Was vom Tage übrig blieb - Kazuo Ishiguro - E-Book
Beschreibung

Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Viele Jahre lang lebt ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.

Zum Literaturnobelpreis 2017 jetzt als bibliophlie Sonderausgabe.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:372


Das Buch

Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person. Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er zurück. Viele Jahre lang lebt Stevens ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt und er zum ersten Mal ausbricht aus seiner Welt.

Das kritische Porträt einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft sowie eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem Menschen, der seinen Stand nie hinterfragt, und nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.

Der Autor

Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für den Weltbestseller Was vom Tage übrigblieb, der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 50 Sprachen übersetzt. Sein Roman Alles, was wir geben mussten wurde mit Keira Knightley in der Hauptrolle verfilmt. Kazuo Ishiguro lebt in London. 2017 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Kazuo Ishiguro bei Heyne

Damals in Nagasaki – Der Maler der fließenden Welt – Die Ungetrösteten – Als wir Waisen waren – Alles, was wir geben mussten – Bei Anbruch der Nacht – Der begrabene Riese

KAZUO ISHIGURO

Was vom

Tage übrig

blieb

Roman

Aus dem Englischen

von Hermann Stiehl

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Vollständige deutsche Taschenbuchneuausgabe 12/2016

Copyright © 1989 by Kazuo Ishiguro

Die Originalausgabe erschien 1989 unter dem Titel The Remains of the Day bei Faber and Faber Ltd., London

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Die deutschsprachige Ausgabe erschien unter demselben Titel zuvor 1994 bei Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, und 2005 beim btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: Kornelia Rumberg, B ü r o  f ü r  s i c h t b a r e  A n g e l e g e n h e i t e n, 82340 Feldafing 

Umschlagmotiv: © Trevillion Images/Michael Trevillion

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-20215-6V004

www.heyne.de

ZUM GEDENKENAN MRS. LENORE MARSHALL

PROLOG: JULI 1956

Darlington Hall

Es wird immer wahrscheinlicher, dass ich tatsächlich jene Reise unternehme, die meine Fantasie bereits seit einigen Tagen mit einer gewissen Ausschließlichkeit beschäftigt. Eine Reise, die ich, das sollte ich hinzufügen, allein unternehmen werde, in Mr. Farradays bequemem Ford, eine Reise, die mich, soweit ich das jetzt schon ermessen kann, durch einige der schönsten Gegenden Westenglands führen und mich immerhin fünf oder sechs Tage von Darlington Hall fernhalten wird. Die Idee zu einer solchen Reise geht, wie ich vielleicht erwähnen sollte, auf einen höchst liebenswürdigen Vorschlag zurück, den Mr. Farraday persönlich mir eines Nachmittags vor fast vierzehn Tagen machte, als ich gerade die Porträts in der Bibliothek abstaubte. Ich stand, wenn ich mich recht erinnere, gerade auf der Trittleiter und entstaubte das Porträt des Viscount Wetherby, als mein Dienstherr mit einigen Büchern hereinkam, die er offenbar ins Regal zurückzustellen beabsichtigte. Als sein Blick auf mich fiel, nahm er die Gelegenheit wahr, mich davon zu unterrichten, dass er gerade endgültig beschlossen habe, im August und September für einen Zeitraum von fünf Wochen in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Nach dieser Mitteilung legte mein Dienstherr die Bücher auf einen Tisch, setzte sich auf die Chaiselongue und streckte die Beine aus. Und da war es dann, dass er zu mir heraufsah und sagte:

»Übrigens, Stevens – ich erwarte nicht, dass Sie sich, während ich weg bin, die ganze Zeit hier im Haus vergraben. Nehmen Sie doch den Wagen, und fahren Sie für ein paar Tage irgendwohin. Sie sehen aus, als könnten Sie eine kleine Abwechslung gebrauchen.«

Da dieser Vorschlag gänzlich unerwartet kam, wusste ich nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich erinnere mich, meinem Dienstherrn für seine Aufmerksamkeit gedankt zu haben, aber aller Wahrscheinlichkeit nach drückte ich mich nicht sehr präzise aus, denn er fuhr fort:

»Ich meine das ernst, Stevens. Ich glaube wirklich, Sie sollten mal ausspannen. Für das Benzin komme ich auf. Ihr Burschen, ihr seid ja geradezu eingesperrt in diesen großen Kästen, damit alles klappt, wie sollt ihr da je Zeit finden, euch in eurem schönen England umzusehen?«

Es war nicht das erste Mal, dass mein Dienstherr eine solche Frage aufwarf; es scheint sich sogar um ein Problem zu handeln, das ihn ernstlich beschäftigt. Bei dieser Gelegenheit nun, als ich dort oben auf der Leiter stand, fiel mir eine Erwiderung des Inhalts ein, dass die Angehörigen unseres Berufsstandes, obzwar wir im touristischen Sinne nicht sehr viel von der Landschaft oder besonders pittoresken Örtlichkeiten zu Gesicht bekamen, doch mehr als die meisten anderen von England »sahen« durch unsere Position in Häusern, in denen die bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes verkehrten. Natürlich hätte ich Mr. Farraday diese Überlegung nicht mitteilen können, ohne zu einer längeren Rede anzusetzen, die vielleicht anmaßend geklungen hätte. Ich begnügte mich deshalb damit, lediglich festzustellen:

»Es war mir vergönnt, Sir, im Laufe der Jahre innerhalb dieser Mauern das Beste von England zu sehen.«

Mr. Farraday schien diese Bemerkung nicht zu verstehen, denn er fuhr fort: »Ich meine es wirklich ernst, Stevens. Es ist nicht in Ordnung, wenn sich jemand nicht in seinem eigenen Land umsehen kann. Folgen Sie meinem Rat, sehen Sie zu, dass Sie mal für ein paar Tage rauskommen.«

Wie man sich denken kann, nahm ich Mr. Farradays Vorschlag an diesem Nachmittag nicht ernst, da ich in ihm nur einen weiteren Beweis für die mangelnde Vertrautheit eines Amerikaners mit dem erblickte, was man in England gemeinhin zu tun pflegt und was nicht. Der Umstand, dass meine Einstellung zu ebendiesem Vorschlag im Verlauf der darauffolgenden Tage eine Änderung erfuhr, ja, dass die Vorstellung eines Ausflugs in die Westprovinzen in meinen Gedanken immer breiteren Raum einnahm, ist zweifellos – und warum sollte ich das verschweigen – wesentlich dem Eintreffen von Miss Kentons Brief zuzuschreiben, ihrem ersten seit fast sieben Jahren, wenn man die Weihnachtsgrüße nicht mitrechnet. Aber ich muss sofort verdeutlichen, was ich damit sagen will: Dass nämlich Miss Kentons Brief eine gewisse Kette von Überlegungen auslöste, die mit beruflichen Angelegenheiten hier in Darlington Hall zu tun hatten, und ich möchte betonen, dass es der Gedanke an diese beruflichen Angelegenheiten war, der mich dazu führte, den freundlich gemeinten Vorschlag meines Dienstherrn erneut zu bedenken. Aber das sollte ich vielleicht noch näher erläutern.

