Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

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E-Book-Beschreibung Weiß der Himmel von dir - Alicia Bessette

Zell und Nick waren zum Heulen glücklich: Skifahren, bis das Gesicht einfriert, Tanzen im Wohnzimmer, nächtliche Rennen mit ihrem Windhund Captain Ahab. Und eine ganze Fußballmannschaft an Kindern wollten sie haben. Dann verunglückt Nick, als er nach dem Hurrikan ›Katrina‹ den Menschen in New Orleans beim Wiederaufbau hilft.Zell zieht sich völlig zurück, spricht nur noch mit ihrem Hund und hört alte Soul-Schlager auf einem kratzigen Plattenspieler. Erst mit Hilfe ihrer Freunde und ihres kleinen Nachbarsmädchen, mit dem sie am Wettbewerb einer Fernsehköchin teilnimmt, kommt das Leben langsam zurück. Manchmal braucht es eben eine ganze Stadt, um Trauer in Zukunft zu verwandeln … Alicia Bessette schreibt so liebenswert und witzig, so ergreifend und erfrischend über Liebe, Verlust und Freundschaft: der schönste und lebendigste internationale Bestseller seit langem.

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E-Book-Leseprobe Weiß der Himmel von dir - Alicia Bessette

Alicia Bessette

Weiß der Himmel von dir

Roman

Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer

Fischer e-books

Für die Freunde, die mich großgezogen haben

1

Zell

Ich verknote Nicks tarnfarbene Schürze unter meiner Brust. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen BH getragen habe. Ebenso wenig wüsste ich, wann ich schon mal den Backofen vorgeheizt hätte.

Der braune Zucker ist hart wie Backstein, und ich hacke drauf herum. Aber danach ist die Sache ziemlich einfach, und ich rühre meine improvisierten Zutaten zu einem weichen Plätzchenteig zusammen.

Es qualmt, was nicht sein kann, weil ja nichts im Ofen ist. Oder?

Ich schalte das Licht im Ofen an, aber die Birne ist kaputt. Das Einzige, was ich durch das kleine Sichtfenster erkennen kann, ist ein dunkler Gegenstand auf dem obersten Blech. Eigentlich dürfte da nichts sein, so viel ist mir klar. Muss man nach unbekannten Objekten Ausschau halten, bevor man den Herd anschaltet?

»Was meinst du, Captain, soll ich’s brennen lassen?«

Ich knie mich vor den Ofen, und Captain Ahab kommt zu mir. Zärtlich zupfe ich an seinem samtigen Dreiecksohr. Er seufzt schnaubend, fast wie ein Pferd. Der Hund ahnt nichts von dem Unidentifizierten Feuergefährlichen Objekt im Ofen, das jeden Augenblick in Flammen aufgehen kann. Oder aber er ahnt die drohende Katastrophe und nimmt sie einfach hin. In dieser Hinsicht ist er ein Zen-Buddhist; so ist das bei einem Greyhound.

»Aye-aye, Sir«, sage ich mit meiner Captain-Ahab-Stimme – die Stimme eines gutmütigen, betrunkenen Piraten, »lass’ brennen. Bist ’ne flotte Biene, Rose-Ellen.«

Ich nehme die Zeitschrift Eine Prise Liebe – glücklich kochen mit Polly Pinch von der Anrichte und lasse Ahab die Sonderbeilage beschnüffeln, von der einen Polly mit ihren blendendweißen Zähnen und ihrer gebräunten, pfirsichzarten Haut anstrahlt. Sie zwinkert dem Leser zu, Arme verschränkt, Kopf neckisch zur Seite gelegt. Der Gewinner ihres Wettbewerbs »Süßes für die Seele« bekommt zwanzigtausend Dollar.

Zwanzigtausend Dollar! Genau der Betrag, von dem Nick in seiner Mail sprach. Der Betrag, den er für die Leute in New Orleans sammeln wollte, für den Wiederaufbau nach dem Hurrikan.

»Wenn das kein Schicksal ist, arr …«, ich gebe Ahab einen Schmatzer zwischen die Augen.

Ein schriller Alarm ertönt. Der Rauchmelder. Der Feuermelder. Er verkündet: Hier versucht gerade eine flotte Biene zu backen.

Kacke.

Das Objekt im Ofen brennt jetzt ganz offiziell. Es bekommt azurblaue und orangene Flügel, die sich heben, als seien sie zum Abflug bereit.

Minuten später, immer noch auf Knien, reiße ich die Ofentür auf; sofort umhüllt mich und Ahab schwerer Rauch.

Jemand ergreift meine Schulter, und ich blicke hoch zu einem Koloss mit Stiefeln, Helm und Axt.

»Raus hier, Zell!« Es ist Chief Kent, ich erkenne seine raue Stimme. Er schiebt mir die Hände unter die Achseln und hebt mich hoch. Im mittlerweile beißenden Qualm drückt er mich in die Arme seines Stellvertreters, entweder EJ oder Russ – durch den Rauch sehen sie in dieser unförmigen schwarzen Sicherheitsmontur alle gleich aus.

Da sind sie also, Wippamunks beste bierbäuchige, freiwillige Superhelden, und löschen ein Feuer in der High Street Nummer 111, bei Rose-Ellen Roy, geborene Carmichael: bei Zell, also bei mir, der Frau, deren Mann Nick auf einer Tour mit ihnen gestorben ist, in einer anderen Welt, in einem anderen Leben. Glauben sie, ich hätte Schluss machen wollen? Mein Haus mit Absicht in Brand gesteckt? Denken sie, mein Verstand sei in Flammen aufgegangen?

»Raus hier!«, ruft der zweite Retter. Er reicht mich an den dritten Retter weiter, der mich hinaus auf die Veranda und die Betonstufen hinunterbugsiert. Ich rufe ununterbrochen nach Ahab.

Rücklings lande ich im harschen Schnee. Mein Dachboden mit dem zugenagelten Fenster steht kirchenweiß vor dem tiefblauen Himmel. Der Dachboden, den ich nicht betreten kann, nicht betreten werde.

 

 

Draußen streift Russ den Feuerwehrmantel ab, und zum Vorschein kommen schmale Arme, ein weißes Unterhemd und reflektierende Hosenträger, die in der Sonne blitzen. Er kniet sich auf den vereisten Asphalt, der zu meiner Veranda führt. Das Schneeschaufeln war Nicks Aufgabe, genau wie die Wartung des Autos und – große Überraschung! – das Kochen. Ich weigere mich, diese Pflichten wahrzunehmen – irgendwann später, rede ich mir ein –, deshalb betätige ich jetzt schon seit über einem Jahr meinen kaputten Blinker mit der Hand, wenn ich links abbiege, esse mittags und abends Polly-Pinch-Menüs aus der Mikrowelle und stapfe nach jedem Schneefall zwei reifenbreite Spuren in die Einfahrt, damit mein Wagen nicht auf der Straße stehen muss und den Verkehr blockiert.

Russ drückt eine schnabelförmige Sauerstoffmaske auf Ahabs lange Schnauze. Der Hund tut so, als sei das nichts Besonderes, als bekomme er jeden Tag Sauerstoff aus einer Maske zugeführt, die speziell für Hunde mit Rauchvergiftung gefertigt ist. Hin und wieder blinzelt er.

Ich sitze auf den Stufen der Veranda, in eine orangefarbene Decke aus dem Wagen 1747 gewickelt – zufällig das Jahr, in dem Wippamunk in Massachusetts eingemeindet wurde. Wagen 1747 steht brummend vor dem Haus.

Es ist so kalt, dass ich nicht genau weiß, ob meine Nase läuft. Zur Sicherheit wische ich mit der Decke darüber.

»Ich kann gut mit Hunden«, sagt Russ zu Ahab. »Deshalb bin ich ja auch Briefträger. Im richtigen Leben, meine ich.« Mit der freien Hand streckt er Ahab den ausgestreckten Daumen entgegen und schlägt ihm dann so heftig auf die Seite, dass der Rüde fast umfällt.

»Alles klar, Zell?«, fragt Russ.

»Was ist mit Ahab?«

»Bei dem ist alles geschmeidig.« Grinsend tätschelt er dem Tier erneut die Flanke.

