Wehe, wenn er losgelassen - René B. - E-Book

Wehe, wenn er losgelassen E-Book

René B.

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Beschreibung

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Basel, dem größten Dorf der Welt, geboren erzählen kurze Geschichten und kleine Episoden, wie der Bub langsam die Welt entdeckt und zum jungen Mann heranwächst. Dabei erleben die Leserinnen und Leser die kleinen und großen Schritte mit, die es braucht erwachsen zu werden und werden vielleicht Leute wiederkennen, vielleicht sogar sich selbst. (…)Die Teile: Jugend und Schulen, erste Begegnungen mit dem Theater und das Hineinwachsen in den Probenbetrieb, die Phase der “Letzten Tage”, Rekrutenschule, das beginnende Erwachsenenalter, USA. Übergänge fließend und locker, auch wenn die einzelnen Blöcke erkennbar bleiben. Mit Verve, Tempo und lustvoll geschrieben. Und ebenso zu lesen. (…) Ein tolles Buch, weil es lustvoll erzählt ist. Und vollkommen aus eigener Hand.(…) Vieles erinnerte mich, war mir vertraut, Wiederbegegnungen – und flüssig, schnell und sicher geschrieben. Ich kann dazu nur gratulieren! (…) Reinhardt Stumm, Kritiker

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Startschuss

Das blonde Mädchen mit

The Wizard of Oz

Der blonde, schmächtige Junge

The Deep Blue

FCBEEEE!

Fertig lustig

Achtung, steht!

Pat Garret meets Billy the Kid

Die Braven und die Bösen

Dallas und Donald Duck

Das blonde Mädchen mit den Augen

Violinen und der Tod

Die drei Kasper

Lady Madonna

Nicht alles Gold, was glänzt

Dschungel Expeditionen

Das goldene Gefängnis

I am the Greatest

Die kleinen Rassisten

Marina, Marina, und Mary

Orion und Houston, bitte melden!

Stoff, aus dem die Träume sind

Ikarus, oder Fliegen will gelernt

Bilder und Vorbilder

Trennung auf Zeit

Notbremse

Born to Be Wild

L’homme qui aimait les femmes

Der Zahn der Zeit

Make My Day

Underground

Titus, Titus oder die Konform

Sweet Child in Time

Alles fahrt Schy

Lost Angeles

Dr Schnällscht

We Shall Overcome

Adolf Schwyzer und Schwarzenbach

Fahrstunden

Solid Vengeance

Die Probe ist nie zu Ende

The Show Must Go On

Rache ist süss

Die grüne Gefahr

Rebell auf Zeit

Die Roten und die Indianer

Schmerz und Freud

Universitas

Red Baron und Ramayana

Männer für alle Fälle

Irre und Skandale oder Basel tickt

The Brits and the Scots

Normalbetrieb

Revolten

Titlis macht süchtig

Fronarbeit und Single Malt

Orts- und Rollenwechsel

Viva la revolucion!

Schmerz und Drogen

Götter in Weiss

Das Männli

Unmögliches möglich machen

Brunnmatt und McEnroe

It’s Another World

The Girls and The Shining

Das Staibärgli und das Kühlhaus

V. für Vertrauen und Verantwortung

La fée verte und das Tal am Ende

Mona Lisa

Theater oder Universität?

Hochmut kommt vor dem Knie-Fall

Galgenhumor

Die erste Niederlage

Die Traumfabrik

Die Strassen von San Francisco

Jesse, Evelyn and Carl

Barbie in the Park

Moses und Colossus

Endspurt

Vor dem Nichts

Augst und die Vögel

Christine et le Val de Bagne

Stempel, Umzug und Diplome

Startschuss

Gewehrfeuer, ein Maschinengewehr rattert. Am gegenüberliegenden Rheinufer versuchen die Franzosen ein Schlauchboot zu Wasser zu bringen. Sofort werden sie von der Fabrik am Rheinhafen unter Feuer genommen. Es gelingt ihnen einige Meter ins Wasser vorzudringen, dann ist es vorbei. Der Rhein färbt sich blutrot. Nach einiger Zeit ist ein lautes Motorengetöse am anderen Rheinufer zu hören. Ein Panzer stoppt. Durch den Feldstecher erkennt er, wie ein Neger - „un français africain“ - oben aus der geöffneten Luke schaut und ebenfalls durch den Feldstecher starrt. Die Luke schliesst sich. Dann verschwindet er wieder. Der Geschützturm beginnt sich zu drehen. Oh, mein Gott, denkt mein Vater, die werden doch nicht.…?! Laut schreiend läuft er zur Hütte auf der Terrasse und ruft: „Alle raus, ein Panzer zielt auf uns!“ Sofort eilen alle ins Treppenhaus. Ein paar Sekunden später kracht es draussen. - Nach einigen Telefongesprächen war geklärt, dass der Neger nicht gemerkt hatte, dass der Silo auf Schweizerboden steht und die Helme der Schweizer Soldaten jenen der Deutschen Wehrmacht sehr ähnlich sahen.

Noch heute erfreuen sich Touristen und Einheimische an der schönen Aussicht, die sie auf der besagten Terrasse geniessen können, auf der damals die Hütte stand, und wenn sich mein Vater und seine Kameraden nicht geistesgegenwärtig in Sicherheit gebracht hätten, wer weiss, ob ich überhaupt jemals geboren worden wäre. Der Schuss des Panzers hatte das Dach der Hütte völlig weggerissen und es ist fraglich, ob jemand unter den Trümmern überlebt hätte.

