Rosenbeet hat mich mein ganzes Erwachsenenleben hindurch verfolgt. Ich sehe es vor mir, wenn ich in Soho durch die Straßen laufe oder mich in einem ausgebombten Hotel verstecke. Ich sehe es, wenn ich die Augen schließe und um Schlaf bete. Es ist das bittersüße Symbol meiner Kindheit. Ich sitze auf den Knien, berühre den Boden und erinnere mich, wie sich die Erde unter mir anfühlte, als ich bibbernd in der Kälte lag.
Ich war dreizehn Jahre alt, und meine Straftat bestand darin, dass ich mich in eine der Tiraden meines Vaters eingemischt hatte. Mum hatte eine Hühnerpastete zubereitet, und er war betrunken nach Hause gekommen und hatte sich aufgeregt, weil die Pastete angeblich trocken war. Wie immer wollte ich meine Mutter verteidigen, während Sally einfach nur dasaß wie eine brave Tochter und ihm zustimmte. »Ja, Daddy, die ist wirklich ein bisschen trocken.« Mein Gott, sie war unerträglich. Er hat Mum an diesem Abend fertiggemacht, und ich habe einfach rotgesehen. Ich weiß noch, wie ich mich auf ihn gestürzt und mich zwischen meine verängstigte Mutter und seine Wut geworfen habe.
Da hörte er auf, und einen Augenblick lang glaubte ich, ich hätte ihr geholfen, ich hätte ihn tatsächlich zur Vernunft gebracht. Aber stattdessen packte er mich an den Armen und marschierte mit mir durch die Küche. Nachdem er mir seinen Gürtel um die Beine geschlagen hatte, öffnete er die Hintertür und schob mich hinaus in die Nacht. Es war Ende November, draußen herrschte klirrende Kälte, und obwohl ich vollständig angezogen war, war es kein Wetter, um sich draußen aufzuhalten. Am Zaun lag ein leerer Kompostsack. Ich bastelte mir einen Schal daraus, indem ich ihn in der Mitte durchriss und ihn mir um die Schultern zog. Aber es war immer noch so kalt, dass meine Zähne klapperten. Ich hämmerte gegen die Tür und flehte ihn an, mich einzulassen. Ich rief meine Mutter, rief Sally, aber vergeblich. Es kam mir vor wie Stunden. Ich sah zu, wie die Lichter im Haus gelöscht wurden, eines nach dem anderen, und legte mich auf die weichste Stelle, die ich finden konnte, das Rosenbeet meiner Mutter.
Ich erhebe mich. Etwas Seltsames geschieht. Während ich, all diese Jahre später, hier im Garten stehe, kehrt eine Erinnerung zurück, so lebhaft, dass es mich beinahe umwirft. Ein kleiner Schatten im Fenster. Sally. Als ich in jener Nacht zitternd im Blumenbeet lag, hob ich den Kopf und sah Sally am Fenster ihres Zimmers stehen. Ich winkte und rief nach ihr.
»Komm runter und lass mich rein«, bat ich sie. »Bitte, Sally, mach die Tür auf.« Vielleicht hatte sie mich nicht hören können, aber sie wusste, ich brauchte ihre Hilfe.
Sie blickte mich weiter an, und ihre Miene war ausdruckslos.
»Bitte, Sally.«
Doch sie schüttelte nur den Kopf, wich zurück und zog die Vorhänge zu. Ein paar Minuten später hörte ich, wie mein Vater die Tür entriegelte. Er hatte seinen Standpunkt deutlich gemacht, und ich durfte wieder nach drinnen. Ich zog mir sämtliche Kleidungsstücke, die ich besaß, übereinander an. Trotzdem dauerte es Stunden, bis mir wieder warm war. Ich sehe Sallys Gesicht beim Frühstück am nächsten Morgen vor mir. Sie starrte mich an, als wäre ich ein Geist, als könnte sie nicht recht glauben, dass ich überlebt hatte.