Es ist so, dass ich während der letzten Monate bei der Ausübung meiner Dienstpflichten für eine Reihe kleiner Versehen verantwortlich war. Diese Versehen waren ohne Ausnahme an sich äußerst trivial, doch ich glaube, man wird verstehen, dass diese Entwicklung für jemanden, der es nicht gewohnt ist, dass ihm solche Versehen unterlaufen, recht beunruhigend war, und so begann ich, hinsichtlich ihrer Ursache alle möglichen düsteren Erwägungen anzustellen. Wie das so oft in solchen Situationen geschieht, war ich für das Offensichtliche blind – das heißt, bis mir mein Nachsinnen über die eigentliche Bedeutung von Miss Kentons Brief die Augen öffnete: Die Wahrheit war, dass die kleinen Versehen der jüngsten Zeit einzig und allein auf einen mangelhaften Personalplan zurückzuführen waren.

Es ist natürlich Aufgabe jedes Butlers, beim Erstellen eines Personalplanes die größte Sorgfalt walten zu lassen. Wer wüsste zu sagen, wie viele Auseinandersetzungen, ungerechtfertigte Anschuldigungen, unnötige Entlassungen, wie viele jäh abgebrochene hoffnungsvolle Karrieren der Nachlässigkeit eines Butlers bei der Ausarbeitung des Personalplans zuzuschreiben sind? Ich darf sogar behaupten, mich im Einklang mit jenen zu befinden, die die Fähigkeit, einen guten Personalplan zu erstellen, für den Eckstein des Könnens eines achtbaren Butlers halten. Ich selbst habe im Laufe der Jahre viele Personalpläne erarbeitet, und man wird es mir nicht als Unbescheidenheit auslegen, wenn ich sage, dass nur sehr wenige davon einer Verbesserung bedurften. Wenn also im vorliegenden Fall der Personalplan zu beanstanden ist, trifft keinen anderen die Schuld als mich. Freilich ist es nur gerecht, darauf hinzuweisen, dass meine Aufgabe diesmal ungewöhnlich schwieriger Natur war.

Vorgefallen war Folgendes: Nachdem die Transaktionen abgeschlossen waren – Transaktionen, in deren Verlauf das seit zwei Jahrhunderten im Besitz der Familie Darlington befindliche Anwesen in andere Hände überführt wurde –, hatte Mr. Farraday wissen lassen, dass er nicht sogleich hier seinen Wohnsitz nehmen, sondern noch weitere vier Monate mit der Abwicklung von Geschäften in den Vereinigten Staaten zu tun haben werde. Inzwischen sei ihm jedoch sehr viel daran gelegen, dass das Dienstpersonal seines Vorgängers – über das er nur höchstes Lob gehört habe – weiter in Darlington Hall bleibe. Das Personal, auf das er sich bezog, war natürlich nur jener Rumpfstab von sechs Personen, welche die Verwandtschaft von Lord Darlington weiterbeschäftigt hatte, damit sie sich vor dem Beginn und während der Dauer jener Transaktionen um das Haus kümmerten; und ich muss zu meinem Bedauern berichten, dass ich nach Abschluss der Verkaufsverhandlungen wenig tun konnte, um Mr. Farradays Wunsch zu entsprechen, insofern sich alle bis auf Mrs. Clements andere Stellungen suchten. Als ich meinem neuen Dienstherrn schrieb, um ihm von dieser bedauerlichen Situation Mitteilung zu machen, erhielt ich aus Amerika die Anweisung, eine neue, »eines großen alten englischen Hauses würdige« Dienerschaft zu verpflichten. Ich bemühte mich sogleich, Mr. Farradays Wünschen zu entsprechen, aber bekanntlich ist es heutzutage keineswegs einfach, neues Personal mit einer zufriedenstellenden Qualifikation zu finden. Zwar war es mir möglich, auf Mrs. Clements’ Empfehlung Rosemary und Agnes einzustellen, weiter jedoch war ich noch nicht gediehen, als ich – während seines kurzen ersten Besuchs in unserem Land im Frühling des vergangenen Jahres – meine erste dienstliche Besprechung mit Mr. Farraday hatte. Bei dieser Gelegenheit – es war in dem eigenartig leer wirkenden Arbeitszimmer von Darlington Hall – schüttelte mir Mr. Farraday zum ersten Mal die Hand, aber wir waren einander natürlich nicht gänzlich unbekannt; abgesehen von der Personalfrage hatte mein neuer Dienstherr bei mehreren anderen Anlässen Gelegenheit gehabt, sich bestimmter Talente zu bedienen, die zu besitzen ich mich glücklich schätzen kann, und sie, so wage ich zu behaupten, für zuverlässig befunden. Aufgrund dessen fühlte er sich offenbar sofort in der Lage, in einer geschäftsmäßigen und vertrauensvollen Weise mit mir zu sprechen, und am Ende unserer Begegnung hatte er mir die Verfügung über eine nicht unbeträchtliche Geldsumme übertragen zur Deckung der Kosten, die eine ganze Reihe von Vorbereitungen für seine bevorstehende Wohnsitznahme verursachen würde. Es war – und darauf wollte ich hinaus – während dieses Gesprächs, dass ich die Rede auf die Probleme bei der Einstellung geeigneter Kräfte in unseren heutigen Zeiten brachte, worauf Mr. Farraday nach kurzem Nachdenken folgende Bitte an mich richtete: Ich solle nach bestem Ermessen einen Personalplan ausarbeiten – »eine Art Dienstbotenturnus«, wie er es ausdrückte –, der es ermöglichte, das Haus mit den derzeitigen vier Angestellten zu führen, das heißt mit Mrs. Clements, den beiden Mädchen und mir. Das könne bedeuten, meinte er, dass einige Teile des Hauses »eingemottet« werden müssten, er hoffe aber, fuhr er fort, meiner Erfahrung und meinem Geschick werde es gelingen, solche Einschränkungen auf ein Minimum zu reduzieren. Ich erinnerte mich daran, einmal siebzehn Angestellte unter mir gehabt zu haben, und ich wusste, dass hier in Darlington Hall noch vor gar nicht so sehr langer Zeit achtundzwanzig Dienstboten beschäftigt gewesen waren, sodass die Vorstellung, einen Personalplan zu entwerfen, demzufolge das gleiche Haus mit nur vier Angestellten geführt werden sollte, gelinde gesagt, entmutigend schien. Obzwar ich alles tat, um mir nichts anmerken zu lassen, muss etwas von meiner Skepsis doch zu spüren gewesen sein, denn Mr. Farraday fügte wie zur Beruhigung hinzu, sollte es sich als nötig erweisen, könne eine weitere Person eingestellt werden. Aber er wäre mir sehr verbunden, wiederholte er, wenn ich es »mit vier Leuten mal probieren« könnte.