Damals war mein Vater schon 34 und kannte meine Mutter noch nicht. Er war eingesetzt als HD Flieger Beobachter und war mit seinen Kameraden – unter anderen auch meinem zukünftigen Götti und C.R. Stange - dafür verantwortlich, sämtliche Luftbewegungen im benachbarten Luftraum zu beobachten und, wenn nötig, Alarm auszulösen. Dies kam einige Male vor. Man erinnere sich an die Bombardierung des Gundeldinger Quartiers am 4. März 1945. Sieben Monate später heirateten meine Eltern in der Peterskirche.

Meine Mutter wurde in der Nähe von Lausanne geboren. Schon früh zog die Familie ins Baselbiet und meine Mutter verbrachte die Primarschulzeit in Reinach, wo sie anscheinend eine nicht ganz einfache Jugend verlebte. Die Familie war weder arm noch reich, aber das eigene Häuschen blieb für sie ein Wunschtraum. Auch litt meine Mutter an versteckten konfessionellen Konflikten in der Gemeinde. Ihr Klassenlehrer soll einmal gesagt haben, als das Lineal einer Schülerin verschwunden war: „Das kann nur eine Protestantin gewesen sein.“ Während des Krieges war sie beim grössten Chemie Konzern angestellt, wo sie mit Sympathisanten des NS-Regimes konfrontiert wurde, die ihr kleines politisches Bewusstsein prägten. Mein Vater war im St. Johann Quartier verwurzelt. Sein Vater betrieb neben dem Stadttor ein Kunstatelier. Die Leute nannten in den „Tausendscherbenkünstler“. Meine Grossmutter betrieb eine Kolonialwarenhandlung an der St. Johanns-Vorstadt 31.

Wie sich meine Eltern wirklich kennen gelernt haben, weiss ich nicht genau. Diese Tatsache reiht sich lückenlos in die späteren Erkenntnisse ein, dass sehr intime Dinge in meiner Familie nie diskutiert wurden. Andererseits kann man dafür durchaus Verständnis aufbringen, wenn man sich vorstellt, dass mein Vater 1910 und meine Mutter 1921 geboren wurden und ich erst auf die Welt kam, als mein Vater 46 war. Zu dieser Zeit war es praktisch undenkbar, persönliche Details offen auszusprechen. Obwohl meine Mutter als echte Vaudoise offener und spontaner war als mein Vater, versuchte sie nie diesen Zustand zu ändern. Zudem strahlte mein Vater eine unheimliche Ruhe und Vernunft aus, so dass wir uns fast nicht getrauten diesen Zustand zu stören. Wir wussten, dass er sich masslos aufregen konnte, vor allem dann, wenn jemand sein Wort brach, eine Abmachung nicht einhielt oder jemand ungerecht behandelt wurde. Zudem war er wohl der beste Buchhalter des Jahrzehnts, der noch am Stehpult seine Lehre absolvierte hatte und im Kopf addieren konnte wie kein anderer. Seine Handschrift war noch bis ins hohe Alter glasklar und die Zahlen in der Buchhaltung eine wie die andere. Trotzdem war er überraschenderweise für äussere Einflüsse nicht verschlossen. Seine Neugier auf fremde Länder und Kulturen und sein offenes Ohr für „verrückte“ Vorschläge liessen ihm den Freiraum, den er als Ausgleich zur völlig geregelten Welt der Buchhaltung brauchte. Ihm war es wohl, wenn er mit Vereinskollegen im Winter auf Skiern irgend eine lange, anstrengende Gipfelbesteigung unternehmen konnte, um anschliessend die kurze Talabfahrt auf unpräparierten Pisten zu geniessen.

Seine zweite grosse Leidenschaft war die Leichtathletik und sein Club OB. Sein Engagement als Aktiver, das ihm auch Schweizer Meister Titel eintrug, und sein späterer Einsatz als Funktionär und Vorstandsmitglied erfüllte ihn mit grosser Befriedigung. Dazu kamen eine Treue und Loyalität zu seinen Freunden und seinem Club, die heute schwer vorstellbar ist. Zudem war er über 40 Jahre lang bei derselben Versicherungsgesellschaft tätig; das alles prägte seinen Charakter sehr stark.

Meine Mutter war überhaupt nicht sportlich, Ski fahren und wandern schon gar nicht. Fürs Schwimmen im seichten Wasser war sie eher zu haben, damit konnte aber mein Vater nichts anfangen. Ich glaube, er hatte sogar Angst vor dem Wasser. Zu jener Zeit kam eine Frau, speziell eine Hausfrau, kaum auf die Idee sich zu verwirklichen oder einen persönlichen Ausgleich zur Hausarbeit und Kindererziehung zu suchen. Trotzdem, bei aller Verschiedenheit, hielt diese Ehe bis zum Tode meines Vaters, geprägt von Toleranz, Respekt und wohl auch Tradition. Eine Scheidung wäre nie in Frage gekommen, auch aus gesellschaftlichen Gründen. Und tatsächlich wurden in der Generation meiner Eltern in unserer Verwandt- und Bekanntschaft keine Ehen geschieden.

