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Als Harald Rüster in Pleskow den Bahnhof verlässt, wird er Augenzeuge, wie das SS-Sonderkommando Ahrends jüdische Frauen und Kinder zusammentreibt, wobei der Hauptsturmführer Ahrends mutwillig von der Pistole Gebrauch macht und eine Frau und ihr Kind niederschießt. Sein Glaube an die Lehren des NS-Regimes gerät ins Wanken. Erst recht als Rüster die Zustände im Lager FX 72 kennenlernt, in dem polnische Frauen und Mädchen gefangen gehalten werden, die bei unzureichender Ernährung schwere körperliche Arbeit verrichten müssen und nur dann eine Erleichterung ihres Schicksals erfahren, wenn sie sich der hemmungslosen Gier des Feldwebels Voß ergeben. Eines der Mädchen, Olga, kann Harald vor diesem Los bewahren - aber kann er es auch vor dem SS-Sonderkommando Ahrends beschützen, dem die Frauen zur Liquidierung übergeben werden sollen, als die Front sich nähert? Harald steht jetzt in dem Zwiespalt, in dem so viele deutsche Soldaten des letzten Krieges standen: In dem Zwiespalt zwischen Befehl und Gewissen. Er geht den schwereren Weg, den des Gewissens.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Hanns Glöckle
Von der Grausamkeit eines SS-Sonderkommandos
Der Ablauf des militärischen Geschehens entspricht der geschichtlichen Wahrheit. Die Namen der handelnden Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind daher rein zufällig.
Vollständige E-Book-Ausgabe der in der Edition Förg erschienenen Originalausgabe 2024
© 2024 Edition Förg GmbH, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Bild Bundesarchiv, Bild 121-1465
eISBN 978-3-475-55004-1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Wie ein lauerndes Raubtier lag er zusammengekauert auf der Eisfläche und wartete. Ganz dicht presste er seinen Körper auf die Schneekruste, das linke Bein leicht angewinkelt, die frostklammen Hände um die Maschinenpistole gekrallt. Alle seine Sinne waren hellwach, seine Augen fixierten einen Punkt in der Ferne, saugten sich an ihm fest, bis sie tränten.
Nichts. Man konnte sie noch nicht sehen. Nur hören. Da war es wieder.
»Krech – krech – krech«.
Er fuhr zusammen. Es war nur eine Reflexbewegung, und er wunderte sich darüber. Es ist unnatürlich, dachte er. Ich müsste Furcht empfinden, irgendein Angstgefühl. Aber es war keine Furcht in ihm. Trotzdem zitterten seine Hände leicht, und er lockerte den Griff um die Waffe. Bei jedem Geräusch in der Ferne schlug sein Herz um ein paar Takte schneller, und seine Sehnen und Muskeln strafften sich noch mehr. Langsam und vorsichtig hob er den Kopf und blickte nach links. Dort lag Krämer, vierzig Schritte entfernt. Und weitere zwanzig Schritte Plaschke, dann die anderen. Am Ende der Leutnant. Neun Mann.
Und alle neun Mann taten das Gleiche wie er und dachten das Gleiche. Meinte er. In keinem war Furcht, und jeder wollte das gleiche. Denn jeder war ein deutscher Soldat, der beste Soldat der Welt. Sie lagen hier, um die Heimat zu verteidigen, um »den bolschewistischen Untermenschen« aufzuhalten, wie der Führer es befahl. Und Harald Rüster glaubte an den Führer und an Deutschland und an die Heiligkeit des Fahneneides. Harald Rüster war zwanzig Jahre alt, und man schrieb das Jahr 1944. Und dort vorne war der Feind, der anscheinend sorglos über die Eisfläche schritt und nicht wusste, dass hier neun Mann lagen, die nur darauf warteten, ihm Metallkugeln in den Leib zu jagen. Zwei wollten sie leben lassen und zurückbringen. Das war ihr Auftrag.
Harald Rüster streckte vorsichtig das linke Bein und zog das rechte hoch. Unter seinem Körper verschob sich die Tasche mit den Munitionsstreifen und drückte in seinen Magen. Er versuchte eine leichte Drehung, um sich von dem lästigen Druck zu befreien. Das Seitengewehr schlug auf die Schneekruste. Der helle Laut ließ Rüster die Zähne in die Lippe beißen.
Verdammt. In dieser kristallklaren Luft ist jedes Geräusch meilenweit zu hören!
Obwohl seine Stellung jetzt unnatürlich verkrampft war, verweilte er so. Wenn er nur hochkam, rasch hoch, wenn es so weit war. Lange war das nicht mehr hin. Schon vermochte er einzelne gedämpfte Stimmen zu unterscheiden, die aus der nächtlichen Ebene zu ihm drangen.
Sie lagen ungünstig. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie nicht zu frühzeitig entdeckt wurden. Hundert Meter in ihrem Rücken ein Hochwald, der sich langsam in Unterholz und mannshohes Buschwerk auflöste. Zehn Meter hinter ihnen hörte es auf und setzte sich nur nach rechts fort, verdeckte die eigenen Linien und zog sich in weiter Hufeisenform über die kahle Ebene, bis es 300 Meter vor ihnen wieder auftauchte. Von dort mussten sie kommen.
Vorhin, als sie selbst noch in langer Reihe geduckt durch die Stämme schlichen, voran er selbst, Harald Rüster, dahinter der Leutnant – ein kluger Gedanke, dachte er dabei, den Offizier nicht als Kugelfang an der Spitze gehen zu lassen, sondern einen einfachen Gefreiten, auf den es nicht ankam! Die Leutchen im OKW bewiesen eben Köpfchen, wenn sie so etwas bestimmten. Vorhin hatte er als erster die Geräusche in der Ferne als Schritte erkannt. Und weil außer ihnen kein anderer eigener Spähtrupp unterwegs war, konnten sie nur von Russen kommen. Da Entfernungen nach Lauten in dieser Luft, in der Myriaden feiner Eiskristalle zitterten, nicht abzuschätzen waren, blieben sie auf dem Platz, wo sie sich gerade befanden. Nur etwas auseinandergezogen hatten sie die Kette. Zehn oder zwanzig Schritte Abstand. Und jener, auf den die Russenstreife als ersten stieß, hatte die Aufgabe, hochzuspringen, »Hände hoch« zu brüllen und loszuballern. Tief halten, natürlich. Die Kerle mussten noch vernehmungsfähig sein. Zwei davon wollte man sich herauspicken und zurückbringen. Die anderen mochte der Teufel holen.
»Herrgott«, dachte Rüster, »lass sie zu mir kommen, lass mich derjenige sein, der sie anspringt.«
Dass es Menschen waren, die da ahnungslos über die Schneefläche schritten und dem Tod entgegengingen, dem Tod, den er ihnen bringen wollte, daran dachte er nicht. Der Feind war kein Mensch. Feinde sind im Krieg nie Menschen. Nur Sache, Gegenstände, die man vernichten muss. Wohin würde es führen, wenn man bei jedem Schuss, bei jeder abgeworfenen Bombe an den Menschen dächte! Der ganze Humanismus ginge vor die Hunde, an den man doch glaubte. Auch die zehn Gebote hatte Harald Rüster noch im Kopf und das »Du sollst nicht töten«. Mit zwanzig kennt man mitunter den Katechismus noch, selbst wenn man Hitler-Junge war. »Du sollst nicht töten?« Natürlich nicht! Aber die da vorne, das war ganz etwas anderes. Krieg, verstehen Sie, ein gerechter Krieg, ein heiliger Krieg, mehr noch, ein Kreuzzug gegen die Barbarei. Und auch selbst war man nur Sache, hatte Sache zu sein – verdammt noch mal – auf einen selbst kommt es doch nicht an! Die von Langemarck hatten das gewusst und die von Verdun. Und der Heldentod ist schließlich – nein. Harald Rüster hatte nicht das Gefühl, ein Held zu sein. Er wollte gar kein Held sein. Irgendetwas in ihm sträubte sich gegen dieses Wort. Er fühlte die Phrase. Trotzdem wusste er, dass es Helden gab. Mölders war einer und Galland, und Prien natürlich. Aber wer hatte schon das Glück, ein Held zu werden? Die Schuldigkeit konnte man tun. Und wenn jeder sie tat, konnte nichts schiefgehen. Bei ihnen nicht, bei den neun Mann von dem Spähtrupp, und bei Deutschland nicht. Und so musste es sein, so war alles richtig und in seiner Ordnung und –
Da waren sie. Ganz klar hoben sie sich gegen den Horizont ab. Vier. Blöde Hunde, dachte Harald. Wie auf dem Kurfürstendamm nach einem ausgedehnten Nachtbummel schritten sie nebeneinander her. Und falls sich vorhin in ihm wirklich noch etwas gegen das Tötenwollen gesträubt haben sollte – jetzt war nichts mehr davon vorhanden. Sie waren selbst schuld, diese Narren. Dachten wohl, wir schliefen und ließen sie hier ruhig einen nächtlichen Verdauungsspaziergang machen! Werden sich wundern, die Herren!