Nun habe ich, wie viele von uns, eine natürliche Abneigung gegen allzu eingreifende Veränderungen. Kein Verdienst liegt indes darin, sich, wie manche dies tun, an die Tradition um ihrer selbst willen zu klammern. Im Zeitalter der Elektrizität und der modernen Heizungssysteme ist es nicht mehr erforderlich, so viel Personal in Dienst zu haben, wie es noch vor einer Generation vonnöten war. Mehr noch, ich frage mich sogar seit einiger Zeit, ob die Beibehaltung überflüssigen Personals lediglich um der Tradition willen – mit dem Ergebnis, dass Dienstboten unzuträglich viel freie Zeit zur Verfügung haben – bei dem raschen Absinken des beruflichen Niveaus nicht eine entscheidende Rolle spielt. Zudem hatte Mr. Farraday deutlich zu verstehen gegeben, dass er nur sehr selten so große Gesellschaften zu geben gedachte, wie Darlington Hall sie früher so häufig gesehen hatte. Ich machte mich also mit einigem Engagement an die Aufgabe, die Mr. Farraday mir gestellt hatte; ich verbrachte viele Stunden über der Arbeit an dem Personalplan und dachte wenigstens noch einmal so viele Stunden darüber nach, während ich meinen anderen Pflichten nachging oder noch wach lag, nachdem ich mich abends zurückgezogen hatte. Wann immer ich glaubte, einen guten Einfall gehabt zu haben, überprüfte ich ihn auf Fehler und beleuchtete ihn kritisch von allen Seiten. Schließlich brachte ich einen Plan zustande, der, wenn auch vielleicht nicht ganz das, was Mr. Farraday verlangt hatte, doch, den sicheren Eindruck hatte ich, der menschenmöglich beste war. Fast alle wichtigen Teile des Hauses konnten in Funktion bleiben: Die ausgedehnten Dienstbotenunterkünfte – einschließlich des hinteren Flurs, der zwei Vorratsräume und der alten Waschküche – und der Gästeflur oben im zweiten Stock würden außer Betrieb genommen werden, während alle Haupträume im Erdgeschoss und eine großzügige Anzahl von Gästezimmern geöffnet blieben. Freilich würden wir vier dieses Programm nur mit Unterstützung tageweiser Aushilfen bewältigen; mein Personalplan sah daher die Hinzuziehung eines Gärtners vor, der einmal in der Woche kam, im Sommer zweimal, und zweier Reinemachefrauen, die sich beide zweimal die Woche einzufinden hatten. Der Personalplan würde außerdem für uns vier Festangestellte eine radikale Umstellung in den gewohnten Pflichten bringen. Die beiden Mädchen würden sich aller Voraussicht nach ohne große Mühe den veränderten Umständen anpassen, aber ich tat alles, um sicherzustellen, dass Mrs. Clements möglichst wenig von den Umstellungen betroffen war, und ging dabei so weit, selbst eine Anzahl von Pflichten zu übernehmen, die schwerlich zum eigentlichen Aufgabenbereich eines Butlers gehören.

Selbst jetzt würde ich nicht so weit gehen, von einem schlechten Personalplan zu sprechen, denn schließlich setzt er einen Stab von vier Personen in den Stand, ein erstaunlich weites Feld abzudecken. Aber zweifellos wird mir jeder bestätigen, dass die allerbesten Personalpläne diejenigen sind, die einen gewissen Spielraum enthalten für solche Tage, an denen ein Bediensteter erkrankt oder aus dem einen oder anderen Grund nicht ganz auf der Höhe ist. Was diesen speziellen Fall betraf, war mir natürlich eine außergewöhnliche Aufgabe gestellt, aber ich hatte es dennoch nicht versäumt, Spielräume vorzusehen, wo immer dies möglich war. Ich war mir insbesondere bewusst, dass ein eventueller Widerstand seitens Mrs. Clements’ oder der zwei Mädchen gegen die Übernahme von Aufgaben außerhalb ihres bisherigen Pflichtenkreises sich noch verstärken würde, sollten sie den Eindruck haben, dass ihr Arbeitspensum merklich zugenommen hatte. Ich hatte deshalb während der Tage, in denen ich um die Erstellung des Personalplans rang, ein beträchtliches Maß an Überlegung darauf verwandt, sicherzustellen, dass Mrs. Clements und die Mädchen, wenn sie erst ihre Abneigung gegen die Übernahme dieser »eklektischeren« Rollen überwunden hatten, die neue Aufteilung der Pflichten stimulierend und keineswegs belastend finden würden.

Ich fürchte jedoch, dass ich in dem Bemühen, mich der Unterstützung Mrs. Clements’ und der Mädchen zu versichern, vielleicht mit nicht ganz der gleichen Strenge meine eigenen Grenzen eingeschätzt habe, und obwohl meine Erfahrung und übliche Vorsicht verhinderten, dass ich mir an Arbeit mehr zuteilte, als ich tatsächlich bewältigen konnte, habe ich vielleicht in meinem Fall nicht an den erforderlichen Spielraum gedacht. Es kann deshalb nicht überraschen, dass diese Unterlassung sich – wenn auch über mehrere Monate hinweg – in solchen kleinen, aber aufschlussreichen Fehlern und Versehen manifestiert. Ich glaube, dass sich die Angelegenheit letztlich auf einen einfachen Nenner bringen lässt: Ich hatte mir selbst zu viel zugemutet.

Man mag sich darüber wundern, dass ein solch offenkundiger Mangel eines Personalplans so lange meiner Aufmerksamkeit hatte entgehen können, doch man wird zugeben müssen, dass dergleichen häufig geschieht bei Angelegenheiten, die man über einen längeren Zeitraum hinweg ständig bedacht hat; man erkennt den wahren Tatbestand erst, wenn man durch ein äußeres Ereignis zufällig darauf gestoßen wird. So war es auch in diesem Fall: Das Eintreffen des Briefes von Miss Kenton nämlich, in dem sich trotz langer, eher nichtssagender Passagen eine unverkennbare Sehnsucht nach Darlington Hall ausdrückte und – dessen bin ich ganz sicher – aus dem andeutungsweise das Verlangen sprach, hierher zurückzukehren, zwang mich dazu, meinen Personalplan mit neuen Augen zu sehen. Erst da ging mir auf, dass es in der Tat einen wichtigen Aufgabenbereich für ein weiteres Mitglied der Dienerschaft gab, ja, dass diese nicht besetzte Position mit meinen jüngsten Schwierigkeiten in unmittelbarem Zusammenhang stand. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass Miss Kenton mit ihrer großen Liebe zu diesem Haus und ihrer beispielhaften fachlichen Qualifikation – von der Art, wie man sie heute kaum noch findet – genau der Faktor war, der mich in die Lage versetzen würde, einen befriedigenden Personalplan für Darlington Hall zu erstellen.

