Verlag: Lyx.digital Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Weihnachten in Briar Creek E-Book

Olivia Miles  

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E-Book-Beschreibung Weihnachten in Briar Creek - Olivia Miles

Wenn Briar Creek am schönsten ist Wenn Kara Hastings ihre kleine Bäckerei vor dem Ruin retten will, muss sie den weihnachtlichen Dekowettbewerb von Briar Creek gewinnen. Nate Griffin hat ihr da gerade noch gefehlt. Der arrogante - und unverschämt attraktive - Großstädter tritt mit der Frühstückspension seiner Tante gegen sie an. Leider ist er bekannt dafür, immer zu bekommen, was er will. Dabei kann er Weihnachten nicht ausstehen! Kara sagt dem Grinch den Kampf an - auch wenn dieser ihr Herz bei jeder Begegnung zum Schmelzen bringt ... "Leser, die nach einer pfefferminzgefüllten, herzerwärmenden und weihnachtlichen Liebesgeschichte suchen, werden Nate und Kara lieben." Publishers Weekly Abschlussband der Briar-Creek-Reihe von Bestseller-Autorin Olivia Miles

Meinungen über das E-Book Weihnachten in Briar Creek - Olivia Miles

E-Book-Leseprobe Weihnachten in Briar Creek - Olivia Miles

Inhalt

TitelZu diesem Buch123456789101112131415161718192021222324EpilogDanksagungDie AutorinDie Romane von Olivia Miles bei LYXImpressum

OLIVIA MILES

Weihnachten in Briar Creek

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Yvonne Eglinger

Zu diesem Buch

Zu Weihnachten duftet ganz Briar Creek nach Zimt und Zucker. Vor allem dank Kara Hastings’ Bäckerei: Ihre Schneeflockenkekse und Lebkuchenhäuser sind wahre Kunstwerke – mit denen sie endlich den alljährlichen Dekowettbewerb des kleinen Örtchens in Vermont gewinnen will. Gewinnen muss! Denn ihr kleiner Keksladen steht kurz vor dem Ruin, und nur das Preisgeld könnte das Schlimmste verhindern. Jemand wie Nate Griffin hat ihr da gerade noch gefehlt. Um seiner Tante einen Gefallen zu tun, tritt er mit ihrer Frühstückspension gegen Kara an. Und der eingebildete – und unverschämt attraktive – Großstädter ist nicht nur sehr ehrgeizig, sondern bekommt auch wirklich immer was er will. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er Weihnachten eigentlich nicht ausstehen kann. Das kann Kara nicht auf sich sitzen lassen und sagt dem Grinch den Kampf an – auch wenn dieser ihr Herz bei jeder ihrer Begegnungen mit einem Augenzwinkern allein zum Schmelzen bringt …

1

Der Wind peitschte die Main Street entlang und wirbelte Schneeschwaden auf, ließ sie im Schein der Straßenlaternen tanzen und auf die frischen Fichtenkränze niedersinken, die mit roten Seidenschleifen an allen Masten angebracht waren. Im Sugar and Spice roch die Luft warm und süß, die Musik war leise, aber festlich, und die Stimmung geradezu ausgelassen.

Nun, meistens jedenfalls.

Jeden Morgen, wenn Kara Hastings sich ihre gestärkte Baumwollschürze umband und das erste Cookie-Blech des Tages in Angriff nahm, war sie aufgeregt und sprühte vor Energie. Aber wenn es draußen zu dämmern begann, fragte sie sich manchmal, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte, ihre Bäckerei so kurz vor dem Feiertagsrummel zu eröffnen.

Unsinn. Genau das hatte sie doch gewollt! Ein eigenes Cookie-Geschäft. Den ganzen Tag in der Backstube stehen, wo sie neue Sorten ersann und Kostproben herstellte. Doch die vielen Stunden im Laden forderten ihren Tribut, und ach, sie sehnte sich danach, unter ihre warme, kuschelige Bettdecke zu schlüpfen, einen Weihnachtsfilm einzulegen, sich vielleicht einen kleinen Weihnachtspunsch zu genehmigen und …

Aber nein. Keine Zeit. Nicht, wenn sie heute Abend mit ihren Lebkuchenhaus-Bausätzen loslegen wollte. Ihre Schwägerin Grace hatte angeboten, einige von ihnen bei Main Street Books anzubieten, und in Briar Creek stand der erste Weihnachtsbasar des Jahres kurz vor der Tür. Kara hatte sich ausgemalt, wie sie Dutzende Lebkuchensets präsentieren würde, alle hübsch verpackt, mit einer großen Satinschleife umwickelt, bereit zum Verkauf. Und dazu etliche große Teller voller Cookies in allen möglichen Formen und Geschmacksrichtungen.

Kara musterte ihre Verkaufsvitrine mit kritischem Blick. Es war schon wieder fast alles ausverkauft, und den Rest würde sie sich für einen Mitternachtsimbiss einpacken, sofern sie nicht schon vor dem ersten Bissen todmüde ins Bett fiel. Sie dachte stirnrunzelnd an den Albtraum der vergangenen Nacht zurück, in dem sie den Mehlbehälter umgeworfen hatte und nirgends neues Mehl auftreiben konnte, und dann hatte sie auch noch versehentlich Zucker und Salz verwechselt … Und daraufhin waren die Kunden ausgeblieben und sie hatte das Geschäft schließen müssen.

Genau damit rechneten doch alle, dachte Kara, während sie in einen kernigen Hafercookie biss. Er schmeckte süß und buttrig, mit einem Hauch Zimt und weiteren Gewürzen. Die Sorte hatte ihr Vater immer am liebsten gemocht, entsann sie sich, und eine verschwommene Erinnerung stieg in ihr auf, wie sie mit ihm in der Küche Teig anrührte. Er konnte nicht gut kochen und war als Putzmann eine Niete, aber er liebte es, mit seinen drei Kindern zu backen, vor allem zu Weihnachten.

Kara lächelte voll Trauer, als sie an ihren Dad dachte. Wegen ihm hatte sie diesen Laden eröffnet, und wegen ihm arbeitete sie so hart daran, dass er ein Erfolg wurde.

Sie schluckte das letzte Stückchen Cookie hinunter, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah zur Decke auf. »Hafercookies mit Gewürzen. Nur für dich, Dad.«

Sie drehte das Schild am Eingang auf GESCHLOSSEN und ging energisch zurück in die Backstube, wo gerade der Ofenwecker zu schrillen begann und sie darauf aufmerksam machte, dass das nächste Blech Lebkuchen fertig war. Sie streifte ihre Ofenhandschuhe mit den roten Ziernähten über, holte die Charge aus dem Ofen und legte die Lebkuchen einen nach dem anderen mit äußerster Sorgfalt auf ein Kühlgitter.

Ein Blech war fertig … blieben noch vier, dachte sie, während sie die nächste Fuhre in den Ofen schob und den Wecker stellte. Sie unterdrückte ein Gähnen und presste sich den Handrücken vor den Mund. Trotz der vielen Öfen würde sie hier noch ein paar Stunden beschäftigt sein. Sie bereitete sich einen Becher heiße Zimtschokolade zu und setzte sich an einen der kleinen Tische vorn im Laden, um die Deko für ihre Bausätze zusammenzustellen: hohe Zellophantüten gefüllt mit buntem Flitter, Päckchen voll glänzender Weingummis und anderen Süßigkeiten, und dazu eine von ihr selbst entworfene Bauanleitung, eingerahmt von Stempeln kleiner Lebkuchenmänner, die das Blatt hinabtanzten.

Ein Klopfen an der Tür schreckte sie aus ihren Gedanken auf, und vor Schreck ließ sie ein paar Süßigkeiten zu Boden regnen. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen verspäteten Kunden verscheuchen musste, der auf den letzten Drücker eine Kleinigkeit für eine Weihnachtsfeier oder ein Schulfest besorgen wollte. Leicht irritiert blickte sie auf und entdeckte ihre Schwester Molly, die ihr durch das Schaufenster hindurch zuwinkte. Mollys Hand steckte in einem dicken, roten Fäustling, der fast so grell leuchtete wie ihre Nase. Kara eilte zur Tür und schloss auf.

»Ich dachte, du kommst erst morgen!«, rief sie aufgeregt. Sie umarmte ihre Schwester und spürte die Kälte von Mollys Wollmantel auf der Haut.

»Ich hab beschlossen, einen Tag früher nach Hause zu fahren.« Molly grinste Kara an und trat einen Schritt zurück. »Wow, du hast hier wirklich was geschafft, seit ich zuletzt zu Besuch war.«

Das stimmte. In den drei Monaten seit Unterzeichnung des Mietvertrags hatte Kara den Laden nach und nach verschönert und ihm langsam neues Leben eingehaucht. Für die Weihnachtszeit hatte sie alles mit Zuckerstangen geschmückt und sich für glitzernd rote und rosafarbene Deko entschieden, passend zu ihrem rosa-weißen Logo. Die meisten Kunden kauften Cookies für zu Hause, aber einige blieben auch ein Weilchen und aßen sie im Geschäft. Zu Beginn hatte Kara das nervös gemacht, aber eine Beschwerde war ihr bisher nicht zu Ohren gekommen, und inzwischen freute sie sich über die Gesellschaft.

