Was wäre, wenn...? - Maggie Jay - E-Book

Was wäre, wenn...? E-Book

Maggie Jay

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Beschreibung

Eintönig, langweilig, aussichtslos und ein bisschen seltsam. Besser lässt sich das Leben von Henriette Müller und auch sie selbst nicht beschreiben, bis zu dem Punkt als ein Mann in ihr Leben tritt und es verändert. Richard Castle, eine fiktive Figur aus einer Fernsehserie, eröffnet ihr eine neue Welt, welche sie nie für möglich gehalten hätte: Sie möchte Kriminalautorin werden. Doch wie geht das? Henriette beschließt zu planen wie sie jemanden umbringen würde, um ihr Buch zum Leben zu erwecken und ahnt nicht, dass sich damit ihr Leben verändern wird.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


Für meinen Vater,

meinen Helden,

der niemals, wie so viele andere Menschen

auf dieser Welt,

Tieren schaden würde.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1. Kapitel

„Hallo? Herzchen? Geht es Ihnen gut?“

Langsam wurde Henriettes Blick wieder klar und sie schrak zurück, als sie merkte, wie nah Frau Schmidts Gesicht ihrem gekommen war. Schwach nahm sie den Geruch nach saurer Milch aus dem Atem der alten Dame wahr, der ihr entgegenschwebte und von dem ihr augenblicklich übel wurde.

Aus für ihr Alter noch erstaunlich guten Augen starrte Hertha Schmidt Henriette an und schien nach etwas zu suchen, was einen Moment lang im Wald gewesen war. Um genau zu sein, zwölf Kilometer entfernt von dem Ort, an dem sie nun auf ihrem Platz an der Kasse des kleinen Geschäfts saß und sich von Frau Schmidt anhecheln ließ. Was hätte sie dafür gegeben, wieder mit Trixi dort im Wald zu sein und einfach die Seele baumeln zu lassen. Doch heute war ihr das leider nicht vergönnt gewesen, denn Trixi musste ihre Kräfte schonen und da war Manni schon immer unnachgiebig gewesen. „Wenn Jagd ist, dann ist Jagd und nicht dein dämliches Herumgehopse über Feldwege“, sagte Manni immer mit seiner rauen und alles beherrschenden Stimme, die keinerlei Widerspruch gelten ließ.

Henriette tröstete sich damit, dass sie morgen früh wieder mit Trixi spazieren gehen konnte und nahm sich vor, die große Runde mit ihr zu laufen.

Kurz fragte sie sich, warum Frau Schmidt ihr so nah gekommen war, wenn ihre Augen wirklich so gut waren, wie sie immer behauptete, dann setzte sie sich aufrecht hin und erwiderte das Starren.

„Ja, es ist alles in Ordnung bei mir. Danke, Frau Schmidt, dass Sie fragen. Wie geht es Ihnen?“ Henriette versuchte das Gespräch auf ein höfliches Plaudern umzulenken, so wie man es in der Regel mit dem Verkäufer an der Kasse zu tun pflegte und wie sie es schon viele Male bei Frau Schmidt versucht hatte, doch auch dieses Mal sollte sie kläglich scheitern.

„Wissen Sie, Herzchen“, fing die alte Dame an und bäumte sich zu ihrer vollen Körpergröße von 1,53 Meter auf. Nur ihre streng frisierten Haare gaben ihrem Gegenüber das Gefühl, sie sei über 1,60 Meter groß, denn die komplett ergraute Haartolle auf ihrem Kopf schien sich gegen die Decke zu strecken und diese berühren zu wollen. Oder versuchten die Haare zu entkommen?

Henriette musste sich zurückhalten, um bei dem Gedanken nicht in Gelächter auszubrechen. Was mehr als albern gewesen wäre, immerhin sah Frau Hertha Schmidt, geborene Schmied, seit Henriette denken konnte, genauso aus, wie sie jetzt aussah. Und denken konnte Henriette schon lange. Sie unterdrückte das alberne Kichern in sich.

Abwartend starrte Frau Schmidt auf die vor ihr sitzende Henriette herab, als erwartete sie etwas von ihr.

„Was denn, Frau Schmidt?“, fragte Henriette endlich, als ihr das Starren der Dame und die Stille zwischen ihnen unangenehm wurde.

„Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass Sie einen Herzanfall gehabt hatten, so wie Sie durch die Gegend gestarrt haben. Ganz verrückt haben Sie ausgesehen. Ihre Augen waren ganz weit aufgerissen.“ Sie sprach das Wort verrückt aus, als wäre sie dabei ein Kind auszuschimpfen. Henriette nickte.

„Und Herzchen, wissen Sie, damit sollte man nicht spaßen. Sie sind ja auch kein junges Ding mehr mit ihren 60 Jahren. Und auch wenn die Ärzte sagen, Frauen könnten keine Herzanfälle bekommen, dann sage ich Ihnen, sie lügen.“ Bei den letzten Worten stampfte sie mit ihren kleinen, in Pantoffeln steckenden Füßen, auf den Boden, als wollte sie Ungeziefer platt treten. Henriette lächelte weiter und versuchte sich nicht von Frau Schmidts Einschätzung ihres Alters, mit dem sie zwölf Jahre über ihrem tatsächlichen lag, gekränkt zu fühlen. Sie fragte sich einen Augenblick lang, ob es langsam Zeit war von Feuchtigkeitscreme auf Antifaltencreme umzusteigen.

