Was nun? - Osho - E-Book

Was nun? E-Book

OSHO

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Beschreibung

Zeitlose Weisheit für eine sich radikal verändernde Welt Osho, einer der provokantesten Denker des 20. Jahrhunderts sagt: "Wir sind nur für eines verantwortlich und das ist Selbsterkenntnis." Nur wenn wir uns tatsächlich selbst erkennen, können wir auf Verantwortung übernehmen, ohne uns dabei im Geringsten anstrengen zu müssen. Wenn wir zu unserem wirklichen Selbst finden, erfährt unser Leben und wie wir es wahrnehmen eine radikale Veränderung. Verantwortung wird endlich nicht mehr als eine Pflicht erlebt, nicht als Zwang, etwas zu tun, sondern entsteht aus der Freude am Handeln. In diesem Buch sind Vorträge von Osho zusammengestellt, die sich mit der Frage beschäftigen, wie wir aus Glaubenssystemen und Weltbildern ausbrechen können, die uns einengen – egal welcher Nation oder welchem Glauben wir angehören. Es zeigt, welche neue Welt und welche neue Existenz wir erschaffen können, wenn wir wahre Freiheit erfahren und entsprechend verantwortlich handeln.

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Seitenzahl: 479

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Die Vorlage zu diesem Buch ist das gesprochene Wort Oshos. Der Diskurs „God is Dead“ ist, wie alle seine „Talks“, aus dem Stegreif vor einer großen Zuhörerschaft gehalten, und wurde vom Tonband übersetzt. Die Redaktion der deutschen Übersetzung folgt der englischen Buchausgabe und gibt, wie diese, so genau wie möglich den spontanen Redefluss Oshos wieder. Alle Osho Diskurse sind als Originale publiziert worden und als Original-Audios erhältlich. Audios und das vollständige Text-Archiv finden sie unter der Onlinebibliothek „Osho Library“ bei www.osho.com

Titel der Originalausgabe:

THE BOOK OF UNDERSTANDING – Creating Your Own Path to Freedom erschienen bei Harmony Books, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC

Ebookausgabe 2020

Umschlaggestaltung: Bunda S. Watermeier, www.watermeier.net

Übersetzung: Rajmani H. Müller

Copyright © der Originalausgabe 2006 by Osho International Foundation, Switzerland, www.osho.com/copyrights

Copyright © 2020 Innenwelt Verlag GmbH, Köln

www.innenwelt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

OSHO® ist eine registrierte Handelsmarke der Osho International Foundation, Schweiz, lizensiert durch diese. www.osho.com/trademarks

eISBN 978-3-947508-79-2

WASNUN?

Über Freiheit und Verantwortung

„Ich glaube nicht daran, zu glauben.

Mein Weg ist zu erkennen –

und Erkenntnis ist eine völlig andere Dimension.

Sie beginnt mit dem Zweifel, nicht mit dem Glauben.

Sobald du etwas glaubst, hörst du auf, es selbst zu erforschen.

Der Glaube ist eines der zerstörerischsten Gifte

für die menschliche Intelligenz.

Sämtliche Religionen beruhen auf dem Glauben,

nur die Wissenschaft beruht auf dem Zweifel.

Ich plädiere dafür, auch die religiöse Erforschung

auf die wissenschaftliche Basis des Zweifels zu stellen.

Dann brauchen wir nichts zu glauben,

aber wir können eines Tages die Wahrheit erkennen –

die Wahrheit unseres Seins und

die Wahrheit des ganzen Universums.”

INHALT

Vorwort

Die Spiritualität der Zukunft – eine Rebellion des Individuums

Kapitel 1

Diesseits und Jenseits – zum Verständnis der großen Spaltung

Sorbas der Buddha – die Verbindung von Erde und Himmel

Körper und Seele – eine kurze Geschichte der Religion

Arm und Reich – die Wurzeln von Armut und Habgier

Kapitel 2

Glaube und Erfahrung – zum Verständnis des Unterschieds zwischen Wissen und Erkenntnis

Gelehrter und Kind – wie man seine kindliche Unschuld wieder erlangt

Außen und Innen – wo die beiden Welten zusammentreffen

Cleverness und Weisheit – wie man sein verknotetes Denken entwirrt

Kapitel 3

Führer und Gefolgsleute – zum Verständnis der Verantwortung, die in der Freiheit liegt

Hirte und Schafe – die Marionette durchschneidet die Fäden des Puppenspielers

Macht und Korruption – die Wurzeln der Politik im Innen und Außen

Verloren und wieder gefunden – das Wiedererlangen der Einfachheit

Kapitel 4

Gewissen und Bewusstsein – zum Verständnis der Freiheit, die in der Verantwortung liegt

Gut und Böse – Leben nach den eigenen Geboten

Regeln und Verantwortung – die Gratwanderung der Freiheit

Reagieren und spontanes Antworten – die Fähigkeit des weichen Parierens

Kapitel 5

Sinn und Bedeutung – vom Bekannten zum Unbekannten zum Unkennbaren

Energie und Verstehen – der Weg von der Lust zur Liebe

Kamel, Löwe und Kind – der Weg zur Menschwerdung

Vertikale und Horizontale – der Weg in die Tiefen des Jetzt

Nachwort

Über den Autor

VORWORT

Die Spiritualität der Zukunft – eine Rebellion des Individuums

Der Revolutionär gehört zur Welt der Politik, seine Vorgehensweise ist politisch. Nach seinem Verständnis genügt es, die Gesellschaftsstruktur zu verändern, um den Menschen zu verändern.

Der Rebell hingegen, so wie ich diesen Begriff verwende, ist ein spirituelles Phänomen. Seine Vorgehensweise ist absolut individuell. Seine Vision besagt: Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir den einzelnen Menschen verändern.

Die Gesellschaft an sich existiert nicht – es ist nur ein Wort, wie „Menge“: Wenn du nach ihr suchst, findest du sie nirgends. Du begegnest immer nur einem einzelnen Menschen, einem Individuum. „Gesellschaft“ ist nur eine kollektive Bezeichnung, ein Begriff ohne jegliche Realität, völlig substanzlos. Das Individuum hat eine Seele; es hat die Möglichkeit zur Evolution, zur Veränderung, zur Transformation. Das macht einen riesigen Unterschied.

Der Rebell ist die Essenz aller Religion. Er bringt der Welt eine Bewusstseinsveränderung. Und wenn das Bewusstsein sich verändert, wird sich zwangsläufig auch die Gesellschaftsstruktur verändern. Aber umgekehrt geht das nicht. Das haben sämtliche Revolutionen bewiesen, denn sie sind alle gescheitert.

Keine einzige Revolution hat es bisher geschafft, die Menschen zu verändern. Aber wir scheinen diese Tatsache völlig zu ignorieren. Wir halten immer noch an dem Gedanken fest, dass sich durch eine Revolution etwas verändern ließe, durch eine gesellschaftliche Veränderung, einen Regierungswechsel, eine bürokratische Wende, Gesetzesänderungen, einen Wechsel des politischen Systems. Der Feudalismus, der Kapitalismus, der Kommunismus, der Sozialismus, der Faschismus – sie alle waren auf ihre Art revolutionär, aber sie sind alle gescheitert, völlig gescheitert, denn sie haben den Menschen nicht verändert.

Ein Gautama Buddha, ein Zarathustra, ein Jesus – sie sind Rebellen. Sie setzen ihr ganzes Vertrauen in das Individuum. Auch sie waren bisher erfolglos, aber ihr Scheitern hatte völlig andere Gründe als das der Revolutionäre. Die Revolutionäre haben ihre Methoden in vielen Ländern, auf vielfältige Weise ausprobiert – und sind gescheitert. Die Vorgehensweise eines Gautama Buddha hingegen war bisher erfolglos, weil sie noch gar nicht ausprobiert wurde. Jesus war erfolglos, weil die Juden ihn gekreuzigt und die Christen ihn zu Grabe getragen haben. Man hat ihn noch gar nicht ausprobiert – er hatte noch keine Chance!

Der Rebell ist eine noch unerforschte Dimension.

Wir müssen Rebellen sein, nicht Revolutionäre. Der Revolutionär gehört einer sehr profanen Sphäre an. Der Rebell und sein rebellischer Geist sind etwas Heiliges. Der Revolutionär kann nicht für sich alleine stehen; er braucht die Menge, eine politische Partei, eine Regierung. Er braucht die Macht, und Macht korrumpiert. Und absolute Macht korrumpiert absolut.

Alle Revolutionäre, denen es gelang, an die Macht zu kommen, wurden durch die Macht korrumpiert. Sie schafften es nicht, das Wesen der Macht und ihrer Institutionen zu verändern, aber durch die Macht wurden sie selbst und ihr Denken verändert – sie wurden korrupt. Nur die Namen haben sich geändert, doch die Gesellschaft blieb unverändert.

