Verlag: epubli Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Weihnachten? Um Gottes Willen! - Klaus Grammel

Ein Weihnachtsbaum in einer evangelischen Kita wurde wieder abgebaut, weil ein muslimischer Vater seinen Kindern nicht zumuten wollte, mit diesem Symbol des Christentums konfrontiert zu werden. Das führte den evangelischen Pfarrer i. R. Klaus Grammel zu dem Entschluss, ein Buch über das Weihnachtsfest zu schreiben, über dessen geschichtliche Entwicklung, seine wechselnden Bedeutungen und was es ihm persönlich wert ist. Immer wieder scheitert er dabei, trotz interessanter Erkenntnisse, manchmal auch abseits des direkten Themas. Klaus Grammel ist also zugleich Autor und Protagonist. Zu der Geschichte, die der Autor erzählt, gehört auch, wie der Protagonist versucht, das Rätsel eines geheimnisvollen Päckchens zu lösen, das ihm eines Tages zugesandt worden war. Weil der Autor viele kulturgeschichtliche, historische und theologische Sachverhalte widergibt, von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart, weil er viel von sich selbst preisgibt, von seinen Erfahrungen und Erlebnissen, und schließlich, weil er eine Geschichte zu erzählen hat, nennt er sein Buch einen "autobiografischen Sachbuchroman“. Man spürt ihm ab, wie ernst ihm sein Anliegen ist und mit wie viel Humor und Freude am Erzählen er zu Werke ging. Ein Buch für jeden, der wissen will, was es mit diesem „schönschwierigen Fest“ alles auf sich hat und der zugleich mit einer spannenden Geschichte unterhalten werden will.

Meinungen über das E-Book Weihnachten? Um Gottes Willen! - Klaus Grammel

E-Book-Leseprobe Weihnachten? Um Gottes Willen! - Klaus Grammel

Klaus Grammel

WEIHNACHTEN

 UM GOTTES WILLEN

Schön schrecklich

An dem Tag, an dem meine Ärztin mir sagte, dass meine Zuckerwerte gestiegen sind – „Noch nicht bedrohlich, aber wir müssen das im Auge behalten! Sie wissen: weniger Süßes und mehr Bewegung!“ – steckte in meinen Schuhen ein Tütchen mit zwölf Mozartkugeln. Eine Kugel gönnte ich mir sofort.

„Danke.“ Ich war gerührt. Meine Frau sah es mir an.

„Ebenfalls danke“, sagte sie und nahm sich eine Himmlische aus ihren Schuhen. „Schön, dass der Nikolaus weiß, was wir so mögen.“

Wir umarmten uns.

Das war am Morgen. Nachmittags saß ich in meinem Fernsehsessel. Eigentlich lag ich mehr, als dass ich saß, auf meinen Knien ein nagelneues Buch über den römischen Kaiserkult.

„Das ist doch viel zu viel für den Nikolaustag“, sagte ich. Es fällt mir leichter, etwas zu verschenken als etwas geschenkt zu bekommen „Leonore! Das ist ja schon ein richtiges Weihnachtsgeschenk.“

„Der Nikolaus hat eben rausgekriegt, dass du es schon vor Weihnachten lesen willst.“

Meine Frau freute sich, dass ihr eine Überraschung gelungen war. Sie lag auf der Couch und sah sich alte Weihnachtspostkarten an. Die hatte sie noch von ihrem Großvater, und der hatte sie auch schon geerbt bekommen. Sie zeigte mir eine: die Heiligen drei Könige mit zwei Kamelen und einem Esel, unterwegs zum neugeborenen König; am Himmel ein Stern mit langem Schweif.

Um 1900, stimmungsvoll, aber keineswegs kitschig, und äußerst gekonnt gemalt, so bildete ich mir mein Urteil.

Meine Frau fand den Künstler heraus: Paul Hey, der Maler des deutschen Gemütes. Wenn man eine solche Szene so malt, wird sie zum idyllischen Märchen, dachte ich bei mir.

„Soll sie doch auch“, hätte der Maler mir geantwortet.

„Gerade nicht!“, hätte ich ihm widersprochen.

„Bist du eigentlich weitergekommen mit dem kleinen Päckchen?“, fragte mich meine Frau.

„Welches Päckchen?“

„Du sollst doch jemanden ausfindig machen“, sagte sie. „Oder sollst du die Sachen nur verwahren?“

„Nein, bin ich nicht. Hatte noch keine Zeit“, gab ich unwirsch zurück. Das Päckchen ärgerte mich. Eigentlich ärgerte ich mich über mich selbst. Warum habe ich mich darauf eingelassen?

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, fragte ich nach.

„Wegen der Geschenke. Die Heiligen drei Könige hatten doch Geschenke bei sich“, sagte meine Frau, ohne auf meine leichte Verärgerung einzugehen.

„Das mit dem Päckchen, fürchte ich, wird noch ein langer Weg werden. Und mich leitet kein Stern.“

Meine Frau verstand mich.

Auf dem Beistelltisch hatte sie meine Lieblingstasse mit duftendem Kaffee und die Tüte mit den Mozartkugeln gestellt, daneben eine weihnachtlich verzierte Schachtel mit sechs Rumkugeln, die auch noch in einem meiner Schuhe gesteckt hatten. Elf Mozartkugeln waren noch da. Von den Rumkugeln fehlte noch keine. Ich war stolz auf mich.

„Jetzt darf ich aber.“ Mit diesen Worten machte ich eine Tür auf, die schwer wieder zu schließen war. „Eine gönne ich mir noch“, sagte ich zu mir, „aber dann ist Schluss.“

Ich sagte es mehrmals an diesem Nachmittag. Nach zwei Stunden sah man nur noch drei Mozartkugeln, von den Rumkugeln keine mehr.

Man muss auch mal zu sich selber nett sein!

Redete ich mich nur raus oder hatte ich mir wirklich meine Gier nach Süßem verziehen?