Irgendwann wollte sie gern eine Aushilfe einstellen, die vorn bediente, während sie in der Backstube arbeitete. Aber für den Moment, bis sie es sich leisten konnte, war sie allein.

In jeder Hinsicht, dachte sie ein wenig betrübt. Ihre Freunde und Verwandten fanden einer nach dem anderen Partner und heirateten, während sie selbst … tja, sie wartete immer noch auf Mr Right, auch wenn sie schon länger nicht mehr aktiv Ausschau nach ihm hielt.

Sie verscheuchte den Gedanken. Was sollte das Gejammer? Doch die Weihnachtszeit bot sich dafür natürlich geradezu an. Man konnte die vielen Pärchen kaum übersehen, die Händchen haltend die Main Street entlangspazierten oder sich einen Cookie in ihrem Laden teilten und liebevoll darüber zankten, welche Sorte sie probieren wollten. Und in der Folge war auch kaum zu übersehen, wie leer und still ihre Wohnung allabendlich wirkte.

Vermutlich sollte sie dankbar sein, dass sie so beschäftigt war. Fast zu beschäftigt, um all diese Dinge zu bemerken. Fast.

»Ich schätze, das hab ich davon, weil ich an Thanksgiving nicht nach Hause gekommen bin.« Molly lächelte Kara reumütig an und ging dann vor zur Verkaufsvitrine, die um diese Zeit wie üblich fast leer war. Auf ihrer roten Wollmütze lag noch immer ein wenig Schnee, und sie schüttelte rasch den Kopf, während sie sich hinabbeugte und Karas neueste Weihnachtskreationen bewunderte. »Diese Lebkuchenhäuser sind einfach zu niedlich. All die vielen Einzelheiten!«

Kara grinste. Sie gab sich besonders viel Mühe, damit jedes Häuschen einzigartig aussah. So blieb es auch für sie selbst spannend, und sie konnte sich ein wenig fordern. Es gab noch eine Menge zu lernen, sie experimentierte derzeit ganz schön viel herum, und es lag noch ein weiter Weg vor ihr. Hoffentlich.

»Machst du mir auch eins?«, fragte Molly und wandte sich mit hoffnungsvollem Lächeln zu Kara um, sodass diese lachen musste. Molly war es als Jüngster von drei Geschwistern nie schwergefallen, ihre Wünsche deutlich zu machen. Diesmal würde Kara ausnahmsweise nicht nachgeben. Die Zeit lief ihr davon, und das Weihnachtsgeschäft war anstrengender, als sie erwartet hatte. Auch wenn sie sich so manchen Stress, wie den mit den Lebkuchenhäusern, selbst zuzuschreiben hatte.

»Wenn nach Weihnachten noch welche übrig sind, kannst du eins haben, ja.« Die Chancen dafür standen allerdings denkbar schlecht. Kara hatte das erste Haus eigentlich nur als Ausstellungsstück angefertigt, zur Dekoration, aber die begeisterten Reaktionen ihrer Kunden hatten ihr ein ganz neues Geschäftsfeld eröffnet, und eine Menge Arbeit obendrein beschert. Sie verkaufte jetzt täglich mehrere Häuser, zusätzlich zu ihren Bausätzen und Cookies.

»Vielleicht kannst du mir eins zurücklegen«, schlug Molly vor.

Kara lachte erneut auf, allerdings schon etwas weniger amüsiert. »Netter Versuch. Komm mit in die Backstube, du kannst mir helfen, den Teig auszurollen.«

»Okay, aber ich hab nicht viel Zeit. Mom erwartet mich zum Abendessen.«

»Ihr hast du also gesagt, dass du einen Tag früher kommst, und mir nicht?« Kara blieb abrupt neben der Theke stehen und starrte ihre Schwester entgeistert an, die in den Türrahmen zur Backstube getreten war, den Schal noch immer um den Hals.

»Ich hab versucht, dich anzurufen.« Molly nahm sich einen Cookie von einem der Teller, zögerte aber, nachdem sie ihn zum Mund geführt hatte. »Darf ich?«

Kara winkte ab. Der Laden war geschlossen, sie wollte die Ware nicht verkommen lassen, und dieser Cookie war ohnehin ein klein wenig braun an den Rändern, deshalb hatte sie ihn nicht verkauft. »Klar, iss nur.« Sie holte eine in Klarsichtfolie gewickelte Teigkugel aus dem Kühlschrank und legte sie auf die Mittelinsel. Seufzend dachte sie an all die Arbeit, die noch vor ihr lag.

»Hast du meine Nachrichten nicht gekriegt?«, fragte Molly und leckte sich die letzten Krümel von den Fingern.

Kara bestäubte die Arbeitsfläche mit Mehl und anschließend ihr Nudelholz. »Ich hab gesehen, dass du angerufen hast, aber nein, sorry, zum Abhören hatte ich keine Zeit.« Sie hatte nicht mal Zeit fürs Mittagessen gehabt, außer man ließ die neun Cookies gegen drei Uhr als vollwertige Mahlzeit durchgehen.

»Na gut, kannst du denn dann heute früher Schluss machen und mit uns zu Abend essen? Luke und Grace kommen auch«, meinte Molly. Luke war ihr Bruder, Grace dessen Frau.

Kara seufzte. Sie enttäuschte ihre Familie nur ungern, aber in letzter Zeit schien sie kaum eine Wahl zu haben. »Können wir das vielleicht auf später verschieben?«

Molly zog einen enttäuschten Schmollmund, und kurz fühlte Kara sich an die Fünfjährige erinnert, die es irgendwie immer fertiggebracht hatte, das letzte Stück Kuchen zu ergattern, selbst wenn es von Karas Geburtstagsfeier übrig geblieben war. Kara überschlug schnell die Backzeiten und schätzte ab, wie viele Stunden sie heute noch arbeiten musste. Vermutlich könnte sie schnell mit den anderen etwas essen, dann zurückkommen, bis etwa halb drei Uhr nachts weiterarbeiten und sich ein paar Stunden aufs Ohr hauen, bevor sie um sechs wieder im Laden stehen musste … Sie blinzelte. War sie verrückt geworden?

»Tut mir leid, Molly, aber ich wusste nicht, dass du früher kommst, und ich hab noch ungefähr vier Stunden Arbeit vor mir, bevor ich Feierabend machen kann.«

»Kann das nicht warten?«, quengelte Molly. »Ich bin doch gerade erst angekommen!«

Kara spürte, wie sie in sich zusammensank. Sie sah ihre Schwester nur wenige Male im Jahr, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als jetzt gleich den Laden zuzusperren und bei einem Glas Wein mit ihr zu quatschen. »Tut mir echt leid, aber es geht nicht.«

»Gut, dann eben nicht.«

Aus dem Augenwinkel sah Kara Mollys übertriebenen Flunsch. Jetzt bloß nicht nachgeben. Wenn du einknickst, bist du noch die ganze Nacht hier. Außerdem: Selbst wenn sie schnell mit den anderen zu Abend äße, könnte sie das Beisammensein mit ihnen kaum genießen, weil sie ständig an all die Arbeit denken müsste, die hier noch auf sie wartete.

»Ich hatte mich so gefreut, euch alle wiederzusehen und euch meine Neuigkeiten zu erzählen«, bemerkte Molly betont beiläufig und fummelte an ihren Schalfransen herum.

Kara hielt beim Teigausrollen inne. Das war eine weitere bewährte Taktik ihrer Schwester, und diesmal zog sie.

»Was für Neuigkeiten?«, fragte sie und wischte sich mit dem Handrücken eine widerspenstige Strähne aus der Stirn.

Molly setzte ein listiges Lächeln auf und ihre blauen Augen funkelten. »Ich bin verlobt!«, kreischte sie und hüpfte auf und ab. Sie kam auf Kara zu, zog ihren zweiten Fäustling aus, ließ die Finger vor Karas Gesicht durch die Luft flattern und präsentierte einen riesigen Diamantring.

Kara starrte ihn stumm und fassungslos an und versuchte, die vielen Informationen zu verarbeiten, die alle auf sie einstürmten. Sie wusste, dass ihre Schwester auf eine Reaktion wartete und darauf hoffte, dass Kara ebenfalls auf und ab hüpfen und mit ihr zusammen loskreischen würde, aber ihr drehte sich der Kopf, und Mollys Ring blitzte ihr vor den Augen und reflektierte die hellen Deckenlichter, sodass sie nichts anderes herausbrachte als: »Mit wem denn?«

Molly riss die Augen auf. »Mit meinem Freund natürlich.« Sie trat einen Schritt zurück und ließ die Arme sinken. »Mit Todd.«

»Todd.« Kara nickte langsam. »Ich dachte, ihr zwei hättet euch letztes Jahr getrennt.«

Molly wischte den Einwand beiseite. »Oh, so würde ich das nicht nennen. Wir haben damals nur eine Beziehungspause eingelegt.«

Kara musste an all die tränenreichen mitternächtlichen Anrufe denken, an die Schokolade, die sie Molly per Eilsendung geschickt hatte, um ihre Schwester zu trösten, und an die Reise nach Boston, die sie unternommen hatte, um mit der bleichen Molly in einem Bett rumzulungern, das ganz offensichtlich seit Wochen nicht mehr gemacht worden war. Kara teilte Mollys rückblickende Einschätzung dieses Lebensabschnitts nicht, aber sie schwieg, denn was hätte sie schon dazu sagen sollen?

