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Seraphina träumte einst von ihrem eigenen Restaurant – bis ein Brand alles zerstörte. Jetzt arbeitet sie in der prestigeträchtigen Küche des Chez Jacques, wo ihre Kreativität nicht gefragt ist. Da taucht ein altes Tagebuch mit ihren vergessenen Träumen wieder auf. Und als sie mit dem charismatischen Max, der für zwei Wochen als Gastkoch engagiert wird, zusammenarbeiten muss, erwacht nicht nur ihre kulinarische Leidenschaft neu. Doch nach einer heißen Liebesnacht ahnt sie: Max verbirgt etwas vor ihr. Darf sie einem Mann mit Geheimnissen vertrauen?
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2026
Penny Roberts
Was verbirgst du vor mir, Geliebter?
IMPRESSUM
JULIA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
© Deutsche Erstausgabe 2025 in der Reihe JULIA, Band 072026
© 2026 by Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg für Penny Roberts: „Was verbirgst du vor mir, Geliebter?“
Abbildungen: Liubov Kaplitskaya, nevodka, WhataWin, Arst, Anatartan / Getty Images, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 03/2025 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751541763
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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Das scharfe Zischen von Öl in der Pfanne und das Klappern von Geschirr erfüllten die Küche des Chez Jacques. Die Luft war heiß und schwer mit dem Duft von Kräutern und eines herben Weins, der langsam in einem Topf reduzierte.
Seraphina Torres stand an ihrer Station, die Schultern angespannt, während sie mit einer Hand die zart gekräuselten Rucolablätter auf einem Teller anrichtete. Ein Hauch von Meersalz – kaum wahrnehmbar und doch für sie entscheidend – glitt von ihren Fingerspitzen, ein letztes individuelles Detail. Sie konnte nicht anders, als wenigstens ein einziges eigenes Element beizusteuern, das ihrem Gefühl für die Balance eines Gerichts entsprach.
Doch sie hatte die kritischen Augen des Chefkochs nicht bedacht.
„Torres!“ Die Stimme von Armand Saint-Clair hallte laut durch die heiße, hektische Küche. „Was zum Teufel glaubst du, was du da tust?“
Seraphina schluckte hart. Dann holte sie tief Luft, ehe sie aufblickte. „Chef?“
Er warf einen Blick auf den Teller in ihrer Hand und schüttelte verächtlich den Kopf. „Wenn ich mich recht entsinne, bin ich derjenige, der hier die Entscheidungen trifft, oder bist du da anderer Ansicht, Torres?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Chef. Natürlich nicht.“
„Und warum nimmst du dann eigenmächtig Veränderungen an den Rezepten vor, die ich dir überantworte?“
Die Arbeit in der Küche ging weiter, während der Chefkoch Seraphina zurechtwies. Niemand hatte Zeit, herumzustehen und zu gaffen, auch wenn sie die Blicke der anderen trotzdem im Rücken spürte.
Sie wusste, dass es keinen Sinn machte, sich mit Saint-Clair anzulegen. Der Mann war für sein explosives Temperament bekannt, und ihm dumm zu kommen konnte sie ohne Weiteres den Job kosten. Etwas, das sie sich in ihrer Situation absolut nicht erlauben konnte. Also schluckte sie das bittere Gefühl von Erniedrigung hinunter und sagte: „Tut mir leid, Chef, ich wollte nur …“
„Keine Ausreden, Torres. Hier zählt Präzision, nichts anderes! Wenn du tun willst, wonach auch immer dir der Sinn steht, dann tu das bitte schön woanders. Hier wird nach Anweisung gearbeitet. Keine Experimente.“ Zornig funkelte er sie an, und Seraphina senkte den Blick und sagte nichts mehr.
Es war immer dasselbe. Und das nun schon seit zwei Jahren. Vom ersten Tag an schien Saint-Clair es auf sie abgesehen zu haben. Soweit es ihn betraf, konnte sie kaum je etwas richtig machen. Es war Mrs. Merrin, die Besitzerin des Restaurants selbst gewesen, die sie eingestellt hatte, weil sie von Seraphinas Enthusiasmus und ihren Ideen begeistert gewesen war. Und Saint-Clairs aufgeblasenes Ego konnte diesen Affront gegenüber seiner uneingeschränkten Küchenkompetenz offenbar nur schwer verkraften.