Oft frage ich mich, wie viel aus der Erziehung im Allgemeinen hängen bleibt. Wenn ich heute die Jugendlichen beobachte, ist das Resultat erschreckend. Was früher selbstverständlich war, ist heute selten gut verankert, bis gar nicht vorhanden. In meiner Jugend war das völlig anders. Obwohl ich in der Pubertät dem Zeitgeist entsprechend stark rebelliert hatte, realisierte ich später, wie viel von zu Hause an Vorbildern, ethischen und praktischen Werten hängen bleiben. Mein Vater war ein starkes Vorbild, der mit seinen Genen auch für meine Körpergrösse, meine Haare und meine Nase verantwortlich war. Die Augen sind die meiner Mutter, die mir zeigte, dass Offenheit und Direktheit nicht unbedingt unangenehm sein müssen. Daran allerdings musste ich noch lange arbeiten, und wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, im Verlauf dieser Lektüre auf Situationen stossen, bei denen ich Schwierigkeiten hatte, über den eigenen Schatten zu springen, dann blättern Sie zurück auf diese Seiten.

Und zum Schluss noch dieses: Eine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen, die in diesem Text auftreten, ist unvermeidlich. Für die genaue Reihenfolge der Ereignisse übernehme ich nicht die volle Verantwortung, doch was Sie hier lesen ist wahr, sofern die Wahrheit eines Einzelnen wahr sein kann.

Das blonde Mädchen mit lockigem Haar

„Ach, was für ein süsses Mädchen!“ Diesen Satz soll meine Mutter sehr oft gehört haben. Eine einzige aus dieser Zeit existierende Fotografie von mir entschuldigt allerdings diese Leute für ihre Fehlleistung. Tatsächlich wurden meine Haare erst mit der Zeit dunkel. An meine Blondheit kann ich mich nicht mehr erinnern. Überhaupt ist aus dieser frühen Kindheit nicht sehr viel bewusst hängen geblieben. Viele entscheidende historische Ereignisse im Jahr meiner Geburt, wie die Suez-Krise oder der Ungarn Aufstand, schienen meine eher unpolitischen Eltern als normale Nebenerscheinung des Kalten Krieges zu akzeptieren. Darüber höre ich heute nichts, jedoch erzählte meine Mutter einige persönlichen Besonderheiten immer wieder gerne, von denen ich annehmen muss, dass sie wahr sind.

Anscheinend hatte ich als Rhesusfaktor Opfer mit dem damaligen Stand des medizinischen Wissens keine Chance auf ein Brüderchen oder Schwesterchen. Also musste ich mich mit dem Schicksal des Einzelkindes abfinden. Das ist manchmal gar nicht so schlecht. Man kann immer essen, was man will, muss seine Spielsachen mit niemandem teilen, muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Ist doch toll? Typisches Einzelkind, grässlich! Es kommt noch schlimmer. Eine Geschichte, die meine Mutter sehr stark beeindruckt haben muss, ist die: Auf die Frage meiner Mutter: “Qui commande?“ Soll ich immer geantwortet haben: „C’est moi qui commande!“ Klar, Einzelkind, verwöhnt. Vielleicht steckt da noch mehr dahinter. Warum trieben meine Eltern immer wieder dieses Spiel mit mir und freuten sich an meiner Antwort? Ist doch ungewöhnlich, dass ein dreijähriges Kind solche Antworten gibt, und dazu noch auf Französisch. Die Erklärung ist allerdings leicht. Mit meinem Vater redete ich Baseldeutsch, mit meiner Mutter Französisch. Das bereitete niemandem Mühe. Meine Mutter sprach zwar auch Baseldeutsch, aber meine Grossmutter nur sehr schlecht, und da meiner Mutter etwas daran lag, dass „Grandmaman“ mit mir kommunizieren konnte, war das eben so, und mir gab das für später einen riesigen Vorteil. „Bilingue“ aufzuwachsen ist nicht nur gut für einen späteren Spracherwerb, sondern öffnet auch den Horizont. Ein Kleinkind, das merkt, dass nicht alle Personen die gleiche Sprache sprechen, wird später kaum grosse Probleme haben mit Leuten, die anders sind, mit Kulturen, die anders leben.

Etwas anderes scheint mir in diesem Zusammenhang auch sehr wichtig. Als Einzelkind waren meine ersten Kontaktpersonen in der Verwandtschaft alles Erwachsene, die erheblich älter waren als der Durchschnitt der Eltern, die Kinder hatten in meinem Alter. Alle meine Vorbilder würden heute „Gruftis“ genannt. Alles Leute, für die Anstand, Höflichkeit, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit selbstverständlich waren. Was ich damals in diesem Zusammenhang nicht verstand, war einerseits die lästige und immer wiederkehrende Aufforderung Erwachsene doch zu grüssen, und andererseits wunderte ich mich, dass wir immer bei den gleichen Personen, die uns entgegen kamen, die Strassenseite wechseln mussten. Viele Dinge verstand ich noch nicht, zum Beispiel warum man der netten Kioskfrau, Frau. H., immer „Frau“ sagen musste und der netten Verkäuferin im Konsum, Frau S., immer „Fräulein“. Dabei waren doch beide etwa gleich alt, sehr alt, auf jeden Fall viel älter als meine Mutter. Was mich ärgerte, war der Umstand, dass meine Mutter immer so lange mit anderen Erwachsenen reden musste, denen wir auf dem Weg zum oder vom Einkaufen begegneten. Was hatte das mit Anstand zu tun? Also beschloss ich eines Tages etwas Unanständiges zu tun. Als wir wieder einmal schon fünf Minuten dastanden und meine Mutter mit Frau M. redete, beschloss ich sie am Rockzipfel zu ziehen. Das störte sie zwar, nützte aber nichts. Also zog ich fester. Immer noch kein Resultat. Also zog ich noch fester bis es nachgab. Oh Schreck, der Rock war gerissen! Meine Mutter war zwar sehr wütend, doch das Gespräch war sofort beendet und meine Mutter wollte sofort nach Hause gehen.

