Was ist Zeit? - Truls Wyller - E-Book

Was ist Zeit? E-Book

Truls Wyller

4,4
12,99 €

Beschreibung

Alles geschieht in der Zeit – aber Was ist Zeit? eigentlich? Im Alltag gehen wir ganz selbstverständlich mit ihr um, aber so recht begreiflich ist uns dieses Phänomen nicht. In der Antike behalf man sich damit, die Zeit als Gottheit zu verstehen. Später hielten sie die einen für etwas Physisches, die anderen für etwas Psychisches. Ist sie vielleicht beides? Und wie ist dieses Verhältnis von naturwissenschaftlich gemessener zu erlebter Zeit zu verstehen? Die verschiedensten Fachdisziplinen wie Physik, Anthropologie, Geschichte, Religion und Literatur haben sich um Beantwortung dieser drängenden Fragen gekümmert. Wyller durchforstet diese spannenden Ansätze und erklärt komplizierte Sachverhalte und Fragen durch einfache, aus der Realität genommene oder erfundene Szenarien.

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EPUB

Seitenzahl: 207




Truls Wyller

Was ist Zeit?

Ein Essay

Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs

Reclam

Titel der Originalausgabe:

Hva er TID

Oslo: Universitetsforlaget, 2011

 

Alle Rechte vorbehalten

Copyright für die deutschsprachige Ausgabe

© 2016 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Die Übersetzung erscheint mit Genehmigung des Universitetsforlaget, Oslo. © 2011 Universitetsforlaget

Coverabbildung: © imago/blickwinkel

Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen. Printed in Germany 2016

RECLAM ist eineeingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961066-5

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011021-8

www.reclam.de

Inhalt

Kapitel 1 Einleitung: Welche Zeit?Kapitel 2 Die Uhr und ihre Vergangenheit. Über traditionelle und moderne ZeitbegriffeKapitel 3 Die Zeit der Physik: EinsteinKapitel 4 Die Zeit der Philosophie: Bergson, Husserl, HeideggerKapitel 5 Die Zeit der Wiederholungen in Religion, Geschichte und LiteraturKapitel 6 Zeitnihilismus und ZeitidealismusKapitel 7 Das menschliche JetztPersonenregisterSachregister

Kapitel 1 Einleitung: Welche Zeit?

Waren Sie schon einmal bei einem Klassentreffen? Dann hatten vielleicht auch Sie ein seltsam intensives Erlebnis: Ein alter Freund steht vor Ihnen, und wenn Sie vorher nicht so recht gewusst haben, ob Sie wohl alle wiedererkennen würden, dann stellen Sie zu Ihrer Freude fest, dass das der Fall ist, jedenfalls nach ein oder zwei Sekunden. Sie merken, dass die anderen noch immer dieselben sind, und schon bald wird geredet wie früher im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof. Sie sehen aber auch Gesichter, die sich verändert haben, und Sie hören von einem Leben nach der Klassengemeinschaft, das eine Persönlichkeit auf neue und manchmal überraschende Weisen geprägt hat. Plötzlich zeigen sich ganze Lebensläufe vor Ihnen, mit klaren Umrissen, die zurück in die Kindheit reichen, und eher verschwimmende Konturen, die nach vorne auf ein mögliches Alter hinweisen. Und dann fühlen Sie sich vielleicht, so wie ich, überwältigt vom Lauf der Zeit.

Wer hat nicht auf seiner Wanderung durch das Leben schon einmal über die seltsame Realität der Zeit gestaunt? Dieses Staunen kann uns jederzeit überkommen, denn die Zeit ist immer und ausnahmslos unsere Begleiterin, und wir können nie wissen, wann sie uns auf die Schulter klopft, um uns an ihre Existenz zu erinnern. Es gibt jedoch auch Situationen, die ganz besonders zum Nachdenken über das Wesen der Zeit anregen.

