Verlag: Heyne Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Wassermelone - Marian Keyes

Der sensationelle Debütroman von Marian KeyesSo hat sich Claire Walsh das Kinderkriegen nicht vorgestellt. Sie sieht aus wie eine Wassermelone in Stiefeln, und ihr Mann hat sie verlassen. Doch als Ehemann James schließlich wieder vor der Tür steht, erwartet ihn eine Überraschung …

Meinungen über das E-Book Wassermelone - Marian Keyes

E-Book-Leseprobe Wassermelone - Marian Keyes

ZUM BUCH

So hat sich Claire ihr zukünftiges Familienleben nicht vorgestellt ! Kaum kommt sie mit ihrer neugeborenen Tochter aus dem Kreißsaal, eröffnet Ehemann James ihr, dass er sie verlassen werde – er hat sich in eine verheiratete Nachbarin verliebt! Claire ist am Boden zerstört und noch erschöpft von der Geburt, sieht, wie sie findet, aus wie eine Wassermelone in Stiefeln und hat noch nicht einmal einen Namen für das Kind. Wie soll es nun weitergehen? Verzweifelt flieht Claire zu ihrer liebenswert-chaotischen Familie nach Dublin. Versorgt von Vater und Mutter und genervt von den Schwestern legt sie zunächst ein wochenlanges Heulfasten ein. Doch ganz langsam öffnet sie sich wieder für das Leben. Und auch für die Liebe …

ZUR AUTORIN

Marian Keyes wurde 1963 als ältestes von fünf Kindern in Limerick geboren. Sie wuchs in Dublin auf, wo sie auch Jura studierte. 1986 siedelte sie nach London über und hielt sich anschließend mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1993 begann sie zu schreiben. Sie schickte erste Geschichten an einen Verlag und behauptete, ein Roman sei auch in Arbeit. Als sich der Verlag daran interessiert zeigte, musste sie ihn tatsächlich schreiben – so entstand Wassermelone. Wassermelone wurde ebenso wie alle folgenden Romane von Marian Keyes ein internationaler Bestseller. Marian Keyes lebt heute mit ihrem Ehemann in Dún Laoghaire, Dublin.

Inhaltsverzeichnis

ZUM BUCHZUR AUTORINWidmungVorwortKapitel 1Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Kapitel 37 Kapitel 38 Kapitel 39 Danksagung Marian Keyes über Marian KeyesCopyright

FÜR MUM UND DAD

Vorwort

Der 15. Februar ist für mich ein ganz besonderer Tag. An diesem Tag habe ich nicht nur mein erstes Kind zur Welt gebracht, es ist auch der Tag, an dem mich mein Mann verlassen hat. Da er bei der Geburt dabei war, nehme ich an, dass zwischen den beiden Ereignissen irgendein Zusammenhang besteht.

Ich wusste gleich: Ich hätte mich auf mein Gefühl verlassen sollen. Ich war eine Anhängerin der klassischen – man könnte auch sagen, der überlieferten – Rolle, die bei der Geburt eines Kindes für Väter vorgesehen ist. Auf keinen Fall haben sie Zutritt zum Kreißsaal. Man verbanne sie mit vierzig Zigaretten und einem Feuerzeug auf den Krankenhausflur und lasse sie dort auf und ab marschieren, das heißt, wenn sie an dessen Ende angekommen sind, sollen sie sich umdrehen und an ihren Ausgangspunkt zurückkehren. Bei Bedarf ist das Ganze zu wiederholen.

Alle Unterhaltungen sind knapp zu halten. Lediglich mit anderen künftigen Vätern, die neben ihnen auf und ab gehen, dürfen sie einige Worte wechseln.

»Mein erstes« (schiefes Lächeln).

»Glückwunsch … mein drittes« (trübseliges Lächeln).

»Gut gemacht« (gezwungenes Lächeln). Will er damit durchblicken lassen, dass er männlicher ist als ich?

In dieser Zeit liegen die Gefühle ziemlich blank.

Von mir aus kann man es den Männern auch erlauben, sich auf jeden Arzt zu stürzen, der erschöpft und bis zu den Ellbogen voll Blut aus dem Kreißsaal kommt, und ihm zuzukeuchen: »Gibt’s was Neues???« Darauf könnte der Arzt antworten: »Großer Gott, Mann, nein! Der Muttermund ist ja erst drei Zentimeter weit geöffnet.« Daraufhin wird der Mann wissend nicken, obwohl er lediglich begriffen hat, dass er noch eine ganze Weile wird auf und ab gehen müssen.

Er darf auch gequält das Gesicht verziehen, wenn er von drinnen die Schmerzenslaute seines geliebten Weibes hört. Erst nachdem alles vorbei ist, wenn Mutter und Kind frisch gewaschen sind und die Mutter erschöpft, aber glücklich in einem sauberen Nachthemd auf dem spitzenbesetzten Kissen ruht und das vollkommene Kind an ihrer Brust nuckelt, erst dann dürfte man den Vater einlassen.

Aber nein, ich hatte dem Druck anderer Frauen nachgegeben und mich überreden lassen, den neumodischen Kram mitzumachen – war allerdings von Anfang an voller Zweifel gewesen. Schließlich sähe ich es ja auch nicht gern, wenn irgendwelche Freunde und Verwandte dabei wären, während man mir – beispielsweise – den Blinddarm herausnimmt. Erniedrigend! In einem solchen Fall ist man grundsätzlich im Nachteil. All diese fremden Leute bekommen Stellen des eigenen Körpers zu sehen, die man selbst nicht mal im Spiegel gesehen hat. Ebensowenig wie ich das Aussehen meines Dickdarms kannte, wusste ich, wie mein Gebärmutterhals aussah, und ich wollte es auch nicht wissen. Aber das halbe Personal im Sankt-Michaels-Krankenhaus wusste es.

Ich fand mich im Nachteil und hatte den Eindruck, dass ich irgendwie zu kurz kam. Ich sah einfach nicht sehr vorteilhaft aus. Wie gesagt, eine erniedrigende Angelegenheit.

Ich hatte im Fernsehen genug äußerst männlich wirkende Fernfahrer gesehen, die eine Träne im Auge zerdrückten, kaum ein Wort herausbrachten und mit belegter Stimme zu erklären versuchten, was für Emo… Emoti… Gefühle sie dabei hatten, als sie der Geburt ihres Kindes beiwohnten. Auch hatte ich Geschichten von biertrinkenden schottischen Rugbyspielern gehört, die die ganze Mannschaft eingeladen hatten, sich das Video von der Geburt ihres Kindes anzusehen. Da fragt man sich doch nach den Motiven.

Jedenfalls hatten James und ich uns in die Sache hineingesteigert und beschlossen, dass er dabei sein sollte.

Das ist die Vorgeschichte, jetzt wissen Sie, wie es kam, dass er bei der Geburt dabei war. Die Geschichte, warum und wie er mich verließ, ist ein bisschen länger.

1

Es tut mir leid, vermutlich halten Sie mich jetzt für sehr unhöflich. Kaum sind wir einander vorgestellt, und schon schildere ich Ihnen all das Entsetzliche, was mir widerfahren ist.

Ich will jetzt ganz schnell das Wichtigste über mich sagen und Einzelheiten, wie beispielsweise meinen ersten Schultag, auf später verschieben, vorausgesetzt, uns bleibt Zeit dafür.

Mal sehen. Was müssen Sie wissen? Nun, ich heiße Claire, bin neunundzwanzig und habe, wie bereits erwähnt, vor zwei Tagen mein erstes Kind zur Welt gebracht (ein Mädchen, 3 290 Gramm, wunderschön). Mein Mann (habe ich schon gesagt, dass er James heißt?) hat mir vor etwa vierundzwanzig Stunden mitgeteilt, dass er seit einem halben Jahr etwas mit einer anderen hat und zwar – man bedenke – nicht etwa mit seiner Sekretärin oder irgendeinem bezaubernden Geschöpf aus dem Büro, sondern mit einer verheirateten Frau, die zwei Stockwerke unter uns wohnt. Wenn das nicht spießig ist! Er betrügt mich nicht nur mit ihr, er möchte sich auch scheiden lassen.

Tut mir leid, wenn das sarkastisch klingt. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Bestimmt dauert es nicht mehr lange, und ich muss wieder heulen. Vermutlich stehe ich nach wie vor unter Schock. Sie heißt Denise, und ich kenne sie ziemlich gut – nicht so gut wie James natürlich. Das Schreckliche ist, dass ich sie immer recht nett fand.