»Dann bei mir auch«, entgegne ich. »Alles geschmeidig, meine ich.«

»Hab was für dich«, sagt Chief Kent. »Ein richtiges Geschenk.« Mit einem Stöhnen lässt er sich neben mir auf der Treppe nieder. Er besitzt die erotische Ausstrahlung eines Graue-Schläfen-Gentlemans, so wie viele Feuerwehrmänner, Nationalpark-Ranger, Dudelsackpfeifer und Piloten von Linienflugzeugen, aber gerade eben erinnert mich sein Gesicht irgendwie an einen alten Ziegelstein, sein silbriges Haar steht in alle Richtungen ab, neben seinen gewaltigen Stiefeln wirken meine nackten Füße zwergenhaft. Er lebt schon sein ganzes Leben lang in der Stadt, und seit meinem Geburtsjahr leitet er die Feuerwehr. In seinen großen Händen hält Chief das Unbekannte Ofen-Objekt: eine von Feuer und Ruß geschwärzte Plastikbox in der Größe eines Menschenkopfs. Schaum vom Feuerlöscher türmt sich auf dem Deckel. Die würfelförmige Box selbst ist verformt und sieht aus wie mit Wachs überzogene, erhärtete Lava. Der Deckel hat sich verzogen.

Chief Kent wirft mir den Würfel zu. Schwer plumpst er mir in den Schoß. Sofort merke ich, dass sich etwas darin befindet.

Ein Geschenk aus dem Jenseits. Ein Geschenk von Nick.

Ich wusste nie, wo Nick seine Geschenke für mich aufbewahrte. Vor dem Valentinstag, meinem Geburtstag oder Weihnachten schnüffelte ich im Haus herum. Immer wieder sah ich an denselben Stellen nach: hinter den Mänteln im Wandschrank, im unbrauchbaren Kamin, im Wäschekorb. Bei meinen Schatzsuchen folgte mir Nick von einem Zimmer ins nächste. »Du wirst es nie finden!«, sagte er dann und lachte aus vollem Hals.

Und wo ich jetzt darüber nachdenke: Alle Geschenke von Nick – jedenfalls die kleineren – gaben beim Öffnen denselben ungewohnten Geruch ab. Einen irgendwie chemischen, öligen, höhlenähnlichen Dunst. Jetzt ist es mir klar: Das war der Geruch des Backofens.

Der verf …te Backofen, wie Nick immer gesagt hat.

»Zell!« Dennis kommt die Straße entlang und winkt mit seinem Stenoblock. Auch er gehört zu den glorreichen Sieben. Seine Wachsjacke von J. Crew ist mindestens zwanzig Jahre alt. An der abgewetzten Tasche flattert der Presseausweis vom Wippamunker. Der Ausweis ist reine Angeberei, denn Dennis ist der einzige Journalist im Ort. Vor der Veranda bleibt er stehen. Sein Gesicht ist gerötet vor Kälte und Adrenalin.

»Gott sei Dank, Zell, dir geht’s gut«, sagt er. »Als ich die Adresse im Funk gehört hab und mir klarwurde, dass es dein Haus ist, hab ich –« Er atmet tief aus.

»Alles okay mit mir, Dennis. Ich bin bloß die schlechteste Köchin der Welt, das ist alles.«

»Egal.« Dann leckt er seinen Bleistift an; im Winter benutzt er – genau wie Nick – immer einen Bleistift, weil Tinte einfriert. »Brandursache, Chief?«, fragt Dennis.

Chief Kent tätschelt mein Knie. »Frag mal Zell!«

»Brandursache?«, wiederholt Dennis.

»Eine Prise Liebe – glücklich kochen mit Polly Pinch«, sage ich.

»Polly Pinch?« Dennis notiert sich den Namen. »Die Fernsehköchin?«

»Das ist vertraulich«, sagt Chief.

In dem Moment fährt der Neue vor und parkt hinter Dennis’ Wagen. Er huscht über das Grundstück, macht Bilder, dreht die Kamera in die unmöglichsten Winkel. Erst späht er durchs Fenster, dann entdeckt er Ahab, und der Auslöser klickt mehrmals vor dem Kopf des Hundes, während Russ Ahab vergeblich zu überzeugen versucht, ihn durch die Sauerstoffmaske zu küssen. Der Neue macht sogar Bilder von Chief, obwohl jeder in Wippamunk weiß, dass der Leiter der Feuerwehr es hasst, fotografiert zu werden. Dann fotografiert der Neue mich, wie ich mit einer verkohlten Plastikbox im Schoß auf der Treppe hocke, ohne Schuhe und BH, angetan mit einer tarnfarbenen Schürze und einer leuchtendorangenen Decke.

Ich sehe zu, wie der Neue sich wichtigmacht, und denke, dass er es einfach nicht kapiert und deswegen für uns immer noch der Neue ist, obwohl er Nicks Stelle beim Wippamunker vor mehr als einem Jahr übernommen hat. Der Unterschied zwischen seiner Arbeitsweise und der von Nick ist eklatant: Nick schaute sich immer erst eine Weile um, bevor er den Fotoapparat aus der Tasche holte. Er betrachtete den Schauplatz, stellte sich vor und bat den Hausbesitzer um Erlaubnis, Aufnahmen machen zu dürfen. »Ich bin nicht bei der New York Times«, sagte er immer. »Die Einwohner von Wippamunk sind nicht Nixon, und ich bin nicht Woodward und Bernstein.«

Der Neue springt die Verandastufen hinauf. Chief lehnt sich gegen mich, um nicht vom Knie des Neuen getroffen zu werden. Drinnen macht der Fotograf weitere Bilder. Ich höre ihn in der Küche mit EJ sprechen, der da offenbar irgendwelchen Feuerwehrkram erledigt.

Kurz darauf kommt der Neue die Treppe wieder herunter. »Keinerlei Schaden drinnen zu sehen«, sagt er.

»Oh, wirklich? Super!«, sage ich und versuche, fröhlich zu klingen, »aber schade für Sie, schätze ich.«

Er zuckt mit den Achseln, schraubt die Abdeckung auf sein Objektiv und geht zu seinem Auto. Ich frage mich, was er über mich weiß. Was er über Nick weiß. Und über EJ.

Ein Streifenwagen der Wippamunker Polizei kommt zum Haus gefahren. France steigt aus, kommt die Verandastufen herauf und klopft bei meinen neuen Nachbarn.

»Hi, Zell«, sagt sie über das Metallgitter hinweg, das die Veranda teilt. Aknenarben ziehen sich über ihr schmales Gesicht. Ihre Augen treten leicht hervor. Ihre Ohren stehen rotgefroren unter der tief in die Stirn gezogenen Polizeimütze ab.

»Bist du verletzt?«, fragt sie.

Bevor ich antworten kann, geht die Tür auf, und France schüttelt einem großen Mann mit kurzen Haaren, haselnussbraunen Augen und schokofarbener Haut die Hand.

»Officer Frances Hogan«, sagt sie.

»Garrett Knox«, sagt er. »Ich bin mit meiner Tochter Ingrid vor einem Monat von der anderen Seite der Stadt hierhergezogen.«

France versichert ihm, es sei alles in Ordnung; es sei nur ein versehentlicher Brand beim Kochen gewesen, unser gemeinsames Haus sei unbeschädigt.

»Gut zu wissen«, sagt Garrett, »vielen Dank.« Er winkt mir zu – eine kurze Handbewegung –, lächelt und geht wieder hinein.

Mein Haus ist eigentlich nur ein halbes, eine Doppelhaushälfte. Auf seiner Postbotenroute hat mir Russ versehentlich das Eine Prise Liebe-Exemplar der Knox’ eingeworfen; so was ist schnell passiert, da die Briefkästen direkt nebeneinander an der Kunststoffverkleidung zwischen unseren Türen hängen.

Ahab und ich kamen gerade von einem Spaziergang zurück, als ich die Zeitschrift im Briefkasten entdeckte. Auf der Titelseite stand das Versprechen, die Leser »munter zu machen«, deshalb griff ich mit meinem Fausthandschuh nach dem Blatt und zog es heraus, erblickte Polly Pinch lachend inmitten von properen Jugendlichen, die fröhlich an Möhren, Äpfeln und anderen ballaststoffhaltigen, vollwertigen Pausenmahlzeiten knabberten.

Ich las die Überschrift: So machen Sie all Ihre Freunde munter! Bewerben Sie sich bei Pollys erstem Süßspeisenwettbewerb und gewinnen Sie 20 000 Dollar!

Es war der Dollarbetrag – zwanzigtausend –, der den Ausschlag gab. Ich ging nach drinnen, schloss mich in der kleinen Gästetoilette unter der Treppe ein und las die Zeitschrift von vorn bis hinten durch.