The Wizard of Oz

Dorothy liegt auf dem Bett, träumt vom magischen Wunderland. Auch ein Einzelkind. Sie sprüht vor Fantasie und ihr Vorstellungsvermögen ist so gross, dass ihre Träume Realität werden. Um meine Fantasien zu realisieren bekam ich von meinen Eltern fast alle Spielsachen, die ich wollte, vor allem Autos, Corky Toys und Dinky Toys. Doch sie weigerten sich stets mir teures Plastikspielzeug zu kaufen, das sowieso so schnell kaputt gehe. Wenn schon musste es robuste Qualitätsware sein. Meine Bauklötze gingen nie kaputt und ich hatte einen Riesenspass daran, damit irgendwelche Burgen oder Gebäude zu konstruieren, auf denen sich die verrücktesten Geschichten abspielten. Meine Indianer, Cowboys und Soldaten erlebten dort die spannendsten Abenteuer; dabei war es egal, ob es im Wilden Westen schon VWs oder Fiats gab. Autounfälle gehörten dazu. Selbstverständlich übernahm ich sämtliche Rollen gleich selbst, ebenso den Job des Sound Mixers und Beleuchters. Jahre später wurden auch noch mein Hamster Fifi und mein Wellensittich in die Geschichten eingebaut. Grosse Haustiere hätten in unserer kleinen Wohnung wohl keine Freude gehabt. Meine Mutter wollte zuerst keine, weil sie befürchtete, dass sie dann immer den Käfig reinigen müsste. Ihre Befürchtungen wurden zwar später bestätigt, das wurde allerdings dadurch kompensiert, dass MEINE Haustiere zu UNSEREN Haustieren wurden. Alle erfreuten sich an ihnen und sogar mein Vater musste nach einem kurzen Schreck lachen, als Wellensittich Jaggi einmal mitten auf seinem Kopf landete.

Die Erfahrung, immer mit mir selbst spielen zu müssen, hatte einen irren Vorteil. Niemand redete mir rein, niemand wollte meine Geschichten ändern. Im Gegensatz zu Bastian in der Unendlichen Geschichte, von dem nur einmal der entscheidende Einfluss erwartet wird, konnte ich jederzeit der Handlung eine andere Richtung geben. Flexibel zu sein war grossartig. Dummerweise erlebte ich im Sandkasten auf dem Kinderspielplatz aber, dass meine Flexibilität bei anderen Kindern gar nicht gefragt war. Wenn SIE meine Geschichte ändern wollten, gab es sofort Diskussionen. Meine Geschichte war doch gut, warum wollten sie sie ändern? Nach einiger Zeit merkte ich jedoch, dass es durchaus gute und spannende Vorschläge gab, die mir nicht eingefallen waren. Also gab ich nach, wenn sie verrückt genug waren. Langweilige Ideen wurden aber weiterhin nicht zugelassen. Mehr Schwierigkeiten gab es mit den Spielsachen. Meine Spielsachen gehörten MIR und ich wusste immer ganz genau, was mir gehörte. Ich hätte auch nie etwas auf dem Spielplatz vergessen oder liegengelassen. Andere Kinder nahmen das nicht so genau. Die nahmen einfach mein Schäufelchen oder mein Kesselchen. Sofort musste ich natürlich die Aktion beenden und meine Sachen zurückbekommen, wenn es sein musste, mit Gewalt. Meistens funktionierte dies auch bestens, denn ich war für mein Alter immer ein wenig grösser und kräftiger als der Durchschnitt. Wenn ich also an meinem Schäufelchen zu zerren begann, ging es nicht lange, bis ich es wieder hatte. Wenn jemand allerdings noch frech wurde, dann bekam er meistens eins auf die Nase. Das wiederum passte den Müttern, die auf dem Bänkchen sassen, überhaupt nicht. „So ein brutales Kind. Schläger!“ Was meinten die bloss? DIE hatten ja meine Sachen geklaut, DIE waren ja frech und unanständig. Meine Mutter war zuerst ratlos. Hatte sie tatsächlich einen Hooligan auf die Welt gesetzt? Schlussendlich kam sie auf eine geniale Idee – Kompromisse schliessen war eine ihrer Spezialitäten. Sie versuchte mir, den Kindern und anderen Müttern zu erklären, dass, wenn die anderen Kinder mich fragten, ob sie sich mein Schäufelchen borgen könnten, gäbe es auch keine Schlägereien mehr. Ich sei halt ein anständiges Kind. Das war zwar ein bisschen gelogen, aber den Hinweis mit dem Anstand hatte ich kapiert. Also fügte ich mich in diesem Punkt: wer fragte, durfte, ausser ich brauchte es im Moment wirklich selbst. Die anderen Mütter waren jedenfalls zufrieden.