Das menschliche Bewusstsein hat sich seit Jahrhunderten nicht weiterentwickelt. Nur sehr vereinzelt ist ein Mensch zur Blüte gelangt. Unter Millionen von Menschen ist das Erblühen eines Einzelnen nicht die Regel, sondern eine Ausnahme geblieben. Und weil ein solcher Mensch für sich alleine steht, kann ihn die Menge nicht dulden. Sein bloßes Dasein erweist sich als eine Art Demütigung. Seine bloße Anwesenheit fühlt sich wie eine Beleidigung an, denn er öffnet euch die Augen. Er erinnert euch an euer eigenes Potenzial, an eure eigene Zukunft.

Das verletzt euer Ego, denn ihr habt nichts dazu getan, um euch weiterzuentwickeln, um bewusster zu werden, liebevoller zu werden, ekstatischer, kreativer, stiller zu werden und eine schöne Welt um euch herum zu erschaffen. Ihr habt keinen Beitrag für die Welt geleistet. Euer Dasein erweist sich nicht als Segen, sondern als Fluch für die Welt. Euer Beitrag zur Welt sind eure Aggression und Gewalttätigkeit, eure Gefühllosigkeit, euer Neid, euer Konkurrenzdenken, euer Machthunger. Ihr habt die Welt zu einem Schlachtfeld gemacht. Ihr seid blutrünstig und verleitet auch andere dazu. Ihr nehmt der Menschheit ihre ganze Menschlichkeit. Ihr tragt dazu bei, dass die Menschen tiefer fallen, als es die Menschenwürde erlaubt, manchmal tiefer als die Tiere.

Deshalb empfindet ihr das Dasein eines Gautama Buddha oder eines Tschuangtse als Beleidigung, denn sie sind zur Blüte gelangt, während ihr immer nur auf der Stelle tretet. Ein Frühling nach dem anderen kommt und geht, aber in euch gelangt nichts zur Blüte. Keine Vögel kommen, um ihre Nester bei euch zu bauen und ihre Lieder in eurer Nähe zu singen. Es ist besser, einen Jesus zu kreuzigen und einen Sokrates zu vergiften – nur um sie loszuwerden! Dann braucht ihr euch in keiner Weise spirituell unterlegen zu fühlen.

Die Welt kannte bisher nur ganz wenige Rebellen. Doch nun ist die Zeit gekommen: Wenn es der Menschheit nicht gelingt, Rebellen in großer Zahl und einen rebellischen Geist hervorzubringen, dann sind unsere Tage auf dieser Erde gezählt. Dann könnten die kommenden Jahrzehnte zu unserem Grab werden. Wir nähern uns sehr schnell diesem Punkt.

Unser Bewusstsein muss sich verändern. Wir müssen mehr meditative Energie auf dieser Welt generieren, mehr liebevolle Energie. Wir müssen das Alte über Bord werfen – mit seiner ganzen Hässlichkeit, all den morschen Ideologien, den stupiden Diskriminierungen, dem ganzen idiotischen Aberglauben! Wir müssen einen neuen Menschen hervorbringen, der frische Augen und neue Werte mitbringt. Eine völlige Abkehr von der Vergangenheit – das bedeutet es, rebellisch zu sein.

Drei Begriffe sollen helfen, das zu verstehen: Reform – Revolution – Rebellion.

Reform bedeutet eine Modifizierung: Das Alte bleibt bestehen, aber man gibt ihm eine neue Form, ein neues Aussehen – ähnlich wie bei der Renovierung eines alten Gebäudes. Die ursprüngliche Baustruktur bleibt erhalten, aber das Gebäude bekommt einen neuen Fassadenanstrich, eine gründliche Reinigung, ein paar neue Fenster, neue Türen.

Revolution geht tiefer als Reform: Das Alte bleibt bestehen, aber es werden noch mehr Veränderungen vorgenommen, auch Veränderungen an der Grundstruktur. Es wird nicht nur der Anstrich verändert, ein paar neue Fenster- und Türöffnungen werden eingesetzt, vielleicht einige neue Stockwerke hinzugebaut, die das Gebäude höher in den Himmel wachsen lassen. Aber das Alte wird nicht demoliert, es bleibt bestehen, verborgen hinter dem Neuen. Im Grunde bleibt das Alte als Fundament des Neuen bestehen. Revolution bedeutet Kontinuität, den Fortbestand des Alten.

Rebellion bedeutet Diskontinuität des Alten. Rebellion ist weder Reform noch Revolution. Rebellion bedeutet, sich von allem Alten loszusagen: von den alten Religionen, den alten politischen Ideologien, dem alten Menschen. Es ist eine Absage an alles Alte. Das Leben wird noch einmal ganz von vorne begonnen, völlig frisch.

Während der Revolutionär versucht, das Alte zu verändern, lässt der Rebell das Alte einfach hinter sich – so wie eine Schlange aus ihrer alten Haut herausschlüpft und nicht einmal zurückblickt.

Wenn es uns nicht gelingt, solche rebellischen Menschen rund um die Welt hervorzubringen, hat die Menschheit keine Zukunft. Der alte Mensch hat uns alle an den Rand des Todes gebracht. Das alte Bewusstsein, das ganze alte Denken, die alten Ideologien, die alten Religionen – alles das zusammen hat uns die Situation des drohenden globalen Selbstmordes beschert. Nur eine völlig neue Art von Mensch kann diese Menschheit, diesen Planeten und das wundervolle Leben auf diesem Planeten noch retten!

Ich lehre die Rebellion, und keine Revolution. Für mich ist der rebellische Geist die Essenz eines religiösen Menschen. Rebellisch zu sein bedeutet Spiritualität in ihrer reinsten Form.

Die Tage der Revolutionen sind vorbei: Die Französische Revolution, die Russische Revolution, die Chinesische Revolution – sie alle sind gescheitert. Auch die Gandhi-Revolution in Indien ist gescheitert, und sie scheiterte vor Gandhis eigenen Augen. Sein Leben lang hatte er Gewaltlosigkeit gepredigt, doch nun wurde vor seinen eigenen Augen das Land geteilt, wurden Millionen von Menschen getötet, bei lebendigem Leibe verbrannt, wurden Millionen von Frauen vergewaltigt, und Gandhi selbst wurde erschossen. Was für ein sonderbares Ende für einen gewaltlosen Heiligen!

Und im Verlauf der Ereignisse hatte Gandhi selbst vergessen, was er all die Jahre zuvor gepredigt hatte. Bevor die Revolution gesichert war, hatte Louis Fischer, ein amerikanischer Denker, Gandhi einmal gefragt: „Was werden Sie mit den Waffen machen, mit der Armee und der ganzen Rüstung, wenn Indien seine Unabhängigkeit erlangt?“

Gandhi sagte: „Ich werde alle Waffen ins Meer werfen, und die Soldaten werde ich zur Arbeit auf die Felder und in die Gärten schicken.“

Und Louis Fischer fragte: „Haben Sie denn vergessen? Ihr Land könnte angegriffen werden.“

Gandhi sagte: „Dann werden wir sie willkommen heißen. Wenn jemand unser Land angreift, werden wir ihn als Gast empfangen und ihm sagen: ‚Du kannst auch hier leben, genau wie wir. Es ist nicht nötig, zu kämpfen.‘“

Aber dann hat er seine ganze schöne Philosophie vergessen. – Und so scheitern Revolutionen. Über diese Dinge zu reden, ist eine schöne Sache, aber wenn man erst einmal an der Macht ist … Mahatma Gandhi hat übrigens nie einen Posten in der Regierung übernommen. Er hatte wohl Angst davor, denn wie hätte er der Welt Rede stehen sollen, wenn man ihn gefragt hätte, ob die Waffen nun ins Meer geworfen werden sollten? Und wie war das mit den Soldaten, die zur Arbeit auf die Felder geschickt werden sollten? Vor dieser Verantwortung hat er sich gedrückt, obwohl er sein ganzes Leben lang dafür gekämpft hatte. Er konnte wohl sehen, dass es ihm enorme Schwierigkeiten bereiten würde. Eine Funktion in der Regierung zu übernehmen hätte bedeutet, seiner eigenen Philosophie zuwiderhandeln zu müssen.