 

 

Garretts Tochter kommt nach draußen und stapft in dicken Ugg-Boots über die Veranda. Mit der Hand am Geländer macht sie einige Ballettübungen. Sie ist neun oder zehn Jahre alt und hat hellere Haut, in einem Ton wie Sonnenschein auf Eichenparkett. Eine zu groß geratene rote Skimütze sitzt auf ihren langen rostbraunen Zöpfen.

»Was hast du denn gekocht?«, fragt sie.

»Gute Frage«, murmelt Dennis und leckt seine Bleistiftspitze an.

»Erdnussbutterplätzchen«, sage ich.

Dennis schreibt mit.

»Warum?« Das Mädchen springt alle vier Treppenstufen zugleich hinunter und landet im knirschenden Schnee.

»Ich wollte etwas für dich backen«, sage ich. Das stimmt nicht so ganz, auch wenn ich vielleicht ein Dutzend Plätzchen rübergebracht hätte, falls sie gut geworden wären. Schließlich hätte ich meinen Wettbewerbsbeitrag bei jemandem testen müssen.

»Ich bin allergisch auf Erdnüsse«, sagt das Mädchen und macht ein schmatzendes Geräusch.

Russ lässt Ahab los und stopft die Hundesauerstoffmaske zurück in seinen Koffer. »Ahab müsste in null Komma nichts wieder normal sein«, erklärt er.

Ich schaue mich um und merke, dass genau die Menschen um mich versammelt sind, die mit Nick auf der Tour waren: Russ und Dennis ein paar Meter weiter auf dem Bürgersteig, Chief Kent neben mir auf der Treppe, France am Geländer der Veranda und drinnen EJ. Ich kann ihn herumfuhrwerken hören, weil jemand die Haustür geöffnet hat, damit der Qualm aus der Küche abzieht.

Ahab macht ein paar vorsichtige Schritte auf mich zu und hält inne, als das Mädchen die Arme um seinen Hals schlingt und ihm einen Kuss auf die Stirn drückt.

»Ahab mag dich«, sagt Russ zu der Kleinen. »Genau wie mich. Wenn du groß bist, solltest du Postbotin werden.«

»Ich werde Köchin im Fernsehen«, gibt sie zurück.

Aus irgendeinem Grund muss Russ darüber lachen. Er wiehert wie ein Pferd, zieht an seinen Hosenträgern und lässt sie auf seine schmale Brust schnellen. »Egal, morgen bringe ich dir wieder die Post, Zell«, sagt er, als er sich beruhigt hat. »Hey«, fällt ihm ein, »morgen ist Freitag.«

»Unser allwöchentliches gemeinsames Essen«, sage ich.

Seit Nicks Trauerfeier bringt mir Russ jeden Freitag was zum Mittagessen vorbei. Er ist ein paar Jahre älter als ich und war mir gegenüber immer ein bisschen wie ein großer Bruder; in der Grundschule hat er sich zu meinem Busfahr-Freund erklärt und immer neben mir gesessen, auch wenn ihn seine Freunde zu sich in die letzte Bank riefen.

»Was wünschst du dir?«, will er wissen.

Ich versuche zu lächeln, aber es gelingt mir nicht so recht. Da versuche ich, das erste Mal seit Jahren meinen Backofen zu benutzen, und dann habe ich die Feuerwehr in der Küche, die Polizei auf der Veranda und einen Reporter im Vorgarten. Ich kenne sie zwar fast alle seit Jahren, aber trotzdem.

»Lass dir was einfallen!«, sage ich und rechne maximal mit einer Pizza zum Mitnehmen von Orbit oder irgendwelchen Resten, die seine Frau großzügig zur Verfügung stellt. Was mir völlig recht ist, sonst würde ich wahrscheinlich einfach gar nichts zu Mittag essen wie meistens.

Russ nickt: »Ich bin voller Überraschungen«, sagt er und stapft zum Wagen 1747.

Das Funkgerät an France’ Hüfte krächzt. Sie stellt es leiser und seufzt. »Ich muss los, Zell«, sagt sie, »ich ruf dich später an, okay?«

»Okay. Bis dann.«

France tippt sich an die Polizeimütze, trabt zum Streifenwagen und fährt davon.

»Danke, Officer Frances!«, ruft Ingrid ihr nach. Sie krault Ahab den Rücken. Reste von Glitzer-Nagellack funkeln auf ihren abgekauten Fingernägeln. Der Hund drückt sich gegen die Kleine, sein Rücken reicht bis zu ihren Achseln.

Sie reißt die Augen auf. »Er lehnt sich gegen mich.«

»Das tun Greyhounds gerne«, erkläre ich, »es ist ihre Art von Umarmung.«

Ahab ist schwer für einen Greyhound: vierzig Kilo. Doch er ist so vorsichtig, dass das Mädchen nur leicht schwankt, aber nicht das Gleichgewicht verliert.

Chief Kent schmunzelt. »Schöne Mütze, Kleine!«

Sie schiebt die Mütze, die ihr in die Augen gerutscht ist, wieder nach hinten. »Danke.« Dann fragt sie mich: »Kochst und backst du gerne?«

»Unheimlich gerne.« Das ist natürlich gelogen. Unheimlich gerne habe ich die Vorstellung, zwanzigtausend Dollar zu gewinnen. Für Nick. Für New Orleans. Ich habe nie Überlebende des Hurrikans kennengelernt, Nick schon. Und das machte ihn zu einem anderen Menschen. Vielleicht sogar zu einem besseren.

»Magst du Polly Pinch?«, fragt das Mädchen.

Ich denke an die allgegenwärtige Polly Pinch. Ihr strahlendes Gesicht ziert Kekspackungen in den Supermärkten in ganz Amerika; lockend hält sie sich einen Keks mit Daumen und Zeigefinger vor den Mund. In ihrer neuesten Fernsehwerbung für Big Yum Donuts bekommt sie ihr Frühstück auf einem silbernen Tablett im Bett serviert – es besteht lediglich aus einer schaumigen Caffè latte. Mit schläfrigem Lächeln pustet Polly in den aufsteigenden Dampf, trinkt einen Schluck und schnurrt zufrieden.

Polly Pinch ist das absolute Gegenteil der bebrillten Alten Küchenhexe Mrs.Chaffin mit ihren orthopädischen Schuhen, unserer Hauswirtschaftslehrerin vor 18 Jahren an der Wippamunk High School. Und bis zum heutigen Tag – als ich über der Zeitschrift gebrütet und alles über den Süßspeisenwettbewerb gelesen habe – war mir gar nicht klar, wie sehr ich sie mag. Polly Pinch, meine ich.

»Ich liebe Polly Pinch«, erwidere ich.

»Machst du dein Geschenk nicht auf?«, fragt Ingrid und zeigt auf den Plastikwürfel in meinem Schoß – das Geschenk von Nick, das offenbar mindestens ein Jahr und drei Monate in meinem Backofen versteckt war.

Ich antworte nicht.

»Los, komm!«, sagt sie. »Willst du nicht wissen, was in dem Plastikding drin ist?«

»Ach, da ist nichts drin«, sage ich.

Chief und Dennis wechseln einen Blick, und ich tue so, als bemerkte ich es nicht.

Sie kommt zu mir herübergehüpft; Ahab, der sich bei ihr angelehnt hat, rutscht auf dem glatten Boden aus.

»Und ob da was drin ist«, sagt die Kleine. Übermütig schnappt sie sich die Box, hält sie sich ans Ohr und schüttelt sie. Sie gibt ein schweres, klackerndes Geräusch von sich, wie ein Kinderspielzeug oder ein Holzlöffel.

»Gib’s mir zurück!« Barfuß stehe ich auf dem vereisten Bürgersteig. Die Decke ist auf den Boden gerutscht.

»Ruhig, Zell!«, sagt Chief. Er steht auf, geht einen Schritt auf mich zu und macht eine beschwichtigende Handbewegung.

»Komm, Zell«, sagt Dennis. »Sie ärgert dich doch nur. Du musst Schuhe anziehen.«

Meine Fußsohlen brennen auf dem Eis, doch ich kann den Blick nicht von dem verformten Würfel in den kleinen goldbraunen Händen meines Nachbarsmädchens abwenden.

