Verlag: Suhrkamp Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Way Down on the High Lonely E-Book

Don Winslow  

(0)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Way Down on the High Lonely - Don Winslow

Drei Jahre sind seit Neal Careys letztem Fall vergangen. Drei Jahre innerer Einkehr in einem chinesischen Kloster. Doch dann steht plötzlich Joe Graham vor ihm, und mit der Ruhe ist es endgültig vorbei. Denn die »Bank« braucht Neal, um Cody McCall zu finden, den zweijährigen Sohn einer Hollywood-Produzentin. Cody wurde von seinem Vater entführt und in die Wildnis von Nevada verschleppt. Um den Kleinen zu finden, muss Neal nicht nur seine Cowboyqualitäten unter Beweis stellen, sondern sich auch noch in eine Gruppe von Neonazis einschleusen – während Codys Schicksal auf Messers Schneide steht … Alle Titel der Neal-Carey-Serie: London Undercover (Neal Carey 1)China Girl (Neal Carey 2)Way Down on the High Lonely (Neal Carey 3 – angekündigt unter dem Titel Holy Nevada)A Long Walk Up the Water Slide (Neal Carey 4 – angekündigt unter dem Titel Lady Las Vegas)Palm Desert (Neal Carey 5)

Meinungen über das E-Book Way Down on the High Lonely - Don Winslow

E-Book-Leseprobe Way Down on the High Lonely - Don Winslow

Drei Jahre sind seit Neal Careys letztem Fall vergangen. Drei Jahre innerer Einkehr in einem chinesischen Kloster. Doch dann steht plötzlich Joe Graham vor ihm, und mit der Ruhe ist es endgültig vorbei. Denn die »Bank« braucht Neal, um Cody McCall zu finden, den zweijährigen Sohn einer Hollywood-Produzentin. Cody wurde von seinem Vater entführt und in die Wildnis von Nevada verschleppt. Um den Kleinen zu finden, muss Neal nicht nur seine Cowboyqualitäten unter Beweis stellen, sondern sich auch noch in eine Gruppe von Neonazis einschleusen – während Codys Schicksal auf Messers Schneide steht …

Don Winslow wurde 1953 in New York geboren. Bevor er mit dem Schreiben begann, verdiente er sein Geld unter anderem als Kinobetreiber, Fremdenführer auf afrikanischen Safaris und chinesischen Teerouten, Unternehmensberater und immer wieder als Privatdetektiv. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Krimi Preis 2011 für Tage der Toten. Don Winslow lebt mit seiner Frau in Kalifornien.

Conny Lösch lebt als Übersetzerin in Berlin. Sie hat u.a. Bücher von William McIlvanney, Elmore Leonard und Ian Rankin ins Deutsche übertragen.

Zuletzt sind von Don Winslow im Suhrkamp Verlag erschienen: Vergeltung (st 4500), London Undercover (st 4580) und China Girl (4581).

DON WINSLOW

WAY DOWNON THE HIGH LONELY

Neal Careys dritter Fall

Aus demamerikanischen Englischvon Conny Lösch

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel Way Down On The High Lonely bei St. Martin’s Press, New York

Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 unter dem Titel Das Schlangental bei R. Piper GmbH & Co. KG, München

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4582

© Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Copyright © 1993, Don Winslow

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlagmotiv: David & Myrtille/arcangel

Umschlaggestaltung: Werbeagentur ZERO, München, nach Entwürfen von cornelia niere, münchen

eISBN 978-3-518-74004-0

www.suhrkamp.de

Für meine Eltern

So I drank myself some whiskey,

And I dreamed I was a cowboy,

Then I rode across the border …

Lyle Lovett

They ain’t makin’ Jews like Jesus anymore.

Kinky Friedman

Prolog

Er hätte sich nicht umdrehen sollen.

Neal Carey blickte in die tiefe Schlucht und hörte Schritte hinter sich. Zwei Paar Füße. Er fokussierte die steil abfallende Felswand gegenüber, aber das Geräusch kam immer näher.

Er konzentrierte sich wieder auf die nicht wenig anspruchsvolle Übung, den Zahmen Tiger, und betrachtete seinen linken Arm, der langsam in einer nach oben gerichteten Bewegung von ihm wegstrebte, die Hand zum Kantenschlag geöffnet. Seit fast drei Jahren arbeitete er nun schon an dieser Technik, und allmählich schien das ausdauernde Training seine angeborene Tollpatschigkeit zumindest teilweise wettzumachen.

Neal Carey wollte nicht gestört werden.

Er verlagerte das Gewicht auf den hinteren Fuß und grub die Ferse tief in die dünne Erdschicht. Er atmete eiskalte Morgenluft und spürte die Wärme der frühen Morgensonne auf seinen Schultern. Dann hob er das vordere Bein, drehte sich auf dem hinteren und wandte sich den Herannahenden zu, die nun fast oben auf dem kleinen Hügel angekommen waren. Seinem Hügel, verdammt noch mal, dem einzigen Ort, an dem er normalerweise ungestört war, wenn er kurz vor Sonnenaufgang ein paar Minuten Zeit für sich hatte. Bedeuteten diesen Eindringlingen drei Jahre Training denn gar nichts?

Er schwang sein Bein über die knorrige Wurzel der alten Zeder, die sich hoch oben an den Felsen klammerte. Über die Jahre war der Baum sein bester Freund geworden. Beide hatten sie gelernt in der dünnen Luft und auf kargem Boden zu überleben, obwohl sie nur sehr wenig Nahrung bekamen und eigentlich noch weniger benötigten.

Er stellte seinen vorderen Fuß auf und verlagerte das Gewicht, die linke Hand nahm er vors Gesicht, die rechte geöffnet hinter den Kopf, jederzeit bereit, wie eine Giftschlange vorzuschnellen und zuzuschlagen.

Er blickte die Steinstufen hinunter und sah, dass die beiden Männer gerade auf Höhe des Pavillons waren.

Die Welt, die er endlich zu akzeptieren gelernt hatte, zerbrach in diesem einen Augenblick.

Der junge Mönch sprach zuerst. Er zeigte auf den kleinen, einarmigen Mann neben sich, der Neal Luft schnappend anstarrte.

»Ni renshr ta ma? − Kennst du ihn?«, fragte der Mönch.

»Wode fuchin. − Das ist mein Vater«, erwiderte Neal.

Und damit beging Neal den zweiten großen Fehler. Er hätte leugnen sollen, den Mann zu kennen, am besten hätte er sich umgedreht und wäre in den dichten Bambuswald geflohen. Hätte er das getan, hätte er The High Lonely nie gesehen.

Teil 1  COWBOYS

1

»Das ist vielleicht ein komischer Laden hier«, meinte Joe Graham.

Er saß mit Neal in dem kleinen Pavillon am Hügel. Die Ziegeldächer des Klosters unter ihnen schimmerten im Sonnenlicht. Affen hockten auf den geschwungenen Traufen, warteten auf eine günstige Gelegenheit, um in den Hof zu springen und unbewachtes Essen zu stehlen. Braun gewandete Mönche durchquerten den Innenhof, hielten jeweils eine Hand schützend über ihre Schalen, der Dampf des heißen Reisbreis stieg zwischen ihren Fingern auf.

»Was du nicht sagst«, erwiderte Neal. Seit drei Jahren lebte er jetzt schon an diesem Ort als Gefangener, und das Absonderliche daran war ihm inzwischen längst vertraut. Er schenkte Graham grünen Tee ein, verneigte sich aus reiner Gewohnheit, dann nahm er sich selbst.

»Gibt’s keinen Kaffee?«, fragte Graham.

Neal schüttelte den Kopf. Wenn ihm drei Jahre Eingesperrtsein in einem buddhistischen Kloster kaum etwas gebracht haben mochten, so hatten sie ihn doch immerhin von seiner Koffeinsucht geheilt.

»Wie sieht’s aus mit Milch und Zucker?«, fragte Graham.

»Tut mir leid.«

»Eine saubere Tasse?«

»Die ist sauber.«

Wie du meinst, dachte Graham. Er hatte Ratten durch den Speisesaal unten am Hügel flitzen sehen.

»Ich hab dich vermisst«, sagte Graham.