Noch zweihundert Meter. Wieder äugte er nach links. Die schwarzen Klumpen seiner Kameraden lagen regungslos. Was sie wohl denken mochten? Krämer – ha, Krämer, was der dachte, glaubte er zu wissen.
»Bin Familienvater, Herr Leutnant. Drei Kinder! Warum soll ich mit auf Spähtrupp?«
»Sie wollen doch befördert werden, Unteroffizier Krämer. Warten seit vier Jahren auf den Feldwebel. Ihrer Frau täte die Gehaltsauffrischung ganz gut. Ich kann nur Freiwillige gebrauchen. Wenn Sie nicht wollen – bitte, mir soll’s recht sein.«
»So – so war es nicht gemeint, Herr Leutnant. Natürlich gehe ich mit. Freiwillig.«
Ja, was Krämer dachte, wusste Harald ganz genau. Dem ging der Arsch auf Grundeis. Vielleicht war er jetzt im Geiste bei seiner Alten zu Hause. Oder er dachte an die Kugel im Bauch, in seinem Bauch, versteht sich. Ein ungutes Gefühl, ein verdammt ungutes Gefühl! Was muss er auch an solchen Unsinn denken! Hoffentlich behält er die Nerven.
Der Leutnant? Undurchsichtig! Jetzt, in dieser Sache, nicht. Der wollte seinen Orden. Das war alles klar. Aber sonst? Nationalsozialist schien er nicht zu sein. Jedenfalls kein Parteigenosse. Dazu war er in seinen Reden zu lau. Mochte er. Auch darauf kam es jetzt nicht an. Wenn er nur an seinen Orden dachte, ausgiebig und intensiv, dann tat er schon das Richtige.
Noch hundert Meter. Er konnte sie jetzt ganz klar erkennen. Der Lauf seiner Maschinenpistole richtete sich langsam hoch, und in seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Selbst die Augenlider bewegten sich nicht mehr.
Und dann sah er es. Die vier machten eine leichte, eine minimale Wendung nach rechts. Fünf Grad vielleicht, dachte er mathematisch, lächerliche fünf Grad. Irgendein Russenhirn hatte den eigenen Füßen einen blödsinnigen Befehl gegeben, eine leichte Wendung nach rechts zu machen. Vielleicht, weil den Kerl an dieser Stelle der Schuh drückte, oder weil er auf einer Eisfurche abgeglitten war. Und die anderen drei passten sich der neuen Richtung an wie Schafe dem Leithammel. Aus. Keine Lorbeeren mehr, kein »Hände hoch«. Sie mussten den linken Flügel streifen, wo Leutnant Ficht lag. Wenigstens war dadurch der Erfolg des Unternehmens gesichert.
Immer näher kamen sie. Einer von ihnen lachte leise auf, wie nach einem guten Witz.
Werden ihnen gleich vergehen, die Witzchen. Vielleicht erzählen sie ihn dem Teufel zu Ende, wenn sie können. Und dann ertappte er sich bei einem Gedanken, der ihn erschrecken ließ:
Ich bin froh – bin froh, dass ich es nicht tun muss. Werde gar nicht mehr zum Schuss kommen, bin viel zu weit ab. Mindestens hundert Meter, wenn sie den Leutnant passieren.
Denn plötzlich waren sie keine Sache mehr. Das Lachen – dieses blöde Lachen! Gegenstände können nicht lachen. Nicht einmal Tiere. Nur Menschen. Der da drüben ist also ein Mensch – ein Mensch wie ich, ich, Harald Rüster. Ein Mensch, der leben will, an seine Zukunft glaubt, eigene Gedanken entwickelt. Vielleicht ein Student, ein zukünftiger Wissenschaftler, ausgestattet mit Geistesgaben, die Leistungen erzielen können, die die ganze Welt verändern. Und eine einzige Nickelstahlkugel, eineinhalb Zentimeter lang und knapp einen Zentimeter breit, genügt, um all das auszulöschen, um all das gar nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Vielleicht wird hier, an dieser Stelle, durch das Krümmen eines Zeigefingers – wie war das? »Die rechte Hand umfasst den Kolbenhals so weit nach vorne, dass der ausgestreckte« – oder er ist ein Bauer, irgend so ein armer Kolchosenhund, verkommen in Arbeit und Dreck und Unwissenheit, der sich auf den Frieden freut, auf seine Kuh im Stall oder auf sein Weib, der irgendein kleines Stückchen Glück für sich erträumt – genau wie ich – bin ich denn mehr als er – hat er nicht das gleiche Recht zu leben? – »dass der ausgestreckte Zeigefinger mit der inneren unteren Kante auf den Abzugsbügel zu liegen kommt, um beim späteren Durchkrümmen« – Durchkrümmen – was ist mit dem Leutnant los? Er muss doch – er muss doch – Harald Rüster richtete sich halb auf und starrte mit aufgerissenen Augen nach links. Seine Kameraden lagen dort noch immer wie hingegossen, und keiner wagte auch nur eine Kopfwendung. Die Russen waren höchstens noch fünf, sechs Schritte vom Leutnant entfernt, und Harald hatte das Gefühl, dass sie ihm mit den Stiefelspitzen ins Gesicht treten müssten.
Das gab es doch nicht – das konnte, das durfte es doch nicht geben! Der Leutnant –
Der Leutnant rührte sich nicht. Keiner rührte sich, und die Russen gingen durch die Kette, als wäre sie gar nicht vorhanden. Gingen fünf Schritte am Leutnant vorbei und sahen ihn nicht – und er blieb liegen.
Harald Rüster ließ sich in den Schnee sinken, dass sein Mund die Eiskristalle berührte. Für einen Augenblick vermochte er nicht mehr zu denken. Dann, ganz langsam, formte sich vor ihm das Gesicht des Leutnants, dieses schmale, intelligente Gesicht mit der energischen Kinnpartie und den manchmal hochmütig herabgezogenen Lippen.
»Schwein. Dreckiges, feiges Schwein.« Jedes Wort betonend, sagte er es vor sich hin.
Dann stand er auf und schüttelte sich den Schnee von der Uniform. Die anderen lagen noch immer. Erst als sie ihn erkannten, erhob sich einer nach dem anderen und drängte zum rechten Flügel. Zu ihm, Harald Rüster. Dort ging es zurück, dort war der eigene Graben, dort war Sicherheit, eine relative Sicherheit zwar, aber dort gehörten sie hin. Zuletzt kam auch der Leutnant. Ohne hochmütig herabgezogene Mundwinkel. Sein Gesicht war kreidebleich, selbst jetzt in der Nacht konnte man es erkennen. Der helle Schnee, der Mond, der aus der aufgerissenen Wolkendecke aufleuchtete, erzeugte ein mitleidloses Licht.
Keiner sagte ein Wort. Nur Unteroffizier Krämer murmelte vor sich hin: »Freiwillige vor! So war das doch? Freiwillige, haha!«
Der Leutnant tat, als höre er die Worte nicht. Seine hohe, hagere Gestalt stand zusammengesunken und verkrampft da. Ein paarmal schluckte er und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
»Es war – ich – ich dachte –«
»Pferde«, murmelte Krämer – Harald konnte in diesem Augenblick für ihn ein Gefühl der Bewunderung nicht unterdrücken. Das hatte er dem Unteroffizier Krämer nicht zugetraut – »haben größere Köpfe. Man soll ihnen das Denken überlassen! Stimmt. Stimmt auffallend!«
»Halt die Schnauze, Krämer!«
Alle sahen den Leutnant an. Sieh an, er wurde menschlich. Der Leutnant wurde menschlich!