Irgendwann reichten mir meine spannenden Geschichten nicht mehr. Auch war meine Fantasie ziemlich ausgeschöpft und ich merkte, dass sich die Geschichten mit kleinen Abweichungen wiederholten. Etwas anderes musste her, und da ich schon von Anfang an sehr neugierig war und alles wissen wollte, entdeckte ich Bücher. Zuerst solche mit Bildern, bei denen ich den Text nicht verstand, also improvisierte ich mit dem Inhalt. Später nervte mich dies zunehmend und ich wollte wissen, was diese Buchstaben bedeuteten. Mit der Zeit konnte ich zumindest den Sinn der Geschichte mit Hilfe der Bilder erraten, weil es mir mit Hilfe meiner Eltern gelang einige Wörter zu lesen. Und so ging es weiter. Ich merkte, dass auch wenn ich eine vorgedruckte Geschichte las, noch genügend Freiraum übrig blieb, mir etwas vorzustellen. Das führte so weit, dass ich, bevor ich richtig lesen konnte, schon die alte Schreibmaschine meines Vaters benützen wollte. Nach einiger Skepsis – er dachte wohl, sie ginge kaputt – gab er nach. So war ich ganz stolz, dass ich es fertig gebracht hatte einige Wörter darauf zu tippen.

Viele Eltern würden sich freuen, wenn ihre Kinder so früh ihre Liebe zu Büchern entdeckten und einige überzeugte Pädagogen würden heute versuchen, die Kinder so lange wie möglich von der Glotze fernzuhalten. Damals machte man sich noch keine solchen Gedanken. Die meisten hatten sowieso keinen Fernseher, wozu auch? Das Schweizer Fernsehen sendete seit 1953, andere ausländische Fernsehanstalten früher. Man konnte sie von Basel aus empfangen, aber die Bildqualität liess doch ziemlich zu wünschen übrig. Es schneite häufig. Neugierig war ich schon über Fernsehen etwas zu erfahren. Meine Vorliebe, auch sogenannt fremde Personen mit Fragen zu nerven, führte schliesslich dazu, dass ich eines Tages bei Herrn B. im Parterre läutete. Herr B. war ein rundlicher, ein wenig mürrischer alter Mann mit kahlem Kopf, der schon im 1. Weltkrieg gekämpft hatte; er war nämlich Franzose. Meine Eltern mochten ihn gar nicht, da er als Hausmeister und zusätzlich Besitzer unseres Dreifamilienhauses nach strenger Sitte seine Regeln aufstellte, die meine Eltern teilweise als Schikane empfanden. Das wurde allerdings kompensiert durch die aufgestellte Elsässerin Frau H., seine Haushälterin, die unsere Familie immer wieder mit dem besten Gugelhupf der Welt erfreute und mir heimlich im Treppenhaus Süssigkeiten zusteckte. Merkwürdigerweise war Herr B. mir gegenüber viel toleranter und nahm sich auch mal Zeit mir Dinge zu erklären und Sachen zu zeigen, vielleicht weil er selbst keine Kinder hatte. Zudem konnte ich ja Französisch, was die Sache noch einfacher machte. Als Frau H. alsdann die Wohnungstüre öffnete und erriet, was wohl meine Absicht war, unterbrach sie Herr B., der immer wusste, wer fortging und heimkam, und auch um welche Zeit. Er hatte mich bestimmt kommen sehen, da sein Sessel ideal platziert war um eine guten Ausblick auf das Gartentürchen zu haben und gleichzeitig fernzusehen. Er rief mich also in sein Arbeitszimmer, wo er eigentlich nie arbeitete, und befahl mir mit einem wichtig tönenden Unterton meinen Blick auf den Fernseher zu richten. Ich verstand sofort, da musste etwas sein, was ihn sehr beeindruckte. Auf dem Bildschirm war ein grosser, hagerer Mann mit einer langen Nase zu sehen, der sehr würdevoll und für mich mit ungewohnt vibrierender Stimme sprach. Ich verstand nur einige wenige Wörter, aber ich merkte, dass dieser Mann eine ganz wichtige Person war, da Herr B. seinen Blick keine Sekunde abwandte und gleichzeitig zwischendurch murmelnd zustimmende Kommentare abgab. Erst später realisierte ich, dass der Mann, den ich bei meinem ersten Kontakt mit dem Medium Fernsehen gesehen hatte, tatsächlich einer der wichtigsten Männer seiner Zeit war: le général de Gaulle. Was ich in Bezug auf Herrn B.‘s Motivation erst später bewunderte, war sein Aufwand und die Investition in eine aufwändige Antennenanlage auf unserem Dach, um von der erhöhten Position des Bruderholzes profitierend den französischen Sender überhaupt empfangen zu können, der erst noch in einer anderen Norm sendete als die Deutschen oder die Schweizer. Herr B. war der erste echte Patriot, den ich kennen lernte. Meine Eltern empfand ich bis dahin eher als unpolitisch. Solche Themen waren eher selten. Was ich spürte, dass die Reihenfolge immer wiederkehrender Themen wichtiger war. Basel, Sport, Schweiz, Büro und andere. Davon konnte ich keinen Patriotismus ableiten. Als plötzlich das neue Thema „Kindergarten“ auf den Tisch kam, wusste ich sofort: jetzt gilt es ernst.