Sie ist fünfunddreißig (fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß, ich weiß es einfach. Und auf die Gefahr hin, dass es so aussehen könnte, als hingen mir die Trauben zu hoch und ich damit Ihre Sympathien verliere, sage ich, dass sie auch wie fünfunddreißig aussieht). Sie hat drei Kinder und einen netten Mann (von meinem einmal abgesehen). Offenbar ist sie aus ihrer Wohnung ausgezogen und James aus seiner (oder unserer), und sie sind zusammengezogen, niemand weiß, wo.

Sollte man das für möglich halten?! Das reinste Rührstück! Zwar ist ihr Mann Italiener, aber ich glaube nicht, dass er die beiden umbringen wird. Er ist Kellner und kein Handlanger der Mafia, was soll er also machen? Die beiden mit schwarzem Pfeffer um die Ecke bringen? So lange vor ihnen dienern, bis sie im Koma liegen? Sie mit dem Servierwagen überfahren?

Schon wieder könnte man sagen, ich sei sarkastisch. Das ist aber nicht so. Todunglücklich bin ich. Es ist die reinste Katastrophe. Ich weiß nicht einmal, wie ich meine Kleine nennen soll. James und ich hatten über verschiedene Namen gesprochen – im Rückblick muss ich sagen, ich hatte darüber gesprochen, und er hatte so getan, als habe er zugehört –, uns aber noch nicht entschieden. Jetzt scheint mir die Fähigkeit zu eigenen Entschlüssen abhandengekommen zu sein. Ich weiß, das ist ziemlich kläglich, aber so ist das, wenn man verheiratet ist. Mit einem Schlag ist jegliches Gefühl für Selbstbestimmung beim Teufel!

Ich war nicht immer so. Früher hatte ich einen ausgeprägten Willen und war voller unbändigem Unabhängigkeitsstreben. Aber all das scheint ziemlich lange her zu sein.

Ich war mit James fünf Jahre zusammen, und seit drei Jahren sind wir verheiratet. Großer Gott, und ich liebe diesen Mann.

Auch wenn wir keinen besonders günstigen Start erwischt hatten, sind wir doch rasch dem Zauber verfallen. Wir waren uns darüber einig, dass wir uns etwa eine Viertelstunde nach unserem Kennenlernen ineinander verliebt haben. Verliebt geblieben sind wir bis auf den heutigen Tag – jedenfalls bin ich es.

Lange war ich überzeugt, ich würde nie einen Mann kennenlernen, der bereit wäre, mich zu heiraten. Vielleicht sollte ich das etwas genauer ausführen.

Ich war überzeugt, keinen netten Mann kennenzulernen, der bereit wäre, mich zu heiraten. Zweifellos gab es einen ganzen Haufen verrückter Kerle, die das wollten, aber ich wollte einen netten Mann, ein bisschen älter als ich, mit einem anständigen Beruf, der gut aussah, lustig und liebenswürdig war. Sie wissen schon – einen, der mich nicht schief ansah, wenn ich sagte, dass ich mir im Fernsehen gern Serien ansah, und nicht etwa einen, der mich zum Abendessen bei McDonald’s auszuführen versprach, sobald er die Mittlere Reife hatte, oder der sich entschuldigte, weil er mir kein Geburtstagsgeschenk besorgen konnte, weil sich seine Frau, von der er getrennt lebte, durch richterliche Anordnung sein Gehalt hatte überschreiben lassen. Ich wollte auch keinen, bei dem ich mir altmodisch und gehemmt vorkam, weil ich wütend wurde, wenn er mir erklärte, dass er mit seiner Exfreundin geschlafen hatte, nachdem er tags zuvor mit mir im Bett war (mein Gott, ihr früheren Klosterschülerinnen seid aber auch so was von verklemmt), keinen, bei dem ich das Gefühl hatte, ich wäre geistig unterbelichtet, weil ich den Unterschied zwischen Piat d’Or und Zinfandel nicht kenne (was auch immer das sein mag!).

James behandelte mich überhaupt nicht auf diese unangenehme Weise. Fast zu schön, um wahr zu sein. Er mochte mich. Er mochte fast alles an mir.

Als wir uns kennenlernten, lebten wir beide in London. Ich war Kellnerin (davon später mehr) und er Steuerberater.

Von allen Restaurants mit texanisch-mexikanischer Küche in allen Städten der Welt musste er ausgerechnet in das geraten, in dem ich arbeitete. Ich war keine richtige Kellnerin, sondern hatte einen Abschluss in Englisch. Aber gerade damals lehnte ich mich gegen die bürgerliche Gesellschaft auf, ziemlich spät mit meinen dreiundzwanzig Jahren. Mir gefiel die Vorstellung, meine recht ordentlich bezahlte Dauerstellung mit Pensionsanspruch in Dublin aufzugeben und ins gottlose London zu ziehen, um dort ein freies und ungebundenes Studentenleben zu führen.

Eigentlich hätte ich das machen sollen, als ich eine freie und ungebundene Studentin war. Aber damals hatte ich alle Hände voll damit zu tun, in den Semesterferien an verschiedenen Arbeitsplätzen praktische Erfahrungen zu sammeln, und so musste meine Ungebundenheit eben warten, bis ich reif dafür war. Auch Spontaneität braucht ihren Ort und ihre Zeit.

Jedenfalls war es mir gelungen, als Kellnerin in diesem unwahrscheinlich schicken Londoner Restaurant voll lauter Musik, Videobildschirmen und kleiner Berühmtheiten unterzukommen. Ehrlich gesagt fanden sich mehr kleine Berühmtheiten unter dem Personal als unter den Gästen, denn es bestand größtenteils aus arbeitslosen Schauspielerinnen, Models und dergleichen.

Ich werde nie verstehen, wieso man mich dort genommen hatte. Vielleicht wollte man eine Alibi-Normalkellnerin haben. Immerhin war ich die Einzige, die kleiner war als zwei vierzig und mehr wog als fünfunddreißig Kilo. Zwar taugte ich nicht zum Model, aber ich habe einen gewissen, sagen wir, natürlichen Charme. Sie wissen schon: kurzes, glänzendes brünettes Haar, blaue Augen, Sommersprossen, ein breites Lächeln, so in der Art.

Außerdem war ich so naiv und weltunerfahren, dass ich nie merkte, wenn ich bekannten Größen von Bühne und Fernsehen von Angesicht zu Make-up-Angesicht gegenüberstand. Mehr als einmal hatte mich eine Kollegin, wenn ich an einem Tisch bediente (ich verwende den Begriff im weitesten Sinne des Wortes), so in die Rippen geboxt, dass einem bedauernswerten Gast kochend heiße Barbecue-Soße über die Lenden schwappte, um mir zuzuzischeln: »Ist das nicht der Wie-heißter-noch-gleich aus der und der Musikgruppe?«

Darauf hatte ich vielleicht geantwortet: »Welcher? Der im Lederanzug?« (Man muss bedenken, das waren die achtziger Jahre.)

»Nein«, zischelte sie zurück. »Der mit den blonden Rasta-Locken und dem Chanel-Lippenstift. Ist das nicht ihr Lead-Sänger?«

»Ach ja?«, hatte ich dann gestammelt und war mir unwissend und hinterwäldlerisch vorgekommen, weil ich nicht wusste, wer dieser Mensch war.

Jedenfalls machte mir meine Arbeit dort Spaß. Sie ließ mir einen Schauer durch das Mittelschichtmark meiner bürgerlichen Knochen laufen. Ich fand es dekadent und erregend, Tag für Tag um ein Uhr mittags aufzuwachen, von sechs bis Mitternacht zu arbeiten und mich anschließend mit den Männern hinter der Bar und den Aushilfskellnern volllaufen zu lassen.

Unterdessen vergoss meine Mutter daheim in Irland bittere Tränen beim Gedanken daran, dass ihre akademisch gebildete Tochter Popmusikern Hamburger auf den Tisch stellte. Es waren nicht einmal berühmte Popmusiker, was das Ganze noch schlimmer machte.

An dem Abend, an dem ich James kennenlernte, arbeitete ich seit etwa einem halben Jahr da. Freitags kamen üblicherweise die Nadelstreifentypen. So nannten wir die jungen Angestellten, die wie am Jüngsten Tag die Toten ihren Gräbern den Londoner Büros entquollen, um ins Wochenende zu gehen. Ganze Scharen bleicher, pickeliger junger Männer in billigen Anzügen stürmten mit weit aufgerissenen Augen unser Lokal, weil sie – in beliebiger Reihenfolge – Berühmtheiten sehen und sich betrinken wollten.