Chief stellt sich zwischen uns und schaut mich streng an. Er nimmt der Kleinen den Würfel ab, sie leistet keinen Widerstand. Ingrid reißt sich zusammen, um nicht zu weinen – ich merke, dass sie die Tränen hinunterschluckt, ich kenne diese Selbstbeherrschung. Dann flüstert sie: »Ich mag deinen Hund«, stapft ihre Treppe hoch und schlägt die Tür hinter sich zu.

Meine Füße sind jetzt völlig taub. Ich trete die Decke von mir.

In dem Moment ruft EJ aus meiner Küche: »Ich glaube, wir sind so weit, Chief.«

Ich höre ihn im Haus herumlaufen. Mein Küchentisch und die Stühle werden über den Boden gerückt.

»Da ist nichts drin«, sage ich.

»Schon gut«, sagt Chief und gibt mir den Würfel. »Es ist nichts drin. Wenn du das sagst, Zell. Wenn du das meinst.«

»Natürlich ist da nichts drin«, sagt Dennis. »Und jetzt wickel deine Füße ein, bevor sie dir abfrieren.«

Ich setze mich wieder auf die Treppe und schlage die Decke um meine Füße. Den Würfel nehme ich auf den Schoß und betaste den Deckel, verbogen und verzogen wie eine geschwollene Lippe. Ahab kommt winselnd zu mir, legt den Kopf auf den Würfel. Ich streichle den Hund und gebe ihm einen Kuss. Eine Träne stiehlt sich aus meinem Auge und tropft in den dichten Haarwulst mit den langen Haaren, der bei Hunden als Augenbraue gilt.

»He, Chief!«, ruft EJ aus dem Haus.

»Kannst du EJ bitte aus meiner Küche holen«, frage ich. »Ich kann einfach nicht … tut mir leid, aber –«

»Sicher, klar doch, Zell«, sagt Chief. Er seufzt und geht hinein.

Dennis nimmt seinen Presseausweis ab und stopft ihn in die Tasche. Väterlich legt er mir den Arm um die Schulter. »Mach’s gut«, sagt er.

Ich sehe seinen Wagen über die Straße davonholpern.

Kurz darauf kommen EJ und Chief aus dem Haus und poltern die Treppe hinunter.

»Zell …«, sagt Chief – sein Abschiedsgruß.

EJ spricht natürlich nicht mit mir – hat er seit der Tour nicht mehr getan. Ich glaube, er hat Angst vor mir. Kann ich ihm nicht verdenken, denn seit Nick gestorben ist, war ich nicht gerade zugänglich, auch wenn ich’s probiert habe.

Er bückt sich und nimmt die orangefarbene Decke vorsichtig von meinen Füßen. Unsere Blicke begegnen sich nicht.

Zusammen mit Chief geht er zu den anderen Feuerwehrleuten von Wagen 1747. Russ fährt, der dünne Russ mit den nackten Armen am riesigen Lenkrad – so holpern sie über die Schlaglöcher der High Street. Wagen 1747 biegt um die Ecke und ist verschwunden. Über der Straße hängt eine schmutziggraue Abgaswolke. Langsam verzieht sie sich, und die Welt ist wieder still.

Und ich bin allein, abgesehen von Ahab. So schnell ging das.

Ahab folgt mir in die Küche, und ich muss zugeben, dass der Neue recht hatte: Es ist kein Schaden entstanden. Die Gerüche von Feuer und Löschschaum liegen noch in der Luft, doch der Raum sieht genauso aus wie vor dem Brand, er ist höchstens ein klein wenig sauberer.

Ich rieche noch etwas anderes. Kaffee. Offenbar hat EJ eine halbe Kanne gebrüht. Nicht für sich, sehe ich, denn ich finde keine gebrauchten Becher in der Spüle oder im Geschirrspüler. Er hat sie für mich gekocht. Ich schenke mir Kaffee ein und trinke ihn schwarz.

Ahab möchte Plätzchenteig fressen. Er legt den Kopf zur Seite, so dass seine Augenklappe zu Boden zeigt. Natürlich trägt der Captain keine Augenklappe, doch sein schwarzweißes Fell ist über dem Auge so gemustert, als hätte er eine auf.

Ich trenne ein Kügelchen Teig ab und werfe es in Ahabs erhöhten Napf. Er schleckt es auf und stupst gegen meine Hand, will mehr. Ich gebe ihm einen weiteren Klumpen des Erdnussbutterteigs.

»Arr, Zell, dir würd’ ich alles aus der Hand fressen. Gebacken oder nicht. Bis zum letzten Krümel. Mit oder ohne ’ne Buddel Rum. Arr.«

Ich denke an Garrett Knox’ Tochter und ihre Erdnussallergie. Sie hat ja keine Ahnung, was ihr entgeht: diese salzigsüße Cremigkeit der Erdnussbutter. Die Kleine kann sich mit Sicherheit nicht mal an Erdnüsse erinnern – keine Erinnerung, kein Geschmack. Ein leerer Tisch, ein unbeschriebenes Blatt.

Ich lege Nicks Schürze dahin zurück, wo ich sie gefunden habe, unter die Spüle. Im Mülleimer entdecke ich massenweise rußgeschwärztes Haushaltspapier. EJ hat die ganze Zeit meine Küche geputzt, den Backofen gesäubert.

Ich sehe den magnetischen Notizblock an meinem Kühlschrank. Auf dem obersten Zettel steht in schräger, kantiger Männerschrift: »HEY, ZELL, MÜSSEN MAL REDEN, KANNST JEDERZEIT IN DEN LADEN KOMMEN, BITTE«

Als ob ich nicht wüsste, wo sein Muffinladen ist, klemmt unter dem Magneten EJs Visitenkarte. Darauf steht: »EJ Murtonen, der Muffin-Man! Kommen Sie zu Murtonen’s Muffins auf der Main Street 900 im wunderschönen Wippamunk, Mass., und genießen Sie die besten Muffins und den besten Kaffee westlich der 495, oder Sie bekommen Ihr Geld zurück!«

 

 

Seit mittlerweile zwei Jahren macht mein Herz diese seltsamen Sachen, zu seltsamen Zeiten. So wie jetzt, um vier Uhr morgens. Das sonderbare Herzklopfen ist so ähnlich wie das Witwendasein: Ich habe mich daran gewöhnt, und doch ist es mir völlig fremd.

Mein Herz beginnt schnell und heftig zu pochen. Schwer atmend setze ich mich im Bett auf und drücke den Rücken gegen das Kopfteil, das Nick auf dem Sperrmüll gefunden hat. Ich habe es dunkelblau gestrichen und mit silbernen Sternen in unterschiedlicher Größe verziert. Neben mir hebt Ahab den Kopf und schaut mich an. Seine Augen funkeln in der Dunkelheit.

Ich zähle die Sekunden, die während der wilden Schläge vergehen: sechs. Dann schlägt das Herz überhaupt nicht mehr, und ich zähle die Sekunden der schwerelosen Abwesenheit des inneren Pochens. Fünf Sekunden.

Dann arbeitet mein Herz normal weiter, schlägt gleichmäßig, unauffällig, ruhig vor sich hin.

Ich schalte das Licht an. So kann ich nicht schlafen. Ahab weiß das auch, er richtet sich im Bett auf und steigt vorsichtig heraus, tritt auf den Hocker, den Nick auf dem Sperrmüll gefunden und zu Ahabs ausschließlichem Gebrauch vor unserem Bett aufgestellt hat, da es im Laufe der Jahre immer schwerer für den Hund geworden ist, aus unserem Bett zu springen; ein paarmal ist er einfach von der Matratze gerutscht und auf den Boden gefallen, alle viere von sich gestreckt.

Ahab folgt mir durch den Flur. In der Tür zu meinem Arbeitszimmer – ich verdiene mein Geld mit dem Anfertigen von medizinischen Illustrationen – verharre ich und atme den Geruch von Holz, Wachs und Radiergummi ein. Ich streichle über den wackelnden Unterkiefer des Skeletts, das an einem rollbaren Gestell direkt hinter der Tür befestigt ist. »Hi, Hank«, flüstere ich.

Den Spitznamen hat das Skelett von Nick bekommen.

Mich überfällt einer von diesen Erinnerungsflashs, die mich ziemlich häufig peinigen: Ich radierte gerade etwas weg – einen verirrten Bleistiftstrich neben einem Schienbein oder vielleicht das falsch geschriebene Wort brachiozephal –, als Nick den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Du brauchst eine Pause«, sagte er und sang »Welcome to the Jungle«. Dazu nahm er Hank vom Gestell und hielt ihn an den Handgelenken fest, so dass er tanzte wie Axl Rose: mit seitlich austretenden Beinen, wackelnden Armen und schwingenden Hüften.

