Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Weihnachten in unserer Zeit E-Book

Maria Bellmann  

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E-Book-Beschreibung Weihnachten in unserer Zeit - Maria Bellmann

Ein Bahnangestellter bemerkt am Heiligabend eine defekte Schienenstrecke, doch niemand schenkt ihm Gehör. Während der Weihnachtseinkäufe entdeckt eine alleinerziehende Mutter ihre Tochter als Prostituierte in Verhandlung mit einem Freier. Ein kleiner Junge stiehlt die Bio-Gans vom Bauernhof, damit sie nicht als Weihnachtsbraten endet. Mit einem spektakulären Einfall setzt sich ein erfolgreicher Programmdirektor für das Überleben seiner Nachbarin ein … In ihren bewegenden Geschichten erzählt Maria Bellmann von spannenden, aber auch kuriosen Begegnungen zwischen Menschen, von deren Situationen und manchmal ungewöhnlichen Wünschen, gerade zur Weihnachtszeit. Denn sind es nicht die schicksalhaften Zufälle. die unser Leben weit mehr bereichern, als Geschenke unter dem Weihnachtsbaum? "Weihnachten in unserer Zeit" sind Erzählungen, in denen man sich verliert und zuweilen selbst entdeckt. Es sind Ereignisse, die uns selbst widerfahren könnten. Ein überaus lebensbejahendes Buch zum Schmökern, Vorlesen oder als Geschenk in der Adventszeit.

Meinungen über das E-Book Weihnachten in unserer Zeit - Maria Bellmann

E-Book-Leseprobe Weihnachten in unserer Zeit - Maria Bellmann

Zu diesem Buch

Wenn zur Adventszeit die Buch- und Onlinehändler ihre Weihnachtslektüren besonders hervorheben, dann handeln die Geschichten häufig von Begebenheiten der Vergangenheit. Einer Zeit, in der das Wort Klimawandel noch keine Bedeutung hatte, Kinder sich über den vielen Schnee freuten oder Krieg, Hunger und Kälte die Menschen näher zueinander führten. Man freute sich über Kleinigkeiten, die wir heute als 1-Euro-Artikel in vielen Geschäften erstehen können. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl lustiger Geschichten, die Kinder und Erwachsene zum Schmunzeln bringen, aber oft in die Welt der Fantasie, Fabeln und Märchen gehören.

„Gibt es eine romantische Weihnacht nur in der Vergangenheit?“ Hat Weihnachten in unserer Zeit, seinen Zauber verloren, weil wir das Fest nur noch als willkommene Unterbrechung von unserer Arbeit wahrnehmen oder als lukrative Einnahmequelle in der Adventszeit? Die einen entfliehen dem Chaos in die Sonne, die anderen sind froh, wenn der Feiertagsstress bald vorbei sein wird und wieder andere meinen, dass Weihnachten nur noch ein Fest für Kinder ist.

Für mich hat Weihnachten auch heute noch etwas Wunderbares, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn auch wenn Schicksale in unserer Zeit anders aussehen als in früheren Generationen, so ist es doch genauso wie früher die Besinnlichkeit zu Weihnachten, die Bedürftige und Helfende einander näher bringt. Zu keiner anderen Zeit wird so viel gespendet, vor Rührung geweint und der Zusammenhalt in der Familie und unter Freunden gepflegt, wie zu Weihnachten. Dieser Erzählband schildert von Schicksalen, Werten und Herausforderungen unserer Gesellschaft, und doch spiegelt jede Geschichte unseren geheimen Wunsch nach Tradition, Mitgefühl und Unterstützung Hilfebedürftiger wider.

Meine Erzählungen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten zu Personen, Namen oder Schicksalen sind Zufall.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit und vergnügliche Lesestunden.

Maria Bellmann

Inhalt

Die Öko-Gertrud

Sein letzter Tag

Konjunktur für Weihnachtsmänner

Krisenstimmung

Weiße Lacklederstiefel

Bekenntnis der Schönheit

Nächstenliebe

Vergessen

Spendenaufruf

Chancengleichheit

Holzopi

Weihnachtsfiktion

Die Öko-Gertrud

„Eins steht fest: Im nächsten Jahr gibt es keine Gans aus der Tiefkühltruhe.“ Mit diesen Worten hatte alles begonnen. Es war einer der unumstößlichen Sätze meiner Mutter, und es war zur Mittagszeit am 25. Dezember vor ein paar Jahren. Ich musste zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, und wie wohl die meisten Jungen meines Alters, konnte der Wutausbruch eines Erwachsenen den Zauber des Weihnachtsfestes durch nichts erschüttern. Jedenfalls stand Mama in der Küche zwischen angewärmten Tellern, die mittlerweile dem Risiko ausgesetzt waren, wieder kalt zu werden, einem Topf Kartoffelknödeln und ihrem berühmten selbst gemachten Rotkohl mit Apfelstückchen. Rechts neben ihr stand die vorbereitete Schüssel für die Füllung und links eine wesentlich größere, deren Inhalt auf flüssiges Bratfett schließen ließ, das sie seit drei Stunden mühsamen Abschöpfens gesammelt hatte. Vor ihr auf einem braunen Holzbrett lag das Federvieh, wobei, Federn hatte es keine mehr, dafür war es goldbraun überkrustet und duftete verführerisch nach Gans, Beifuß und Äpfeln. Mama besah sich den Braten von allen Seiten. In der linken Hand hielt sie eine zweizinkige Bratgabel, in der Rechten die große Geflügelschere. Um ihren zierlichen Körper trug sie eine weiße Latzschürze, die mittlerweile stark die Farbe der Gans und des Rotkohls angenommen hatte. Mit dieser Bewaffnung stand sie also da und fluchte:

„Dieses fette Vieh, was haben sie dem bloß zu fressen gegeben, und bewegt hat es sich wohl nie!“

Wie eine geistesgestörte Mörderin stach sie mit der zweizinkigen Gabel auf das arme Tier ein, wobei jeder Piks ein weiteres Rinnsal goldgelben Fettes auslöste.

Papa und ich trauten uns nicht in die Küche, denn bei einem Kochwutanfall meiner Mutter ging man ihr besser aus dem Weg. Wir saßen an unserem Wohnzimmertisch, spielten Memory und warteten, bis sie sich beruhigen würde. Bei jedem Fluch, der aus der Küche an unsere Ohren drang, sahen wir uns Grimassen schneidend an und verdrehten die Augen. Wir wussten, dass sie irgendwann Freude strahlend, ohne Schürze und mit der Gans auf Omas guter Porzellanplatte ins Zimmer kommen und so tun würde, als wäre nichts geschehen. Wir hofften nur, dass es bald passieren möge, denn unsere Mägen knurrten gewaltig. Zunächst brachte sie – noch mit Schürze bekleidet - die Teller und schmetterte sie beinahe wie Frisbee-Scheiben auf das gestärkte Damast Tischtuch.

„Die nächste Gans kommt vom Bauern…“

Damit verschwand sie wieder in der Küche, ohne irgendeine Notiz von uns nehmen. Kurz darauf kam sie mit den dampfenden Schüsseln Rotkohl und Knödeln.

„…und zwar von dem hier in der Nähe, damit ich sie das Jahr über beobachten kann…“, und wieder war sie in der Küche verschwunden.

Papa und ich sahen uns fragend an. Welchen Bauern sie wohl meinte? Als nächstes trug sie die Soße und Füllung herein.

„…und ich werde kontrollieren, was sie zu fressen bekommt. Am besten füttere ich sie selbst“… und weg war sie wieder.