Wir Kellnerinnen pflegten dazustehen und verächtlich auf diese Gästeschar hinabzublicken, angesichts ihrer Anzüge, Frisur und so weiter ungläubig und mitleidsvoll den Kopf zu schütteln und sie während der ersten Viertelstunde betont nicht zur Kenntnis zu nehmen. Mit klirrenden Ohrringen und Armreifen liefen wir an ihnen vorbei und hatten ganz offensichtlich weit Wichtigeres zu tun, als uns um ihre lächerlichen Bedürfnisse zu kümmern. Wenn sie schließlich vor Verzweiflung und Hunger den Tränen nahe waren, traten wir breit lächelnd an den Tisch, Schreibblock und Stift in der Hand. »’n Abend, die Herren, möchten Sie etwas trinken?«

Dann waren sie richtig dankbar, und anschließend war es völlig unerheblich, ob wir ihnen die falschen Getränke brachten oder sie ewig auf ihr Essen warten ließen. Sie gaben uns trotz allem ein üppiges Trinkgeld, weil sie glücklich waren, dass wir sie mit unserer Aufmerksamkeit beehrt hatten.

Unser Wahlspruch lautete: »Nicht nur hat der Gast grundsätzlich unrecht, höchstwahrscheinlich ist er obendrein auch äußerst schlecht gekleidet.«

Am fraglichen Freitagabend saßen James und drei seiner Kollegen in meinem Revier, und ich kümmerte mich auf die gewohnte verantwortungslose und schludrige Weise um sie. Das heißt, ich nahm praktisch keine Notiz von ihnen, hörte kaum hin, als ich ihre Bestellung aufnahm, und vermied jeden Blickkontakt. Andernfalls wäre mir womöglich aufgefallen, dass einer von ihnen (jawohl, natürlich James) mit seinen schwarzen Haaren, grünen Augen und knapp eins achtzig sehr gut aussah. Ich hätte durch den Anzug die Seele des Mannes erkennen müssen. Oberflächlichkeit, dein Name ist Claire.

Aber ich wollte im Hinterzimmer bei den anderen Kellnerinnen sein, Bier trinken, rauchen und mit ihnen über Sex reden. Gäste waren da nichts als eine lästige Störung.

»Kann ich mein Steak nur ganz wenig durchgebraten haben?« , fragte einer von ihnen.

»Hm«, sagte ich unverbindlich. Ich war noch weniger interessiert als gewöhnlich, weil ich auf dem Tisch ein Buch gesehen hatte. Ein wirklich gutes, ich hatte es selbst gelesen.

Ich las gern, und ich mochte Männer, die Bücher lasen. Mir gefielen Männer, die den Unterschied zwischen Existenzialismus und Magischem Realismus kannten. Schließlich hatte ich die letzten sechs Monate mit Leuten zusammengearbeitet, die mit Müh und Not imstande waren, die Zeitschrift der Bühnengewerkschaft zu lesen (wobei sie halblaut mitbuchstabierten). Mit einem Mal wurde mir klar, wie sehr mir eine gelegentliche intelligente Unterhaltung fehlte, und es gab mir einen Stich.

Bei einem Gespräch über den modernen amerikanischen Roman konnte ich mit jedem mithalten. Sag mir was über Hunter S. Thompson, und ich sag dir was über Jay McInerney.

Plötzlich waren die Leute an diesem Tisch nicht mehr lästig, sondern gewannen eine Art Identität.

»Wem gehört das Buch?«, fragte ich unvermittelt und hörte auf, die Bestellungen aufzunehmen. (Es ist mir egal, wie Sie Ihr Steak haben wollen.)

Die vier am Tisch zuckten zusammen. Ich hatte das Wort an sie gerichtet! Ich hatte sie fast wie Menschen behandelt!

»Mir«, sagte James, und als sich der Blick meiner blauen Augen mit dem seiner grünen über seinem Mango-Daiquiri kreuzte (bestellt hatte er ein großes Bier), war es um uns geschehen, der Zauberstaub hatte uns berührt. In diesem Moment geschah etwas Wunderbares. Vom ersten Augenblick an, da wir einander angesehen hatten, war uns klar, dass wir einem besonderen Menschen begegnet waren, auch wenn der eine sonst fast nichts über den anderen wusste. (Außer dass wir die gleichen Bücher mochten und einander gern ansahen.)

Ich habe immer gesagt, dass wir uns an Ort und Stelle ineinander verliebt haben. Er hat nichts dergleichen gesagt; wohl aber hat er mich als hoffnungslos romantisch bezeichnet und erklärt, er habe mindestens eine halbe Minute länger gebraucht, sich in mich zu verlieben. Diesen Streit werden die Historiker austragen.

Als Erstes musste ich dafür sorgen, dass er merkte, auch ich hatte das Buch gelesen. Da ich dort als Kellnerin arbeitete, hielt er mich vermutlich für irgendein dämliches Model oder eine dämliche Sängerin – ungefähr so, wie ich ihn als eine Art Untermensch eingestuft hatte, weil er im Büro arbeitete. Geschah mir ganz recht.

»Haben Sie das gelesen?«, fragte er, offenkundig überrascht, wobei im Ton seiner Stimme die Frage mitschwang: »Können Sie überhaupt lesen?«

»Ja, ich habe alle seine Bücher gelesen«, erklärte ich.

»Tatsächlich?«, fragte er, lehnte sich nachdenklich gegen die Stuhllehne und hob interessiert den Blick zu mir. Eine Locke seines seidigen schwarzen Haares war ihm in die Stirn gefallen.

»Ja«, brachte ich heraus. Ich spürte, wie mir vor Fleischeslust fast ein wenig schlecht wurde.

»Die Verfolgungsjagden im Auto sind gut, was?«, sagte er. Dazu muss ich erklären, dass in keinem dieser Bücher irgendwelche Verfolgungsjagden mit Autos vorkommen. Es handelt sich um ernsthafte Literatur, in der es um Leben, Tod und dergleichen geht.

Gott im Himmel!, dachte ich beunruhigt. Er sieht gut aus, ist intelligent und obendrein witzig. Ob ich das verkrafte?

Dann lächelte er mir zu. Ein sich langsam ausbreitendes erotisches Lächeln, ein wissendes Lächeln, das im völligen Widerspruch zu seinem Nadelstreifenanzug stand, und ich schwöre, meine Innereien verwandelten sich in eine Masse, die warmem Speiseeis ähnelte. Sie wissen schon, es kitzelte heiß und kalt zugleich und fühlte sich an … nun … als würden sie jeden Augenblick zerlaufen oder so was.

Noch Jahre später, lange nachdem sich der erste Zauber gelegt hatte und die meisten unserer Gespräche um Versicherungspolicen, Weichspüler und Hausschwamm kreisten, brauchte ich mich nur an jenes Lächeln zu erinnern, und sofort kam es mir wieder vor, als hätte ich mich gerade frisch verliebt.

Wir redeten noch ein wenig miteinander. Nur ein paar Worte. Aber sie genügten zu sehen, dass er nett, klug und witzig war.

Er bat mich um meine Telefonnummer. Ich gab sie ihm, obwohl die Kündigung drohte, wenn das bekannt wurde.

Als er an jenem Abend das Restaurant mit seinen drei Kumpels verließ, ein Durcheinander aus Aktentaschen, Regenschirmen, zusammengerollten Financial Times und dunklen Anzügen, lächelte er mir zum Abschied zu. Da wusste ich (nun, hinterher lässt sich das leicht sagen, es ist kein Kunststück, die Zukunft vorauszusagen, wenn sie schon eingetreten ist), dass ich meinem Schicksal begegnet war. Meiner Zukunft.

Nach ein paar Minuten war er wieder da. »Entschuldigung«, sagte er breit grinsend. »Wie heißen Sie?«

Als meine Kolleginnen merkten, dass mich einer von diesen Clowns in Nadelstreifen um meine Telefonnummer gebeten und, schlimmer noch, ich sie ihm gegeben hatte, behandelten sie mich wie eine Aussätzige. Es dauerte ziemlich lange, bis sie mich wieder zum Kokainschnupfen einluden, das kann ich Ihnen sagen. Aber das war mir egal, denn ich war James mit Haut und Haar verfallen.

Trotz all meines Geredes von Unabhängigkeit war ich in tiefster Seele sehr romantisch. Trotz all meines Geredes von Aufbegehren war ich so bürgerlich, wie das nur möglich ist.

Schon von unserer ersten Verabredung an war die Sache herrlich. Romantisch, wunderschön.