Aus dem Radio tönte die sonore Stimme von Johnny Cash. Er sang Weihnachtslieder. Irgendwie kitschig. Aber es störte mich nicht. Zu Weihnachten darf es ruhig ein bisschen sentimentaler und rührseliger zugehen als sonst, redete ich mir ein. Die Süßigkeiten, das Buch, die Musik, die ruhige, warme Atmosphäre unseres Beisammenseins hatten meinen leichten Unwillen von eben völlig vertrieben. Ich genoss die wohlige Ruhe eines vorweihnachtlichen Nikolausnachmittags und dachte: Eigentlich ist Weihnachten eine schöne Zeit.

Als das Telefon klingelte, nahm ich das als Aufforderung, endlich mit der Nascherei aufzuhören. „Bitte pack sie weg, Leonore“, sagte ich und zeigte auf das Tütchen mit den lockenden Pralinen, bevor ich aufstand und zum Telefon ging.

„Nein, das mit der Selbstbeherrschung musst du schon alleine hinkriegen.“

Aha, dachte ich, sie wehrt sich dagegen, meine Mutter zu spielen. Ich sah auf ihr Tütchen mit ihren Himmlischen. Es war fast leer.

„Oh“, sagte ich, „ertappt?“

Sie streckte mir die Zunge raus. Wir lachten.

Der Leiter einer Kita fragte mich am Telefon, ob ich bereit sei, bei seiner Weihnachtsfeier den Weihnachtsmann zu machen. Alle würden da sein: die Erzieher, die Kinder und ihre Eltern, dazu ein paar Omas und Opas. Mir kam sofort eine pädagogische Idee, und so sagte ich schnell zu.

Der Erzieher war überrascht. „Wirklich? Das ist ja Klasse. Ich hatte damit gerechnet, erst lange mit dir diskutieren zu müssen.“

„Ich sage dir mal, was mir gerade eingefallen ist.“

Ich erzählte ihm, dass ich erst einmal, noch nicht verkleidet, in launiger Form erzählen möchte, dass da zuerst der Nikolaus war, den es wirklich gegeben hat. Und dass Luther ihn ersetzt hat durch das Christkind, weil er etwas gegen die Heiligen hatte. Und dass dann aber der Nikolaus den Kampf gegen seinen himmlischen Konkurrenten gewonnen hatte, weil er sich verwandelt hatte: in den Weihnachtsmann. Der war nun gar nicht mehr heilig. Statt eines Bischofsstabes trug er eine Rute. Natürlich auch einen Sack voller Geschenke. Wenn er in ein Haus kam und Kinder sah, fragte er: „Sind´s gute Kind? Sind´s böse Kind?“

Und je nachdem gab es etwas aus dem Sack oder mit der Rute. Den Kindern machte das Angst.

„Lieber guter Weihnachtsmann,

schau mich nicht so böse an“

„Danach verspreche ich den Kindern“, sagte ich zu dem Mitarbeiter weiter, „dass mein Weihnachtsmann ihnen keine Angst machen wird, und lasse mich von den Kindern als Weihnachtsmann anziehen. Vor allen Leuten! Roter Mantel mit weißem Pelz, ebenso die Kapuze, weißer langer Bart, Sack und Rute. Kannst du dir vorstellen, wie ich das meine?“

Keine Antwort.

Ich fuhr fort: „Die Rute werfe ich dann in hohem Bogen in die Ecke und sage: Keiner kann immer alles richtig machen. Die Erwachsenen auch nicht. Wenn man was falsch macht, dann kriegt man die Folgen natürlich zu spüren. Das muss so sein. Aber darauf noch eine Strafe raufzusetzen, das finde ich gemein. Nein, die Rute will ich nicht.“

Mein Gesprächspartner war seltsam still.

„Bist du noch da?“

„Ja ja.“

Ich erzählte ihm weiter, dass ich dann als Weihnachtsmann auf der Feier so allerlei Gutes tun und danach die Kinder bitten würde, auch mal den Weihnachtsmann zu spielen.

Nun brach es aus dem Pädagogen heraus: „Das ist unmöglich, was du da vorhast! Sei doch froh, wenn die Kinder noch an den Weihnachtsmann glauben. Zerstöre doch nicht ihre Illusion. Das kommt früh genug. An irgendetwas müssen sie doch glauben, erst recht in einer kirchlichen Kita.“

Auf eine inhaltliche Diskussion ließ er sich nicht ein.

Ich war enttäuscht und verärgert. Er schlug vor, die Erzieher und Elternvertreter zu befragen und mich in etwa einer Stunde wieder anzurufen. Ich wusste, was er mir sagen würde. Schon nach zwanzig Minuten teilte er mir mit, dass alle dagegen seien und ich seine Bitte an mich vergessen solle.

Meine Freude an Weihnachten war verflogen. Ich fand Weihnachten schrecklich. So etwas läuft im Zentrum einer Kirchengemeinde ab!

Der politische Kabarettist und Autor Philipp Schaller fiel mir ein.

„Weihnachten oder Möglichkeiten der Folter im 21.Jahrhundert.“

So lautet der Titel seines kleinen skurrilen Büchleins, das er meiner Frau und mir geschenkt hatte. In der Tat, für mich ein passender Kommentar zu dem, was ich soeben erlebt habe. Er hatte ins Buch geschrieben, dass er uns ein frohes, besinnliches Fest wünscht. Doch nicht ein verlogenes.

So schnell wirst du mich nicht los, sagt der Weihnachtsmann

Über Weihnachtsmänner, die eine Balkonbrüstung erklimmen oder an einer Regenrinne hochklettern, muss ich schmunzeln. Mit dieser Fantasiefigur kann man so manches Unterhaltsame und Wohltuende vermitteln. Aber Weihnachtsmänner, die Angst verbreiten, die moralisierend daherkommen oder die mich zum Kaufen überreden wollen, finde ich furchtbar. Ich übersehe den Kitsch nicht, der gerade zu Weihnachten mit Händen zu greifen ist. Aber ich gebe auch gerne zu: Mancher Kitsch ist schon wieder so herrlich kitschig, dass es richtig schön ist.