»Herzlichen Glückwunsch«, erwiderte sie stattdessen und kämpfte ihre Verwirrung nieder. Sie lächelte ein wenig breiter. »Glückwunsch, Schätzchen!«

»Hoffentlich freut sich der Rest der Familie ein bisschen mehr für mich als du«, meinte Molly und ließ die Hände schnell wieder in ihren Fäustlingen verschwinden.

Kara trat einen Schritt auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich bin nur überrascht, das ist alles. Ich wusste nicht mal, dass ihr wieder zusammen seid. Aber ich freu mich für dich, Molly. Wirklich.«

Molly lächelte. »Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann. Und deshalb will ich auch, dass du meine Trauzeugin wirst!«

»Ich?« Die Wahl war naheliegend, schließlich waren sie Schwestern, aber Kara hatte noch immer nicht ganz verdaut, dass Molly überhaupt heiraten würde. Ihre jüngere Schwester. Heiraten. Irgendwie hatte sie immer angenommen, dass sie selbst die Nächste wäre, obwohl sie schon lange kein Date mehr gehabt hatte. Genauer gesagt seit … einer Ewigkeit. Aber mit wem sollte man in Briar Creek auch ausgehen? Mit alten Schulfreunden? Das fühlte sich irgendwie seltsam an. Und die paar Versuche, die sie über die Jahre mit Männern aus den Nachbarorten unternommen hatte, hielten nie länger als wenige Monate, und ihr Herz klopfte dabei niemals so wild, wie sie es eigentlich erwartete.

»Vielleicht noch im Winter. Am Valentinstag. Wäre das nicht romantisch?«

Das war in zwei Monaten. »So bald schon?«

»Wozu warten?« Molly sah Kara fragend an. »Wir haben jedenfalls eine Menge zu besprechen, solange ich hier bin. Gästeliste. Shoppingtermine fürs Hochzeitskleid. Blumen … Ich verlass mich auf dich, Kara. Bitte lass mich nicht hängen!«

»Da du für ein Brautmagazin schreibst, glaub ich nicht, dass ich dir eine große Hilfe sein kann«, gab Kara zu bedenken.

»Aber ohne dich macht es doch gar keinen Spaß«, schmeichelte Molly und hob herausfordernd die Brauen.

Kara erwiderte den flehentlichen Blick ihrer Schwester und versuchte, die sich in ihrer Magengrube ballende Panik und die Alarmsirenen in ihrem Kopf nicht weiter zu beachten, die sie daran zu erinnern versuchten, wie viel sie noch zu erledigen hatte und wie wenig Zeit ihr dafür blieb.

Der Ofen! Das waren gar keine Alarmsirenen. Das Schrillen kam vom Küchenwecker!

Kara schnappte sich ihre Ofenhandschuhe und hastete in die Backstube, aber als sie die Tür aufriss, sah sie sofort, dass sie eine Minute zu spät kam. Die Ränder der Lebkuchen waren schwarz, und nichts konnte sie jetzt noch retten. Sie würde eine neue Charge backen müssen.

Kara ließ das Blech auf die Arbeitsfläche knallen und zwang sich, nicht loszuheulen. Das war nur die Erschöpfung, die machte sie so sensibel und flüsterte ihr ein, nicht nur das Handtuch zu werfen, sondern die Ofenhandschuhe gleich hinterher.

Molly stand noch immer neben ihr und wartete auf eine Antwort, die Augen groß und ernst, doch sie zeigte ein so strahlendes Lächeln dabei, dass Kara sich schämte, derart von ihren eigenen Problemen eingenommen zu sein. Ihre Schwester wollte heiraten. Ihre einzige Schwester. Wäre sie an ihrer Stelle, würde Kara die Neuigkeit nicht ebenfalls überall herumposaunen und erwarten, dass Molly sich mit ihr freute?

»Ich kann mir keine schönere Beschäftigung für die Weihnachtstage vorstellen«, meinte Kara und lächelte leicht verzweifelt. Sofort wurde sie mit einem entzückten Jauchzer und einer langen, festen Umarmung belohnt.

»Danke, danke, danke!«, schrie Molly. Sie zog die Mütze wieder auf und redete hastig weiter. »Ich ruf dich morgen an. Oder ich komm vorbei. Oder vielleicht komm ich auch heute Abend noch mal. Falls ich nicht zu müde bin. Oh, das wird ein Riesenspaß!« Sie klatschte in die Hände – das Geräusch wurde durch die dicke Wolle etwas gedämpft – und fuchtelte mit den Fäusten in der Luft herum, um ihre Freude zu unterstreichen. Dann wandte sie sich um, verließ die Backstube, und Kara war wieder allein.

Sie starrte auf die Kugel aus Lebkuchenteig, die noch immer unausgerollt vor ihr lag, und seufzte. Weihnachten war soeben noch ein klein wenig verrückter geworden.

Es war nach zehn, als Nate Griffin vor der weißen Villa am schneebedeckten Marktplatz hielt. Er blieb im Auto sitzen, die Glieder von der Fahrt noch etwas steif, und ließ sich ein paar Minuten Zeit zum Entspannen, bevor er es wagen würde, an die Eingangstür zu klopfen. Oder trat man in einer Pension einfach so ein? Er nutzte diese Art von Kleinstadtunterkünften normalerweise nicht, deshalb kannte er sich mit den Gepflogenheiten nicht aus. Er würde anklopfen, entschied er, obwohl seine Tante sicher sowieso schon am Fenster stand, ungeduldig mit der Fußspitze tippte und sich fragte, warum er so lange brauchte.

Nichts als Undank, dachte er und seufzte schwer. Er hatte geglaubt, für diese Weihnachten fein raus zu sein. Und hier saß er nun. In Briar Creek. Für ganze zwei Wochen.

Jeder in dieser Stadt liebte Weihnachten. Das hatte zumindest seine Tante behauptet, als er ihr seinen Besuch ankündigte. Die arme Frau glaubte vermutlich, sie mache ihm die Sache dadurch schmackhaft, dabei fragte er sich nur erneut, wozu er seine Eltern überhaupt auf diese Mittelmeerkreuzfahrt geschickt hatte, die er sorgfältig geplant und extra für diese Jahreszeit gebucht hatte – als Weihnachtsgeschenk ebenso an die beiden wie an sich selbst. Es war ihm wie ein Meisterstück erschienen, bis sein Vater vorgeschlagen hatte, dass Nate die Feiertage mit Tante Maggie verbringen sollte, da seine Eltern den Gedanken nicht ertrugen, dass einer von ihnen beiden an Weihnachten allein war …

Er hatte anzumerken versucht, dass Maggie sonst nie mit ihnen zusammen feierte. Normalerweise waren sie an Weihnachten zu dritt, Jahr für Jahr für Jahr. Doch dann erklärte seine Mutter, dass sie in diesem Jahr eigentlich vorgehabt hätten, die Feiertage in Maggies Pension in Briar Creek zu verbringen, und ach, Tante Maggie wäre sicher schrecklich enttäuscht. Außerdem habe sie doch diesen Leistenbruch gehabt. Und sie freue sich so sehr auf den Besuch. Und oh, Briar Creek sei wirklich ein entzückendes Städtchen …

Entzückend, genau. Oder anders ausgedrückt: tot. Auf seiner Fahrt durchs Zentrum – wenn man den Ortskern überhaupt so nennen wollte – waren alle Geschäfte schon dunkel, sogar die wenigen Restaurants. Auf der verlassenen Hauptstraße brannte nur in einem einzigen Schaufenster noch Licht: in einer Bäckerei.

Nate hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, anzuhalten und seiner Tante ein Mitbringsel zu besorgen. Doch dann fiel ihm wieder ein, wie wählerisch sie mit dem Essen war, und er hatte die Idee verworfen.

Nichts als Undank, dachte er erneut.

Er ließ den Blick über den Marktplatz schweifen, der von den funkelnden, weißen Lichtergirlanden des Pavillons in der Mitte erleuchtet wurde. Frisch gefallener Schnee glitzerte und beschwor all die Hochglanzbilder herauf, die er sich im Geiste vom weihnachtlichen Briar Creek gemacht hatte, und seine Laune hob sich ein wenig.