Seraphina kochte schon, solange sie zurückdenken konnte. Zuerst an der Seite ihrer Mutter, später, nach dem Tod ihrer Mom, auch allein. Als Teenager hatte sie sich ihr Taschengeld aufgebessert, indem sie Buffets für Familienfeiern und Firmenjubiläen bestückte. Dabei waren ihre Dienste so begehrt gewesen, dass der einzige Partyservice von Willowbrook ihr schließlich einen Job anbot, um zu verhindern, dass sie ihnen alle Aufträge vor der Nase wegschnappte. Eine mehr als gerechtfertigte Sorge, wenn man die lange Liste zufriedener Kunden betrachtete, auf die sie zurückblicken konnte.
Kurz, Seraphina war gut in dem, was sie tat.
Doch hier, in der Küche des Chez Jacques, würde sie nie die Chance erhalten, das auch zu beweisen.
Zum Glück wurde der Chefkoch bald von einer anderen kleineren Katastrophe abgelenkt, sodass sich Seraphina wieder auf ihre Arbeit konzentrieren konnte. Saint-Clairs Worte hallten noch immer in ihren Ohren wider, doch sie zwang sich zur Ruhe. Der hektische Rhythmus der Küche lief unbeirrt weiter und nahm keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten.
Sie nahm den Teller, den sie gerade angerichtet hatte, erneut auf und musterte ihn prüfend. Der Räucherlachs war in perfekte hauchdünne Scheiben geschnitten und mit Frischkäse und winzigen Schnittlauchröllchen dekoriert. Zufrieden reichte sie den Teller zur Ausgabe weiter, wo er noch mal genauestens geprüft und dann an den Gast rausgeschickt werden würde.
Sie arbeitete präzise und konzentriert, mit genau der Perfektion, die von ihr erwartet wurde – ohne dabei ihre eigene kreative Note hinzuzufügen. Doch während die Stunden bis zu ihrem Feierabend verstrichen, fühlte sie sich mehr und mehr wie in einem Käfig gefangen.
Wenn sie weiterhin in der Lage sein wollte, pünktlich ihre Miete zu zahlen und wenigstens einen kleinen Teil ihrer Schulden bei der Bank abzustottern, brauchte sie diesen Job. Doch jeden Tag, wenn sie sich mit ihrem klapprigen 1998er Toyota Corolla auf den Weg zur Arbeit machte, fühlte sie sich einfach nur leer und antriebslos. Die Seraphina, die in der Küche des Chez Jacques hier in Providence stand, schien auf merkwürdige Weise eine völlig andere Person zu sein als die, die sie sein wollte. Eine, die sie kaum wiedererkannte, wenn sie in den Spiegel blickte. Und von der sie nicht sicher war, ob sie sie leiden konnte.
Überhaupt dachte sie viel darüber nach, in welche Richtung ihr Leben sich in letzter Zeit entwickelt hatte. Genauer gesagt, seit Rubys Beerdigung im letzten Sommer, zu der sie zum ersten Mal seit Langem nach Willowbrook, ihrem Heimatort, zurückgekehrt war.
Es war auch das erste Mal gewesen, dass sie ihre ehemals besten Freundinnen Ava und Harper wiedergesehen hatte. Sie alle vier waren als junge Mädchen unzertrennlich gewesen, hatten sich aber als Erwachsene aus den Augen verloren.
Ruby hatte immer versucht, sie alle zusammenzuhalten, war immer die Vermittlerin zwischen ihnen gewesen. Sogar noch nach ihrem Tod.
Sie hatte Ava, Harper und ihr das Scrapbook hinterlassen, in dem sie alle vor mehr als einem Jahrzehnt ihre Wünsche und Träume für die Zukunft aufgeschrieben hatten.
Es wiederzusehen war … Sie konnte nicht in Worte fassen, wie es sich angefühlt hatte. Ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit. Aber es war auch ein Spiegel, der ihr vor Augen hielt, dass sie gescheitert war.
Damals, als sie zusammen an dem Buch arbeiteten, hatte sie noch Träume gehabt. Ein eigenes kleines Restaurant, in dem sie so schalten und walten konnte, wie sie wollte. Ein Buchvertrag für ein Kochbuch, in dem sie die Rezepte ihrer Mutter und ihre eigenen für den Rest der Welt festhalten konnte. Andere Dinge, wie eine glückliche Beziehung, ein Häuschen im Grünen mit einem weißen Gartenzaun.