Tut mir wirklich leid, aber ich werde jetzt eine ganze Reihe von Klischees ausbreiten. Ich sehe keine andere Möglichkeit.

Es ist mir richtig peinlich zu sagen, dass ich wie auf Wolken ging. Noch mehr tut mir leid, behaupten zu müssen, dass es mir vorkam, als hätte ich ihn schon mein ganzes Leben lang gekannt. Noch schlimmer mache ich die Sache sicher mit der Erklärung, dass ich das Gefühl hatte, noch nie habe mich jemand so verstanden wie er. Da ich nun ohnehin schon vollkommen unglaubwürdig bin, kann ich ebensogut hinzufügen, ich hätte es nie für möglich gehalten, dass man so glücklich sein kann. Um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, verkneife ich mir die Aussage, dass er mir das Gefühl der Geborgenheit gab und ich mir mit einem Mal klug, liebreizend und verlockend vorkam. (Es tut mir wirklich leid, aber das eine noch: Ich hatte die Empfindung, meiner anderen Hälfte begegnet und jetzt erst vollständig zu sein. Vielleicht sollte ich aber noch schnell sagen, dass er großartig im Bett und sehr lustig war. Das ist jetzt aber wirklich alles. Ehrenwort.)

Als wir miteinander ausgingen, hatte ich anfangs fast jeden Abend Dienst, sodass ich ihn erst nach Feierabend treffen konnte. Aber er wartete auf mich, und wenn ich dann erschöpft aus dem Lokal kam, weil ich den Londonern (genauer gesagt den Leuten aus Hamburg oder Pennsylvania) stundenlang verkohltes Grillfleisch serviert hatte, wusch er mir die schmerzenden Füße – ich kann es bis auf den heutigen Tag nicht glauben – und massierte sie mit Pfefferminz-Fußlotion aus dem Body Shop. Dabei war es nach Mitternacht, und er musste am nächsten Morgen um acht wieder im Büro sein, wo er Leuten dabei half, ihre Steuererklärung zu frisieren, oder was auch immer Steuerberater so tun. Fünf Nächte die Woche kümmerte er sich um mich. Außerdem hielt er mich über Fernsehserien auf dem Laufenden oder holte an der Tankstelle Zigaretten, wenn ich keine mehr hatte. Oder er erzählte mir lustige kleine Geschichten von seiner Arbeit. Ich weiß, es fällt schwer zu glauben, dass Geschichten aus dem Alltag eines Steuerberaters lustig sein können, aber er brachte das Kunststück fertig.

Wegen meiner Arbeit konnten wir samstagsabends nie ausgehen, und er hat sich nicht darüber beklagt. Merkwürdig, was? Das dachte ich auch.

Außerdem half er mir, mein Trinkgeld zu zählen, und beriet mich, wie ich es anlegen sollte. Zum Beispiel in Staatsanleihen und dergleichen. Gewöhnlich kaufte ich mir Schuhe dafür.

Kurz danach widerfuhr mir das große Glück, entlassen zu werden. Der Anlass war ein dummes Missverständnis, bei dem es um mich, mehrere Flaschen Importbier und darum ging, dass einem absolut unvernünftigen Gast, der keine Spur Humor hatte, ein Teller voll Essen auf dem Schoß gelandet war. Ich glaube, dass seine Narben inzwischen so gut wie verheilt sind.

Daraufhin gelang es mir, eine andere Anstellung mit angenehmeren Arbeitszeiten zu bekommen, und unsere Romanze ging mit einem herkömmlicheren Stundenplan weiter.

Nach einer Weile sind wir dann zusammengezogen, und noch eine Weile später haben wir geheiratet. Ein paar Jahre später beschlossen wir, uns ein Kind zuzulegen, und da meine Eierstöcke mitzuspielen schienen, seine Spermatozoen keinen Protest einlegten und meine Gebärmutter keine Einwände erhob, wurde ich schwanger und brachte ein kleines Mädchen zur Welt.

Das ist die Stelle, an der Sie dazugestoßen sind.

Ich denke, wir sind jetzt so ziemlich auf dem Laufenden.

Wenn Sie hier eine blutrünstige Beschreibung der Geburt erwartet oder erhofft hatten, mit gynäkologischen Beinstützen, Geburtszange, qualvollem Stöhnen und geschmacklosen Vergleichen wie dem konfrontiert zu werden, dass es der Gebärenden vorkommt, als stieße sie einen Halbzentnersack Kartoffeln aus, muss ich Sie leider enttäuschen.

(Na schön, einfach um Ihnen eine Freude zu machen: Stellen Sie sich Ihre schlimmsten Periodenschmerzen vor, multiplizieren Sie sie mit sieben Millionen, und stellen Sie sich weiter vor, sie dauerten vierundzwanzig Stunden – dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie es bei den Wehen zugeht.)

Ja, es war angsteinflößend, schmutzig, erniedrigend und ziemlich schmerzhaft. Es war aber auch aufregend, begeisternd und herrlich. Doch für mich war am wichtigsten, dass es vorbei war. Zwar konnte ich mich mehr oder weniger an die Schmerzen erinnern, aber sie taten mir nichts mehr. Aber als James ging, merkte ich, dass ich lieber hundertmal die Wehen ertragen würde, als noch ein einziges Mal die Qualen, die ich bei seinem Verlust empfand.

Jetzt soll berichtet werden, wie er mir seinen bevorstehenden Fortgang mitteilte. Nachdem ich mein Töchterchen zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte, brachten die Schwestern sie auf die Säuglingsstation und mich auf die Wöchnerinnenstation, wo ich eine Weile schlief. Als ich wach wurde, stand James an meinem Bett und sah auf mich herab. Seine Augen wirkten in seinem bleichen Gesicht sehr grün. Schläfrig und siegesgewiss lächelte ich ihm zu. »Hallo, Liebling.«

»Hallo, Claire«, sagte er kühl und höflich.

Dummerweise glaubte ich, diese Ernsthaftigkeit hänge mit seiner Achtung vor mir zusammen. (Seht, meine Frau! Sie hat heute ein Kind geboren, sie schenkt Leben – so in etwa.)

Er setzte sich auf den Rand des harten Krankenhausstuhls und sah dabei aus, als wolle er jede Sekunde aufspringen und davonlaufen. Was ja auch der Fall war.

»Hast du dir deine Tochter schon angesehen?«, fragte ich ihn verträumt. »Sie ist wunderschön.«

»Noch nicht«, sagte er knapp. »Claire, ich gehe«, sagte er unvermittelt.

»Warum?«, fragte ich und kuschelte mich wieder in die Kissen. »Du bist doch gerade erst gekommen.« (Ja, ich weiß, ich kann es selbst nicht glauben, dass ich das sagte. Wer schreibt eigentlich meinen Text?)

»Claire, hör mir zu«, sagte er, wobei er ein bisschen lebhafter wurde. »Ich verlasse dich.«

»Was?«, sagte ich gedehnt und betont. Ich war augenblicklich hellwach.

»Weißt du, es tut mir wirklich leid, aber ich hab eine andere kennengelernt und will mit ihr leben. Das mit der Kleinen und dass ich dich jetzt so im Stich lasse, tut mir natürlich leid, aber ich kann nicht anders«, stieß er hervor. Er war weiß wie ein Laken und sah gequält drein.

»Was willst du damit sagen, dass du ›eine andere kennengelernt hast‹?«, fragte ich verwirrt.

»Ich meine … nun …, ich hab mich in eine andere verliebt«, sagte er mit unglücklichem Gesicht.

»Soll das heißen eine andere Frau, oder was?« Ich kam mir vor wie jemand, dem man einen Kricketschläger auf den Kopf geschlagen hatte.

»Ja«, sagte er, zweifellos erleichtert, dass ich die Situation im Großen und Ganzen erfasst hatte.

»Und du verlässt mich also?«, fragte ich ihn ungläubig.

»Ja«, sagte er. Um meinem Blick auszuweichen, sah er dabei auf seine Schuhspitzen, zur Decke und auf meine Limonadenflasche.

»Du liebst mich also nicht mehr?«, fragte ich schließlich.

»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht«, gab er zur Antwort.