»Stimmt. Es war Scheiße. Große Scheiße. Und ich entschuldige mich nicht. Gibt keine Entschuldigung. Wenn ihr wollt, könnt ihr mich hinhängen. Aber dann sagt es wenigstens gleich.«
Er blickte von einem zum anderen, und seine Wangenmuskeln zuckten.
Harald konnte es nicht mehr mit ansehen. Es war widerlich, einfach widerlich. »Ich glaube, wir lassen jetzt die Volksreden. Stehen hier mitten auf der freien Fläche herum zwischen den Fronten. Eine Leuchtkugel, und sie knallen uns ab wie im Schießstand. Trotzdem, um hier Klarheit zu schaffen, wir alle haben versagt, keiner ausgenommen. An dir, Leuthner, gingen sie auch vorbei, ebenfalls höchstens zehn oder fünfzehn Schritte. Du tatest auch nichts.«
»Der Herr Leutnant –«
»Wissen wir. Und der Herr Leutnant weiß es auch. Und der Herr Leutnant wird die Sache an anderer Stelle einmal korrigieren, und wir werden es auch tun. Also, was bleibt übrig? Der Spähtrupp konnte seine Aufgabe nicht erfüllen mangels Feindberührung. Ist das klar? Hier waren keine Russen. Nicht einer. Haben wir uns verstanden? Wer ist anderer Meinung?«
Keiner rührte sich.
»Gilt das, was ich sagte?«
Alle murmelten sie ihr Ja.
»Schön, dann können wir.«
Und er wandte sich um und ging, ohne noch einmal zurückzublicken. Die anderen folgten ihm schweigend. Kurz ehe sie den Graben erreichten, schloss der Leutnant zu ihm auf.
»Danke, Rüster«, flüsterte er leise.
Kalt antwortete Harald: »Keine Ursache, Herr Leutnant. Wirklich keine Ursache.«
Frei aufgerichtet gingen sie über den großen Acker vor dem Graben, der sich die Bahnlinie entlang hinzog. Manchmal stolperte einer über eine Furche und fluchte leise.
Da begann dicht vor ihnen ein Maschinengewehr zu hämmern, ein zweites setze ein. Eine Hölle. Geschossgarben zischten an ihnen vorbei, ein Inferno öffnete seinen Schlund –
Harald warf sich auf die Erde und verschränkte die Arme über dem Kopf. Er grub sein Gesicht in den Schnee. Vor ihm flogen Steine in die Luft, links und rechts schlugen die Kugeln ein.
Das ist das Ende, dachte er.
Wie war das vorhin? Jeder hatte doch ein Recht auf ein bisschen Glück – Zukunft – nach dem Krieg – es gab kein »nach dem Krieg« mehr – keine Wissenschaft und keine Bauernkate – kein Bett und kein Weib – nichts, gar nichts mehr. Stahlmantelgeschoss – Gehirnschale dünn – viel zu dünn – millionenfach erprobt und bewiesen – nein, verdammt, nichts – gar nichts ist bewiesen – leben will ich – ihr Schweinekerle – auf die eigenen Leute – aus Angst, aus Feigheit – irgend so ein Narr auf Posten – Himmel, lass das aufhören, lieber Gott –
Plötzlich Helle. Eine strahlende, unfassbare Helle. Sekundenlang schloss Harald geblendet die Augen. Und noch immer das Feuer, mitten in die Helle hinein. Und dazwischen der Leutnant, hoch aufgerichtet, die Leuchtpistole langsam senkend. Und noch immer Feuerstöße.
Dieser Idiot! Warum wirft er sich nicht auf den Boden? Sie müssen ihn ja treffen! Es ist Selbstmord – Selbstmord? So nicht, Leutnant. Es genügt. Wir glauben es, verflucht noch mal, wir glauben es. Dann schrie er auf. Laut, gellend. Die Feuerpause, die Stille dazwischen ließ ihn seinen Ruf noch lauter hören.
»Aufhören! Aufhören! Wiiir siiind eees!«
Stille. Eine beklemmende, unheimliche Stille. Vorsichtig zog er den Kopf aus dem Schnee und erhob sich. Der Leutnant stand noch immer wie angewurzelt. Jetzt tauchten auch die anderen auf.
Harald schüttelte während des Zählens den Kopf. Sieben – acht. Tatsächlich acht. Keinen hatte es getroffen. Ein Wunder. Das zweite in dieser Nacht. Und der Leutnant – Harald ging auf ihn zu.
»In Ordnung.«
Nichts weiter. Dann waren sie im Graben.
Später, als er auf der schmalen Holzpritsche lag und die Tropfen zählte, die von dem durch die Ofenwärme aufgetauten Schnee zwischen den Deckenbalken hindurchsickerten und manchmal seine Stirn und seine Nase trafen, dass er trotz der Müdigkeit lange nicht einschlafen konnte, dachte er: Menschen sind doch komische Lebewesen. Zuerst hatte Ficht Furcht und traute sich nicht einmal hochzuspringen, als alle Chancen auf seiner Seite waren, und dann – vorhin, als die eigenen Leute uns für Russen hielten und aus nächster Nähe wie verrückt auf uns schossen, erhob er sich in aller Ruhe und tat das einzig Mögliche und Richtige, eine Leuchtkugel mit dem Erkennungszeichen abzuschießen mitten im Kugelregen, die Gefahr und den Tod nicht achtend. Und das alles innerhalb einer halben Stunde, und das alles der gleiche Mann. Mit diesem Gedanken schlief er ein.
Seit fünf Wochen hielten sie die Stellung am Bahndamm. Es war ein ruhiger Frontabschnitt, im Februar 1944, hier in der Nähe von Witebsk. Seit Harald Rüster zu der Infanterie-Einheit gestoßen war, hatte sich nichts Aufregendes ereignet. Ein paar Feuerüberfälle, zweimal Beschuss durch russische Tiefflieger. Sonst nur das übliche nächtliche MG-Geplänkel, wenn die Posten mehr aus Langeweile in die Nacht schossen. Irgendwo am rechten oder linken Flügel, zwanzig, dreißig Kilometer entfernt, stand vielleicht ein müder Landser hinter seinem MG und drückte auf den Abzugshebel. Ohne besonderen Grund, nur, um die bedrückende Stille im Vorfeld zu unterbrechen. Das machte dann tack – tack – tack, tack, tack.
Der Posten hundert oder zweihundert Meter weiter rechts oder links nahm das Signal auf. Auch er ließ die fünf Schuss im bekannten Rhythmus wie ein Morsesignal in die Nacht knallen, nur so, um anzuzeigen, dass er zur großen Gemeinschaft all dieser MG-Wachen gehörte, die von zwanzig Uhr abends bis zum anderen Morgen um fünf in ihren Ständen dösten, ohne abgelöst zu werden. Denn der Nachschub an frischem Menschenmaterial begann knapper zu werden im fünften Kriegsjahr. Und so setzte sich der Ruf fort, kilometerweit nach beiden Seiten, bis er endlich auf einen Posten traf, der mit halb geschlossenen Augen träge vor sich hindämmerte und zu faul war, die Hände aus der Manteltasche zu nehmen. Oder auf so einen wie Harald Rüster, den die sinnlose Schießerei jede Nacht erneut in Ärger und Wut versetzte, weil, wie er sagte, hier sinnlos Munition verpulvert wurde, die an anderer Stelle einmal vielleicht dringend nötig war, um den Endsieg zu sichern.
Denn dass es irgendwann einen Endsieg geben müsste, einen Sieg des Lichtes über die Finsternis, davon war Harald restlos überzeugt. Es wäre ihm als Sakrileg erschienen, auch nur einmal in sich selbst Zweifel aufkommen zu lassen.
Natürlich war Stalingrad ein schwerer Schlag, und der Rückzug Rommels in Afrika ein verdammtes Pech. Aber so etwas konnte bei einem Weltkrieg einmal vorkommen. Schlachten durfte man verlieren, nur nicht den Krieg. Rückschläge gab es in jedem Krieg. Siehe Friedrich den Großen, siehe Napoleon. Und schließlich hatte ja auch Goebbels gesagt: Wir müssen den Krieg gewinnen, weil wir ihn nicht verlieren dürfen.