Routiniert bereitete sie die nächste Bestellung zu. Für eine kurze Zeit hatte es so ausgesehen, als würde sie all das bekommen, wonach sie sich sehnte. Die Bank hatte ihr einen Kredit für ihr eigenes Restaurant gewährt, das sie mit viel Liebe und Herz einrichtete. Viel Personal hatte sie sich nicht leisten können, aber das war auch gar nicht notwendig gewesen bei einem Lokal, das gerade groß genug war, um einem Dutzend Gästen Platz zu bieten. Eine Küchenhilfe und drei Studentinnen, die im Wechsel den Service stemmten, mehr hatte sie nicht gebraucht.
Das Seraphina’s in Barrington, ganz in der Nähe vom Strand, hatte sich innerhalb weniger Monate zu einem echten Geheimtipp entwickelt, und Mundpropaganda sorgte dafür, dass sie für Wochen im Voraus bis auf den letzten Tisch ausgebucht waren. Die viele Arbeit und der Stress hatten ihr nichts ausgemacht. Sie war glücklich gewesen. Zufrieden.
Und dann hatte das Feuer alles zunichtegemacht.
Es war in der Küche ausgebrochen. Natürlich, wo auch sonst?
Die Fritteuse hatte sich im Laufe jener verhängnisvollen Nacht aufgrund eines technischen Defekts überhitzt, und das, obwohl sie, ebenso wie alle anderen Geräte im Restaurant, nach Feierabend ausgeschaltet worden war.
Zum Glück war das Feuer schnell von den Bewohnern des Hauses bemerkt worden, sodass sämtlicher Schaden auf das Ladenlokal begrenzt gewesen war. Seraphina war einfach nur erleichtert, dass es keine Verletzten gegeben hatte. Das Restaurant selbst war zwar völlig zerstört worden, aber dafür hatte sie ja eine Versicherung abgeschlossen.
Das zumindest hatte sie geglaubt. Sie hatte den Schaden gemeldet, die Fragen des Gutachters geduldig beantwortet und darauf gewartet, grünes Licht wegen der Kosten für die notwendigen Reparaturen zu erhalten.
Aber dazu war es nie gekommen.
Die Versicherung hatte ihr keine zwei Wochen nach dem Brand schriftlich mitgeteilt, dass sie aufgrund von grober Fahrlässigkeit von einer Regulierung des Schadens absehen wollten. Am Ende war sie gegen die Anwälte der Versicherung nicht angekommen.
Sie konnte nicht beweisen, dass alle Geräte vor dem Brand ordnungsgemäß abgeschaltet worden waren. Und da die Fritteuse den Flammen zum Opfer gefallen war, ließ sich auch nicht belegen, dass ein technischer Defekt vorgelegen hatte.
Notgedrungen hatte Seraphina einem Vergleich zugestimmt. Die Versicherung war für die Schäden am Gebäude und am Ladenlokal selbst aufgekommen, nicht aber für die Einrichtung und die mit der Schließung verbundenen Kosten. Auf denen, ebenso wie auf dem Bankkredit, war Seraphina sitzen geblieben.
Und wenn kein Wunder geschah, würde sie ihre Schulden noch für viele Jahre abstottern, ohne irgendetwas davon zu haben.
Seufzend wandte sie sich der nächsten Bestellung zu. Sie spürte den bohrenden Blick des Chefkochs in ihrem Rücken, als sie mit der Zubereitung begann, und gab sich doppelt so viel Mühe, alles genau den Vorgaben entsprechend herzurichten. Sie konnte es sich nicht erlauben, gleich zweimal am selben Tag Saint-Clairs Missfallen zu erregen. Auch wenn sie es hasste, wie sehr der Mann jegliche Kreativität seiner Untergebenen im Keim erstickte – sie brauchte den Job. Sie schaffte es so schon nur mit Mühe und Not von Monat zu Monat. Jeden Abend schickte sie vor dem Schlafengehen ein Stoßgebet zum Himmel, dass bloß keine unvorhersehbaren Kosten auf sie zukamen.