Die Fahrt von Boston hierher hatte ihn bloß etwas müde und miesepetrig gemacht. Eine lange Woche lag hinter ihm. Verdammt, das ganze letzte Jahr war lang gewesen. Eine Verschnaufpause würde ihm guttun, und der Tapetenwechsel auch. Er wollte sich im Sessel zurücklehnen, seine E-Mails aufarbeiten und sich auf das große Meeting nächsten Monat vorbereiten. Die Zeit würde wie im Fluge vergehen …

Nate stellte den Motor ab und augenblicklich wehte ein eisiger Hauch durch den Wagen. Er nahm seine Reisetasche vom Beifahrersitz und beschloss, das restliche Gepäck am nächsten Tag zu holen. Dann stieg er aus dem Wagen und ging über das mit Salz gestreute Kopfsteinpflaster den Pfad zur Pension hinauf. An den schwarzen Schwingtüren hingen zwei identische Kränze voll roter Beeren, und in einem der Fenster, die die Doppeltür zu beiden Seiten einrahmten, zeichnete sich eine Silhouette gegen das goldene Licht ab. Bevor er nach der Klinke greifen konnte, schwangen die Türflügel bereits auf und Tante Maggie stand vor ihm. Sie sah noch festlicher aus als der Weihnachtsbaum in seiner Bürolobby.

»Ho, ho, ho!«, rief sie fröhlich und grinste so breit, dass Nate sofort von schlechtem Gewissen gepackt wurde, weil er sich auf den gesamten zweihundert Meilen Fahrt hierher so unehrenwerten Gedanken hingegeben hatte.

»Tante Maggie.« Er lächelte herzlich und betrachtete die vertrauten Fältchen in ihrem Gesicht, die seit ihrem letzten Zusammentreffen deutlich tiefer geworden waren. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie lange er sich nicht mehr hatte blicken lassen, und da Maggie anzumerken war, wie viel ihr sein Besuch bedeutete, schämte er sich.

»Komm her und nimm deine alte Tante in den Arm«, befahl sie und zog ihn an sich. Einer ihrer baumelnden, glitzernden Rentierohrringe verfing sich in seinem Schal und Nate musste mit Rudolphs blinkender Nase kämpfen, während Maggie kicherte und den Kopf gesenkt hielt, bis er sie befreit hatte.

»Den passenden Pulli hast du auch, wie ich sehe«, bemerkte er, als er sie entwirrt hatte.

Maggie tätschelte das Rentier auf ihrem Bauch und rückte ihre blinkenden Ohrhänger zurecht. »Frauen machen sich gerne hübsch. Wenn du dich endlich mal häuslich niederlassen und eine nette Frau finden würdest, wüsstest du das.«

Und schon ging es los …

»Ich hab dir was zu essen gemacht«, sagte seine Tante und führte ihn zur Sitzecke neben dem Empfang. Tatsächlich standen bereits eine dampfende Pastete und ein Glas Milch auf dem Tisch. Sein Lieblingsessen als kleiner Junge. Er war gerührt, dass sie sich daran erinnerte, auch wenn er jetzt viel für ein Bier gegeben hätte.

Er sagte ihr nicht, dass er nach der Arbeit bereits gegessen hatte. Sie hatte sich viel Mühe gemacht, und einer selbst gekochten Mahlzeit konnte er ohnehin nie widerstehen. So oft kam er nicht in diesen Genuss. Würde er seine Eltern ein wenig häufiger besuchen, dachte er, könnte er diesen Umstand allerdings leicht ändern.

Sein Magen zog sich schuldbewusst zusammen, aber er hatte jetzt keine Zeit für so etwas, nicht wenn seine Tante ihn so herausfordernd ansah. Sie hatte die Hände vor dem Bauch gefaltet und wartete geduldig auf seine Reaktion, mit weit geöffneten, grünen Augen.

»Das sieht köstlich aus«, erwiderte er aufrichtig. »Vielen Dank.«

Er streifte den Mantel ab und wollte sich zu gern entspannen und erst einmal richtig ankommen, auch wenn ihm seine Anwesenheit in diesem Haus weiterhin etwas unangenehm war. Im Kamin züngelten Flammen und die Lobby war ruhig. Was hatte er erwartet? Mehr Gäste vielleicht? Eine Bar? Aber das hier war schließlich eine Pension, kein Hotel, und vor allem war es das Zuhause seiner Tante.

Maggie bürstete den Schnee von den Schultern seines dicken Wollmantels und hängte ihn dann an die Garderobe beim Eingang. Unterdessen sah sich Nate im Raum um. Er war noch nicht sehr oft hier gewesen, und von den Besuchen seiner Kindheit hatte er keine klare Erinnerung an die Pension zurückbehalten. Doch nun beeindruckte ihn der Anblick. Der Empfangsbereich war geschmackvoll eingerichtet, traditionell, aber gemütlich, blitzblank, und dezent für die Weihnachtstage geschmückt. Frische grüne Girlanden wanden sich um das Geländer der Wendeltreppe, und ein großer Strauß roter und weißer Blüten stand auf dem polierten Empfangstresen aus Kirschholz. Seine Tante war eindeutig stolz auf ihre Pension, und zweifellos griffen die Kunden tief in die Tasche, um ihr Wochenende hier zu verbringen. Die Skiorte waren nah, das wusste er, obwohl er erst kürzlich Skifahren gelernt hatte und nur selten in die Berge kam. Aber die Leute mochten heimelige Ausflüge aufs Land. Manche jedenfalls.

»Du siehst ein bisschen mager aus«, meinte Maggie. »Erzähl mal: Was kochst du dir normalerweise so?«

Er war ganz bestimmt nicht mager, aber Maggie machte gern ein wenig Aufhebens, und er beschloss, das Spielchen ihr zuliebe mitzuspielen. Sie blickte auffordernd auf seine Gabel, also nahm er sie, und als er sich den ersten Bissen Pastete in den Mund schob, bereute er es nicht. Köstlich, buttrig und sahnig. Genau wie in seiner Erinnerung.

»Ich koche nicht, Tante Maggie«, antwortete er grinsend. Er brauchte sie gar nicht anzusehen, um den missbilligenden Zug um ihren Mund zu erahnen. »Es gibt schließlich Mikrowellen.«

»Mikrowellen!« Sie warf die Hände in die Luft und schüttelte den Kopf. »Nun, gut, dass du für ein paar Wochen hier bist. Bis Silvester päpple ich dich schon auf.«

Nate hielt inne, nachdem er die nächste Gabel Pastete zum Mund geführt hatte, und dachte an seinen morgendlichen Besuch im Fitnessstudio, den er um sechs Uhr früh noch schnell eingeschoben hatte. Schwer zu sagen, wie viel Butter und Sahne in dieser Mahlzeit steckten – jedenfalls genug, um eine Dreiviertelstunde auf dem Laufband zunichtezumachen, so viel war sicher.

Er aß weiter und genoss jeden einzelnen Bissen. Das hier war Urlaub – irgendwie jedenfalls –, und im Urlaub sollte man sich doch etwas gönnen, oder? Er beäugte die Milch und fragte sich, ob er zumindest um ein Glas Wein bitten konnte.

»Nur zu«, ermunterte ihn Maggie, als sie seinen Blick bemerkte.

Nate verzog das Gesicht. »Ich glaube, die lass ich heute besser aus«, meinte er.

»Natürlich.« Seine Tante zwinkerte ihm zu. »Es ist schon spät. Wir wollen ja nicht, dass mitten in der Nacht ein Malheur passiert, was?«

Nate verschluckte sich an seinem letzten Bissen Pastete. »Wie? Tante Maggie, ich bin zweiunddreißig!«

Aber sie zuckte nur unschuldig die Achseln. »Und? Komm, ich zeig dir mal dein Zimmer. Ich würde ja gern die ganze Nacht hier sitzen und mit dir plaudern, aber es ist spät und ich muss um vier Uhr aufstehen, um das Frühstück vorzubereiten.«

Nate runzelte die Stirn und stemmte sich aus dem Sofa. Seine Tante war Anfang siebzig, ein paar Jahre älter als seine Eltern. Sie hatte keine Kinder, und ihr Mann – der Bruder seines Vaters – war schon vor einigen Jahren verstorben, sodass sie die Pension ganz allein führte. Er erinnerte sich an die Worte seiner Eltern, an ihre Sorge um Maggies Gesundheit, und zögerte.

»Lass mich doch morgen früh das Frühstück machen und schlaf dich mal aus.«

Sie starrte ihn verdutzt an und brach dann in schallendes Gelächter aus. »Mein lieber Junge, das ist wirklich nett von dir, aber das ist die einzige Mahlzeit, die ich hier anbiete, und wenn ich das so sagen darf: Ich bin bekannt für mein Frühstück. Ich würde meine Gäste niemals enttäuschen …« Sie tätschelte ihm den Arm und lächelte sanft.

Nate öffnete den Mund, um zu protestieren, aber dann ließ er es bleiben. Er hatte bereits zugegeben, dass er nicht kochen konnte, zumindest nicht richtig, und er wollte seine Tante auf keinen Fall in Verlegenheit bringen, indem er ihre Gäste verärgerte. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass sie sein Rührei mit Buttertoast nicht besonders schätzen würden, und das war bei seinen Kochkünsten leider das höchste der Gefühle.

»Aber ich würde mich gern nützlich machen, während ich hier bin«, beharrte er.