Die Regierung wurde von seinen Schülern gebildet – von Leuten, die er selbst auswählte. Er verlangte nicht von ihnen, dass sie die Armee auflösten. Und als Indien von Pakistan angegriffen wurde, sagte er nicht zur indischen Regierung: „Jetzt geht an die Grenze und empfangt die Angreifer als unsere Gäste.“

Stattdessen gab er den ersten drei Flugzeugen, die Bomben auf Pakistan werfen sollten, seinen Segen. Die Flugzeuge kamen über die Villa in Delhi geflogen, in der Gandhi wohnte, und er trat hinaus in den Garten, um sie zu segnen. Mit seinem Segen flogen sie davon, um sein eigenes Volk zu vernichten, das er noch wenige Tage zuvor „unsere Brüder und unsere Schwestern“ genannt hatte. Ohne jeden Skrupel in Anbetracht dieses Widerspruchs …

Die Russische Revolution scheiterte vor Lenins Augen. Im Sinne von Karl Marx hatte er gepredigt: „Wenn die Revolution kommt, werden wir die Ehe auflösen, denn die Ehe gehört zum Privateigentum. Mit dem Privateigentum verschwindet auch die Ehe. Die Menschen können sich lieben und einfach zusammen leben. Die Gesellschaft wird sich um die Kinder kümmern.“ Als dann aber die Kommunistische Partei an die Macht kam und Lenin ihr Führer wurde, änderte sich alles. Wenn sie erst einmal an der Macht sind, ändern die Menschen ihre Gesinnung. Nun dachte Lenin, dass es gefährlich sein könnte, den Menschen diese Verantwortung abzunehmen; sie könnten zu individualistisch werden. Es war besser, ihnen die Bürde der Familie zu lassen. Und er verschwendete keinen Gedanken mehr daran, die Familie aufzulösen.

Es ist schon sonderbar, wie sämtliche Revolutionen gescheitert sind. Sie scheiterten durch die Revolutionäre selbst, denn sobald sie die Macht in Händen halten, ändert sich ihr Denken. Dann liegt ihnen in erster Linie daran, an der Macht zu bleiben. Dann unternehmen sie alle Anstrengungen, um die Macht für immer zu sichern und die Kontrolle über die Menschen zu behalten.

Die Zukunft braucht keine weiteren Revolutionen.

Die Zukunft braucht ein neues Experiment, das noch nie versucht wurde. Obwohl es im Laufe der Jahrtausende immer wieder Rebellen gab, blieben es doch nur vereinzelte Individuen. Vielleicht war die Zeit für sie noch nicht reif. Aber jetzt ist die Zeit nicht nur reif … Wenn wir uns nicht beeilen, wird es das Ende der Zeit bedeuten! In den kommenden Jahrzehnten wird entweder die Menschheit verschwinden – oder ein neuer Mensch erscheint auf dieser Erde, mit einer neuen Vision. Dieser neue Mensch wird ein Rebell sein.

1. KAPITEL

Diesseits und Jenseits – zum Verständnis der großen Spaltung

Ich propagiere eine neue Religiosität, die weder christlich noch jüdisch noch hinduistisch sein wird. Es ist eine Religiosität, die keinerlei Attribute hat, nur eine ganzheitliche Seinsqualität.

Die Religionen haben versagt, die Wissenschaft hat versagt. Der Osten hat versagt, der Westen hat versagt. Jetzt ist eine Synthese auf höherer Ebene nötig, in der Osten und Westen, Religion und Wissenschaft zusammenkommen können.

Der Mensch gleicht einem Baum mit tief in die Erde reichenden Wurzeln und der Möglichkeit zum vollen Erblühen. Die Religion hat versagt – sie redete immer nur von den Blüten. Das Erblühen blieb philosophisch und abstrakt; die Blüten manifestierten sich nie. Die Blüten konnten sich nicht manifestieren, weil sie nicht in der Erde verwurzelt waren. Die Wissenschaft hat versagt – sie schenkte nur den Wurzeln Beachtung. Doch die Wurzeln an sich sind unansehnlich und können nicht zur Blüte gelangen.

Die Religion hat versagt – sie war nur auf das Jenseits ausgerichtet und hat das Diesseits vernachlässigt. Aber die diesseitige Welt lässt sich nicht vernachlässigen. Die diesseitige Welt zu vernachlässigen bedeutet, seine eigenen Wurzeln zu vernachlässigen.

Die Wissenschaft hat versagt, denn sie hat die andere Welt, die Innenwelt, vernachlässigt – und die Blüten lassen sich nicht vernachlässigen. Wenn wir die Blüten vernachlässigen, das Allerinnerste unseres Seins, verliert unser Leben jeden Sinn.

So wie der Baum Wurzeln braucht, braucht auch der Mensch Wurzeln – und diese Wurzeln können nur in der Erde sein. Der Baum braucht einen freien Himmel, in den er hineinwachsen kann, um ein großes Laubdach und Tausende von Blüten zu entwickeln. Nur dann kommt der Baum zur Erfüllung, nur dann kann er ein Gefühl von Sinn und Bedeutung gewinnen, und das Leben wird sinnvoll.

Der Westen leidet, weil die Wissenschaft das Übergewicht bekommen hat. Und der Osten leidet, weil die Religion immer das Übergewicht hatte. Jetzt brauchen wir eine neue Art von Menschsein, das Religion und Wissenschaft als die beiden Aspekte ein und derselben Menschheit miteinander verbindet. Ist der neue Mensch einmal zum Leben erwacht, kann diese Erde endlich das werden, wozu sie bestimmt ist: Sie kann zum Paradies werden.

Dieser Körper ist der Buddha. Diese Erde ist das Paradies.

Sorbas der Buddha – die Verbindung von Erde und Himmel

Meine Vision des neuen Menschen ist eine Verbindung von Sorbas dem Griechen und Gautama dem Buddha. Dieser neue Mensch ist „Sorbas der Buddha“ – sinnenfreudig und spirituell zugleich. Durch und durch in der Materie beheimatet, im Körper und in den Sinnen verwurzelt, ein Genießer des Körpers und alles dessen, was durch den Körper ermöglicht wird. Und zugleich ein Mensch von hohem Bewusstsein und großem Gewahrsein. Sorbas und Buddha in einem – das hat es noch nie gegeben! Davon spreche ich, wenn ich über das Zusammenkommen von Ost und West, die Verbindung von Materialismus und Spiritualität rede. Darin besteht meine Vision von Sorbas dem Buddha: Himmel und Erde werden eins.

Ich will nicht mehr diese Schizophrenie, diese Trennung zwischen Materie und Geist, zwischen dem Profanen und dem Heiligen, zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Ich will jegliche Spaltung beseitigen, denn jede Spaltung bedeutet eine Spaltung im Innern des Menschen. Ein in sich selbst gespaltener Mensch, eine gespaltene Menschheit kann nur verrückt und krank sein. Wir leben in einer verrückten und kranken Welt. Sie kann nur gesund und heil werden, wenn wir diese Spaltung überwinden.

Bisher lebten die Menschen entweder im Glauben an die Wirklichkeit der Seele und die Unwirklichkeit der Materie – oder im Glauben an die Wirklichkeit der Materie und die Unwirklichkeit der Seele.

Die Vergangenheit kannte nur zwei Kategorien von Menschen: die Spirituellen und die Materialisten. Niemand hatte sich darum bemüht, den Menschen als Ganzes, in seiner Wirklichkeit zu sehen – er ist beides! Weder reine Spiritualität – also nur Bewusstsein – noch ausschließlich Materie. Er ist eine wunderbare, harmonische Verbindung von Materie und Bewusstsein.

Vielleicht sind Materie und Bewusstsein gar nicht zwei verschiedene Dinge, sondern nur zwei Aspekte ein und derselben Wirklichkeit – Materie der äußere Aspekt von Bewusstsein, und Bewusstsein der innere Aspekt von Materie. Aber kein einziger Philosoph, kein Weiser oder religiöser Mystiker der Vergangenheit hat auf diese Einheit hingewiesen! Sie alle propagierten die Spaltung des Menschen, da sie die eine Seite als wirklich und die andere als unwirklich bezeichneten. So ist auf der ganzen Welt ein Klima von Schizophrenie entstanden.

Ihr könnt nicht nur als Körper leben. Das meint Jesus, wenn er sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – aber es ist nur die halbe Wahrheit. Auch Bewusstheit ist nötig. Vom Brot allein könnt ihr nicht leben, das ist klar – aber ihr könnt auch nicht ohne Brot leben. Unser Dasein hat beide Dimensionen, und beide Dimensionen müssen befriedigt werden. Beide Seiten müssen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten haben. Die Vergangenheit war entweder für das eine und gegen das andere – oder gegen das eine und für das andere.

Der Mensch ist nie in seiner Ganzheit akzeptiert worden. Das hat viel Unglück und Leid gebracht, eine große Finsternis, eine seit Jahrtausenden währende dunkle Nacht, die kein Ende zu nehmen scheint. Wenn der Mensch nur auf den Körper hört, ist sein Dasein zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Wenn er nicht auf den Körper hört, ist er zum Leiden verurteilt – zu Hunger, Durst und Armut. Wenn er nur auf das Bewusstsein hört, verläuft sein Wachstum sehr einseitig – das Bewusstsein wächst, aber der Körper verkümmert. Das Gleichgewicht geht verloren. Aber nur im Gleichgewicht liegt eure Gesundheit, im Gleichgewicht liegt eure Ganzheit, im Gleichgewicht liegt eure Freude, euer Singen und Tanzen.