Wir standen von unserer Memory Partie auf, setzten uns an den Esstisch und blickten erwartungsvoll zur Küchentür. Und dann war es endlich soweit: Ohne Schürze, mit dem Lächeln einer Frau, die soeben ihr Hauswirtschaftsdiplom erworben hatte, trat meine Mutter ins Zimmer. In beiden Händen hielt sie Omas gute Porzellanplatte mit der Gans darauf und schritt zum Esstisch, als brächte sie die Abgabenleistung zum Thron ihres Königs. Nachdem sie jedem von uns sein Stück Fleisch mit Knödel, Rotkohl, Füllung und Soße auf den Teller gelegt hatte, sagte sie:

„Frohe Weihnachten und eine gesegnete Mahlzeit. Ich hoffe es schmeckt.“

Die Gans war köstlich, und obwohl Papa ihre Kochkünste außerordentlich lobte, bestand Mutter für das kommende Jahr auf ein freilaufendes Tier mit gutem Futter und ständiger Kontrolle. Beschlossen und verkündet!

Den Gänseakt hatte ich bis zum Frühjahr bereits vergessen. Die ersten Blumen blühten, und die Sonne gab schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was sie uns im Sommer noch bieten würde. An einem dieser Tage holte Mama mich mit dem Auto von der Schule ab. Normalerweise tat sie das nicht. Sie meinte immer, ich könne genauso gut den Kilometer mit dem Rad fahren und so wunderte ich mich, als ihr Wagen vor der Schuleinfahrt stand und sie mir dir Tür aufhielt.

„Schnall dein Fahrrad hinten auf und steig ein. Ich hab eine Überraschung für dich.“

Kurz vor unserem Haus bogen wir rechts in die kleine Feldstraße ein. Dieser Weg führte zu Bauer Martens. ‚Öko-Hof‘ stand auf dem Schild vor der Eingangspforte. Mutter parkte den alten Golf vor dem Haus. Es war so ein richtiger Bauernhof wie aus alten Zeiten. Hühner rannten mit viel Geschrei vor uns davon, zwei Katzen schlichen über den Hof und ein schon ziemlich betagter Hund kam zur Begrüßung schwanzwedelnd auf uns zu. Das mit Reet gedeckte Haupthaus lag direkt vor uns. An der Häuserwand rankte der Efeu empor und sparte lediglich die Fenster wie kleine Gucklöcher aus. Osterglocken und Tulpen blühten neben dem Eingang und zogen sich an der Hauswand entlang. Links und rechts vom Haupthaus grenzten der Stall und die Scheune. Es roch nach Kuh und Schwein. Ich kannte den Bauernhof, obwohl ich bisher nie hier gewesen war. Was konnte es für eine Überraschung sein, die Mama mir präsentieren wollte? Bauer Martens kam aus dem Stall und begrüßte uns:

„Guten Tag, Frau Franke, wir haben telefoniert - und du musst Peter sein?“

Ich nickte, und er gab mir die Hand.

„Dann kommen Sie mal mit hinter den Stall.“

Bauer Martens führte uns auf eine große eingezäunte Wiese, die wir bereits von der Straße aus gesehen hatten. Direkt hinter dem Haus hatte er ein Gehege mit einem niedrigen Ställchen gebaut. Laut schnatternd lief uns eine große weiße Gans mit langem Hals entgegen und hinter ihr eine Schar kleiner Küken.

„Oh“, rief ich mit Entzücken aus „sind die süß.“

Ich kniete mich nieder, und die Kleinen watschelten mit wildem Gepiepe neugierig auf mich zu. Federweich war ihr Flaum, und sie ließen sich sogar auf die Hand nehmen. Mama war ebenso entzückt wie ich und liebkoste eines nach dem anderen.

„Na, dann suchen Sie sich mal eine aus.“ sagte Bauer Martens.

„Mama, wirklich, können wir eins mitnehmen?“

„Nein, mitnehmen nicht, aber du kannst dir eins aussuchen, und das wird dann unseres sein.“

Ich wusste nicht, welches ich wählen sollte, sie waren alle so kuschelig. Schließlich entschied ich mich für ein kleines Moppeliges, das immer als Letztes dem Pulk hinterherlief. Ich gab es Bauer Martens in die Hand.

„Das soll’s also sein. Na, da werde ich ihm mal ein Band um den Hals legen, damit wir es auch wiedererkennen. Es ist ja ein kleines Mädchen.“

„Können wir ihr einen Namen geben?“ fragte ich meine Mutter.

„Wenn du das gern möchtest.“

Spontan fiel mir kein geeigneter Name ein, der zu dem Gänslein passen könnte.

„Wie wär’s denn mit Gertrud?“ meinte Mutter, „das ist doch ein typischer Gänsename.“

„Ja, Gertrud soll sie heißen, und ich werde sie jeden Tag besuchen“, rief ich begeistert aus.

„Du kannst sie sogar füttern, wenn du magst. Sie bekommt nur natürliches Öko-Futter.“

Ich war überglücklich. Keiner meiner Freunde hatte eine eigene Gans, die er großziehen durfte. In den folgenden Wochen fuhr ich jeden Tag nach der Schule mit dem Fahrrad zu Bauer Martens und verbrachte Stunden mit den kleinen Gänsen. Gertrud schien mich schon von weitem zu erkennen. Sie watschelte mit ihren kleinen Beinchen sofort auf mich zu. Mittlerweile hatten auch schon einige der anderen Gänse einen Besitzer gefunden. Rote, grüne, weiße und blaue Bändchen zierten ihre Hälse. Auf den meisten stand der Nachname geschrieben. Ich fand das langweilig, schließlich hieß ich ja auch Peter und nicht einfach nur Franke. Wahrscheinlich kümmerten sich die neuen Besitzer auch gar nicht um ihre Tiere, denn Gertrud war wirklich die einzige von ihnen, die sich immer prächtiger entwickelte. Eigentlich auch gar kein Wunder, denn jeden Tag gab Mutter mir eine Leckerei für Gertrud mit. Am liebsten fraß sie Obst oder Maiskörner, aber auch mein Schulbrot schien ihr zu schmecken.

Die Wochen vergingen und die Sommerferien rückten immer näher. Dieses Jahr sollte es nach Griechenland gehen. Am letzten Tag vor dem Flug besuchte ich Gertrud noch einmal und gab Bauer Martens konkrete Anweisungen für ihre Pflege während meiner Abwesenheit.

„Mach dir mal keine Sorgen, junger Mann, ich pass schon auf Gertrud auf, der passiert hier nichts.“ Das beruhigte mich.

Vierzehn Tage waren Mama, Papa und ich unterwegs, und es gab keinen Tag, an dem ich nicht an Gertrud dachte. In Griechenland gab es auch Gänse. Sie liefen frei auf den Höfen umher oder rannten auf den engen Straßen in den Dörfern. Aber keine sah so hübsch aus, wie meine Gertrud. Nach unserer Rückkehr führte mich mein erster Weg zu Bauer Martens. Gertrud erkannte mich sofort und rannte hoch erhobenen Hauptes und mit breit aufgestellten Flügeln schnatternd auf mich zu. Sie war groß geworden und zu einer richtigen Gans herangewachsen. Das Namensband hatte Bauer Martens anscheinend erneuern müssen, so dick war ihr schöner Hals mittlerweile geworden. Am liebsten hätte ich sie mit nach Hause genommen, aber ich sah natürlich ein, dass eine Gans in dem Viertel unserer Wohnsiedlung vielleicht doch nicht passend war. Außerdem hatte Gertrud mittlerweile die Angewohnheit, bei jedem, der vorbeikam, lauthals anzuschlagen, was wiederum in unserer Straße die Bewohner um ihre Nachtruhe gebracht hätte. Ich begnügte mich also mit meinen Besuchen bei Gertrud und nahm mir vor, aus ihr etwas ganz Besonderes zu machen. Ich hatte gehört, dass man Gänsen kleine Kunststücke beibringen konnte. Im Internet las ich viel darüber und begann in den kommenden Monaten mit dem Training.

Der Sommer ging in den Herbst über. Gertrud war ein gelehriges Tier. Woher das Sprichwort ‚dumme Gans‘ kam, war mir ein Rätsel. Sie lief mir hinterher, wenn ich sie rief, und sie konnte auf Kommando über eine Wippe laufen oder unter ihr hindurch marschieren. Sie war sogar in der Lage, mir auf Befehl die Schuhbänder aufzuziehen. Das Training mit Gertrud war unser Geheimnis. Erst wenn sie alle Kunststücke perfekt beherrschte, wollte ich ihr Talent präsentieren und sah schon die bewundernden Gesichter meiner Eltern und Freunde vor mir, wenn es soweit war.