Harald Rüster war das Produkt seiner Zeit. Aufgewachsen in einem Elternhaus, dessen deutschnationale Einstellung seit drei Generationen Familientradition war, hatte es für ihn kaum eine andere Möglichkeit gegeben, andere Ansichten als jene seines Vaters, des Oberregierungsrates Dr. Ferdinand Rüster, und dessen Freunde kennenzulernen. Und wenn dieser in langen Gesprächen mit seinen Freunden oder Bekannten auf die »Roten« zeterte, die den Ruin Deutschlands verschuldeten, wäre es vermessen gewesen, an den Worten des hochgeachteten, geschätzten und auch geliebten Familienoberhauptes zu zweifeln.
Jungvolk, Hitlerjugend, Heimabende, Geländespiele, vormilitärische »Ertüchtigung«, Lieder, Heilrufe. Harald Rüster erlebte seine Umwelt mit der ganzen Ausschließlichkeit seiner Jahre. Was der Führer befahl, war gut, alles andere zählte nicht.
Und die Miesmacher, die es hier an der Front gab – Harald war erschüttert, als er diese Feststellung zum ersten Male machen musste – die Miesmacher waren Ausnahmeerscheinungen, auf die man ein wachsames Auge haben oder denen man über den Mund fahren musste, wenn sie gelegentlich zu deutlich wurden. Die Abrechnung mit ihnen kam einmal, nach dem Krieg. Jetzt kam es nur darauf an, sie bei der Stange zu halten, ob sie wollten oder nicht.
Harald saß träge auf der Munitionskiste und fummelte an seiner Maschinenpistole herum. Mit halbem Ohr hörte er hin, als der Obergefreite Stöwer leise sagte:
»Meine Frau hat wieder nicht geschrieben.«
Sie waren allein im Bunker. Vor einer halben Stunde vom Tagposten zurückgekehrt, hatten sie nun vier Stunden Zeit, ihre Waffen in Ordnung zu bringen oder ein wenig zu schlafen.
Der Ton in Stöwers Stimme ließ ihn aufhorchen. Er fühlte die Not hinter den Worten, drehte sich halb um und sagte: »Na und? Wird schon noch. Du weißt doch, wie das heute mit der Post ist. Kommt eben morgen, ihr Brief, oder übermorgen.«
»Ich bin aus Köln. Du weißt doch – die Angriffe –«
Harald schwieg und dachte nach. Die Westmächte. Das konnten sie. Frauen und Kinder töten, alte, ehrwürdige Städte zerstören. Sinnlos auslöschen. Auch in Berlin, auch seine Mutter – aber sie hatte geschrieben. Fast schämte er sich vor Stöwer, als er zur Brusttasche griff und mit den Fingerspitzen leicht über den Briefumschlag strich, der aus der Tasche ein wenig herausragte.
Plötzlich sagte der andere: »An allem ist dieser verfluchte Krieg schuld. Seit Jahren liegen wir in Löchern herum, verlaust, übermüdet, und verkommen langsam, und kein Hahn kräht nach uns. Und unsere Frauen zu Hause« – er presste die Faust gegen das Kinn – »ich darf nicht daran denken.« Dann, nach einer kleinen Pause, fragte er: »Hast du ein Mädchen?«
Harald schüttelte den Kopf.
Stöwer betrachtete ihn aufmerksam, zum ersten Male überhaupt, wie sich Harald plötzlich bewusst wurde.
»Du hast’s gut. Du kennst das alles nur vom Hörensagen, für dich ist das kein Problem. Man kann mit dir auch nicht darüber reden. Du würdest es nicht einmal verstehen. Aber – über was kann man mit dir überhaupt reden? Wann unser heißgeliebter Führer zum ersten Male das Bett näßte, als Kleinkind, das hast du bestimmt gelernt. Ich bin überzeugt, dass du das Datum angeben kannst. Habe ich recht?«
Harald richtete sich halb auf. »Halte dein Schandmaul! Eigentlich müsste ich dir jetzt eine herunterhauen. Verdient hättest du es.«
Er war zu müde, um sich mit dem Obergefreiten auf eine Debatte einzulassen, und er ärgerte sich darüber. Wenn ihm das einer in der Heimat gesagt hätte!
Stöwer lachte leise auf. Dann, wieder ernst werdend: »Kommst du dir eigentlich nicht manchmal ein bisschen komisch vor? Mit all deinen großen Reden vom Endsieg und so? Hast du tatsächlich noch nicht begriffen, dass hier keiner etwas davon hören will, dass sie dich schneiden? Und weißt du noch immer nicht, warum?«
Der Junge setzte sich nun ganz auf, legte die Waffe aus der Hand und sah den anderen voll an. Und im gleichen Augenblick wurde ihm bewusst, dass Stöwer recht hatte. Ja, sie schnitten ihn. Er konnte nicht warm werden in dieser Gruppe von zehn Mann, in die er da vor fünf Wochen, frisch von der Ausbildung in der Heimat kommend, hineingeschneit war. Er war der jüngste von ihnen. Vielleicht liegt es daran, dachte er. Die meisten waren verheiratete Männer in den Dreißigern. Lediglich Unteroffizier Krämer war 27. Und mit dem verband ihn überhaupt nichts. Was also war schuld, dass sie ihn nicht mochten? War er unkameradschaftlich? Er war überzeugt, dass er sich keinen Vorwurf machen musste. Im Gegenteil. Sie alle wussten genau, dass sie auf ihn zählen konnten, dass er keinen im Stich lassen würde, wann und wo und bei welcher Gelegenheit es auch sei. Und sonst – war er zu dumm für sie, dass sie ihn meist von ihren Gesprächen ausschlossen? Bestimmt nicht. Dummköpfe wurden doch nicht Offiziersanwärter. Vielleicht, weil er Offizier werden wollte und die beiden Balken trug? Möglich. Vielleicht sahen sie in ihm den zukünftigen Vorgesetzten, den sie fühlen lassen wollten, dass es bis dahin noch einige Zeit sei. Nein, Stöwer hatte recht, warm war er unter ihnen nicht geworden und würde es auch wahrscheinlich nie werden. Sie erkannten zwar an, dass er nie Furcht zeigte und sich zu jedem Spähtrupp freiwillig meldete und so einem Familienvater die Möglichkeit abnahm, in eine Zwangslage zu kommen. Aber das war auch alles. Oder schon zu viel, und er erschien ihnen als Streber, der nichts anderes im Kopf hatte, als Karriere zu machen. Einmal hatte er gesprächsweise davon angefangen, ihnen diesen etwaigen Trugschluss auszureden, hatte ihnen begreiflich zu machen versucht, warum er das alles tat, dass es doch für Deutschland sei, für den Führer. Bis Krämer seine Ausführungen mit den Worten unterbrochen hatte: »Melde dich doch ins Führerhauptquartier, und putze ihm die Stiefel, deinem Führer. Das wäre doch ein verdammt feiner Posten für dich!« Der Satz war in schallendem Gelächter untergegangen, und sogar der Schütze Fellbrecht, Kaplan in Straubing, derzeit Sani, hatte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken können.
Mochten sie reden, mochten sie ihn angreifen, ihn ließ es kalt. Im Gegenteil, all diese Reden spornten ihn noch mehr an, seine Haltung zu dokumentieren, denn damit erfüllte er einen jener Grundsätze, die man ihm fünf Jahre lang eingebläut hatte: vorleben. Es ihnen zeigen, es besser machen. Und so oft er sich das sagte, begann ein heiliger Eifer ihn zu erfüllen. Dass sie ihn also nicht mochten, er würde es aushalten, auch wenn dieses Alleinsein nicht immer leicht zu ertragen war. Deshalb sehnte er sich auch so nach dem wirklichen Krieg, nach Angriff und Vorstoß. Beim Angriff wären sie gezwungen gewesen, ihn für voll zu nehmen. Manchmal träumte er davon, wie er den Hauptmann oder den Major – obwohl er sich eingestehen musste, dass die Chance, es für diesen zu tun, lächerlich gering war, denn Majore zeigten sich selten im Graben – wie er sie, schwerverwundet, unter Einsatz seines Lebens aus der Feuerzone zog. Im Notfall mochte auch Krämer genügen oder dieser Stöwer. Vielleicht ließen sie ihn dann nicht mehr links liegen, obwohl es auch wieder Stunden gab, in denen er seine Sonderstellung geradezu genoss. Aber er war noch zu jung, um lange Zeit Freude an einer Märtyrerrolle zu finden. Dann kam es ihm in den Sinn, sich versetzen zu lassen, zu einer anderen Einheit. Am besten wäre SS gewesen. Dort war es anders. Dort konnten solche Kerle nicht bestehen. Aber er wusste, dass dies einer Flucht gleichgekommen wäre, einem Davonlaufen. Und ein Harald Rüster hatte gelernt, auf seinem Platz auszuhalten, gleichgültig, wohin man ihn stellte. Also unterblieb die Meldung.