„Und wissen Sie, woher ich das weiß?“

Geduldig weiter lächelnd schüttelte Henriette ihren Kopf, obwohl sie die Antwort schon tausende Male gehört hatte.

So gut die Augen von Frau Schmidt auch funktionierten, so schlecht arbeitete ihr Gedächtnis.

Hertha Schmidt war nie jemand gewesen, der sich an alles erinnern konnte (auch das hatte sie Henriette oft genug ungefragt erzählt), aber die Zeit hatte noch ein paar zusätzliche Löcher in ihr Gedächtnissieb geschlagen.

„Meine Schwester, Gott hab sie selig, bekam vor zwei Jahren einen Herzanfall. Beim Kaffee und Kuchen zum Geburtstag meiner Mutter ist Dolores einfach umgefallen. Kam aus der Küche, mit einem Tablett Kaffee und einem Kännchen Milch in den Händen, natürlich die gute Milch von Bauer Becker, und fiel einfach der Länge nach um. Hat den schönen Teppich versaut.“ Sie seufzte auf, als wäre der Verlust des Teppichs schlimmer als das Ableben ihrer Schwester. „Und das, obwohl die Ärzte meinten, Frauen würden keine Herzanfälle bekommen.“ Wieder ihr beherztes Stampfen, begleitet von einem verächtlichen Grunzen.

Henriette beobachtete, wie die alte Dame vor ihr in einen Monolog verfiel, der ewig vor sich hin plätschern konnte, wenn sie ihn nicht irgendwann unterbrach. Zuhören tat Henriette schon lange nicht mehr, denn die Erfahrung der letzten Jahre hatte ihr gezeigt, dass an Frau Schmidts Geschichten wenig Wahrheit dran war. Sie log nicht absichtlich, sie erinnerte sich einfach nicht mehr richtig. Aber Henriette tat es für sie mit. Sie wusste auch, dass die Mutter von Frau Schmidt bei der Geburt ihrer Tochter Dolores verstorben war, was mehr als 80 Jahre zurücklag. Von welchem Geburtstag Hertha allerdings erzählte, bei dem ihre Schwester starb, wusste Henriette nicht. Auch nicht, ob es wirklich stimmte oder ob die Frau vom Ableben eines anderen erzählte. Doch was machte es schon aus, dass die Geschichten nicht wahr waren? In Frau Schmidts Kopf waren sie zu den Zeitpunkten, in denen sie sie erzählte, immer genauso passiert und das war doch die Hauptsache. Lächelnd nickte Henriette und ließ die Frau weiterreden, während sie sich fragte, wie lange die alte Frau wohl noch leben würde.

Seit Herr Schmidt vor elf Jahren an Krebs verstorben war, war die alte Frau Schmidt allein. Kinder gab es nicht. „Faule Eier!“, hatte sie Henriette in einem ihrer Monologe einmal erzählt und sich dabei auf den Unterleib geklopft. Und auch sonst waren alle Verwandten, die sie einmal gehabt haben mochte, gestorben oder weggezogen, was Henriette niemandem verdenken konnte. Nur zu gut konnte sie sich vorstellen, wie Hertha bei Familienessen alle mit ihren Geschichten zu Tode gelangweilt hatte. Außerdem: Wer wollte schon sein ganzes Leben in dem kleinen Dorf Hemmighausen verbringen? In diesem 85 Seelendorf war nun wirklich nicht viel los. Die täglichen Ausflüge in den kleinen Dorfladen, in dem Henriette arbeitete, schienen die einzigen Male zu sein, an denen Frau Schmidt das Haus noch verließ. Da konnte es ja nicht zu viel verlangt sein, wenn Henriette sich ein paar Minuten Zeit nahm, um einer alten Dame zuzuhören, die sonst niemanden mehr hatte, der es tat.

Immerhin hatte ihre Mutter sie stets dazu angehalten das Alter zu respektieren und weil sie ein gut erzogenes Mädchen war, hatte sie immer auf ihre Mutter gehört.

„Und dann hat er doch tatsächlich diesen Welpen mitgebracht, der so ein verdrecktes Fell hatte, dass man nicht wusste, wo vorne und wo hinten war.“ Frau Schmidt lachte ihr kehliges Lachen, welches stets wie ein Glucksen klang und bei dem ihr Gebiss immer aufeinander klapperte. Henriette lachte mit, wusste aber nicht, wie Frau Schmidt in wenigen Minuten von dem Tod ihrer Schwester auf den Hund gekommen war, den ihr Mann eines Tages im Wald gefunden hatte.

Sie erinnerte sich noch genau an das Tier. Denn sie hatte früher auf dem Weg von der Schule nach Hause immer extra einen Umweg gemacht, um den schwarzen Hund zu streicheln. Manchmal hatte sie ihm sogar die Kruste ihres Pausenbrotes aufgehoben und sie dem Welpen durch den Gartenzaun zugeschoben, wenn Frau Schmidt nicht hingeschaut hatte. Henriette wusste noch genau, wie sehr sich der kleine Hund immer darüber gefreut hatte.

