Was ist los, Charlie? - T.S Erikson - E-Book

Was ist los, Charlie? E-Book

T.S Erikson

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Beschreibung

Charlie Gruber, ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren hat einen guten Job, wird stets von allen gemocht und hat auch mit Frauen keine Probleme. So wirkt er zumindest von außen betrachtet, doch in Wahrheit lügt er, handelt insgeheim oft zwanghaft und ein Traum oder vielmehr eine Erinnerung verfolgt ihn - alles dreht sich um einen regnerischen Tag in seiner Kindheit, den er mit einem Mädchen verbrachte. Es ist eine schöne Erinnerung und doch lässt ihn das Gefühl nicht los, dass damals etwas geschehen ist. Zu diesem Zweck versucht er zusammen mit seiner Therapeutin dieser Erinnerung auf den Grund zu gehen und das Mädchen zu finden. Nur wird er mit der erschreckenden Wahrheit hinter diesem Mädchen auch leben können?

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2023

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T.S.Erikson

WAS IST

LOS,

CHARLIE?

»Das Mädchen mag dich. Wie könnte sie dich auch nicht mögen. Du musst sie nur an deinen besonderen Ort führen. Sie wird dir folgen, Charlie.«

»Und was wenn nicht?«

»Glaub´ mir, sie wird dir folgen.«

WER IST CHARLIE?

Ein trüber Tag.

Draußen trommelt der Regen auf die Fensterbänke und die Welt erscheint düster. Nicht mehr lange bis Weihnachten und in Charlie kommt darüber keine Freude auf. Charlie, sagen immer alle, ein ungewöhnlicher Name für einen Burschen aus Innsbruck, einer Stadt in Österreich.

Seine Eltern hatten eigentlich einen anderen Namen für ihn im Sinn. Vor allem sein Vater wollte ihn Lukas nennen. Seine Mutter aber entschied sich in der Stunde seiner Geburt für einen anderen Namen. Sie sah ihm in die Augen und begrüßte ihn mit den Worten „Hallo, Charlie.“

In diesem Moment stand sein Name fest. Es ist ja auch nicht so, als würde ihm der Name nicht gefallen. Er bringt die Leute zum Lächeln und man wirkt auf Anhieb sympathisch. Ein Name mit einer guten Wirkung. Hat sie diesen womöglich deshalb ausgewählt?

Er ist ein sechsundzwanzigjähriger junger Mann, der sich als Webdesigner verdient und an sich ein recht komfortables Leben führt. Er hat immer wieder eine Freundin, nur nie zu lange. Er lernt immer wieder Leute kennen und kann mit diesen etwas unternehmen, wenn ihm der Sinn danach steht. Nur lässt er niemanden nah genug an sich heran, dass irgendeiner behaupten könnte, ihn auch wirklich zu kennen. Er hat keine Freunde aus Kindheitstagen. Niemanden, der uralte Erinnerungen heraufbeschwören könnte und seine Familie besteht nur aus seiner Mutter und diese hat er seit acht Jahren nicht mehr gesehen.

»Wieso meidest du Intimität?«

Charlie rümpft auf diese Frage hin kurz die Nase.

Er denkt über dieses Wort nach, lässt dabei den Kopf etwas kreisen und antwortet nur mit einem Schulterzucken.

»Was bedeutet Freundschaft für dich?«

»Ablenkung.«

»Ablenkung wovon.«

»Lenkt sich nicht jeder ab? Ist das ganze Leben nicht einfach nur Ablenkung.«

»Na ja, die meisten Menschen stellen sich selbst Aufgaben, erschaffen eine Sinnhaftigkeit in ihrem Sein. Du hast doch bestimmt auch schon auf Dinge hingearbeitet oder etwa nicht?«

»Natürlich, wie sonst könnte ich mir dich überhaupt leisten.«

Eine blonde Frau, die Haare zurückgebunden, attraktiv – auf eine seriöse Art und Weise, eine angenehme Stimme und eine ruhige, fast schon erotische Ausstrahlung, geht von ihr aus. Gehört das alles zur Show? Diese professionelle Aufmachung, gepaart mit diesem Hauch von Erotik. Er stellt sich vor wie sie an dem Bleistift in ihrer Hand zu knabbern beginnt. Schlagartig wird es zu einer pubertären Fantasie und er kommt sich lächerlich vor.

Sie sieht seine aufkommende Scham und hakt nach.

»Was geht dir gerade durch den Sinn?«

»Ach, nichts. Du bist nur sehr attraktiv. Ich fühle mich zu dir hingezogen.«

Sie bewahrt ihre verständnisvolle Mimik, weißt seine Zuneigung für sie nicht sofort von sich und erklärt: »Viele Patienten entwickeln Gefühle solcher Art für ihre Therapeuten. Dieser geschützte Raum lässt unweigerlich eine Intimität entstehen, doch ist das nur ein Nebenprodukt unserer Sitzungen, Charlie. Wir sollten uns auf das Wesentliche konzentrieren.«

»Und was soll das sein?«

»Sag´ du es mir. Du bist zu mir gekommen.«

Charlie wirkt für einen Moment mehr als nur verwundert. So hat er das gar nicht mehr im Kopf. Ihm war eher so, als hätte man ihn hierhergeschickt.