Stöwer unterbrach seine Gedankengänge.
»Du spielst doch so gerne Krieg, Rüster. Heute Nacht, schätze ich, wirst du eine Gelegenheit bekommen.«
»Warum gerade heute nacht? Woher willst du es wissen?«
»Nimm an, ich habe es im Urin. Aber wenn dir das nicht genügt – es kam vom Bataillon. Als ich vorhin beim Kompaniegefechtsstand war, brachte der Melder es mit. Erhöhte Fahrzeugbewegung auf der Gegenseite. Die Russen bringen Panzer in Stellung, falls dir das etwas sagt. Wirst Augen machen, mein Junge, wenn hier der Rabatz beginnt. Alarmstufe eins für heute nacht. Kenne das. Schon ein paarmal erlebt. Kannst deine gesparte Munition anbringen, denke ich. Wenn du noch eine Gelegenheit dazu hast.« Und dann wieder zu sich selbst: »Wenn nur meine Frau geschrieben hätte. Berta ist doch sonst nicht so. Sie schrieb immer pünktlich. Jeden dritten Tag.«
Harald achtete nicht auf diese Worte. Er zündete sich eine Zigarette an und bemerkte erstaunt, dass seine Hand, die das Streichholz hielt, zitterte. »Du glaubst bestimmt daran?«
Stöwer sah ihn abwesend an. »Woran?«
»Dass sie kommen, heute nacht?«
»Du blöder Rindskopf!«
»Werden sie? Sag es!«
Stöwer schrie: »Natürlich werden sie kommen. Ganz allein schon deinetwegen werden sie kommen! Um deine Sensationslust zu befriedigen, um dir deinen Privatkrieg, ganz für dich allein gemacht, zu bescheren. Deshalb werden sie kommen! Dass dabei Hunderte armer Teufel vor die Hunde gehen, ist dir gleich. Wenn du nur endlich dein großes ›Erlebnis‹ bekommst! Ich weiß genau, wie es in deinem Kinderhirn aussieht. Mir kannst du nichts vormachen. Deinen Typ kenn ich.« Und dann, wieder ruhiger werdend, fügte er hinzu: »Deine einzige Entschuldigung ist, dass du jung bist. Dass sie dich durch den Fleischwolf ihrer Schulen getrieben haben und dich vollpumpten mit ihren Phrasen von Heldentum und Glaube an Deutschland. Es ist so sinnlos – warum rede ich überhaupt davon. Du wirst es nie begreifen. Oder dann, wenn es zu spät ist. Und es ist bald zu spät, eher, als du denkst.« Als Nachsatz flüsterte er: »Kannst ja nichts dafür. Keiner hat sich die Mühe gemacht, dir etwas anderes zu zeigen. Jeder schweigt, weil er Angst hat. Weil ein Wort zu viel schon den Tod bedeuten kann.«
Harald sagte: »Du verdienst es nicht, ein Deutscher zu sein. Und wenn du weiter solche Reden führst, gehört es dir nicht anders, wenn dich einer –«
»Sprich ruhig weiter. Darauf warte ich schon lange.«
Der Junge blinzelte zu ihm hinüber. Voll ansehen wollte er ihn nicht. »Du täuschst dich. Ich verrate niemanden. Selbst dich nicht. Auch das gehört zu meiner Erziehung, von der du so wenig hältst. Ich würde dich melden, wenn ich dich für eine Gefahr hielte. Du bist keine. Jetzt, hier nicht. Denn mich überzeugst du nicht. Du könntest genauso gut zur Wand reden. Keine Angst also.«
»Gut, schön, lassen wir das. Du wirst lachen, ich glaub dir sogar. Und um auf deine Frage zurückzukommen: ich bin überzeugt, dass es heute nacht losgeht. Ich hab es einfach im Gefühl. Das machen die Jahre hier draußen. Und das mit den Panzerbewegungen stimmt auch.«
Harald stand auf, schob die Kiste zurück, stieg auf die Pritsche und legte sich hin. Wenn Stöwer wirklich recht hatte, wollte er ausgeruht sein. Ein paarmal noch kreisten seine Gedanken um Stöwers Gerede. Ein Defaitist, dachte er. Ein Auge auf ihn haben, ihm keine Möglichkeit geben – dann schlief er ein.
Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als ihn ein Schlag vor die Brust hochfahren ließ. Er richtete sich steil auf, so dass sein Kopf gegen die Bunkerdecke schlug. Benommen öffnete er die Augen. Unteroffizier Krämer stand mit verzerrten Zügen vor ihm und schrie ihm etwas ins Gesicht. Er konnte ihn nicht verstehen, denn draußen schien die Erde zu beben. Die Bunkerwände erzitterten unter dumpfen Einschlägen, Erde flog durch die zerbrochene Glasscheibe der Ausguckluke und rieselte auf den Tisch mit den kalten Abendportionen herunter. Noch immer benommen, starrte er auf die Butterrationen, die langsam Erdfarbe annahmen. Wieder schrie der Unteroffizier. Er erkannte es nur an den Mundbewegungen. Dann sprang er von der Pritsche, riss das Koppel vom Nagel, stülpte sich den Stahlhelm über, ergriff die Maschinenpistole und rannte zur Tür.
Krämer bekam ihn am Kragen zu fassen und hielt ihn fest. »Verrückt geworden?« schrie er. »Du kannst nicht raus.«
Harald sah sich um. Fast die ganze Gruppe stand an der Wand. Nur die beiden Posten fehlten. »Aber wir müssen doch –«
»Nichts musst du. Warten, nur warten!« Krämer schrie sich die Kehle wund.
Harald sah von einem zum anderen. Ihre kalkigen Gesichter blickten an ihm vorbei, und er erkannte, dass sie sich fürchteten. Und wieder dachte er wie gestern auf dem Spähtrupp: Ich habe keine Angst. Vielleicht fehlt mir der Nerv dafür, vielleicht habe ich eine Gehirnwindung zu wenig, auf die es ankommt, wenn man Furcht empfindet. Er versuchte, bis zu seinem »Ich« vorzustoßen. Belüge ich mich selbst? Mache ich nur auf Held, spiele ich nur Theater und glaube selbst daran? Aber je mehr er sich bemühte, es zu erkennen, umso verwirrter wurden seine Gedanken, und ganz am Ende dachte er plötzlich an Stöwer. Was hatte er gesagt – um deine Sensationslust zu befriedigen! Und er wusste plötzlich, dass Stöwer recht hatte. Um das Erlebnis ging es ihm, um das Prickeln in den Händen, um dieses Hochgefühl der eigenen Lebensbestätigung, das nur die unmittelbare Gefahr erzeugte.. Dass trotz all dem der Tod dahinter stand, das Ausgelöschtwerden, daran dachte er nicht. Denn er kannte den Tod nicht. Das, was er von ihm wusste, stammte aus Büchern. Die Kugel in der Brust – das letzte Flüstern des Helden, die brechenden Augen. Ein Tod für die Leinwand, mit Nahaufnahme, damit kein Zucken der Lider verlorenging. Dass es anders sein könnte, ganz anders, dass es anders war, daran dachte er nicht. Er blickte ein wenig verächtlich auf die Gruppe Männer, auch wenn er sich bemühte, sie zu verstehen. Sie wollten überleben, wollten heim zu Weib und Kind, für sie war der Krieg eine schreckliche Unterbrechung ihres Privatlebens. Wenn sie nur verstünden, dass sie dieses Privatleben überhaupt nur dann jemals wiederbekommen würden, wenn sie hier aushielten. Dass es nur diese eine Möglichkeit gab. Er wünschte wie nie zuvor, ihnen dieses Wissen weiterzugeben, ihnen begreiflich zu machen, dass – er schüttelte den Kopf.