Damals war Frau Schmidt schon die magere Frau mit der spitzen Nase und der noch spitzeren Zunge gewesen, die jetzt vor ihr stand. Selbst an den langen grauen Mantel, den sie an diesem Morgen trug, konnte Henriette sich noch aus ihrer Kindheit erinnern. Schon öfters hatte sie sich gefragt, ob die alte Dame überhaupt eine andere Jacke als diesen verfilzten knielangen Mantel besaß.

Henriette lachte, weil Hertha auch lachte. Worüber wusste sie nicht, doch sie nutzte die Redepause der Frau und somit ihre Chance, das Gespräch zu beenden.

„Heute nur den Zucker?“, fragte sie und deutete auf das 1-Kilo Paket, welches auf dem hüfthohen Tresen vor ihr stand. Einen Moment lang schien Frau Schmidt irritiert, bis sie dem Fingerzeig Henriettes folgte.

„Ja, genau. Heute nur Zucker.“ Sie lächelte und ließ ihre Dritten sehen, die scheinbar schon länger nicht mehr gereinigt worden waren.

Henriette tippte den Preis in die Kasse ein (ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert), die mit einem Pling den Bon ausdruckte. „Das macht dann 94 Cent, bitte.“ Geduldig beobachtete sie, wie die alte Frau in ihrem winzigen Geldsäckchen nach Kleingeld kramte und ihr dann nach und nach Ein-, Zwei- und Fünf-Centstücke auf den Tresen legte und dabei laut mitzählte.

„92, 93... und noch einen Glückspfennig... 94.“ Sie strahlte über das ganze Gesicht, als hätte sie die Goldmedaille im Brustschwimmen gewonnen.

„Wunderbar“, lobte Henriette überschwänglich, was Frau Schmidt noch mehr zum Strahlen brachte. Dann begann sie die Centstücke in ihre Hand zu fegen und in die Kasse zu sortieren. Den DM-Pfennig, den Frau Schmidt als Glückspfennig bezeichnet hatte, legte sie zu den anderen in das Glas neben der Kasse, in dem sich all die DM-Stücke sammelten, die im Laufe der Jahre bei den Kunden noch zu Hause gefunden wurden. „Das ist immerhin auch Geld“, hatte Frau Kramer, die Besitzerin des Ladens, einmal zu Henriette gesagt, „also nehmen wir es auch an.“

Hertha griff nach dem Zucker, drückte ihn an die Brust, als sei er ein Baby, und schlurfte langsam nach draußen.

„Auf Wiedersehen, Herzchen.“

„Bis morgen, Frau Schmidt.“

Das Windspiel an der Tür erhellte noch einen Moment den ansonsten stillen Raum, während Henriette der alten Dame nachschaute, die mit ihrem Zuckerbaby über den Marktplatz zu ihrem Haus wackelte. Es war nicht wirklich ein Marktplatz, jedoch nannten alle Bewohner von Hemmighausen den mit roten Pflastersteinen kreisrunden Hof vor dem Lädchen so und ihr gefiel der Gedanke, dass dort tatsächlich einst Bauern ihre Waren verkauft hatten.

Ob es wirklich so gewesen war, wusste sie nicht, aber es war immerhin gut möglich. Wahrscheinlich war dies so lange der Fall gewesen, bis der kleine Laden am Rande des Marktplatzes im Jahre 1890 von den Kramers eröffnet wurde und seitdem in Familienbesitz war.

Als der Dorfladen seinen Höhepunkt um 1900 hatte, folgten beschwerliche Jahre, in denen, aufgrund von zwei Weltkriegen, die Umsätze drastisch einfielen. Als dann 1950 in einem Nachbarort der erste Supermarkt eröffnete, kamen immer weniger Dorfbewohner in den kleinen Laden in Hemmighausen. Doch Elenore Kramer, die mit gerade mal 19 Jahren das Geschäft ihres Vaters übernahm, hielt tapfer die Stellung. Heute, 67 Jahre später, öffnete sich die Tür des Lädchens in der Woche noch immer pünktlich um 7:30 Uhr, so wie in den 129 Jahren zuvor auch. Und es war keine geringere als Elenore selbst, die jeden Morgen die Tür aufschloss.

Als Henriette noch ein Kind war, war sie bereits durch die Regale des 36m2großen Ladenlokals gestromert und hatte sich ihre Süßigkeiten dort gekauft. Zu Zeiten, in denen Fruchtgummis noch für 1 Pfennig das Stück verkauft wurden und man sich mit 50 Pfennig Taschengeld reich gefühlt hatte. Für Henriette war das Geschäft schon immer ein Teil ihres Lebens gewesen. Und als die jetzt 86-jährige Elenore Kramer vor 7 Jahren Mann Nummer drei durch einen Herzinfarkt verloren hatte, hatte sich Henriette sehr darüber gefreut, als sie gefragt wurde, ob sie nicht in der Woche, morgens bis nachmittags, ein paar Stunden der alten Frau im Laden unter die Arme greifen könne.

Begeistert hatte sie allen, die es hören wollten und vielen, die es nicht wollten, erzählt, wie sehr sie sich darüber freute und wie viele Kindheitserinnerungen sie mit dem Lädchen und Frau Kramer verband, die jedem Kind im Ort an seinem Geburtstag eine ganze Tafel Schokolade geschenkt hatte.