Sie schien aufzuhorchen. »Ich werd’s mir merken«, erwiderte sie geheimnisvoll.

Nate nahm seine Reisetasche und warf sie sich über die Schulter. Das seltsame Glitzern in den Augen seiner Tante ließ ihn vermuten, dass sie bereits Pläne für seinen Aufenthalt in Briar Creek schmiedete, und er wollte sich lieber gar nicht ausmalen, worin diese wohl bestehen mochten.

2

»Guten Morgen, du Schlafmütze. Jetzt aber raus aus den Federn!«

Nate runzelte die Stirn, als eine sanfte Stimme ihn aus seinen Träumen gurrte, und er widerstand der Versuchung, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und sich noch einmal umzudrehen. Plötzlich wurde ihm das fremde Bett bewusst, die harte Matratze, die Flanellbettwäsche und das warme, weiche Kissen. Und diese andere Person in seinem Zimmer.

Er riss die Augen auf und erblickte Maggie, die behaglich auf seiner Bettkante hockte und ihn seelenruhig anlächelte. »Du hast so friedlich ausgesehen«, flüsterte sie recht laut. »Ich hab es fast nicht über mich gebracht, dich zu wecken.«

Aber getan hatte sie es trotzdem. Nate blinzelte nur mit Mühe die Benommenheit einer guten Mütze Schlafs weg und versuchte sich zu orientieren. Das Zimmer war dämmrig, nur ein klein wenig Morgenlicht sickerte zwischen den Vorhängen hindurch, die ordentlich vor jedes der vier Fenster gezogen worden waren. Seine Tante hatte ihm ein Eckzimmer zugewiesen – »das schönste im ganzen Haus!« –, aber bisher hatte er sich noch nicht genauer umgesehen. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und setzte sich langsam auf. Dann fiel ihm ein, dass er kein Shirt trug. »Wie spät ist es denn?«, fragte er und zog die Decke fester um sich.

»Viertel vor sieben«, erwiderte Maggie ungerührt. Sie tätschelte sanft die Daunendecke über seinem Bein. »Also los. Du willst doch nicht das Frühstück verpassen.«

»Viertel vor sie …« Er blinzelte und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Ja wirklich. Nichts als Undank. Er war es gewohnt, früh aufzustehen und vor der Arbeit ins Fitnessstudio zu gehen, aber die gestrige Fahrt durch den dichten Schnee hatte ihn erschöpft, und obwohl er es nur ungern zugab, war dieses Bett unglaublich bequem. Über die Unterkunft konnte er sich weiß Gott nicht beschweren. Maggies Weckruf dagegen …

»Ich hab heute Zimt-Scones gebacken. Die kommen bei den Gästen immer gut an«, fuhr seine Tante unbeirrt fort, während sie nach und nach an alle Fenster trat und die langen Vorhänge zur Seite zog. Das Sonnenlicht traf Nate unvorbereitet, er blinzelte dagegen an und hob die Hand vors Gesicht. »Die Croissants sind immer schnell weg. Ich hab dir eins zur Seite gelegt, falls du es nicht schnell genug nach unten schaffst.«

»Danke«, brachte er hervor, obwohl ihm soeben wieder einfiel, dass er am Vorabend ganz sicher die Tür zum Gästezimmer abgeschlossen hatte. Seine Tante musste sich also erlaubt haben, mit einem der vielen Schlüssel, die an einem Ring von ihrem Schürzenband hingen, bei ihm aufzuschließen. Er würde ein paar grundsätzliche Spielregeln mit ihr festlegen müssen – später, wenn er richtig angezogen war.

»Frühstück gibt es von sieben bis neun, aber ich hab mir gedacht, du willst sicher früh in den Tag starten. In Briar Creek gibt es schließlich so viel zu sehen und zu unternehmen!«

Nach seiner Fahrt durch die Stadt am gestrigen Abend bezweifelte Nate das stark, aber er zwang sich zu einem höflichen Lächeln, während er darauf wartete, dass Maggie endlich das Zimmer verlassen würde. Briar Creek war ihre Heimat, und darauf schien sie ausgesprochen stolz zu sein.

»Tja, dann lass ich dich mal allein«, meinte sie und ging zur Tür, doch mit der Hand am Türknauf blieb sie noch einmal stehen. »Kaum zu glauben, dass mein kleiner Nate jetzt Brusthaare hat. Wie die Zeit vergeht!« Sie schüttelte ungläubig den Kopf und verließ das Zimmer, offenbar taub für Nates Stöhnen, als dieser sich zurück unter die schwere Daunendecke gleiten ließ.

Er zählte bis zehn und schlug die Decke dann zurück. Er hoffte sehr, dass Maggie ihm nicht einen weiteren Überraschungsbesuch abstatten würde, wenn er gerade unter der Dusche stand. Voll Unruhe drehte er das Wasser auf und trat unter den Strahl. Seine Augen huschten ständig zur Badezimmertür, während er sich in Rekordzeit die Haare wusch, und er seufzte erleichtert auf, als er sich endlich ein Handtuch um die Hüften wickeln konnte.

Trotzdem suchte er schneller als sonst seine Klamotten für den Tag zusammen. Er hatte ohnehin nicht viel aus Boston mitgebracht. Hier gab es keine Meetings, Anzüge waren also überflüssig. Es fühlte sich irgendwie seltsam an, leer, als würde er etwas vergessen, dabei verhielt er sich doch nur wie so viele andere Menschen um diese Jahreszeit. Er kam zur Ruhe. Genoss die Feiertage.

Er widerstand dem Drang, vor dem Frühstück seine Mails zu checken, und nach langem Abwägen ließ er auch das Handy auf dem Nachttisch liegen und sagte sich, dass nichts so eilig war, um nicht noch ein wenig warten zu können, und dass er hier immerhin Urlaub machte, theoretisch jedenfalls.

Seine Tante stand im großen Speisesaal und unterhielt sich mit den Gästen, als Nate um zwanzig nach sieben die Treppe herunterkam. Über ihrem grünen Pullover und einer schwarzen Hose trug sie eine weihnachtlich bedruckte Schürze. Die Teller auf dem Büfett zeigten Tannenbäume, und von irgendwoher drangen Weihnachtslieder an sein Ohr. Obwohl das Frühstück gerade erst begonnen hatte, musste er überrascht feststellen, dass der Korb mit den Croissants tatsächlich schon sehr geleert wirkte und viele Tische bereits besetzt waren.

»Die meisten Gäste fahren gleich in die Berge«, erklärte seine Tante, als er sich frisch gebrühten Kaffee einschenkte. »Der Shuttlebus kommt um Viertel vor acht. Von mir aus kannst du gern mit den anderen zum Skilaufen fahren.«

»Vielleicht ein andermal«, meinte Nate. »Ich dachte, heute bleibe ich erst mal bei dir. Dreh vielleicht eine Runde durch den Ort.« Vielleicht kaufte er bei der Gelegenheit auch ein Vorhängeschloss für sein Zimmer …

Ein Strahlen breitete sich auf Maggies Gesicht aus. »Oh, du solltest unbedingt ein bisschen auf Entdeckungstour gehen, vor allem, nachdem letzte Nacht so viel Neuschnee gefallen ist! Das ist jetzt ein richtiges Winterwunderland da draußen! In Boston habt ihr so was sicher nicht«, fügte sie noch hinzu und machte eine überlegene Miene.

»Doch, in Boston haben wir auch Schnee«, versicherte Nate und trank einen Schluck Kaffee. Mild und aromatisch, genau das Richtige um diese Tageszeit. Er fühlte sich noch immer wie zerschlagen und konnte nicht recht glauben, dass er wirklich in Briar Creek war. Er müsste doch eigentlich auf dem Weg ins Büro sein.

Er wurde das Gefühl nicht los, gerade zu schwänzen.

»Ja, aber schmutzigen Schnee! Der Schnee in der Großstadt ist doch der reinste Matsch. Mit all dem Ruß und den Abgasen und …« Maggie erschauderte. »Wer einmal in Briar Creek gewesen ist, hat danach eine andere Sicht auf die Dinge.«

Im Gegensatz zu Nate, der in Boston geboren und groß geworden war, stammte seine Tante aus Briar Creek. Die Pension war ihr Elternhaus, und als sein Onkel sie geheiratet hatte, war er mit ihr dort eingezogen. Nate und seine Eltern hatten die beiden früher ein paarmal besucht, aber nicht sehr regelmäßig. In seiner Kindheit hatte es kaum je Familienurlaube gegeben, selbst wenn sie bei ihren Verwandten umsonst unterkommen konnten. »Schön, dass du dich hier so wohlfühlst«, meinte er diplomatisch und nahm sich ein Croissant aus dem Korb.

»Dir wird es sicher genauso gehen. Wenn du dich nur darauf einlässt.« Seine Tante zwinkerte ihm zu, widmete sich dann einem anderen Gast und begann ein begeistertes Gespräch über die perfekten Bedingungen auf den Skipisten mit all dem frischen Pulverschnee.