Das Heulen in der Luft hielt an. Er sah zum Tisch und fühlte auf einmal, dass er hungrig war. Aber wo vorhin noch die Abendverpflegung gestanden hatte, türmte sich jetzt ein kleiner Erdhaufen, der den ganzen Tisch bedeckte. Auch ganz gut so, dachte er. Für Bauchschüsse ist ein voller Magen gefährlich. Alle sagen es. Also –
Auf einmal war Stille. Eine Zeitlang vermochten sie es nicht zu erfassen. Ungläubig schauten sie sich an. Ihre Ohren sträubten sich gegen den plötzlichen Druck, den diese Lautlosigkeit verursachte. Erst der Ruf Krämers löste sie aus ihrer Erstarrung.
»Raus!«
Stolpernd rannten sie die Senke entlang zu den zwei MG-Ständen, die sie zu besetzen hatten. Harald keuchte, als er um die Ecke des Grabens raste. Dann sah er sie liegen. Er blieb stehen und hielt sich einen Augenblick an der Grabenwand fest, so dass Stöwer, der dicht hinter ihm lief, ihm in den Rücken taumelte.
»Da!« Harald deutete auf den MG-Stand.
Stöwer schob ihn zur Seite und machte ein paar Schritte. Dann wandte er sich um und sagte unterdrückt:
»Ja, da! Da hast du deinen Krieg!«
Von den Posten war wenig übrig geblieben. Einen halben Meter vor dem MG-Stand war eine Granate ins Erdreich gedrungen, hatte die Grabenwand eingedrückt und die Holzverschalung um den Stand zersplittert. Das Maschinengewehr lag zerfetzt auf einem der beiden Posten, der Lauf steckte in seinem Hals, die Mündung war bis zur Luftröhre des Mannes vorgestoßen. Den zweiten konnte Harald nicht ansehen. Es war zu viel. Er machte zaghaft einen Schritt nach vorne. Er musste sich an Stöwer festhalten, um nicht umzukippen. Sein Gesicht war kreidebleich. Der Obergefreite gab ihm einen Stoß in die Hüfte. »Los! Mach, dass du zurückkommst. Hole das Ersatz-MG. Mensch, steh nicht da und guck Löcher in die Luft. In wenigen Minuten kannst du hier etwas erleben. Da, schau mal da hinüber –« Er deutete ins Vorfeld.
Harald sah auf und gewahrte den Nebel, der den Acker vor ihnen nach zwanzig oder dreißig Metern in einem milchigen Weiß versinken ließ.
»Nebelgranaten. Mensch – lauf, sag ich dir. Sonst –«
Aber das weitere hörte der Junge nicht mehr. Wie von Furien gejagt, raste er den Zickzackkurs des Grabens entlang, an einigen seiner Kameraden vorbei, die zwischen den beiden MG-Ständen mit ihren Gewehren Posten bezogen hatten. Vor dem Bunker riss er die Waffenkiste auf, zog das MG 42 heraus, warf es über die Schulter und erhob sich. Dann sah er die Panzerfäuste, klemmte sich drei unter den linken Arm und rannte keuchend zurück.
Ohne seine Blicke vom Vorfeld zu lösen, flüsterte Stöwer: »Schneller, Mensch, schneller. So! Stell es auf! Panzerfäuste. Prima! Hast doch Köpfchen, Kleiner. Still! Horch mal!«
Beide reckten die Köpfe. Dann sahen sie sich an, und Stöwer wurde grün im Gesicht.
»Ich hab es gewusst«, sagte er leise. »Panzer. Jetzt haben wir den Salat. Das erste Mal, dass sie hier Panzer einsetzen, seit ich hier bin.«
Harald ergriff den Schaft des MG. Der andere stieß ihn zur Seite.
»Blöder Hund. Mit der Spritze auf T 34. Die Panzerfaust nimm, wenn du schon unbedingt was tun willst. Hoffentlich kannst du damit umgehen.«
Harald nickte schweigend. Er wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Ich habe keine Angst«, sagte er. »Ich habe keine Angst. Keine Angst, verstehst du.« Er war nicht mehr so sicher jetzt. Aber er musste es ihm sagen. Sich selbst musste er es sagen. Er biss sich auf die Lippen und dachte: Wenn ich jetzt Furcht zeige, bin ich erledigt. Ein für allemal. Keiner wird mich jemals mehr für voll nehmen.
Das Motorengeräusch wurde immer lauter. Plötzlich heulte es auf. Abschüsse! Eins – zwei – vier – zehn – hundert. Endlich! Die eigene Ari! Er hatte ganz vergessen, dass es die auch noch gab. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr seinen Lippen. Aber am Ende wurde ein ersticktes Keuchen daraus.
»Mein Gott!« Er fuhr sich mit der Hand zur Kehle und deutete dann nach rechts! Die Nebelwand zerteilte sich, und wie ein vorsintflutliches Ungeheuer schob sich ein Stahlkoloss ins Blickfeld. Langsam, behäbig fast in seiner Schwerfälligkeit, zottelte er den leichten Hang hoch. Das MG neben ihnen begann zu hämmern. Der Turm des Panzers drehte sich ein wenig, für einen Augenblick stand er still. Plötzlich ging ein Ruck durch den T 34, und er fuhr an, auf das MG-Loch los.
Stöwer packte das Maschinengewehr und riss es vom Tisch herunter. »Gib ihm eine. Nimm die –«
Harald starrte noch immer fassungslos den Panzer an, der nun den Graben erreicht hatte und sich zu drehen begann. Dann drückte er auf den Abzug. Der Rückstoß warf ihn zurück, und er schloss für Sekunden die Augen.
»Prima, Rüster! Hat ihn! Und jetzt – oh!«
Stöwer warf sich auf den Jungen, der den Stiel der Panzerfaust in der Hand hielt und nicht mehr wusste, was er tun sollte. Dann wurde es Nacht. Er stieß Stöwer zur Seite und sah nach oben. Die Lehmwand stürzte ein – der riesige Stahlkasten über ihnen drehte sich ruckartig nach links und rechts – Himmel – der Panzer – wir – mit den Stiefelabsätzen trat er Stöwer ins Gesicht, um sich abzustoßen, und erreichte den Laufgraben. Im Rennen liefen ihm die Tränen über das Gesicht, und stoßweises Schluchzen schüttelte ihn. Als er den Bunker erreichte, war niemand mehr da. Ratlos stand er eine Sekunde, bis ein Einschlag ihn auf den Boden warf.
Ich bin allein! Sie haben mich allein gelassen! Die Panzer – überall – was soll ich denn tun – ich muss auf die andere Seite des Bahndamms. Dort ist Buschwerk, man kann sich verkriechen. – Dann entsann er sich des Baches, der unter dem Bahndamm hindurchlief. Nur noch fünf, sechs Schritte bis dahin. Mit einem Satz zwängte er sich in die Röhre, die fast einen Meter Durchmesser hatte. Er achtete nicht auf das Wasser, das ihm ins Gesicht spritzte. Harald musste den Kopf heben, um nicht zu ertrinken. Wenn der Bahndamm einstürzt, bin ich verloren, dachte er blitzartig. Mühsam zwängte er sich wie ein Schlangenmensch im Zirkus Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Der Wasserspiegel reichte ihm im Liegen bis zum Hals. Als er die Mitte der Röhre erreicht zu haben glaubte, verhielt er.
Wenn ich hier bleibe, bis alles vorüber ist – vielleicht finden sie mich nicht. Wenn Infanterie kommt – ich habe Zeit, die Nacht dauert noch lange. Und drüben ist Buschwerk. Es ist eine Chance. Die anderen, wo mochten die anderen sein? Stöwer – an Stöwer mochte er nicht denken. Das Wasser war eisig. Erschauernd presste er seinen Kopf gegen die Röhre. Manchmal, wenn eine Granate in der Nähe krepierte, erschütterte es den ganzen Damm, und Harald streckte sich flach aus, dass sein Kopf unter den Wasserspiegel kam. Bis seine Lungen zu bersten drohten, blieb er so liegen. Wie hoch mochte der Damm sein? Einen Meter – zwei? Er konnte sich nicht daran erinnern, obwohl er ihn täglich vor Augen gehabt hatte. Er konnte sich überhaupt an nichts mehr erinnern. Wenn der Damm einstürzt – und ich – Ersticken ist fürchterlich. Lebendig begraben werden – nie mehr hier herauskönnen! Panik überfiel ihn. Er schlug mit den Fäusten gegen die Röhre, bis ihm die Knöchel aufplatzten. Trotzdem wagte er nicht, weiter zu kriechen. Wie lange er so gelegen haben mochte, daran konnte er sich später nicht mehr erinnern. In der Röhre schienen es ihm Stunden zu sein.