Der Westen hat sich dafür entschieden, auf den Körper zu hören. Und er hat sich vollkommen taub gestellt, was die Wirklichkeit des Bewusstseins angeht. Das Ergebnis ist eine hoch entwickelte Wissenschaft, eine hoch entwickelte Technik, eine wohlhabende Gesellschaft mit einem Reichtum an allen weltlichen, profanen Dingen. Und inmitten des ganzen Überflusses steht der arme Mensch – völlig verloren, ohne Seele, nicht wissend, wer er ist, nicht wissend, wozu er da ist. Er fühlt sich beinahe als Zufallsprodukt, als bloße Laune der Natur.

Wenn nicht parallel zu eurem materiellen Reichtum euer Bewusstsein ebenfalls wächst, wird die materielle Seite, der Körper, zu einseitig betont und die Seele geschwächt. Dann werden eure eigenen Erfindungen, eure eigenen Entdeckungen für euch zu einer Belastung. Statt euch ein schöneres Leben zu ermöglichen, haben all diese Dinge eine Situation geschaffen, die von den intelligenten Menschen des Westens als nicht mehr lebenswert empfunden wird.

Der Osten verlegte sich auf das Bewusstsein und verurteilte die Materie und alles Materielle, den Körper eingeschlossen, als Maya, als trügerischen Schein, als Fata Morgana in der Wüste, als Illusion ohne Wirklichkeit. Der Osten hat eine lange Kette von Menschen des höchsten Bewusstseins hervorgebracht: Gautama Buddha, Mahavira, Patanjali, Kabir, Farid, Raidas. Aber er hat auch millionenfach die Ärmsten der Armen hervorgebracht, die hungern und wie die Hunde sterben – aus Mangel an Nahrung, sauberem Trinkwasser, ausreichender Kleidung und Obdach.

Es ist eine perverse Situation … Im Westen müssen alle sechs Monate Milchprodukte und andere Nahrungsmittel in Milliardendollarhöhe ins Meer gekippt werden, um den Überschuss zu beseitigen. Man will die Lagerhäuser nicht überfüllen, aber man will auch nicht die Preise senken, um die Wirtschaftsstruktur nicht zu ruinieren. Zur gleichen Zeit, als in Äthiopien tagtäglich Tausende starben, vernichtete der Europäische Markt so viele Lebensmittel, dass sich allein die Kosten für ihre Entsorgung auf Millionen Dollar beliefen. Nicht die Kosten für die Lebensmittel, sondern die Kosten für den Transport und die Verklappung ins Meer! Wer ist für diese Situation verantwortlich?

Im Westen sind die Reichsten auf der Suche nach ihrer Seele und finden nur ihre innere Leere. Sie kennen keine Liebe, nur Lust. Sie kennen keine Andacht, nur ein papageienhaftes Nachplappern von Worten, die sie im Religionsunterricht gelernt haben. Sie kennen keine Spiritualität, kein Mitgefühl für andere, keine Ehrfurcht vor dem Leben – den Vögeln, den Bäumen, all den Tieren. Es ist so einfach, zu zerstören!

Hiroshima und Nagasaki hätten sich niemals ereignet, wenn man die Menschen nicht nur als Materie ansähe und wie Dinge behandelte. Niemals gäbe es ein solches Arsenal an Nuklearwaffen, wenn der im Menschen verborgene Gott, seine verborgene Göttlichkeit, erkannt würde – nicht als etwas, das es zu vernichten, sondern zu entdecken gilt. Nicht als etwas, das es zu zerstören, sondern ans Licht zu bringen gilt. Der Körper ist der Tempel des Göttlichen. Wenn aber der Mensch nur als Materie, als Chemie und Physik, als ein von Haut überzogenes Knochenskelett angesehen wird, muss bei seinem Tode zwangsläufig alles zugrunde gehen. Dann bleibt nichts von ihm übrig. Nur so war es möglich, dass ein Adolf Hitler, ohne mit der Wimper zu zucken, sechs Millionen Menschen ermordete. Wenn die Menschen nur Materie sind, braucht man keinen zweiten Gedanken daran zu verschwenden! In seinem Streben nach materiellem Überfluss hat der Westen seine Seele verloren, seine Innerlichkeit. In einem Umfeld von Sinnlosigkeit, Langeweile und Seelennot können die Menschen nicht zu sich selbst finden. Sämtliche Erfolge der Wissenschaft erweisen sich als nutzlos. Das Haus ist voll von allen Dingen, aber der Herr des Hauses ist nicht anwesend.

Im Osten, wo die Materie seit vielen Jahrhunderten als illusorisch und das Bewusstsein als einzige Realität angesehen wurde, ist der Herr anwesend, aber das Haus ist leer. Mit leerem Magen, einem kranken Körper und dem Tod ringsumher lässt sich schwerlich Lebensfreude empfinden. Unter diesen Umständen ist es unmöglich zu meditieren.

So sind wir alle unnötig auf der Verliererseite gewesen. Und alle unsere Heiligen, alle unsere Philosophen – die Spiritualisten ebenso wie die Materialisten – sind für dieses ungeheure Verbrechen an der Menschheit verantwortlich!

Sorbas der Buddha ist die Lösung. Er stellt die Synthese von Materie und Seele dar. Er ist ein Manifest dafür, dass zwischen Materie und Bewusstsein kein Konflikt herrschen muss und dass wir den Reichtum beider Welten genießen können. Wir können alles haben, was die äußere Welt zu bieten hat, alles was Wissenschaft und Technik hervorgebracht haben – und gleichzeitig können wir alles haben, was Buddha, Kabir, Nanak in ihrem innersten Sein gefunden haben – die Blumen der Ekstase, den Duft der Göttlichkeit, die Flügel der absoluten Freiheit.

Sorbas der Buddha ist der neue Mensch, ein Rebell. Seine Rebellion besteht darin, dass er die menschliche Schizophrenie aufhebt. Er überwindet die Spaltung, diese enorme Kluft – die gegenseitige Feindschaft zwischen Spiritualität und Materialismus.

Sorbas der Buddha ist ein Manifest dafür, dass Körper und Seele eine Einheit bilden. Die ganze Schöpfung ist erfüllt von Spiritualität – selbst die Berge sind lebendig, selbst die Bäume sind empfindsam. Er ist eine Deklaration dafür, dass diese ganze Existenz beides ist: materiell und spirituell. Vielleicht ist sie ein und dieselbe Energie, die sich auf zwei Arten manifestiert – als Materie und als Bewusstsein. Diese Energie drückt sich in geläuterter Form als Bewusstsein aus und in roher, ungeläuterter, grobstofflicher Form erscheint sie uns als Materie. Doch die ganze Existenz ist ein einziges Energiefeld.

Das ist keine Philosophie, das ist meine eigene Erfahrung. Und das hat auch die moderne Physik mit ihren Forschungsergebnissen bestätigt: Die ganze Existenz ist Energie.

Wir können es uns zugestehen, beide Welten gleichzeitig zu haben. Wir müssen nicht mehr auf die diesseitige Welt verzichten, um in die jenseitige Welt zu gelangen, noch müssen wir die jenseitige Welt verleugnen, um uns an der diesseitigen Welt erfreuen zu können. Im Gegenteil, sich auf eine der beiden Welten zu beschränken, wenn man beide haben kann, bedeutet nur, sich unnötig ärmer zu machen.

Sorbas der Buddha stellt die reichste aller Möglichkeiten dar. Wir können unser natürliches Wesen ausleben und die Lieder dieser Erde singen. Wir wollen die Erde nicht verraten – und auch den Himmel wollen wir nicht verraten. Wir können alles für uns in Anspruch nehmen, was diese Erde zu bieten hat – all ihre Blumen, all ihre Freuden – und wir können auch alle Sterne des Himmels für uns beanspruchen. Wir können die gesamte Schöpfung als unser Zuhause beanspruchen.

Alles, was diese Existenz enthält, steht uns zur Verfügung. Wir sollten es auf jede erdenkliche Weise nutzen – ohne Schuld, ohne inneren Konflikt und ohne irgendetwas zu bevorzugen. Genießt alles, was die Materie zu bieten hat, erfreut euch an allem, was das Bewusstsein zu bieten hat, ohne dem einen gegenüber dem anderen den Vorzug zu geben.

Es gibt eine sehr alte Geschichte … In einem Wald nahe einer Stadt lebten einst zwei Bettler. Natürlich waren sie einander spinnefeind – wie alle Freiberufler, ob Ärzte, Professoren oder Heilige. Der eine war blind und der andere lahm, und sie waren erbitterte Konkurrenten. Den ganzen Tag machten sie sich in der Stadt gegenseitig Konkurrenz. Doch eines Nachts fingen ihre Hütten Feuer; der ganze Wald stand in Flammen. Der Blinde hätte weglaufen können, aber er konnte nicht sehen wohin; er konnte nicht sehen, wo sich das Feuer noch nicht ausgebreitet hatte. Der Lahme konnte sehen, dass es noch möglich war, sich aus dem Feuer zu retten, aber er konnte nicht weglaufen. Das Feuer näherte sich rasend schnell, und der Lahme sah nur noch seinen nahenden Tod.