»Hast du das etwa vergessen?«

»Ja...nein. Ich war nur kurz neben mir. Ich weiß auch nicht, vieles fühlt sich oft komisch an.«

»Inwiefern?«

»Ich denke so oft an dieses Mädchen, gelbe Regenjacke und rote Schuhe. Ich weiß nicht warum, doch es ist so, als würde ich sie kennen.«

»Über dieses Mädchen hast du schon oft gesprochen. Du warst ein Kind und hast mit ihr den Tag verbracht. Sie war allein und du warst allein. Ihr seid in den Wald gelaufen und habt euch dort gegenseitig gejagt.«

»Ja, genau. Der Wald.«

Die Erinnerung erscheint so lebendig vor ihm. Er hört ihr Lachen. Sie laufen um die Wette. Er jagt sie. Sie jagt ihn. Sie klettern einen Hang hinauf. Der Himmel ist grau. Der Regen will nicht aufhören. Alles ist so wie heute.

»Du denkst an die Vergangenheit, Charlie. Dieses Mädchen verfolgt dich deshalb, weil du aus ihr eine romantische Vorstellung gemacht hast. Ein Einhorn, Charlie. Würdest du das Mädchen heute treffen, könnte sie diese Vorstellung niemals erfüllen.«

»Nein, vermutlich nicht und dennoch geht sie mir ständig durch den Sinn.«

»Hast du schon einmal versucht sie zu finden?«, hakt seine Therapeutin nach.

»Nein, wie auch? Sie würde heute ohnehin ganz anders aussehen und ich weiß ja nicht mal mehr ihren Namen.«

»Vielleicht fällt dir ja noch ein guter Weg ein sie zu finden. Heutzutage kann man jeden finden. Führe dir aber auch noch vor Augen, dass du auch noch ein gegenwärtiges Leben hast. Wir sprachen von Intimität. Die Menschen mögen dich. Du kannst dich ruhig trauen und sie an dich heranlassen.«

»Ja, ich werd´s versuchen.«

»Schön. Unsere Zeit ist jetzt um.«

Sie schlägt die Mappe in ihrem Schoß zu. Er weiß, dass sie ihm ihre Anmerkungen und Aufzeichnungen über ihre gemeinsamen Sitzungen, ohne zu zögern zeigen würde, doch will er diese gar nicht sehen. Es könnte ihn womöglich erschrecken oder seine Zuneigung zu ihre trüben. Wer will schon wissen, was Andere insgeheim über einen denken. Sie verabschiedet sich mit einem sanften Händedruck und er verlässt mit einem Hauch von Wehmut das Büro ihrer Sitzungen.

2

Der Vorteil seiner Arbeit ist die freie Zeiteinteilung.

Er verdient zwar nicht die Welt, doch dem Umstand einer Eigentumswohnung hat er es zu verdanken, dass er doch recht gut über die Runden kommen kann. Neben seiner Webdesign Arbeit, versucht er sich außerdem als Autor und auch Comiczeichner.

Damit hat er zwar bisher kein Geld verdienen können, doch es vertreibt ihm die Zeit und hält ihn auf Trab. Seine Comics, wie auch seine Bücher, befassen sich mit einem Dämonenjäger namens Caleb. Dieser Held der Geschichte zeichnet sich aber vor allem dadurch aus, dass man gar nicht so richtig sagen kann, dass er ein Guter wäre. Er ist nämlich selbst zur Hälfte ein Dämon, betäubt seinen Teufel aber mit Alkohol, hält ihn so in Zaun und hat es sich nun zur Aufgabe gemacht andere Dämonen, Geister, Hexen usw. in die Hölle zurückzuschicken. Natürlich ist seine Geschichte geprägt durch ein furchtbares Verbrechen an seiner Familie, begangen von einem Teufel, einem Dämonenherren. Das ist logischerweise Calebs Antrieb, dazu kommt noch die Tatsache, dass er für seine Dienste auch noch Geld verlangt.

Charlie hat nie wirklich ernsthaft versucht eine andere Geschichte zu schreiben oder zu zeichnen. Seine Geschichten wollen immer nur von Caleb handeln. Dabei weiß Charlie sogar, dass die Geschichte nicht sonderlich originell ist, doch er glaubt an die Figur und an die vielen Geschichten in Calebs Universum. Wer erfindet das Rad schon neu, oder?

Nach der heutigen Sitzungen will sich Charlie wieder an eine Geschichte von Caleb machen. Der dritte Band ist kurz vor seiner Fertigstellung.

In der Geschichte geht es um eine Hexe, die Kinder aus einem Dorf entführt und Caleb wird beauftragt die Kinder zu finden. Die Geschichte spielt in der Gegenwart, sogar in Tirol und meistens in Innsbruck. Charlie findet die Idee von einem österreichischen Dämonenjäger ganz witzig. Kaum einer glaubt wirklich, dass eine Hexe für die verschwundenen Kinder verantwortlich ist. Caleb wird von der Tochter einer alten Seherin engagiert. Die alte Seherin kann Caleb auch auf die Spur der Hexe bringen. Er verfolgt sie durch drei Gemeinden Tirols bis nach Steinach, dort glaubt er ausharren zu können, um ihr zuvorzukommen.