Endlich raffte er sich zu einem Entschluss auf. Wieder schob er sich vorwärts. Plötzlich stieß sein Kopf gegen etwas Hartes. Er griff danach. Stäbe. Holzstäbe. Ein Gitter. Er erschrak fürchterlich. Mit beiden Händen ergriff er das Holz und stemmte sich dagegen. Da er sich nun nicht mehr abstützen konnte, kam sein Kopf wieder unter Wasser. Dann gab der Widerstand nach, die morschen Holzstreifen zersplitterten, und er war draußen. Mühsam kroch er zum Bachrand, zog sich hoch und warf sich schwer atmend auf den Schnee. Noch immer erschütterten Granateinschläge den Boden. Aber die Abstände waren viel größer geworden. Er blickte zu dem Buschwerk hinüber, das drei Meter vor ihm begann. Es war dicht, sehr dicht sogar, hier in Bachnähe. Wenn es ihm gelang, bis dahin zu kommen, war er gerettet.
Plötzlich waren Stimmen in seiner Nähe. Unterdrückte, kehlige Laute. Russen! Geistesgegenwärtig ließ er sich ins Wasser gleiten und schob seinen Körper wieder in die Röhre zurück, bis nur noch sein Kopf herausragte. Die Stimmen entfernten sich, aber er hatte nun die Gewissheit, dass die Russen im Graben waren. Auf einmal fiel die Panikstimmung von ihm ab, und er konnte wieder klar denken. Ein Grinsen verzerrte sein Gesicht. Haben mich noch nicht, die Brüder. Könnte ihnen so passen! Dass hier ein Mann liegt, auf den Einfall kommen die nie.
So blieb er liegen. Dann entsann er sich, dass er eine Uhr am Handgelenk trug. Er schob den Arm hoch und stützte sich auf den Ellbogen. Die Zeiger standen still. Das eingedrungene Wasser war für das Werk zu viel gewesen. Die Zeit verrann. Oftmals waren Stimmen in seiner Nähe, manchmal hörte er das Geklapper von Blechgeschirren oder das leise Aufprallen von Waffen auf Körper. Die Russen mussten sich in den verlassenen Bunkern eingerichtet haben. So war der Vorstoß doch nicht allzu weit gegangen, trotz der Panzerunterstützung. Sechs dieser fahrenden Festungen glaubte Harald gesehen zu haben. Eine hatte er selbst abgeknallt, und die Pak, die fünfhundert Meter hinter ihnen in Stellung lag, hatte wahrscheinlich auch nicht geschlafen. Der Graben allerdings war verloren.
Harald dachte an die Reservestellungen, die zwei Kilometer zurück lagen. Dorthin musste er. Und zwar bald, denn langsam begannen die Sterne zu verblassen. Zudem wurde seine Lage immer ungemütlicher, und das Wasser hatte seinen Körper schon so steif werden lassen, dass er sich kaum noch rühren konnte. Vorsichtig schob er sich aus der Röhre, sprang hoch, mitten in das Buschwerk hinein und lief so schnell er konnte. Seine Maschinenpistole hatte er längst verloren. Die Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Er achtete nicht darauf. Denn nun waren die Russen wach geworden und überzogen die Sträucher mit einem wütenden MG-Feuer. Er warf sich in den Schnee und verschnaufte etwas. Leuchtkugeln gingen hoch. Das noch immer sehr dichte Gebüsch beschränkte seine Sicht auf ein paar Meter. Trotzdem erkannte er den leichten Hang, der sich vor ihm erhob. Wenn ich da hinüber bin, ist alles gut, dachte er. Er krümmte sich zusammen wie zum Sprinterstart und lief durch die Büsche den Hang hinauf. Wieder MG-Feuer. Er presste sich gegen die Schneewehe. Das Feuer verstummte. Eine Weile lag er still.
Plötzlich – da war doch etwas – er hob lauschend den Kopf. Jetzt wieder. Vorsichtig tastete er zum Seitengewehr, zog es leise aus der Scheide. Viel ist damit zwar nicht anzufangen, dachte er, aber doch besser als gar nichts. Schade, dass die Schneiden ungeschliffen sind. Er schloss die Hand um den Griff. –
Da stöhnte doch jemand! Die Anspannung seiner Muskeln lockerte sich ein wenig. Stöhnende sind meist ungefährlich und haben mit sich selbst genug zu tun. Trotzdem war Vorsicht geboten. Vielleicht waren es mehrere, man konnte nie wissen. Einige Iwans mochten in der Begeisterung des Angriffs zu weit vorgeprellt sein und lagen nun hier irgendwo im Gelände. Geschmeidig schob er sich die Schneewehe hoch.
Dann sah er ihn liegen. Unteroffizier Krämer. Er lag auf dem Gesicht, und sein Rücken krümmte sich in schrecklichen Zuckungen. Jetzt konnte Harald auch sein Gestammel vernehmen.
»Mein Gott – so helft mir doch – es tut so weh – so weh – Mutter – bitte, ich kann doch nicht mehr –« Dann gingen die abgerissenen Worte in ein leises Greinen über.
Harald ließ sich neben ihm zu Boden fallen. Krämer bemerkte es nicht. Der Junge legte ihm die Hand auf die Schulter und drehte ihn so, dass er auf den Rücken zu liegen kam. Entsetzt fuhr er zurück. Der Unterleib Krämers war eine einzige, blutige Masse. Der Unteroffizier hatte sich die Hose bis zu den Knien heruntergeschoben und zwischen die Beine einen Schneeberg angehäuft, der das Blut zum Stocken bringen sollte. Durch die Drehung war der dunkelrot gefärbte Eisklotz heruntergefallen und gab eine Wunde frei, bei deren Anblick Harald ein Brechreiz überfiel. Nur mühsam bewahrte er die Fassung.
»Krämer – Unteroffizier Krämer! Ich bin es, Rüster. Erkennst du mich?«
Der andere war bei der Berührung zusammengezuckt und sah ihn nun glanzlos an. Dann überflog ein Erkennen sein Gesicht, und er lächelte verkrampft.
»Einer«, stammelte er. »Wenigstens einer.« Er wandte den Kopf und sah an sich herab. Wellen von Schmerz überfluteten seinen Körper, und seine Züge verzerrten sich zu einer fürchterlichen Grimasse. »Bitte – Rüster – bitte – Kamerad – alles fort – du – es kann doch nicht – bitte – erschieß mich – gib mir –«
Sein Gestammel wurde immer lauter, und Harald presste ihm die Hand auf den Mund. Der andere wehrte sich verzweifelt, war aber durch den Blutverlust schon viel zu schwach. Ein Wunder, dachte Harald, dass er bei dieser Verletzung überhaupt noch lebte. Dann erschlaffte Krämers Körper, und der Junge sah, dass er sich in eine tiefe Bewusstlosigkeit gerettet hatte. Er erhob sich, zog den Mantel aus, die Uniformjacke, Hose und Unterhose. Diese legte er neben Krämer in den Schnee, streifte die Hose und die Stiefel wieder über, zerrte sich das Hemd über den Kopf, schlüpfte in Jacke und Mantel, presste die Unterhose auf die Wunde, riss das Hemd, so gut er es vermochte, in Streifen und legte einen Behelfsverband an. Er wunderte sich, dass der Verband sich nur langsam färbte. Der Schnee musste den Blutstrom doch wesentlich vermindert haben, dachte er.
Dann wurde er sich seiner Lage bewusst. Bis zu den Reservestellungen waren es gut 1500 Meter. Und der Himmel wurde schon hell. Nachdenklich maß er den Körper Krämers. Nur gut, dass er klein war. Mehr als einen Zentner dreißig konnte er nicht wiegen. Er ergriff ihn unter den Armen, bückte sich und legte ihn sich über die Schulter. Dann ging er los. Über die Richtung gab es keine Frage. Wo Osten war, darüber war er nachdrücklich belehrt worden.