»Ich dich auch, Dad.«

Neal hatte seinen richtigen Vater nie kennengelernt. Offensichtlich hatte dieser nicht damit gerechnet, für seine zwanzig Dollar auch noch ein Kind zu bekommen, und so hatte Joe Graham die Rolle mehr oder weniger übernommen. An jedem einzelnen Tag seiner Gefangenschaft hatte Neal an ihn gedacht. Nein, nicht Gefangenschaft − »Internierung« hatten es die Chinesen genannt. Eine Internierung, die jetzt endlich beendet war. Oder nicht?

»Nimmst du mich mit?«, fragte Neal Graham.

»Nein, ich hol nur die Wäsche ab.« Kleines Arschloch, dachte Graham. Drei Jahre lang hab ich dich gesucht. Seit man mir erklärt hat, du wärst tot.

»Lass mich dir eins sagen, Junge«, setzte Graham an. »Dich freizukaufen hat die Bank einen Haufen Geld gekostet. Das nächste Mal lässt du dich auf Rhode Island einsperren. Eine Pizza mit extra Käse, und schon bist du wieder draußen.«

Graham probierte seinen Tee und verzog das Gesicht. »Die mähen wohl den Rasen und gießen das Gras mit heißem Wasser auf.«

»Wie viel?«, fragte Neal.

»Bild dir bloß nichts drauf ein, aber wir sprechen hier von einem Niedrigzinskredit für die ›landwirtschaftliche Weiterentwicklung der Provinz Sichuan‹, und zwar ohne jegliche Sicherheiten.«

»Schmiergeld«, sagte Neal.

»Sehr viel Schmiergeld.«

»Danke.«

»Du bist doch ein Freund der Familie.«

Friends of the Family, dachte Neal. Die Schattenabteilung der Bank, die sich der kniffligeren Probleme ihrer Großinvestoren annahm. Sein ehemaliger Arbeitgeber.

»Arbeite ich denn noch für die Friends?«, fragte Neal.

»Hast du das je getan?«

Seit meinem zwölften Lebensjahr, Dad. Seit ich versucht habe, dich zu beklauen, du mich erwischt und meine zweifelhaften Talente zum Nutzen der Firma eingesetzt hast. Und jetzt bist du gekommen, um mich nach Hause zu holen.

»Außerdem«, sagte Graham, »haben wir einen Auftrag für dich.«

»Was?«

Graham sah ihn fragend an. »Sind drei Jahre Urlaub nicht genug?«

»Urlaub! Das nennst du Urlaub? Ich hab Holzeimer voll Wasser den ganzen verfluchten Berg bis hier rauf geschleppt. Feuerholz auf dem Rücken transportiert. Religiösen Fanatikern zugehört, wie sie drei Jahre lang denselben verfluchten Ton gesummt haben – das soll Urlaub sein?«

»Jeder nach seiner Fasson«, erwiderte Graham schulterzuckend.

»Ich will nach New York, Graham. Ich will zu Burger Joint, wo die Druckerschwärze der New York Times auf meinen Swissburger abfärbt und mir der Fleischsaft über die Hand läuft. Ich will einen Iced Coffee vor mir haben … so dass ich nur danach greifen muss. Ich will auf der Westseite über den Broadway schlendern und auf der Ostseite wieder zurück, ich will …«

»Ich, ich, ich«, äffte Graham ihn nach.

»Graham!«

»Reg dich nicht auf«, sagte Graham. »Ich spreche nur von einem kleinen Job, bei dem ich deine Hilfe gebrauchen könnte. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp in Los Angeles, erledigen das, und bevor du weißt, wie dir geschieht, sitzt du schon in New York und schlägst dir den Bauch voll. Ich mach mir Sorgen um dich, weißt du das? Du warst so lange eingesperrt, und das Einzige, woran du denkst, sind Cheeseburger.«

»Was für ein Job? Worum geht’s?«, fragte Neal. Der letzte Job hatte ihn hierhergebracht.

Graham lugte in seine Tasse. »Milkshakes haben die hier wahrscheinlich auch nicht, oder?«

Neal schüttelte den Kopf.

»Ein vermisster Junge«, sagte Graham. »Daddy hat ihn freitags zum monatlichen Besuchswochenende abgeholt und sonntagabends nicht zurückgebracht. Kein großes Ding.«

»Was ist mit dem Sheriff’s Department?«

»Nichts ist mit dem Sheriff’s Department«, erwiderte Graham. »Die kümmern sich nicht um Sorgerechtsfälle, auch nicht, wenn die Mutter berühmt ist.«

»Wie berühmt?«, fragte Neal. Berühmt war schlecht, berühmt bedeutete immer Ärger.

»Irgendwas mit Film. Was ist? Brauchst du ihren Lebenslauf? Arbeitest du jetzt für uns oder was? Die Chinesen können den Scheck erst einlösen, wenn du sicher in den Staaten gelandet bist. Noch ist Zeit, ihnen zu sagen, dass du lieber hierbleibst. Ich brauch deine Unterstützung. Ich hab sonst niemanden.«

Ich kann nicht einfach irgendjemanden nehmen, dachte Graham. Ich brauche dich. Aber eins nach dem anderen. Wir müssen dich erst langsam wieder auf Touren bringen, und zwar solange ich dich noch im Blick habe. Erst mal sehen, ob du dem Job gewachsen bist. Drei Jahre in Einzelhaft können selbst bei den Besten Merkwürdiges bewirken, und du bist der Beste … zumindest früher mal gewesen.

»Hör zu«, fuhr Graham fort, als Neal schmollte, »wir holen den kleinen Cody ab, setzen ihn Mommy auf den Schoß und fliegen direkt weiter nach New York. Bis der Unterricht wieder anfängt, kannst du dir noch den ganzen Sommer lang einen runterholen.«

»Welcher Unterricht?«

»Warst du nicht an irgend so einer arschigen Uni? Wolltest du nicht einen Abschluss in Wichswissenschaften machen?«

Die Columbia University … Fachbereich Englische Literatur. Magisterarbeit zum Thema »Tobias Smollett: Literarischer Außenseiter«. Jetzt kam ihm das alles wie ein anderes Leben vor. Wenn er es sich überlegte …

»Warte mal«, sagte Neal, »angeblich bin ich doch tot.«

Graham nickte. »Eine reizvolle Vorstellung, da muss ich dir recht geben. Du warst tot, aber jetzt lebst du wieder. Ein Computerfehler. Nichts, was sich nicht mit einer kleinen Spende für die Bibliothek beheben ließe.«

Wir müssen ihn wieder an die Uni bringen, dachte Graham. Wenn er’s als Detektiv wirklich nicht mehr bringt, braucht er einen Beruf. Da er nichts Sinnvolles gelernt hat, kann er von mir aus Professor werden, das hatte er ja sowieso vor.

Neal schenkte sich eine weitere Tasse ausgezeichneten grünen Tee ein. Er wusste, dass er ihm nur bereitgestellt worden war, weil er einen ausländischen Gast zu bewirten hatte, und das wollte er auskosten. Er lauschte den morgendlichen Sprechgesängen, die vom Haupttempel zu ihnen heraufdrangen, die stumpfe Monotonie, die dem Sänger helfen sollte, sich auf das Nichts zu konzentrieren – was funktonierte.

»Dann muss ich dir also nur helfen, den Jungen bei seinem Vater abzuholen, und darf dann nach New York auf die Uni?«

Das klang zu gut, um wahr sein – endlich wieder leben.

Graham fragte: »Meinst du, du hast es jetzt verstanden, oder soll ich’s noch mal wiederholen? Überleg es dir. Ich will ein kaltes Bier und ein heißes Steak.«

Neal lachte. »Ist ein langer Abstieg vom Berg runter, Graham.«

Graham starrte ihn einen ausgedehnten Augenblick lang an. »Hast du noch nie was von Hubschraubern gehört? Also ehrlich …«

Neal hob die Tasse an die Lippen, dachte nach und goss den Tee aus.

»Gibt’s in dem Hubschrauber auch Kaffee?«, fragte er.

»Das will ich hoffen, bei den Preisen, die sie uns für den Flug berechnen.«

Neal stand auf. »Dann los.«

»Na endlich, wurde auch Zeit«, sagte Graham und erhob sich.