Da erkannten beide, dass sie aufeinander angewiesen waren. Der Lahme hatte plötzlich die Erkenntnis: „Der andere, der Blinde, kann ja laufen, und ich kann sehen!“ Sie vergaßen ihre Rivalität. In diesem kritischen Moment, als sie beide mit dem Tod konfrontiert waren, vergaßen sie ihre dumme Feindseligkeit.

Sie fanden zu einer großen Synthese. Sie einigten sich, dass der Blinde den Lahmen auf die Schultern nehmen sollte. So konnten sie als Einheit funktionieren: Der Lahme konnte sehen, und der Blinde konnte laufen. Das rettete ihnen das Leben. Und weil sie sich gegenseitig das Leben verdankten, wurden sie Freunde. Zum ersten Mal gaben sie ihre Feindschaft auf.

Sorbas ist blind – er kann nicht sehen, aber er kann tanzen, er kann singen, er kann genießen. Buddha kann sehen, aber nur sehen. Er ist ganz Auge, absoluter Durchblick und Klarheit – aber er kann nicht tanzen. Er ist verkrüppelt; er kann nicht singen und er kann nicht genießen.

Es ist höchste Zeit: Die Welt steht in Flammen, und unser aller Leben ist in Gefahr. Nur die Verbindung von Sorbas und Buddha kann die Menschheit retten. Ihr Zusammenkommen ist unsere einzige Hoffnung. Der Buddha kann seine Bewusstheit einbringen, seine Klarheit, seine Augen, die über das Diesseitige hinaus sehen und das nahezu Unsichtbare wahrnehmen können. Und der Sorbas kann zur Vision des Buddhas sein ganzes lebendiges Wesen beitragen und dafür sorgen, dass es keine trockene Vision bleibt, sondern zu einem Tanz voller Lebensfreude und ekstatischem Leben wird.

Ist diese Verbindung von Sorbas und Buddha eine reale Möglichkeit? Und wenn ja, warum sind nicht andere religiöse Führer schon darauf gekommen?

Zuerst muss man eines verstehen: Ich bin kein religiöser Führer. Ein religiöser Führer ist nicht imstande, über die Dinge so zu denken und die Dinge so zu sehen, wie ich es tue. Dazu hat er zu viel in seine Religion investiert. Das habe ich nicht.

Alle Religionen, ohne Ausnahme, spalten den Menschen und erzeugen einen Zwiespalt im menschlichen Geist. Das ist ihre Methode, wie sie euch ausbeuten. Wäret ihr heil und ganz, dann hätten sie keine Kontrolle über euch. In Bruchstücke gespalten, seid ihr all eurer Stärke beraubt. So nehmen sie euch all eure Kraft und Würde. Nur so ist es möglich, dass ihr Christen oder Hindus oder Muslime seid. Wenn ihr so sein dürftet, wie die Natur euch gemacht hat – ursprünglich und unberührt vom Einfluss eurer sogenannten religiösen Führer –, dann besäßet ihr große Freiheit, Unabhängigkeit, Integrität. Dann könnte niemand euch versklaven. Sämtliche alten Religionen tun aber nichts anderes, als euch zu versklaven.

Um einen Menschen zu versklaven, muss man nur einen Konflikt in seinem Inneren erzeugen. Dann fängt er an, gegen sich selbst zu kämpfen. Sobald du gegen dich selbst kämpfst, geschehen zwangsläufig zwei Dinge: Erstens, du bist unglücklich, weil kein Teil von dir je gewinnen kann. Du bist immer der Verlierer. Zweitens, es erzeugt Schuldgefühle in dir – das Gefühl, wertlos zu sein, kein echter, authentischer, integrer Mensch. Aber genau das wollen die religiösen Führer. Ein tiefes Gefühl von Wertlosigkeit in euch macht sie zu euren Führern. Ihr habt kein Selbstvertrauen, weil ihr wisst, dass ihr ohnmächtig seid. Ihr könnt nicht tun, was eure Natur von euch verlangt, weil die Religionen es euch verbieten. Ihr könnt aber auch nicht tun, was eure Religionen von euch verlangen, weil es gegen eure Natur geht. Dadurch befindet ihr euch in einer Situation, dass ihr gar nichts mehr tun könnt. Ihr braucht jemanden, der euch die Verantwortung abnimmt.

Euer physisches Alter nimmt zu, aber in eurem psychischen Alter seid ihr zurückgeblieben, etwa bei dreizehn Jahren. Zurückgebliebene Menschen haben ein großes Bedürfnis nach einem Führer, der ihnen sagt, wo es lang geht und wie sie das Ziel des Lebens, den Sinn des Lebens erreichen können. Allein sind sie dazu nicht fähig.

An die Verbindung von Sorbas und Buddha hätten die religiösen Führer niemals denken können, denn das würde das Ende ihrer Führung bedeuten, das Ende ihrer sogenannten Religionen. Sorbas der Buddha bedeutet das Ende aller Religionen. Es ist der Anfang einer neuen Art von Religiosität, die keiner Attribute bedarf – weder christlich noch jüdisch noch buddhistisch …

Du genießt einfach dein Dasein und erfreust dich an diesem unendlichen Universum. Du tanzt mit den Bäumen, spielst mit den Wellen am Strand, sammelst Muscheln – einfach aus reiner Freude daran. Die salzige Luft, der kühle Sand, die aufgehende Sonne, ein schneller Lauf – was willst du mehr? Das ist für mich Religion – die Luft zu genießen, das Meer, den Sand, die Sonne. Weil es keinen anderen Gott gibt als die Schöpfung selbst.

Einerseits bedeutet Sorbas der Buddha das Ende des alten Menschen – der alten Religionen, der Politik, der Nationen, der Rassendiskriminierung und aller möglichen unsinnigen Dinge. Andererseits bedeutet Sorbas der Buddha den Anfang eines neuen Menschen – absolut frei, er selbst zu sein und seine wahre Natur zum Blühen zu bringen. Zwischen Sorbas und Buddha gibt es keinen Konflikt. Der Konflikt wurde nur von den sogenannten Religionen geschaffen. Gibt es etwa einen Konflikt zwischen deinem Körper und deiner Seele? Gibt es einen Konflikt zwischen deinem Leben und deinem Bewusstsein? Gibt es einen Konflikt zwischen deiner rechten und deiner linken Hand? Sie sind alle eins, eine organische Einheit.

Dein Körper ist nicht etwas, das verdammt werden müsste, sondern etwas, für das du dankbar sein kannst – er ist die großartigste Sache in dieser Schöpfung, das größte Wunder. Seine Funktionsweise ist einfach unglaublich. Sämtliche Teile deines Körpers spielen zusammen, wie ein Orchester. Deine Augen, deine Hände, deine Beine – alles funktioniert in einem inneren Einklang. Es ist nicht so, dass deine Augen nach Osten gehen wollen und deine Beine nach Westen laufen. Oder du bist hungrig, und dein Mund lehnt es ab zu essen: „Der Hunger kommt vom Magen. Was hat das denn mit mir zu tun?“, und der Mund streikt – nein. Der Körper kennt keine Konflikte. Er folgt einer inneren Synchronizität; alles ist immer zusammen. Und deine Seele ist deinem Körper nicht Feind. Der Körper ist das Haus und die Seele der Gast. Es ist unnötig, dass Gast und Gastgeber ständig im Streit miteinander liegen. Aber ohne diesen inneren Konflikt im Menschen könnten die Religionen nicht existieren.

Meine Betonung eurer organischen Ganzheit, in der Materialismus und Spiritualität sich nicht gegenseitig ausschließen, hat zum Ziel, alle organisierten Religionen dieser Welt zum Verschwinden zu bringen. Wenn Körper und Seele in Harmonie kommen und miteinander zu tanzen beginnen, wirst du Sorbas der Buddha. Dann kannst du das ganze Leben genießen – alles was es an äußeren und inneren Freuden bringt.

Tatsächlich wirken das Innere und das Äußere in völlig verschiedenen Dimensionen; sie kommen gar nicht miteinander in Konflikt. Nur diese jahrtausendealte Konditionierung, die besagt, dass man dem Äußeren entsagen muss, wenn man das Innere erlangen will … Diese Konditionierung ist so tief in euch verwurzelt. Dabei ist dieser Gedanke wirklich absurd. Wenn ihr das Innere genießen dürft, wo liegt das Problem, auch das Äußere zu genießen? Die Freude des Genießens ist die gleiche. Diese Freude ist das Bindeglied zwischen dem Inneren und dem Äußeren.