Caleb kann das Böse, das Dämonische spüren und durch seine Jagd nach der Hexe entsteht eine besondere Verbindung. Für seine Jagd sehr nützlich und jetzt im Moment steht er in einer verschneiter Nacht an einem alten Bauernhaus. Er weiß, dass sie heute Nacht kommen wird. Die Dunkelheit verschluckt viel, doch das Mondlicht offenbart das Nötigste.

Caleb sah einen dunklen Schatten durch das Gras huschen.

Ihm war klar, dass dieser etwas Bösem gehören musste. Die dunkle Aura war so stark, dass der Dämon in seinem Innern zu poltern begann. Ein hungriges Toben in seiner Brust. Caleb musste einen Schluck von dem harten Fusel in seiner Jackentasche seine Kehle hinunterschütten, um das Monstrum seiner Geburt in Zaun zu halten.

Nun war es an der Zeit, den geweihten Revolver hervorzuziehen, um dem Schatten begegnen zu können. Caleb war bereit und plötzlich hielt er inne -

Plötzlich kann Charlie nicht mehr weiterschreiben. Er weiß nicht warum, doch ihn beschleicht ein solches Unbehagen bei den Worten, die noch vor ihm liegen, dass er es jetzt wieder bleiben lässt. Was soll´s, denkt er sich.

Charlie setzt sich jetzt auf sein Sofa. Er schaut sich in seinem hellen Wohnzimmer um. Die Wände sind dekoriert mit Drucken von bekannten Künstlern. Er hält nicht viel von Familienfotos, die an Wänden hängen. Er besitzt ohnehin kein Bild aus seiner Kindheit. Seine Mutter hat er seit seinem achtzehnten Lebensjahr nicht mehr gesprochen und sein Vater ist verschwunden, als er gerade mal drei Jahre alt war. Seine Mutter hat ihm nie erklärt, wohin er gegangen ist. Sie sagte immer nur, er sei gegangen. Charlie weiß zumindest, dass er nicht gestorben ist. Sein Vater ist wohl einfach abgehauen. Charlie denkt auch nie daran, nach seinem Vater zu suchen, sowie er auch nicht daran denkt seine Mutter aufzusuchen. Mit seiner Mutter hält er E-Mail-Verkehr. Aus irgendeinem Grund hat sich das zwischen ihnen beiden so entwickelt. Er bedauert das auch nicht. Er hat sich dafür entschieden seine Mutter nicht mehr zu sehen. Warum? Charlie erinnert sich an seine Mutter als eine beherrschende kontrollierende Frau. Er wollte wohl einfach nicht mehr unter ihrer Kontrolle stehen.

Die E-Mails sind nur dazu da, den Kontakt nicht vollends zu beenden, denn das hätte seine Mutter wohl nicht verdient. Sehen will er sie aber nicht. Seine Mutter verlangt in ihren E-Mails auch nicht ihn zu sehen und sie würde niemals einfach vor seiner Haustüre stehen, genauso wenig wie er vor ihrer.

Staubflusen sieht er plötzlich auf dem grauen Teppich seines Wohnzimmers (er saugt ihn mindestens zwei Mal am Tag). Er muss sofort aufstehen und die Flusen beseitigen. Kein Staubsauger, sagt er sich. Er macht es mit der Hand und hält gleich darauf Ausschau nach weiteren Verschmutzungen. Zum Glück will ihm nichts auffallen. Er eilt hinüber in die kleine Küche seiner Wohnung und entsorgt die Flusen in einem geschlossenen Mülleimer.

Charlie muss sich innerlich zwingen seinen Blick nicht zu sehr durch seine Wohnung schweifen zu lassen. Er würde bei seinem Rundgang bestimmt noch etwas finden und dann könnte er nicht mehr aufhören seine Wohnung zu putzen. Charlie sieht das jetzt nicht unbedingt als eine Zwangsstörung. Es ist mehr so etwas wie ein Tick, der ihn meistens nicht zu sehr belastet. Es gibt bessere und schlechtere Tage. Das hat auch mit seiner seelischen Verfassung zu tun. Seitdem er zu seiner Therapeutin geht, glaubt er besser mit diesem Tick klarzukommen. Immerhin hat er sich noch nicht auf die Jagd gemacht, weitere Mängel seiner Wohnung unschädlich zu machen.

Er versucht ohnehin so wenig Dreck wie möglich zu machen. So wie er die Dinge tut, ist auch alles darauf ausgelegt, keinen Schmutz zu verursachen. Charlie vermeidet es sogar in seiner Wohnung zu kochen und er vermeidet vor allem Besucher. Andere Menschen würden für ihn automatisch Schmutz bedeuten.