Irgendwann kurz vor Weihnachten kaufte ich mit Mama die ersten Spekulatius in dem großen Supermarkt am Rande der Stadt. Sie wollte schon beizeiten den Vorrat für das Weihnachtsfest besorgen und nicht erst, wenn die Preise zum Fest steigen würden. Unser Einkaufswagen war randvoll mit vielen Leckereien. Mein Blick fiel auf die tiefgefrorenen Gänse, Puten und Enten, die da federlos mit abgeschnittenen Beinen, Köpfen und Flügeln vor sich hin froren.

„So etwas kommt uns dieses Jahr nicht auf den Tisch“, sagte Mama. „Dieses Jahr gibt es Öko-Gans frisch vom Bauern.“

Ich blieb wie angewurzelt vor der kalten Truhe stehen und traute mich nicht, meiner Mutter in die Augen zu sehen. Mir rasten die Gedanken durch den Kopf. Was für eine Öko-Gans meinte Mutter? Meine Knie wurden weich. Der vergangene 25. Dezember purzelte auf einmal in mein Gedächtnis zurück. Aber das konnte unmöglich ihr Ernst sein… Meine geliebte Gertrud… Ich sah auf die nackten eingeschweißten Leiber vor mir in der Kälte. Die Tränen stiegen mir in die Augen. Nein, das durfte ich nicht zulassen, ich musste Gertrud retten. Ich wusste noch nicht wie, aber irgendetwas würde mir schon einfallen. Mutter hatte mittlerweile den Einkaufswagen weiter bis zur Kasse geschoben. Ich wischte mir die Augen trocken, damit sie keinen Verdacht schöpfte und rannte hinter ihr her. Zu Hause ging ich sofort auf mein Zimmer, warf mich auf mein Bett und dachte nach. Weglaufen war ausgeschlossen. Mama und Papa würden eine Vermisstenanzeige aufgeben und mich innerhalb kurzer Zeit finden. Einen Aushang im Supermarkt ‚Gans abzugeben‘ war zu riskant. Auch wenn mir jemand sein Versprechen gab, so konnte ich doch nicht sicher sein, dass Gertrud vielleicht dennoch als Weihnachtsbraten enden würde. Außerdem hatte ich kein eigenes Mobiltelefon, so wie viele meiner Klassenkameraden. Die Gefahr bestand, dass ein Interessent mit Mama oder Papa sprach, und dann würde die ganze Sache auffliegen. Nein, ich musste mir etwas anderes einfallen lassen, etwas, bei dem ich anonym bliebe. Und dann fiel es mir ein – es war die ideale Lösung, wie ich Gertrud retten konnte. Ich hoffte nur, mir würde noch genügend Zeit bleiben, um den Plan vorzubereiten.

An den folgenden Tagen besuchte ich Gertrud wie gewohnt. Wie immer freute sie sich bei meinem Erscheinen und hoffte auf einen Leckerbissen. Die Gänseschar kannte mich mittlerweile so gut, dass sie nicht mehr lauthals schnatterten und schrien, wenn sie mich erblickten. Das war gut, denn sonst hätte ich Gertrud niemals unbemerkt aus ihrem Gehege entführen können. Doch ein anderes Problem tat sich auf: Aufgrund meiner guten Pflege und der Köstlichkeiten, die ich ihr täglich mitbrachte, betrug Gertruds Gewicht stolze 9 Kilogramm, und ihre Größe war beachtlich. Ich konnte sie unmöglich auf meinem Gepäckträger mit dem Fahrrad transportieren und tragen konnte ich sie schon lange nicht mehr. Sie musste also noch ein weiteres Kunststückchen lernen. Dazu nahm ich die alte Einkaufstasche auf Rädern aus unserem Keller, die meine Großmutter, als sie noch lebte, immer hinter sich herzog, wenn sie zu Fuß einkaufen ging. Mama wollte den alten ‚Hackenmercedes‘, wie sie ihn nannte, schon zum Sperrmüll geben, aber dann tat sie es doch nicht. Sie meinte: „Wer weiß, ob man ihn nicht noch einmal brauchen kann.“ Und nun brauchte ich ihn – für Gertruds Rettung! Hier hinein sollte sie marschieren.

Die Bauersleute hatten sich bereits so an meine Besuche und Trainings mit Gertrud gewöhnt, dass sie überhaupt keinen Verdacht schöpften, als ich mit dem Hackenmercedes auf den Hof kam. Ich legte das Wägelchen auf die Wiese, öffnete die Luke und drapierte einige Apfelecken vor den Eingang. Gertrud reckte bereits neugierig ihren langen Hals. Sie liebte Obst und konnte es gar nicht abwarten, diesen Leckerbissen zu erwischen. Sie lief auf den Wagen zu, schnappte sich die Apfelstückchen und wackelte stolz mit ihrem Po.

„Brav“, lobte ich sie „mal sehen, ob du dich auch weiter in die Höhle hineintraust.“

Nun legte ich den Leckerbissen etwas weiter in die Einkaufstasche hinein, aber immer noch gerade so, dass Gertrud mit ihrem Körper auf der Wiese bleiben konnte und sie nur ihren langen Hals im Dunkel der Tasche verbergen musste. Gertrud schaute neugierig zu, was ich tat. Dann lief sie auf die Öffnung zu, blieb jedoch davor stehen. Sie reckte den Hals, zog ihn wieder zurück, reckte ihn wieder. Ich sah ihr gespannt zu und drückte die Daumen, dass sie das Wagnis auf sich nehmen würde. Gertrud sah mich an, zog mir ihren Kopf entgegen und schnatterte, als wollte sie mich fragen, ob ich ihr den Leckerbissen nicht auf die Wiese legen könnte.

„Na los, nimm’s dir!“, ermunterte ich sie, aber Gertrud wollte nicht, ihre natürliche Angst überwog.

Nach mehreren Versuchen gab ich es schließlich auf und beschloss, morgen einen erneuten Versuch zu starten. Auf dem Weg vom Gehege zum Bauernhof traf ich Bauer Martens.

„Na, Peter, deine Gertrud ist ja ein wahres Prachtexemplar. So einen Braten wird wohl niemand zu Weihnachten auf seinem Tisch haben. Deine Mutter sagte mir, dass ihr einige Gäste erwartet, da braucht man schon so ein Tier, um alle satt zu kriegen.“

„Ja, das denke ich auch“, erwiderte ich und hoffte, er würde mir meine Sorge um Gertrud nicht anmerken. „Wann soll sie denn geschlachtet werden?“ fragte ich mutig, obwohl ich die Antwort gar nicht hören wollte.

„Am 13. Dezember ist es soweit. Na und im Frühjahr kannst du dir dann wieder eine neue Gans aussuchen. Freust du dich schon darauf?“

„Ja, natürlich“, log ich und verabschiedete mich schnell. 13. Dezember, das waren gerade noch vier Tage, an denen ich mit Gertrud üben konnte. Ich brauchte mehr Zeit. Es wurde nun schon um halb fünf dunkel, und häufig kam ich erst gegen zwei Uhr aus der Schule. Es nützte nichts, ich musste in den kommenden Tagen die Schule schwänzen, damit wir schon früh mit dem Training beginnen konnten. Am nächsten Morgen ging ich wie üblich aus dem Haus. Den Einkaufswagen hatte ich heimlich aus dem Keller geholt und radelte zur Schule. Nach der ersten Stunde gestand ich meiner Lehrerin, dass mir übel war und ich Durchfall hatte. Obwohl ich durch die vielen Besuche draußen bei Gertrud an der frischen Luft alles andere als krank aussah, schickte sie mich sofort nach Hause. Wahrscheinlich befürchtete sie den Unmut der anderen Eltern, wenn ich meine Klassenkameraden so kurz vor dem Fest ansteckte. Ich fuhr direkt zu Bauer Martens, wo mich meine Freundin schon zu erwarten schien. Wir nutzten die verbleibende Zeit für ein Intensivprogramm, und am 12. Dezember hatte Gertrud endlich so viel Vertrauen gewonnen, dass sie mit dem ganzen Körper in das Innere der Einkaufstasche watschelte. Doch jedes Mal, wenn ich den Wagen anhob, um ihn auf seine Räder zu stellen, veranstaltete sie ein derartiges Geschrei, als wolle ich sie bereits jetzt schon schlachten. Es half nichts, ich würde ihr den Schnabel zubinden und den Deckel der Tasche schließen müssen. Nur wollte ich das nicht mit ihr üben, denn ich hatte Angst, ihr gewonnenes Vertrauen dann ganz zu verlieren. Ich musste es darauf ankommen lassen. Also fuhr ich nach Hause und sagte meiner Mutter, dass ich am späten Nachmittag noch einmal zu meinem Klassenkameraden Michael fahren müsse, um mit ihm zu lernen.