Unwillkürlich musste sie an ihren Wagen denken, der vor allem von Rost und Hoffnung zusammengehalten wurde. Die Spritanzeige hatte schon vor Monaten aufgehört zu funktionieren, sodass Seraphina schätzen musste, wie weit sie mit der Tankfüllung noch kam.
„Wird das heute noch was, Torres?“, rief Saint-Clair von der Ausgabe herüber. „Dass du für die kalte Küche zuständig bist, bedeutet nicht, dass unsere Gäste ewig auf ihr Essen warten wollen.“
Seraphina nickte bloß knapp und arbeitete schneller. Was blieb ihr auch anderes übrig?
Sie steckte hier fest, und es schien nichts zu geben, was sie tun konnte, um ihre Situation zu verbessern.
Rein gar nichts.
Es war schon kurz nach Mitternacht, als sie nach ihrer Schicht in ihr kleines Apartment am Stadtrand von Providence zurückkehrte. Es lag über einer chemischen Reinigung, sodass es im Hausflur eigentlich immer nach dem feuchten Dampf roch, der beim Säubern der Kleidung entstand.
Heute aber war es der Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen, der aus der Küche ihrer Wohnung zu ihr herüberwehte.
Sie zog die Schuhe aus, legte die Schlüssel in der kleinen Keramikschale auf der Buchenkommode im Korridor ab und trat ins Wohnzimmer.
„Hey!“, rief ihre Mitbewohnerin Kelsey, mit der sie nun schon seit zwei Jahren zusammenlebte, und im nächsten Moment erschien ihr Kopf im Küchentürrahmen. „Ich habe Kuchen gebacken.“
Seraphina lächelte müde. „Das kann ich riechen. Das Rezept deiner Großmutter?“
„Habe ich je etwas anderes gebacken?“
„Nicht wirklich. Gibt es einen Anlass? Etwas zu feiern? Ich könnte ein paar gute Nachrichten gebrauchen.“
Seufzend trat Kelsey zu ihr ins Wohnzimmer. „War es wieder einer dieser Tage?“
„Jeder Tag ist einer dieser Tage“, entgegnete Seraphina leise. „Ich muss etwas ändern, aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Mein Leben ist so festgefahren, und wenn nichts passiert, wird sich daran auch in den nächsten zehn Jahren nichts ändern.“ Ein Schauer durchrieselte sie bei dem Gedanken. „Nein, zehn Jahre halte ich das definitiv nicht mehr aus. Ich habe das Gefühl, in dieser Restaurantküche zu ersticken! Saint-Clair ist ein Diktator, er lässt bei seinen Mitarbeitern keinen Funken Persönlichkeit, keine Kreativität zu.“ Sie fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und stöhnte frustriert. „Was soll ich bloß machen, Kelsey?“
„Das kann ich dir sagen.“ Ihre Freundin trat einen Schritt auf sie zu, legte ihr die Hände auf die Schultern und schob sie in Richtung Couch. „Setz dich. Ich habe die Idee für dich.“
Mit einem Ächzen ließ Seraphina sich auf das durchgesessene, alte Sofa fallen, dessen Federn sich schon an mehreren Stellen durch den cognacfarbenen Cord-Stoff zu drücken drohten. „Eine Idee? Lass hören.“
„Pass gut auf“, sagte sie und setzte sich ihr gegenüber auf den riesigen Ohrensessel, der ein Erbstück von Kelseys Großmutter gewesen war. Dann breitete sie die Hände aus und spreizte die Finger, wie eine Zirkusdirektorin, die eine Sensation ankündigte. „Creative Kitchen Challenge.“ Sie machte zwischen jedem Wort eine dramatische Pause.
Seraphina wartete auf eine Erklärung, doch als weiter nichts kam, fragte sie: „Und was soll mir das jetzt sagen?“
„Du hast noch nichts von der Creative Kitchen Challenge gehört? Himmel, unter welchem Stein lebst du eigentlich? Wobei, nein, bitte beantworte mir diese Frage nicht. Immerhin teilen wir uns eine Wohnung. Aber, mal ehrlich, der CKC ist der nationale Kochwettbewerb überhaupt. Veranstaltet wird er von Roscoe’s, der Fastfood-Kette. Teilnehmen kann jeder, ob Hobby-Brutzler oder Profikoch. Und der Gewinner erhält 250.000 Dollar und einen Vertrag für ein Kochbuch.“
Seraphina stockte der Atem. Bei einem solchen Wettbewerb zu gewinnen, könnte mit einem Schlag all ihre Probleme lösen, und für einen kurzen Moment flackerte so etwas wie Hoffnung in ihr auf, bevor die Realität die winzige Flamme erstickte.