Der blonde, schmächtige Junge

Ich sollte also in den Kindergarten. Erstens konnte ich mir gar nicht vorstellen, was Kinder in einem Garten sollten und zweitens wollte ich nicht einsehen, warum dies ausserhalb der eigenen Wohnung stattfinden sollte. Auf Deutsch: ich wollte da auf keinen Fall hin. Sie können sich vorstellen, was da anschliessend abging. Meine Mutter musste mich fast hintragen, freiwillig wäre ich nie hingegangen. Das zog sich so über mehrere Tage hin und langsam liess mein Widerstand nach. Im Kindergarten waren die meisten Kinder blöd, vor allem die Mädchen. Aber ein paar Buben waren ganz OK, mit denen konnte man ganz gut spielen. Die Kindergärtnerin Fräulein F. nervte mich überhaupt nicht, obwohl sie mir immer beim Schuh-Binden helfen wollte, und das konnte ich doch schon. Mit der Zeit vergass ich, dass ich am Anfang solche Mühe hatte. Dazu kam der spannende Schulweg. Da gab es so viel zu entdecken und zu erforschen. Die Idee, deswegen zu spät zum Kindergarten zu kommen, kam mir nie, das war doch unanständig. Auf dem Heimweg war das völlig anders. Ich hatte ja keinen festen Termin mit der Mutter. Trotzdem machte sie sich immer Sorgen, was ich nicht begriff. Ich passte doch immer auf. Das Tram konnte man schon von Weitem sehen, die wenigen Autos, die herumfuhren, waren so interessant, dass ich immer stehen blieb um sie genauer zu betrachten. Sonst gab es doch gar nichts Gefährliches. Warum meine Mutter meine Logik nicht verstehen wollte, wollte mir einfach nicht einleuchten. Es war sogar verlockend, es immer wieder zu beweisen, dass ich Recht hatte. Was meiner Mutter auch Sorgen machte, dass ich anscheinend nicht auf Anhieb ein richtiges „Kameräädli“ gefunden hatte. Das war MIR egal, so lange ich mit den Buben spielen konnte, mit denen ich wollte. Auch realisierte ich kaum bewusst, dass ich zunehmend meiner Mutter auf Baseldeutsch Antwort gab, wenn sie mich auf Französisch ansprach. Mein Vater kommentierte dies sicher nicht, aber heimlich freute er sich sicher und war stolz.

Stolz zu sein war für mich bis dahin selten ein Thema. Ich hatte ja keine Vergleichsmöglichkeiten. Als es aber darum ging, dass jemand etwas besser könne oder wisse, da fing ich an, mich damit zu beschäftigen. Es war eigentlich ein gutes Gefühl, wenn Fräulein F. sagte, dass Peter mal schauen solle, wie ich es mache. Anscheinend war das ja gar nicht schlecht. Falls mir aber jemand sagte, ich könne das doch besser, war das zuerst eigentlich ziemlich fies, spornte mich kurze Zeit später aber an es besser zu machen. „Das darf man nicht, das tut man nicht“, kannte ich schon. Das machte mir überhaupt nichts aus. „Das ist aber ein lieber Bub“, war mir peinlich und instinktiv merkte ich, dass das geheuchelt war. Lieb war ich sicher nicht. „Einen so bösen Buben habe ich noch nie gesehen.“, war masslos übertrieben. Schliesslich wehrte ich mich nur, wenn jemand etwas Ungerechtes getan hatte. Das realisierten mit der Zeit auch meine Mitkindergärtner und - gärtnerinnen. Als nämlich einmal ein Junge aus der gegenüberliegenden ersten Klasse – die anderen behaupteten, er sei ein Grosser – auf dem Heimweg so gemein und frech zu unserem kleinen Haufen war, beschloss ich kurzerhand ihn zu verprügeln, was mir unterstützt durch den Überraschungseffekt auch ohne Mühe gelang. Der andere verzog sich schnell und meine Mitkindergärtner lobten meinen Mut mit voller Bewunderung. Da lernte ich, dass es nicht nur toll war, das zu tun, was ICH wollte, es war auch toll etwas für die anderen zu tun. Über die Mittel machte ich mir noch keine grossen Gedanken.

Auf dem Heimweg geschahen laufend spannende Dinge und es gab so viel zu untersuchen. Zwischendurch mal einen kleinen Umweg um in unbekannte Welten vorzustossen, das war das Grösste. Den blonden, schmächtigen Jungen, dem das auch zu gefallen schien, der aber immer von verschiedenen Frauen unterschiedlichen Alters abgeholt wurde, bedauerte ich ein wenig. Nach dem Kindergarten durfte er nie Umwege machen oder noch ein wenig mit anderen Kindern spielen. Natürlich versuchte ich es immer wieder, weil ich spürte, dass er auch wollte, was die anderen Kinder durften, und er durfte nicht. Ich fand später heraus, wer diese Frauen waren. Seine Eltern hatten Dienstmädchen. Wozu sollte das gut sein, einen Beruf zu haben, wo man immer kleine Jungen vom Kindergarten abholen musste?