„Aber dann ist es doch schon dunkel?“ fragte sie besorgt. „Ja, es kann länger dauern, aber Michaels Vater bringt mich später wieder nach Hause.“

Ich hatte meine Mutter noch nie belogen, aber dies war eine Notlage und Notlügen waren erlaubt. Ich wusste, dass Bauer Martens die Gänse gegen fünf Uhr abends noch einmal füttern würde. Danach blieben sie die Nacht über allein. Ich fuhr gegen vier Uhr los und verbrachte die Zeit bei dem nahegelegenen Wäldchen. Es war unheimlich, aber ich wollte nicht riskieren, dass meine Klassenkameraden mich sahen und an die Lehrerin verpetzten. Ungeduldig sah ich auf meine Armbanduhr. Es war viertel nach fünf. Sicherheitshalber wartete ich bis halb sechs, dann fuhr ich los.

Der Bauernhof lag im Dunkeln, nur im Haupthaus brannte Licht. Ich schlich mich um den Stall herum zum Gehege. Ich hatte Glück, die Gänse waren in ihrem Stall beim Fressen und nahmen kaum Notiz von mir. Ich lockte Gertrud aus dem Gehege heraus und präsentierte ihr den Einkaufswagen. Es schien sie nicht im Geringsten zu stören, dass sie ihr Kunststückchen zu so später Stunde vorführen sollte. Schnurstracks lief sie auf den Wagen zu, in Erwartung ihres Leckerbissens. Mein Herz klopfte, und mein Blut raste. Jetzt durfte nichts schiefgehen, sonst war die ganze Mühe umsonst gewesen und Gertrud landete auf Omas guter Porzellanplatte. Gertrud wagte sich mit ihrem gesamten Körper in das Wägelchen vor, nur ihr Po schaute noch heraus. Mit einem Ruck hob ich den Wagen hoch, schnappte ihren Hals und hielt den Schnabel zu. Gertrud war so verdutzt, dass sie sich zunächst nicht wehrte. Jetzt aber strampelte sie, versuchte ihre Flügel auszubreiten und ließ ein - trotz geschlossen Schnabels - noch recht lautes Gurren hören. Durch die Hektik begannen allerdings auch die anderen Gänse zu schnattern und einen Höllenlärm zu veranstalten, dass ich befürchtete, jeden Moment würde Bauer Martens um die Ecke kommen. Es gelang mir, mit meiner freien Hand in die Hosentasche zu greifen und Gertrud das Klebeband um den Schnabel zu wickeln. Eigentlich hatte ich vor, den Einkaufswagen zu verschließen, aber wahrscheinlich würde Gertrud erneut anfangen zu zappeln und so ließ ich sie aus der Tasche herausschauen und schnürte nur das Band an ihrem Hals zu. Dann schlich ich vom Hof. Gerade noch rechtzeitig, denn hinter mir hörte ich, wie die Tür des Haupthauses geöffnet wurde und der Hund bellend heraus rannte.

Etwas abseits stand mein Fahrrad an einem Baum gelehnt. Hier war ich erst einmal in Sicherheit. Ich nahm der armen Gertrud das Klebeband vom Schnabel und gab ihr etwas Brot, das sie sich dankbar zu Gemüte führte. Dann klemmte ich das Gestänge des Einkaufswagens an meinen Gepäckträger und radelte los. Bis zur Bushaltestelle am Rathaus war es nicht weit. Gertrud schien das Schaukeln zu genießen. Sie schaute aus ihrer Tasche und schnatterte nicht einmal. An der Bushaltestelle schloss ich das Fahrrad an und studierte den Fahrplan. Ich hatte Glück: Der nächste Bus in die Stadt kam in wenigen Minuten. Ich kramte mein Taschengeld aus der Hosentasche und wartete. Es war viertel nach sechs. Die Geschäfte waren hell erleuchtet und voller Menschen, die ihre Weihnachtseinkäufe erledigten. Als der Bus vorfuhr und sich die Tür öffnete, schaute mich der Fahrer irritiert an.

„Willst du etwa mit dieser Gans in den Bus steigen?“

„Ja, ich muss sie zu meiner Großmutter bringen, damit sie das Vieh für Weihnachten zubereiten kann.“

„Aber die ist ja noch lebendig.“

„Eben darum bringe ich sie ja zu meiner Großmutter, weil sich sonst keiner in der Familie traut, das arme Tier zu töten.“

„Na, dann steigt mal ein. Wohin soll`s denn gehen?“

„Meine Großmutter wohnt beim städtischen Tierheim.“

„So, so beim Tierheim wohnt die Oma also.“

Der Busfahrer verzog das Gesicht zu einem Grinsen, und ich zog Gertrud unter protestierendem Geschnatter die Stufen des Busses hoch. Die Fahrgäste lächelten, als ich an ihnen vorbeiging, aber sonst nahmen sie keine weitere Notiz von mir. Zur Weihnachtszeit war ein Junge mit Gans wohl nicht so ungewöhnlich. Ich setzte mich auf einen der hinteren Plätze und stellte den Einkaufswagen in den Gang neben mich. Dann lockerte ich die Schnüre der Tasche um Gertruds Hals, und sie dankte es mir mit einem leisen „Schnatt, Schnatt“.

„Tierheim, bitte aussteigen“, rief der Busfahrer und ließ die Tür ein Weilchen länger offen, bis ich den Einkaufswagen endlich herausgezogen hatte. Dann fuhr er weiter. Gott sei Dank, im Tierheim brannte noch Licht. Lautes Hundebellen war von weitem zu hören. Als ich jedoch näher kam, musste ich feststellen, dass das Tor bereits verschlossen war. Auf einem Schild standen die Öffnungszeiten: ‚In den Wintermonaten bis achtzehn Uhr‘. Mist, was sollte ich jetzt tun. Umkehren konnte ich nicht, das wäre Gertruds Tod gewesen. Ich entdeckte eine Klingel. ‚Notfälle‘ stand darauf. Dies war ein Notfall, also klingelte ich. Einen Moment lang hörte ich nichts. Ich klingelte noch einmal. Endlich kam eine Frau mit langen Haaren und grünem Overall, auf dem der Name ‚Birgit Berthold‘ eingestickt war und öffnete das Tor.

„Das Tierheim ist schon geschlossen.“

„Das ist ein Notfall.“

Erst jetzt schien sie Gertrud zu bemerken, die ruhig in ihrer Tasche saß.

„Ein Notfall? Sieht mir eher wie eine Weihnachtsgans aus, die nicht in den Ofen soll.“

„Nein, nein, das ist eine ganz besondere Gans. Sie kann Kunststücke und hört auf den Namen Gertrud.“

„Na, wenn das so ist, dann kommt mal rein.“

Frau Berthold führte mich in ihr Büro und deutete mir an, vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann holte sie ein Formular hervor und fragte mich nach meinem Namen, Adresse und Telefonnummer.