Sehen wir uns Fotos an, können wir das Gefühl bekommen, dass sich die Zeit sozusagen einen Weg in unser Leben bahnt. Sie blättern mit einem Kind oder Enkelkind in einem Fotoalbum. »Da warst du gerade mal sechs Wochen alt … und das hier war an deinem ersten Schultag.« Aber die Person, die da neben Ihnen sitzt, ist inzwischen zu einem erwachsenen Menschen geworden – wie Sie bereits einer waren, als das Foto gemacht wurde. Sie verlieren sich in Staunen über etwas, das es nicht mehr gibt, das aber dennoch auf dem Bild vor ihnen eine unleugbare Realität besitzt.

Es ist also kein Wunder, dass die Fotografie im Laufe der Zeit zu philosophischen Betrachtungen über die Zeit und die Vergänglichkeit der Dinge inspiriert hat, unter anderem den französischen Literatur- und Zeittheoretiker Roland Barthes (1915–1980). Eine Fotografie zu betrachten, sei so, als ob man etwas Vorzeitliches anstarre, fast so, als ob man ein Gespenst sehe, schrieb er.1

Aber was ist denn nun so faszinierend am »Lauf der Zeit«? Das Leben ist angefüllt mit Dingen, die kommen und gehen, und wir staunen nicht jedesmal aufs Neue, wenn wir einen Menschen in Bewegung vor uns sehen. Wir wissen jedoch erstens, dass die Zeit etwas Allumfassendes ist, eine Begleiterin, vor der es kein Weglaufen gibt. Sie erinnert uns deshalb daran, dass alles ein Ende hat, und an den Tod als existentielle Tatsache für alles, was da lebt. Zweitens fühlen wir uns oft vom Unerreichbaren angezogen, und alle, die je versucht haben, die Zeit festzuhalten, mussten feststellen, dass sie mit einem spöttischen Lächeln unserem Zugriff entgleitet. Ja, vielleicht spielt sie uns nur den »Lauf der Zeit« vor, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen, ehe sie gleich darauf klarstellt, dass es gar keinen »Lauf« gibt.

Eine große norwegische Versicherungsgesellschaft buhlt seit vielen Jahren mit einem Slogan um unsere Aufmerksamkeit: »Die Zeit geht, Gjensidige besteht.« Einen besseren Slogan kann man nicht finden: Als Text und Bild ist dieses ins kollektive Bewusstsein der norwegischen Bevölkerung eingegangen. Jedesmal, wenn wir es hören, sehen wir vor uns den Lauf oder das Vergehen der Zeit, symbolisiert durch die dunkle massive Gestalt eines Nachtwächters, der mit sicherem Schritt durch die Dunkelheit wandert. Auf diese Weise schenkt das Schlagwort Geborgenheit. Ebenso sicher wie die Tatsache, dass die Zeit ewig weiter vergeht, so meint der Slogan die Tatsache, dass die Versicherung Gjensidige ewig besteht. Es scheint unmöglich zu sein, diese beiden Wahrheiten anzuzweifeln.

Überlegen wir uns die Sache und sind vielleicht in Widerspruchslaune, so zweifeln wir aber berechtigt: Gjensidige wird natürlich nicht für immer bestehen, und die Zeit wird kaum jemals laufen oder gehen. Sie ist jedenfalls kein normales bewegliches Ding hier auf der Welt, und niemals wird ein Kollege Ihnen erzählen: »Auf dem Weg zur Arbeit habe ich heute einen Fuchs am Straßenrand gesehen, danach einen Adler am Himmel, und als ich hier ankam, ging gerade die Zeit um die Ecke.« Anders als ein Fuchs oder Adler kann die Zeit weder kommen noch gehen, weder auf der Erde noch draußen im Kosmos. Denn alle Bewegung geschieht in der Zeit, und wir können eine Bewegung nur dann einigermaßen erfassen, wenn wir sagen, sie nehme so und so viel Zeit in Anspruch. Kann aber die Zeit selbst in Zeit gefasst werden? Eine schwierige Frage.