Nachdem ich die Situation in dieser Weise analysiert hatte, dauerte es nicht lange, bis ich wieder über den freundlichen Vorschlag nachdachte, den mir Mr. Farraday einige Tage zuvor gemacht hatte. Denn mir war bewusst geworden, dass sich die in Aussicht genommene Reise mit dem Auto auf praktische Weise mit dienstlichen Angelegenheiten verknüpfen ließ, insofern ich auf meiner Fahrt Miss Kenton besuchen und so persönlich in Erfahrung bringen konnte, ob sie wirklich den Wunsch hatte, wieder in Darlington Hall tätig zu sein. Ich sollte hervorheben, dass ich Miss Kentons letzten Brief mehrmals gelesen habe, und es ist ganz unmöglich, dass ich mir das Vorhandensein solcher Andeutungen ihrerseits nur einbilde.

Dennoch konnte ich es einige Tage lang nicht über mich bringen, Mr. Farraday gegenüber auf die Angelegenheit zurückzukommen. Es gab verschiedene Aspekte, über die ich glaubte, mir Klarheit verschaffen zu müssen, ehe ich weitere Schritte unternahm. Da war zum Beispiel die Frage der Kosten. Denn selbst unter Berücksichtigung des freundlichen Angebots meines Dienstherrn, für das Benzin »aufzukommen«, mochten die Kosten einer solchen Reise noch immer eine erstaunliche Höhe erreichen, wenn man solche Dinge wie Unterkunft und Mahlzeiten sowie etwaige kleine Erfrischungen in Betracht zog, die ich unterwegs zu mir nehmen würde. Dann war da die Frage des angemessenen Anzugs für eine solche Reise und ob es sich lohnte, Geld in eine neue Garnitur Kleider zu investieren. Ich bin im Besitz einer ganzen Reihe sehr schöner Anzüge, die mir im Laufe der Jahre freundlicherweise überlassen wurden von Lord Darlington selbst und von verschiedenen Gästen dieses Hauses, die Grund hatten, mit dem Standard der Bedienung hier zufrieden zu sein. Viele dieser Anzüge sind vielleicht zu elegant für die Zwecke der in Aussicht genommenen Reise oder aber heutzutage zu sehr aus der Mode. Aber da ist ein Anzug, den mir Sir Edward Blair 1931 oder 1932 überließ – damals praktisch neu und fast perfekt im Sitz –, der sich für die Abende im Gesellschaftsraum oder Speisesaal der Gasthöfe eignen könnte, in denen ich jeweils absteigen würde. Was mir jedoch fehlt, das sind passende Reisekleider – das heißt Kleider, in denen ich mich am Steuer eines Wagens sehen lassen könnte –, wenn ich nicht jenen Anzug nehme, den mir Lord Chalmers während des Krieges vermachte und der mir zwar zu klein ist, im Farbton aber als ideal gelten kann. Ich rechnete schließlich aus, dass meine Ersparnisse alle entstehenden Kosten decken und darüber hinaus für den Kauf neuer Kleider ausreichen würden. Ich hoffe, man hält mich, was letzteren Punkt betrifft, nicht für ungebührlich eitel; es ist indes nicht möglich vorherzusehen, wann eine Situation entsteht, in der man zu erkennen geben sollte, dass man von Darlington Hall kommt, und es ist wichtig, in solchen Augenblicken seiner Position entsprechend gekleidet zu sein.

Während dieser Zeit versäumte ich auch nicht, sorgfältig die Straßenkarte und die entsprechenden Bände des Werkes von Mrs. Jane Symons über die Schönheiten Englands zu studieren. Wer mit Mrs. Symons’ Büchern – es sind sieben Bände, die sich mit den einzelnen Regionen der Britischen Inseln befassen – nicht vertraut ist, dem möchte ich sie wärmstens empfehlen. Sie wurden während der Dreißigerjahre geschrieben, aber vieles darin dürfte auch heute noch gültig sein – ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, dass deutsche Bomben die Landschaft derart merklich verändert haben sollten. Mrs. Symons war übrigens vor dem Krieg häufig zu Gast in diesem Haus; sie zählte sogar, was das Personal betraf, zu den beliebtesten Gästen, wegen der dankbaren Anerkennung des guten Service, die zu zeigen sie sich nie scheute. In jenen Tagen hatte ich, angeregt durch meine natürliche Bewunderung für die Dame, zum ersten Mal in ihren Bänden in der Bibliothek geblättert, wann immer ich eine freie Minute hatte. Ja, ich erinnere mich, dass ich, kurz nach Miss Kentons Abreise nach Cornwall im Jahre 1936 – ich selbst war noch nie in diesem Teil Englands gewesen –, oft Band III von Mrs. Symons’ Werk aufschlug, den Band, der dem Leser die Schönheiten Devons und Cornwalls vorstellt, illustriert durch Photos und – was für meine Begriffe noch reizvoller war – durch eine Vielzahl künstlerischer Skizzen von dieser Region. Auf diese Weise hatte ich mir eine gewisse Vorstellung von der Gegend machen können, in die Miss Kenton ihrer Ehe wegen gezogen war. Doch das war, wie gesagt, in den Dreißigerjahren, als Mrs. Symons’ Werke, soviel mir bekannt ist, landauf, landab in allen Haushalten bewundert wurden. Ich hatte die Bücher seit vielen Jahren nicht mehr in der Hand gehabt, bis die jüngsten Ereignisse mich nun dazu brachten, den Band über Devon und Cornwall abermals aus dem Regal zu ziehen. Ich vertiefte mich erneut in die wunderbaren Beschreibungen und Illustrationen, und man begreift vielleicht meine wachsende Erregung bei dem Gedanken, dass ich jetzt womöglich selbst mit dem Kraftfahrzeug eine Reise durch eben diese Gegenden unternehmen würde.

Zum Schluss blieb mir kaum etwas anderes übrig, als die Sache Mr. Farraday gegenüber noch einmal zur Sprache zu bringen. Es bestand natürlich die Möglichkeit, dass die Idee, die er zwei Wochen zuvor gehabt hatte, nur eine Laune des Augenblicks gewesen war und er inzwischen nichts mehr davon hielt. Doch nach den Eindrücken, die ich während der letzten Monate von Mr. Farraday gewonnen hatte, ist er keiner jener Gentlemen, die zu Inkonsequenz neigen, jenem Charakterzug, der bei Dienstherren besonders unangenehm auffällt. Es bestand kein Grund zu der Annahme, er werde meinem in Aussicht genommenen Ausflug mit dem Auto nicht genauso positiv gegenüberstehen wie zuvor – oder sein Angebot, für das Benzin »aufzukommen«, nicht wiederholen. Dennoch überlegte ich sorgsam, welches die günstigste Gelegenheit sein könnte, um auf die Angelegenheit zu sprechen zu kommen, denn würde ich auch, wie schon gesagt, Mr. Farraday keinen Augenblick lang der Inkonsequenz verdächtigen, so schien es immerhin sinnvoll, das Thema nicht zu erwähnen, wenn andere Dinge ihn beschäftigten oder ablenkten. Eine Ablehnung unter solchen Umständen mochte nicht die wahre Einstellung meines Dienstherrn zu der Angelegenheit widerspiegeln, aber ich konnte diese nicht noch einmal vorbringen, war mir erst eine Zurückweisung zuteilgeworden. Ich war mir darüber im Klaren, dass ich den richtigen Moment abwarten musste.