„Wo hast du Gertrud denn gefunden?“

„Auf der Landstraße, direkt neben den Autos. Sie wäre beinahe überfahren worden.“

„Und wieso weißt du, dass sie Gertrud heißt und dressiert ist?“

„Na, weil sie ein Band um den Hals trägt, auf dem ihr Name steht und sich von mir anfassen lässt. Vielleicht gehört sie zu einem Zirkus und ist weggelaufen.“

„Vielleicht, obwohl seit Wochen hier kein Zirkus in der Gegend war. Bestätigst du, dass du die Gans niemandem gestohlen oder anderweitig widerrechtlich entwendet hast?“

Ich überlegte. Mama hatte die Gans bestimmt schon bezahlt und irgendwie gehörte sie ja auch mir, das hatte Mama im Frühjahr jedenfalls gesagt.

„Ja, das bestätige ich.“

„Dann musst du hier unterschreiben.“ Sie schob mir das Formular zu, und ich setzte meinen Namen auf die vorgesehene Zeile.

„Gertrud wird zunächst von unserem Arzt untersucht, um vorzubeugen, dass sie keine ansteckenden Krankheiten hat. Danach kommt sie in unser Freigehege zu den anderen Gänsen.“

„Wird sie von hier auch keiner abholen und zu Weihnachten schlachten?“

„Nein, ganz sicher nicht. Wir geben die Tiere nur an Menschen ab, die sich um sie kümmern, andernfalls drohen kräftige Geldbußen.“

Ich atmete auf – Gertrud war in Sicherheit. Die Berthold hob sie aus der Tasche, wobei Gertrud wieder in ein heftiges Geschrei ausbrach und mich ängstlich ansah.

„Wie kommst du jetzt nach Hause? Der letzte Bus ist bereits vor einer halben Stunde gefahren.“

Ach herrje, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. „Ich weiß nicht.“

„Wenn du noch einen Moment wartest, dann kann ich dich bis ins Dorf mitnehmen. Ich habe gleich Feierabend und denselben Weg.“

„Das wäre prima. Am Rathaus steht mein Fahrrad, von dort aus ist es nicht weit nach Hause.“

Ich schaute wehmütig hinterher, als Gertrud unter lautem Geschnatter fortgetragen wurde. ‚Hoffentlich würde es ihr hier gut gehen‘, dachte ich.

Wie versprochen brachte mich Frau Berthold, die mittlerweile keinen grünen Overall mehr trug, sondern Pullover und Jeans, zur Bushaltestelle am Rathaus. Beim Abschied zwinkerte sie mir vertrauensvoll zu:

„Gertrud ist tatsächlich etwas Besonderes. Ich habe noch nie eine Gans gesehen, die sich so ruhig untersuchen ließ. So ein Tier gehört wahrhaftig nicht in den Ofen.“

Als ich zu Hause ankam, war es bereits halb acht. Mama und Papa saßen vor dem Fernseher.

„Habt ihr gut gelernt?“ fragte Mama mich.

„Ja, Michael hat endlich alles kapiert, war aber ein ganzes Stück Arbeit.“

Dann ging ich in mein Zimmer und legte mich aufs Bett.

Gertrud war gerettet, und ich fühlte mich, wie Harry Potter, der die Macht des Bösen besiegt hatte.

Am nächsten Tag radelte ich wie gewohnt zur Schule. Die Lehrerin lächelte glücklich, als sie mich gesund auf meinem Platz sitzen sah, ohne in der Zwischenzeit weitere Kinder angesteckt zu haben. Sie fragte nicht einmal nach meiner Entschuldigung. Ich war sehr froh darüber, denn neben einer Notlüge noch die Unterschrift meiner Mutter zu fälschen, erschien mir doch etwas kriminell. Am Nachmittag rief Bauer Martens bei uns zu Hause an. Mama hatte schon auf seinen Anruf gewartet, um zu erfahren, wann sie die geschlachtete Gertrud abholen könne. Ich bekam nur Wortfetzen mit, aber dass Mama wütend war, das hörte ich genau.

„Wie bitte… nicht mehr da?… Wie konnte denn das passieren?…Nein, ich möchte keine andere… Wir haben für dieses Jahr mehrere Gäste eingeladen und brauchen eine so große Gans. Haben Sie denn überhaupt noch eine, mit dem Gewicht?…6 Kilogramm? Das ist ja weit weniger, als unsere Gertrud wog. Da müsste ich ja zwei Gänse nehmen, und die bekomme ich nie und nimmer in meinen Ofen.… Ich kann ja verstehen, dass es das Einzige ist, was Sie mir anbieten können, aber zwei kleine Gänse – das muss ich mit meinem Mann noch einmal besprechen. Reservieren Sie mir die beiden aber bitte.“ Dann legte sie auf und ging in die Küche.

Ich saß am oberen Absatz unserer Treppe, und mir wurde auf einmal ganz schwer ums Herz. Ich hatte mich so gefreut, dass Gertrud in Sicherheit war, und nun dachte ich traurig an die anderen Gänse, die heute Morgen geschlachtet worden sind. Ich dachte an den vergangenen Abend, als sie in wildem Geschrei Gertrud helfen wollten, während ich sie in den Einkaufswagen verfrachtete. Ich sah das Bild der toten nackten Körper in der Tiefkühltruhe im Supermarkt vor mir und die vielen Federn, die jetzt im Gehege bei Bauer Martens reglos umher lagen. Und ich dachte an zwei weitere Gänsebraten, die am 25. Dezember von unserer gesamten Verwandtschaft verspeist werden würden. 6 Kilogramm? Wahrscheinlich waren es zwei der kleinen Gänse ohne Namensband, um die sich während der vergangenen acht Monate niemand wirklich gekümmert hatte. Gertruds Leben war wenigstens schön gewesen und eigentlich war es das ja noch, während ihre Geschwister schon ohne Kopf, Beine und Flügel an irgendwelchen Haken hingen. Ich vergrub mein Gesicht in den verschränkten Armen. Innerhalb von ein paar Minuten waren meine Pulloverärmel durchtränkt mit dicken Tränen. Ich wollte keine dieser Gänse essen, und ich wollte auch nicht, dass Mama sie wieder unter Fluchen zubereitete, weil sie diesmal viel zu mager ausfallen würden.

Am Abendbrottisch sprach Mama das Thema an:

„Stellt euch vor, Gertrud konnte nicht geschlachtet werden.“

Papa grinste Mama an: „Warum nicht, war sie zu schwer für die Schlachtbank?“

Ich hätte beiden am liebsten die Meinung gesagt, stattdessen setzte ich ein möglichst entsetztes Gesicht auf.

„Nein, sie war heute Morgen einfach nicht mehr da – verschwunden eben. Das Problem ist nur, dass Bauer Martens keine weitere Gans mit diesem Gewicht hat, und für sechzehn Personen war Gertrud ideal.“

Etwas kleinlaut meldete ich mich zu Wort: „Können wir nicht in diesem Jahr etwas anderes kochen?“

„Ach Peter, zu Weihnachten gehört eben nun einmal eine Gans. Außerdem habe ich unsere Gertrud bei unseren Gästen schon so angepriesen. Das alles ist wirklich ärgerlich.“

„Vielleicht überlegt es sich Gertrud ja noch und kommt wieder zurück. Na und wenn nicht, dann machst du eben etwas anderes Leckeres zu essen. Unsere Verwandtschaft wird deine Kochkunst trotzdem zu schätzen wissen“, sagte Papa, der die ganze Geschichte nicht so ernst nahm und sich eher belustigt zeigte. Aber Mama warf ihm einen so verächtlichen Blick zu, dass die beiden Falten über ihrer Nasenwurzel sich zusammenzogen - ein untrügliches Zeichen, dass mit ihr nicht zu spaßen war. Doch wenn ich die ganze Sache jetzt beichtete, dann wäre sie noch wütender geworden. Ich hätte erzählen müssen, dass ich die Schule geschwänzt hatte, und Gertrud wäre letzten Endes doch im Ofen gebraten worden. Und das wollte ich auf gar keinen Fall. Mir war so elend zumute, und immer wieder musste ich an Gertrud denken. Ob es ihr wohl gutginge? Ich vermisste sie so sehr. In den vergangenen Monaten war kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht bei ihr gewesen war, und nun fühlte sie sich bestimmt einsam, trotz ihrer vielen Artgenossen. Sie konnte ja nicht verstehen, dass ich es nur gut mit ihr gemeint hatte, schließlich war sie nur eine Gans. Gertrud ließ mir keine Ruhe, ich musste mir Klarheit darüber verschaffen, ob es ihr gut ging. Am folgenden Tag rief ich im Tierheim an. Ich hatte Glück, Frau Berthold war selbst am Telefon.