Das war kurz nach unserem Einzug.

Wie es oft bei Witwen ist, führt ein Erinnerungsflash zum nächsten, ohne Rücksicht auf Reihenfolge oder Chronologie, und der zweite Flash stammt von einer Sperrmüllsammlung vor nicht allzu langer Zeit: Nick kam hupend angefahren und parkte unser klappriges blaues Auto rückwärts in der Einfahrt. Ahab und ich schauten von der Tür aus zu, wie Nick seine Beute aus dem Kofferraum hob. Grinsend nahm er zwei Treppenstufen auf einmal und gab mir einen lauten Schmatzer auf den Mund.

»Hoffentlich mögen wir Gladys«, sagte er.

»Wen?«

Der durchdringende Geruch des Herbstes haftete an seinem dunklen Haar. Der Geruch von Dingen draußen, die in die kalte Luft entschwinden. Hier in Wippamunk weiß man diesen Vorgang zu schätzen – man könnte sagen, er wird bei uns verehrt: das wunderbare, alljährliche Ritual des Vergehens, Verwelkens und Verschwindens. So macht man das in Neuengland.

Nick ließ seine Sperrmüllbeute auf die Couch fallen. Wir inspizierten sie: ein Plattenspieler und ein Milchkarton mit der kompletten Sammlung aller Schallplatten von Gladys Knight and the Pips – insgesamt sechsunddreißig Alben.

Der Plattenspieler und die Alben waren das Letzte, was Nick aus dem Sperrmüll gerettet hat.

Der Erinnerungsflash ist vorbei. Er wird schwarz an den Rändern, und die Szene schrumpft, bis ich sie nicht mehr sehen, hören oder riechen kann.

Die Gegenwart, das Hier und Jetzt.

Ahab neben mir schnüffelt an Hanks Kniescheibe.

»Beim Klabautermann, Hank!«, sage ich leise mit Captain-Ahab-Stimme.

Wir gehen nach unten, Hank bleibt lautlos schwingend zurück.

Ich ziehe Ahab seinen grauen Fleecemantel an, schließe die Klettverschlüsse und führe seine Ohren durch den dehnbaren Kopfausschnitt. Jede Pfote kommt in einen Neoprenschuh.

Dann schlüpfe ich in meine Schlafanzughose und die Stiefel, wickle mir einen Schal um und ziehe die Jacke fest zu. Ich hole den angesengten, verzogenen Würfel aus dem Regal im Wohnzimmer, wo ich ihn zwischen den Töpferarbeiten von Nicks Dad deponiert habe. Noch während der Inhalt des Würfels darin klappert, rede ich mir ein, er sei leer. Das Geschenk fühlt sich schwer an, auch wenn es wohl nur ein Kilo oder so wiegt. Ich klemme es mir unter den Arm und nehme Ahab an die Leine.

Wir gehen nach draußen, und sofort schneidet der kalte Wind durch die dünne Baumwolle an meinen Beinen. Wir schlittern über die High Street, vorbei an einer Reihe von Fertighäusern im Kolonialstil, gestrichen in diversen Brauntönen, die im Dunkeln irgendwie leuchten, wie Mondfarben.

Wir gelangen zu Bedards Obstgarten. Ahab schnüffelt voll freudiger Erwartung nach Mr.Bedards fetter roter Katze, die er so gerne jagt, aber die Katze ist nicht da.

Hinter dem Polizeirevier mit seinen drei Räumen biegen wir nach links auf die Main Street. Ahab will sie überqueren, er glaubt, wir liefen zum Footballfeld der Highschool, wo ich ihn oft von der Leine lasse, damit er seine Runden rennen kann. Doch heute Nacht gehen wir nicht zur Highschool. Wir marschieren die Main Street hinauf, vorbei an der Kreuzung mit der Route 331. Kein nennenswerter Verkehr.

Ich spüre, wie sich meine Gesichtshaut zusammenzieht. Ich versuche zu lächeln. Ich versuche, die Stirn zu runzeln. Es ist so kalt, dass es mir nicht gelingen will.

Wir kommen am Rathaus, an der Stadtwiese und am Friedhof vorbei, wo krumme Grabsteine aus dem achtzehnten Jahrhundert wie schiefe Zähne stehen.

Ahab hat keine Ahnung, wohin wir wollen, dennoch übernimmt er die Führung, steuert mich an der Congregational Church, an der Cumberland Farm, dem Wippamunk Gift Shop, am Big Yum Donuts und an der Tankstelle vorbei.

Die Main Street ist dunkel, still und leblos, vor uns blinkt nur die Ampel vor Murtonen’s Muffinladen. Die Fenster sind beschlagen. Der Geruch von Kaffee, warmer Butter und Zucker zieht auf den leeren Schotterparkplatz. Innen glühen warme gelbe Lampen. Hinter dem Gebäude sieht man das Heck des Muffinlieferwagens hervorlugen. Ich kann gerade so die Buchstabenkeks-Aufschrift mit dem angebissenen »O« erkennen.

EJs massige Gestalt bewegt sich hinter dem großen Erkerfenster. Er nimmt die Stühle von den Tischen.

Ahab und ich gehen weiter, aber als Ahab knurrt, bleibe ich abrupt stehen. Mein Hund knurrt sonst nie.

Ich schaue mich um, versuche zu sehen, was er sieht, was ihn zum Knurren bringt. Aber es ist so dunkel, dass ich nicht viel erkenne, nicht mal im blinkenden Ampellicht. Mir wird klar, dass ich nicht hätte stehen bleiben sollen, denn jetzt, da mein Atem als eisige Wolke vor mir schwebt und ich die grau-braungestreifte Markise von Murtonen’s Muffins betrachte, verliere ich die Nerven. Vielleicht bin ich doch nicht bereit, mit EJ zu sprechen. Vielleicht bin ich doch nicht so weit, Nicks Geschenk zu öffnen.

Es riecht nach Benzin, nach Salz und Sand von der Straße und nach EJs Muffins. Nach EJ »Muffin-Man« Murtonens riesigen, knusprigen, saftigen, leckeren, preisgekrönten »Best-of-Wippamunk«-Muffins.

Der Schalter in meiner Brust springt wieder heraus, und mein Herz schwebt in der Leere. Vier eingefrorene Sekunden. Fünf Sekunden. Sechs. Ich sollte wirklich Dr.Carrie Fung zurückrufen. Andererseits – wenn ich das nicht tue, passiert vielleicht etwas Schreckliches, etwas, das schlimm genug ist. Schließlich kann der menschliche Körper eine Menge falsch machen, kann so viele tödliche Fehler begehen. Wenn ich Dr.Fungs Anrufe nicht erwidere, könnte etwas mit meinem Herzen passieren, was wirklich schlimm ist, und das würde mich aus den Schuhen hauen, raus aus Wippamunk, raus aus dem Leben, direkt hier auf dem Parkplatz. Ich würde herrlich herumschweben – wie Löwenzahnsamen, die sich vom Blütenboden lösen, wie ein Haarbüschel aus Ahabs Fell, das vom kalten Wind über die Schwelle der Küchentür getrieben wird, wenn ich ihn hereinlassen will –, und dann würde ich Nick wiedersehen. Wir würden gemeinsam herumschweben, uns herrlich treiben lassen.

Mein Herzschlag setzt wieder ein, so wie immer: zuerst schnell, dann normal.

Vorsatz: nach Hause gehen. Gladys mit ihren Jungs auflegen. Mit den Lippen in der kleinen Delle hinter Ahabs Ohren einschlafen.

Vorsatz: nicht weinen.

Kacke.

»Ahab!«, flüstere ich. »Komm her, Capt’n.«

Der Hund knurrt noch einmal in Richtung Parkplatz und kommt dann zu mir, denn er kehrt immer zu mir zurück. Wir gehen wieder Richtung High Street. Nach Hause.

»Arr, Zell, du bis ’n fischäugiges Weichei«, sage ich.