Dann tat Neal Carey etwas sehr Unchinesisches. Er streckte die Hand aus, packte Joe Graham im Genick und zog ihn an sich.

»Danke, dass du mich hier rausholst, Dad«, sagte Neal.

»Gern geschehen, Sohn.«

Und damit war Neal Carey von den Toten wiederauferstanden.

2

Neal erwachte unter kühler frischer Bettwäsche auf einem King-Size-Bett. Er schlug die Augen auf und blickte durch die gläserne Schiebetür, hinter der die Sonne wie eine fette Orange im Dunst des südkalifornischen Morgens hockte. Die Klimaanlage summte fröhlich vor sich hin, ein gut gelaunter Hinweis auf die Annehmlichkeiten wahren Wohlstands: Draußen konnte es so heiß sein, wie es wollte, drinnen herrschte immer genau die Temperatur, die man sich wünschte.

Aus dem Gang trällerte es: »Zimmerservice.«

Neal war nicht ganz sicher, ob das alles real war, aber wenn er träumte, wollte er nicht aufwachen.

»Herein!«, rief er zurück.

Ein junger Kellner in gestärkter weißer Uniform schob einen Edelstahlwagen herein, nahm ein Frühstückstablett mit ausklappbaren Beinen, zog eine weiße Tischdecke aus dem Wagen, warf sie über das Tablett und baute so einen kleinen Esstisch. Eine schlanke Vase mit einer einzelnen gelben Rose kam obendrauf, dann das in eine Leinenserviette eingeschlagene Silberbesteck, das ebenfalls silberne Kaffeeservice, unter anderem mit einem kleinen silbernen Behälter für die Butter, der wiederum eigens in einem Eisschälchen gekühlt wurde.

»Ich bin Richard«, sagte er. »Gefällt es Ihnen im Beverly, Sir?«

»Bis jetzt ja«, erwiderte Neal, obwohl er sich an seine Ankunft kaum erinnern konnte. Er setzte sich auf.

»Darf ich das Frühstück aufdecken, Sir?«, fragte Richard. »Oder möchten Sie zuerst duschen?«

Duschen? Mehr als einen eiskalten Wasserfall hatte Neal dafür in den letzten Jahren nicht gehabt.

»Erst duschen, glaube ich.«

»Aber darf ich Ihnen wenigstens vorher noch einen Kaffee einschenken?«, fragte Richard.

Wenn du unbedingt willst, Richard, tu dir keinen Zwang an. »Bitte«, sagte Neal.

Richard nahm eine schwere cremefarbene Tasse mit Untertasse und schenkte vorsichtig Kaffee ein.

»Sahne und Zucker?«, fragte er.

»Weder noch.«

»Schön«, verkündete Richard. »Das Beverly Breakfast steht für Sie bereit – Kaffee, Grapefruitsaft, Rührei mit Speck sowie ein Brotkorb mit einer Auswahl an Weizentoast, Muffins, Croissants und Plundergebäck. Ich lasse es hier auf der Heizplatte stehen, also Vorsicht, wenn Sie’s runternehmen, okay?«

»Okay.«

Richard legte zwei zusammengefaltete Zeitungen ans Fußende des Bettes. »Die LA Times, die New York Times …«

Gott segne dich, Richard.

»Und wenn Sie sonst noch Wünsche haben, rufen Sie mich bitte und lassen Sie es mich wissen. Nun, Sir, wenn ich Sie bitten dürfte, hier zu unterschreiben …«

Richard trat an sein Bett und reichte ihm die Quittung und einen Stift. Neal unterschrieb, setzte noch ein Trinkgeld zu der bereits gesalzenen Servicegebühr.

»Darf ich Sie was fragen, Richard?«

»Selbstverständlich, Sir.«

»Wo bin ich?«

Richard zuckte mit keiner Wimper. Er war es gewohnt, am »Morgen danach« Frühstück zu servieren.

»Im Beverly Hilton, Sir.«

»Weiter.«

»Beverly Hills … Los Angeles …«

»Ach ja?«

»Kalifornien.«

»Ich wollte es nur noch mal aus Ihrem Mund hören, Richard.«

»Die Vereinigten Staaten …«

»Von …«

»Amerika, Sir.«

»Wunderbar, Richard.«

»Abgefahren, Sir.«

Allerdings abgefahren, dachte Neal, als er seinen ersten Schluck Kaffee trank.

Starker schwarzer Kaffee. Seine Sucht kehrte zurück wie ein nerviger alter Freund.

Richard ging, und Neal nahm seinen Kaffee mit ins Bad, das größer war als seine Zelle in China. Er warf einen Blick auf das Telefon an der Wand, das sich problemlos von der Toilette aus erreichen ließ, und kam zu dem Schluss, dass hier offenbar nur Vielbeschäftigte übernachteten. Er drehte die Dusche an und genoss den Duft des sauberen, heißen Wassers. Dann öffnete er die kleine Designer-Pappschachtel mit der Seife und stellte sich mit dem Designer-Fläschchen Shampoo unter die Dusche.

Nachdem er sich ordentlich abgeschrubbt und die Haare gründlich gewaschen hatte, blieb er noch gute fünf Minuten länger als nötig unter dem dampfenden Wasserstrahl stehen. In China hatte er einmal pro Woche in einer Wanne mit gerade mal lauwarmem Wasser baden dürfen, in der vor ihm mindestens drei andere Männer gesessen hatten. Die Dusche war echter Luxus.

Widerwillig verließ er sie, angelockt vom Duft nach Rühreiern und der Aussicht auf eine Zeitung. Er fand einen weißen Frotteebademantel im Schrank, zog ihn über und ging zurück ins Zimmer, um sich seinem Frühstück zu widmen.

Joe Graham futterte seinen Toast.

»Wie bist du hier reingekommen?«, fragte Neal.

»Daran könnte ich mich gewöhnen«, brummte Graham. »Schön sauber hier. Hab mir an der Rezeption einen Extraschlüssel geben lassen. Darf ich dir nachschenken?«

Neal hielt ihm seine Tasse hin und Graham schenkte nach.

»Stört’s dich, wenn ich was esse?«, fragte Neal.

»Vorsicht mit den Tellern, die sind heiß. Sehen aber gut aus, die Croissants, Brötchen und Muffins.«

Neal nahm den heißen Teller von der Warmhalteplatte, stellte ihn auf das Tablett und hob den Deckel. Alleine der Geruch trieb ihm Freudentränen in die Augen. In den vergangenen Jahren hatte er jeden Morgen Reisbrei gefrühstückt und sich nur an hohen Feiertagen Erdnüsse druntermischen dürfen.

»Ist dein Speck auch so schön kross«, fragte Graham. »Meiner war super.«

Neal schob sich einen Streifen Speck in den Mund. Er knusperte zwischen seinen Zähnen. »Davon habe ich geträumt«, sagte er.

»Du bist so ein kranker Hund.«

Neal suchte sich ein einfaches Croissant aus, strich ungesalzene Butter drauf und nahm einen Bissen, dann verputzte er den ganzen Rest. Erst als außer glänzenden Fettflecken nichts mehr auf seinem Teller war, schaute er wieder auf.

Joe Graham sah ehrfürchtig zu.

»Du isst wie ein zum Tode Verurteilter«, sagte er.

»Zeig mal das Plundergebäck.«

Neal nahm eines mit Aprikose und verschlang es mit drei Bissen.

»Jetzt die Zeitungen«, sagte er. »Ich weiß nicht mal, wer gerade Präsident ist.«

»Ronald Reagan.«

»Ist nicht dein Ernst, oder?«

Neal vertiefte sich in die Zeitungen, während Graham auf die Terrasse spazierte und den frühmorgendlichen Schwimmern im Pool unten zusah.

»Sport ist was Wunderbares«, behauptete er und beobachtete zwei junge Damen bei ihren Dehnübungen.

Es klingelte an der Tür.

»Das ist für dich!«, rief Neal vertieft in die New York Times. Er litt bereits an Reizüberflutung.

Graham riss sich vom Anblick der jungen Damen los und ging zur Tür. Richard stand im Gang, neben sich einen Gepäckwagen.

»Das sind deine Klamotten!«, rief Graham Neal zu.