Doch dies war nur die halbe Wahrheit gewesen, wenn nicht sogar nur ein kleiner Teil davon. Den eigentlichen Grund, warum sie die Stelle annahm, hatte sie nie jemandem erzählt, weil sie sich zu sehr dafür schämte. Der Grund war so simpel wie traurig: sie hatte nichts zu tun und langweilte sich. Da sie nie etwas gelernt hatte, konnte sie auch nirgends arbeiten, wo man eine Qualifikation brauchte und da Sonja, ihre Tochter, seit 14 Jahren aus dem Haus war, gab es für sie nicht mehr wirklich etwas zu tun. Stundenlang war sie durch ihr penibel sauber gehaltenes Haus gewandert, hatte ewig auf den ordentlichen und gepflegten Garten gestarrt und sich gefragt, was sie jetzt tun solle. Dabei hatte eine Stimme in ihr immer wieder geflüstert, wie sinnlos alles doch sei. Henriette vermutete öfters, dass die Stimme recht haben könnte, doch sie konnte und wollte es sich nicht eingestehen und versuchte sie deswegen gewissenhaft zu ignorieren.

Jeder, der behauptete, die Zeit verfliege wie im Flug, hat noch nie vor dieser großen Leere gestanden, vor der Henriette Müller einst gestanden und die nicht nur das Haus, sondern auch ihr Innerstes, erfüllt hatte.

Wie hätte sie also Nein sagen können, als Lindemarie, Tochter Nummer zwei von Elenores Mann Nummer eins, sie ansprach und fragte, ob sie ihre Mutter unterstützen könne.

Das Geld, was sie mit den drei Stunden täglich verdiente, war kaum der Rede wert. Und hätte man dies, in der heutigen Zeit von Mindestlohn und Entgeltfortzahlungsgesetzen, einem Anwalt erzählt, hätte er einem die Füße geküsst, um den Fall übernehmen zu dürfen und aus Elenore Kramer den letzten Cent heraus zu klagen. Wer sich jetzt fragt, ob die alte Frau Kramer wohl in 67 Jahren mit ihrem schlecht laufenden Lädchen überhaupt etwas auf die hohe Kante hatte legen können, hat weit gefehlt. Denn sowohl Mann Nummer eins, wie auch Mann Nummer zwei, waren finanziell gut bestückt gewesen, weswegen Elenore nach dem frühen Ableben von beiden nun auf einem gut gepolsterten Geldkissen saß. Durch das es auch nichts machte, wenn am Wochenende keine 10 Euro in der Registrierkasse lagen, von denen knapp die Hälfte von Frau Schmidts täglichen Zuckerkäufen stammte. Miete oder Pacht war für den Laden nicht zu zahlen, das Haus gehörte Frau Kramers Familie seit Generationen und auch sonst fielen kaum Kosten an. Also waren dank Erbe und cleveren Aktienspekulationen von Mann Nummer zwei nicht nur die drei Kinder von Mann Nummer eins, sondern auch die beiden von Nummer zwei und wahrscheinlich noch deren Enkel finanziell abgesichert.

Lediglich Mann Nummer drei, Herbert, hatte außer einer Tragetasche voll dreckiger Wäsche nichts zu bieten gehabt. Aber Henriette vermutete, dass Herbert die große Liebe von Elenore gewesen war, so wie diese immer von ihm sprach. Umso tragischer war es, als dieser sich vor sieben Jahren in der Kirche ans Herz packte und tot von der Kirchenbank rutschte. Herbert war dann der letzte Mann in Elenores Leben gewesen. Wie auch immer sie es geschafft hatte sich drei Männer zu angeln. Jetzt mit 86 war auch bei ihr der Lack ab und ihre ganze Zeit widmete sie nun dem kleinen Lädchen, in dem sie zehn Jahre lang mit Herbert Seite an Seite gearbeitet hatte.

Henriette tauchte aus ihrer Trance auf. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie wieder mit ihren Gedanken abgeschweift war. Der Marktplatz vor ihrem Fenster war nun vollkommen leer und menschliches Leben würde wohl erst mittags wieder zu sehen sein, wenn die Kinder aus der Schule nach Hause kamen. Eine nach Mäusen suchende Katze war alles, was man an solchen Tagen vormittags zu sehen bekam.

Erst nach zwei Uhr würde der Schulbus die wenigen Kinder aus Hemmighausen wieder nach Hause bringen und dann wäre das Lädchen schon längst geschlossen. Nur montags kamen ein paar Schüler früher aus der Schule in Willingen zurück nach Hemmighausen, da sie an diesem Tag nur vier Schulstunden hatten. Und ihr erster Weg führte sie immer in das kleine Lädchen.

Henriette grauste es vor diesen Tagen, denn sie wusste, dass Max und seine Freunde nur in das Geschäft kamen, um sich über sie lustig zu machen und sie zu schikanieren.