Wenn er so darüber nachdenkt, ist die Sache mit seinem Tick doch ein bisschen ernster, als er sich oft selbst eingesteht. Womöglich hat er überhaupt deswegen erst mit einer Therapie angefangen. Es war anscheinend seine Entscheidung. Natürlich war es das, würde er sich am liebsten selbst eine kleben. Manchmal überkommt ihn ein Gefühl der Desorientierung und er hasst diesen Zustand. Gleichbedeutend mit dem Verlust von Kontrolle.

Wie wenn man ein Handtuch nimmt und es in die Kloschüssel werfen will. Man fragt sich, was der Scheiß soll, und gleich darauf bekommt man es mit der Angst zu tun. Charlie versucht entspannt zu bleiben. Keine Paranoia. Keine Angst. Dinge können passieren, müssen aber nicht passieren. Jeden Tag gehen Millionen Menschen nach links und die andere Millionen geht nach rechts. Alles ist willkürlich und das große Ganze ist nicht kontrollierbar.

Kontrolliere Dinge, die du kontrollieren kannst.

Kontrolliere sie nur, wenn du nicht darunter leidest.

Fühlst du dich dann besser? Ergründe warum und beginne zu verstehen.

Marie Curie sagte, man fürchtet Dinge nur so lange, bis man lernt sie zu verstehen. Sehr wahre Worte. Charlie will raus. Er braucht Gesellschaft und deswegen greift er zu seinem Handy und ruft jemanden an. Dieser Jemand nimmt seinen Anruf entgegen und fünf Minuten später ist Charlie auf dem Weg zu einer zweiundzwanzigjährigen Studentin namens Carmen.

3

Er hat kein Auto, besitzt aber einen Führerschein.

Vor drei Jahren hat er sein letztes Auto besessen. Ein kleiner grauer Ford. Als das Auto schlapp gemacht hat, ist Charlie bei den öffentlichen Verkehrsmitteln geblieben. Womöglich lag es an diesen Momenten seiner Verwirrtheit. Manchmal schießen ihm Bilder durch den Kopf und er weiß nicht warum. Oft begleitet ihn ein Gefühl der Vertrautheit in völlig willkürlichen Momenten.

Es sind wie Flashbacks. Dieses Mädchen von damals zum Beispiel. Eine so lebhafte Erinnerung. Es ist ihm auf jeden Fall nicht mehr wohl dabei mit einem Auto zu fahren. Charlie hat die Vorstellung von sich und dem rauschenden Straßenverkehr ohnehin nie besonders gefallen.

Charlie fährt gerne mit dem Bus. Hier kann er einfach aus dem Fenster blicken und die Stadt an sich vorüberziehen lassen. Die Menschen sind ihm da schon eher lästig. In einen voll besetzen Bus steigt er meistens gar nicht ein. Charlie hat ja auch nie wirklich Terminzwang, sowie die meisten anderen Menschen. Er muss sich vor niemanden verantworten.

Ein junger Kerl steigt in den Bus und steuert sofort auf Charlie zu. Seine Augen verraten sofort, dass er Charlie erkennt und begrüßen wird.

»Hey, Charlie! Wie geht’s dir Mann?«

Charlie weiß im ersten Moment nicht wer da vor ihm steht. Ein Typ mit blonden kurzen Haaren und locker gekleidet. An seinem linken Unterarm ist ein Tattoo. Ein indianisch wirkendes Muster. Charlie will der Name nicht einfallen, doch er lässt sich das nicht anmerken und erwidert den Gruß mit den Worten: »Bei mir ist alles klar und bei dir?«

»Ja geht schon alles, Mann. Wie läuft´s mit den Wetten. Machst du noch große Gewinne?«

»Immer. Mach’ hohe Einsätze und du machst auch hohe Gewinne.«

»Verdammt cool, Alter. Wir sollten uns mal wieder zusammentreffen. Wieso rufen wir uns am Wochenende einfach nicht zusammen? Weißt du, ich-«

»Hey, können wir machen, doch ich muss jetzt raus. Bin in Eile, Mann.«

»Klar, Charlie. Wir hören uns und vergiss nicht-«

Die restlichen Worte seines namenlosen Freundes hört Charlie schon gar nicht mehr. Als er sich umblickt erkennt er, dass er mindestens vier Stationen zu früh ausgestiegen ist.

Ist er etwa vor dem Typen geflohen? Wenn sich Charlie nur an ihn erinnern könnte.

Schlussendlich dauert es noch eine halbe Stunde, bis er bei Carmen ankommt. Sie lebt mit einem Freund und einer Freundin in einer WG zusammen. Carmen studiert Rechtswissenschaften, kommt aber nur schleppend voran. Charlie mag sie, weil sie unbeschwert ist. Sie drängt zu nichts und ihr Zeitplan ist flexibel.

Eine dunkelhaarige Schönheit mit großen Reeaugen und einer Haut wie Porzellan öffnet ihm nur im Shirt und String die Tür. Ganz klare Sache, was sie jetzt von ihm erwartet, und er hat nichts dagegen.

Sex.