Und da ist noch etwas, was mir am Weihnachtsfest gefällt. Ich singe gern die alten christlichen Weihnachtslieder, ebenso aber auch die der weihnachtlichen Folklore.

„Ich steh an deiner Krippen hier o Jesu, du mein Leben …“

Was für ein Lied! Da ist einer überwältigt davon, dass es in dieser Welt mit ihren Unzulänglichkeiten und auch Gemeinheiten Liebe gibt, dass ein Mensch mit seinen engen Grenzen weit und offen werden kann und sich zugleich geborgen und glücklich fühlt. Ein Geschenk des Lebens, ein Wunder. Und gleich daneben der Kitsch. „Susanni susanni susanni“ und „Eia wärn wir da.“

Noch mehr ist das bei den Liedern der weihnachtlichen Folklore der Fall. „Der blonde Knabe im lockigen Haar …“ Albern!

Und trotzdem hat dieses Lied „Stille Nacht“ die große emotionale Kraft, Menschen anzurühren, ihre Verhärtungen aufzubrechen und sie wieder ihr Herz spüren zu lassen.

Ja, Lieder sind mehr als ihre Texte. Und Texte sind mehr als ihre Wörter. Deshalb kann ich sie singen und zugleich doch meine kritische Distanz bewahren. Auf ihre christliche Ideologie will ich nicht hereinfallen, auch nicht auf ihre Betulichkeit, ebenso wenig wie auf ihre Sentimentalität. Im Übrigen: Was im Leben kann ich denn schon ohne innere Distanz tun? Was gibt es denn, bei dem ich kein Aber verspüre?

Der Musiker und Schauspieler Christian Steyer mit seinem Jazzchor fällt mir ein. Wie der mich hineinnimmt in die lebensbejahende Energie, die von seinen Konzerten ausgeht. „Alte Weihnachtslieder neu interpretiert.“ Das gelingt ihm, ohne sie auch nur im Geringsten modisch zu verpacken. Ihr guter alter Sinn, bewahrt in ihren gealterten Worten und Bildern, sprechen unmittelbar zu mir; und ich lebe doch heute in einer sehr anderen Welt. Wenn Christian Steyers Solistenchor singt: „Fürchte dich nicht!“, dann verliere ich meine Angst.

Mir ist das ganz klar: In dem alten Fest Weihnachten steckt eine Sehnsucht nach Leben; mehr noch als bloß die Sehnsucht, auch schon die Erfahrung, dass gelebt werden darf und kann. Und die ergreift und erfüllt mich. Ich werde dankbar und muss jubeln. Ja, Weihnachten ist schön, weil es gut tut. Nicht zufällig wird es gefeiert in den kurzen, dunklen Tagen des Winters, an denen die Sonne zeigt, dass sie sich nicht unterkriegen lässt.

Und es sind nicht nur die Lieder, es ist die Musik überhaupt, die mich für den Inhalt des Festes öffnet. Weihnachten ohne Corellis Weihnachtskonzert oder Bachs Weihnachtsoratorium, geht das für mich? Und ein bisschen gehört Johnny Cashs sentimentales „Silent night“ auch noch dazu.

Und noch etwas gefällt mir an Weihnachten: Ich esse gern, und zu Weihnachten besonders gern, Gänsebraten. Der Popmusiker Frank Zander fällt mir ein, der Jahr für Jahr für obdachlose und bedürftige Menschen ein Weihnachtsessen organisiert. Und das nun schon seit über zwanzig Jahren. Mehr als dreitausend Menschen waren es beim letzten Mal. Weihnachten ist ein Fest der Gelegenheiten, sich und anderen das Leben schön zu machen.

Auf den Punkt gebracht: Ich finde Weihnachten schön mitsamt dem geschmückten Baum im Zimmer. So weit wie der norddeutsche Dichter und Schriftsteller Theodor Storm, der durchaus kein Freund der Religion war, erst recht nicht der christlichen, will ich nicht gehen. „Weihnachten – es war immer mein schönstes Fest“, hat er gesagt. Nein, aber schön ist es schon.

Ich denke an meinen Freund. Der hält Weihnachten nicht aus. Ich habe ihm einmal ein paar Verse geschmiedet.

Das Weihnachtsfest – was soll ich sagen?

Ich kenne ein´n, der stellt sich immer tot.

Er leidet an den süßen Tagen.

Sieht er ´nen Weihnachtsmann, dann sieht er rot.

Der ganze Rummel, das Getue!

Die Stille Nacht ist nur sentimental.

Es gibt sie nicht, die Himmelsruhe.

Ihr seid doch alle krank, verdammt noch mal!

„Der strafende und belohnende Weihnachtsmann ist doch furchtbar und der mit der Colaflasche in der Hand auch. Erst recht der, der mich ständig zwingen will, zu kaufenkaufenkaufen.“

Ich habe die Worte meines Freundes noch im Ohr.

Es sind auch meine Worte. Was da abläuft, macht auch mir schlechte Laune. Der Geschenkezwang, das ganze weihnachtliche Kaufgehabe, das schon längst auf Touren läuft, bevor die Adventszeit begonnen hat. Die Einforderung von Familienharmonie: Heiligabend sitzt man zusammen mit Eltern und Schwiegereltern bei sich zu Hause, am ersten Feiertag mit den Eltern in ihrer Wohnung und am zweiten dann mit den Schwiegereltern in deren Wohnung. Und zu alledem, was mir das Fest verleidet, kommt noch die unaufhörliche Berieselung mit weichgespülter Weihnachtsmusik.

Mein Freund ist Theologe wie ich auch.