Das schafften sie regelmäßig, in dem sie sich hinter den Regalen versteckten und Packungen mit Kaugummis und anderen Süßkram in die Taschen steckten. Die Jungen dachten, dass es Henriette nicht auffallen würde und sie sie austricksten, aber natürlich merkte Henriette, was die Kinder machten, immerhin war sie nicht dumm. Es war ihr nicht egal, dass die Kinder Frau Kramer bestahlen. Aber vor einigen Jahren, nachdem sie den damals 9-jährigen Max beim Stehlen erwischt hatte, hatte sie dessen Vater darauf angesprochen. Heinz Bauer, der amtierenden Bürgermeister der Gemeinde, der sich zu der Zeit in einem erneuten Wahlkampf um das Amt befand, wehrte die Vorwürfe von Henriette vehement ab und bestritt, dass sein Sohn so etwas tun würde. Er ließ sich nicht einmal von dem in der Tasche von Max befindlichen Riegel Schokolade umstimmen und beschuldigte sogar Henriette, dem Kind den Riegel untergeschoben zu haben.

Resigniert hatte Henriette sich zurückgezogen und war wieder in den Laden gegangen. Sie war mit Heinz Bauer zusammen aufgewachsen und wusste, wann es keinen Sinn mehr machte, mit ihm zu diskutieren. Schon als Kind war er ein aus einer reichen Familie stammender, verwöhnter Junge gewesen, dem man früh beigebracht hatte, dass man ihm nichts anhaben konnte, solange man Geld hatte. Und eben diese Erziehung schien er an seinen Sohn weiterzugeben.

„Ist schon gut“, hatte Frau Kramer gesagt, als Henriette ihr am nächsten Morgen davon erzählte. „Lausbuben müssen so etwas mal machen. Er wird es bestimmt nicht wieder tun. Er hat seine Lektion bestimmt gelernt.“

Allerdings sollte Frau Kramer sich damit irren. Max tat es wieder und zwar regelmäßig. Inzwischen war er zwölf Jahre alt und hatte zudem noch seine Freunde angestiftet, auf die Beutezüge im Lädchen mitzukommen und die alte Frau Müller ein bisschen zu ärgern. Manchmal saßen sie sogar auf einer Bank draußen vor dem Laden und verschlangen ihr Diebesgut direkt vor Henriettes Augen, um sie noch mehr zu ärgern. Sie hatte sich derweil damit abgefunden, dass sie nichts gegen die Kinder ausrichten konnte und schaute einfach weg, wenn sie sich die Taschen mit Süßigkeiten vollstopften. Was nicht bedeutete, dass es nicht an ihr nagte. Die Montage waren stets die schlimmsten Tage, weil sie sich so unglaublich hilflos fühlte. Und niemand interessierte sich dafür, wie es in ihr aussah. Frau Kramer sagte einst, als Henriette es erneut ansprach, dass Max klauen würde, dass er ein so guter, lieber Junge wäre und sie nicht glaubte, dass er sowas tun würde. Scheinbar war ihr das erste Mal schon wieder entfallen. Und Manni hatte die Geschichte überhaupt nicht hören wollen, als Henriette sie ihm erzählt hatte. Was kein Wunder war, wenn man bedachte, dass die Gemeinde Willingen der größte Abnehmer für Müller Holz war und somit Mannis wichtigster Kunde.

Sie seufzte und blickte zu der Uhr an der Wand gegenüber der kleinen Kasse, die mit ihrem lauten und unaufhörlichen Ticken die Stille im Raum sekündlich mit einer unfassbaren Penetranz durchschnitt.

Es war erst 9:30 Uhr. Noch zweieinhalb Stunden lang müsste sie hierbleiben und darauf warten, bis die Zeiger der Uhr endlich auf zwölf krochen und sie den Laden abschließen konnte. Dass Frau Schmidt heute die erste und letzte Kundin gewesen war, sagte ihr ein Gefühl, das sich nie irrte. Wenn man fünf Tage lang jeden Tag drei Stunden darauf wartete, dass ein Kunde über den Marktplatz schlenderte und zur Tür hereinkam, verfeinerte sich das Gespür für so etwas.

Henriette ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Drei 1,60 Meter hohe Regale teilten ihn in schmale Gänge. Im ersten Gang, gleich wenn man das Geschäft betrat, lagen in geflochtenen Körben Äpfel und Kartoffeln, das einzige Frische, was es in dem Laden gab und selbst das wurde nie gekauft.

Alle zwei Wochen kam Bauer Becker und brachte einen neuen Sack von beidem und tauschte sie gegen die alten aus. Die Kartoffeln nahm er mit und verfütterte sie an die Schweine auf seinem Bauernhof. Die Äpfel, die noch nicht mit runzeligen Stellen überwuchert waren, nahm Frau Kramer mit und kochte ganze Wagenladungen an Apfelgelee, was jedoch auch nie jemand kaufte, weshalb die kleinen Gläschen nur, wie viele andere Lebensmittel in den Regalen, Staub fingen. Neben den Körbchen mit Frischem standen also die Gläschen mit dem goldenen Gelee und zahlreiche andere, für die Ewigkeit konservierte, Früchte und Obstsorten.