„Das ist ja alles schön und gut“, erwiderte sie seufzend, „aber weißt du, wie viele Leute sich bei so etwas anmelden? Die Chancen, dass ich auch nur in die nächste Runde komme, sind verschwindend gering.“
„Ich denke, genau da täuschst du dich.“ Kelsey schüttelte den Kopf. „Du bist meine Freundin, und es mag sein, dass ich deswegen ein bisschen befangen bin, aber, Fina, du bist wirklich gut! Das sagt jeder, der eine deiner Kreationen probiert hat. Ich weiß nicht, wie du es anstellst, aber irgendwie schaffst du es, selbst dem langweiligsten, alltäglichsten Gericht neues Leben einzuhauchen. Du packst das, davon bin ich fest überzeugt!“
Wärme stieg Seraphina in die Wangen angesichts der Flut von Komplimenten. Sie konnte nicht leugnen, dass es guttat, all diese positiven Dinge über sich zu hören. Vor allem, wenn es ansonsten Tag für Tag nichts als Kritik hagelte.
Leider änderte das nichts an der Tatsache, dass sie bei einem solchen Wettbewerb kaum eine Chance hatte. Vermutlich stand der Gewinner schon von vornherein fest, oder es gab zumindest bevorzugte Kandidaten.
„Ich glaube nicht, dass ich da mitmachen werde“, sagte sie schließlich mit hängenden Schultern. „Ich will mir keine falschen Hoffnungen machen, verstehst du?“
„Schon, aber … Willst du nicht wenigstens mal eine Nacht darüber schlafen? Ich meine, was hast du denn schon zu verlieren? Du sagst es ja selbst: Im Chez Jacques wirst du nie glücklich werden. Und solange du auf deinem Schuldenberg sitzt, hast du wenig Alternativen.“
Seraphina zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sollte ich mich einfach auf die Suche nach einem neuen Job machen. Einen, wo meine Kreativität und meine Begeisterung geschätzt werden.“
Doch die Worte waren kaum über ihre Lippen gekommen, da machte sich auch schon Ernüchterung in ihr breit. Wer konnte ihr schon garantieren, dass es in einer anderen Küche besser für sie laufen würde? Beim Chez Jacques hatte sie anfangs auch ein gutes Gefühl gehabt. Mrs. Merrin war so enthusiastisch gewesen … und ihr erster Tag in der Küche dann umso ernüchternder. Saint-Clair hatte von Anfang an klargestellt, dass er es absolut nicht schätzte, wenn jemand – selbst die Besitzerin des Restaurants – seine Autorität untergrub. Denn genau das war Seraphinas Einstellung für ihn gewesen. Und er wurde nicht müde, sie immer wieder aufs Neue spüren zu lassen, wie unerwünscht sie in „seinem“ Restaurant war.
Schon möglich, dass es mit einem neuen Job besser laufen würde. Aber vielleicht würde sie sich auch vom Regen in die Traufe manövrieren. Und was dann?
Im Chez Jacques wusste sie wenigstens, woran sie war. Auch wenn der Gedanke, für die absehbare Zukunft unter der Fuchtel eines Küchentyrannen zu stehen, der es ihr jeden Tag schwerer machte, sich aus dem Bett zu quälen.