»Ich hab gar keine«, erwiderte Neal und versuchte, anhand des Tabellenstands Rückschlüsse auf die Änderungen in der Aufstellung der Yankees zu ziehen.

»Jetzt schon«, sagte Graham. »Bring sie rein, Junge.«

Richard schob den Wagen ins Zimmer, hängte Klamottensäcke an eine Stange und verstaute Hemden, Unterwäsche, Socken und Schuhe im Schrank.

»Ich brauche keine Klamotten«, sagte Neal. »Ich bleibe im Bademantel hier sitzen, mindestens zwei Monate lang, esse und lese Zeitung, sonst nichts.«

»Eine Stunde muss genügen«, sagte Graham. »Um elf haben wir einen Termin.«

»Können wir den nicht hierher auf die Terrasse verlegen. Ich bestelle Eistee.«

»Eher nicht«, erwiderte Graham. »Wir fahren nach Hollywood.«

»Rumpelstilzchen wird neu verfilmt, und du hast die Hauptrolle ergattert?«

»Wir treffen Mommy.«

Neal hob den Blick lange genug von der Zeitung, um sich einen Heidelbeer-Muffin zu schnappen.

»Was ist mit Thurman Munson?«, fragte er und zeigte auf die Schlagreihenfolge der Yankees.

»Beeil dich, zieh dich an«, sagte Graham. »In weniger als einer Stunde ist die Limousine da.«

»Die Limousine?«

»Anderes Wort für Auto«, erklärte Graham.

»Dann fahren wir wirklich nach Hollywood, oder wie?«

Neal kamen seine neuen Klamotten – beigefarbene Hose, blaues Hemd, olivfarbene Jacke und Ziegenlederschuhe – ein bisschen steif vor. Dass er auf dem Rücksitz einer Stretchlimo mit einer ausgezeichnet bestückten Bar und einem Fernseher saß, vor sich einen uniformierten Chauffeur und neben sich Joe Graham, machte es nicht besser.

Er nahm sich ein Mineralwasser, gab Eis in ein Glas, trank und betrachtete das Geschehen auf dem Sunset Boulevard. »Ich steh ja neuerdings auf Konsum«, erklärte er.

»Hab’s gemerkt.«

»Siehst gut aus, Dad«, sagte Neal.

Graham bedachte ihn mit einem bösen Blick.

Aber es stimmte, Graham sah wirklich gut aus, dachte Neal, irgendwie ungewohnt in dem blauen Blazer, dem weißen Hemd, der grauen Hose und den schwarzen Lederschuhen mit Lochmuster. Ein Riesenunterschied im Vergleich zu der Karojacke, der hellgrünen Hose und der gestreiften Krawatte, die er sonst trug.

»Levine hat mich gezwungen, mit ihm zusammen bei Barneys shoppen zu gehen«, erklärte Graham missmutig.

»Ich mag den Look«, sagte Neal.

»Du magst ja auch englische Dichter«, erwiderte Graham vorwurfsvoll.

»Stimmt.«

Die Stretchlimo fuhr in eine Seitenstraße und hielt vor dem Tor eines Filmstudios. Neal betrachtete das verrückte Durcheinander aus Häuserfassaden des neunzehnten Jahrhunderts, Wellblechbaracken und riesigen Filmplakaten.

»Ich hab schon Dokumentationen darüber gesehen«, sagte er.

Ein Sicherheitsbeamter trat an das Fenster auf der Fahrerseite.

»Die Herren haben einen Termin mit Anne Kelley bei Wishbone«, sagte der Chauffeur, ohne sich auch nur im Geringsten um Höflichkeit zu bemühen.

Der Beamte gab ihm eine Plakette für die Windschutzscheibe und öffnete das Tor.

»Gebäude achtundzwanzig«, sagte er.

»Ach?«, fuhr ihn der Chauffeur an und lenkte die Stretchlimo durch die schmalen Studiostraßen, vorbei an einer Gruppe junger Männer, die wie Zwanziger-Jahre-Gangster aussahen und von einer kleinen Abordnung gestresster Produktionsassistentinnen mit Clipboards umringt wurden. Gegenüber einer großen Wellblechbaracke stieß er mit dem Wagen in eine Parklücke, die – wie ein Schild verriet – Besuchern vorbehalten war, und öffnete die Tür hinten.

»Wishbone Studios, gleich durch die Tür da.«

»Au Backe«, sagte Neal.

Der Chauffeur belohnte ihn mit einem angestrengten Lächeln. Er hatte bereits zahllose großspurige Drehbuchautoren hier abgesetzt und eine halbe Stunde später wieder abgeholt, wenn sich ihre Großspurigkeit verflüchtigt und das oscarverdächtige Skript in ihrer Aktentasche in einen Stapel bedrucktes Papier zurückverwandelt hatte. Wer sich auf dem Weg hierher nicht an der Bar bedient hatte, tat es mit Sicherheit auf der Rückfahrt.

Neal sah den großen HOLLYWOOD-Schriftzug auf dem Hügel hinter den Studios. Es wirkte viel weniger real als im Fernsehen oder im Film, aber vielleicht war das ja beabsichtigt. Dann folgte er Joe Graham in Haus 28.

Er hatte das gelackte, vornehme Büro eines klassischen Hollywood-Moguls erwartet, aber er wurde enttäuscht. Bei Wishbone Studios setzte man auf Schlichtheit. Ein zweckmäßiger Metalltisch begrenzte einen kleinen Empfangsbereich. Plakate der jüngsten Wishbone-Filme zierten die Wände, die mit billiger blauer Farbe gestrichen waren. Der gelbe Teppichboden war aufgrund von zu viel Publikumsverkehr ausgetreten. Eine kleine Couch, zwei Stühle und ein Beistelltischchen mit Fachzeitschriften davor ergaben zusammen eine Art Wartebereich. Auf der anderen Seite blickte man durch eine geöffnete Tür in eine kleine Küche, in der die Kaffeemaschine der Marke Braun große Mühe hatte, den Bedarf der chronisch Unterkoffeinierten zu decken.

Graham trat an den Empfang.

»Joseph Graham und Neal Carey, wir haben einen Termin bei Anne Kelley.«

Die Empfangsdame wirkte wie aus einer Sonnenbankwerbung entlaufen, dabei aber auffallend gut gelaunt. Sie sah in ihrem Terminbuch nach.

»Genau, Sie sind der Termin um elf. Ich sage Bescheid, dass Sie da sind.«

Sie nahm das Telefon und sagte mit unvermindert überwältigendem Lächeln in Grahams Richtung: »Jim, Annes Elf-Uhr-Termin ist da.« Dann: »Bitte nehmen Sie Platz. Gleich kommt jemand.«

Graham setzte sich Neal gegenüber, der sich bereits auf das Sofa gepflanzt hatte und in einer Ausgabe von Film Weekly blätterte.

»Joseph?«

»Sei still.«

»Ja, Joseph.«

Ein großer dünner Mann kam über den Gang in den Empfangsbereich geeilt. Sein weißes Hemd war bis zum Bauchnabel offen, dazu trug er Jeans und makellos saubere Tennisschuhe, außerdem kalifornisch blondes Haar und ein breites Lächeln.

»Ich bin Jim Collier, Annes Assistent.«

Er bot Graham die Hand an und zuckte nur kurz beim Anblick seines künstlichen Arms zusammen.

»Ich bin Joe Graham, das ist Neal Carey.«

»Neal … Hi, herzlich willkommen. Kommt mit. Anne ist jetzt bereit, euch zu empfangen.«

Ausgezeichnet, dachte Neal, sie ist bereit. Bin ich es auch?

Sie gingen bis ans Ende des schmalen Gangs in ein Zimmer, an dessen Tür schlicht KELLEY stand.

Anne Kelley saß an einem großen Schreibtisch, auf dem sich Drehbücher und Bücher stapelten. Auch auf dem Boden lagen Stapel mit Papieren, Büchern, Zeitschriften und Filmspulen. Der obligatorische Beistelltisch war mit Blättern übersät, ebenso die Stühle und das Sofa, dazwischen unzählige Aschenbecher, die allesamt überquollen. Neal hielt es nicht für ausgeschlossen, dass eine gründliche Durchsuchung des Raums den vermissten Cody McCall zum Vorschein bringen würde.