The Deep Blue

Urlaub, das macht Spass. Dass sich diesen viele Leute gar nicht leisten konnten, merkte ich erst später. An die ersten paar Ferien mag ich mich, wenn überhaupt, nur bruchstückhaft erinnern. Eine entscheidende Szene im Schwimmbad von Saanen, das vor Bremsen nur so wimmelte, unterdrückte und verdrängte ich lange Zeit. Vorausschickend möchte ich festhalten, dass ich Wasser immer mochte, ausser es war mit Schaum vermischt und geriet in meine Augen. Ich badete und planschte fürs Leben gerne und tauchte in der Badewanne viel lieber in unbekannte Tiefen ab, als mit der blöden Ente zu spielen. Im Schwimmbad wollte ich zwar schwimmen, aber ich konnte es noch nicht. Also tauchte ich, nein, es war eher eine Mischung aus Strampeln und Luft anhalten. Als ich dies im immer tiefer werdenden Schwimmbecken versuchen wollte, war ich mir nicht bewusst, dass ich bei Luftmangel auftauchen musste, aber keinen Boden mehr unter den Füssen haben würde. Und so geschah es: meine Füsse spürten nichts. Ziemlich schnell geriet ich in Panik und begann wild zu rudern. Zuerst dachten wohl einige Menschen dort, ich wolle sie reinlegen. Ich tat auch sonst immer so blöd. Trotzdem begann ein Mädchen zu zweifeln und sprang ins Becken um mich rauszuziehen. Ich muss kurz weggetreten sein, denn als nächstes blickte ich in das verdutzte Gesicht des besagten Mädchens und sah das bleiche Gesicht meiner Mutter. Warum schaut ihr alle so blöd?, dachte ich. Ist doch nichts passiert. Meine Mutter wechselte plötzlich von bleich auf rot und wurde ziemlich wütend. Später realisierte ich, dass sie nicht wütend war auf mich, sondern dass sie nicht besser aufgepasst hatte. Dieses für viele traumatische Erlebnis wandelte sich effektiv ins Gegenteil um. Als ich einige Jahre später Kontakt bekam mit Commandant Cousteau und Hans Hass, Filme und Bücher sah, wie sie Wale aus nächster Nähe filmten, Haie fütterten und viele merkwürdigen Meerestiere entdeckten, beschloss ich es ihnen gleich zu tun. Expeditionen in unbekannte Blau der Tiefe waren für mich nicht mehr Angst einflössend.

FCBEEEE!

So viele Leute auf einmal hatte ich noch nie gesehen. Mein Vater versuchte mir zu erklären, warum die alle da seien. Landhof, hiesse das hier. Es war eine grosse, eingefasste Wiese. Auf einer Seite stand ein grosses Gebäude, das er Tribüne nannte. Dort konnte man sitzen. Mein Vater sagte etwas von Preisen und so mussten wir stehen, erhöht in einiger Distanz von einer ziemlich zusammengedrängten Menge, die laut schrie und fluchte. Das durften die doch gar nicht. Auf dem Feld rannten viele Männer umher. Einige hatten die gleichen Leibchen an, rot und blau. Immer auf einen Ball zu treten schien ihnen Spass zu machen. Warum sich die Zuschauer dabei so aufregten, war mir schleierhaft.

Erst vom zweiten Spiel habe ich konkrete Erinnerungen. „Allez Lausanne, allez Lausanne, allez!“ Das verstand ich. Nur verstand ich nicht, warum nicht Bâle. Die spielten doch in Basel. Was ich spürte, war die einhellige Begeisterung dieser Erwachsenen. Manchmal blickten sie mich mitleidig an und mein Vater ignorierte sie. Als ab und zu ein blonder Spieler in der Ecke mit dem Fähnchen den Ball hinlegte, spürte ich, wie die trockenen und zurückhaltenden Kommentare meines Vaters aufgeregter wurden. Die Leute konnten diesem Spieler sogar auf die Schulter klopfen, als er Anlauf nahm. Vielmals gab es nachher einen totalen Lärm und Jubel. Als ich Jahre später mit meinem Vater darüber diskutierte, erzählte er mir, dass das erste Spiel Basel gegen La Chaux de Fonds gewesen sei. Der Blonde hiesse Karl Odermatt und ich habe ihm auch einmal an der Cornerflagge auf die Schulter geklopft. Das wusste ich nicht mehr, doch „Karli, noone Gool!“ gehörte von da an zum Repertoire der Lieder, die ich auswendig konnte. Die Regeln diese Spiels waren mir noch egal. Interessanter waren dazwischen die Gewinne, die zu erzielen waren, wenn ich mit meinem Vater an ein wichtiges Spiel im Joggeli gehen durfte und in der Pause in den Gängen der Tribüne Bierflaschen sammelte oder von netten Herren erbettelte. Die Flaschen am Gürtel hängend forderte ich das Pfand am Stand ein und zeigte meinem Vater die Einnahmen. 30 Rappen pro Flasche, mal zwölf, das war ein Vermögen! Dass heutzutage 11 Flaschen ein Vermögen kosten, aber keinen Gewinn einbringen, war mir noch nicht bewusst.