Ich kam zu dem Schluss, dass der günstigste Moment des Tages der war, wenn ich im Salon den Nachmittagstee servierte. Mr. Farraday ist dann gewöhnlich gerade von einem kurzen Spaziergang zurück, sodass er selten intensiv mit seiner Lektüre oder Korrespondenz beschäftigt ist wie zumeist am Abend. Ja, wenn ich den Nachmittagstee bringe, scheint Mr. Farraday sogar geneigt, ein Buch, in dem er gerade gelesen hat, oder eine Zeitung aus der Hand zu legen, sich zu erheben und vor den Fenstern die Arme zu recken, wie in Erwartung eines Gesprächs mit mir.

Ich glaube, meine Einschätzung, was den richtigen Zeitpunkt betraf, war durchaus vernünftig; dass es dann doch ein wenig anders kam als erwartet, geht einzig und allein auf eine Fehleinschätzung ganz anderer Art zurück. Ich maß nämlich dem Umstand nicht genügend Bedeutung bei, dass Mr. Farraday zu dieser Tageszeit eine Konversation der leichten, humorvollen Art bevorzugt. Da ich von einer solchen Stimmung bei Mr. Farraday hätte ausgehen müssen, als ich ihm gestern Nachmittag den Tee brachte, und da ich mir seiner Neigung bewusst war, mir gegenüber in solchen Augenblicken eher einen scherzenden Ton anzuschlagen, wäre es gewiss klüger gewesen, Miss Kenton überhaupt nicht zu erwähnen. Aber man wird vielleicht, da ich etwas zur Sprache brachte, was schließlich eine großzügige Gefälligkeit meines Dienstherrn war, von meiner Seite den Wunsch verstehen, dabei durchblicken zu lassen, dass es für mein Anliegen auch ein achtbares berufliches Motiv gab. So kam es, dass ich es nicht bei der Nennung einiger der von Mrs. Symons in ihrem Buch geschilderten Sehenswürdigkeiten beließ, als ich begründete, weshalb ich für meine Autoreise die westlichen Gegenden vorzog, sondern den Fehler beging, zu erwähnen, dass eine frühere Haushälterin von Darlington Hall in dieser Gegend wohnhaft sei. Eigentlich hatte ich wohl beabsichtigt, Mr. Farraday darzulegen, dass ich auf diese Weise eine Möglichkeit würde erkunden können, die sich als die ideale Lösung unserer derzeitigen kleinen Probleme hier im Haus erweisen mochte. Erst nachdem ich Miss Kenton schon erwähnt hatte, wurde mir bewusst, wie völlig unangemessen es gewesen wäre, weiterzusprechen. Ich war mir nicht nur Miss Kentons Wunsch nicht sicher, sich dem Dienstbotenstab hier anzuschließen, sondern ich hatte natürlich auch seit jener ersten Begegnung mit Mr. Farraday vor über einem Jahr die Frage zusätzlichen Personals nicht mehr angesprochen. Weiter laut meine Vorstellungen von der Zukunft Darlington Halls zu äußern wäre, gelinde gesagt, anmaßend gewesen. Ich vermute also, dass ich recht unvermittelt innehielt und ein wenig verlegen aussah. Auf jeden Fall benutzte Mr. Farraday die Gelegenheit, um ein verschmitztes Lächeln aufzusetzen und mit einiger Bedächtigkeit zu sagen:

»Sieh da, Stevens – eine Freundin. Und das in Ihrem Alter.«

Dies war eine höchst peinliche Situation, eine, in die Lord Darlington einen Bedienten nie gebracht hätte. Doch damit will ich nichts Abschätziges über Mr. Farraday angedeutet haben; er ist schließlich Amerikaner, und seine Art ist oft sehr anders. Er wollte mich keinesfalls verletzen, das steht außer Frage, aber man wird leicht ermessen können, wie unangenehm die Situation für mich war.

»Ich hätte Sie nie für einen solchen Frauenhelden gehalten, Stevens«, fuhr er fort. »Das hält wohl jung, nehme ich an. Aber – nein, ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen zu einem so zweideutigen Rendezvous Hilfestellung leisten soll.«

Natürlich fühlte ich mich versucht, Motivationen von der Art, wie mein Dienstherr sie mir zuschrieb, sofort und energisch abzustreiten, aber ich erkannte noch rechtzeitig, dass ich damit auf Mr. Farradays Köder angebissen hätte und die Situation nur noch peinlicher geworden wäre. Ich blieb deshalb weiter verlegen stehen und wartete darauf, dass er mir die Erlaubnis erteilte, die Fahrt zu unternehmen.

So peinlich diese Momente für mich waren, möchte ich doch nicht den Eindruck erwecken, als machte ich in irgendeiner Weise Mr. Farraday einen Vorwurf. Er ist keinesfalls ein unfreundlicher Mensch; er fand gewiss lediglich Gefallen an jenem scherzenden Ton, der in den Vereinigten Staaten ohne Zweifel Zeichen eines guten, freundlichen Verhältnisses zwischen Dienstherrn und Bedienstetem ist und der dort etwas Sportliches hat. Ich sollte sogar, um alles in die rechte Perspektive zu rücken, betonen, dass gerade ein solch scherzender Ton seitens meines Dienstherrn kennzeichnend für unser Verhältnis während all dieser Monate war – obschon ich gestehen muss, dass ich weiterhin recht unsicher bin in der Frage, inwieweit ich auf diesen Ton eingehen soll. In der Tat habe ich mich zu Beginn meiner Dienstzeit unter Mr. Farraday ein paarmal sehr verwundert über Dinge, die er zu mir sagte. Zum Beispiel hatte ich einmal Anlass, ihn zu fragen, ob ein Herr, der zu Gast erwartet wurde, wohl in Begleitung seiner Gattin kommen würde.

»Gott steh uns bei, falls sie mitkommt«, erwiderte Mr. Farraday. »Vielleicht könnten Sie sie uns vom Leib halten, Stevens. Sie könnten doch mit ihr in einen dieser Ställe auf Mr. Morgans Farm gehen. Beschäftigen Sie sie irgendwie in all dem Heu. Sie ist vielleicht Ihr Typ.«

Einen Augenblick lang begriff ich nicht recht, was mein Dienstherr meinte. Dann wurde mir bewusst, dass er irgendeine Art von Scherz machte, und ich bemühte mich, angemessen zu lächeln, obschon ich vermute, dass eine Spur meines Erstaunens, um nicht zu sagen Schreckens, meinem Gesichtsausdruck noch anzumerken war.