Gang zwei beherbergte alles, was man zum Backen oder Kochen benötigte: Soßenbinder, Mehl, Margarine, jegliche Backzutaten (vom guten alten Natron bis hin zu diesem neumodischen Quatsch, wie Frau Kramer es immer abschätzig nannte, womit sie Backmischungen meinte), die ein oder andere Tüte Maggi Fix (hiervon hielt Frau Kramer auch nicht viel) und die Tüten mit dem Zucker, von denen Frau Schmidt jeden Tag eine kaufte. Bei dem Gedanken an die winzige Frau, die hinter dem Regal, abgesehen von ihrer Haartolle, die sich über die Lebensmittelpackungen streckte, fast gänzlich verschwand, musste Henriette schmunzeln.

Es sah stets so aus, als würde ein sehr kleiner Yeti durch die Gänge marschieren, wenn Frau Schmidt jeden Tag aufs Neue durch die Regalreihen irrte und nach dem Zucker suchte.

Im dritten Gang befand sich das Kinderparadies, wie Frau Kramer es immer mit einem Lachen auf den Lippen nannte, welches nur eine Mutter zeigen konnte. Henriette jedoch verabscheute dieses Wort. Alle möglichen Arten von Gummibärchen, Schokoriegeln und sonstigen Naschereien standen dort in Reih und Glied und warteten auf leuchtende Kinderaugen oder auf die gierigen Grapschfinger von Max und seinen Freunden.

Der vierte und letzte Gang war gefüllt mit Toilettenpapier, Küchenrollen, Essig, verschiedenen Putzmitteln, Getränken und allem anderen, was in den restlichen Regalböden keinen Platz mehr gefunden hatte. Oft war Henriette durch die Gänge gegangen, wie sie es einst zu Hause in ihrem großen leeren Haus getan hatte, und hatte sich die Lebensmittel angeschaut. Viele von den Sachen, welche in den Regalen standen, waren bereits seit Jahren abgelaufen. Aber da es ja sowieso niemand kaufte, warum sollte sie dann die Lebensmittel durch neue ersetzen? Die würden ebenfalls nur, wie ihre Vorgänger, ablaufen. Bei einigen der Produkten glaubte Henriette sogar, dass sie bereits in dem Lädchen zum Verkauft standen, als sie sich selbst noch als Kind im Kinderparadies ihre Naschereien ausgesucht hatte.

Dass so wenig in dem Laden gekauft wurde, war kein Wunder. Die Dorfbewohner von Hemmighausen besorgten ihre Lebensmittel im Discounter in Willingen, in dem es nicht nur mehr Auswahl und bessere Qualität gab, sondern auch günstigere Preise und insgesamt ein angenehmeres Umfeld. Dort lief während der Öffnungszeiten immer das Radio und man konnte sich an der Fleischtheke mit den Nachbarn über Rezepte oder das neueste Geschehen im Ort austauschen.

Hier im Dorfladen war es, abgesehen von der tickenden Uhr an der Wand, so still, dass man die Mäuse im Keller schaben und krabbeln hören konnte, die noch nicht in einer von Frau Kramer aufgestellten Mausefalle verendet waren.

Henriette konnte gut verstehen, warum die einzigen Kunden die älteren Dorfbewohner waren, die nicht mehr Autofahren konnten und somit keine Gelegenheit hatten, ihre Lebensmittel anders zu besorgen, wenn ihnen keiner ihrer Verwandten etwas vorbeibrachte. Oder die Schulkinder, die hier heimlich ihr Taschengeld für Süßigkeiten ausgaben.

Abgesehen davon verirrte sich höchstens einmal im Monat jemand hier herein, wenn er vergessen hatte Zucker zu kaufen, gleich zum Kaffeetrinken Besuch bekam und die Zeit nicht mehr reichte, um nach Willingen zum Einkaufen zu fahren. Henriette konnte es den Leuten nicht verübeln. Immerhin kaufte sie selbst auch nicht im Kramerlädchen ein, sondern wie alle anderen im Discounter.

Sie blickte erneut auf die Wanduhr, 9:37 Uhr, und stieß ein langes, gequältes Stöhnen aus. In Gedanken begann sie ihren restlichen Tagesablauf durchzugehen. Um 12 Uhr würde sie den Laden abschließen und nach Willingen zum Einkaufen fahren. Wenn sie sich Zeit ließ, dann wäre sie erst um halb zwei wieder zu Hause. Eine weitere halbe Stunde würde das Auspacken der Einkäufe dauern.

Manni würde erst gegen 20 Uhr mit Trixi von der Jagd nach Hause kommen und sein Essen verlangen. „Töten macht hungrig!“, war eine seiner vielen Weisheiten, die er tagtäglich von sich gab. Henriette schauderte bei dem Gedanken an den Gesichtsausdruck, den ihr Mann pflegte aufzusetzen, wenn er von dem anschließenden Jagdumtrunk nach Hause kam, voll wie eine Haubitze, und nach Fleisch schrie. Er sah dann mit seinem Grinsen wie ein fettes Schwein aus, das gierig darauf wartete, seine Schnauze in den Trog zu stoßen, was Henriette jedes Mal aufs Neue anwiderte. Doch was sollte sie schon machen? „Frauen sind zum Kochen da“, war auch einer seiner beliebten Sprüche, weshalb ihr nichts anderes übrigblieb als Schweinshaxe, Hackbraten oder sonst ein fettiges Gericht zu kochen, damit ihr besoffener Mann zufrieden war. Und in 32 Jahren Ehe mit ihm hatte sie gelernt, dass ihr Mann nur zufrieden war, wenn sie machte, was er wollte.