„Was die Kirche da macht, zu Weihnachten – wie will sie das verantworten?“ Er war empört. „Sie fördert die völlige Leere dieses Festes. Dabei beansprucht sie doch, einen wichtigen Inhalt zu haben, wegen dessen es sich lohnen würde, Weihnachten zu feiern.“

Mein Freund hat keine Hoffnung mehr, dass sich das ändern wird. „Solange noch Menschen kommen, tut man alles, sie zu halten. Wenn sie nur kommen und sogar mitmachen – das ist doch das Wichtigste für die Kirche. Wichtiger als die Frage, was die Wahrheit von Weihnachten ist oder sein könnte, vielleicht sogar sein sollte.“

Was habe ich entgegenzusetzen? Es stimmt ja, was er sagt. „Da haben wir mit Kindern ein Krippenspiel eingeübt, dessen Geschichte für die Erwachsenen längst unglaubwürdig geworden ist. Wovon handelt es? Vom Jesuskind im Stall, von Engeln und Hirten und den Heiligen drei Königen.“ „Na ja, für Kinder und Familien …“, hatte ich eingewendet.

„Du verstehst mich falsch, wenn du denkst, dass ich etwas gegen Krippenspiele habe“, hatte er widersprochen. „Doch wir müssen fragen, was für welche? Was vermitteln sie denn? Haben Kinder kein Recht auf Wahrhaftigkeit?“

Doch, natürlich, denke ich.

Und was mein Freund zu den Gottesdiensten gesagt hatte, hatte auch nicht ermutigend geklungen. Dabei ist er ein milder Mensch. Die prophetische große Geste liegt ihm völlig fern.

„In den Gottesdiensten“, so behauptete er, „werde an ein paar abgegriffenen großen Begriffen wie Frieden, Gnade, Menschwerdung … versucht, die alte Geschichte gegenwärtig zu machen. Sicherlich ehrlich gemeint. Aber wie soll das gelingen? Hier bei uns, wo doch bei so vielen das Wort Gott längst zu einem Fremdwort geworden ist? Und das sind mehr Menschen als die, die sich dezidiert als Atheisten bezeichnen.“

Das ist ja auch mein Eindruck: Weihnachten ist für die Kirche gar kein Fest mehr, das der Welt gilt, sondern nur noch den religiös Interessierten. Dabei behauptet die Kirche genau das Gegenteil.

„Weihnachten ist ein Symbol“, sagte er. „Und dieses christliche Symbol ist gestorben. Man kann es nicht mehr auferwecken. Es ist verbraucht, vernutzt, tot.“

„Ich habe da noch meine Hoffnung“, habe ich dagegengehalten. „Die Kirche müsste nur ein kritischeres Problembewusstsein haben.“

„Mache dir nichts vor, Klaus. Weihnachten ist uns abhandengekommen.“

„Oder du ihm?“

„Ja“, sagt er nach einer Pause, „oder ich ihm. Aber da ist kein Verlustschmerz.“

Wir schwiegen und fühlten uns trotz der Differenz unsrer Empfindungen ganz miteinander verbunden.

„Und das mit der Wintersonnenwende ist doch auch kein Grund mehr, Weihnachten zu feiern“, hatte er noch einmal das Wort ergriffen. „Dieses Ereignis der Natur war einmal von eminenter Bedeutung. Aber heute?“

Wieder musste ich ihm Recht geben. Ich kann auch nicht sehen, dass in unsrer lichtüberfluteten Zeit, in der die Nacht zum Tage gemacht wird und man vor lauter Lichtverschmutzung keine Sterne mehr sehen kann, die Sonnenwende eine entscheidende Rolle spielt. Unsere Entfernung von der Natur ist heute so weit gediehen, dass der jährliche Lauf der Sonne und damit der Wechsel der Jahreszeiten unser Leben weniger bestimmt als der Wechsel von Arbeit und Urlaub.

Was ist uns noch dieses Fest in diesen Dezembertagen wert?

Ich spüre den Druck dieser Frage und leide daran, dass die Mehrheit meiner Zeitgenossen sich diese Frage gar nicht stellt.

Vielleicht tun es am ehesten noch diejenigen, die versuchen, sich wegzuducken, diesen Tagen zu entkommen, irgendwohin. Da fährt einer los. Von den Malediven verspricht er sich Sonne, Wärme, Strand, Palmen, Erholung und vor allem Vergessen. Im Foyer seines Hotels begrüßt ihn ein Weihnachtsmann mit einem Weihnachtsengel an seiner Seite, der ihm eine Spekulatiusschachtel als Geschenk überreicht. „Merry Christmas“ sagen beide und ziehen ihn für ein Erinnerungsfoto zum Weihnachtsbaum, der neben dem Tresen steht.

Auf den Punkt gebracht: Weihnachten ist ein Gräuel.

Der nicht muslimische Weihnachtsbaum

Von einem schlechten Gewissen zu sprechen, wäre wohl falsch. Dazu gab es auch keinen Grund. Wir sind schließlich immer offen und ehrlich miteinander umgegangen. Aber ganz wohl muss sich der Kitaleiter in seiner Haut nicht gefühlt haben, nachdem er mich wieder ausgeladen hatte. Zumal er mit diesem Schritt einer in seinem Erzieherteam schon vorher aufgebrochenen Diskussion über Weihnachten neuen Zündstoff gegeben hatte. Sie lief kontrovers hin und her, ohne klare Positionen aufzuweisen. Dies und das wurde behauptet und gefordert und keiner, auch der Leiter nicht, wusste wirklich, wo es lang gehen sollte.

Dass es Schwierigkeiten gab, ahnte ich. Diese Ahnung wurde bestätigt, als mich der Leiter der Kindertagesstätte anrief und zum Kita-Schnack einlud. „Ein bisschen kurz, gleich morgen, am Freitag, aber ich hoffe, du kannst kommen.“

Beim Kita-Schnack handelte es sich um eine Runde außerhalb der Dienstzeit, in der man sich ohne Tagesordnung und Protokollzwang austauschen und näherkommen wollte. Wer konnte, brachte etwas zu essen oder zu trinken mit. Ich spendierte eine Stolle. Die Belegschaft war ein buntes Völkchen, das ich mochte. Ihr waren die Kinder wichtig; das gefiel mir.

Ich konnte einen Termin umlegen und ging hin. Am Eingang zur Kita traf ich einen Mitarbeiter, der gerade einen Adventskranz an der Decke befestigt hatte.

„Ist er runtergefallen?“, fragte ich.