»Und was ist mit der Kleinen?«, fragte ich benommen. Er konnte mich unmöglich verlassen, schon gar nicht jetzt, wo wir ein gemeinsames Kind hatten. »Du musst dich um uns beide kümmern.«

»Es tut mir leid, aber das kann ich nicht«, sagte er. »Ich werde dafür sorgen, dass die finanzielle Seite geregelt wird. Auch wegen der Wohnung, der Hypothek und allem werden wir eine Lösung finden, aber ich muss gehen.«

Ich konnte nicht glauben, dass wir dieses Gespräch führten. Wovon zum Teufel redete er? Was sollte der Blödsinn mit Wohnung, Geld, Hypothek und dem ganzen Kram? Üblicherweise hätten wir uns jetzt mit der Kleinen beschäftigen und uns freundschaftlich darüber streiten müssen, welchen Großeltern sie ähnlicher sah. Aber James, mein James, sprach davon, mich zu verlassen. Wer ist hier zuständig? Ich möchte mich über mein Leben beschweren. Ich hatte ausdrücklich ein glückliches Leben mit einem liebenden Mann bestellt, passend zu meinem neugeborenen Kind. Wieso drückte man mir jetzt statt dessen diese minderwertige Karikatur auf?

»Großer Gott, Claire«, sagte er. »Es fällt mir wirklich nicht leicht, dich so im Stich zu lassen. Aber wenn ich jetzt mit dir und dem Kind nach Hause gehe, komme ich nie von euch los.«

Das sollst du ja auch gar nicht, dachte ich verwirrt.

»Ich weiß, dass es keinen passenden Zeitpunkt gibt, dir so was zu sagen. Als du schwanger warst, ging es nicht, weil du sonst vielleicht das Kind verloren hättest. Also muss ich es jetzt sagen.«

»James«, sagte ich schwach. »Das ist alles vollkommen verrückt.«

»Ich weiß«, stimmte er zu. »Du hast in den letzten vierundzwanzig Stunden viel durchgemacht.«

»Warum warst du bei der Geburt dabei, wenn du mich von vornherein im Stich lassen wolltest, kaum dass es vorüber ist?«, fragte ich ihn und fasste seinen Arm, damit er mich ansah.

»Weil ich es versprochen hatte«, sagte er und schüttelte meine Hand ab. Wie ein geprügelter Schuljunge sah er beiseite.

»Weil du es versprochen hattest?«, fragte ich und versuchte zu verstehen, was das Ganze sollte. »Aber du hast mir viel versprochen. Beispielsweise mich zu lieben und zu achten, bis dass der Tod uns scheidet.«

»Das Versprechen kann ich nicht halten«, murmelte er. »Tut mir wirklich leid.«

»Und wie soll es weitergehen?«, fragte ich benommen. Keine Sekunde akzeptierte ich auch nur ein Wort von dem, was er sagte. Aber die Musik spielt auch dann weiter, wenn niemand auf der Tanzfläche ist. Zwischen mir und James lief etwas ab, was ein unbeteiligter außenstehender Beobachter als Unterhaltung ansehen mochte. Aber es war keine, denn ich meinte kein Wort von dem, was ich sagte, und akzeptierte nichts von dem, was er sagte. Als ich ihn fragte, wie es weitergehen würde, brauchte ich keine Antwort. Ich wusste, wie es weitergehen würde. Er würde mit mir und dem Kind nach Hause kommen, und damit wäre Schluss mit diesem Unsinn.

Ich war überzeugt, dass er merken würde, wie absurd es war, auch nur an eine Trennung zu denken, wenn ich es nur schaffte, dass er bei mir blieb, und ihn dazu brachte weiterzureden.

Er stand auf. Er war zu weit entfernt, als dass ich nach ihm hätte greifen können. Er trug einen schwarzen Anzug (wir hatten früher oft darüber gescherzt, dass er ihn trug, wenn er bei Konkursen Firmen liquidieren musste), und er sah entschlossen und bleich aus. In gewisser Hinsicht war er mir nie schöner erschienen.

»Ich sehe, du trägst deinen Leichenbestatter-Anzug«, sagte ich bitter. »Hübscher Einfall.«

Er machte sich nicht einmal die Mühe zu lächeln. In dem Augenblick begriff ich, dass ich ihn verloren hatte. Er sah aus wie James, er klang wie James, roch wie James, aber er war nicht James.

Es war wie in einem Science-Fiction-Film aus den fünfziger Jahren, in dem ein außerirdisches Wesen in den Körper der Freundin des Helden schlüpft – von außen sieht sie aus wie immer (rosa Angorapullover, niedliches Handtäschchen, so spitzer BH, dass sie damit einer Spinne das Auge ausstechen könnte, und so weiter) –, aber ihre Augen haben sich verändert.

Ein flüchtiger Beobachter würde eventuell immer noch denken, dass es sich um meinen James handelte, aber der Blick in seine Augen hatte mir gezeigt, dass er fort war. Irgendein kalter Fremder ohne Liebe hatte sich seines Körpers bemächtigt. Ich wusste nicht, wohin mein James verschwunden war.

Vielleicht war er zusammen mit Peggy-Jo im Raumschiff der Außerirdischen.

»Das meiste von meinen Sachen habe ich schon weggebracht«, sagte er. »Ich melde mich. Mach’s gut.«

Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Wöchnerinnenstation fast im Laufschritt. Am liebsten wäre ich ihm nachgerannt, aber der Dreckskerl wusste, dass ich dank mehrerer Stiche, mit der man den Dammschnitt genäht hatte, fest im Bett liegenbleiben musste. Dann war er fort.

Eine ganze Weile lag ich stocksteif da. Ich war wie betäubt, entsetzt und fassungslos, konnte es nicht glauben. Doch war da sonderbarerweise etwas, das mich veranlasste, den Vorfall zu glauben, ein Gefühl, das mir fast vertraut war.

Wirklich vertraut konnte es nicht sein, da mich noch nie zuvor ein Ehemann verlassen hatte. Aber da war etwas. Ich vermute, dass es im Hirn eines jeden Menschen, auf jeden Fall in meinem, etwas gibt, das ständig von einem Felsennest hoch in den Bergen Ausschau nach möglichen Gefahren hält. Es meldet dem übrigen Gehirn, wenn sich Schwierigkeiten ankündigen. Auf der Gefühlsebene ist das wohl die Entsprechung von ›Die Indianer greifen an‹. Je mehr ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass dieser Teil meines Gehirns vermutlich schon seit Monaten Licht- und Rauchsignale ausgesandt hatte. Aber mein übriges Hirn hielt sich bei der Wagenburg unten im angenehm grünen Tal der Schwangerschaft auf und wollte von der bevorstehenden Gefahr nichts wissen. Also achtete es einfach nicht auf die Botschaften, die ihm galten.

Gewiss, James war während des größten Teils meiner Schwangerschaft ziemlich unglücklich gewesen. Das hatte ich auf meine Stimmungsumschwünge geschoben, meinen beständigen Heißhunger und meine übertriebene Sentimentalität, die dazu führte, dass ich über alles heulte, sogar über lächerliche Fernsehserien.

Natürlich war auch unser Geschlechtsleben deutlich eingeschränkt gewesen. Aber ich war davon ausgegangen, dass alles wieder normal würde, sobald das Kind auf der Welt war. Normal, nur besser als zuvor.

James’ Trübsal schien mir einfach mit meiner Schwangerschaft und den damit verbundenen Nebenwirkungen zusammenzuhängen, doch fällt mir im Rückblick auf, dass ich vielleicht manches übersehen hatte, was ich nicht hätte übersehen dürfen.

Was also sollte ich tun? Ich wusste nicht einmal, wo er sich aufhielt. Mein Gefühl riet mir, ihn eine Weile in Ruhe zu lassen. Geh auf ihn ein, tu so, als ob du ihn verstehst.

Ich konnte es kaum glauben.

Wie kam er dazu, mich zu verlassen? Normalerweise reagierte ich auf Kränkungen oder Verrat damit, dass ich das Kriegsbeil ausgrub, aber irgendwie war mir klar, dass das in dieser Situation nichts fruchten würde. Ich musste gelassen und bei klarem Verstand bleiben, bis sich eine Möglichkeit ergab zu entscheiden, was ich tun konnte.

Eine Krankenschwester trat auf quietschenden Gummisohlen an mein Bett. Sie blieb stehen und lächelte mir zu. »Wie fühlen Sie sich?«, fragte sie.

»Ganz gut«, sagte ich, weil ich wollte, dass sie wieder verschwand.

»Ich nehme an, Ihr Mann wird später kommen, um Sie und das Kind zu sehen«, sagte sie.

»Darauf würde ich nicht wetten«, antwortete ich bitter.

Sie sah mich erstaunt an und ging rasch zu einer der netten, freundlichen, höflichen Mütter, wobei sie mit ihrem Kugelschreiber klickte und mir über die Schulter nervöse Blicke zuwarf.