EJ

Dreieinhalb Stunden nach Mitternacht. Die Main Street ist die blauschwarze Geisterversion ihrer selbst. Eine sonderbare Zeit, um die Welt zu betrachten – schwebend zwischen Nacht und Tag. Und so wie der Lieferwagen des Muffinladens protestierend stöhnt, als er den Zündschlüssel dreht, braucht auch EJ selbst ein wenig gutes Zureden. Er reibt sich mit den Händen übers Gesicht, gähnt mehrmals so heftig, dass es seinen ganzen Körper erfasst, und zwingt seine nackten Hände, das betäubend kalte Lenkrad zu umfassen. (Finnischstämmige Amerikaner seien zu abgehärtet, um Handschuhe zu tragen, sagte sein Vater immer.) EJ lässt den Motor ein paar Minuten laufen und fährt dann rückwärts aus der Einfahrt in die dunkle Welt zu seinen Muffins.

Dort angekommen, heizt er die Backöfen vor. Als er an den Knöpfen dreht – klebrig vor Fett, obwohl er sie geputzt hat –, denkt er an Zells verdreckten Ofen. Er wusste seit Jahren, dass Nick dort die Geschenke für seine Frau verwahrte. EJ weiß, dass Zell keine große Köchin ist, aber er hätte nicht geahnt, dass sie überhaupt nie kocht oder backt. Es ist schon eine traurige Sache, dass sie offenbar mindestens ein Jahr und drei Monate gebraucht hat, um dieses Geschenk zu entdecken – was auch immer es ist –, und den Ofen so lange buchstäblich nicht benutzt hat.

EJ rührt den Teig für Blaubeermuffins an (Zucker, Mehl, Backpulver, Salz, Zimt, Eier, Butter, Milch, Rapsöl und gefrorene Blaubeeren, die er selbst im Juli auf der Wippamunk Farm gepflückt hat). Er gießt den Teig in extragroße Muffinformen. Bei Murtonen’s Muffins gibt es keine Fertigmischungen, keinen industriellen Teig, der aus Plastiktüten gequetscht wird. EJ war nicht umsonst Jahrgangsbester an der Johnson and Wales University.

Er wiederholt den Vorgang für die Maismuffins, dann für die Versionen mit Haferkleie, Schokolade, Pfannkuchengeschmack, Zimt-Apfel und Zucchini-Tomate. Er schiebt alle Backbleche in den Ofen und stellt die Uhr. Ein prüfender Blick über die Servicestation sagt ihm, dass alles vorhanden ist: Becher, Servietten, Zucker. Um Charlene zu beeindrucken – und sie war beeindruckt, denn unter ihrem letzten Brief stand als P. S.: »Super, dass du grün geworden bist« –, hat EJ vor kurzem auf achtzig Prozent recycelte Papierbecher, ungebleichte Servietten und Rohrzucker umgestellt. Als Nächstes werde ich Bio-Zutaten verwenden, überlegt er. Oder vielleicht welche aus fairem Handel. Oder beides.

An der Kaffeemaschine reißt EJ eine Packung Kaffee auf, atmet den Duft tief ein und schüttet das Pulver in den Filter. Dann bereitet er den entkoffeinierten Kaffee und die Winter-Geschmacksrichtungen vor: Eierlikörpunsch, Pfefferminzlikör, Karamell. Anschließend brüht er eine Kanne von seiner eigenen Erfindung: New-Orleans-Kaffee. Er gibt Pulver in den Filter und legt einige Zichorienwurzeln darauf.

Die Zichorienwurzeln bezieht er von Charlene. Schon bevor er einen Fuß in ihr Café setzte, wusste er, dass sie mit natürlichen, frischen Zutaten arbeitete; das roch er an dem Duft vor der Tür, auf dem Gehsteig. Der Geruch von echter Butter, echtem Mehl. Als die Glocke sein Eintreten ankündigte, kam Charlene aus dem Hinterzimmer. Eine straffgebundene grauweiße Schürze betonte ihren weichen Bauch und die breiten Hüften. Der Körper einer richtigen Frau, dachte EJ. Der Körper einer Frau, die ihre Produkte ernst nimmt.

Er bestellte acht Kaffee. Sie lachte – acht Kaffee! – und begann einzuschenken. EJ bewunderte ihr ausgeprägtes Hohlkreuz, das die einladende Wölbung ihres runden Hinterns noch unterstrich. Das glänzendschwarze Haar lockte sich um ihre blassen Ohren und verlieh ihr ein koboldhaftes Aussehen.

Charlene drehte sich lächelnd um und reichte EJ einen großen Becher Kaffee mit Zichoriengeschmack. »Ihrer ist umsonst«, sagte sie in ihrem schweren, warmen Dialekt.

EJ nahm den Becher aus Charlenes kleiner Hand entgegen und bedankte sich. Ihr rautenförmiger Mund fiel ihm auf.

Sie schaute nach draußen auf den Transporter von Wippamunk interkonfessionell, der am Straßenrand wartete. »Sind Sie aus dem Norden?«

»Ähm, ja«, hörte EJ sich antworten.

»Den ganzen weiten Weg runtergefahren, um bei den Katrina-Schäden zu helfen?«

»Jawoll«, vernahm er wieder seine Stimme.

Charlene lächelte. »Sind Sie bei so ’ner Freiwilligengruppe?«

Er antwortete nicht. Schatten lagen unter Charlenes Augen, Teig klebte an ihren Handgelenken. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, dachte EJ. Sie riecht wahrscheinlich noch nach Kaffee und Zucker, wenn sie geduscht hat. Bestimmt genießt auch sie das Geplauder mit den Gästen und die Momente, wenn sie allein ist und die Schalen mit weißen Spachteln auskratzt.

Die Türglocke klingelte; Nick stand im Rahmen. »Soll ich dir helfen, Silo?«, fragte er. Nick nannte ihn immer Silo, eine Anspielung auf EJs Gestalt: groß und schwer. Nick ging an die Theke, und Charlene reichte ihm ein Tablett, auf dem vier Becher Kaffee Halt fanden.

»Geht alles aufs Haus«, sagte sie. Sie drückte drei weitere Becher in die vorgefertigten Löcher eines zweiten Tabletts und stopfte Kaffeesahne, Zuckerstückchen und Rührstäbchen in eine Papiertüte.

Nick unterhielt sich mit Charlene auf seine ehrliche, freundliche Weise. Erzählte ihr von »der Tour«, von ihrer Arbeit, wo sie wohnten, was sie taten.

Charlene nickte, beäugte EJ. »Kommt doch morgen wieder, wenn es geht«, sagte sie.

»Äh, wir sind nur heute in der Touristengegend«, sagte EJ, »Wir haben nämlich –«

»Wir kommen morgen wieder«, unterbrach Nick ihn.

Dann verließen sie das Café, jeder mit einem Tablett voll Kaffee in den Händen. Auf dem Bürgersteig blieb Nick stehen. »Guck mich mal an!«, sagte er.

»Was?« EJ hielt neben dem Wagen inne. Er sah Nick in die Augen.

Nick lachte aus vollem Hals, wie er es immer tat.

»Was ist?«

»Das weißt du genau.« Nick wies mit dem Kopf in Richtung des Cafés. »Du fährst total ab auf das süße Häschen vom Cajun-Café. Du hast genau denselben Blick drauf wie damals mit zwölf, als France mit dir zu ›Stairway to Heaven‹ tanzen wollte.«

»Psst«, machte EJ. Er warf France im Wagen einen kurzen Blick zu; Russ schien sie gerade zum Fingerhakeln herauszufordern, doch sie ignorierte ihn. Es war sehr lange her, dass EJ etwas für France empfunden hatte und umgekehrt. Es war schon sehr lange her, dass EJ für irgendjemanden etwas empfunden hatte. Er merkte, dass er rot wurde. »Erzähl das bloß nicht weiter!«, warnte er Nick.

»Tu ich nicht.« Nick lachte erneut. »Kumpel.«

Russ schob die Tür des Transporters auf und nahm EJ das Tablett ab. »Was is’n so lustig? Ich krieg nie was mit.«

»Nichts«, sagte EJ. »Überhaupt nichts.« Er setzte sich neben Russ. Doch er konnte nicht aufhören zu grinsen, während er die Kaffeebecher verteilte – an Russ, France und Dennis, an Chief, Father Chet und Pastorin Sheila am Steuer –, und er grinste noch den Rest des Tages.

Seither kommt alle drei Wochen mit jeder Lieferung Zichorienwurzeln aus New Orleans ein handgeschriebener Brief von Charlene. Meistens beginnt er ungefähr so: »Vielen Dank für Deinen Auftrag. Wie läuft’s so bei Dir im hohen Norden?« – als läge Massachusetts im ewigen Eis.