Wenn du schöne Musik hörst, ein wunderbares Gemälde betrachtest oder einem Tänzer wie Nijinsky zuschaust – das ist alles außerhalb von dir, aber es schränkt deine innere Freude in keiner Weise ein! Im Gegenteil, es ist eine große Hilfe. Der Tanz eines Nijinsky vermag eine Qualität deiner Seele in dir zu erwecken, die sie zum Tanzen bringt. Die Musik eines Ravi Shankar vermag die Saiten deines Herzens in dir zum Schwingen zu bringen. Außen und innen sind nicht getrennt. Es ist eine Energie – die zwei Aspekte ein und derselben Existenz.

Ein Sorbas kann leichter zu einem Buddha werden als jeder Papst. Ein Papst hat keine Chance, eure sogenannten Heiligen haben keine Chance, wirklich spirituell zu werden. Da sie nicht einmal die Freuden des Körpers kennen, wie sollten sie jemals die subtilen Freuden der Seele kennen? Der Körper ist die Schule, in der du lernst, im seichten Wasser zu schwimmen. Wenn du erst einmal schwimmen gelernt hast, spielt es keine Rolle, wie tief das Wasser ist. Dann kannst du es auch an der tiefsten Stelle des Sees; es macht keinen Unterschied.

Ich will euch Buddhas Leben in Erinnerung rufen: Bis zu seinem neunundzwanzigsten Lebensjahr war er ein reiner Sorbas. Ihm lagen die schönsten jungen Mädchen seines Königreiches zu Füßen, zu Dutzenden. Seinen ganzen Palast erfüllten Musik und Tanz. Er genoss das beste Essen, kleidete sich in die besten Gewänder, wohnte in den schönsten Palästen, den wundervollsten Gärten. Er lebte viel intensiver als Sorbas der Grieche, der ein armer Mann war. Sorbas der Grieche hatte nur eine einzige Freundin – eine etwas verblichene, alternde Prostituierte, der all ihre Freier davongelaufen waren. Sie hatte falsche Zähne und falsche Haare. Sorbas war ihr Liebhaber, weil er sich einfach keine andere Frau leisten konnte. Sorbas gilt als Materialist, als Hedonist. Es wird aber völlig übersehen, wie Buddha seine ersten neunundzwanzig Jahre verbrachte, in welchem Reichtum. Tagein, tagaus lebte dieser Prinz namens Siddhartha in größtem Luxus, von allem umgeben, was sein Herz begehrte. Er lebte im Schlaraffenland. Und genau diese Erfahrung war es, die ihn schließlich zu einem Buddha machte!

Normalerweise ist das nicht auf diese Art analysiert worden. Den ersten Teil seines Lebens hat man geflissentlich übersehen – aber das war die Grundlage: Siddhartha war seines Lebens überdrüssig geworden. Er hatte sämtliche Genüsse der äußeren Welt kennen gelernt. Er sehnte sich nach etwas Größerem, Tieferem, was in der Außenwelt nicht zu finden war. Um zur Tiefe zu gelangen, muss man den Sprung nach innen wagen. Mit neunundzwanzig Jahren verließ Siddhartha mitten in der Nacht seinen Palast und machte sich auf die Suche nach dem Inneren. Er war ein Sorbas, als er anfing, den Buddha zu suchen.

Aus Sorbas dem Griechen wurde nie ein Buddha, weil sein Dasein als Sorbas nie zur Vollendung gelangte. Er war ein wunderbarer Mann voller Lebenslust, aber arm. Er hätte das Leben gerne in seiner ganzen Intensität gelebt, doch dazu fehlten ihm die Möglichkeiten. Er tanzte, er sang, doch die erhabeneren Nuancen der Musik waren ihm nicht zugänglich. Er wusste nicht, dass der Tänzer im Tanz völlig aufgehen und verschwinden kann.

Der Sorbas in Gautama Buddha kannte die höchsten Gipfel und die tiefsten Täler der äußeren Welt. Und als er alles kennen gelernt hatte, war er bereit für die innere Suche. Diese Welt war großartig, aber nicht großartig genug – er wollte noch mehr. Sie hatte ihm vorübergehende, flüchtige Glücksmomente beschert, aber Buddha wollte etwas finden, das ewig währt. Allen weltlichen Genüssen würde der Tod ein Ende bereiten, aber er wollte etwas erfahren, das mit dem Tode nicht zu Ende war.

Wenn ich Buddhas Lebensgeschichte schreiben sollte, würde ich mit dem Sorbas beginnen. Als ihm die äußere Welt und alles, was sie ihm liefern konnte, völlig vertraut war und er noch immer keinen Sinn darin gefunden hatte, machte er sich auf die Suche nach dem Inneren – denn das war die einzige Richtung, die er noch nicht erforscht hatte. Er schaute nie zurück. Es gab keinen Grund zurückzuschauen, er hatte alles gelebt! Er war keiner von jenen „religiösen Suchern“, die die äußere Welt gar nicht richtig kennen gelernt haben. Er war ein Sorbas. Und er wandte sich der inneren Welt mit der gleichen Lebenslust und Intensität, mit der gleichen Stärke und Kraft zu. Und nur deshalb fand er in seinem Allerinnersten die Zufriedenheit, die Erfüllung, den Sinn, die Seligkeit, nach denen er gesucht hatte.

Es ist möglich, dass du ein Sorbas bist und dabei stehen bleibst. Es ist auch möglich, dass du kein Sorbas bist und anfängst, den Buddha zu suchen – du wirst ihn aber nicht finden. Nur ein Sorbas kann den Buddha finden. Ein anderer hat nicht die Kraft dazu; er hat nicht in der äußeren Welt gelebt, hat sie vermieden, hat sich ihr entzogen – er ist ein Weltflüchtiger.

Für mich steht Sorbas am Beginn der Reise, und Buddha ist an ihrem Ziel angekommen. Und das kann ein und demselben Menschen geschehen. Tatsächlich kann es nur ein und demselben Menschen geschehen. Darum betone ich immer wieder: Erzeuge keine Spaltung in deinem Leben. Verurteile nichts, was zum Körper gehört. Lebe es, nicht widerstrebend, lebe es total und intensiv. Indem du es lebst, wirst du reif für die Suche in einer neuen Dimension. Du musst kein Asket werden, musst deine Frau, deinen Mann, deine Kinder nicht verlassen. Diesen ganzen Unsinn hat man jahrhundertelang gepredigt. Aber wie viele Menschen – unter den Millionen von Mönchen und Nonnen – wie viele Menschen sind tatsächlich zur Blüte gelangt? Nicht ein einziger.

Lebe dein Leben ohne Spaltung. Und zuerst kommt der Körper, zuerst kommt die äußere Welt. Wenn ein Kind geboren wird und zum ersten Mal die Augen öffnet, sieht es als Erstes das ganze Panorama des Daseins um sich herum. Das Kind nimmt alles wahr – außer sich selbst. Das geschieht erst, wenn der Mensch viele Erfahrungen gesammelt hat. Das geschieht erst, wenn er in der Außenwelt alles gesehen und alles erlebt hat und davon frei geworden ist.

Die Freiheit von der äußeren Welt kann sich nicht einstellen, wenn man sie meidet. Die Freiheit von der äußeren Welt stellt sich ein, wenn man total gelebt hat. Dann gibt es im Außen nichts mehr zu erreichen. Dann bleibt nur noch eine Dimension unerforscht. Dann liegt es nahe, auch diese letzte Dimension zu erforschen. Und dort wartet deine Buddhaschaft, deine Erleuchtung.

Du hast gefragt: „Ist die Verbindung von Sorbas und Buddha möglich?“ Es ist die einzige Möglichkeit. Ohne Sorbas gibt es keinen Buddha. Selbstverständlich ist Sorbas nicht das Ziel – er ist die Vorbereitung für den Buddha. Sorbas ist die Wurzel, Buddha ist die Blüte. Mache nicht die Wurzeln kaputt, sonst kann es keine Blüten geben. Die Wurzeln liefern ständig den Saft für die Blüten. Die ganze Farbenpracht der Blüten kommt aus den Wurzeln, der ganze Duft der Blüten kommt aus den Wurzeln. Der ganze Tanz der Blüten im Wind kommt aus den Wurzeln.

Mache keine Trennung. Wurzeln und Blüten sind zwei Aspekte desselben Phänomens.

Die beiden Aspekte des Lebens miteinander zu verbinden, erscheint so schwierig. Es widerspricht unserer ganzen Konditionierung. Wo sollen wir anfangen?

Sei bei allem, was du tust, mit ganzem Herzen dabei, mit der größtmöglichen Intensität, zu der du fähig bist. Alles, was du halbherzig tust, bringt dir keine Freude im Leben. Es bringt dir nur Stress, Kummer, Sorgen, Unzufriedenheit und Angst. Wenn du etwas halbherzig tust, spaltest du dich in zwei Teile. Und das ist das größte Unglück, das über die Menschen gekommen ist – sie sind alle gespalten. Kein Wunder, dass auf dieser Welt so viel Unglück herrscht. Es ist das natürliche Ergebnis eines halbherzigen Lebens. Das ist die Folge, wenn man alles nur mit einem Bruchteil seines Wesens tut, während der Rest sich verweigert, sich zurückhält und Widerstand leistet.