Nate nutzte die Gelegenheit, um sich einen Muffin zu schnappen und schnell zurück auf sein Zimmer zu gehen, wo er die nächsten paar Stunden mit Arbeit verbrachte und sich auf das große Meeting vorbereitete, das er für die erste Januarwoche angesetzt hatte. In der Unternehmensberatung, in der er arbeitete, nutzten seine Kollegen ihre Urlaubstage gewöhnlich für Fernreisen und kehrten gebräunt und mit allerhand Anekdoten zurück. Nate machte sich nichts daraus. Er arbeitete schon so lange und so hart, dass er gar nicht mehr wusste, wie man überhaupt aufhörte. Und er wollte auch nicht aufhören. Er wollte nicht daran denken, was passieren würde, wenn er einen Gang herunterschaltete. Er war an jedem einzelnen Tag froh über das, was er bereits erreicht hatte. Nur war für ihn die Vorstellung, das alles wieder zu verlieren, leider allzu realistisch.

Im Laufe des Vormittags arbeitete er seinen Posteingang ab und entschied danach, ein wenig frische Luft zu schnappen. Das Main Street B&B lag quasi direkt auf der Main Street, und das Nordende des Grundstücks grenzte an die Innenstadt von Briar Creek. Wenn man sie so nennen will, dachte Nate erneut. Er trat ins Freie, steckte die Hände in die Manteltaschen und war froh, so schnell aufgebrochen zu sein, dass Maggie die fehlenden Handschuhe nicht bemerken konnte. Der Wind pfiff und er beschleunigte die Schritte. Bei Tageslicht wirkte das Städtchen lebendiger; Menschen auf Einkaufstour bevölkerten die Gehsteige und wuselten durch die Geschäfte, deren Weihnachtsdeko deutlich mehr zu bieten hatte als einfache Türkränze. Seine Tante hatte eindeutig recht damit, dass Briar Creek wie ein Winterwunderland aussah. Jeder Laternenmast war mit Girlanden oder Schleifen geschmückt, und sogar die Hydranten trugen Weihnachtsmützen. Bei all dem Aufwand kam Nate tatsächlich fast in Weihnachtsstimmung. Aber nur fast.

An der nächsten Ecke hatte sich vor einem Schaufenster eine Menschentraube gebildet, und Nate blieb stehen, um den Grund für die Aufregung zu erfahren. Natürlich, erkannte er dann, und blickte etwas mürrisch drein. Ein Spielzeugladen im schönsten Weihnachtsputz, mit Lichterketten, Rauschegold und genug Spielwaren, um Dutzenden von Kindern begeisterte Ooohs und Aaahs zu entlocken. Er war auch mal so ein Kind gewesen. Vor langer Zeit. Bis er gemerkt hatte, dass Weihnachten nicht für alle gleich war und dass der Weihnachtsmann nicht zwingend jedes Jahr zu Besuch kam, egal, wie gut man sich benahm.

Er wandte sich vom Schaufenster ab, bevor seine Stimmung vollends in den Keller rutschte, und stieß mit einem weichen Wollmantel zusammen, spürte seidiges Haar auf dem Gesicht und hörte eine Frau erschrocken aufschreien, als mehrere Päckchen zu Boden purzelten.

Nate blinzelte verwirrt und versuchte zu begreifen, was da eben passiert war. Die Frau hatte sich bereits über die Schachteln gebeugt, und Nate bückte sich, um ihr zu helfen. Er griff nach einem weißen Pappkarton, der mit einer roten Schleife umwickelt war und mit der Oberseite zuunterst im Schnee lag.

»Tut mir leid, ich …« Er stockte, als ihre Blicke sich trafen, und war für einen Moment von leuchtend blauen Augen aus dem Konzept gebracht, die mit dem dunklen Haar harmonierten, das der Frau über die Schultern floss. Sie schien nicht viel jünger zu sein als er, und ihr bestürzter Blick sagte ihm, dass mit einer Entschuldigung nicht mehr viel zu retten war. Nate hielt ihr die weiße Schachtel hin, die er vom gestreuten Bürgersteig aufgehoben hatte, und wischte den Schnee ab. Der Inhalt rappelte unheilvoll. »Tut mir leid, ich hab Sie nicht gesehen. Ist es – kaputt?« Eine Antwort war im Grunde überflüssig.

Dennoch öffnete die junge Frau die Schachtel und ihre Schultern sackten in sich zusammen, als sie den Inhalt betrachtete. »Oh nein!«, stöhnte sie, und zu seinem Schrecken standen ihr Tränen in den Augen, als sie erneut zu ihm aufsah.

Schnell zog er das Portemonnaie aus der Tasche und fummelte ein paar Scheine hervor. »Hier, ich komme für den Schaden auf.«

Die Frau winkte ab. »Nein, danke, das nützt mir nichts.« Sie starrte niedergeschlagen auf den Karton und ihre Nase rötete sich.

»Aber Sie haben das doch eben erst gekauft«, beharrte Nate und streckte ihr sein Geld hin, das hoffentlich ausreichen würde.

»Das kann man nicht ersetzen. Nicht so einfach jedenfalls.« Sie kniff die hübschen roten Lippen zusammen und Farbe stieg ihr in die Wangen. »Das hab ich nämlich … Ach, ist ja egal.«

Frustriert stopfte er das Geld schließlich zurück in sein Portemonnaie. Vermutlich handelte es sich um eine Sonderanfertigung, irgendein Weihnachtsgeschenk. »Ich wollte Sie nicht anrempeln. Es tut mir wirklich leid.«

Die junge Frau nickte kläglich und starrte weiterhin den Karton an. Ihre Wimpern flatterten, während sie gegen die Tränen anblinzelte. Nate seufzte und steckte die Hände wieder in die Manteltaschen, doch in seinem Kopf arbeitete es.

»Lassen Sie es mich doch ersetzen«, versuchte er es noch einmal, aber sie hob nur langsam den Blick und schüttelte den Kopf.

»Passen Sie das nächste Mal einfach besser auf, wo Sie hinlaufen«, meinte sie plötzlich. »Sie hätten mich umrennen können. Oder eins der Kinder.« Sie deutete auf die Gruppe Dreikäsehochs vor dem Spielzeugladen. Die Meute hatte den Zusammenstoß gar nicht bemerkt, so sehr waren sie gedanklich damit beschäftigt, die Wunschzettel an den Weihnachtsmann zu ergänzen.

Nate trat einen Schritt zurück, überrascht von ihrem plötzlich aufflammenden Zorn.

Was auch immer er kaputt gemacht hatte, es war ihr offensichtlich sehr wichtig gewesen, und vielleicht traf ihn wirklich die Schuld. »Sagen Sie mir doch, was ich tun kann.«

Die Frau machte ein abweisendes Gesicht und warf die weiße Schachtel zu seiner Überraschung in den nächsten Mülleimer. »Sie haben schon genug getan«, erwiderte sie, schnappte sich ihre restlichen Einkäufe und eilte mit wehendem rotem Wollschal davon.

Nate sah ihr einen Augenblick nach, wandte sich dann um und schüttelte den Kopf. Und da fragten die Leute noch, warum er Weihnachten hasste.

Kara wusste, dass es nichts brachte, Tränen über die zerbrochenen Cookies zu vergießen wie über zerbrochene Träume, aber sie konnte nicht anders. Sie war völlig fertig, und bei der Vorstellung, noch einmal drei Dutzend Schneeflocken-Cookies für die Pension zu backen – vor der Teezeit! –, wäre sie am liebsten in die Bäckerei zurückmarschiert und hätte für immer das GESCHLOSSEN-Schild an die Tür gehängt. Das war’s dann für heute.

Als sie Main Street Books betrat, bimmelte die Türglocke. Sie stampfte sich den Schnee von den Stiefeln, während ihre Schwägerin noch die Einkäufe eines Kunden abkassierte. Vom Café nebenan wehte der Duft nach süßem Zimtbrot und frischem Kaffee herüber, aber Karas Laune hob das nur wenig.

»Warum so bedrückt?«, fragte Grace, als sie hinter der Kasse hervorkam.

»So ein blöder Tourist ist gerade in mich reingerannt und hat … er hat alle meine Cookies zerbrochen.« Eigentlich war das gar nicht irgendein blöder Tourist, dachte sie, eher ein ganz schön heißer Tourist. Sein Gesicht hatte sie definitiv noch nie zuvor hier gesehen. Ihr Herz schlug schneller, wenn sie an das kantige Kinn und die Fältchen um seine dunklen Augen dachte. Und erst dieser Mund …

Dann erinnerte sie sich an die Cookies. Zerbrochen und zerbröselt, nachdem sie so viel harte Arbeit in ihre Vollendung investiert hatte. Es war sonnenklar, dass Mrs Griffin jeden Einzelnen von ihnen inspizieren würde. Wieder traten Kara Tränen in die Augen, doch alle Sorge, dass sie sich gerade vollkommen lächerlich machte, schwand, als Grace eine betrübte Miene aufsetzte und Kara in den Arm nahm, was diese nur zu gern geschehen ließ.