„Nee … öh … nein, ich habe ihn eben erst angebracht.“

„Sonntag ist doch schon der zweite Advent. Ein bisschen spät – oder?“

Meine Frage klang nicht tadelnd, sondern interessiert. Ich bekam aber nur eine ausweichende Antwort.

„Naja, lohnt doch noch.“

In der Runde mit der Kitabelegschaft erfuhr ich dann, dass im Eingangsbereich ein Weihnachtsbaum gestanden hatte, den Kinder mit Engeln, Strohsternen und selbst gebastelten Figuren, kleinen Bildchen und Wollkugeln geschmückt hatten. An der Spitze war ein goldener Stern mit einer Bleifassung und goldgelben Glasfenstern angebracht, der beleuchtet war.

„Den Baum haben wir jetzt durch den Adventskranz ersetzt.“

„Und warum?“

Etwas zögerlich kam die Antwort. „Weil es Ärger gab. Mit einem muslimischen Vater. Der meinte, dass die religiösen Gefühle seiner zwei Kinder in der Kita durch dieses christliche Symbol verletzt würden.“

„Und der Adventskranz tut das nicht?“, fragte ich.

„Der ist neutral. Wenn der Vater auch gegen den was haben sollte, dann bleiben wir hart. Das haben wir uns alle vorgenommen. Er muss ja auch unsre Traditionen respektieren, wenn sie nicht diffamierend wirken.“ Der Leiter schaute in die Runde. Alle nickten.

„Der Weihnachtsbaum wirkt diffamierend?“

Meine Frage klang erstaunt.

„Naja, nicht direkt, aber er ist eben ein christliches Symbol, so wie das Kreuz zum Beispiel auch. Oder wie auf der anderen Seite das Kopftuch.“

„Hm.“ Ich war irritiert. Endlich sagte ich: „Ich möchte dazu etwas klarstellen. Aber vorher habe ich noch eine Frage an euch. Was ist euch das Wichtigste an Weihnachten? Was ist euch so wichtig, dass es für euch nicht richtig Weihnachten wäre, wenn es fehlen würde?“

„Jetzt willst du hören, dass Jesus geboren wurde“, sagte ein junger Erzieher. Seine Bemerkung klang beherrscht und zugleich aggressiv. Erst vor Kurzem hatten wir ihn nach langen Diskussionen im Gemeindekirchenrat und im Kreiskirchenrat und mit Sondergenehmigung des Konsistoriums eingestellt. Er hatte von seinen Eltern her zu einer fundamentalistisch ausgerichteten evangelischen Freikirche gehört. Aus der war er gerade ausgetreten, wie er uns offen bei seiner Bewerbung mitgeteilt hatte. „So ’n Quatsch kann und will ich nicht mehr glauben.“

Nun gehörte er keiner christlichen Kirche an, womit er die geltenden Anstellungsvoraussetzungen nicht mehr erfüllte.

„Ich will eure Meinung hören, nicht die, die ihr für meine haltet.“

Ich gab mir Mühe, dass meine Antwort nicht ärgerlich klang.

Eine Frau sagte, dass ihr das mit Jesu Geburt schon wichtig sei, auch wenn es vielleicht nicht genau der 24. Dezember war.

Fast alle nannten die Geschenke, vor allem die an die Kinder, den Weihnachtsmann, den Weihnachtsbaum und ein harmonisches Zusammensein im Familienkreis und auch Kollegenkreis als wesentlichen Bestandteil des Weihnachtsfestes.

„Das alles hat ja mit Kirche eigentlich nichts zu tun“, fasste der Leiter zusammen. „Im Grunde kann da doch keiner wirklich was dagegen haben.“

„Aber einer hatte was dagegen!“ Ich schaute den Leiter an. „Und ihr habt gleich nachgegeben.“

„Nun, gut, wir wollten tolerant sein. Wir wollten ihn nicht verletzen. Im Übrigen haben wir abgestimmt.“

Dem Leiter war nicht wohl bei der Sache. Das sah man ihm an. Eine ältere Erzieherin versuchte, die beklemmende Situation zu verändern.

„Ich finde, zu Weihnachten muss auch gesungen werden. Überhaupt Musik, Blockflöten und so …“ Ich sah sie interessiert an.

„Und die Kinder sollen auch etwas aufsagen oder wenigstens vorlesen.“

„Sagte sie das meinetwegen?“, fragte ich mich.

„Es muss ja nicht unbedingt etwas aus der Bibel sein“, fügte sie noch hinzu. Mir war klar: Das sagte sie wegen ihrer Kollegen.

Am Ende der Diskussion kam noch jemand mit der Wintersonnenwende. „Die sollte vielleicht auch in den Mittelpunkt gerückt werden.“

„Würde dir ohne die Sonnenwende zu Weihnachten was fehlen?“, fragte ich nach.

„Nicht unbedingt“, gab er zu.

„Nun, ich will einiges klarstellen“, sagte ich. „Erstens: Der Weihnachtsbaum ist kein christliches Symbol. Im Gegenteil, in der Kirche wetterte man eine Zeit lang gegen den heidnischen Brauch, geschmückte Weihnachtsbäume aufzustellen, wie es die reichen Bürger in ihren Wohnungen taten. Den Adventskranz könnte man schon eher als Symbol des christlichen Glaubens verstehen, denn der Theologe und Erzieher Johann Hinrich Wichern war auf die Idee gekommen, ein ausgedientes Wagenrad mit kleinen Kerzen – für jeden Adventstag eine – und mit vier großen Kerzen, zusätzlich für die Adventssonntage, zu schmücken. Ich meine, es war so um 1840. Später kamen Tannenzweige dazu. Wichern hatte, wie ihr wisst, verarmte Kinder um sich gesammelt, mir denen er im „Rauhen Haus“ in Hamburg zusammenlebte. Jetzt konnten sich die Kinder selber ausrechnen, wann endlich Weihnachten ist, nämlich dann, wenn alle Kerzen brennen. Und warum Kerzen? Weil Gott mit Jesu Geburt Licht in die Welt gebracht hat. So hatte Johann Hinrich Wichern sich das gedacht. Von wegen, der Kranz ist neutraler als der Baum. Es ist genau umgekehrt, als ihr meint.