Dennoch erfassen wir niemals Dinge in Bewegung, ohne die Zeit als ein begleitendes »etwas« zu erleben. Selbst dann, wenn sie also auch nicht im wahrsten Sinne des Wortes kommt und geht, kann sie doch einen Rahmen um alles das bilden, was kommt und geht. Nur ist sie aber auch kein konkreter, sinnlich erfassbarer Rahmen, und wir können uns der Realität der Zeit wohl eher dann annähern, wenn wir sie einen Horizont nennen, der uns überall umgibt, ohne dass wir ihn jemals erreichen können. Auch wenn die Zeit für uns allgegenwärtig ist, so wie das Wasser für einen Fisch, ist sie doch auch fern wie ein Regenbogen einem neugierigen Kind. Vielleicht war es diese Mischung aus Vertraulichkeit und flüchtiger Distanz, die dem Philosophen und Kirchenvater Augustinus (354–430) in seiner Autobiographie Confessiones den Ausruf entlockte: »Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht.«2

Bei näherem Hinschauen droht die Zeit zu verschwinden, und es ist leicht, ähnlich zu empfinden wie der portugiesische Autor Fernando Pessoa (1888 – 1935):

»Doch was misst uns da ohne Maß und tötet uns, ohne zu sein? Und in genau diesen Momenten, in denen ich nicht einmal weiß, ob die Zeit existiert, spüre ich sie wie eine Person und möchte schlafen.«3

Und da ein moderner Schriftsteller die Zeit »als Mensch« erleben kann, ist es ja kein Wunder, dass dies auch in älteren, sogenannten archaischen Gesellschaften ähnlich war. Lange, ehe der Allgemeinbegriff »Zeit« im Leben der Menschen eine praktische Rolle spielte, hatte man es mit allerlei Zeitgottheiten zu tun: Der griechische Kronos repräsentierte die »Ursprungszeit«, während andere Gottheiten bei bestimmten Handlungen oder Naturgeschehnissen für die Zeit standen. In der römischen Mythologie finden wir Janus, den Gott der »Schwelle« oder des »Übergangs«, den mit den zwei Gesichtern: eines schaut in die Vergangenheit, eines in die Zukunft. Wir finden auch den Urgöttervater und Gott für die Zeit der Ernte, Saturn, der seine eigenen Kinder verschlingt. Diese Gottesvorstellung zeigt uns etwas von der destruktiven Kraft der Zeit, sie zeigt, dass die Zeit die Dinge einem Gesetz der Veränderung unterwirft, dass alles, was besteht, auch wieder vergehen wird. Mindestens ebenso gefährlich ist der indische Gott Vishnu, der im Epos Bhagavadgita alles Leben verzehrt und die Menschen zerkaut, so dass von ihren Körpern nur Essensreste zwischen seinen Zähnen übrigbleiben.

In Gesellschaften mit solchen Gottheiten war die existentielle Dimension der eigenen Zeit unlöslich verbunden mit der Mythologie, und ein Nachdenken über die »Zeit« war gleichbedeutend mit einem Nachdenken über bestimmte Aspekte einer gemeinsamen religiösen Vorstellungswelt. So ist es nicht mehr. Das muss aber nicht heißen, dass sich eine moderne Erörterung des Phänomens Zeit auf bestimmte Aspekte beschränken müsste.

Ich selbst bin schon lange von der physischen, philosophischen, existentiellen, sozialen und historischen Realität der Zeit gleichermaßen fasziniert, und in diesem Buch versuche ich, mich der Frage: »Was ist Zeit?« aus so vielen Richtungen wie möglich zu nähern. Ich musste mich deshalb mit Themen aus verschiedenen fachlichen Disziplinen befassen: Die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften dient dabei als wichtigste Einteilung. Heute unterscheiden wir ja nicht nur zwischen Menschen und Göttern, sondern auch zwischen Naturgesetzen und moralischen und juristischen Gesetzen. In archaischen Gesellschaften war das anders, dort, wo die Gottheiten, die über das Leben der Menschen entschieden, auch jene Kräfte erklärten, die im physischen Kosmos wirkten. Im Zusammenhang mit der Zeit kann die Geschichte von Uhr und Kalender die Entwicklung illustrieren, die von solchen allumfassenden Kosmologien weggeführt hat.