Anne Kelley telefonierte und wirkte nicht begeistert. Ihr langes Gesicht wurde durch die gerunzelte Stirn noch länger. Das kurze Haar war weder richtig blond noch silber noch braun, auch nicht gekämmt oder gebürstet. Sie trug eine Seidenbluse und eine Jeansjacke. Aus einer Zigarette in ihrem Mundwinkel drang Qualm wie aus einem Fabrikschornstein.

»Mir egal«, sagte sie in den Hörer. »Mir egal … lass sie doch … schön. Wir nehmen eine andere.«

Sie legte auf, zog an ihrer Zigarette und drückte sie aus.

»Sei so gut, rette mir das Leben, und hol mir eine Pepsi light, bitte ja?«, sagte sie zu Collier. »Wollt ihr irgendwas?«

Ein Sauerstoffzelt, dachte Neal.

Einen Staubsauger, dachte Graham.

Beide schüttelten den Kopf.

Jim Collier sprang auf und holte die Pepsi. Anne kam um den Tisch herum und gab Neal und Graham die Hand.

»Ich bin Anne Kelley, Leiterin der Kreativabteilung.«

Schöner Job, wenn man ihn ergattern kann, dachte Neal.

Anne ließ sich in einen Sessel fallen. »Macht euch doch nichts aus, wenn wir auf die Pepsi warten, bevor wir anfangen, oder?«

Von mir aus müssen wir überhaupt nicht anfangen.

»Lassen Sie sich Zeit«, erwiderte Graham.

Jim kam mit der Pepsi wieder, reichte sie Anne geöffnet rüber und zog sich einen Stuhl aus der Ecke heran. Er schlug einen Notizblock auf, zückte einen Bleistift und machte sich bereit mitzuschreiben.

Wohl für den Fall, dass Anne etwas Kreatives sagte, dachte Neal.

Anne nahm einen tiefen Schluck aus der Dose, stöhnte erleichtert, dann schenkte sie Neal und Graham ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Schießt los«, sagte sie

Graham sah Neal an und zuckte mit den Schultern.

»Worauf?«, fragte Neal.

Jim räusperte sich diskret. »Anne, das sind die Detektive.«

Anne Kelley lief rot an. »Oh, Scheiße. Scheiße! Tut mir leid! Tut mir so leid! Ich dachte, Sie sind Drehbuchautoren und wollen mir ein Projekt vorstellen!«

Also ungefähr so erwünscht wie nässender Hautausschlag.

»Ich bin Anne Kelley«, wiederholte sie. »Codys Mutter.«

»Und Chefin der Kreativabteilung«, sagte Neal.

»Ethan Kitteredge hat Sie zu mir geschickt«, fuhr sie fort. »Sie finden Cody.«

»Wir wollen es versuchen«, sagte Graham.

»Ethan hat gesagt, Sie sind sehr sehr gut.«

»Wahrscheinlich nur sehr gut«, sagte Neal, und Graham sah ihn böse an, »nicht unbedingt sehr sehr gut.«

»Tut mir wirklich leid«, sagte Anne. »Dass ich Sie verwechselt habe.«

»Schon in Ordnung«, sagte Graham milde.

»Also, wo fangen wir an?«, fragte Anne.

Jim fing an zu schreiben.

»Halt ein, Boswell«, sagte Neal. »Mitgeschrieben wird nicht.«

»Jim hält alle meine Gespräche fest.«

Er hält sie fest?, dachte Neal. »Schön für Sie«, sagte er, »aber Aufzeichnungen haben die seltsame Angewohnheit, an seltsamen Orten wieder aufzutauchen, zum Beispiel in Zeitungsredaktionen.«

Anne richtete sich gerade auf. »Ich vertraue Jim vollkommen.«

Neal sah Jim an. »Nichts für ungut. Ich bin sicher, Sie würden die Königin hier niemals hintergehen …«

»Neal, Klappe«, sagte Graham.

»Aber sofern Sie keinen Schredder haben oder ausschließlich einzelne Blätter auf harter Unterlage beschriften, ist es besser, es ganz bleiben zu lassen. Ich kann gar nicht sagen, in wie vielen Fällen wir jemandem auf die Schliche gekommen sind, nur weil wir seinen Papierkorb durchsucht haben. Schrift drückt sich durch bis auf die nächste Seite oder auf das Löschpapier …«

»Neal …«, warnte Graham.

»Graham, das hast du mir beigebracht«, erwiderte Neal. Er wandte sich erneut an Jim. »Außerdem müssen Sie nichts festhalten. Ich muss was festhalten, und das mache ich im Kopf. Wenn Sie Fragen haben, rufen Sie mich an, dann erzähle ich Ihnen, worüber wir gesprochen haben, okay?«

Jim klappte den Block zu.

Von wegen Burnout, dachte Graham.

»Besonders freundlich sind Sie ja nicht«, sagte Anne Kelley zu Neal.

»Zu derselben Ansicht wird auch Ihr früherer Ehemann gelangen, wenn ich ihn gefunden habe. Möchten Sie jetzt eine Teegesellschaft geben oder Ihr Kind wiederhaben?«

»Ich will mein Kind.«

Neal lehnte sich auf dem Sofa zurück.

»Dann schießen Sie los.«

Harley McCall war ein Cowboy. Sie hatten sich bei einem Dreh in Nevada kennengelernt. Der Film, den sie produzierte, war einer der letzten einer kurzen Renaissance des Westerns gewesen, und McCall hatte am Set als Wrangler gearbeitet – als Spezialist für Pferde.

Er war groß, schlank, o-beinig und sprach langsam und gedehnt, was sie sehr charmant fand, besonders im Gegensatz zu der affektierten Ausdrucksweise der meisten Hollywood-Männer, mit denen sie sonst zu tun hatte. Sein schmutzig-blondes Haar war mit natürlichen hellen Strähnen durchzogen, sein Schnurrbart rotbraun und seine Arme genau bis zum Rand seiner hochgekrempelten Ärmel von der Sonne gegerbt, weil er an der frischen Luft arbeitete und sich nicht nur wie die anderen an einem Strand in Malibu oder einem Pool in Beverly Hills braten ließ.

Er aß panierte Steaks, Eier mit Speck und richtig scharfe Burritos und erkundigte sich nie beim Kellner nach der Herkunft der sonnengetrockneten Tomaten. Bier mochte er eiskalt und Frauen heiß, und irgendwie hatte sie von Anfang an eine Schwäche für ihn gehabt, hatte in seiner Nähe eine Wärme verspürt, so weich und sanft wie ein Sommernachmittag.

Eines Abends gingen sie in der Wüste spazieren, weg von dem schrecklichen kleinen Motel, in dem sie während des Drehs ihr Lager aufgeschlagen hatten, weg von dem Regisseur und den Schauspielern, der Crew und den Geschäftsleuten, raus in die weite Wüste unter den Sternen, und dort verführte sie ihn … oder verführte er sie dazu, ihn zu verführen … Egal, sie wollte ihn unbedingt, also nahm sie ihn sich.

Der Sex war phantastisch – das war nie ein Problem – und sie hatte das Gefühl, er habe ihr Leben verändert, eine echte Frau aus ihr gemacht. Er brachte ihr Wüstenblumen an den Wohnwagen, ritt lange mit ihr aus, nannte sie stets »Ma’am«, nur nicht im Bett, und eines Nachmittags sprangen sie in seinen Pick-up, fuhren nach Vegas und heirateten dort in einer kitschigen kleinen Kapelle.

Sie wurde sofort schwanger, vielleicht noch in derselben Nacht. Die Dreharbeiten wurden abgeschlossen, und sie fuhr mit dem Film im Kasten zurück nach L.A., ein Kind unter dem Herzen und einen frischgebackenen Ehemann im Gepäck. Sie war glücklich.

Sie hätten das Baby nach ihrem Lieblingsfilm Shane genannt, aber irgendwie kam ihnen das dann doch ein bisschen übertrieben vor, und so einigten sie sich auf einen fast genauso guten Namen. Cody war ein Sonnenschein, hatte vom Vater das verwegen gute Aussehen, von der Mutter die sanfte Schönheit geerbt. Beide liebten ihn wie verrückt.