»War es eine Bestellung?«, fragte Grace, als sie Kara wieder losließ.

Kara nickte langsam. »Für das Main Street B&B. Mrs Griffin wird mich umbringen!«

Grace widersprach nicht. Mrs Griffin war eine Geschäftsfrau mit klaren Vorstellungen und höchsten Ansprüchen. Sie war nicht leicht zufriedenzustellen, und Kara würde dieses Kunststück heute ganz sicher nicht gelingen. Sie hörte im Geiste schon die beiläufige Bemerkung, die Mrs Griffin ihrer Mutter gegenüber fallen lassen würde …

»Hast du es ihr schon gesagt?«

»Nein.« Kara seufzte und stellte die Tasche voller – Gott sei Dank unversehrter – Lebkuchenhaussets auf den Ladentisch. »Aber ich muss es ihr bald beichten. Die waren für den Nachmittagstee.«

»Geh und ruf sie an, ich kümmere mich inzwischen um diese bezaubernden Bausätze. Ich hab mir gedacht, ich stelle sie auf eines der höheren Regale in der Kinderabteilung, außer Reichweite von all den kleinen Patschehändchen.« Sie zwinkerte Kara verschwörerisch zu, nahm die Tasche an sich und verschwand im hinteren Teil des Ladens.

Kara zog ihr Handy aus der Tasche, starrte auf das Display und erinnerte sich an ihr Verhalten von vorhin auf dem Bürgersteig. Normalerweise wurde sie in der Nähe gut aussehender Männer immer total nervös und lief rot an. Aber diesmal war sie so verärgert gewesen, dass sie nur ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen konnte, und nicht den Gefühlen, die seine sanfte Stimme und das Kitzeln seines Mantels auf ihrem Arm hervorgerufen hatten.

Sie war schroff zu ihm gewesen. Sogar unhöflich, und das sah ihr gar nicht ähnlich. Ebenso wenig sah es ihr ähnlich, das Abendessen zu verpassen, bei dem ihre Schwester ihre Verlobung bekanntgeben wollte. Der Stress forderte seinen Tribut und brachte eine Seite in Kara hervor, die ihr selbst nicht gefiel, sodass sie sich noch verunsicherter fühlte als sonst. Immerhin war bald Weihnachten, und um diese Zeit sollte man doch eigentlich glücklich und voller Vorfreude sein. Und was tat sie? Sie produzierte Tag und Nacht Weihnachtsgebäck und genoss die Adventszeit dabei überhaupt nicht.

Ab heute würde sich das ändern. Und wenn sie diesen Mann wiedertreffen sollte, würde sie sich bei ihm entschuldigen. Aber wahrscheinlich war er schon auf dem Weg zur Skipiste, um einen Tag auf den Hängen zu verbringen. Nach all dem Neuschnee von letzter Nacht herrschten auf dem sonst oft harschigen Terrain sicher beste Pulverschneebedingungen. Doch in einer so kleinen Stadt wie Briar Creek würde sie ihm früher oder später schon wieder über den Weg laufen. Und obwohl er ihre Cookies zerbrochen hatte, löste diese Vorstellung einen sanften Kitzel in ihr aus.

Kara lehnte sich an die Ladentheke der Buchhandlung und wählte die Nummer der Pension. Während sie auf Mrs Griffins vertrauten Singsang am anderen Ende der Leitung wartete, hielt sie die Luft an.

»Was soll das heißen, keine Cookies?«, rief die Wirtin aus, als Kara ihr die ganze Geschichte in einem einzigen langen Redeschwall auseinandergesetzt hatte. »Und meine Gäste? Die wollen zu ihrer heißen Schokolade und dem Earl Grey doch Weihnachtsgebäck haben!«

Kara zuckte zusammen. »Ich weiß, und es tut mir auch furchtbar leid. Ich hatte sie alle schon fertig«, beteuerte sie. Sie waren perfekt gewesen, jeder Cookie aus süßem Sahnequarkteig war in Form einer Schneeflocke ausgestochen, auf den Punkt genau gebacken und dann mit Baiserglasur und Kristallzucker verziert worden, dass es nur so glitzerte. Sie war stolz gewesen, dass jedes Exemplar sich ein klein wenig vom anderen unterschied, wie ja auch jede Schneeflocke einzigartig war. »Ich fürchte, die Lieferung wird sich etwas verzögern.«

»Nun, ich hätte die Cookies gern innerhalb der nächsten Stunde«, erwiderte Mrs Griffin, als ob das so einfach wäre.

»In einer Stunde?« Kara blinzelte ungläubig und war froh, dass ihre Stammkundin sie in ihrer Verzweiflung nicht sehen konnte. Mrs Griffin backte selbst leidenschaftlich gern und hielt mit ihrem Talent nicht hinter dem Berg. Kara war dankbar für den Auftrag der Pensionswirtin gewesen, denn sie wusste nur zu gut, dass ihre Kundin das Gebäck für den täglichen Adventstee auch selbst hätte backen können. Doch nun ging ihr auf, dass die alte Dame sie möglicherweise nicht aus reiner Menschenliebe und Hilfsbereitschaft beauftragt hatte, sondern weil sie wirklich auf Karas Einsatz angewiesen war. Drei Dutzend Cookies waren schnell gemacht, aber das Verzieren brauchte seine Zeit. »Kein Problem«, seufzte Kara und legte auf.

»Ich muss zurück in die Bäckerei«, teilte sie Grace mit, als diese wieder in den vorderen Teil des Ladens kam.

»Schon? Ich hatte gehofft, wir könnten zusammen einen Kaffee trinken. Molly hat uns gestern Abend ihre frohe Botschaft verkündet. Zumindest glaube ich, dass es eine frohe Botschaft ist.« Die beiden Frauen wechselten einen Blick.

»Ja, ich weiß schon«, meinte Kara düster. »Ich war auch ein bisschen überrumpelt. Mein letzter Stand war, dass Todd letztes Jahr Schluss gemacht und eine andere kennengelernt hat.«

»Tja, sieht so aus, als hätte er seine Meinung geändert.« Grace zuckte die Schultern, aber ihr Blick verriet, dass sie dem Braten auch nicht recht traute. »Kannst du wirklich nicht auf einen Kaffee bleiben?«

»Ich würde ja gern.« Kara wickelte sich ihren Schal fester um den Hals. »Aber ich muss neue Cookies für Mrs Griffin backen und sie noch vor der Teestunde bei ihr abliefern. Klingt nett, oder? Ein sorgenfreier Nachmittag bei einem Teller Plätzchen und einem Becher Grog …« Sie lächelte versonnen.

»Du hättest auch mal eine Pause verdient«, meinte Grace mitfühlend.

»Ach ja, nach den Feiertagen«, erwiderte Kara. Ein vertrautes, sorgenvolles Zwicken machte sich in ihrem Magen bemerkbar, während sie die Mütze tiefer über die Ohren zog. Nach den Feiertagen würde es in ihrem Geschäft naturgemäß ruhiger zugehen. Sie müsste sich keine Sorgen mehr um die tägliche Lieferung Weihnachtsplätzchen an die Pension machen, und in ihrem Fitnessstudio wurde bereits ein Neujahrsrabatt für Neukunden angekündigt. An den Feiertagen ließen es sich die Leute gut gehen. Aber danach … Nun, darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn es so weit wäre. Im Moment führten ihr diese Überlegungen nur noch einmal vor Augen, dass sie die gute Auftragslage besser ausnutzen sollte, statt sich darüber zu beschweren.

»Dann sehen wir uns beim Weihnachtsbasar?« Grace hielt Kara die Tür auf, als diese in die eisige Kälte hinaustrat. Es hatte wieder angefangen zu schneien, und der Wind blies kräftiger. Die kalte Luft pustete Kara den Kopf frei und trieb ihr ein paar der Sorgen aus, die das Wort Weihnachtsbasar unweigerlich in ihr auslöste. Sie hatte sich so sehr auf dieses Ereignis gefreut, und sie wäre selbst schuld, wenn sie sich die Freude daran verderben ließe.

»Ja, spätestens«, meinte Kara. Dann eilte sie die Main Street hinauf zu ihrer Bäckerei und suchte im Vorübergehen die Straßen und Schaufenster nach dem Mann ab, der vorhin in sie hereingerasselt war. Der Zusammenstoß hatte sie dermaßen überrascht und verärgert, dass alles nur so an ihr vorbeirauschte, aber jetzt glaubte sie sich an sein breites Lächeln zu erinnern, die Lachfältchen um seine haselnussbraunen Augen, an das markante Kinn und die schöne, gerade Nase.

Sie hätte ihn jederzeit wiedererkannt, und plötzlich hoffte sie, dass sie ihm wirklich noch einmal begegnen würde. Um sich zu entschuldigen … und vielleicht auch, um herauszufinden, ob er über Weihnachten in der Stadt blieb.