Die Zeit der Menschen und die Zeit der Wissenschaften

Seitdem die Menschen ein Zeitbewusstsein besitzen, ordnen sie den Lauf der Zeit mit Bezug auf den Wechsel von Tagen und Jahreszeiten. Der sichtbare Rhythmus der Himmelskörper definierte auch den Rhythmus der Zeit, und mehrere Kalender der älteren Zeiten wurden als unvollkommene Nachahmungen des Sonnenlaufs angelegt, die wiederum als vollkommene kosmische Quelle der Zeit galt. Diese Auffassung weist eine naturwissenschaftliche, eine religiöse und eine politische Dimension auf. Die auf babylonischer Astronomie basierenden altägyptischen Kalender machten es leichter, sich darauf vorzubereiten, dass der Nil in regelmäßigen Abständen über die Ufer trat. Zugleich markierte der Kalender eine Serie religiöser Fest- und Feiertage, die oft mit jahreszeitlich verbundenen Aktivitäten wie Ernte, Jagd und Fischerei zusammenhingen. Dass diese Markierungen zudem das Leben großer Menschenmengen einteilten, ermöglichte schließlich das Aufkommen von umfassenden politisch-religiösen Machtzentren.

Das antike Athen war letztlich kein solches Machtzentrum, und im Athen der Zeit von Sokrates und Platon war kein kosmischer Kalender in Gebrauch. Rom dagegen sollte später zum Zentrum der Welt werden. Aus der Tatsache, dass die Menschen sich noch heute auf die natürliche Periodisierung des julianischen Kalenders aus der Zeit Julius Caesars stützen,4 können wir noch immer die Nachwirkungen der römischen Weltherrschaft sehen. Was sich jedoch verändert hat, ist das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Religion und Politik. Nach dem Heranwachsen einer neuen Naturwissenschaft in der Renaissance konnten die Menschen die vollkommenen Formen der Himmelskörper nicht mehr als direkte Quelle für Normen und Werte heranziehen. Und die moderne Vorstellung von Volkssouveränität und Aufklärung akzeptierte immer weniger die Kirche als politische Instanz, die die Macht hatte, den Bürgern ihre Aktivitäten an den religiösen Feiertagen im Kalender vorzuschreiben.

In den Naturwissenschaften war es vor allem die präzise Uhr, die die Periodisierung des Weltverlaufes weiterführen sollte. Moderne Uhrwerke regulieren den Tagesablauf der Menschen so, wie die Kalender früherer Zeiten ihre jährlichen, monatlichen und wöchentlichen Aktivitäten geregelt haben. Diese Uhren haben, wie der Kalender, ihren Ursprung in Mathematik und Astronomie alter Zeiten, und die Einteilung in Stunden, Minuten und Sekunden stammt aus dem babylonischen Zwölfersystem (mit seiner Einteilung des Kreises in 360 Grad). Trotz dieser mathematischen Einteilung führt (wie wir im nächsten Kapitel sehen werden) ein langer Weg von Gesellschaften mit einzelnen Sonnen- oder Wasseruhren zur modernen Gesellschaft, die von den Minuten- und Sekundenmarkierungen der Armbanduhr durchreguliert ist.

Durch diese Regulierung haben wir uns an eine immer genauere und stabilere Einteilung bzw. Quantifizierung gewöhnt, die jedoch immer noch nicht alle qualitativen Aspekte unseres Zeitbewusstseins umschließt. Deshalb haben die modernen Naturwissenschaften zu zwei überaus unterschiedlichen Zeitauffassungen geführt: Wir verwenden die Zeit der Uhr zur Messung all dessen, was in der leblosen Materie der physischen Welt geschieht, und wir haben die erlebte Zeit für das Lebensengagement der Menschen, das in der leblosen Materie kein Gegenstück findet. Die Konstellation dieser beiden Zeitbegriffe bildet im Folgenden ein immer wiederkehrendes Thema, vor allem dann, wenn es um eine bestimmte Problematik geht, nämlich die mögliche »Gegenwärtigkeit« von Vergangenheit und Zukunft in der Zeit selbst.