„Guten Tag, erinnern Sie sich an mich? Ich hatte vor ein paar Tagen eine Gans zu Ihnen gebracht.“

„Aber natürlich erinnere ich mich. Gertrud ist unser ganzer Stolz. Sie wohnt jetzt im Freigehege bei den anderen.“

„Geht es ihr gut?“

„Na, du scheinst ja sehr an dem Tier zu hängen. Sie hat einen ausgezeichneten Appetit und somit geht es ihr gut.“ „Am liebsten isst sie klein geschnittene Apfelstückchen“, rutschte es mir voller Eifer heraus.

„So, so, was du nicht alles weißt. Solche Sonderwünsche können wir hier natürlich nicht erfüllen, aber vielleicht holt sie ja in den kommenden Tagen jemand ab, der ihre Vorlieben zu schätzen weiß.“

„Nein“, rief ich aufgeregt, „ich meine, das wäre natürlich schön, wenn sie in gute Hände käme, aber wo sie doch so etwas Besonderes ist, da soll sie doch auch zu jemandem, der sie nicht nur im Stall laufen lässt, sondern sich mit ihr beschäftigt.“

„Wir haben hier so viele Tiere zu versorgen, dass wir froh sind, wenn sich so schnell wie möglich ein Liebhaber findet. Eine individuelle Auswahl können wir leider nicht treffen.“

„Und wenn ich Ihnen jeden Tag mein Taschengeld schicke, kann Gertrud dann nicht wenigstens über Weihnachten bei Ihnen bleiben?“

„Wir freuen uns natürlich über jede Spende, aber ablehnen darf ich leider nur Interessierte, die das Tier schlecht behandeln würden.“

Resigniert verabschiedete ich mich und legte auf. Ich hatte gehofft, dass Gertrud erst nach Weihnachten ein neues zu Hause finden würde. Nach den Feiertagen mögen die meisten Erwachsenen keinen Gänsebraten mehr, weil sie sich daran schon so sattgegessen hatten. Jedenfalls wusste ich, dass es Gertrud gut ging – zumindest fraß sie das Tierheimfutter.

In den kommenden Tagen rief ich fast täglich im Tierheim an und erkundigte mich nach Gertrud. Frau Berthold war zwar jedes Mal recht freundlich, doch ich merkte ihr an, dass meine Anrufe sie doch allmählich zu stören begannen. Im Supermarkt lagen nur noch wenige Gänse in der Tiefkühltruhe, und die, die dort lagen, wogen nur sehr wenig. Die meisten Kunden hatten sich die besten Tiere bereits ausgesucht. Wahrscheinlich war Gertrud die einzige noch lebende Gans mit 9 Kilogramm Gewicht, und je weiter es auf Weihnachten zuging, desto heftiger klopfte mein Herz bei jedem Anruf. Ich hatte so große Angst, dass kurz vor Weihnachten, sich doch noch ein Liebhaber für Gertrud interessierte und sie schlachten würde.

Der 24. Dezember kam, und es hatte pünktlich in der Nacht angefangen zu schneien. Unser Garten war mit dicken weißen Flocken bedeckt, die den Lärm von der Straße geheimnisvoll eindämmten. Es war kalt, und ich dachte unweigerlich an meine Freundin. Ihr Federkleid war jedoch so dicht, dass sie sicherlich nicht frieren würde. In den vergangenen zwei Tagen hatte ich mich nicht getraut im Tierheim anzurufen. Zu groß war meine Befürchtung, dass Gertrud abgeholt worden sein könnte. Wenn sie jedoch heute, am Heiligen Abend, noch im Tierheim war, dann würde sie gewiss die Feiertage überleben. Die Erwachsenen hatten an diesem Tag so viel zu tun, dass ein Tierheimbesuch sicherlich nicht auf ihrem Programm stand. Außerdem schloss das Büro bereits um zwölf Uhr, und da waren die meisten Menschen noch mit den letzten Einkäufen beschäftigt. Auch Mama und Papa trafen Vorbereitungen für die Bescherung. Ständig liefen sie im Haus umher, sodass ich kaum Gelegenheit fand, unbemerkt das Telefon zu benutzen.

„Peter, hilf mir mal den Baum ins Zimmer zu tragen“, bat mein Vater mich, und als wir die wieder einmal viel zu große Tanne nach mehrmaligem Zusägen endlich in ihrem Ständer hatten, war es bereits halb zwölf.

Ungeduldig sah ich auf meine Armbanduhr. Mama stand in einem Meer von Christbaumkugeln, Strohsternen, kleinen Holzfiguren und Lebkuchenanhängern und fluchte, weil sich die Lichterkette in ein scheinbar nicht aufzulösendes Gewirr verheddert hatte und nun der Länge nach durch unser Wohnzimmer schlängelte. Währenddessen brodelten köstlich duftende Dinge auf dem Herd, deren in regelmäßigen Abständen überschäumende Geräusche Mama aufschreiend in die Küche rennen ließen. Dies war einer der Momente, an dem ich bei offener Haustür ausrief, dass ich noch einmal dringend weg müsse. Und ehe Mama und Papa noch etwas erwidern konnten, zog ich auch schon die Tür laut knallend hinter mir ins Schloss.

Eine der wenigen noch existierenden Telefonzellen lag eine gute viertel Stunde entfernt, und durch den hohen Schnee, der an vielen Stellen noch nicht weggeräumt war, konnte ich mit dem Fahrrad nicht durchkommen. Ich stapfte also los und hoffte, das Tierheim würde nicht ganz so pünktlich schließen. Als ich an der Telefonzelle ankam, war es sechs Minuten vor zwölf. Mit zittrigen Fingern wählte ich die Nummer:

„Hallo, ich möchte gern Frau Berthold sprechen.“

„Frau Berthold is schon jegangen, und wir schließen jleich. Ick mach hier nur Aushilfe für de nächsten Taje“, sagte eine dumpfe Berliner Männerstimme, der man unweigerlich anmerkte, dass der Mann sich über den Einsatz zu den Feiertage ärgerte.

„Ich wollte fragen, ob es Gertrud gut geht?“

„Wem?“

„Na, Gertrud der Gans?“

„Woher soll ick dat wissen, ick kenn doch nich jedet Tier mit Namen. Da musste schon selbst herkommen und nachsehn.“

„Aber sie schließen doch gleich.“

„Na, denn musste eben nach den Feiertajen kommen und sehen, ob et der Janz jut jeht.“

„Können Sie nicht in den Unterlagen nachsehen, ob in den letzten zwei Tagen eine Gans abgeholt wurde?“

„Hör mal, Junge, det führt nun en bischen zu wet, dass ick deinetwegen alle Unterlagen durchforste.“

„Aber es ist doch heute Weihnachten, und es ist sehr wichtig. Können Sie nicht wenigstens im Gehege nachsehen, ob Gertrud da ist. Sie werden sie sofort erkennen. Gertrud wiegt über 9 Kilogramm und kommt sofort, wenn Sie ihren Namen rufen.“

„Also jut, bleib am Apparat…. weil heute Weihnachten is.“

Ich hörte wie der Alte sich schlürfend durch das Büro bewegte und einen Schlüsselbund von irgendwo hernahm. Ich wartete und sah auf der Anzeige den noch verbleibenden Geldbetrag. Ich hatte noch ein paar 10 Cent Stücke und steckte sie alle in den Schlitz. Mit lautem Klacken rutschten sie in das schwarze Innere des Apparates. Minuten vergingen, endlich hörte ich wieder das schlürfende Geräusch und den Schlüssel, der auf einen Tisch geworfen wurde. ‚Bitte, lieber Gott, lass es Gertrud gut gehen‘, betete ich in Gedanken.