3

Das Main Street Bed and Breakfast war eines der schönsten Gebäude von ganz Briar Creek. Schon als kleines Mädchen hatte Kara es bewundert, besonders in der Weihnachtszeit, wenn Mrs Griffin Kränze aus Kiefernzweigen an die Fenster und Türen hängte und Kerzen auf jedes Fensterbrett stellte. Das Haus war im typischen neuenglischen Kolonialstil erbaut, weiß mit dunklen Fensterläden und Messingbeschlägen an den Flügeltüren. Und die Griffins hatten es stets vorbildlich instand gehalten, alle Denkmalschutzvorschriften beachtet und es so zu einem der schönsten Landgasthäuser ganz Vermonts gemacht.

Kara drückte die Schachtel mit den Cookies fest an sich und trat sich die Stiefel auf der Fußmatte ab, während sie den Blick durch den warmen, heimeligen Empfangsbereich schweifen ließ. Passend zur Jahreszeit begrüßte er die Eintretenden mit einem Tannenbaum, Girlanden und einem knisternden Kaminfeuer. Einige Gäste saßen ringsum in gemütlichen Sesseln, lasen ein Buch und nippten an ihren Bechern mit dampfend heißer Schokolade, doch Mrs Griffin schien anderswo im Haus beschäftigt zu sein.

Kara steckte den Kopf in den Speisesaal, wo die Wirtin tatsächlich gerade die Etageren für ihren nachmittäglichen Adventstee aufstellte. Sie bot ihn jedes Jahr im Dezember an, und Kara war über die Jahre einige Male mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrer Tante Sharon hergekommen. In diesem Jahr wurde ihr nun die Ehre zuteil, selbst eine wesentliche Rolle dabei zu spielen. Das bedeutete ihr viel und hatte den schönen Nebeneffekt, dass mehrere Gäste sich ihre Visitenkarte geben ließen und vor der Abreise eine Bestellung bei ihr aufgaben.

»Da sind Sie ja!« Mrs Griffin wandte sich zu ihr um und wischte sich die Hände an ihrer rot-weißen Schürze ab. »Gerade noch rechtzeitig.«

Vor Erleichterung fiel Kara das Atmen wieder etwas leichter und sie trat ein. »Drei Dutzend Schneeflocken.« Sie lächelte, als sie Mrs Griffin die Schachtel überreichte. Wie immer hob diese den Deckel an und kontrollierte den Inhalt. Das machte Kara jedes Mal nervös.

»Die sehen tadellos aus«, beschied Mrs Griffin, aber bevor Kara sich über diesen kleinen Triumph freuen konnte, ergänzte sie: »Ich hoffe, beim nächsten Mal muss ich nicht bis fünf Minuten vor der Teestunde darauf warten.«

Kara wusste, dass ein erneuter Verweis auf ihren kleinen Unfall zwecklos wäre, also nickte sie nur. »Das wird nicht noch einmal passieren.«

»Schön. Ich weiß ja, dass Sie noch neu in diesem Geschäft sind, aber der Erfolg eines Unternehmens hängt maßgeblich davon ab, sein Wort zu halten und jederzeit beste Qualität zu liefern. Also, falls Sie gedenken, Ihre Bäckerei weiterzuführen –«

Erschrocken trat Kara einen Schritt zurück. »Natürlich mache ich weiter. Das Geschäft gehört mir ja. Ich habe es gepachtet. Wieso sollte ich aufhören?« Sie kannte die Antwort jedoch bereits: Bisher hatte sie noch jedes Mal das Handtuch geworfen, wenn es um ihre diversen Jobs ging, und alle hier wussten das. Sie biss die Zähne zusammen und ermahnte sich, nicht zu hitzig oder abwehrend zu reagieren. Immerhin war etwas dran an Mrs Griffins Worten, auch wenn die Wahrheit schmerzte.

Mrs Griffin sah sie beschwichtigend an. »Nun, es ist eben wichtig, dass der Kunde zufrieden ist. Das kann ich Ihnen als Rat mit auf den Weg geben.«

Kara nickte erneut, noch niedergeschlagener als zuvor, und dachte daran, dass sie eigentlich schon beim ersten Mal perfekte Qualität geliefert hätte. Man konnte es wirklich nicht ihr zum Vorwurf machen, dass all ihre Bemühungen zerstört worden waren, im wahrsten Sinne des Wortes. »Es ist ja nur –«

Mrs Griffin hob die Hand. »Die Kunden wollen keine Entschuldigungen hören, mein Kind. Sie wollen einfach nur bekommen, was sie verlangen. Und sie wollen auch nicht wissen, was man dafür alles auf sich genommen hat. Die wahre Arbeit findet hinter den Kulissen statt. Die Menschen sehen nur das Endergebnis.«

Kara seufzte. »Sie waren ja fertig, aber –«

»Es war meine Schuld«, mischte sich von hinten eine tiefe Stimme ins Gespräch ein.

Kara wandte sich überrascht um und sah sich dem Fremden vom Bürgersteig gegenüber. Er lächelte sie verlegen an, aber seine braunen Augen wirkten kühl, vielleicht sogar etwas abweisend, und Kara spürte, wie sie vor Scham rot anlief – genau genommen nicht nur vor Scham. Sie verlagerte ihr Gewicht und stellte sich ein wenig aufrechter hin, wollte den allerersten Eindruck wieder wettmachen, obwohl sie doch wusste, dass es dafür schon zu spät war.

Sie hätte daran denken sollen, dass er vielleicht ein Pensionsgast war. Sie öffnete den Mund, um sich für ihr patziges Verhalten von vorhin zu entschuldigen, doch im Angesicht dieses gut aussehenden Fremden war sie plötzlich leicht verunsichert, und Mrs Griffin kam ihr zuvor. »Wie meinst du das, es war deine Schuld? Kennt ihr euch?«

Der Mann warf Kara rasch einen Blick zu und hob verschmitzt eine Augenbraue. Das fand Kara sehr verschwörerisch und vertraulich, so als teilten sie beide ein Geheimnis, und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte – breite Schultern, glänzendes, braunes Haar – und sein Lächeln ließ bestimmt viele Frauen einen zweiten Blick riskieren.

»Das wäre zu viel gesagt. Ich habe sie auf der Straße angerempelt, und ich fürchte, dabei habe ich die Cookies zerbrochen.« Er wandte sich Kara ganz zu und ihr Blick fiel auf seine vollen Lippen, die ein Lächeln anzudeuten schienen.

Er küsst sicher hervorragend, schoss es ihr durch den Kopf.

»Das waren doch Cookies, oder?«

»Ja, genau«, antwortete Kara leicht abweisend. Sie sollte besser schleunigst auftauen, sonst verschreckte sie noch das Süßeste, was man in Briar Creek seit Langem gesehen hatte – mindestens seit die Nachbarin ihrer Mutter sich im letzten Sommer einen Hundewelpen zugelegt hatte.

Der mysteriöse Fremde musterte sie seelenruhig, bevor er sich erneut an Mrs Griffin wandte. »Das war wirklich meine Schuld, Tante Maggie.«

Tante Maggie? Kara zog die Stirn kraus und erinnerte sich sogleich an die Lobeshymnen, die Mrs Griffin ständig über ihren ominösen, stets abwesenden Neffen verbreitete, was bei den alleinstehenden Frauen Briar Creeks oft genug zu verschwörerischem Augenrollen führte. Mit seinen Erfolgen konnte sie endlos prahlen. Die tolle Uni. Der tolle Job. Das neue Auto. Das gute Aussehen. Kara hatte wie alle anderen angenommen, dass Mrs Griffin maßlos übertrieb, wenn sie von seinem dichten, braunen Haar, den wachen, dunklen Augen und dem strahlenden Hundert-Watt-Lächeln schwärmte. Aber in Wahrheit hatte sie noch untertrieben!

Kara musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen und versuchte, sich all die Geschichten wieder ins Gedächtnis zu rufen, die sie über die Jahre geflissentlich überhört hatte. Lebte er nicht in Baltimore? Nein, in Boston. Er hatte irgendeinen tollen Wirtschaftsjob, Mrs Griffin hatte seinen MBA mehr als einmal erwähnt.

Kara fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und zog ihre dicke Wollmütze mit dem Riesenbommel ab. Sie hoffte inständig, dass ihr Haar nicht elektrostatisch aufgeladen in alle Richtungen stand. »Dann sind Sie also … der berüchtigte Neffe.«

»Das klingt, als wüssten Sie mehr als ich«, bemerkte der Mann amüsiert. »Ich heiße Nate. Wir können übrigens gern du sagen.« Er hielt ihr die Hand hin und sein Lächeln wurde ein wenig herzlicher.

»Kara«, erwiderte sie nuschelnd und kämpfte gegen den Bann seiner goldbraunen Augen an. Seine Hand war warm und weich und der Griff fest. Er hielt ihre Finger etwas länger in seinen als erwartet. Sie wartete, bis er den Arm wieder sinken ließ, und scheuchte dann das Lächeln von ihren Lippen, während sie mit dem Daumen über ihre Fingerkuppen fuhr und seiner Berührung nachspürte. Mit Mühe wandte sie ihre Aufmerksamkeit Mrs Griffin zu, die den Wortwechsel mit unverhohlenem Interesse verfolgt hatte.