Fertig lustig

Diesen Eindruck hatte ich, als meine Mutter mir zu erklären versuchte, dass ich bald in die Primarschule müsse. Da sei es dann strenger, da könne man nicht mehr einfach….. Einfach was? Was konnte denn Schule anders sein als Kindergarten? Da waren viele Kinder zusammen, spielten und sangen miteinander, hörten der Kindergärtnerin zu und lernten etwas. Da lerne man Lesen und Schreiben und Rechnen, versuchte sie mir zu erklären. Lesen und schreiben konnte ich schon ein bisschen, Rechnen brauchte ich nie. Ich beschloss da mal hinzugehen, ich könnte ja wieder austreten, wenn ich sähe, es bringe mir nichts. Meine Mutter ging nicht gross auf meine Bedenken ein und schon bald bekam ich einen Schulranzen mit weichem, braunen Fell auf dem Deckel. Den musste ich dann mit vielen Utensilien füllen. Mein Vater erklärte mir genau, was wozu gebraucht wurde und warum es so wichtig sei, gute Qualität einzukaufen. Trotzdem sollte ich Sorge zum neuen Material tragen. Beeindruckend, woher er das alles wusste. Er war doch schon so lange nicht mehr in die Schule gegangen, doch mein Vater hatte alles so genau erklärt, dass ich beschloss, das Ganze doch wichtiger zu nehmen, als ich am Anfang dachte.

Und so kam der erste Schultag. Viele Kinder, Eltern, Verwandte standen vor dem Eingang oder plauderten auf den breiten Stufen, die da hinauf führten. Ich versuchte mir zuerst einen Überblick zu verschaffen, vielleicht kannte ich ja jemand, und zu meiner Überraschung erblickte ich da und dort Kinder aus dem Kindergarten. Alles halb so wild, dachte ich. Als ich noch den blonden, schmächtigen Jungen entdeckte, war alles klar: das wird eine gute Zeit, wir werden sicher viel Spass haben.

Achtung, steht!

Irgendwann mal kam der Befehl in Zweierkolonne einzustehen. Oh Gott, dieses Chaos am Anfang, wer gibt wem die Hand? Nach einigem Üben, das unser Klassenlehrer Herr B. mit wohlwollender Strenge überwachte, gelang es uns mit der Zeit ohne grossen Aufwand diese Reihe zu bilden. Es leuchtete mit durchaus ein, dass dieses System grosse Vorteile hatte. Kein Durcheinander, wenn die Pause fertig war, keine Unruhe im Klassenzimmer. Was ich erst später begriff, Herr B. hatte durch dieses System unsere volle Aufmerksamkeit und die brauchte er am Anfang dringend. Im Notfall bediente er sich eines guten Tricks. Wenn jemand partout nicht merkte, dass er Aufmerksamkeit wollte, pfiff er geschickt durch seinen gekrümmten Kleinen Finger. Dieser schrille Ton erschreckte am Anfang alle so sehr, dass sie sofort inne hielten und verdutzt aufpassten. Mit der Zeit bekundete ich Mühe mit seiner Art, weil ich dachte, wir hätten das doch begriffen, und trotzdem Zweierkolonne, Abmarsch, Klassenzimmer, setzen. Ich hatte es auf jeden Fall verstanden. Dass es andere gab, die nicht so schnell begriffen, wurde mir erst bewusst, als es darum ging, im Unterricht etwas zu wiederholen, was Herr B. kurz vorher gesagt hatte, und dass, wenn jemand das nicht gleich konnte, Herr B. plötzlich anders sprach, so streng, fast böse. Was war also falsch? Nicht aufpassen war falsch. Wer aufpasst, verpasst nichts! Für mich logisch. Mühe damit hatte ich nie. Selbst wenn ich mich mal nicht so sehr auf Herrn B. konzentrierte, sondern die interessanten Krähen im Vorgärtchen des Klassenzimmers beobachtete, konnte ich fast immer seine insistierenden Fragen beantworten und teilweise Wort für Wort wiederholen. Dass Herr B. sich danach immer aufregte, war zu Anfang unerklärlich. Nach ein paar Monaten wurde dies zu einem richtigen Spiel. Ich tat zwischendurch mal so, als wäre ich in einer weit entfernten Galaxie und wartete, bis Herr B. streng meinen Namen rief. Verdutzt blickte ich ihn an. „Wiederhole die Frage!“ Darauf hatte ich gewartet. Ich wiederholte die Frage Wort für Wort. Mit einem mürrischen Grunzen fuhr er mit dem Unterricht fort. Nach einigen weiteren vergeblichen Tests beschloss er, diese nicht mehr weiterzuführen. ICH hatte den Vorteil, in den Momenten, wo es langweilig war im Unterricht, weil ich über das Thema schon Bescheid wusste, meinen Fantasien nachzuhängen, ER hatte einen Schüler weniger, der ihn in Sachen Aufpassen verunsicherte. Jahre später hatte Herr B. mein System durchschaut. Er wusste dann ganz genau, wenn ich nicht aufpasste und dann griff er erbarmungslos ein. Dass in solchen Momenten meistens der blonde, schmächtige Junge und ein unheimlich spontanwitziger Frechdachs namens Felix involviert waren, konnte kein Zufall sein.

Pat Garret meets Billy the Kid