„Das ist sicher keine schlechte Idee“, entgegnete Kelsey. „Aber willst du es nicht trotzdem mit dem Wettbewerb probieren?“
„Lieber nicht.“ Mit einem müden Lächeln hob sie die Schultern. „Das ist vielleicht nicht so leicht zu verstehen, aber ich glaube nicht, dass ich im Moment mit einer weiteren Enttäuschung umgehen könnte.“
„Na, dann will ich mal dafür sorgen, dass zumindest der Rest des heutigen Abends keine Enttäuschung für dich wird.“ Grinsend schaute sie Seraphina an. „Apfelkuchen mit Vanillesoße?“
„Himmel, nichts lieber als das!“
Am nächsten Tag zeichnete sich schon früh ab, dass etwas anders war als sonst. Gegen drei Uhr am Nachmittag war Seraphina zur Arbeit erschienen. Von den Linienköchen, die in der Küche für einzelne Arbeitsstationen wie Vorspeisen, Beilagen oder Desserts zuständig waren, wurde erwartet, dass sie spätestens um sechzehn Uhr anrückten, um die notwendigen Vorbereitungen an ihrer Station zu treffen, damit alles fertig war, wenn sich um siebzehn Uhr die Türen des Restaurants öffneten. Seraphina gehörte zu denen, die lieber etwas früher da waren, damit sie sich nicht unnötig abhetzen musste, wenn mal wieder nicht alles da war, wo es hingehörte.
Sie konnte es natürlich nicht beweisen, war sich aber ziemlich sicher, dass Saint-Clair ihren Arbeitsplatz absichtlich durcheinanderbrachte, um ihr das Leben schwer zu machen. Es war definitiv etwas, das sie ihrem missgünstigen Chefkoch zutraute. Ihm war jedes Mittel recht, um sie in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen.
Heute aber war alles genau dort, wo es hingehörte, und Saint-Clair war nirgends zu sehen, was sich sofort in der Atmosphäre in der Küche niederschlug. Anstatt des sonst üblichen bedrückten Schweigens herrschte heitere Stimmung. Es wurde geredet und sogar leise gelacht.
„Wo steckt der Chef?“, fragte Seraphina Alan, der gleich neben ihr an der Dessertstation arbeitete.
Er zuckte mit einer Schulter. „Ich habe ihn heute noch nicht gesehen, aber …“ Er verstummte, als laute, aufgebrachte Stimmen vom Büro der Inhaberin erklangen. „Ah, das dürfte deine Frage wohl beantworten. Keine Ahnung, welche Laus ihm jetzt schon wieder über die Leber gelaufen ist. Das letzte Mal ist er so ausgerastet, als Mrs. Merrin dich … Also …“
„Sag es ruhig.“ Seraphina seufzte. „Als sie mich eingestellt hat.“
Bevor Alan etwas entgegnen konnte, wurde die Schwingtür in die Küche so hart aufgestoßen, dass die beiden Flügel mit einem lauten Knall gegen die Wand krachten. Es hätte Seraphina nicht gewundert, Sturmwolken um das schüttere blonde Haar des Chefkochs kreisen zu sehen. Mit zusammengepressten Lippen stürmte er die Küche, dicht gefolgt von der Besitzerin des Restaurants, die wiederum einen Seraphina unbekannten Mann im Schlepptau hatte.
Er war etwa Anfang dreißig, hatte dunkles Haar, das er am Hinterkopf mit einem Gummiband zu einem lässigen Messy-Bun zusammengefasst hatte, aus dem sich mehrere Strähnen gelöst hatten und sein attraktives Gesicht umrahmten.
Normalerweise nahm Seraphina solche Dinge gar nicht wahr. Das Aussehen der Leute um sie herum war für sie nur am Rande interessant. Es gab Dinge, denen sie weitaus mehr Bedeutung beimaß.
Aber dieser Mann sah wirklich umwerfend gut aus, wenn auch eher auf eine unkonventionelle Art und Weise. Sein Look war rau, mit kantigen Zügen, einer etwas zu großen Nase und Bartstoppeln auf Wangen und Kinn, die schon ein bisschen älter zu sein schienen als drei Tage.