Wenn wir vom Tageslicht geblendet werden, wenn wir morgens das Haus verlassen, dann werden wir von der acht Minuten alten Strahlung der Sonne getroffen, die für uns nie wieder in genau dieser Form physisch zugegen sein wird. Bei der Beziehung der Menschen zu ihrer individuellen oder kollektiven Vergangenheit verhält es sich jedoch anders. Plötzlich kann der Gedanke an etwas, das wir vor langer Zeit getan haben, uns erröten lassen, und nach tiefgreifenden Veränderungen in einer Gesellschaft kann der »Kampf um die Vergangenheit« oder deren wie auch immer geartete Bewältigung in der öffentlichen Diskussion zu einem brisanten Thema werden. Unser Verhältnis zur Vergangenheit hat dann unmittelbare Konsequenzen für unser Verhältnis zu Gegenwart und Zukunft. Dasselbe lässt sich über politische Konstitutionen sagen, zum Beispiel über die Fähigkeit der »Gründerväter« in den USA, die zeitgenössische und die zukünftigen Generationen gleichermaßen in die Pflicht zu nehmen.

Ein wichtiges Problem bei der Betrachtung dieser Zeitdimensionen ist das Phänomen der Veränderung. Dass Dinge sich überhaupt verändern, hat schon immer Verwunderung erregt. Zuerst gibt es irgendwo nichts, dann gibt es dort für eine Weile etwas, und dann gleitet dieses etwas wieder aus der Existenz heraus. Das ist schwer zu begreifen, vor allem, wenn von Geburt und Tod der Menschen die Rede ist, aber auch bei weniger extremen Veränderungen. Denken Sie abermals an Klassentreffen oder ähnliche Zusammenkünfte: Es ist ein seltsames Gefühl, dass derselbe Mensch, der mit schütteren Haaren und verhärmtem Gesicht vor uns steht, einst eine üppige Mähne und frische Apfelbäckchen hatte. Unser Staunen aber wird nicht dadurch ausgelöst, dass der eine Mensch schüttere und der andere üppige Haare hat. Doch was hat es zu bedeuten, dass ein und dasselbe Ding – und nicht nur zwei verschiedene Dinge – zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Eigenschaften aufweisen? Gibt es in den Naturwissenschaften Platz für echte Veränderungen?

Befasse ich mich mit solchen Fragen, befasse ich mich indirekt auch mit Weltsicht und Menschenbildern, die die kosmische Einsamkeit des Menschen im physischen Universum berühren. Sind wir im Grunde nur Rädchen in einem unendlichen mechanischen Uhrwerk, oder stellen wir selbst, mit unserem erlebten Zukunfts- und Vergangenheitshorizont, eine Zeit dar, die im Weltall einzigartig ist? Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht nur, zwischen zwei Zeitbegriffen zu unterscheiden, einem für die leblose Natur und einem für das Selbstverständnis des Menschen. Wir sollten auf jeden Fall auch die Beziehung zwischen beidem näher in Augenschein nehmen, um zu ergründen, ob der eine Zeitbegriff möglicherweise fundamentaler ist als der andere oder ob beide notwendig sind, damit wir überhaupt von Zeit sprechen können.

Der Inhalt dieses Buches

Doch ehe wir uns mit dem Thema Zeit befassen, müssen wir uns noch kurz einer anderen Frage widmen: Gibt es überhaupt ein einheitliches Phänomen »Zeit«? Falls nicht, so verliert die erste Frage ihren Sinn. Was wäre, wenn die erlebte Zeit des Menschenlebens und die erlebnisneutrale Zeit der Physik nur das Wort »Zeit« gemeinsam haben, ähnlich wie so unterschiedliche Aktivitäten wie Geld in einer Bank einzuzahlen und sich auf einer Bank auszuruhen nur das Wort »Bank« gemeinsam haben? Was, wenn moderne Wissenschaften und Fachdisziplinen nur ihre jeweils eigenen Zeitbegriffe haben, aber keine für die Philosophie interessanten Berührungspunkte? Ja, was wäre, wenn jedes Naturphänomen, jede Gesellschaft, jede Aktivität oder vielleicht sogar jeder Mensch eine spezifische Zeit besitzt?