Charlene war noch nie in Neuengland. EJ stellt sich vor, wie sie ihn besucht, er sie in der Stadt herumführt, ihr seine Lieblingsplätze zeigt. Den Gipfel von Mount Wippamunk (auch wenn er mit ihr wohl hochfahren müsste, unsportlich, wie er geworden ist), den ersten Stock der alten Feuerwache mit der Messingrutschstange und dem Billardtisch von 1892 und vor allem die Bank in seinem Garten, von der man über den Malden Pond blickt. Er würde Charlene den Namen seiner Mutter zeigen, der hinten in die Bank geritzt ist. Von seinem Vater. Sein Vater bastelte immer herum, flickte dies und jenes. Die Bank war das Letzte, was er vor der Scheidung fertigstellte.

EJ kann nicht begreifen, dass es über ein Jahr her sein soll, seit er Charlene gesehen hat. Er kann es nicht fassen, dass sie ihm die ganze Zeitlang schreibt, ihm E-Mails und SMS schickt und sogar hin und wieder anruft. Wenn sein Handy um vier Uhr morgens klingelt, weiß er, dass es Charlene ist.

Einmal wollte er sie besuchen, im August. Sie hatte ihn eingeladen, und er traf alle Vorbereitungen; er wollte den Laden zwei Wochen schließen und runterfahren. Er hatte sogar einen kleinen Diamantanhänger in der Greendale Mall gekauft, ihn aber zurückgebracht, als Charlene im nächsten Brief von der grausamen, gefährlichen Arbeit in den Diamantminen schrieb und berichtete, dass sie an einer Demonstration teilgenommen hätte. EJ zerbrach sich den Kopf, weil er kein Geschenk hatte, und bemitleidete sich selbst, weil Nick nicht mehr da war, um ihn zu beraten.

Dann starb ganz unerwartet Charlenes Mutter, und Charlene rief ihn an und bat ihn unter Tränen, zu Hause zu bleiben. Sie entschuldigte sich immerzu, und er sagte: »Nein, nein, du brauchst dich nicht zu entschuldigen.« Das war vor einem halben Jahr, und seitdem hat sie ihn nicht erneut eingeladen.

Er schenkt sich einen Becher New-Orleans-Kaffee ein, trinkt ihn und dreht mit der anderen Hand die Stühle um. Als er vor dem Fenster steht, beschlagen durch die Hitze vom Ofen, registriert er draußen eine Bewegung. Er späht durch die Scheibe und wundert sich, als er dort jemanden sieht, eine dickeingepackte Gestalt. EJ kneift die Augen zusammen, kann die Gestalt aber nicht erkennen. Dann entdeckt er Ahab. Der Captain ist unverkennbar. Er ist der einzige Greyhound in Wippamunk und der einzige große Hund im Ort, der das halbe Jahr lang Mantel und Schuhe trägt.

EJ erkennt Zells gelbe Mütze und Handschuhe. Dieselbe Zell, die mit ihm und Nick mit sieben Jahren Leuchtkäfer in Gläsern fing. Dieselbe Zell, die im Unterricht der Alten Küchenhexe neben ihm saß – den Pony mit Haarspray zu einer starren Klaue geformt –, einen Blaubeermuffin von dem ersten Teig probierte, den EJ je anrührte, und dann rief (obwohl sie anschließend wegen Schwätzens nachsitzen musste): »Die sind superlecker! Du musst Bäcker werden, EJ! Im Ernst.«

Jetzt ist es so weit, denkt er. Zell hat seine Nachricht gefunden, nun werden sie endlich miteinander reden.

Sie hat etwas unter dem Arm – das Geschenk. Das Ofengeschenk von Nick. Lieber Gott, denkt EJ, vielleicht will sie mich dabeihaben, wenn sie es öffnet. Er trinkt einen Schluck heißen Kaffee und streckt den freien Arm über den Kopf. Du lieber Gott. Was soll er nur zu ihr sagen?

Ahab zieht Zell durch die Gegend. Sie kommen auf den Parkplatz und nähern sich dem Laden. Plötzlich bleiben sie stehen. Sie betrachten etwas oder suchen nach etwas, vielleicht nach dem Grund für ein sonderbares Geräusch. EJ reckt den Hals, kann im Dunkeln aber nichts entdecken. Zell und Ahab machen auf dem Absatz kehrt und rennen fast zurück zum Bürgersteig, biegen auf die Main Street ab und sind verschwunden.

»Hat den Mut verloren«, sagt EJ. Er trinkt noch einen Schluck Kaffee und dreht den nächsten Stuhl um. »Hat den Mut verloren.«

Kurz darauf schwenkt Scheinwerferlicht über den Parkplatz. EJ blickt auf die Wanduhr: Der kleine Holzlöffel steht auf vier, der große auf sechs, Travis ist also zu spät – wie immer. Wenigstens darauf ist Verlass.

Die Türglocke klingelt, als Travis eintritt. Mit einem schabenden Geräusch putzt er sich die Stiefel auf der Matte ab.

»Hey, Morgen«, ruft Travis.

»Morgen.« EJ öffnet die Hintertür. Er will gerade eine große leere Butterpackung in den Recyclingmüll werfen, als ihm eine innere Stimme befiehlt, ruhig zu sein. Sein Körper ist durchdrungen von prickelnder Achtsamkeit; hätte er Nackenhaare, wären die jetzt voll aufgerichtet. Es ist dasselbe kribbelnde, hellwache Gefühl, das er kurz vor Nicks Übergang empfand. So stellt sich EJ Nicks Tod vor: als Übergang. Kein Zufall, kein bedauernswertes, furchtbares Geschehen, sonders etwas Edles, wie das Schicksal. Oder immerhin etwas, gegen das Nick nicht protestieren würde (hätte man ihm vorher erklärt, durch welche Umstände ihm das Leben genommen würde).

Diesen Ausdruck – Übergang – hat EJ von Charlene. Von Anfang an hat er ihr von seinen Albträumen berichtet, in denen er immer wieder durchlebt, was mit Nick passiert ist. Sie hat ihn beruhigt, dass alle Überlebenden Albträume hätten; es sei ein Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung. Charlene schrieb vom »Übergang« der Katrina-Opfer: »Sie sind nicht gestorben. Sie sind in einen anderen Zustand übergegangen. Daran glaube ich ganz fest.«

EJ umklammert die Butterpackung. Er bekommt Gänsehaut im Nacken. Irgendetwas nähert sich – wohl dasselbe Wesen, das eben gerade Zell und Ahab vertrieben hat. Er denkt an Bären, die Mülltonnen umwerfen, und macht unwillkürlich einen Schritt nach hinten. Dann fällt ihm ein, dass es Winter ist und Bären Winterschlaf halten. Vielleicht ist es ein Puma, überlegt er, die sollen momentan angeblich durch die Gegend streifen.

Neben der Recyclingtonne bewegt sich etwas – geisterhaft grüne Augen blitzen auf. Dann erscheint eine fette, verfilzte Katze, ein kleiner Kartoffelsack auf vier Beinen. Sie setzt sich hin und miaut: die Katze vom alten Bedard. Eine richtige Scheunenkatze.

EJ lacht. »Du Miststück!«, sagt er. »Hast mir Angst eingejagt.« Er wirft die Butterpackung in den Müll, und die Katze flitzt in Richtung Straße.

Nick

2. November 2006

Absender: nicholas.roy@thewippamunker.com

Empfänger: rose-ellen@roymedicalillustration.com

Hallo, Hose,

wir haben eben unser Nachtlager in der Cafeteria einer Schule aufgeschlagen, die in dem Jahr seit dem Hurrikan schon wieder aufgebaut worden ist. Es ist ziemlich hart, auf dem Boden zu schlafen, aber ich sage mir immer, es ist besser, als obdachlos zu sein, wie es so viele Menschen hier waren und immer noch sind.

Wir sind hier erst abends angekommen, es war schon dunkel, deshalb habe ich noch nicht viel gesehen. Morgen kann ich mir hoffentlich einen Überblick verschaffen. Sie wollen ein kleines Haus entrümpeln, also Pastorin Sheila, Father Chet, Chief, France, EJ und Russ. Dennis und ich sollen sozusagen neutral bleiben; er wird einen Artikel schreiben, ich mache die Bilder. Wir machen eine Fotoreportage für den Wippamunker. Sollte kein Problem sein.