„Hörst du Junge?“

„Ja, ich bin noch dran.“

„Nee, da ist kene jroße Jans, die sehen alle gleich aus. Und jerufen hab ick se och, aber die ham alle nur jeschnattert, jekommen ist keene.“

Ich stand da, den Hörer in der Hand und sagte kein Ton. Die Anzeige des Telefonapparates zeigte nur noch 10 Cent an.

„He Junge, biste noch dran?“

Aber ich sagte nichts. Es piepte in der Leitung und der alte Mann war weg. Ich henkte den Hörer ein und trat aus der Zelle. Langsam und mit gebeugtem Kopf ging ich in Richtung unseres Hauses. Meine liebe Gertrud, die ganzen letzten Tage hatte ich gehofft, ihr bliebe das Gänseschicksal verschont, und nun war es doch passiert. Ich malte mir aus, wie sie unter beschwörenden Worten, dass sie es gut haben würde, Frau Berthold aus der Hand genommen wurde und wie sie in einem dunklen Kofferraum eingesperrt zu einem erleuchteten weihnachtlich geschmückten Haus gefahren wurde, in dem schon alle Vorbereitungen, Kräuter und Zutaten für den Braten bereitstanden. Der Gedanke, dass meine liebe Gertrud schreiend in einen Stall gebracht, auf einen Holzklotz gelegt und mit einem Beil der Kopf abgeschlagen wurde, versetzte mir einen so tiefen Stich in meinem Herzen, dass ich laut zu weinen begann. Ach, wäre ich doch mit ihr weggelaufen, ganz weit weg, wo uns niemand gefunden hätte. Ich wollte kein Weihnachten mehr – nie mehr. Wie sollte ich mich über meine Geschenke am Heiligenabend freuen, wo ich doch wusste, dass wegen desselben Festes meine Freundin ihr Leben lassen musste, und nur, weil eine Gans nun mal zu Weihnachten dazugehört.

Als ich nach Hause kam, rief ich meinen Eltern nur ein kurzes „bin wieder daaa!“ zu und verkroch mich auf mein Zimmer. Sie schienen keine weitere Notiz von mir zu nehmen, und ich war froh darüber, so konnte ich in Ruhe meinen Gedanken nachhängen. Das schlimmste war, dass ich niemanden von meiner Trauer erzählen konnte und so tun musste, als würde ich mich auf Heiligabend freuen. Irgendwann am Nachmittag steckte Mama den Kopf zur Tür herein und brachte einen Teller ihrer selbst gebackenen Kekse.

„Es ist ja so ruhig bei dir. Ich wollte mal sehen, wie es dir geht.“ Sie setzte sich zu mir aufs Bett und strich mir über den Kopf.

„Bist du denn schon gespannt, was der Weihnachtsmann dir bringen wird?“

„Ach Mama, du weißt doch, dass ich nicht mehr an diesen Hokuspokus glaube. Von mir aus, können wir Weihnachten auch ganz ausfallen lassen.“

„Was sind das denn für Töne? Du hast dir doch so viele Dinge gewünscht, sind die denn jetzt gar nicht mehr wichtig?“

„Doch schon, aber eigentlich könnte man sich doch auch etwas schenken, ohne dieses ganze Brimborium.“

„Aber dann wäre Weihnachten eben kein ganz besonderes Fest. Im Grunde kommt es nicht auf die Geschenke an, sondern auf die Erwartungen, die wir in uns und anderen wecken. Und dabei geht es den Erwachsenen ebenso wie den Kindern. Wir alle freuen uns auf die vielen kleinen Überraschungen, die wir jemandem bereiten können und die uns ein liebender Mensch zuteilwerden lässt.“ Sie legte ihren Arm um mich. Es tat so gut, ihre Nähe zu spüren.

„Du bist mein großer Junge. Erwachsen zu werden ist nicht immer einfach, und wenn uns die Realität des Lebens einen Strich durch die Rechnung machen will, dann ist es umso wichtiger, dass wir uns an Traditionen festhalten können. Du wirst sehen, es wird ein schöner Abend werden.“

Sie küsste mich auf die Stirn, lächelte und ging leise aus dem Zimmer.

Ach, es war alles so furchtbar. Ich wusste ja, dass in allen anderen Familien auch Gänse gegessen, und dass sie in Masttierhaltungen zu Tausenden nur für diesen einen Tag geschlachtet wurden. Aber mit Gertrud war das eben etwas anderes, sie war wie eine Freundin, mit der ich so viele schöne Stunden verbracht hatte. Ich versuchte mich abzulenken und surfte ein wenig im Internet. Lauter fröhliche Botschaften und liebe Grüße sandten sich die Menschen in den Foren zu. Zwischendurch hörte ich es unten in der Stube rascheln. Türen wurden leise aufgemacht und wieder geschlossen, und ich hörte, wie Papa nach draußen ging und sich beim Wiederkommen die Stiefel vom Schnee stampfte. Es war mittlerweile dunkel geworden, überall in unserer Straße brannten die Lichter in den Häusern oder Kerzen auf den Tannenbäumen. Nun kam auch bei mir die Spannung durch. Ob ich meine Rollerblades bekommen würde, die ich mir so wünschte? Aus meinem Versteck unter dem Bett holte ich zwei Geschenke hervor. Mama sollte eine duftende Seife bekommen, die ich in der Parfümerie unter fachmännischer Beratung gekauft hatte. Die Verkäuferin wollte wissen, was Mama für ein Typ sei und wie sie aussah, und dann griff sie nach dieser hübschen Verpackung. Es war ein durchsichtiges kleines Päckchen mit einer hellblauen Schleife und viel Tüll obendrauf. Für Papa hatte ich mit Mamas Unterstützung eine Dose Pfeifentabak erstanden. Es war die Sorte, von der er immer sagte, dass er sie nur für besondere Anlässe kaufen würde. Ich musste lange für diese Dose sparen, dafür roch der Tabak aber auch viel würziger als alle anderen, die ich von ihm kannte. Ich setzte mich auf mein Bett und wartete. Wieder tauchten die Gedanken an Gertrud in mir auf. Vielleicht gab es ja doch so etwas wie einen Himmel, wo alle Seelen nach dem Tod hinkamen, und wo es Gertruds Seele gut ging, auch wenn ihr Körper bereits verspeist war.

Dann ertönte das gewohnte Glöckchen, und Mama rief mit ihrer hellen Stimme.

„Der Weihnachtsmann war da.“

Nun klopfte mein Herz vor Erwartung. Ich nahm meine Geschenke und rannte die Treppe hinunter. Im Flur war es dunkel, aber durch die Glastür des Wohnzimmers sah ich die Lichter am Baum flimmern. Vorsichtig öffnete ich die Tür, und die ganze Herrlichkeit des Weihnachtsfestes strahlte mir entgegen. Stille Nacht, Heilige Nacht klang in meine Ohren, und unter dem Baum lagen viele große und kleine Päckchen, alle in unterschiedliches Papier gewickelt und mit Schleifchen verziert.

„Fröhliche Weihnachten, lieber Peter“, sagte Mama während sie mich in ihre Arme schloss, und auch Papa drückte mich an sich.

Ich stand bewundernd vor dem Baum. Ich wollte diesen Anblick noch einen Moment genießen, bevor ich mich auf die Päckchen stürzte. Mama hatte recht: Es waren nicht die Geschenke, sondern die Erwartungen auf die vielen Überraschungen, die sich vor mir ausbreiteten.

„Willst du denn nicht auspacken?“ fragte Papa mich.

Und ob ich das wollte. Schnell übergab ich meine Geschenke und setzte mich neben den Baum. Mama und Papa saßen auf der Couch und sahen mir zu, wie ich ein Paket nach dem anderen auswickelte. Es gab nützliche Dinge, wie Unterhosen, Socken und einen dicken Pullover, aber auch eine neue Federtasche für die Schule, weil meine alte ein Loch im Leder hatte. Zum Spielen bekam ich zwei Krimi-Bücher, einen Zauberkasten, einen großen Kran zum selber zusammenbauen und alles, was zu einem Baustellenbetrieb dazugehörte. Und ich bekam meine heiß ersehnten Rollerblades. Das Wohnzimmer glich einem Papierhaufen, aber ich war überglücklich. Ich ging zu meinen Eltern und umarmte sie zum Dank für die vielen Dinge. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, setzte ich mich wieder auf den Fußboden und begann meine Geschenke noch einmal zu inspizieren.