Die Dominanz der Uhr in modernen Gesellschaften macht es leicht, diese Frage mit nein zu beantworten. Alle Zeitverläufe im Universum lassen sich mit synchronisierten Uhren messen, denken wir gern: Also wird das ganze Universum von einer homogenen Zeit durchsetzt. Wie anders sich jedoch das Leben in einer vormodernen, mehr oder weniger uhrenlosen Gesellschaft darstellen kann, zeige ich in Kapitel 2 durch Erfahrung in Ferien fern vom Lärm der Städte auf. Ich gehe auch näher auf einige historische Voraussetzungen für die soziale Dominanz der Uhrzeit ein. Gegen Ende des Kapitels behandle ich dann kurz die Frage, wie weit es überhaupt die eine einheitliche Zeit gibt. Nur so viel vorab: Ich hätte kaum mit mehreren Kapiteln weitergemacht, wenn ich der Meinung wäre, dass das Vorhaben sinnlos sei, im Allgemeinen über »die Zeit« zu reflektieren – wie es u. a. der große Physiker des letzten Jahrhunderts, Albert Einstein, getan hat.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Uhrzeit es zu einem Problem werden lassen, zu erklären, was es bedeutet, dass Dinge gleichzeitig miteinander geschehen, und zwar sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft. In Kapitel 3 versuche ich zu zeigen, wie Einstein sich dieser Problematik auf eine Weise näherte, die zu einer Revolution im gesamten physischen Zeitbegriff führte. Wie die Physiker Galileo Galilei im 17. und Isaac Newton im 18. Jahrhundert versuchte er, eine Universalphysik zu entwickeln. Ins Zentrum dieser Physik stellte er die Lichtgeschwindigkeit als universales Naturgesetz. Das heißt, dass sich das Licht mit 300 000 Kilometern pro Sekunde bewegt – und zwar unabhängig davon, wie wir uns im Verhältnis zu diesem Licht bewegen. Um das physisch verständlich zu machen, müssen wir Einstein zufolge unseren Gleichzeitigkeitsbegriff »relativieren«: Dass zwei Dinge für mich gleichzeitig geschehen, bedeutet noch lange nicht, dass sie das auch für jemand anderen tun.

Den entscheidenden Punkt in der Darstellung dieser Theorie zeige ich mit den beiden Diagrammen hier und hier. Leser und Leserinnen mit naturwissenschaftlichen Kenntnissen werden das für Grundwissen halten, für andere können diese Überlegungen fremd wirken und die Diagramme nur schwer verständlich sein. Man kann die Diagramme wie Rätsel betrachten, die geknackt werden müssen, kann aber auch dann weiterlesen, wenn die Rätsel noch nicht voll und ganz verstanden worden sind.

Schwer zu begreifen, so Einstein, ist auch die Beziehung zwischen der physischen Zeit und dem menschlichen Erleben des Existierens im »Jetzt«. Bei diesem Erleben ist die Zeit nicht nur eine Serie von Ereignissen, die aufeinanderfolgen. Sie umfasst immer auch eine Beziehung zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, und das 4. Kapitel ist drei Philosophen gewidmet, die sich damit beschäftigt haben, wie diese Zeitdimensionen ineinander greifen: dem Franzosen Henri Bergson sowie den Deutschen Edmund Husserl und Martin Heidegger. Jeder von ihnen hat wichtige Aspekte der Rolle herausgearbeitet, die die Zeit im Menschenleben spielt. In welchem Grad der Zeithorizont der Menschen dann aber auch die Zeit der Physik umfasst, bleibt eine offene Frage.