Charlie liebt diese Spannung, diese geradezu köstlich wirkenden Empfindungen, die einen alles vergessen machen. Carmen ist perfekt. Sie ist leicht zu bändigen, sehr fügsam und empfindet eine Menge Freude dabei. Perfekte Voraussetzungen für einen guten Nachmittag. Sie verbringen gut eine Stunde damit zu küssen, knutschen, lecken, lutschen und zu bumsen. Keine besonders stilvolle Beschreibung ihres Aktes, im Grunde aber treffend zusammengefasst. Danach liegt er neben ihr und versucht nicht ihren Zigarettenqualm einzuatmen. Rauchen, denkt er sich. Eine furchtbar lästige Angewohnheit mit der er sich nie hatte anfreunden können. Genauso wenig wie mit Alkohol. Er trinkt schon ab und zu, nur will er nie vollends betrunken werden. Er braucht die Kontrolle über sich. Jetzt sind die Empfindungen weg, sowie auch der Hunger nach ihrem Körper. Die Ernüchterung nach dem Höhepunkt, denkt er bitter.

»Was ist los, Charlie?«

Sein Blick ist wohl für einen Moment zu abwesend gewesen.

Carmen schaut ihn kurz besorgt an. Immerhin haben sie gerade miteinander geschlafen und da will man keinen Liebhaber unglücklich neben sich wissen.

»Nichts. Ich bin absolut cool, Süße.«

Charlie macht jetzt auf lässig, bringt noch einen Spruch und wenn sie lacht, ist er mit sich zufrieden. Ungefähr so, wenn sie dabei stöhnt wenn sie es tun. Man muss nur immer darauf achten, was für Geräusche vom Gegenüber kommen und man weiß, ob man es richtig macht. So ist es beim Sex und auch bei allen anderen Dingen.

»Und was hast du in letzter Zeit so getrieben?«, will sie von ihm wissen und drückt dabei ihre Zigarette in ihrem Aschenbecher aus.

Er erzählt von einer paar Partys. Clubbing vom Feinsten, meint er. Er ist meistens da, wo auch Studentinnen wie Carmen verkehrten. Hipster mäßige Veranstaltungen und Aktionen. Wohingegen er auch meint, dass die Szene ihn immer wieder anödet. Er erinnert sich dann gerne wieder an seine Zeit in Mexiko oder Buenos Aires. Er erzählt von den Menschen und den völlig irren Momenten wie aus einer anderen Welt. Er erzählt von anderen Mädchen, doch sie mag seine Geschichten und hört ihm aufmerksam zu. Sie würde auch so gerne verreißen, meint sie dann.

»Denk nicht darüber nach, tu es einfach«, ist sein Rat an sie.

Charlie war nie in Mexiko oder Buenos Aires. So wie er auch nicht wettet, wie es sein namenloser Freund aus dem Bus geglaubt hat. Es sind in der Tat nur Geschichten, die er einfach erzählt. Es ist wie mit seinem Geschreibsel. Er lässt einfach seine Fantasie spielen oder macht die Geschichten anderer Menschen zu den Eigenen.

Mittlerweile ist er darin schon so geübt, dass es oft schwer fällt Lüge von Wahrheit zu unterscheiden.

»Triffst du dich noch mit Anderen?«, will sie dann von ihm wissen.

»Du kennst mich, Carmen. Ich treffe mich mit dem, der Zeit hat.«

Sie lacht kurz, zeigt ihm den Mittelfinger und er lädt sie zum Essen ein.

»Was machst du Weihnachten?«, fragt sie ihn.

Sie sitzen jetzt in einem chinesischen Restaurant in der Innenstadt. Hier kann man für einen gewissen Betrag so viel essen, wie man will und außerdem macht der Laden auch sonst etwas her. »Vermutlich fahre ich zu meiner Mutter. Weihnachten soll man ja mit seiner Familie feiern.«

»Wie ist deine Mutter so?«

»Sie ist cool. Wir haben nicht mehr viel Kontakt, seitdem sie in der Schweiz lebt.«

»Wann ist sie dahingezogen?«

»Als ich fünfzehn war. Sie ist gegangen und ich bin geblieben.«

»Und dein Vater?«

»Ist zum Arbeiten ins Ausland, als ich noch klein war. Bohrinseln. Es gab einen Unfall und er ist gestorben.«

Sie drückt seine Hand und spricht ihr Beileid aus. Seinen Vater hat er schon auf viele Arten sterben lassen. Tod durch Ertrinken, Autounfall, Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, bei einem Sturz von einem Dach und so weiter. Die Geschichte mit der Bohrinsel gefällt ihm ziemlich gut. Sie macht seinen Vater interessant. Ein einfacher Mann, der versucht hat, sein Glück zu machen und dabei sein Ende gefunden hat. Eine klassische Geschichte, die immer gut bleiben wird. Würde sie einer Recherche von Carmen standhalten? Wohl eher nicht. Darüber macht er sich aber keine Gedanken. Warum sollten die Leute überprüfen, was man redet, wenn sie es ohnehin einfach nur glauben wollen.

Carmen mag ihn, sowie die meisten ihn mögen.

Ihre Reaktion war typisch und hat er auch schon öfter erlebt.