Eigentlich war er so gar nicht ihr Typ, wenn es den überhaupt gab. Aber etwas an ihm faszinierte sie sofort. Vielleicht waren es die strahlend blauen Augen, die von erstaunlich langen Wimpern umrahmt wurden. Oder die tiefe, wohlklingende Stimme, die Seraphinas Herz zum Stolpern brachte, als er sagte: „Finde dich damit ab, Saint-Clair. Für die nächsten zwei Wochen hast du mich am Hals, ob es dir nun gefällt oder nicht.“
Der Chefkoch blieb abrupt stehen und wirbelte herum. Seine Augen sprühten regelrecht Funken, und Seraphina war sich ziemlich sicher, dass er dem anderen Mann am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. „Es gefällt mir nicht, und ich werde dir ganz gewiss nicht einfach so meine Küche überlassen, Grayson!“
„Wenn ich mich recht entsinne, ist es immer noch meine Küche, Armand“, mischte Mrs. Merrin sich ein und bedachte Saint-Clair mit einem gelassenen Blick. „Und genau deshalb werden Sie genau das tun, was ich sage, haben wir uns verstanden? Ich bin sehr froh, dass Max meine Einladung, als Gastkoch im Chez Jacques zu arbeiten, angenommen hat. Wir können uns glücklich schätzen, einen so mutigen und kreativen Kopf für dieses Restaurant gewonnen zu haben. Da sind wir uns doch sicherlich einig, oder, Armand?“
Der Chefkoch erwiderte etwas, doch es war zu leise, als dass man die Worte hätte verstehen können.
„Wie war das?“, fragte Mrs. Merrin unbeeindruckt.
„Ja“, stieß Saint-Clair zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wir sind uns einig.“
„Wunderbar! Dann können wir uns ja alle wieder an die Arbeit machen, nicht wahr?“ Sie bedachte den Chefkoch mit einem scharfen Blick. Dann entspannten sich ihre Züge, als sie sich Max Grayson zuwandte. „Herzlich willkommen im Chez Jacques, Max. Ich hoffe, dass die kommenden zwei Wochen bei uns zu einer positiven Erfahrung für Sie werden. Sollte irgendetwas dem im Wege stehen, kommen Sie damit bitte zu mir, ja?“
Er nickte. „Vielen Dank, aber ich bin sicher, das wird nicht nötig sein.“
Bei der Art und Weise, wie die Miene von Armand Saint-Clair sich noch weiter verdüsterte, war Seraphina davon nicht so recht überzeugt. Es war mehr als deutlich, dass der Chefkoch vor Wut brodelte. Nur die Gegenwart der Restaurant-Inhaberin hielt ihn zurück, seinem Ärger Luft zu machen.
„Torres“, bellte er, kaum dass Mrs. Merrin die Küche verlassen hatte. „Du kümmerst sich um unseren Gast. Sieh zu, dass er begreift, wie es hier bei uns läuft. Wir sind für heute Abend ausgebucht, da kann ich keinen Klotz am Bein gebrauchen.“
Die Art und Weise, wie er das Wort „Gast“ betonte – so, als wäre es etwas Widerliches, das er unter den Sohlen seiner perlweißen Arbeitsschuhe entdeckt hatte –, zeigte seine Abneigung gegen den anderen Koch ebenso deutlich wie die Tatsache, dass er ihn ausgerechnet Seraphina zugeteilt hatte.
Max Grayson jedoch schien von der Ruppigkeit seines Kollegen wenig beeindruckt. Er nickte nur knapp und schlenderte dann gemächlich zu Seraphina herüber.
Sie begrüßte ihn mit einem zurückhaltenden Lächeln. „Seraphina Torres“, stellte sie sich vor. „Freut mich, dich kennenzulernen.“
„Was man von eurem Chefkoch wohl eher nicht behaupten kann, wie?“ Schmunzelnd streckte er ihr die Hand entgegen. „Max Grayson. Du bist für die kalte Küche zuständig?“
Seraphina nickte. „Der Chef meint, dass ich hier am wenigsten Schaden anrichten kann.“
„Schaden anrichten?“ Er hob eine Braue. „Das klingt, als hättest du einen ebenso guten Start mit ihm gehabt wie ich.“
„Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass ich jeden Tag hier bin, du hingegen nur für zwei Wochen.“
„Ich kann nicht behaupten, dass ich dich darum beneide.“
„Das hätte ich dir auch nicht abgekauft.“ Sie seufzte. „Tut mir leid, aber ich werde wohl noch eine Weile mit den Vorbereitungen für den Tag beschäftigt sein. Trotzdem würde ich dir nicht raten, dich allein in der Küche umzuschauen. Der Chef hat es nicht gern, wenn sich Fremde in seinen heiligen Hallen herumtreiben.“
Max lachte, und das Funkeln in seinen Augen sandte ein Kribbeln durch ihren Körper. Sie musste sich innerlich zur Ordnung rufen, um ihn nicht verträumt anzustarren.