Im Laufe der nächsten Tage indes gewöhnte ich mich daran, mich nicht mehr über solche Bemerkungen meines Dienstherrn zu wundern, und lächelte jedes Mal in der korrekten Weise, wenn ich aus seiner Stimme den scherzenden Ton heraushörte. Dennoch war ich nie ganz sicher, was in solchen Situationen von mir erwartet wurde. Vielleicht hätte ich herzlich lachen sollen – oder gar mit einer entsprechenden eigenen Bemerkung reagieren. Diese letztere Möglichkeit beschäftigt meine Gedanken inzwischen seit Monaten, und ich bin, was diese Frage betrifft, noch immer unschlüssig. Denn es kann sehr wohl sein, dass es in Amerika zu den Kennzeichen einer guten, professionellen Diensttätigkeit gehört, seitens des Bediensteten mit scherzhaften Bemerkungen aufzuwarten. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang daran, dass Mr. Simpson, der Wirt des Gasthofs Ploughman’s Arms, einmal sagte, wenn er ein amerikanischer Barkeeper wäre, würde er nicht in dieser seiner freundlichen, aber unbedingt höflichen Art mit uns plaudern, sondern uns Bemerkungen über unsere Fehler und Laster an den Kopf werfen, uns Säufer und noch ganz anders nennen, um auf diese Weise der Rolle gerecht zu werden, die seine Gäste dort von ihm erwarten würden. Und ich entsinne mich, dass Mr. Rayne, der als Kammerdiener von Sir Reginald Mauvis nach Amerika reiste, vor einigen Jahren bemerkte, dass ein Taxifahrer in New York seinen Fahrgast grundsätzlich in einer Art anredete, die in London zu einem Eklat führen würde, wenn nicht gar dazu, dass man den Burschen zum nächsten Polizeirevier brächte.

Es ist also durchaus möglich, dass mein Dienstherr eine Erwiderung in gleicher Weise erwartet, wenn er in scherzendem, neckendem Ton mit mir spricht, und die Tatsache, dass ich mich nicht so verhalte, als eine Form von Nachlässigkeit einstuft. Dies ist, wie gesagt, ein Umstand, der mir einige Sorge bereitet. Aber ich muss gestehen, dass dieser scherzhafte Umgangston zu den Pflichten gehört, deren ich mich niemals mit Begeisterung entledigen könnte. Es ist recht schön und gut, seine Arbeit in diesen sich wandelnden Zeiten der Entwicklung anzupassen und Aufgaben in die Tätigkeit zu integrieren, die traditionsgemäß nicht Bestandteil derselben sind, aber dieser scherzende Ton ist eine Sache für sich. Denn wie könnte man je ganz sicher sein, ob in einer bestimmten Situation eine Erwiderung von der scherzhaften Art wirklich das ist, was erwartet wird? Man braucht kaum näher auf die katastrophale Möglichkeit einzugehen, dass man eine scherzende Bemerkung macht, die, wie man dann feststellt, völlig unangebracht ist.

Einmal, vor noch gar nicht langer Zeit, fand ich jedoch den Mut, eine Erwiderung der wohl gewünschten Art zu versuchen. Ich servierte Mr. Farraday gerade im Frühstückszimmer den Morgenkaffee, als er zu mir sagte:

»Das waren doch wohl nicht Sie, Stevens, der heute Morgen dieses krähende Geräusch gemacht hat?«

Mein Dienstherr bezog sich, wie mir klar wurde, damit auf zwei Zigeuner, die Alteisen sammelten und die ein wenig früher am Morgen unter Ausstoßen ihrer üblichen Rufe vorübergekommen waren. Zufällig hatte ich mir an ebendiesem Morgen über das Dilemma Gedanken gemacht, ob ich nun auf eine scherzhafte Bemerkung meines Dienstherrn in gleichem Ton antworten sollte oder nicht, und mich hatte ernsthaft die Vorstellung bekümmert, er könnte mein wiederholtes Versagen, auf solche Bemerkungen entsprechend einzugehen, ungünstig aufnehmen. Ich versuchte mir deshalb eine geistreiche Antwort auszudenken, irgendeine Erwiderung, die sich auch dann noch im Rahmen des Harmlosen bewegen würde, sollte ich die Situation falsch eingeschätzt haben. Nach ein, zwei Augenblicken sagte ich:

»Eher Schwalben als Hähne, würde ich meinen, Sir. Unter dem Aspekt ihres Zugvogeldaseins betrachtet.« Und ich ließ diesen Worten ein angemessen zurückhaltendes Lächeln folgen, um unzweideutig zu verstehen zu geben, dass ich einen Scherz gemacht hatte, da ich nicht wünschte, dass Mr. Farraday aus unangebrachter Höflichkeit irgendwelchem spontanen Ergötzen Schranken setzte.

Mr. Farraday indes blickte mich nur an und sagte: »Wie bitte, Stevens?«

Erst da ging mir auf, dass mein Scherz von jemandem, der nicht wusste, dass die Vorüberziehenden Zigeuner gewesen waren, schwerlich als solcher erkannt werden konnte. Mir war nun nicht recht klar, ob ich in diesem scherzenden Ton fortfahren sollte; ich entschied, dass es wohl das beste sei, der Sache ein Ende zu machen, und so tat ich, als sei mir plötzlich etwas eingefallen, das ich dringend erledigen müsste, entschuldigte mich und ließ meinen Dienstherrn in etwas verwirrter Verfassung zurück.

Dies war also ein höchst entmutigender Ansatz, eine ganz neuartige Pflicht, die auf mich zuzukommen scheint, zu erfüllen; so entmutigend, dass ich zugeben muss, keine weiteren Versuche in dieser Richtung unternommen zu haben. Doch gleichzeitig kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Mr. Farraday mit meiner Reaktion auf seine diversen scherzhaften Äußerungen nicht zufrieden ist. Eine wachsende Beharrlichkeit in der letzten Zeit mag sogar seine besondere Art sein, mich noch nachdrücklicher zu Antworten in gleicher Geisteshaltung zu bewegen. Aber wie dem auch sei, seit jener ersten scherzhaften Bemerkung im Zusammenhang mit den Zigeunern sah ich mich nicht mehr in der Lage, mir schnell genug andere Bemerkungen dieser Art einfallen zu lassen.