Wie war dein Termin bei der Kardiologin? Ich hab Father Chet und Pastorin Sheila davon erzählt, und jetzt beten sie für dich. Ich find das ein bisschen seltsam, aber sie sind Geistliche, da muss man das wohl erwarten. Wir mussten sogar einmal alle im Transporter zusammen beten, so mit an den Händen fassen und Augen schließen.

Ich denke, das wird schon wieder, Hose. Das spüre ich. Ehrlich jetzt, Zell, wenn ich nach Hause komme, begleite ich dich zu allen Arztterminen. Aber das werden hoffentlich nicht mehr viele sein, weil du nämlich gar nichts Schlimmes hast.

Wenn du mir antwortest, schreib doch bitte, was die Ärztin gesagt hat.

Pass gut auf deine herrlichen 75Cs auf. In meinen Träumen vergrabe ich den Kopf darin.

Ich werde dir jeden Tag schreiben und rufe an, sobald ich kann.

Nick

2

Zell

Die Sonne geht auf, und unser Bleiglasfenster aus dem Sperrmüll wirft ein rötliches Licht auf den Treppenabsatz im ersten Stock. Ich lehne mich gegen die Schlafzimmertür, gegenüber der Tür zum Dachboden. In der Hand halte ich Nicks fast zerstörtes Geschenk. Vorsichtig schüttle ich es. Sanft klackert der Inhalt der Plastikbox. Wodurch wird dieses Geräusch hervorgerufen? Da ist nichts, rede ich mir ein. Gar nichts, nur Staub, Luft und ein verschmorter Geist.

Der Türknauf mir gegenüber ist aus Glas. Darin sehe ich mich in Miniatur, immer noch in Jacke und Mütze. Ich umschließe das winzige Ich mit meiner Hand im Fäustling und drehe am Türknauf. Schiebe die Dachbodentür ein paar Zentimeter weit auf. Fünf Zentimeter. Ich drücke dagegen, mit Schulter und Arm, die Tür schleift über den Boden.

Der abgestandene Geruch des Dachbodens fällt geradezu über mich her.

Kacke.

Ich schaffe es nicht. Ich bin außerstande, die Tür weiter zu öffnen. Ich ziehe sie wieder zu, bis sie ins Schloss fällt. Die Plastikbox stelle ich in den Flur.

 

 

Einige Zeit später stehe ich zitternd auf der Hintertreppe und sehe zu, wie sich Ahab neben die erfrorene Hortensie hockt und wie eine Hündin pieselt. Beim Pinkeln dreht er seine spitzen Ohren – ein schwarzes, ein weißes – und schnüffelt in der Luft, in der noch immer der Geruch von verbranntem Plastik hängt. Und es riecht nach Winter: alter Schnee, totes Gras und gefrorene Erde.

Mount Wippamunk in einer Meile Entfernung ist ein großer Bergrücken am Horizont. Er ist ein echter Inselberg, ein Monadnock – Nick hat mir das indianische Wort gesagt. Die Skipisten schlängeln sich an ihm herunter wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Schon so früh am Morgen sind sie von Skifahrern und Snowboardern bevölkert, die wie Flöhe auf den Hängen umherhüpfen.

»Ich mag deinen Hund.«

Ahab hört auf zu pieseln und blickt auf.

Das Mädchen, meine Nachbarin, lehnt sich aus dem Fenster im ersten Stock. Ihr Haar unter der roten Skimütze ist heute nicht geflochten.

»Hi«, sage ich. »Tut mir leid wegen gestern. Ich war etwas durcheinander.«

»Schon gut, ich werde auch manchmal wütend.«

»Fünf Minuten«, ruft Garrett irgendwo aus dem Haus.

»Dein Hund ist so einer, der ganz schnell rennen kann, oder?«, fragt sie.

»Ja.«

»Aber schneller als ein Gepard kann er nicht sein, dein Hund, denn Geparden sind die schnellsten Säugetiere auf der Welt.«

»Wirklich?«, antworte ich.

»Ja.«

Ich höre Garretts Wagen auf der anderen Seite des Hauses brummen, er lässt den Motor warmlaufen.

»Mein Dad bringt mich zur Schule, bevor er zur Arbeit fährt«, erklärt das Mädchen. »Er arbeitet bei einem Rechtsanwalt. Er wird selbst auch mal Rechtsanwalt, wenn er mit der Uni fertig ist. Da geht er nämlich abends immer hin. Und samstags.« Die Kleine kratzt eine festgefrorene Eichel von der Fensterbank, die lautlos in den Garten fällt.

»Hey, willst du wissen, warum ich gestern gebacken habe?«, frage ich.

»Weil Backen super ist?«

»Komm runter, dann zeig ich’s dir.«

»Ich komme runter.«

Ahab folgt mir, während ich das Eine Prise Liebe-Magazin aus der Gästetoilette unter der Treppe hole.

Draußen wartet Ingrid in ihrem Hof. Ihr Rucksack sieht aus, als wöge er so viel wie sie selbst. Sie ist für die Schule gekleidet: Strumpfhose, Uggs, Jeansrock, dicke Winterjacke mit stahlblauem Webpelz um die Kapuze, dazu die übergroße rote Skimütze. Ich reiche ihr das Heft über den Zaun. Sie hält es auf Armeslänge von sich weg.

»Der Postbote hat es in den falschen Briefkasten gesteckt. Guck mal auf Seite 48«, sage ich.

Sie schaut sich die Beilage an und fährt mit dem Finger über Polly Pinchs Gesicht. »Ach nee, guck mal«, sagt sie, »hast du das gelesen? Als Preis darf man zu ihr in die neue Live-Show von Eine Prise Liebe.«

»Und man gewinnt zwanzigtausend Dollar«, sage ich.

»Ja, aber man trifft sie, man trifft Polly Pinch!«

»Ingrid?«, ruft Garrett aus dem Haus. »Wo bist du?«

Sie wirft mir ein verschwörerisches Grinsen zu. Einer ihrer Schneidezähne ist größer als der andere. Anstatt die Zeitschrift in den Rucksack zu stecken, gibt Ingrid sie mir zurück. »Behalt sie. Einen Tag länger.«

Irgendwie gleitet sie mir aus den Händen. Ich greife nach den glatten Seiten, aber sie rutschen mir durch die Finger.

»Tschöh mit öh«, ruft Ingrid und läuft wieder ins Haus.

Ich hebe die Zeitschrift auf, schüttele den Schnee ab und blättere zu der Ausschreibung für den Wettbewerb.

Gewinnen Sie 20 000 Dollar und eine All-inclusive-Reise für zwei Personen in unsere Kochstudios in Boston! Werden Sie unser Ehrengast bei der Auftaktsendung zu Pollys neuer Fernsehshow, Eine Prise Liebe live!

Kennen Sie ein leicht zu bereitendes Dessert, das die Seele beglückt? Wenn ja, machen Sie es für Polly in ihrer Show! Zeigen Sie Polly Pinch und der ganzen Welt, wie kreativ Sie in der Küche sind! Schicken Sie Ihr Rezept an die unten angegebene Adresse oder mailen Sie es über das Online-Formular auf www.suessesfuerdieseele.com. Zwei glückliche Einsender werden von Pollys handverlesener Expertenrunde zu den Finalisten erkoren. Die beiden Gewinner werden ihre Rezepte in der ersten Folge von Eine Prise Liebe live am 5. Mai vorführen. Einer dieser beiden Teilnehmer wird dann den Hauptpreis in Höhe von 20 000 Dollar gewinnen!

Die Rezepte werden nach Originalität, einfacher Zubereitung und vor allem nach ihrer Köstlichkeit bewertet. Sie müssen spätestens bis zum 10. März eingegangen sein (Datum des Poststempels oder der E-Mail). Keine Abonnentenverpflichtung. Weitere Informationen und die kompletten Teilnahmebedingungen unter www.suessesfuerdieseele.com.

»Na, was meinst du, Capt’n?«, sage ich. »Zwanzigtausend Dollar! Genau die Summe, von der Nick in seiner Mail sprach. Genau die Summe, die er für die Katrina-Überlebenden zusammenkriegen wollte. Das muss doch was zu bedeuten haben, oder?«

Ahab niest. Er trottet die Hintertreppe hinauf und winselt. Ich lasse ihn herein. »Arr, du bist so verrückt wie ’ne Fliege im Rumfass, Zell.«