Ich beschloss, Judy anzurufen.

Sie war, seit wir achtzehn waren, meine beste Freundin. Wir waren von Dublin gemeinsam nach London gegangen, und sie war meine Trauzeugin gewesen. Mit dieser Sache wurde ich nicht allein fertig. Sie würde mir sagen, was ich tun könnte. Mit äußerster Vorsicht schob ich mich aus dem Bett und ging ans Münztelefon, so rasch die bewusste Dammschnittnaht das zuließ.

Sie nahm sofort ab.

»Hallo, Claire«, sagte sie. »Gerade wollte ich auf einen Sprung vorbeikommen.«

»Gut«, sagte ich. Gott weiß, ich wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen und hätte ihr alles über James und seinen Weggang gesagt, aber hinter mir wartete eine Schlange von Frauen in rosa Frottee-Morgenmänteln (zweifellos wollten sie ihre ihnen ergebenen Männer anrufen), und ich hatte wider Erwarten noch einen Rest Stolz im Leibe.

Eingebildete Schnepfen, dachte ich säuerlich und (wie ich zugeben muss) verärgert, während ich mich in mein Bett zurückschleppte.

Als Judy kam, war mir klar, dass sie über James Bescheid wusste, denn sie sagte: »Claire, ich weiß wegen James Bescheid.« Außerdem merkte ich es daran, dass sie mit leeren Händen gekommen war: Sie hatte weder einen riesigen Blumenstrauß noch eine küchentischgroße Glückwunschkarte voller Störche mitgebracht. Nicht einmal ein breites Lächeln schenkte sie mir. Statt dessen schien sie besorgt und nervös.

Das Herz sank mir bis in die Zehenspitzen. Wenn James es auch anderen erzählte, musste es stimmen.

»Er hat mich verlassen«, sagte ich melodramatisch.

»Ich weiß«, sagte sie.

»Wie konnte er nur?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht«, sagte sie.

»Er hat eine andere«, sagte ich.

»Ich weiß«, sagte sie.

»Wieso weißt du das?«, fragte ich und stieß wie ein Raubvogel mit dem Kopf nach ihr.

»Von Michael. Aisling hat es ihm gesagt. George hat es ihr gesagt.«

Michael war Judys Freund, Aisling war eine Arbeitskollegin von ihm, und ihr Mann George arbeitete in James’ Büro.

»Also weiß es jeder«, sagte ich leise.

Eine Pause trat ein. Judy sah aus, als würde sie am liebsten sterben.

»Dann wird es wohl stimmen«, sagte ich.

»Das denke ich auch«, sagte sie, offensichtlich betreten.

»Kennst du die andere?«, fragte ich. Es war mir unangenehm, sie in eine so peinliche Situation zu bringen, aber ich musste es erfahren, und vorher war ich zu entsetzt gewesen, um James selbst zu fragen.

»Äh, ja«, sagte sie, noch betretener als zuvor. »Es ist Denise.«

Es dauerte eine Minute, bis ich begriff, von wem sie sprach.

»WAS!«, schrie ich. »Doch nicht die nette Denise von unter uns?«

Ein klägliches Nicken Judys antwortete mir. Nur gut, dass ich schon lag.

»So ein Luder!«, stieß ich hervor.

»Es geht noch weiter«, murmelte sie. »Er redet davon, dass er sie heiraten will.«

»Was zum Teufel willst du damit sagen?«, brüllte ich sie an. »Er ist schon verheiratet. Mit mir. Ist seit neuestem vielleicht die Vielehe erlaubt?«

»Ist sie nicht«, sagte sie.

»Aber dann …« Meine Stimme schwand.

»Claire«, seufzte sie niedergeschlagen. »Er sagt, dass er sich scheiden lassen will.« Wie gesagt, nur gut, dass ich schon lag.

Der Nachmittag verging, zusammen mit Judys Geduld und jeglicher Hoffnung, die ich möglicherweise noch gehabt hatte. Ich sah sie verzweifelt an.

»Judy, was soll ich nur tun?«

»Sieh mal«, sagte sie nüchtern. »In zwei Tagen kommst du hier raus. Du hast eine Wohnung, genug Geld, um dich und die Kleine zu ernähren. Du musst dich um ein Neugeborenes kümmern und gehst in sechs Monaten wieder arbeiten. Lass James ein bisschen Zeit. Bestimmt werdet ihr eine Lösung finden.«

»Aber Judy«, jammerte ich. »Er will sich scheiden lassen.«

Allerdings schien er dabei etwas Wichtiges übersehen zu haben. In Irland kannte man keine Scheidung. Wir hatten in Irland geheiratet. Der Pfarrer der Kirche Unserer Lieben Frau von der immerwährenden Hilfe hatte unsere Ehe gesegnet. Viel schien es ja nicht genützt zu haben. Fahr dahin, immerwährende Hilfe.

Ich war völlig ratlos. Ich fühlte mich allein und hatte Angst. Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen und wäre gestorben. Aber das ging nicht, denn ich musste mich um ein hilfloses Neugeborenes kümmern.

Was für ein Start ins Leben für die Kleine! Noch keine zwei Tage alt, und schon hatte der Vater sie verlassen, und ihre Mutter stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Zum tausendsten Mal fragte ich mich, wie James mir das nur hatte antun können.

»Wie konnte James mir das antun?«, fragte ich Judy.

»Das hast du mich schon etwa tausendmal gefragt«, sagte sie.

Das stimmte.

Ich wusste nicht, wie er mir das hatte antun können, ich wusste nur, dass er es getan hatte.

Bis dahin hatte ich wohl angenommen, dass mir das Leben die unangenehmen Dinge in gleich großen mundgerechten Happen zuteilte, und zwar immer nur so viel, wie ich jeweils verarbeiten konnte. Wenn ich von anderen Menschen hörte, die von mehreren Katastrophen gleichzeitig heimgesucht wurden (eine Frau hatte in ein und derselben Woche einen Verkehrsunfall, verlor ihre Arbeit und erwischte ihren Freund mit ihrer Schwester im Bett), hatte ich immer gedacht, dass sie selbst die Schuld daran hätten. Na ja, nicht gerade Schuld. Aber wer sich aufführt, als könnte ihm jederzeit etwas zustoßen, dem stößt etwas zu, und wer mit dem Schlimmsten rechnet, dem passiert es auch.

Jetzt erkannte ich, wie falsch das war. Manchmal suchen sich Menschen ihre Opferrolle nicht aus und fallen trotzdem einem Übel zum Opfer. Sie können nichts dazu. Es war sicherlich nicht meine Schuld, dass mein Mann glaubte, sich in eine andere verliebt zu haben. Ich hatte nicht damit gerechnet, und ich wollte auf keinen Fall, dass so etwas geschah. Aber es war geschehen.

In dem Augenblick begriff ich, dass das Leben besondere Umstände nicht respektiert. Die Macht, die uns Katastrophen in den Weg schleudert, sagt nicht: »Schön, dieses Jahr kriegt sie den Knoten in der Brust nicht. Sie soll sich erst mal vom Tod ihrer Mutter erholen.« Sie tut, wonach ihr ist und wann ihr danach ist. Ich begriff, dass niemand vor einer Anhäufung von Katastrophen sicher ist. Selbstverständlich hielt ich es nicht für eine Katastrophe, ein Kind zu bekommen, aber man konnte eine Geburt ja wohl unter der Überschrift umwälzendes Ereignis einordnen.

Ich hatte stets die Meinung vertreten, ich hielte mein Leben in der Hand und wäre imstande, sofern mir oder James – Gott behüte – je etwas zustieße, mit einem gewissen Aufwand an Zeit und Energie die Dinge in Ordnung zu bringen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich binnen vierundzwanzig Stunden nach der Geburt meines ersten Kindes sitzengelassen würde, zu einem Zeitpunkt, da sich meine Energien auf einem nie gekannten Tiefpunkt befanden und meine Verwundbarkeit einen nie dagewesenen Höchstwert erreicht hatte.

Ganz davon zu schweigen, dass ich unsagbar dick war. Ein dicker Hintern hatte James noch nie gelockt.

Schweigend saß Judy auf meiner Bettkante, und wir versuchten uns etwas einfallen zu lassen. Mit einem Mal hatte ich die Lösung. Es mochte nicht unbedingt die Lösung sein, aber es war eine Lösung, die es mir erlaubte, einstweilen weiterzumachen.

»Ich weiß, was ich tu«, sagte ich. Ich konnte richtig hören, wie Judy voll Inbrunst Gott sei Dank dachte.