»Du hast alles allein geschafft, Charlie. Das ist bewundernswert.«

»Komm schon«, schmunzelt er. »Mach mich bloß nicht verlegen.«

Das Restaurant ist ziemlich voll. Geschäftsleute schlagen sich neben ihnen die Bäuche voll und kippen dazu Reiswein hinunter. Ist wohl ihre Art von Meeting. Charlie würde es gefallen in einer großen Firma zu arbeiten. Ein eigenes Büro zu haben. Ein Chef, der ihm Anerkennung zollt und Arbeitskollegen, die ihm seinen Erfolg nicht gönnen wollen. Seine tatsächliche Arbeit ist gut. Er hat sich damit selbstständig machen können. Dadurch ist er frei. Er bezweifelt aber, dass er mit dem, was er macht, je große Sprünge tun kann. Er kann gut leben, das ist aber auch schon alles.

Einen kurzen Moment sieht er sich inmitten dieser Männer sitzen. Er sieht sich neben dem großen Boss in dieser Runde, wie dieser ihm eine Hand auf die Schulter legt. Diese Vorstellung ist so greifbar, dass er es wirklich spüren kann.

»Wo willst du mit deinem Studium hin?«

»Ach, keine Ahnung.«

»Willst du mal eine richtig fetzige Anwältin werden oder im obersten Gerichtshof sitzen?«

»Glaub eher nicht. Vielleicht geh ich mal in die Rechtsberatung bei einer Firma. Eigentlich will ich aber nur irgendeinen Job im Büro.«

»Daran ist nichts auszusetzen, schätz ich mal.«

»Ich bin ja noch jung und hab noch alle Zeit der Welt.«

Sie lächelt auf und er tut es ihr gleich.

»Kommst du wieder mit zu mir oder soll ich vielleicht mit zu dir?«

Charlie winkt ab. Er müsste noch etwas erledigen, doch sie würden voneinander hören. Sie macht auf lässig und lässt ihn ziehen. Er geht davon und sie schaut ihm einen kurzen Moment wehmütig hinterher.

4

Am nächsten Tag geht Charlie in der Früh raus.

Er will etwas einkaufen und dann gleich wieder nach Hause, um an einer Homepage für einen neuen Kunden zu basteln. Ein Olineshop mit Forum, sowie auch Benutzerkonten für die User. So wie es heutzutage die meisten machen, doch das Konzept geht auch auf.

Es ist gerade mal halb acht Uhr in der Früh und er bemerkt vor sich ein Mädchen aus einem der Wohnhäuser kommen. Sie ist allein. Er schätzt sie auf acht oder neun Jahre. Charlie wartet einen kurzen Moment ab. Das Mädchen winkt jemanden über sich zu. Eine Frau mit lockigen Haaren hebt von einem Fenster aus die Hand. Das muss die Mutter sein.

Danach setzt das kleine Mädchen seinen Weg fort und auch Charlie setzt sich wieder in Bewegung. Er muss wieder an dieses Mädchen im Wald denken. Dieses Mädchen hat er auch in so einem Hof kennen gelernt. Dieses Mädchen von damals war auch allein.

Er weiß noch gut, wie er zu ihr hingegangen ist. Leichtfüßig, ohne einen Moment zu zögern und sie hat ihn auf Anhieb gemocht.

Weil dich alle mögen, Charlie.

Ist das wirklich so? Mögen ihn wirklich alle?

Da ist schon was dran. Er ist in seinem Leben selten auf Ablehnung gestoßen. Ihm drängt sich das Bild seiner abwesenden Mutter in den Kopf. Auf der einen Seite kann er sich an sie als glückliche und ausgelassene Frau erinnern, doch auf der anderen Seite ist da auch dieses stumme schwermütige Etwas mit den toten Augen und der brennenden Zigarette zwischen den Fingerspitzen. Hat seine Mutter geraucht? Komisch, jetzt könnte er sogar sagen, er selbst habe mal geraucht.

Charlie begreift gar nicht, dass er dieses Mädchen auf ihrem Schulweg noch immer verfolgt. Er ist schon am Supermarkt vorbeigezogen, folgt nur noch ihrer Spur. Doch wozu? Wo willst du hin, Charlie?

Er will zu ihr.

Das kleine Mädchen bleibt an einer roten Ampel stehen und Charlie steht nun direkt neben ihr. Er schaut sie einen kurzen Moment lang an. Sie hat dunkles braunes Haar und die für ihre Jugend typisch wachen Augen. Sie sprudelt über vor Leben, obwohl sie im Moment völlig still erscheint.

Er will sie ansprechen, so wie er das Mädchen damals angesprochen hat. Er will „Hallo“ sagen, doch dann beginnt das Mädchen mit den Armen herumzufuchteln und auch zu schreien. Charlie schreckt kurz zurück. Sie reagiert aber nur auf ein paar Schulfreundinnen auf der anderen Straßenseite. Die Ampel wird grün und das Mädchen rennt zu ihnen hinüber. Charlie kann sich plötzlich nicht mehr bewegen. Er weiß nicht, was gerade geschehen ist. Kalter Schweiß glitzert auf seiner Stirn. Ihm ist so, als würde eine Sicherung in seinem Schädel durchbrennen. Panik. Vor allem das spürt er. Panik. Er muss mit jemanden darüber reden.