Wenig später kam der Film in die Kinos und wurde zum Erfolg – sie kauften sich ein Haus in Malibu.

Irgendwie aber galt er als der letzte große Western, als nostalgischer Abschied von einem klassischen Genre, und wie das komischerweise in Hollywood so ist, behaupteten das alle, schon weil alle es behaupteten. Bald kamen in Filmen nur noch Pferde vor, wenn eine Kutsche durch den Central Park gezogen wurde, und Harley McCall drehte Däumchen.

Eine Zeit lang dachten sie, er könnte bei Wishbone aushelfen, als Mann mit unverstelltem Blick und ehrlicher Stimme, oder so ähnlich. Aber er interessierte sich nur für die dümmsten Projekte – unverfilmbare Bücher, Remakes alter Flops, Drehbücher von Autoren, mit denen er Bier trinken ging … Es funktionierte nicht.

Und sehr zu ihrem Bedauern stellte sie fest, dass West Hollywood wenig mit dem Wilden Westen zu tun hatte. Alle Eigenschaften, die sie draußen in der Wüste so aufregend erfrischend gefunden hatte, wirkten bei Gartenpartys, Studioevents und Premierenfeiern ewiggestrig und bizarr. Wenn sie anfangs »Harley redet nicht viel« mit einem gewissen Stolz verkündet hatte, so klang die Erklärung irgendwann nach einer Entschuldigung, zumal sich Harleys Einsilbigkeit zunehmend in griesgrämige Verzweiflung verwandelte. Für einen Cowboy gab es in Malibu nicht viel zu tun.

Aber hier war er jetzt gelandet. Er fing an, schon zum Frühstück kaltes Bier zu trinken. Und stellte fest, dass der Nachmittag schneller verstrich, wenn er sich mit ein oder zwei Joints stumpfsinnig machte. Nur bei hochkarätigen Pokerpartien spürte er noch seine Eier in der Hose – egal ob er gewann oder verlor. Meistens verlor er.

Und er entdeckte die Frauen. Gott sei Dank keine von Annes Freundinnen oder Konkurrentinnen, aber dafür umso mehr Möchtegern-Sternchen und Country-Western-Sängerinnen, die ihn für wahnsinnig geistreich und gutaussehend hielten und sich mit Nachmittagen abspeisen ließen.

Natürlich bekam sie es mit – Los Angeles ist eine kleine Großstadt – und stellte erstaunt und auch ein bisschen beschämt fest, dass sie erleichtert war. Sie hielt ihn nicht für geistreich, und gut sah er nur an bestimmten Orten aus, und nachmittags hatte sie sowieso viel zu viel um die Ohren, als dass sie sich auch noch Beschäftigungen für ihn hätte ausdenken können.

Zu seinem Kind war er aber immer gut. Ging mit seinem kleinen Cowboy nie anders als liebevoll um und machte sich sogar Sorgen, weil er »in dieser Atmosphäre« aufwuchs, wie er sich sehr zu ihrer Verärgerung ausdrückte. Auch Codys Wertvorstellungen waren ihm wichtig, und er sprach davon, dass sie sich irgendwo eine kleine Ranch zulegen sollten, wo sie den Sommer verbringen, dem Jungen das Reiten und den Umgang mit dem Lasso beibringen würden, damit er zur Abwechslung auch mal rauskam an die frische Luft. Und dann trank er immer mehr und rauchte auch immer mehr Dope.

Irgendwann fand er sich schließlich selbst zum Kotzen. Eines Morgens wachte er auf, verschenkte sein Gras an einen Surfer, verabschiedete sich von seinen Weibern und bat Anne Kelley, mit ihm fortzugehen. Das Puppenhaus am Strand zu verkaufen und auf eine Ranch zu ziehen, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen und in der Wirklichkeit zu leben.

Sie erklärte ihm, ihr Leben sei durchaus real, schönen Dank auch, aber wenn er meine, er müsse das machen, dann nur zu. Ihre Ehe war zu diesem Zeitpunkt sowieso praktisch Geschichte.

Keinesfalls Geschichte aber war, dass Harley McCall einen Sohn hatte, den er über alles auf der Welt liebte. Mehr als die offene Prärie, mehr als den blauen Himmel, mehr als seine Freiheit. Und so war die größte Freude in seinem Leben gleichzeitig auch die größte Tragödie – er war an das ihm verhasste L.A. gefesselt, durch die Besuchswochenenden und den einen Monat in den Sommerferien, den ihm der Richter wie bei einer Spieleshow (und etwas anderes war der Sorgerechtsprozess im Prinzip ja auch nicht) als Hauptgewinn zugeteilt hatte.

Da sie nicht mehr miteinander verheiratet waren, war Anne jetzt seltsamerweise bereit, ihm Jobs zu beschaffen, auch wenn diese statusmäßig recht weit unten angesiedelt waren, und so bekam er eine Stelle als Stunt Cowboy bei den Studioführungen. Fünfundzwanzig Mal die Woche setzte der echte Cowboy Harley McCall seinen schwarzen Hut auf, zog die Weste über und stellte sich auf den Balkon einer Saloon-Fassade, feuerte mit Platzpatronen auf den Sheriff, wurde erschossen und ließ sich auf eine praktischerweise direkt unter ihm parkende Kutsche mit Getreidesäcken fallen. Alles zum großen Vergnügen der Touristen, die die Darbietung von der Tribüne aus beobachteten.

Der Job war langweilig, demütigend und schlecht bezahlt, aber er konnte sich dadurch die Miete für einen kleinen Bungalow in Venice und auch das Benzin für den Pick-up leisten, mit dem er jedes zweite Wochenende nach Malibu fuhr, um seinen Sohn abzuholen.

Er wollte durchhalten, wirklich, aber eines Tages erschoss ihn der Sheriff, und Harley fasste sich mit einer Hand an die Brust, taumelte über die Brüstung und streckte dem Sheriff im Fallen seinen ausgestreckten Mittelfinger entgegen. Es gelang ihm, die Geste bis kurz vor dem Aufprall auf die Säcke zu halten, doch die Touristen auf der Tribüne waren von dem Kunststück wenig beeindruckt, und er wurde gefeuert.

Danach folgte ein Aushilfsjob auf den nächsten, einer bescheuerter als der andere. Sein Cowboycharme wurde so schal wie die Abgaswolken über dem Sunset Strip, er wurde immer gereizter und irgendwann auch gemein. Jobs schmiss er jetzt häufiger hin, als dass er gekündigt wurde, nahm mit jeder letzten Lohntüte ein bisschen mehr Verbitterung mit. An allem hatte er etwas auszusetzen und verlängerte täglich die Liste der Dinge, »die er sich von niemandem gefallen« ließ.

Harley schleppte so viel Groll mit sich herum, es war ein Wunder, dass er sich überhaupt noch aufrecht halten konnte. Filmproduzenten, Filmkritiker, Studiobosse, Bosse ganz allgemein, Vermieter, Bankangestellte, Buchhalter, Polizisten, Lebensmittelhändler, Barbetreiber, Frauen, Juden, Schwarze, Mexikaner, Koreaner, Huren, Nigger, Latinos und Schlitzaugen – hatten sich allesamt verschworen, um ihm das Leben zur Hölle zu machen und zu verhindern, dass er seinen Sohn so erzog, wie ein Mann seinen Sohn erziehen sollte.

Er fing wieder an zu saufen, und der Alkohol behandelte ihn wie eine Frau ihren abtrünnigen Ehemann – er durfte wieder ran, wurde aber täglich bestraft. Auf dem Venice Boulevard war er inzwischen eine bekannte Erscheinung, der Großstadtcowboy mit dem Dreitagebart, der zusammenhangslos vor sich hin brabbelte. Eines Tages ließ er sich ein patriotisches »Don’t Tread on Me«-Tattoo mit Klapperschlange und Flagge auf den linken Unterarm stechen.

Aber Anne Kelley trat ihm sehr wohl zu nahe, als er eines Freitagabends besoffen bei ihr auftauchte. Der inzwischen achtzehn Monate alte Cody würde auf gar keinen Fall in seinem Truck mitfahren. Harley versuchte vergeblich, die Tür einzutreten, und warf eine Scheibe ein, dann kam die Polizei. Sie prügelten ihn windelweich, und er bekam dreißig Tage wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Anne erwirkte eine gerichtliche Verfügung, die ihm verbot, Cody im Sommer zu sich zu nehmen.