Wehmütig sagte ich – wie Scarlett O’Hara am Ende von Vom Winde verweht – : »Ich kehre zurück. Zurück nach Dublin.«

Sicher, ›Dublin‹ klingt nicht ganz so wie ›Tara‹, aber was für einen Sinn hätte es gehabt, wenn ich nach Tara zurückgekehrt wäre? Dort kannte ich niemanden. Ich war erst ein- oder zweimal auf meinem Weg nach Drogheda durchgekommen.

2

Ein paar Tage später holte mich Judy vom Krankenhaus ab. Sie hatte für mich und die Kleine einen einfachen Flug nach Dublin gebucht und brachte mich in meine Wohnung, damit ich ein paar Sachen zusammenpacken konnte.

Von James hatte ich noch nichts gehört. Ich bewegte mich in trübseliger Benommenheit durch den Tag.

Manchmal konnte ich es einfach nicht glauben. Alles, was er mir gesagt hatte, kam mir vor wie ein Traum. Ich konnte mich nicht an die Einzelheiten erinnern, wohl aber an das Übelkeit verursachende Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Manchmal aber tauchte der Verlust in einer Gastrolle auf.

Er machte sich in mir breit. Er war wie eine Kraft, die das Leben aus mir vertrieb und mir den Atem nahm. Er war gefährlich und grausam, er hasste mich. Das musste er wohl, wenn es mir solche Schmerzen verursachen konnte.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich die wenigen Tage im Krankenhaus hinter mich brachte. Ich erinnere mich undeutlich, dass es mich durcheinanderbrachte, wie all die anderen jungen Mütter von einem grundlegenden Wandel in ihrem Leben sprachen und davon, dass es nie wieder um sie allein gehen würde. Sie sprachen davon, wie schwierig es sei, ihr Leben auf das Kind einzustellen und so weiter.

Nur verstand ich nicht, wo da das Problem lag. Ich konnte mir schon jetzt ein Leben ohne mein Kind nicht vorstellen. »Wir beide, du und ich, Schätzchen«, flüsterte ich ihr zu. Vermutlich hat es unseren Verschmelzungsprozess beschleunigt, dass uns der Mann in unserem Leben verlassen hatte. Nichts bringt die Menschen einander so nahe wie eine Krise, wie es so schön heißt.

Ich verbrachte viel Zeit damit, ganz still zu sitzen und die Kleine zu halten. Ich berührte ihre winzigen Puppenfüßchen, ihre vollkommenen rosa Miniaturzehen, ihre fest geschlossenen Fäustchen, ihre samtweichen Öhrchen, streichelte zärtlich die feine Haut ihres unglaublich kleinen Gesichts, fragte mich, welche Farbe ihre Augen wohl annehmen würden.

Sie war so schön, so vollkommen, ein solches Wunder.

Ich hatte von allen Seiten gehört, dass ich damit rechnen müsse, überwältigende Liebe zu meinem Kind zu empfinden, ich war also gewarnt. Aber nichts hätte mich auf diese Intensität vorbereiten können, auf das Gefühl, dass ich imstande wäre, jeden umzubringen, der die blonden Haarbüschelchen auf ihrem weichen kleinen Kopf auch nur berührte.

Dass James mich verlassen hatte, konnte ich verstehen – nun, eigentlich nicht –, aber völlig unverständlich war mir, wie er dies wunderschöne, vollkommene kleine Kind im Stich lassen konnte.

Die Kleine weinte viel. Aber darüber kann ich nicht wirklich klagen, denn das tat ich auch. Ich versuchte, sie immer wieder zu beruhigen, aber sie hörte nur selten auf. Nachdem sie am ersten Tag acht Stunden am Stück geweint und ich ihre Windel hundertzwanzigmal gewechselt und sie neunundvierzigtausendmal gefüttert hatte, wurde ich allmählich hysterisch und verlangte, dass ein Arzt nach ihr sah.

»Irgendetwas kann mit ihr nicht stimmen«, erklärte ich dem erschöpft dreinblickenden jungen Mann, der sich als Arzt vorgestellt hatte. »Sie kann unmöglich hungrig sein, sie hat sich auch nicht in die Windel gemacht, aber sie hört einfach nicht auf zu schreien.«

»Nun, ich habe sie untersucht, und soweit ich sehen kann, fehlt ihr absolut nichts«, erklärte er mir geduldig.

»Aber warum schreit sie dann?«

»Weil sie ein Säugling ist«, sagte er. »Das tun sie alle.« War das alles, was ihm nach sieben Jahren Medizinstudium dazu einfiel? Er überzeugte mich damit nicht. Vielleicht schrie sie, weil sie irgendwie spürte, dass ihr Dad sie im Stich gelassen hatte. Vielleicht aber schrie sie einfach – nagendes Schuldgefühl –, weil ich sie nicht stillte. Vielleicht hatte sie grundsätzliche Vorbehalte gegen das Fläschchen. Mir ist klar, dass Sie jetzt wahrscheinlich empört sind, weil ich nicht stillte, und vermutlich halten Sie mich für eine Rabenmutter. Aber schon lange bevor ich mein Kind bekam, fand ich es in Ordnung, dass ich meinen Körper zurückverlangen konnte, nachdem ich ihn neun Monate hergeliehen hatte. Mir war klar, dass mir jetzt, da ich Mutter war, meine Seele nicht mehr gehörte. Aber eigentlich hatte ich gehofft, dass mir meine Brustwarzen gehörten. Und, ich schäme mich, es zu sagen, ich fürchtete, dass meine Brust, wenn ich mein Kind stillte, verschrumpeln und unansehnlich werden würde.

Jetzt, in Gegenwart meines wundervollen, vollkommenen Kindes, kamen mir meine Bedenken wegen des Stillens kleinlich und egoistisch vor. Alles ändert sich, wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich den Tag erleben würde, an dem ich die Bedürfnisse eines anderen Menschen für wichtiger halten würde als die Verlockung, die von meinen Brüsten ausging.

Wenn also mein kleines Schätzchen nicht bald zu schreien aufhörte, würde ich darüber nachdenken, es zu stillen. Wenn es sie glücklich machte, würde ich mich mit rissigen und tropfenden Brustwarzen abfinden und auch damit, dass kichernde dreizehnjährige Jungen im Bus einen Blick auf meine Titten zu erhaschen versuchten.

Mit Judy und der Kleinen ging ich nach Hause. Ich schloss auf, und obwohl ich wusste, dass James ausgezogen war, war ich nicht auf die kahlen Stellen im Badezimmer, den leeren Kleiderschrank und die Lücken im Bücherregal gefasst.

Es war einfach entsetzlich.

Langsam setzte ich mich auf unser Bett. Das Kissen roch noch nach ihm, und er fehlte mir so sehr.

»Ich kann es nicht glauben«, schluchzte ich. »Er ist wirklich fort.«

Auch die Kleine fing an zu weinen, als spüre sie ebenfalls die Leere. Dabei hatte sie erst vor fünf Minuten damit aufgehört. Die arme Judy war hilflos. Sie wusste nicht, wen von uns beiden sie trösten sollte. Nach einer Weile hörte ich auf zu weinen und wandte Judy langsam mein tränenüberströmtes Gesicht zu. Ich fühlte mich erschöpft vor lauter Kummer.

»Na schön«, sagte ich. »Packen wir.«

»Gut«, flüsterte sie und schaukelte nach wie vor tröstend mich und das Kind in den Armen.

Ich begann, einiges in eine große Reisetasche zu werfen. Ich packte alles ein, wovon ich glaubte, ich würde es brauchen. Ich machte mich daran, einen Stapel Wegwerfwindeln von der Größe eines kleineren südamerikanischen Staates mitzuschleppen, aber Judy meinte, ich sollte sie dort lassen. »Die gibt es auch in Dublin«, erinnerte sie mich freundlich. Ich warf Trinkfläschchen in die Tasche, einen Flaschenwärmer mit einem Abziehbild von einer Kuh, die über den Mond sprang, Schnuller, Spielzeug, Rasseln, Strampelanzüge, Söckchen so groß wie Briefmarken, und was mir noch für mein armes vaterloses Kind wichtig erschien.

Vermutlich überkompensierte ich, weil ich jetzt eine alleinerziehende Mutter war. Tut mir leid, Schätzchen, du hast keinen Vater, weil ich nicht klug oder schön genug war, ihn zu halten, aber ich will das dadurch ausgleichen, dass ich dich mit irdischen Gütern überschütte.

Dann bat ich Judy, mir einige Windeln zurückzugeben.