Wenn sie also um 18 Uhr anfangen würde zu kochen, würde das ausreichend Zeit sein, damit um 20 Uhr das Essen pünktlich auf den Tisch war, wenn ihr Gatte ins Haus torkelte. Und in der Zwischenzeit? Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie begann zu frösteln, obwohl es in dem kleinen Laden angenehm warm war.

In der Zwischenzeit müsste sie schauen, wie sie den Tag herumbekommen konnte.

Die Gartenarbeit hob sie sich stets für Samstag auf, damit sie den ganzen Tag beschäftigt war. Sonntags wusch sie die Wäsche und bügelte Mannis zahlreiche Hemden, da war der Tag auch schnell vorbei. Montags war sie, wenn sie von der Arbeit kam, immer so angespannt von dem Besuch von Max und seinen Freunden, dass sie das Bad scheuerte oder die Böden schrubbte, um sich abzuregen.

Dienstags und mittwochs kamen alle anderen Arbeiten dran: Fensterputzen, Betten frisch beziehen, Staubwischen, Küche desinfizieren und was ihr noch so einfiel, was dringend gemacht werden musste. Bei allem ließ sie sich stets möglichst viel Zeit. Abends, bevor Manni nach Hause kam, fing sie an zu kochen. Nach dem Essen räumte sie den Tisch ab und spülte das Geschirr. Manni half ihr nie dabei, denn er war der Meinung sein Tagwerk mit acht Stunden arbeiten erfüllt zu haben. Wenn die Küche sauber war, setzte sie sich zu ihm auf das Sofa und schaute mit ihm eine seiner Sportsendungen. Und donnerstags verbrachte Henriette ihren Tag bei ihrer Mutter im Pflegeheim in Willingen.

Der Alltag war in Ordnung, sie hatte sich daran gewöhnt, aber die Freitagnachmittage, an denen nichts, aber auch gar nichts zu tun war, vor denen hatte sie am meisten Angst. Sie spürte dann, wie dieses Gefühl der Nutzlosigkeit wieder in ihr aufkam. Ein Gefühl, was ihr zuwider war.

Ihr Blick wanderte zurück zu der Uhr, 9:57 Uhr. Na, wie schlägst du nun die Zeit tot?, fragte sie die Stimme in ihrem Kopf, die Henriette sofort versuchte zu ignorieren. Sie presste die Lippen zusammen, um nicht loszulachen oder gar zu weinen, dann schaute sie nach draußen. Es hatte angefangen zu regnen und der Himmel zog sich mit dicken grauen Wolken zu. Einen Moment lang beobachtete sie, wie die Wassertropfen auf dem Marktplatz eine Pfütze bildeten. Dann zog sie eines der Rätselhefte aus den Verkaufsständern hinter der Theke, welches schon länger als Henriette im Geschäft seine Zeit absaß und in den letzten sieben Jahren von keinem Kunden auch nur mit einem Blick gewürdigt worden war, schlug es in der Mitte auf und begann das Kreuzworträtsel zu lösen, mit dem sie schon seit einer Woche nicht weiterkam. Im Hintergrund tickte die Uhr unaufhörlich weiter.

2. Kapitel

Der Geruch von Sauerbraten erfüllte bereits das ganze Haus, als Henriette begann im Esszimmer den Tisch zu decken. Sauerbraten war eines von Mannis Lieblingsgerichten und besonders nach der Jagd verschlang er es mit großem Appetit.

Henriette hatte das Gericht nicht ausgewählt, um ihm eine Freude zu machen, sondern weil das Fleisch im Angebot gewesen war. Aber sollte er ruhig denken, sie hätte es aus Gefälligkeit gemacht, denn dann wäre er wenigstens nett zu ihr und einigermaßen erträglich. Eigentlich war Manni kein bösartiger Mensch, aber wenn er mit seinen Jagdkollegen unterwegs war und sie sich mit Kräuterschnaps volllaufen ließen, war er irgendwie angriffslustiger als sonst. Besonders, wenn er an diesem Tag nicht mindestens ein Tier erschossen hatte, von dem er seiner Frau erzählen konnte. Als sei dies etwas, worauf sie stolz wäre oder was sie interessieren würde. Also gab sie sich stets viel Mühe, wenn sie am Jagdtag kochte und den Tisch deckte, um die Laune ihres Gattens, wenn sie im Keller war, aufzuheitern oder sie, wenn er frohen Mutes nach Hause kam, nicht zu verderben.