Zweitens: was ihr für wesentlich beim Weihnachtsfest haltet: die Geschenke für die Kinder, das Singen von Liedern bzw. Musikmachen und überhaupt das Feiern in der Familie, das alles ist erst durch Martin Luther, also durch die Kirche, möglich geworden. Das gab es vorher überhaupt nicht. Luther hat für diese Entwicklung das Tor aufgemacht. So richtig entwickelt hat sich das dann allerdings erst später.“

„Moment! Man hat sich vorher zu Weihnachten nichts geschenkt?“, unterbrach mich ein Erzieher.

„Richtig. Nichts. Nicht einmal die Kinder haben was gekriegt.

Weiter. Drittens: Den Weihnachtsmann würde es nicht geben ohne den Heiligen Nikolaus, der ein Bischof gewesen war, also ohne die Kirche.“

„Moment mal. Der Nikolaus, der hat gelebt?“ Es war noch einmal derselbe Erzieher.

„Ja, Nikolaus war der christliche Bischof von Myra. Die Stadt liegt heute in der Türkei und heißt Demre. Er ist am 6. Dezember 343 gestorben.“

„Nach Christus oder vor Christus?“

Ich schaute den Fragesteller verwundert an. Kann man heute nicht einmal die fundamentalsten Dinge voraussetzen?

„Nach Christus“, sagte ich und verschluckte ein „Natürlich. Wie kann man so dumm fragen.“

„Ausgerechnet am Nikolaustag ist der Bischof Nikolaus gestorben? So´n Zufall.“ Die Erzieherin, die den Zwischenruf gemacht hatte, sah mich erstaunt an.

„Der 6. Dezember wurde zum Tag des Heiligen Nikolaus, weil es sein Todestag war“, klärte ich sie auf. Sie staunte noch immer. „Und warum nahm man ausgerechnet den? Und nicht den Geburtstag?“

„Weil den Christen der Geburtstag nicht wichtig war. Den haben sie nicht gefeiert. Das machten nur die Heiden. Da euch diese Formulierung vielleicht diskriminierend erscheinen mag, sage ich mal lieber statt Heiden: die Nichtchristen.

Und damit bin ich bei Punkt vier: Die Geburt Jesu am 24. Dezember ist eine Legende, die die römischen Kaiser aufgebracht haben. Dass man ein Weihnachtsfest feiern sollte als Geburtstag Jesu Christi und das noch dazu am Tag der Wintersonnenwende, das war den Christen überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Über dreihundert Jahre lang nicht. Ostern war ihnen wichtig. Aber nicht Weihnachten. Nun aber, nach 381, als das Christentum von den römischen Kaisern zur Staatsreligion erklärt worden war, wurde Weihnachten zu einem staatlichen christlichen Fest.

Ich fasse mal zusammen: Alles, was ihr an Weihnachten für wesentlich haltet, und womit ihr euch absetzen wollt von der Kirche, hat seine Bedeutung durch die Kirche. Und das, was ihr für typisch kirchlich haltet, den Weihnachtsbaum, der gerade stammt nicht aus der Kirche!“

Schweigen.

„Ich nehme noch mal was von deiner Stolle“, sagte endlich jemand. „Wenigstens die ist ja neutral.“

„Die Stolle kam im 14. Jahrhundert auf und sollte das gewickelte Jesuskind widerspiegeln.“ Ich sagte das ganz sachlich ohne triumphalen Unterton. Aber wurde es auch so gehört?

Wieder Schweigen.

Endlich meldete sich der Kitaleiter zu Wort. Er versuchte, sein Team in Schutz zu nehmen.

„Klaus, jetzt hast du es uns mal so richtig gegeben, denkst du. In Wahrheit hast du hier nur den Oberlehrer raushängen lassen, um uns zu erniedrigen. Ich finde, so etwas ist nicht kollegial. Das, was du gesagt hast, ist deine persönliche Meinung, deine ganz subjektive Sicht. Man kann das auch anders sehen.“

„Und wie?“

„Ich bin da kein Experte. Aber es gibt nie nur eine Meinung.“

„Jeder hat seine persönliche Sicht. Natürlich“, erwiderte ich. „Aber deshalb kann nicht jeder behaupten, was er will. Was ich gesagt habe, kann jeder wissen, der es wissen will. Und das sollte auch jeder wissen, zumal, wenn er verantwortlich ist, fürs Weihnachtsfeiern.

Auch wenn die Geschichtswissenschaft nicht ganz so sichere Urteile erlaubt wie die Naturwissenschaft – an dem, was ich gesagt habe, kann keiner vorbeigehen, der ernst genommen werden will. Wenn ihr das für eine Belehrung haltet – gut, dann war es eine, aber keine, mit der ich euch erniedrigen wollte.“

„Es mag ja stimmen, dass der Weihnachtsmann aus dem Heiligen Nikolaus entstanden ist. Ich will, das gar nicht bestreiten.“ Der jüngst eingestellte Erzieher ergriff das Wort. Angriff ist die beste Verteidigung, wird er sich gedacht haben. „Aber man muss doch fragen: warum denn? Vielleicht wollte man an Heilige nicht mehr glauben? Ich behaupte mal: Der Weihnachtsmann ist das Ergebnis einer Emanzipation. Er ist die befreite weltliche Variante des alten kirchlichen Heiligen. Den brauchen wir nicht mehr. Wir haben den Weihnachtsmann!“

Das Wort Weihnachtsmann klang wie eine Fanfare.