Schaudernd gehe ich zum Haus zurück, um Müllsäcke und einen Besen zu holen. Wie ist es möglich, dass eine Erinnerung so viele Jahre schlummert, um dann plötzlich ungebeten zum Vorschein zu kommen? Aber ich darf nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt. Die Erinnerung ist nicht mehr als das, eine Erinnerung, ein Fragment der Vergangenheit, das keinen Platz im Hier und Jetzt hat.
Stattdessen versuche ich, mich auf die Aufgabe zu konzentrieren, die vor mir liegt. Mit Gartenarbeit kenne ich mich wenig aus, aber ich kann Unkraut jäten und saubermachen, und das genügt erst einmal, um mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben und den Garten halbwegs in Ordnung zu bringen. Ich hole die Mülltüten aus dem Schrank unter der Spüle und finde in der Speisekammer einen alten Holzbesen. Es ist ein warmer Tag, und ich bin etwas heiterer, als ich wieder in den Garten zurückkehre.
Es tut gut, an der frischen Luft zu sein. Die Arbeit ist zwar mühsam, aber befreiend. Je mehr Büschel Unkraut ich in den schwarzen Sack stecke, umso unbeschwerter fühle ich mich. Nach ein paar Stunden sieht der Garten völlig anders aus, und auch mir geht es besser, obwohl mir entsetzlich heiß ist und ich verschwitzt bin.
Ich stecke gerade die letzte Mülltüte in die Tonne an der Mauer, als ich ein Kinderlachen höre. Es ist ein warmes Geräusch, das auf dem Weg zum Haus durch meinen Körper dringt. Es klingt wie … Ich gehe darauf zu, und als ich beim Rosenbeet bin, liegt er da auf dem Bauch und liest seinen Lieblingscomic, einen alten, den er schon hundertmal gelesen hat. Und er lacht über die albernen Witze, ein ganz tiefes Lachen. Er hatte eine so schöne Stimme.
Ich blicke auf. Im Garten nebenan sitzt eine Frau. Sie ist jung, Anfang dreißig, und trägt ein blaues Kopftuch über den Haaren. Es ist mit roten Rosen bedruckt, und als ich mich nähere, muss ich lächeln. Meine Mutter hatte ein ganz ähnliches Tuch, das sie über den Schultern trug, wenn sie die Kirche besuchte. Rosentuch, so nannten wir es als Kinder.
»Hallo«, rufe ich über den Zaun.
Sie wirkt einen Augenblick lang überrascht und stellt das Glas, das sie in der Hand hat, neben sich ins Gras.
»Ich bin Kate«, sage ich fröhlich. »Ich wohne ein paar Tage hier.«
»Sind Sie Mrs Rafters Tochter?« Die Frau erhebt sich aus ihrem Stuhl.
»Ja genau.« Sie kommt zum Zaun.
»Ich heiße Fida«, sagt die junge Frau. »Ihre Mutter hat viel von Ihnen erzählt.«
»Das freut mich. Sie fehlt mir sehr.«
»Mir fehlt sie auch.« Die junge Frau blickt an mir vorbei in den Garten meiner Mutter. »Sie war sehr freundlich. Sie hat mir immer … mir fällt das Wort nicht ein. So ein kleines Gebäck? Rund, mit Marmelade …«
Ich kann die Krapfen riechen, während ich zuschaue, wie die junge Frau um die Wörter ringt. Meine Mutter hat sehr viel gebacken, und Frittiertes war ihre Spezialität. Sie hat immer Krapfen gemacht, wenn mein Vater mich geschlagen hatte. Bis zum heutigen Tag kann ich sie nicht essen, weil sie sowohl nach den Schuldgefühlen meiner Mutter als auch nach meinem eigenen Kummer schmecken.