Mit Schwierigkeiten wie diesen ist man heutzutage um so mehr beschäftigt, als man nicht die Möglichkeit hat, über seine Ansichten mit Kollegen vom Fach zu reden, wie man dies früher zu tun pflegte. Wenn sich vor noch nicht so sehr langer Zeit solche Unklarheiten hinsichtlich der Dienstpflichten ergaben, hatte man die beruhigende Gewissheit, dass irgendwann demnächst ein seinen Dienstherrn begleitender Berufskollege, dessen Ansichten man schätzte, im Haus eintreffen und dann genügend Gelegenheit sein würde, die Angelegenheit zu besprechen. Und natürlich war es zu Lord Darlingtons Zeit, als die Herrschaften oft etliche Tage zu Besuch weilten, ganz leicht möglich, zu durchreisenden Kollegen ein gutes, von gegenseitigem Verständnis geprägtes Verhältnis zu entwickeln. In jenen geschäftigen Tagen kamen in unserem Dienstbotentrakt oft einige der hervorragendsten Fachkollegen ganz Englands zusammen und redeten beim warmen Feuer bis tief in die Nacht hinein. Und wer an einem dieser Abende in unser Zimmer gekommen wäre, der hätte, das kann ich versichern, nicht bloßen Klatsch zu hören bekommen; eher wäre er Zeuge von Debatten über die bedeutenden Angelegenheiten geworden, die unsere Herrschaft oben beschäftigten, oder über wichtige Ereignisse, von denen die Zeitungen berichteten; und natürlich konnte man uns, wie dies so üblich ist, wenn Kollegen mit ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen zusammenkommen, dabei antreffen, wie wir jeden denkbaren Aspekt unseres Berufs erörterten. Manchmal gab es natürlich große Meinungsverschiedenheiten, doch meistens war die Atmosphäre geprägt von einem Gefühl gegenseitigen Respekts. Vielleicht vermittle ich eine bessere Vorstellung von diesen Abenden, wenn ich sage, dass zu den regelmäßigen Gästen Persönlichkeiten wie Mr. Harry Graham, Kammerdiener und Butler von Sir James Chambers, und Mr. John Ronalds, Kammerdiener von Mr. Sidney Rickenson, zählten. Und es gab andere, weniger herausragende vielleicht, deren lebhafte Teilnahme aber doch jeden Besuch denkwürdig machte, zum Beispiel Mr. Wilkinson, Kammerdiener und Butler von Mr. John Campbell, mit seinem bekannten Repertoire von Imitationen prominenter Personen; Mr. Davidson von Easterly House, dessen leidenschaftliche Art zu debattieren einen Außenstehenden bisweilen so bestürzen konnte, wie seine schlichte Freundlichkeit zu anderen Zeiten gewinnend wirkte; Mr. Herman, Kammerdiener von Mr. John Henry Peters, dessen extreme Ansichten niemand widerspruchslos hinnehmen, dem man wegen seines volltönenden Lachens und des seiner Heimat Yorkshire eigenen Charmes aber nicht ernstlich böse sein konnte. Und so könnte ich fortfahren. In jenen Tagen herrschte in unserem Berufsstand eine echte Kameradschaft, wenn es auch kleine Unterschiede in unserer Arbeitsauffassung geben mochte. Wir waren sozusagen alle mehr oder weniger aus dem gleichen Holz geschnitzt. Anders als heute, da nur bei seltenen Gelegenheiten ein Gast von seinem Diener begleitet wird und dieser wahrscheinlich irgendein Neuling ist, der außer über Fußball kaum etwas zu sagen weiß und es vorzieht, den Abend statt am Kamin des Dienstbotenzimmers beim Ale im Gasthof Ploughman’s Arms zu verbringen – oder gar, wie dies neuerdings immer häufiger der Fall zu sein scheint, im Star Inn.

Ich erwähnte soeben Mr. Graham, den Kammerdiener und Butler von Sir James Chambers. Vor etwa zwei Monaten erfuhr ich zu meiner großen Freude, dass Sir James demnächst zu Besuch nach Darlington Hall kommen würde. Ich freute mich auf diesen Besuch, nicht nur weil Gäste aus Lord Darlingtons Zeit jetzt sehr selten sind – Mr. Farradays Bekanntenkreis ist natürlich ein ganz anderer als der seiner Lordschaft –, sondern auch weil ich annahm, Mr. Graham werde Sir James wie früher begleiten, sodass ich Gelegenheit haben würde, seine Meinung zum Problem des Scherzens zu hören. Ich war deshalb sowohl überrascht wie enttäuscht, als ich am Tag vor dem Besuch hörte, dass Sir James allein kommen werde. Außerdem brachte ich während seines Aufenthalts in Erfahrung, dass Mr. Graham nicht mehr in Sir James’ Diensten stand, ja, dass Sir James überhaupt kein ständiges Personal mehr beschäftigte. Ich hätte gern herausgefunden, was aus Mr. Graham geworden war, denn wenn wir uns auch nicht sehr gut gekannt hatten, so würde ich doch sagen, dass wir bei unseren Begegnungen gut miteinander ausgekommen waren. Aber leider ergab sich keine Gelegenheit, bei der ich mich nach seinem Schicksal hätte erkundigen können. Ich muss sagen, ich war sehr enttäuscht, denn ich hätte gern das Problem des Scherzens mit ihm besprochen.

Aber ich muss den Faden wieder aufnehmen. Ich sah mich also, wie ich schon sagte, gezwungen, gestern Nachmittag einige unbehagliche Minuten lang verlegen im Salon zu stehen, während Mr. Farraday sich weiter seines scherzenden Tons befleißigte. Ich reagierte darauf wie üblich, indem ich leicht lächelte – genügend zumindest, um zu erkennen zu geben, dass ich in gewisser Weise an der guten Laune teilhatte, die er an den Tag legte –, und wartete, ob die die Autotour betreffende Erlaubnis meines Dienstherrn erfolgen würde. Wie erwartet gab er sie mir nach nicht allzu langem Abwarten und war zudem so freundlich, sich seines Angebots, für das Benzin »aufzukommen«, zu erinnern und es zu wiederholen.

Es scheint also keinen Grund mehr zu geben, die Fahrt nach Cornwall nicht anzutreten. Ich muss natürlich Miss Kenton noch schreiben und ihr mitteilen, dass ich vielleicht vorbeikommen werde; ich werde mich auch noch um die Angelegenheit der Kleidung zu kümmern haben. Verschiedene andere Fragen, den Fortgang der Dinge hier im Haus während meiner Abwesenheit betreffend, bedürfen noch der Klärung. Alles in allem aber sehe ich keinen wirklichen Grund mehr, weshalb ich diese Reise nicht antreten sollte.