Eine Weile ging es ganz gut. Nur manchmal, wenn sich die dürren Äste der Büsche an Krämers Körper verfingen, fluchte Harald unterdrückt und umfasste die Beine des Verwundeten fester. Er spürte, wie ihm das Blut des Unteroffiziers in den Hals drang und den Rücken hinunterlief, und wieder überkam ihn der Brechreiz.
Dann konnte er nicht mehr. Vorsichtig ließ er den Verwundeten auf die Erde gleiten, richtete sich auf und verschnaufte ein wenig. Der Krieg ist doch anders, dachte er. Der Krieg – ja, der Krieg. Stöwer ist auch tot. Zermalmt von einem Panzer. Jetzt braucht er sich nicht mehr zu sorgen um einen Brief von seiner Berta. Für ihn gibt es keine Briefe mehr. Und ein Bombardement auf Köln kann ihn kalt lassen. Auch über den Staat braucht er sich nicht mehr zu ärgern. Über den Staat – den Führer – ob es der Führer wusste, was hier vorne gespielt wurde? Er musste es wissen, war selbst Soldat gewesen in Frankreich, Gefreiter wie er, Harald Rüster. Nicht der Führer war schuld – wieso auf einmal solche Gedanken? Die Russen hatten Krämer auf dem Gewissen und Stöwer und all die anderen, die Millionen anderen. Die Russen und die Westmächte. Ein maßloser Hass überfiel ihn. So wird es uns allen ergehen, dachte er, wenn wir uns nicht zur Wehr setzen, wenn wir nicht zusammenstehen, einer eintretend für den anderen. Und gerade das wollten Männer wie Stöwer nicht begreifen, dagegen wehrten sie sich. Wie konnte ein vernünftiger Mensch nur so verbohrt sein? Jetzt ist er tot. Für ihn gab es keine Probleme mehr und auch keine Irrtümer. Er hatte Ruhe.
Ruhe?
Ich muss weiter. Die freie Fläche, es kommt noch eine freie Fläche, das Buschwerk wird bald aufhören. Sie haben es vor dem Reservegraben abgebrannt, um Schussfeld zu haben, schon im letzten Sommer. Er sah auf Krämer. Der rührte sich noch immer nicht. Vielleicht war er tot? Er beugte sich zu ihm hinab und fühlte den Puls. Ganz schwach vernahm er den Schlag. Wieder zerrte er den Körper hoch und trottete weiter. Das Gewicht des Unteroffiziers beugte ihn nieder. Wie konnte ein so kleiner Mann so schwer sein? 1,85 maß er selbst, und gute 170 Pfund Lebendgewicht. Trotzdem. Er glaubte, die Last auf seiner Schulter nicht mehr aushalten zu können und knirschte mit den Zähnen. Vorleben – hatten sie gesagt, das Vorgenommene durchführen um jeden Preis. Die hatten leicht reden. Sprüche alles, Geschwätz. Aber dann hätte ja Stöwer doch recht! Wenn nun auch alles andere – Unsinn, du willst nur weich werden! Ausflüchte das alles! Du willst ihn liegen lassen – ist es so? Ja, verdammt, es ist so. Wenn er nicht wäre, wenn ich – er stirbt ja doch, mit so einem Loch im Bauch kommt man nicht durch.
Trotzdem hastete er weiter und erreichte den Rand des Buschwerks. Dort verhielt er und legte Krämer auf den Boden. Dann sah er den Graben, den MG-Posten fünfzig Meter vor sich, der plötzlich den Lauf herumriss und zu schießen begann. Im Fallen spürte er den scharfen Schmerz in der Schulter und am Handgelenk. Dann wurde es für einen kurzen Moment schwarz vor seinen Augen. Er lag neben Krämer, der ihn mit halb geschlossenen Augen ansah und leise murmelte. »Jetzt hat es dich auch erwischt. Nun sind wir restlos am Arsch!«
Harald beachtete ihn nicht. Seine ganze linke Seite schien eine einzige Wunde zu sein, ihm war, als müssten die Nervenstränge, die zu seinem Gehirn führten, platzen von diesem unerträglichen, irrsinnigen Schmerz. Sein Mund öffnete sich zu einem krächzenden Laut, der sich dann zu einem hinausgebrüllten Wort formte: »Hiiilfeee!«
Dann wurde es Nacht um ihn.
Der Zug rollte durch Polen. Den Rücken an die Holzwand des Dritterklasseabteils gelehnt, saß Harald Rüster im letzten Waggon. Den linken Arm hielt er leicht angewinkelt. Manchmal fuhr seine Rechte über die zusammengekrümmten Finger der linken Hand, und seine Lippen verzogen sich. Über die Umstände, die zu seiner Verwundung geführt hatten, kam er immer noch nicht hinweg. Auch seine beim Ersatzhaufen erfolgte Beförderung zum Fahnenjunker-Unteroffizier konnte ihm darüber nicht hinweghelfen. Wenn es wenigstens der Feind gewesen wäre, dem er seine Verwundung zu verdanken hatte. Aber so! Die eigenen Leute! Unteroffizier Krämer fiel ihm ein. Wie der es fertig gebracht hatte, am Leben zu bleiben, erschien ihm rätselhaft. Ein zäher Bursche, der Krämer. Ob sein Überleben allerdings ein Glück für ihn war? Armer Kerl. Zum Kastraten herabgewürdigt. Harald zuckte im Halbschlaf mit den Schultern. Pech gehabt, c’est la guerre! Auch die steife Hand war übel genug. Aus mit der Offizierskarriere. Möglich, dass man ihn noch zum Reserve-Leutnant beförderte. Der Posten allerdings, den er jetzt antreten sollte, versprach nichts Derartiges. Lager FX 72, Pleskow. Irgendein Sonderkommando wahrscheinlich. Vorstellen konnte man sich unter der Bezeichnung überhaupt nichts. Aber das Wort Lager störte ihn. Dann beruhigte er sich wieder. Es gab viele Arten von Lager. Solche zu Ausbildungszwecken, für Waffenerprobungen und so weiter. Trotzdem. Er war froh, dass die Reise bald zu Ende sein würde, denn dieses Nachdenken über seine zukünftige Aufgabe machte ihn nervös.
Mit einem Ruck hielt der Zug. Rüster räkelte sich hoch und blickte zum Fenster hinaus. Litzmannstadt. Noch acht Stunden bis zu seinem Bestimmungsort, wenn der Obergefreite der Frontleitstelle in Breslau eine richtige Auskunft gegeben hatte. Wieder lehnte er sich zurück, schlug den Mantel vor sein Gesicht und versuchte zu schlafen. Auch die anderen im Abteil dösten vor sich hin. Es waren keine vergnüglichen Reisegenossen, diese Landser, die nach langen Lazarettaufenthalten oder kurzen Heimaturlauben an die Front zurückfuhren. Auch gesprächig waren sie nicht, denn noch immer waren ihre Gedanken bei den Angehörigen, die sie vor zehn oder zwanzig Stunden auf einem zugigen Bahnsteig zurückgelassen hatten.
Plötzlich entstand Unruhe im Waggon. Türen wurden aufgerissen, laute Stimmen ertönten. Harald schlug den Mantel zurück und öffnete die Augen. Auch seine Banknachbarn wurden munter und blickten erstaunt auf den Gefreiten, der plötzlich die Tür aufriss und rief:
»Wisst ihr schon? Sie haben Hitler umgebracht! Eben kam es durch! In Deutschland ist Revolution!«
Die Männer blickten sich an. Ungläubiges Staunen zeichnete sich auf ihre Gesichter. Ein paar schluckten erregt. Einer atmete hörbar, und ein unsteter Glanz kam in seine Augen.
»Das würde ja heißen – der Krieg – wir könnten – vielleicht –« Er brach ab.
Auf einmal redeten alle gleichzeitig. Es war, als bräche ein Bann. Es ergoss sich eine Flut von Worten aus all diesen Mündern, die Furcht oder Trägheit so lange verschlossen hatte. All das Aufgestaute brach sich Bahn, riss letzte Hemmungen fort, steigerte sich zu Kaskaden derber Flüche, bei einigen wenigen jahrelang nur gedacht und hinuntergewürgt. Andere, der vielen vergeblichen Siege und