„Peter“, sagte Papa, „draußen, vor der Tür wartet noch ein Geschenk auf dich.“

Ich sah meinen Vater erstaunt an: „Noch ein Geschenk?“

„Ja, es hat etwas mit dem Zauberkasten zu tun, den du bekommen hast, und ich denke, du solltest es jetzt reinholen.“

Ich lief zur Tür. Was konnte es sein, das so groß und nicht unter dem Tannenbaum Platz fand? Ich hatte doch schon alles bekommen, was ich mir wünschte.“

Kurz vor der Haustür blieb ich stehen und öffnete sie voller Erwartung ganz vorsichtig nur einen Spalt breit.

„Schnatt“, machte es, und da riss ich die Tür auf und lief in Hausschuhen hinaus in den Schnee.

„Gertrud, meine liebe Gertrud!“ Sie saß in dem alten Einkaufswagen von Oma auf dem Weg vor unserem Haus. Ihr Kopf schaute oben raus, und sie trug eine große rote Schleife um den Hals. Ich kniete mich vor sie hin und umarmte sie samt Wägelchen.

„Schnatt, schnatt“, und Gertrud zog mir mit ihrem Schnabel an den Haaren. Das machte sie immer, wenn ich ihr meinen Kopf hinhielt, und ich fing an zu lachen. Ich drehte mich zu meinen Eltern um, die in der Tür warteten und blickte sie fragend an.

Mama lächelte: „Vor zwei Tagen rief eine Frau Berthold aus dem Tierheim an und erzählte uns von einem kleinen Jungen, der eine Gans gefunden hatte, die Gertrud hieß und dressiert war. Und sie erzählte uns, dass dieser Junge sich fast täglich nach der Gans erkundigte, und da wollte sie doch fragen, ob der Junge hier wohnt. Kannst du dir vorstellen, wie dieser Junge heißt?“

Ich lief zu meiner Mutter, fiel ihr in die Arme und heulte Rotz und Wasser.

„Danke, Mama, danke, dass ihr sie nicht geschlachtet habt.“

„Wenn wir gewusst hätten, dass sie so etwas Besonderes ist, dann hätte sie ganz bestimmt nicht zu Weihnachten in unserem Ofen geendet. Ab jetzt wird sie bei Bauer Martens im Gehege leben und du kannst ihr Kunststücke beibringen, so viele du möchtest. Aber fürs erste solltest du sie ins Haus holen, damit sie nicht noch länger in dem Wägelchen sitzen muss.“

Es war das schönste Weihnachten überhaupt. Ich zeigte Mama und Papa, was ich Gertrud beigebracht hatte, und sie schien auch noch alles behalten zu haben. Vielleicht wusste sie auch einfach nur, was sie tun musste, um Apfelstückchen zu bekommen. Für die Nacht bereiteten wir ihr eine große Holzkiste mit Stroh neben meinem Bett. Und immer wenn sie sich umdrehte und ein leises „Schnatt“ von sich gab, dann wusste ich im Traum, dass sie da war.

Es war der 25. Dezember zur Mittagszeit, und unsere Gäste saßen am Tisch. Mama stand wieder mit ihrer Schürze in der Küche, und wieder war sie bewaffnet mit der zweizinkigen Bratgabel. In der rechten Hand hielt sie diesmal ein großes scharfes Messer. Links neben ihr standen eine Schüssel mit Butterbohnen und rechts ein Blech mit Herzoginkartoffeln.

„Ich habe mich genau an das Rezept gehalten, aber das Biest war zu lange im Ofen.“

Papa und ich grinsten uns an, während sich die anderen unterhielten. Einige Minuten später kam Mama wie gewohnt freudestrahlend und ohne Schürze ins Wohnzimmer. Auf ihren Händen trug sie Omas alte Porzellanplatte.

„Die Gans ist uns dieses Jahr abhandengekommen, daher habe ich mich für Filet Wellington entschieden. Aber ich darf euch beruhigen…“ und Mama zwinkerte mir zu „…unsere Gertrud hat rechtzeitig zum Fest wieder nach Hause gefunden.“

Ich blickte mich um. Gertrud stand in ihrer Holzkiste neben dem Tannenbaum, reckte den Hals und wackelte mit dem Po: „Schnatt.“

Sein letzter Tag

„Bahnhof Joschendorf, guten Morgen“

„Morgen Kalle, Harald Ehmich aus Zug 427 hier.“

„Morgen Harald, seid ihr pünktlich?“

„Werden in circa fünf Minuten bei euch durchfahren, sind aber ziemlich spät dran.“

„Bei dem Schneesturm kein Wunder, und das am Heiligabend, wo’s ohnehin hektisch genug ist.“

„Die Zentrale hat schon gesagt, dass sie die Pläne bis zum Abend nicht halten können, da kommen wieder Reservezüge zum Einsatz. Ist Paul schon da, der hat doch heute seinen letzten Arbeitstag?“

„Paul müsste jeden Augenblick kommen, acht Uhr ist Schichtwechsel.“

„Dann grüß ihn mal, war`n netter Kollege.“

„Mach ich.“

„Hör mal, warum ich mich überhaupt melde: Zwischen Herminen- und Joschendorf ist die Lok so stark hin und her gesprungen, dass ich gedacht hab, die geht mir aus den Gleisen.“

„Solltest mal auf dein Tempo achten, außerdem bei den Witterungsverhältnissen, kein Wunder.“

„Ne ne Kalle, ich bin runter auf 100km/h gegangen, und die letzten Tage hatte ich auch schon so’n komisches Gefühl, da stimmt was nicht.“

„Ich werd`s an die Zentrale weiterleiten, die können die Information den anderen Zugführern durchgeben.“

„Also dann, frohe Weihnachten für dich.“

„Für dich auch Harald“

Einen Moment später raste Zug 427 auch schon an den Bahnsteigen von Joschendorf vorbei. Kalle sah auf den Monitor zu den beiden Gleisen hinunter. Nur wenige Menschen warteten auf den nächsten Regionalzug, der sie in die Stadt zu ihrem letzten Arbeitstag vor dem Heiligenabend bringen würde. Der Wind pfiff über die Plattform und blies die unaufhörlich rieselnden Schneeflocken über die Gleise. Kalle gähnte, kämpfte gegen die Müdigkeit aus der Nachtschicht und hoffte Paul würde bald kommen, um ihn abzulösen. Er stand auf, ging zu dem alten Holztisch mit den zwei Stühlen hinüber und goss sich eine letzte Tasse Kaffee aus der Thermoskanne ein. Vor ihm lag das Abschiedsgeschenk für Paul. Es war eine Fotocollage, festgehalten hinter Glas in einem dunklen Holzrahmen und mit einer roten Schleife verziert. Kalle blickte auf die Bilder. In ganz Joschendorf hatten er und seine Frau die Fotos gesammelt. Die ersten stammten aus dem Jahr 1922 und zeigten die Baumaßnahmen des kleinen Bahnhofgebäudes. Ab 1968 war auch Paul auf einigen Bildern zu sehen, damals noch als junger Anwärter des Fahrdienstes mit dichtem dunkelbraunem Haar, das er pilzartig wie einer der Beatles trug. Auf einem anderen war er in seiner Uniform zu sehen, mit blauem Hemd, der roten Schaffnermütze, die Pfeife zwischen den Lippen und die Kelle in der erhobenen Hand, das Zeichen zur Weiterfahrt. Das letzte Foto hatten sie vor einigen Tagen aufgenommen, während des Einbaus der neuen Kameras, die ab dem kommenden Jahr die Geschicke des Bahnhofs leiten würden. Er und sein