Alles, was du nur mit halbem Herzen tust, bringt dir Reue, Unzufriedenheit und Zweifel: Vielleicht hatte der andere Teil Recht, dass er nicht kooperieren wollte? Vielleicht bist du nur deshalb in diesem unglücklichen Zustand, weil du auf den anderen Teil gehört hast? Aber ich sage dir: Hättest du auf den anderen Teil gehört, wäre das Ergebnis genau das gleiche gewesen. Es geht nicht darum, auf welchen Teil du hörst. Es geht nur darum, inwieweit du etwas total machst oder nicht. In deinen Handlungen total zu sein – das bringt Freude. Selbst eine ganz gewöhnliche, unbedeutende Handlung, die mit totaler Intensität getan wird, bringt ein Strahlen in dein Dasein, ein Gefühl von Vollständigkeit und Erfüllung, eine tiefe Zufriedenheit. Doch alles, was du halbherzig tust, wie gut es auch sein mag, bringt dir Leiden.

Weder die Ursache des Leidens noch die Ursache der Freude kommt aus dem, was du tust. Die Freude kommt, wenn du total bist. Die Handlung an sich spielt keine Rolle. Wenn du nur lauwarm dabei bist, ist das Ergebnis Leiden. Wenn du ein halbherziges Leben führst, kreierst du dir in jedem Augenblick selbst die Hölle – und diese Hölle wird immer größer. Die Leute fragen: „Gibt es irgendwo die Hölle? Gibt es irgendwo den Himmel?“ – denn sämtliche Religionen haben von Hölle und Himmel geredet, als wären sie ein Teil der Geografie des Universums. Es sind aber keine geografischen Orte; es sind psychische Zustände. Wenn sich dein Kopf und dein Herz und dein ganzes Sein gleichzeitig in verschiedene Richtungen gezogen fühlen, hast du dir die Hölle kreiert. Sobald du jedoch total bist, eine organische Einheit … In dieser Ganzheit beginnen die Blumen des Himmels in dir aufzublühen.

Die Menschen machen sich immer Gedanken über ihre Taten: Welche Tat ist richtig und welche Tat ist falsch? Was ist gut und was ist schlecht? So wie ich es verstehe, geht es nicht um eine bestimmte Handlung. Es geht um deine psychische Einstellung. Sei total, dann ist es gut! Wenn du gespalten bist, ist es schlecht. Wenn du gespalten bist, leidest du. Wenn du im Einklang mit dir selbst bist, wirst du tanzen, singen und feiern.

Kannst du mehr über die Kunst sagen, diese Gegensätze in die Balance zu bringen? Mein Leben pendelt häufig zwischen Extremen, und der Weg der Mitte lässt sich offenbar über längere Zeit nur schwer aufrechterhalten.

Das Leben besteht aus Extremen. Leben ist die Spannung zwischen den Gegensätzen. Ständig genau in der Mitte zu sein wäre der Tod. Die Mitte ist nur eine theoretische Möglichkeit. Nur ab und zu befindest du dich in der Mitte, als vorübergehende Phase. Es ist wie Seiltanzen: Du kannst nicht lange genau in der Mitte sein. Wenn du das versuchst, stürzt du ab.

In der Mitte zu sein ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamisches Phänomen. Balance ist kein Hauptwort, sondern ein Zeitwort – eigentlich ist es ein Balancieren. Der Seiltänzer bewegt sich ständig von links nach rechts, von rechts nach links. Wenn er spürt, dass er sich zu sehr nach einer Seite gelehnt hat und Gefahr läuft abzustürzen, gleicht er es sofort aus und lehnt sich nach der anderen Seite. Beim Übergang von links nach rechts, von rechts nach links, genau in diesem Augenblick, ist der Seiltänzer in der Mitte. Wenn er sich aber zu sehr nach einer Seite gelehnt hat und Angst haben muss, zu fallen und das Gleichgewicht zu verlieren, verlagert er sein Gewicht nach der anderen Seite, und dabei ist er wieder für einen kurzen Augenblick in der Mitte.

Das ist gemeint, wenn ich sage, Balance ist kein Hauptwort, sondern ein Zeitwort. Es geht um ein Balancieren, einen dynamischen Prozess. Du kannst nicht exakt in der Mitte bleiben. Du bewegst dich ständig von links nach rechts und von rechts nach links – das ist die einzige Möglichkeit, in der Mitte zu bleiben.

Vermeide nicht die Extreme. Und wähle keines der Extreme. Bleibe offen für beide Pole – darin besteht die Kunst, das Geheimnis des Balancierens. Ja, manchmal bist du total glücklich, und manchmal bist du total traurig – und beides hat seine Schönheit.

Der Verstand wählt ständig. Dadurch entsteht das Problem. Bleibe wahlfrei. Egal was geschieht, egal wo du bist – rechts oder links, in der Mitte oder nicht in der Mitte: Genieße diesen Augenblick in seiner Totalität. Wenn du glücklich bist und tanzt und singst und Musik machst – sei einfach glücklich! Und wenn die Traurigkeit kommt – und sie wird kommen und muss kommen, das ist unvermeidlich, das kannst du nicht verhindern … Sobald du versuchst, es zu verhindern, machst du damit die ganze Möglichkeit zunichte, glücklich zu sein.

Der Tag kann nicht ohne die Nacht existieren, der Sommer kann nicht ohne den Winter existieren. Das Leben kann nicht ohne den Tod sein. Nimm diese Tatsache der Polarität tief in dein Wesen auf. Es gibt keine Möglichkeit, ihr zu entgehen. Die einzige Möglichkeit wäre, sich immer mehr abzutöten – nur ein Toter kann in einer statischen Mitte sein. Ein lebendiger Mensch ist stets in Bewegung – vom Zorn zum Mitgefühl, vom Mitgefühl zum Zorn … Und er akzeptiert beides, er identifiziert sich weder mit dem einen noch mit dem anderen. Er bleibt distanziert, aber dennoch involviert, nicht identifiziert und dennoch engagiert. Ein lebendiger Mensch genießt alles und verweilt darin wie eine Lotusblüte – im Wasser lebend, aber vom Wasser dennoch unberührt.

Dein Bemühen, in der Mitte zu sein und für immer und ewig in der Mitte zu bleiben, erzeugt dir nur unnötigen Stress. Eigentlich ist dieser Wunsch, immer in der Mitte zu sein, ebenfalls ein Extrem, das schlimmste überhaupt, weil es in die Kategorie des Unmöglichen fällt. Es lässt sich einfach nicht bewerkstelligen. Stell dir mal eine dieser Großvateruhren vor: Wenn du das Pendel genau in der Mitte festhältst, bleibt sie stehen. Eine solche Uhr funktioniert nur, wenn sich das Pendel ständig von links nach rechts und von rechts nach links bewegen kann. Natürlich geht es dabei jedes Mal durch die Mitte, und für einen Augenblick ist es völlig zentriert, aber nur für einen kurzen Augenblick.

Und das ist schön so! Beim Übergang vom Glücklichsein zum Traurigsein, vom Traurigsein zum Glücklichsein gibt es einen Augenblick der absoluten Ruhe – genau in der Mitte. Das kannst du genießen. Das Leben muss in all seinen Dimensionen gelebt werden, nur dann wird es ein reiches Leben sein. Wer nur auf der linken Seite bleibt, ist arm, wer nur auf der rechten Seite bleibt, ist arm, und wer sich nur in der Mitte aufhält, ist tot! Ein lebendiger Mensch ist weder ein Linker noch ein Rechter, noch ist er ein Anhänger des Zentrums. Er bleibt ständig in Bewegung, er ist im Fluss.

Warum willst du überhaupt in der Mitte sein? Weil du Angst hast vor den Schattenseiten des Lebens. Du willst nicht unglücklich, willst nicht verzweifelt sein. Aber das ist nur möglich, wenn du bereit bist, auch auf die Ekstase zu verzichten. Einige Menschen entscheiden sich dafür – es ist der Weg des Mönchs. Seit vielen Jahrhunderten ist das der Weg des Mönchs: Er ist bereit, jede Möglichkeit für Ekstase zu opfern, nur um der Seelenpein zu entgehen. Er ist bereit, sämtliche Rosen zu vernichten, nur um den Dornen zu entgehen. Aber das macht sein Leben schal und eintönig, ein ödes Dasein voller Stagnation und Langeweile. Er lebt nicht wirklich. Er hat Angst vor dem Leben.