5

»Danke, dass du dir die Zeit für mich nimmst. Ich weiß es war kurzfristig, doch ich muss einfach mit jemanden reden.«

»Ich bin für dich da, Charlie. Was ist passiert?«

Er sitzt wieder in dem Büro seiner Therapeutin. Dr. Gruber steht auf ihrer Praxistür. Eva Gruber, wenn sich Charlie richtig erinnert. Er denkt an sie immer als seine Therapeutin und vergisst dabei oft um ihren Namen. Seltsam, wenn man bedenkt, wie oft sie seinen Namen ausspricht. Etwas, dass Frauen im Allgemeinen aber generell öfter zu tun scheinen, als Männer.

Er fühlt sich unwohl, als er berichtet was heute Morgen geschehen ist. Es ist allerdings besser einfach offen und ehrlich zu sein. Warum sonst sollte er sich bei ihr einen Termin nehmen. Als er mit seiner Erzählung fertig ist, verschränkt er gespannt die Arme und wippt dabei nervös mit seinem rechten Fuß.

»Warst du sexuell erregt, Charlie?«

»Nein, absolut nicht! Ich hab dabei nicht an Sex gedacht!«

»Du hast an das Mädchen von damals gedacht, oder? Was fühlst du wenn du an das Mädchen von damals denkst?«

»Neugier. Ich will einfach wissen was passiert ist.«

»Ist denn etwas passiert?«

»Ja...nein. Ich weiß nicht.«

Dr. Gruber beugt sich etwas nach vorn. Ihr Blick nimmt ernsthafte Züge an, doch ihre Stimme bleibt sanftmütig und klar: »Du kannst mir alles sagen, Charlie.«

»Mir kommt es so vor, als wäre da mehr. Mehr, als ich sehe. Kennst du das, wenn deine Erinnerungen mit so einer Beklommenheit verbunden sind. Man weiß einfach, da war irgendetwas.«

»Glaubst du, dem Mädchen von damals ist etwas zugestoßen?«

»Keine Ahnung. Ehrlich, ich weiß es nicht.«

»Hast du das Gefühl dem Mädchen weh getan zu haben?«

»Nein...ich...ach, verdammt. Keine Ahnung! Verdammte Scheiße!«, fährt er kurz aus der Haut. Seine Wut beeindruckt sie nicht. Man merkt ihr an, dass sie es schon mit vielen emotionalen Reaktionen von Leuten zu tun gehabt hat. Sie ist ein Profi. Er ist keiner.

»Ich verstehe deine Angst, Charlie, doch ich glaube nicht, dass du dem Mädchen heute Morgen etwas antun wolltest. Es geht nicht um sie, es geht um das Mädchen von damals. Hast du denn versucht sie zu finden?«

Charlie denkt an seine Hilflosigkeit vor dem Computerbildschirm zurück. Ihm fällt einfach kein passender Weg ein nach ihr zu suchen.

»Hey, ich hab da vielleicht eine Idee. Gib doch eine Anzeige auf. Beschreibe den Tag und wie ihr euch kennen gelernt habt. Wer weiß, vielleicht liest sie es und meldet sich dann bei dir.«

Eine gute Idee, denkt er sofort.

»Wieso bin ich da nicht selber draufgekommen? Das könnte klappen.«

»Du musst nur beharrlich sein, Charlie. Ich denke, du musst das dringend für dich abschließen. Nur so kannst du in das Hier und Jetzt zurückkommen.«

»Das hast du völlig Recht. Ich lasse alles schleifen. Ich muss sie einfach wieder sehen.«

Doch was, wenn das Mädchen sich nicht auf seine Anzeige meldet. Was, wenn sie nicht mehr im Land, verheiratet oder tot ist?

Es ist einen Versuch wert.

Mit dieser Idee könnte es klappen.

VON EINSAMEN HERZEN

1

Hallo, mein Name ist Charlie und ich bin aus Innsbruck.

Als ich zehn Jahre alt war habe ich im Schlachthof in Saggen ein Mädchen kennen gelernt. Es war ein regnerischer Tag, Sonntag, im August und wir sind zusammen in die Wälder bei Mühlau gelaufen. Haben dort den ganzen Tag miteinander verbracht. Würde dieses Mädchen gerne wieder sehen und hoffe sie liest diese Zeilen und meldet sich bei mir.

Seine Anzeige steht.

Er hat sie in den regionalen Zeitungen geschaltet und auch den sozialen Netzwerken. Jetzt heißt es warten. Charlie sieht sich schon Wochen lang schwitzen und ausharren. Er sieht sich den Verstand verlieren. Zumindest hat er das kleine Mädchen auf seinem Schulweg nicht mehr verfolgt. Dieser Morgen hat ihm schreckliche Angst eingejagt.

Er will nicht glauben, etwas Böses im Schild geführt zu haben. Nein, Charlie ist kein böser Mensch. Womöglich geht es aber auch nur darum. Irgendetwas tief in ihm drin sagt, dass er böse wäre.