Während sie das Besteck noch einmal polierte und es akkurat neben die Teller legte, etwas was Manni mit seinen mehr als zwei Promille nie wirklich wahrnahm, merkte sie die Anspannung, die sie an solchen Tagen immer überkam und sich tief in ihren Gliedern niederließ. Bevor sie Trixi liebgewonnen hatte, waren ihr diese Gefühle völlig fremd gewesen. Damals hatte sie die Abendessen nach der Jagd nur überstehen wollen. Aber Trixi hatte so viel in ihrem Leben verändert. Zu Beginn war Henriette alles andere als begeistert gewesen, als Manni mit dem kleinen Fellbündel unter dem Arm nach Hause kam. Zwar war der kleine Rauhaardackel mit seinen 11 Wochen unglaublich süß gewesen, aber diese Niedlichkeit half Henriette nicht über ihren Ärger hinweg, dass ihr Mann ohne ihr Wissen einen Hund mit nach Hause brachte, um den sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach kümmern musste. Allerdings hatte sie es nicht gewagt etwas dagegen einzuwenden. So war sie die nächsten Wochen damit beschäftigt, Scheiße vom Boden zu wischen und einem Tier, von dem sie nichts verstand, beizubringen, dass der Eichenschrank im Wohnzimmer kein Kauknochen war. Sie mochte Tiere, besonders Hunde. Sie erinnerte sich gerne an den kleinen Hund von Frau Schmidt zurück, den sie mit der Kruste ihres Schulbrotes gefüttert hatte, aber sie hatte nie selbst einen und war ganz zufrieden damit gewesen. Trixi war süß gewesen, aber sie machte Henriette auch große Angst.

Fünf Jahre war es her, dass Manni Trixi mit nach Hause gebracht hatte und Henriette sich immer wieder im Bad einschloss und heimlich ihre Verzweiflung über den hässlichen Hund mit dem borstigen Fell in ihre Schürze geweint hatte, während die Stimme in ihr sagte, sie solle versuchen den Hund loszuwerden. Einmal hatte die Stimme ihr sogar gesagt, sie könne den Hund doch einfach beim Baden unter Wasser drücken, bis er nicht mehr zappelte. Doch der Gedanke hatte Henriette so erschreckt und geängstigt, dass sie schlagartig zu weinen begonnen hatte.

Doch all den anfänglichen Problemen, den schrägen Ideen der Stimme in ihr und dem vielen Weinen war es drei Jahre her, dass sie begonnen hatte, sich in Trixi zu verlieben. Zu der Zeit waren die täglichen Spaziergänge eine Last gewesen. Sie war noch nie ein Freund der Natur gewesen. Doch wenn sie nicht wollte, dass Trixi ihr den Garten oder noch schlimmer das Haus voll schiss, kam sie um die Spaziergänge nicht herum. Also raffte sie sich stets lustlos auf und ging mit dem Hund los.

Eines Tages war sie also mit Trixi im Wald und beobachtete gedankenverloren, wie der braune Hund links und rechts im Gras schnüffelte, als sie etwas hinter sich im Gebüsch knacken hörte.

Erst wandte sie nur den Kopf um, da sie, wie so oft, nur einen Vogel vermutete, den sie aufgeschreckt hatte. Doch als sie sah, was es wirklich war, schnellte ihr ganzer Körper herum und sie erstarrte augenblicklich zu Eis. Keine zwanzig Meter entfernt stand ein ausgewachsener Keiler und sah sie ebenso bewegungslos und abwartend an, wie Henriette ihn.

Das Blut in Henriette begann zu rauschen, durchströmte alle Gliedmaßen und all die Geschichten, die Manni ihr erzählt hatte, fielen ihr schlagartig wieder ein.

Ihre Augen glitten über das filzige Fell des Tieres und einen Moment lang hätte sie schwören können, dass sie den Geruch von getrocknetem Schlamm, der in dem braunen Fell klebte, und den fauligen Geruch, der aus seinem Mund strömte, wahrnehmen konnte. An den Hauern des Tieres glaubte sie, blutverschmiertes Fell kleben zu sehen.

Henriettes Magen drehte sich um. Nur mit Mühe schaffte sie es, ihr Frühstück, das ihr sauer die Kehle heraufstieg, drinnen zu behalten. Jetzt auf den Waldboden zu kotzen würde ihre Situation bestimmt nicht verbessern.

Seit ihrer Kindheit hatte sie schon Angst vor den gruselig aussehenden Tieren. Mehr als vor Fabelwesen, wie Werwölfen oder Vampiren, weil sie genau wusste, dass es diese Wesen nicht gab. Aber Wildschweine, diese schrecklichen Tiere, waren wirklich real. Sie lebten in dem Wald hinter Henriettes Elternhaus und hatten das ein oder andere Mal sogar das Blumenbeet ihrer Mutter umgegraben. Wie ein Schlachtfeld nach einem Bombenangriff hatte das Beet nach diesen Überfällen der Tiere ausgesehen, die es scheinbar riechen konnten, wann Ilse Lange, Henriettes Mutter, frische Blumenzwiebeln in die Erde gesetzt hatte. Seitdem hatte Henriette erst immer aus dem Fenster geschaut, um sich zu vergewissern, dass keines dieser Monster im Garten war, wenn sie zum Spielen rausgehen wollte. Und Mannis ausgeschmückte Erzählungen über die Tiere hatten nicht geholfen, ihre Angst zu mindern.

„Die Waffen eines Keilers können deine Haut aufplatzen lassen, wie eine überreife Frucht“, hörte sie die Stimme ihres Mann in ihrem Kopf.

Das Wildschwein vor ihr schnaubte, blies Luft durch seinen Rüssel heraus und senkte dann den Kopf, wie ein Stier in einem spanischen Stierkampf. Gleich greift er dich an