In den restlichen Kapiteln schließen wir dann Bekanntschaft mit unterschiedlichen Herangehensweisen an diese Problematik. Im 5. Kapitel gehe ich zuerst näher auf die »Hermeneutik« der Zeit ein, verbunden mit individuellen und gesellschaftlichen Wiederholungen in Geschichte, Religion, Kunst und Literatur. Einerseits können solche Wiederholungen ein Gefühl hervorrufen, die Welt beherrschen zu können, da wir dasselbe wieder und wieder tun. Andererseits ist es unmöglich, genau dasselbe zu tun, da allein schon das Bewusstsein, etwas Gleiches zu tun, das erste Mal verändert. Dem Heidegger-Schüler Hans-Georg Gadamer zufolge sind weder Realgeschichte noch Kunstwerke etwas, das in der Vergangenheit fertig, unabhängig von unserem kreativen Neudenken vorliegt. Entsprechend der narrativen poetischen Zeittheorie des Franzosen Paul Ricœur können aber literarische Wiederholungen in ansonsten unzusammenhängenden, episodischen Ereignissen Form und Einheit schaffen. Auf diese Weise steht alle Zeit in Beziehungen zu den Erzählungen der Menschen, behauptet Ricœur.

Um dies besser verstehen zu können, kehre ich im 6. Kapitel zurück zum naturwissenschaftlichen Zeitbegriff. In diesem Kapitel geht es um die kritische Betrachtung des Phänomens der Veränderung, die der englische Zeitphilosoph John McTaggart aufgestellt hat. Dabei wird deutlich, dass es schwer möglich ist, sich Zeit und Veränderung vorzustellen, ohne dass Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart eine gewisse Realität besitzen, und dass es ebenfalls schwer ist, sich diese Realität als etwas anderes zu denken denn einen Horizont für bewusst ausgeführte Handlungen. Falls dieser Horizont alles umfasst, was physisch in der Zeit geschieht, muss diese Zeit universal sein, also so, wie sie es bei Menschen, nicht aber bei Tieren zu sein scheint.

Gibt es also keine Zeit ohne Menschen? Im 7. Kapitel argumentiere ich ausgehend von der Beziehung der Menschen zum Jetzt dafür, dass es sich in der Tat so verhält. Das heißt, ich stelle zuerst Dichter und Denker vor, die für das Leben im Jetzt gestimmt haben: Dann hat unser Verhältnis zum Jetzt für uns praktische Konsequenzen. Im Anschluss gehe ich davon aus, dass dasselbe Verhältnis auch umgekehrt theoretische Konsequenzen für das Jetzt hat: Wirkliche, reale Zeitverläufe besitzen eine praktisch bedingte, variable Dauer. Daraus folgt, dass es nicht eine Zeit für bewusste Geschöpfe und eine andere für leblose, räumliche Objekte gibt, sondern eine menschliche Zeit, die beides umfasst. Fangen wir jedoch mit dem Anfang an, als die Menschen noch keinen einheitlichen Zeitbegriff besaßen.

Kapitel 2 Die Uhr und ihre Vergangenheit. Über traditionelle und moderne Zeitbegriffe

Moderne Ferienzeit

Wer war nicht schon einmal auf einer Hütte? Und wer ist dabei nicht auf den Geschmack des uhrenlosen Daseins gekommen? Hier eine persönliche Kostprobe, die einige Jahre zurückliegt: Damals fuhr ich mit meiner Familie auf eine weit draußen im Meer liegende Insel. Schon am ersten Abend nahmen wir unsere Uhren ab und legten sie im Schlafzimmer ganz unten in eine Schublade. Das war vor dem Zeitalter der Mobiltelefone, die Hütte hatte keinen Strom, und Radio hörten wir nie. Damit konnten wir unseren Tagesrhythmus nach den Launen von Körper und Natur einteilen, was nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ohne Probleme ging.

Wir standen auf, wenn wir erwachten. Wir waren allesamt Nachtmenschen, also störten wir uns gegenseitig nicht. Ein wenig abhängig von Wind und Wetter nahmen wir das Morgenbad, anschließend kochten wir Kaffee und deckten den Tisch zum Frühstück unter freiem Himmel. Wir wurden bald sehr geschickt in der Kunst, die Wolkendecke und die Wellenformationen auf dem Meer zu ›lesen‹, und wir wussten, wann wir ziemlich gute Chancen auf Angelglück hatten. Dann ruderten einige von uns los und suchten der Reihe nach die besten Fischgründe auf. In dieser Zeit reparierten die anderen Familienmitglieder das Dach, lichteten das Gestrüpp, holten Wasser oder legten sich mit einem Buch in die Hängematte.