Nein, du bist nicht böse. Du willst einfach nur spielen.

Womöglich hält er ja auch nur deshalb alle Menschen auf Abstand. Vielleicht kann er deswegen niemanden vertrauen. Abgesehen von seiner Dr. Gruber. Ihr konnte er auf Anhieb vertrauen. Carmen könnte er nie in der Form vertrauen und auch keinem anderen seiner Bekannten.

Er hat die Anzeige mit seinem Handy verbunden. Den Eintrag in den sozialen Netzwerken hat er sich bis zum Schluss aufgespart. Er wollte, dass alles zeitgleich rauskommt und jetzt ist die Anzeige in den Zeitungen und auch im Internet. Charlie beginnt zu warten, gleichzeitig denkt er an die Arbeit, die er eigentlich noch erledigen sollte. Er hat seinen jetzigen Kunden einmal vertrösten müssen und deshalb hat er sich regelrecht zwingen müssen den Auftrag zu erledigen. Das hat er geschafft und er konnte diesen auch präsentieren. Ein gutes Gefühl hat er aber nicht dabei. Bisher hat er seinen Job mit Leidenschaft ausführen können. Er war kreativ und erfinderisch, bei diesem Kunden hat er sich einfach an die Standards gehalten. Alles nur wegen diesem Mädchen.

Wäre sie schon länger ein Problem, hätte er schon längst keine Arbeit mehr. Nein, irgendetwas hat sie wieder zum Problem gemacht. Irgendetwas in seinem Kopf hat sie wieder heraufbeschworen. Charlie weiß nur nicht was. Er hat einfach keine Ahnung.

Sein Handy vibriert einige Mal. Kein Anruf. Er schaut auf die SMS, doch auch da ist keine eingetroffen. E-Mail-Nachrichten stellt er überrascht fest. Erwartungsvoll beginnt er die Nachrichten zu lesen.

Hey Charlie,

sag´s dir lieber gleich bin nicht das Mädchen, dass du suchst. Fand deine Anzeige nur total süß und dachte mir wir könnten uns treffen. Heutzutage gibt’s ja kaum noch romantische Männer und allein dafür hast du´s verdient, dass man dein Sperma schluckt. Nehme deinen Schwanz-

Die Nachricht wird beim weiter lesen nicht weniger obszön am Ende geht es noch um heftigen Anal Verkehr „ein gesprengtes Arschloch“ und abschließend ist die Nachricht mit „liebe Grüße, dein dauergeiler Hermann“ unterschrieben.

Charlie findet das Schreiben von Hermann an ihn zwar ganz witzig, der Gedanke den dauergeilen Hermann aber kennen zu lernen, will ihm dann aber doch nicht behagen. Charlie hat nichts gegen das Schwul sein an sich, nur kann er sich einfach nicht bei einem Mann liegen sehen.

Er scrollt weiter zum nächsten Schreiben.

PRINZ HOMO!!

Nächste Nachricht

Hallo, Charlie und ob ich mich an den Tag erinnere.

Wow, das ist echt lange her. Hab ehrlich gesagt auch immer wieder an diesen Tag denken müssen. Würde gerne mit dir reden? Du kannst mich gerne unter dieser Nummer-

Die Nachricht ist mit Anna unterschrieben.

Anna, denkt er sich. Diesen Namen hätte er ihr nie gegeben. Aufgeregt schaut er jetzt auf sein Handy. Seine Fingerkuppen sind schwitzig und dann beginnt das verdammte Ding zu läuten. Er atmet auf. Anna hat seine Nummer gar nicht. Sie kann es nicht sein. Er schaut auf den Display und es ist Carmen.

Er nimmt ab.

»Hallo, Traumprinz!«

Carmen klingt sauer.

»Hallo«, grüßt er leicht irritiert zurück.

»Hab´ deine Anzeige gelesen. Mich ficken und daneben nach Sandkastenfreundinnen suchen! Völlig krank!«

»Carmen, du musst dich entspannen-«

Beim Wort „entspannen“ ist das Gespräch beendet. Sie hat aufgelegt. Damit hat er gar nicht gerechnet. Ihm ist gar nicht in den Sinn gekommen, sie könnte deswegen sauer auf ihn werden. Vielleicht hält sie sich ja für seine Freundin. An sich ein grotesker Gedanke, wenn man an den Kontakt denkt, den sie pflegen. Er will kein Arschloch sein. Er wird sich noch bei Carmen melden. Er wird ihr die Sache erklären, wenn auch nur deswegen, damit sie ihn nicht hasst.

Jetzt muss er aber etwas Anderes erledigen. Er will diese Anna lieber gleich anrufen, als ewig darüber nachzudenken es irgendwann zu tun. Im Endeffekt kann ja nichts Schlimmes passieren. Sie hat sich gemeldet, denkt er jetzt und sie hat anscheinend auch immer wieder an ihn denken müssen. Es ist also alles gut.

Er wählt die Nummer, atmet einmal tief ein und dann erklingt ihre Stimme.

»Hallo hier ist Charlie.«

»Es ist so lange her, oder?«

»Ja, das ist es.«