»Krapfen«, sage ich. »Marmeladenkrapfen.«
»Ja genau«, ruft die Frau strahlend. »Marmeladenkrapfen, das ist es. Sie waren gut. Sie hat mir immer kleine Schachteln vor die Tür gestellt, wie … wie Santa Claus.«
»Und Ihr Kind, mag es Krapfen?«, frage ich und recke den Hals, um zu sehen, ob der oder die Kleine noch da ist.
Das Lächeln der Frau erlischt. Ob ich etwas Falsches gesagt habe?
»Ich habe gerade ein Kind gehört, deswegen. Gelächter. Es war schön.«
»Ich habe kein Kind«, erwidert die Frau, und ich erkenne einen vertrauten Schmerz in ihren Augen. »Wahrscheinlich waren es Kinder auf dem Weg hinter dem Haus. Manchmal nehmen die Schulkinder eine Abkürzung und laufen an den Feldern entlang.«
»Entweder das, oder ich nehme Dinge wahr, die nicht da sind.« Ich kichere, um die Spannung zu lösen.
Die junge Frau lacht, aber ihre Augen sind traurig.
»Sie wohnen also alleine?« Ich kann die Journalistin in mir einfach nicht unterdrücken.
»Manchmal. Mein Mann ist viel unterwegs.« Sie zeigt hoch zum Himmel.
»Er arbeitet im Ausland?«, frage ich vorsichtig.
»Ja,« sagt sie. »Im Ausland.«
»Es ist bestimmt nicht leicht, so viel allein zu sein.«
»Das ist kein Problem. Ich bin glücklich.« Sie hört sich allerdings nicht danach an.
»Woher stammen Sie denn, wenn ich fragen darf?«
»Aus dem Irak.« Sie klingt lockerer. »Falludscha.«
»Ach, das kenne ich gut. Ich war 2004 dort.«
Sie nickt und schaut in die Ferne. Diesen Blick habe ich zahllose Male auf den Gesichtern von Menschen bemerkt, die gezwungen wurden, aus ihrer Heimat zu fliehen; eine Mischung aus Traurigkeit und Verwirrung.
»2004«, flüstert sie. »Sie waren also während der Schlacht dort?«
»Ja.«
»Ich bin kurz danach weggegangen.« Sie verschränkt die Arme. »Mein Cousin hat die Stadt verlassen, und meine Eltern meinten, ich sollte ihn begleiten. Sie fanden, es wäre am besten …«
Sie spricht nicht weiter. Eine dicke Träne fällt auf ihr Kleid. Hastig wischt Fida sie weg.
»Es tut mir leid«, sagt sie.
»Schon gut. Ich verstehe das. Für mich war Falludscha ein Arbeitseinsatz, für Sie war es Ihr Zuhause. Es ist bestimmt sehr schwer für Sie.«
»Der Irak ist nicht mehr meine Heimat«, erwidert sie leise. »Jetzt bin ich hier zu Hause.«
Sie lächelt, aber ihre Augen sind immer noch traurig. Ich möchte ihr viele Fragen stellen, aber ich weiß, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.
»Der Irak wird Ihre Heimat bleiben«, sage ich zu ihr. »Er gehört zu Ihnen. So wie dieser Ort ein Teil von mir ist, obwohl ich vor vielen Jahren aus Herne Bay weggezogen bin.«
Sie nickt. »Gelegentlich träume ich von Falludscha. Wie es war, als ich jung war, und dann wache ich auf und wünsche mir, ich könnte zurück, aber mir ist klar, es wäre jetzt nicht mehr so wie früher.«
Ich will ihr gerade von einem Artikel erzählen, den ich vor Kurzem über diese Stadt geschrieben habe, da werde ich jäh von einem lauten Krach unterbrochen.
»Was war das?«
Ich sehe die Frau an. Ihr Lächeln ist verschwunden, ihre Hände zittern.
»Ich muss rein«, sagt sie hastig.
»Ist alles in Ordnung? Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
»Nein, bitte, es ist gut.« Ihre Stimme zittert. »Ich muss gehen.«