Das Leben enthält beides: Es bringt großen Schmerz und es bringt auch große Lust. Schmerz und Lust sind die zwei Seiten einer Münze. Wenn du das eine ausschließt, musst du auch das andere ausschließen. Das war seit jeher eines der grundlegenden Missverständnisse: zu meinen, man könne den Schmerz loswerden und die Lust behalten, man könne der Hölle entgehen und den Himmel erlangen, man könne das Negative vermeiden und nur das Positive wählen. Das ist ein großer Irrtum. Es ist unmöglich. Es liegt nicht in der Natur der Sache. Das Positive und das Negative gehören zusammen, unvermeidlich und unteilbar zusammen. Es sind die beiden Aspekte ein und derselben Energie. Wir müssen beides akzeptieren. Schließe alles mit ein, sei alles. Wenn du auf der linken Seite bist, lass dir nichts entgehen – genieße es! Auf der linken Seite zu sein hat seine eigene Schönheit, und diese Schönheit entgeht dir, wenn du auf der rechten Seite bist. Dort sieht es ganz anders aus. Und in der Mitte zu sein hat eine Stille und einen Frieden, den du bei keinem der Extreme finden wirst. Darum genieße alles. Bereichere dadurch ständig dein Leben.

Kannst du nicht auch in der Traurigkeit eine Schönheit sehen? Meditiere darüber. Wenn du das nächste Mal traurig bist, kämpfe nicht dagegen an. Verschwende keine Zeit damit, dich dagegen zu wehren. Akzeptiere sie, heiße sie willkommen, lass sie ein willkommener Gast sein. Schau sie dir an, voller Liebe und Wohlwollen, in ihrer ganzen Tiefe. Sei ihr ein guter Gastgeber. Du wirst dich wundern! Du wirst eine unbegreifliche Überraschung erleben: Die Traurigkeit hat ein paar schöne Seiten, wie sie die Fröhlichkeit nie haben kann. Die Traurigkeit hat eine Tiefe – dagegen ist die Fröhlichkeit nur oberflächlich. Die Traurigkeit bringt Tränen, die viel tiefer gehen als jedes Lachen. Die Traurigkeit hat ihre eigene Stille, ihre eigene Melodie, die die Fröhlichkeit niemals haben kann. Die Fröhlichkeit hat auch ihre Musik, aber sie ist lauter, nicht so still.

Ich sage nicht, dass du die Traurigkeit wählen sollst. Ich sage nur, dass du auch sie genießen kannst. Wenn du fröhlich bist, genieße die Fröhlichkeit. Schwimme an der Oberfläche, aber manchmal tauche im Fluss ganz tief hinunter. Es ist derselbe Fluss! An der Oberfläche genießt du das Spiel der Wellen und die Schaumkronen, die Sonnenstrahlen und den Wind – sie haben ihre eigene Schönheit! Aber tief ins Wasser hinabzutauchen hat seine eigene Qualität, sein eigenes Abenteuer, seine eigenen Risiken.

Und halte nichts fest. Manche Menschen halten zu sehr an ihrer Traurigkeit fest. Die Psychologen kennen das und bezeichnen solche Leute als Masochisten: Sie kreieren sich ständig Situationen, in denen sie permanent unglücklich sein können. Unglücklich zu sein ist das Einzige, was sie genießen können. Sie haben Angst davor, glücklich zu sein. Im Unglück fühlen sie sich zu Hause. Viele Masochisten werden fromm, weil die Religion für ihre psychische Verfassung einen wunderbaren Deckmantel bereitstellt. Die Religion liefert eine großartige Rationalisierung für Masochismus.

Ohne religiöse Verbrämung fühlt sich ein Masochist schnell verurteilt und unbehaglich – ihm ist nicht wohl in seiner Haut, er fühlt sich krank. Irgendwie weiß er, dass er nicht normal ist. Er fühlt sich schuldig für die Art, wie er sein Leben lebt, und trachtet es zu verbergen. Wird ein Masochist aber religiös, so kann er seinen Masochismus stolz zur Schau stellen. Dann ist er kein Masochist mehr – er ist ein Asket! Er lebt ein frommes, enthaltsames Leben. Das nennt sich dann „Selbstdisziplin“, nicht Selbstquälerei. Geändert hat sich aber nur die Bezeichnung.

Einen solchen Menschen wird niemand als abnorm bezeichnen – er ist ja ein Heiliger! Niemand wird ihn als Psychopathen bezeichnen, denn er ist fromm geworden, ein Heiliger. Die Masochisten haben sich schon immer zur Religion hingezogen gefühlt. Für sie besitzt die Religion eine große Anziehungskraft. Tatsächlich sind im Lauf der Jahrtausende so viele Masochisten bei der Religion gelandet – was natürlich und verständlich ist –, dass alle Religionen schließlich nur noch von Masochisten beherrscht waren. Darum findet sich in den Religionen so viel Lebensverneinendes und Lebensverachtendes. Sie sind nicht für das Leben, für die Liebe, für die Freude. Sie betonen ständig, welch ein Jammertal dieses Leben sei! Aber durch diese ständige Behauptung, dass Leben Leiden bedeute, rationalisieren die Religionen nur ihr eigenes Festhalten am Leiden.

Ich habe eine schöne Geschichte gehört … Ob sie wahr ist, weiß ich nicht. Ich kann für nichts garantieren.

Eines Nachmittags im Paradies treffen sich an einem Tisch im bekanntesten Szenecafé Laotse, Konfuzius und Buddha zu einem Schwätzchen. Der Kellner bringt drei Gläser „Lebenssaft“ auf einem Tablett und offeriert jedem von ihnen ein Glas. Buddha schließt sofort die Augen und macht eine abwehrende Geste mit den Worten: „Leben ist Leiden.“

Konfuzius – wie man weiß, ein Anhänger der Mitte, der immer den goldenen Mittelweg predigte – betrachtet das Glas mit halb geöffneten Augen und bittet den Kellner, ihm ein Glas hinzustellen. Er möchte es gerne probieren – aber nur ein Schlückchen! Schließlich sollte man davon gekostet haben, bevor man sagen kann, ob das Leben Leiden ist oder nicht. Konfuzius war ein wissenschaftlicher Denker, nicht gerade ein Mystiker. Er hatte einen ganz pragmatischen, weltlichen Verstand – er muss der erste Verhaltensforscher der Welt gewesen sein, total logisch. Und was er sagt, macht Sinn: „Zuerst muss ich einen Schluck probieren, dann kann ich sagen, was ich davon halte.“ Er nimmt einen Schluck, und dann sagt er: „Buddha hat Recht. Leben ist Leiden.“

Laotse stellt alle drei Gläser vor sich hin und sagt: „Wie kann man irgendetwas sagen, ohne es völlig ausgekostet zu haben?“ Er leert alle drei Gläser in einem Zug und fängt an zu tanzen.

Buddha und Konfuzius fragen ihn: „Willst du nichts dazu sagen?“ Und Laotse sagt: „Tue ich doch schon. Spricht nicht mein Tanzen und Singen für mich?“ Wenn man es nicht völlig ausgekostet hat, kann man gar nichts sagen. Und wenn man es total ausgekostet hat, kann man erst recht nichts sagen – weil das, was man erfahren hat, sich nicht in Worte fassen lässt.

Buddha repräsentiert das eine Extrem, Konfuzius die Mitte. Laotse leert alle drei Gläser – das für Buddha bestimmte, das für Konfuzius bestimmte und sein eigenes Glas. Er trinkt alles bis zur Neige – er lebt das Leben in seiner Dreidimensionalität.

Meine Vorgehensweise ist die von Laotse: Lebe das Leben auf jede erdenkliche Weise. Bevorzuge keine Sache gegenüber einer anderen und versuche nicht, in der Mitte zu bleiben. Versuche nicht, dich in der Balance zu halten. Die Balance ist nicht etwas, das sich kultivieren ließe. Die Balance stellt sich als Summe deiner Erfahrungen sämtlicher Lebensdimensionen von selbst ein. Die Balance geschieht– sie kann nicht durch deine Bemühungen herbeigeführt werden. Wenn du dich darum bemühst, ist sie unecht und erzwungen. Du wirst dich dabei verkrampfen, wirst nicht entspannt sein. Wie kannst du entspannt sein, wenn du dich ständig bemühst, die Balance in der Mitte zu halten? Du wirst immer Angst haben, dass du zu weit nach links oder nach rechts gerätst, wenn du dich entspannst. Dann wirst du ständig kontrolliert und angespannt sein. Aber so verpasst du die Gelegenheit – dieses ganze wunderbare Geschenk des Lebens!

Sei nicht kontrolliert. Lebe das Leben nicht nach bestimmten Prinzipien. Erlebe das Leben in seiner Ganzheit, trinke das Leben in seiner Ganzheit! Natürlich schmeckt es manchmal bitter – na und? Nur wenn du den Geschmack des Bitteren kennst, kannst du auch die Süße schmecken. Du kannst die Süße des Lebens erst wertschätzen, wenn du von seiner Bitterkeit gekostet hast. Wer nicht weinen kann, der kann auch nicht lachen. Wer nicht ein tiefes Lachen, ein Lachen aus dem Bauch, genießen kann, wird nur Krokodilstränen vergießen können. Seine Tränen werden nicht authentisch und echt sein.