Wenn sich der Himmel zuzog oder eiskalter Wind anfing, die Wellen aufzupeitschen, dann wussten die »Daheimgebliebenen«, dass die »Fischer« bald zurückkehren würden. Später machten wir vielleicht zusammen einen Spaziergang, ehe wir wieder Kaffee kochten und uns ein paar Brote schmierten. Danach spielten wir gerne eine Partie Karten, und schließlich gingen wir zum Inselladen und kauften Lebensmittel. Es ist ein ziemlicher Weg bis zum Laden, und alles geschah in einem langsamen Tempo: Meist knurrte uns schon der Magen, wenn wir zur Hütte zurückkamen. Einige kümmerten sich um die Kartoffeln, andere machten Wasser heiß, um Kleider zu waschen. Nach dem Essen ging dann meist schon die Sonne unter, aber wir schafften doch noch einen langen Strandspaziergang, ehe es völlig dunkel geworden war. Da wir von der Seeluft müde geworden waren, tat es dann gut, ins Bett zu kriechen, obwohl es erst … ja, wie spät war es eigentlich? Wir dachten längst nicht mehr an das, was die Uhren unten in der Schublade zeigten.

Das ein wenig Ungewöhnliche an diesen Ferien war, dass sie um einige Monate verlängert wurden. Ich bekam ein Arbeitsstipendium und konnte die restliche Familie dazu überreden, den ganzen Herbst in der Hütte zu verbringen. Wir erhielten die Genehmigung, die Kinder selbst zu unterrichten, und keines jammerte über einige schulfreie Monate. In diesen Monaten kam es natürlich zu großen Änderungen in dem natürlichen Rhythmus, dem wir uns anpassten. Die Abendluft wurde klarer, der Morgentau kühler, die Tage kürzer, der Ostwind seltener und das Meer oft unruhiger. Außerdem schliefen wir zusehends länger – ehe wir fast in Winterschlaf versanken und zu dem Schluss kamen, jetzt sei es Zeit zur Rückkehr in die Zivilisation.

Nun ist diese Geschichte leider nicht ganz wahr. Aber sie liegt auch nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt, und ich glaube, sie zeigt, wie anders die Zeit in einem Dasein ohne Uhr erscheinen kann. Wir brauchen also nur in unsere eigene Hütte zu reisen, um das zu erleben, was oft als Handlungs- oder Ereigniszeit im Unterschied zur Uhrzeit bezeichnet wird.

In unseren verlängerten Ferien bestand der Tag nicht aus natürlichen Geschehnissen und menschlichen Handlungen, die in Stunden, Minuten und Sekunden eingeteilt waren. Er bestand aus natürlichen Geschehnissen und menschlichen Handlungen – Schluss aus. Wir standen dann auf, wenn wir wach geworden waren, gingen dann schlafen, wenn wir müde waren, aßen dann etwas, wenn wir Hunger hatten, und machten ansonsten das, was zum Rhythmus der Natur passte. Der Tag war in diese unterschiedlichen Aktivitäten eingeteilt, alles ging nicht in einer diffusen Handlungsmasse ineinander über. Außerdem geschah alles in einer bestimmten Reihenfolge, erst das Aufstehen, dann das Morgenbad, dann Frühstück, dann Angeln, danach Holzhacken und so weiter. Es war zum Beispiel nicht so, dass zuerst das Angeln an die Reihe gekommen wäre und dann das Aufstehen. Alles floss mit anderen Worten in eine Zeitsequenz ein. So lange aber, wie wir unser Leben nicht nach dem Rhythmus der Uhr einrichteten, war diese Zeit ganz anders als die, die das moderne Leben prägt.

Eine Uhr ist ein Mechanismus, der tickt und unbeeinflusst von allem, was in seiner Umgebung geschieht, weiterläuft. Vergleichen wir andere Geschehnisse mit dem Gang der Uhr, werden sie deshalb auch gleich.