„Ja, das stimmt“, gab ich zu. „Die Figur des Weihnachtsmanns hat sich nach der Aufklärung entwickelt. Wobei freilich verschiedene Aspekte bei diesem Prozess eine Rolle gespielt haben. Zum Beispiel die der groben, bedrohlichen Gestalten des Winters. Im norddeutschen Raum der Knecht Ruprecht, im fränkischen der Pelzmärtel oder, besonders schlimm, der Krampus in den Alpengebieten. Ich denke schon, wie du, dass man den Weihnachtsmann unter dem Gesichtspunkt einer Befreiung von kirchlicher Bevormundung sehen kann. Die Kirche verlor ihr alleiniges Recht auf die Gestaltungshoheit des Weihnachtsfestes. Aber was ist eigentlich dabei herausgekommen? Der deutsche Weihnachtsmann straft und belohnt. Findest du diese Angst machende Pädagogik gut? Der amerikanische Weihnachtsmann lebt mit seiner Frau am Nordpol in einem Walt-Disney-Idyll mit Zwergen, Elfen und Wichtelmänner. Ist das aufklärerisch? Und der heutige weltweit anzutreffende Weihnachtsmann will nur eins von mir: Ich soll schenken und das heißt, ich soll kaufen. Er ist der Retter des Einzelhandels und der Motor unserer Wirtschaft. Hältst du das wirklich für einen Fortschritt? Es reicht nicht, gegen die Kirche zu sein. Man muss auch wissen, was man positiv will.

Und damit bin ich wieder bei euch. Was feiert ihr eigentlich, wenn ihr Weihnachten feiert?“

„Ein paar Wegweiser könnten nicht schaden“

Ich habe diesen Satz mal bei der amerikanischen Schriftstellerin Pearl S. Buck gelesen. Auf dem Nachhauseweg von der Kita ging er mir nicht aus dem Kopf. Ebenso wenig wie der Satz aus der Bibel:

„Sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

Ich weiß, das Bild ist verbraucht. Aber es ist doch wirklich so, dass sie ziellos sind. Und deshalb machen sie dieses oder jenes, aber es ist keine Linie darin. Sie meinen es gut. Keine Frage. Aber gut gemeint ist, wie man so sagt, noch lange nicht gut.

Wie konnten sie bloß den Weihnachtsbaum am Kita–Eingang wegräumen! Wissen sie nicht, dass grüne Zweige und geschmückte Bäume in der Kulturgeschichte der Menschen eine wichtige, überaus positive Rolle spielen? Nein, sie wissen es nicht. Aber warum war ihr pädagogisches Gewissen so schwach? Die Kinder ihrer Kita haben den Baum geschmückt! Allein diese Tatsache hätten sie dem aufsässigen Vater doch entgegenhalten können. Und sie hätten mit ihm in den Koran schauen sollen, um ihm zu zeigen, wie der kleine Isa, noch in Maryams Leib, wie also der kleine Jesus noch vor seiner Geburt seiner Mutter Maria, Kraft und Zutrauen gegeben hat, als diese weit weg in der Wüste am Verzweifeln war und sich wünschte, tot zu sein.

„Sei nicht traurig … schüttele die Palme … und sie wird frische reife Datteln auf dich fallen lassen. Iss und trink und sei frohen Mutes …“

So zu lesen in Sure 19.

Der Weihnachtsbaum steht doch nicht für eine christlich-dogmatische Lehre von einem dreieinigen Gotteskind, die einem Muslim anstößig ist. Selbst das allein wäre auch noch kein Grund gewesen, dem Vater nachzugeben. Der Tannenbaum ist doch ein Symbol für Treue und Trost und Kraft zu jeder Zeit. „Was euch die Palme ist, ist uns der Tannenbaum“, hätten sie dem besorgten Vater sagen sollen.

„O Tannenbaum, o Tannenbaum,

wie grün sind deine Blätter.

Du grünst nicht nur zur Sommerzeit.

Nein, auch im Winter, wenn es schneit …“

Das kommt dabei heraus, wenn man nicht fragt, worum es eigentlich geht, wenn man Religion abtut, als überlebt, als unwichtig, als etwas, über das man erhaben ist, wofür man sich nicht interessieren muss. Ich will auch keine kirchliche Indoktrination, ich will auch keine pastorale Bevormundung, Ich bin da völlig einig mit ihnen. Jedoch dass sie ihr Desinteresse, ihr Gar-nicht-etwas-wissen-wollen, ihr Schwanken, ihre mangelnde Orientierung noch als Toleranz ausgeben – da halte ich gegen. Aber ich muss mir auch sagen: Dass sie so sind, kommt nicht von ungefähr. Wenn sie beim Thema Weihnachten an die Kirche denken, warum fällt ihnen dann immer gleich eine kirchliche Ideologie ein, mit der sie nichts am Hut haben wollen? Da soll ein Gott sein, der seinen Sohn vom Himmel auf die Erde geschickt hat, als armes Kind, im Stall geboren, damit der die Welt rettet. Das glaubt doch keiner mehr. Die Welt legt doch immer noch im Argen.

Ich frage mich das schon: Warum hat die Kirche die Menschen nicht darüber aufgeklärt, dass alles, was sie über Gott aussagt, bildhaft gemeint ist und nicht als objektiv gemeinte Tatsachenbehauptung geglaubt werden soll und darf? Warum hat sie die Kirche nicht ermutigt, kritisch mit der Tradition umzugehen? Warum provoziert die Kirche selber so viele Vorurteile gegen sich?

Vielleicht, weil sie selbst gar nicht ernsthaft genug nach ihrer Wahrheit fragt, sondern sich nur damit abmüht, dass der Laden läuft? Und weil sie dazu Menschen braucht, will sie keinen verschrecken. Lasst sie glauben, was sie wollen, Hauptsache, sie spielen bei uns mit. Ist es das?

Mir gefallen meine Gedanken nicht. Werde nicht bitter, rede ich mir selber zu. Vergiss nicht, dass du selbst auch Kirche bist, wie du es oft genug dir und den Menschen gesagt hast. Vergiss nicht, dass du selber auch nicht immer in der Ehrlichkeit und Klarheit geredet hast, die nötig gewesen wäre. Deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche sind konfliktscheu, harmoniebedürftig, müde und manchmal auch denkfaul, gewiss – aber so wie du auch.

Plötzlich war der Gedanke da: Ich sollte ein Buch schreiben!