ERSTER TAG – ABEND

Salisbury

Ich befinde mich heute Abend in einer Pension hier in der Stadt Salisbury. Mein erster Reisetag ist nun zu Ende, und ich bin, das muss ich sagen, alles in allem recht zufrieden. Die Fahrt begann heute Morgen fast eine Stunde später als geplant, obwohl ich schon geraume Zeit vor acht Uhr meine Sachen gepackt und den Ford mit allem Nötigen beladen hatte. Da auch Mrs. Clements und die Mädchen während dieser Woche abwesend sein werden, war ich mir wohl sehr deutlich der Tatsache bewusst, dass Darlington Hall nach meiner Abfahrt wahrscheinlich zum ersten Mal in diesem Jahrhundert – vielleicht sogar seit seiner Erbauung – leer stehen würde. Es war ein eigenartiges Gefühl und erklärt vielleicht, weshalb ich die Abfahrt so lange hinauszögerte, indem ich viele Male durch das Haus ging, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Es ist schwer zu schildern, was ich empfand, nachdem ich endlich abgefahren war. Ich kann nicht sagen, dass ich während der ersten zwanzig Minuten von irgendeiner Erregung oder Vorfreude erfüllt gewesen wäre. Dies hing zweifellos mit dem Umstand zusammen, dass ich mich, obschon ich das Haus immer weiter hinter mir ließ, doch nach wie vor in einer Umgebung befand, die ich wenigstens flüchtig kannte. Nun hatte ich stets angenommen, ich sei, in der Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt durch meine Pflichten im Haus, nur sehr wenig gereist, aber natürlich unternimmt man mit der Zeit aus dem einen oder anderen beruflichen Grund verschiedene Ausflüge, und offenbar waren mir die benachbarten Bezirke vertrauter geworden, als mir bewusst gewesen war. Denn wie ich schon sagte, stellte ich, während ich im Sonnenschein auf die Grenze von Berkshire zufuhr, immer wieder überrascht fest, dass ich die Gegend recht gut kannte.

Doch schließlich befand ich mich in einer mir fremden Umgebung und wusste, dass ich über alle früheren Grenzen hinausgelangt war. Ich habe Leute den Augenblick beschreiben hören, wenn man bei der Ausfahrt eines Schiffes schließlich das Land unter dem Horizont versinken sieht. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Gefühl von Unbehagen, vermischt mit einer hochgemuten Stimmung, das oft im Zusammenhang mit diesem Moment geschildert wird, dem sehr ähnlich war, was ich in dem Ford empfand, als mir die Umgebung fremd wurde. Dies geschah kurz nach einer Abzweigung, als ich mich plötzlich auf einer Straße befand, die in Kurven an einem Hang entlangführte. Ich ahnte den steilen Abfall zu meiner Linken, konnte ihn aber nicht sehen, weil Bäume und dichtes Laubwerk die Straße säumten. Mich durchflutete das Bewusstsein, Darlington Hall wahrhaftig hinter mir gelassen zu haben, und ich muss gestehen, dass mich eine leise Unruhe befiel – ein Eindruck, der noch verstärkt wurde durch das Gefühl, dass ich mich vielleicht überhaupt nicht auf der richtigen Straße befand, sondern in einer völlig falschen Richtung in eine Wildnis hineinraste. Es war nur das Gefühl eines Augenblicks, aber als Folge davon fuhr ich langsamer. Und selbst als ich mich vergewissert hatte, dass dies die richtige Straße war, fühlte ich mich gezwungen, den Wagen einen Moment anzuhalten, gewissermaßen um eine Bestandsaufnahme zu machen.

Ich beschloss, auszusteigen und mir ein wenig die Beine zu vertreten, und als ich das tat, verstärkte sich noch der Eindruck, dass ich mich an einer Bergflanke befand. Auf der einen Straßenseite zogen sich Dickicht und kleine Bäume steil aufwärts, während ich auf der anderen durch das Laub jetzt die ferne Landschaft herüberschimmern sah.

Ich glaube, ich war gerade ein paar Schritte am Straßenrand entlanggegangen, durch das Laubwerk spähend in der Hoffnung auf einen noch besseren Blick, als ich hinter mir eine Stimme hörte. Bis dahin hatte ich natürlich geglaubt, ich sei ganz allein, und so drehte ich mich ein wenig überrascht um. Ein Stück weiter vorn zweigte, wie ich jetzt sah, auf der anderen Seite der Straße ein Pfad ab, der durch das Dickicht steil den Hang hinaufzuführen schien. Auf einem großen Stein, der diese Stelle markierte, saß ein dünner weißhaariger Mann mit einer Tuchmütze und rauchte eine Pfeife. Er rief noch einmal, und wenn ich auch nicht verstand, was er sagte, so sah ich doch, dass er mir mit Gesten bedeutete, zu ihm zu kommen. Einen Moment lang hielt ich ihn für einen Landstreicher, doch dann sah ich, dass es sich um einen Einheimischen handelte, der nur die frische Luft und den Sommersonnenschein genießen wollte, und sah deshalb keinen Grund, seiner Aufforderung nicht nachzukommen.

»Hab mich nur gefragt, Sir«, sagte er, als ich näher kam, »ob Sie gute Beine haben.«

»Wie bitte?«

Der Mann deutete zu dem Pfad hin. »Sie brauchen zwei gesunde Beine und gute Lungen, wenn Sie da hinaufwollen. Ich hab weder die einen noch die anderen, also bleibe ich hier unten. Aber wenn ich besser beieinander wäre, würde ich da oben sitzen. Es gibt ein hübsches Plätzchen dort, mit einer Bank. Und eine bessere Aussicht finden Sie in ganz England nicht.«

»Wenn das stimmt, was Sie da sagen«, entgegnete ich, »dann bleibe ich lieber unten. Ich bin gerade am Anfang einer Reise mit dem Auto, in deren Verlauf ich hoffe, viele schöne Aussichten genießen zu können. Das Beste schon zu sehen, ehe ich richtig angefangen habe, wäre etwas voreilig.«

Der Mann schien mich nicht zu verstehen, denn er sagte noch einmal: »Sie finden in ganz England keine bessere Aussicht. Aber ich sage Ihnen, Sie brauchen zwei gesunde Beine und gute Lungen.« Dann setzte er hinzu: »Man sieht, dass Sie für Ihr Alter gut in Form sind, Sir. Ich würde sagen, Sie könnten es mühelos da hinauf schaffen. An einem guten Tag schaffe sogar ich es noch.«

Ich blickte den Pfad hinauf, der steil und recht steinig aussah.

»Ich sage Ihnen, Sir, es wird Ihnen leidtun, wenn Sie das versäumen. Und man kann nie wissen. Noch zwei, drei Jahre, und es könnte zu spät sein.« Er lachte eher unschön. »Gehen Sie lieber hinauf, solange Sie noch können.«

Jetzt denke ich mir, dass der Mann das vielleicht nur humorvoll gemeint hat, das heißt, einfach als eine scherzhafte Bemerkung. Aber heute Morgen, das muss ich schon sagen, fand ich seine Art recht ärgerlich, und vielleicht bin ich den Pfad dann vor allem deshalb hinaufgestiegen, weil ich ihm beweisen wollte, wie unsinnig seine Anspielung gewesen war.