Harley verschwand. Anne wusste nicht, wohin, oder was aus ihm geworden war, aber ungefähr sechs Monate später rief er sie an. Er klang ruhig und gefasst. Sanft, fast wie früher. Er fragte, ob er kommen und mit ihr reden dürfe. Sie traf sich mit ihm im Büro und hatte das Gefühl, einem Geläuterten gegenüberzusitzen. Er war sauber und wirkte fast schon unerträglich aufgeräumt. Er entschuldigte sich dafür, sich wie ein Idiot benommen zu haben, und erklärte, er habe sein Leben in Ordnung gebracht und einen Job in East Orange County gefunden, wo er Bewässerungsanlagen beaufsichtigte. Dann bat er, den kleinen Cody sehen zu dürfen.

Sie lud ihn zu sich nach Hause ein. Als sie sah, wie Cody die Arme um Harley schlang, kamen ihr die Tränen, das musste sie zugeben. Harley war so sanft und lieb zu dem Jungen wie eh und je, und während Vater und Sohn einander neu kennenlernten, zog sie sich in die Küche zurück.

Zunächst fanden die Besuche nur im Haus statt, und Anne war immer in Hörweite. Harley blieb ein paar Mal zum Essen und ein oder zwei Mal sogar den ganzen Abend, dann schauten sie gemeinsam ein paar alte Western. Der schwarze Falke, Mein großer Freund Shane … Nach den Glorreichen Sieben erklärte sie sich bereit, die Wochenendbesuche wieder zu erlauben.

Der erste sollte im Mai stattfinden. Harley holte Cody am Freitagabend um sieben Uhr ab und erklärte, er wolle mit ihm das Wochenende gemeinsam bei sich zu Hause in Venice verbringen. Das war nun drei Monate her, und seitdem hatte sie ihren Sohn nicht mehr gesehen.

»Was haben Sie in den drei Monaten unternommen«, fragte Neal.

»Harley hätte Cody am Sonntagabend um sieben zurückbringen sollen. Um acht habe ich bei ihm angerufen. Ist aber niemand drangegangen. Um zehn bin ich hingefahren und habe Sturm geklingelt. Niemand zu Hause, kein Licht, kein Fernsehen, keine Musik. Dann bin ich zur Polizei, wo man mir riet, mich an das Sheriff’s Department zu wenden. Dort hat man mir erklärt, man würde Harleys letzte bekannte Adresse überprüfen, was auch gemacht wurde, aber da war er ja nicht. Daraufhin wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, wobei Sorgerechtsfälle aber keine Priorität haben, da es sich angeblich nicht um ›echte Entführungen‹ handelt. Um zwei Uhr morgens habe ich meinen Anwalt aus dem Bett geklingelt, und der meinte, er wolle die entsprechenden Schriftstücke aufsetzen. So weit ich weiß, macht er das immer noch. Wir können Harley aber schlecht Schriftstücke vorlegen, wenn wir ihn nicht finden. Ich habe mich ans Jugendamt gewandt, an private Ermittler und habe bei zwei Dutzend Polizeidienststellen und Sheriff’s Departments vorgesprochen. Dann meinte eine andere Anwältin, sie habe eine neue Detektei gefunden, die auf Sorgerechtsfälle spezialisiert sei, allerdings war man dort sehr viel besser darin, sich kreative Spesenabrechnungen auszudenken, als meinen Sohn zu finden. Schließlich habe ich Ethan angerufen, weil ich gehört hatte, dass er sich − wie soll ich sagen − durch gesetzliche Vorgaben nicht eingeschränkt fühlt.«

»Woher kennen Sie Mr Kitteredge?«, fragte Neal.

»Er hat in ein paar meiner Filme investiert«, erwiderte sie.

Na klar, dachte Neal.

»Gerüchteweise hatte ich gehört, dass er seinen besten Kunden gewisse Dienste anbietet«, fuhr Anne fort. »In dieser Stadt läuft alles über die Gerüchteküche, also habe ich nachgefragt und bekam die Antwort, dass sich jemand bei mir melden würde. Keine zwanzig Minuten später rief Mr Levine an. Den Rest kennen Sie.«

Neal wollte entgegnen, dass sie sich lieber nicht so sicher sein sollte, doch Graham kam ihm zuvor: »Ihre Anwältin sollte ihre Bemühungen auf keinen Fall einstellen, Ms Kelley.«

»Bei dem, was sie mir pro Stunde berechnet, steht das nicht zu befürchten«, erwiderte Anne. »Was geschieht jetzt?«

»Wir suchen Ihren Sohn, und Sie kümmern sich um Ihren Halb-Zwölf-Termin«, erwiderte Neal und stand auf.

»Ich liebe meinen Jungen, Mr Carey.«

»Ich bin sicher, dass Sie das tun, Ms Kelley.«

»Ich bin keine schlechte Mutter.«

»Das hat niemand behauptet.«

»Aber Sie haben es gedacht.«

Neal trat ans Fenster und blickte auf das Studiogelände, wo sich die Zwanziger-Jahre-Gangster auf die Cafeteria zubewegten, um dem Mittagsandrang zuvorzukommen.

»Nein«, sagte er. »Ich habe gedacht, dass Sie es gewohnt sind, das Drehbuch einfach umzuschreiben, wenn es Ihnen nicht gefällt. Aber dieses Mal geht es um keinen Film, sondern um Ihren Sohn, und es gibt kein Drehbuch, sondern nur die Wirklichkeit. Ich denke, dass diese Sorgerechtsfälle verdammt kompliziert sind. Sie haben das Gesetz zwar auf Ihrer Seite, aber das nützt Ihnen nichts. Im Prinzip bedeutet das nur, dass Sie Ihr Kind behalten dürfen, wenn Sie es wiederbekommen. Und während Ihnen die Hände gebunden sind, macht ihr Mann, was er will. Ich habe gedacht, dass Sie sehr enttäuscht, wütend und besorgt sein müssen.«

Anne trank ihre Cola aus und zündete sich eine weitere Zigarette an. Schöner Versuch, aber die Tränen konnte sie damit nicht aufhalten. »Ich habe eine Wahnsinnsangst«, sagte sie. »Ich weiß, dass Harley Cody niemals absichtlich etwas tun würde, aber jetzt … nach dem, was Sie über diese Leute herausgefunden haben …«

Was für Leute, Graham?

»… ich habe Angst, dass ich meinen kleinen Jungen nie wiedersehe.«

»Wir finden ihn und bringen ihn zurück«, sagte Neal. Der über sich selbst staunte, über die Verbindlichkeit in seiner Stimme.

»Wir rufen Sie sofort an, sobald wir etwas wissen«, sagte Graham und trat an die Tür.

»Ich sage Bescheid, dass man Sie sofort durchstellt«, erwiderte Anne.

Jim Collier beeilte sich, ihnen die Hände zu schütteln.

»War mir ein großes Vergnügen«, sagte er.

»Aha«, sagte Neal.

»Ich kenne den Unterschied zwischen Kino und Realität«, sagte Anne zu Neal.

»Wirklich? Vielleicht können Sie ihn mir bei Gelegenheit erklären.«

Auf dem Weg nach draußen kam ihnen Annes Halb-Zwölf-Termin entgegen, zwei nervöse Drehbuchautoren mit Notizbüchern und Träumen unter dem Arm.

»Also, was haben wir rausgefunden über ›diese Leute‹, Graham? Und von welchen Leuten reden wir überhaupt?«, fragte Neal, als sie wieder in der Stretchlimo saßen. Wobei es weniger eine Frage war als ein Vorwurf.

»Na ja, wir haben herausgefunden, wie es zu Harleys plötzlicher Läuterung kam.«

»Was?«

Graham bat den Fahrer, zur Ecke Hollywood und Vine zu fahren.

»Was ist an der Ecke Hollywood und Vine?«, fragte der Fahrer missmutig.

»Was geht Sie das an?«, antwortete Graham.

Neal warf einen Blick in die Bar, fand eine kleine Flasche Johnny Walker Red und goss sich den Inhalt in ein Glas, während die Stretchlimo das Studiogelände verließ und auf die Straße rollte.