»Wozu?«, fragte sie und hielt sie fest an sich gedrückt.

»Es könnte ja im Flieger zu einem Zwischenfall kommen«, sagte ich und versuchte, sie ihr zu entreißen.

»Haben die dir im Krankenhaus denn keine Binden mitgegeben?« , fragte sie. Es klang entrüstet.

»Nicht mir könnte ein Zwischenfall passieren, aber der Kleinen. Strenggenommen wäre es ja nicht wirklich ein Zwischenfall«, sagte ich nachdenklich, »sondern eher Berufsrisiko.« Zögernd gab sie mir drei Windeln.

»Weißt du, du kannst sie nicht ewig ›die Kleine‹ nennen«, sagte Judy. »Du wirst ihr einen Namen geben müssen.«

»Mir fällt im Augenblick aber keiner ein«, sagte ich und merkte, wie Panik hochkam.

»Aber was hast du denn in den letzten neun Monaten getan?« Erneut klang Judys Stimme entrüstet. »Du musst dir doch ein paar Namen überlegt haben.«

»Hab ich auch«, sagte ich, und meine Lippe begann zu zittern. »Aber ich hab das mit James zusammen getan. Es ist nicht recht, ihr einen von diesen Namen zu geben.«

Judy sah mich ein wenig verärgert an. Aber da ich wieder den Tränen nahe war, sagte sie weiter nichts.

Für mich selbst nahm ich außer einer Handvoll Bücher zur Kinderpflege kaum etwas mit. Wozu, dachte ich, jetzt, wo mein Leben vorbei ist.

Außerdem passte mir nichts mehr. Ich öffnete den Kleiderschrank und wich vor den herablassenden Blicken zurück, mit denen mich all meine viel zu engen Kleider musterten. Kein Zweifel: Sie redeten miteinander über mich.

Ich konnte förmlich sehen, wie sie sich anstießen und sagten: »Sieh dir nur an, wie dick sie ist. Glaubst du allen Ernstes, dass wir zierlichen Sechsunddreißiger was mit der Vierundvierziger-Figur zu schaffen haben wollen, die sie mit sich rumschleppt? Kein Wunder, dass ihr Mann mit einer anderen durchgebrannt ist.«

Ich wusste genau, was sie dachten.

»Du hast dich gehenlassen. Dabei hast du immer wieder gesagt, du würdest das nicht tun. Du hast uns enttäuscht und dich selbst auch.«

»Tut mir leid«, erklärte ich unterwürfig. »Ich verspreche euch, dass ich abnehme. Ich komm zu euch zurück, sobald ich kann.«

Ihre Skepsis ließ sich mit Händen greifen.

Ich hatte die Wahl zwischen meinen Umstandskleidern oder Jeans, die James bei seinem überstürzten Aufbruch zurückgelassen hatte. Ich zog sie an und betrachtete im Schlafzimmerspiegel meinen abstoßenden übergewichtigen Körper. Ich sah verheerend aus! Ich kam mir vor, als hätte ich den Michelinmännchen-Anzug meiner großen Schwester angezogen. Oder noch schlimmer, als wäre ich immer noch schwanger.

In den Wochen unmittelbar vor der Geburt hatte ich gewaltige Ausmaße. Richtig kugelrund war ich. Das Einzige, was mir in jener Zeit gepasst hatte, war mein grünes wollenes Kittelkleid, und da mein Gesicht wegen meiner beständigen Übelkeit stets grün war, sah ich aus wie eine Wassermelone, die sich Stiefel angezogen und ein wenig Lippenstift aufgelegt hatte. Zwar war ich jetzt nicht mehr grün, sah aber in jeder anderen Beziehung nach wie vor aus wie eine Wassermelone. Wie eine Wassermelone, die eine Packung Eisentabletten hätte vertragen können.

Was passierte da mit mir? Wohin waren mein wirkliches Ich und mein wirkliches Leben entschwunden?

Schweren Herzens – nicht das einzige Schwere an mir – rief ich ein Taxi an, das uns zum Flughafen bringen sollte. Es klingelte an der Tür. Ich sah mich ein letztes Mal in meinem Wohnzimmer um, warf einen letzten Blick auf die halbleeren Regale mit den Löchern darin, die nagelneue, ungebrauchte Gegensprechanlage zur Überwachung des Kinderzimmers, die an der Wand hing (was für eine Geldverschwendung), und den Berg Windeln auf dem Fußboden, die wir zurückließen.

Ich schloss mit Nachdruck die Tür hinter mir, bevor ich wieder anfing zu weinen.

Ja, ich weiß. Ziemlich aufgesetzte Symbolik. Tut mir leid.

Dann fiel mir auf, dass mir etwas fehlte. »Gott«, sagte ich, »meine Ringe.« Ich rannte wieder hinein und holte meinen Verlobungs- und meinen Ehering aus dem Schlafzimmer. Sie hatten in den letzten beiden Monaten auf dem Nachttisch gelegen, weil auch meine Finger so dick angeschwollen waren, dass ich sie nicht tragen konnte. Ich rammte sie mir auf meine Finger. Sie passten so grade.

Ich sah, wie mir Judy einen sonderbaren Blick zuwarf.

»Er ist nach wie vor mein Mann, weißt du«, sagte ich trotzig. »Das heißt, ich bin immer noch verheiratet!«

»Ich hab kein Wort gesagt«, sagte sie mit Unschuldsmiene.

Judy und ich nahmen den Aufzug nach unten, wobei wir mit Plastiktüten, Reisetaschen, Handtaschen und einem zwei Tage alten Kind in seiner Trageschale jonglieren mussten.

Auch das sagt einem niemand, wenn man ein Kind bekommt! In den Handbüchern müsste etwas in der Art stehen wie: »Es ist unerlässlich, dass Ihr Mann Sie während der ersten Monate nach der Geburt des Kindes nicht verlässt, da Sie sonst alles selbst tragen müssen.«

Gerade als Judy das ganze Gepäck in das Taxi wuchtete, sah ich voll Entsetzen Denises Mann die Straße entlangkommen. Wahrscheinlich war er auf dem Heimweg von der Arbeit.

»O Gott«, sagte ich voll böser Vorahnungen.

»Was ist?«, fragte Judy beunruhigt. Ihr Gesicht war von der Anstrengung rot und schweißbedeckt.

»Der Mann von Denise«, murmelte ich.

»Ja und?«, fragte sie laut.

Ich fürchtete, dass er mir irgendeine schreckliche und erregte Szene machen würde. Wie gesagt, er war Italiener. Vielleicht hatte ich auch Angst, dass er irgendeine Art von Bündnis zwischen mir und ihm vorschlagen wollte, so nach dem Motto ›Der Feind meines Feindes ist mein Freund‹. Das wollte ich auf keinen Fall.

Unsere Blicke kreuzten sich, und in meiner Angst und meinem Schuldbewusstsein wusste ich genau, was er dachte: Es ist deine Schuld. Wenn du so anziehend gewesen wärest wie meine Denise, wär dein Mann wahrscheinlich bei dir geblieben und ich wäre nach wie vor glücklich verheiratet. Aber nein, du abstoßende dicke Kuh musstest natürlich alles verderben.

Schön, dachte ich. Das kann ich auch.

Ich sah ihn unverwandt an und schickte ihm seine Gedankenbotschaft zurück. Hättest du kein männermordendes, Ehen zerstörendes Flittchen geheiratet, sondern eine nette, anständige junge Frau, wäre die ganze Schweinerei nicht passiert, und uns allen ginge es besser.

Wahrscheinlich tat ich dem armen Mann damit ziemlich unrecht. Ohne ein Wort zu sagen, sah er mich traurig und vorwurfsvoll an.

Ich umarmte Judy zum Abschied. Beide weinten wir. Meine Kleine weinte ausnahmsweise nicht.

»Heathrow, Terminal eins«, sagte ich dem Taxifahrer mit tränenerstickter Stimme, und wir fuhren davon. Mr. Andrucetti sah uns trübsinnig nach.

Während ich mich durch den Mittelgang der Aer-Lingus-Maschine vorarbeitete, stieß ich mit meiner Reisetasche voller Babysachen mehrere Fluggäste an, die wütend darauf reagierten. Als ich schließlich meinen Platz gefunden hatte, stand ein Mann auf, um mir beim Verstauen meiner Taschen zu helfen. Während ich ihm dankbar zulächelte, fragte ich mich automatisch, ob ich ihm gefiele.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe WATERMELON erschien bei Poolbeg Press Ltd., Irland

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Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe in Neuausstattung 06/2013

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