»Was geht hier vor sich, Graham?«, fragte er.

Neal kippte den Whiskey hinunter. Ein Gefühl wie an einem kalten Wintertag am Kamin. Ihm fiel auf, dass Joe Graham seine künstliche Faust in seine gesunde Hand bohrte. Das tat er nur, wenn er nervös war oder ihm etwas auf der Seele lag, was er loswerden wollte. Neal wartete.

»Also, wie sieht’s aus«, fragte Graham, »bist du dabei?«

Neal wollte nicht. Auf keinen Fall. Er wollte sich wieder in die Welt der alten Bücher versenken, in einer stillen Kammer sitzen und sich Notizen machen. Hier ging es einfach nur um einen Sorgerechtsstreit, dafür wurde er gar nicht gebraucht. Graham würde Harley aufspüren, ein paar starke Männer engagieren und den Jungen nach Hause holen. Es sei denn, da war noch was.

»Was verschweigst du mir, Dad?«

Graham schüttelte den Kopf. »Nein. Du zuerst. Bist du dabei?«

Du bist ihm was schuldig, sagte sich Neal. Nicht nur Geld. Du warst selbst mal ein verlorener Junge, und der Einzige auf der ganzen Welt, der sich auch nur einen Funken für dich interessiert hat, war Joe Graham, der jetzt hier sitzt und seine einzige gesunde Hand kaputt macht.

»Ja, ich bin dabei.«

Graham hörte auf zu bohren. Er schnappte sich eine der kleinen Whiskeyflaschen, schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck direkt aus der Pulle.

»Ich wollte dir nicht zu viel erzählen, bevor ich dich nicht wieder in Aktion erlebt habe. Ich musste sicher sein, dass du …«

»Was?«

»Drei Jahre sind eine lange Zeit, Sohn.«

»Hab ich den Test bestanden?«

»Hast du.«

»Dann erzähl mir die ganze Geschichte.«

»Nicht jetzt.«

»Wann denn?«

»Nach der Kirche.«

Der Fahrer schaute in den Rückspiegel und fragte verächtlich: »Was für eine scheiß Kirche gibt’s denn an der Ecke Hollywood and Vine?«

Auf einer Tafel stand »THE TRUE CHRISTIAN IDENTITY CHURCH, REVEREND C. WESLEY CARTER, MINISTER«. Das große weiße Plastikkreuz thronte über einem von Glasscherben, herumfliegenden Zeitungsseiten, zerdrückten Getränkedosen und fettigen Sandwichkartons übersäten Gehweg. Zuhälter lehnten in ihrer geballten modischen Eleganz an Cadillacs und Lincoln Town Cars und sahen kleinen Mädchen in weißen Lederhotpants dabei zu, wie sie Donuts aßen und Autofahrern zuzwinkerten. Hübsche Jungs im Teenageralter saßen in engen Jeans und T-Shirts an der Bushaltestelle und spähten unter ihren langen Ponys hervor. Eine dezentere Form der Eigenwerbung, erkennbar nur für Eingeweihte.

Betrachtete man eine Kirche als Krankenhaus für Sünder, dann war die Ecke Hollywood und Vine genau der richtige Ort dafür.

Die Kirche war unbefleckt, nicht wie die Empfängnis, sondern im protestantischen Sinne blitzblank sauber. Das hochglänzend lackierte Holz strahlte Energie aus, der bescheidene Teppichboden war fast zu Tode gesaugt. Flugblätter lagen aufgereiht auf einem Tisch im Foyer.

Der Andachtsraum war noch sauberer. Hauptsächlich saßen hier ältere Menschen, wie man es an einem Mittwochnachmittag erwarten konnte, aber auch eine ganz beträchtliche Minderheit junger Männer. Sie waren braungebrannt und wettergegerbt wie Menschen, die im Freien arbeiten. Ihre Jeans waren gebügelt, und sie trugen Hemden mit altmodischen Krawatten. Außerdem waren einige wenige junge Mütter mit kleinen Kindern gekommen, die alle sauber und hübsch herausgeputzt waren und sich tadellos benahmen. Neal hatte das Gefühl, als würde er durch ein altes Stereoskop schauen, denn hinter dem Altar befand sich ein Wandgemälde, das Jesus zeigte, der mit einigen ebenfalls sauberen und hübsch herausgeputzten Kindern sprach und darunter die Inschrift: Lasset die Kindlein zu mir kommen.

Der Gegensatz zwischen dem frisch geschrubbten Inneren der Kirche und der verdreckten Hölle draußen war gelinde gesagt krass. Neal musste an einen alten Western denken, in dem sich die Siedler hinter einer Wagenburg vor den angreifenden Indianern verschanzen. Hier war einfach alles so … weiß.

Alle waren weiß. Die Alten, die Arbeiter, die jungen Mütter, die Kinder. Und natürlich war Jesus auch weiß, hatte blaue Augen und langes braunes Haar, das spätestens nach einem weiteren Tag draußen am Strand blond geworden wäre. Auch die Kinder waren weiß, sahen eher aus, als stammten sie aus Schweden, nicht aus Judäa. Neal hatte nicht mehr so viele blonde Menschen gesehen, seit er zum letzten Mal betrunken genug war, um sich freiwillig die Wahl zur Miss Amerika im Fernsehen anzusehen.

»Hier fehlt Melanin«, flüsterte er Graham zu, während sie sich auf eine Bank ganz hinten schoben.

»Was auch immer das ist«, erwiderte Graham.

Neal wollte gerade antworten, als ein großer Mann mit silbergrauem Haar und blauem Anzug hinter dem Altar hervortrat und in die Kanzel stieg. Er trug einen Bürstenschnitt, sein braungebranntes Gesicht wirkte wie mit der Axt modelliert, und seine Augen waren noch blauer als sein Anzug, wenn auch nicht ganz so glänzend.

Die Gemeinde eilte auf ihre Plätze und blieb schweigend und erwartungsvoll sitzen.

»C. Wesley Carter«, flüsterte Graham.

»Da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen«, erwiderte Neal.

»Guten Tag, alle zusammen«, sagte C. Wesley Carter. Seine Stimme erinnerte an eine schöne Trompete, klar und laut, ohne dabei blechern, schrill oder derb zu klingen. Eine gute Stimme, und das wusste er.

»Guten Tag, Reverend Carter!«, antwortete die Gemeinde.

»Ich heiße euch herzlich willkommen zu unserer Bibelstunde am Mittwoch. Ich freue mich, dass ihr euch alle unversehrt zu unserer kleinen Lichtung im Dschungel durchgekämpft habt.«

Dschungel?, dachte Neal. Na ja …

»Ich bin sehr gespannt«, sagte Carter, »denn wir stehen heute wieder am Anfang unseres Vorlesungszyklus über die wahre christliche Identität, und Neuanfänge beflügeln mich. Wenn man diesen Vortrag natürlich schon so häufig gehalten hat wie ich … nun, sprechen wir’s ruhig aus, wenn man den Vortrag so häufig gehört hat, wie einige von euch … Kurz, ich bin niemandem böse, der jetzt einfach aufsteht und geht!«

»Ich möchte aufstehen und gehen«, wisperte Neal.

»Halt den Rand«, erwiderte Graham.

Reverend Carter legte eine Pause ein, um seinem Publikum Gelegenheit zum Lachen zu geben. Einige der Veteranen taten dies, und ein alter Mann rief sogar: »Auf keinen Fall, Reverend!«

Carter fuhr fort: »Aber ich denke, es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug hören, hab ich recht? Ich nehme an, die Bibel wurde unter anderem deshalb geschrieben, damit wir die heiligen Worte so oft lesen können, wie wir wollen. Und in diesen schweren Zeiten – und wenn ihr nicht glaubt, dass es schwere Zeiten sind, dann werft nur mal einen Blick draußen vor die Tür – müssen wir sie sehr häufig hören. Wir müssen uns daran erinnern, wer wir sind. Wir müssen uns unserer wahren christlichen Identität versichern! Unserer wahren christlichen Identität als auserwähltes Volk!«

Die Gemeinde applaudierte. Graham klatschte höflich mit seiner echten Hand auf die Prothese.