Ja, Klaus, lege einmal alles so dar, wie du es siehst. Schreibe darüber, was es mit dem Weihnachtsfest auf sich hat. Wie es entstanden ist, wie es sich entwickelt hat, wie es früher war und was es heute ist und was es dir bedeutet. Aus deiner Sicht! Natürlich, anders geht es ja gar nicht. Aber doch so, dass jeder, der an dem Thema interessiert ist, an dem, was du schreibst, nicht vorübergehen kann. Was du sagst, muss belegbar sein, begründet und nachvollziehbar. Schreibe dieses Buch!

Ich werde ein Buch schreiben

Ich werde in meinem Buch davon erzählen, wie es früher war, nehme ich mir vor. Sonst kann man nicht verstehen, wo wir heute mit dem Fest stehen. Aber was heißt früher? Wieweit muss ich zurückgehen? Seit wann wird Weihnachten gefeiert?

Das, was für unsere heutige Zeit Weihnachten ausmacht, ist ja im Großen und Ganzen erst im 19. Jahrhundert entstanden. Der Weihnachtsbaum – gewiss, 1539 wird er das erste Mal erwähnt, in Straßburg. Aber zu seiner großen, inzwischen weltweiten Bedeutung kam er doch erst in der Goethezeit und danach, also im 19. Jahrhundert. Ebenso der Weihnachtsmann. Und die große Rolle, die die Familie bei diesem Fest spielt. Und natürlich, das Schenken und auch das Singen. Das alles gibt es doch erst seit sagen wir etwa 250 Jahren.

In dieser Zeit ist der Einfluss der Kirche mehr und mehr zurückgegangen. Im neunzehnten Jahrhundert war zwar der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes noch weitgehend üblich, der Hauptakzent des Festes lag aber schon auf der Familie. Dorthin hatte sich das Fest mehr und mehr zurückgezogen. Es wurde zu einem familiären, ja privaten Fest. Erst nach dem Kirchgang fing Weihnachten so richtig an. Dann brachte das Christkind die Geschenke oder sogar der Weihnachtsmann höchstpersönlich.

Aber davor, als es dieses alles, was unsre Zeit heute für wesentlich hält, noch gar nicht gab, gab es doch auch schon Weihnachten!

Mit Luther wurde diese Entwicklung möglich. Er begann damit, Kinder zu Weihnachten zu beschenken. Daraus ist dann die Sitte entstanden, dass sich auch Erwachsene etwas schenken. Inzwischen ist daraus eine Geschenkorgie geworden. Mit Luther bekam die Feier in der Familie eine Bedeutung. Aber nicht, wie es heute der Fall ist, die alleinige. Für Luther war die kirchliche Verkündigung noch zentral. Gott wurde Mensch in dem Kind im Stall. Und weil dieses die Liebe in Person ist, erkennen wir an ihm, dass wir von der Liebe leben und für die Liebe leben sollen. Also sollte man die Kinder zu Weihnachten beschenken.

Aber vor Luther gab es doch auch schon Weihnachten!

Im zwölften Jahrhundert taucht zum ersten Mal der Begriff„ze wihen nath … zur geweihten Nacht“auf. Es hatte Jahrhunderte gedauert, ehe das Fest aus dem gottesdienstlichen Kalender ins Leben der einfachen Leute gewandert war und dort allmählich vorchristliches Gedankengut durchtränkt und manchmal auch verdrängt hatte.

Die zwölf Rauch- oder Raunächte von der Sonnenwende bis zum 6. Januar galten als besonders heilige, das heißt, auch gefährliche Nächte. In ihnen, so sagte man, treiben Geister, Dämonen, Hexen … ihre „wilde Jagd“ durch die Lüfte, angeführt vom Gott Odin.

Man stellt ihnen am besten etwas Essbares vor die Tür und verhält sich ganz unauffällig. Vor allem soll man nicht arbeiten, erst recht keine Wäsche waschen. Das weiße auf der Leine aufgehängte Tuch könnte zum Leichentuch werden.

In der Nacht zum 6. Januar wurde dann das ganze Haus ausgeräuchert. Der Qualm von verbrennenden Mistelzweigen, Beifuß oder anderen geeigneten Pflanzen treibt das Böse aus, so versprach man es sich von dieser Aktion. Das klappte aber nur, wenn man entgegen dem Uhrzeiger durch die Räume ging.

Unter dem Einfluss der Kirche sollte man diese Zeit zur Besinnung nutzen, nicht nur sein Haus, sondern auch sein Leben aufzuräumen. Und zum Ausräuchern war Weihrauch in Priesterhand sicherlich auch wirkungsvoller.

Das erste Singen der Gemeinde konnte man etwa um 1200 herum hören. Bisher hatte nur der Priester gesungen. Sogenannte Leisen, in Deutsch gesungen, entwickelten sich. Die Bezeichnung ist vom Kyrie eleison abgeleitet.

Aus dem Schaukeln von Kinderkrippen entwickelte sich der Brauch des Kindelwiegens. Mädchen ziehen, während sie singen, an einem Band und bringen dadurch ein Babyschaukelbett in sanftes Schwingen. Das Lied „Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein …“ hat in diesem Brauch seinen Ursprung.

Im 13. Jahrhundert fing es mit den Krippenspielen an. Mit lebenden Personen und Tieren wurde die Weihnachtsgeschichte nachgestellt, woraus sich ein Spielen ergab. Die Hirten im Stall und die Weisen aus dem Morgenland begegneten sich.

In der Bibel begegnen sie uns so getrennt wie der Pinguin vom Südpol und der Eisbär vom Nordpol. Diese treffen sich erst im Zoo, so wie die Hirten und die Weisen sich nun in einer gespielten Weihnachtsgeschichte begegneten.

Die Weisen waren bereits zu den Heiligen drei Königen geworden und hatten seit dem 6.Jahrhundert auch schon ihre Namen: Kaspar, Melchior und Balthasar.

Ohne Franz von Assisi gäbe es das Krippenspiel nicht. Am 25. Dezember 1223 hatte er im Wald von Greccio begonnen, mit lebendigen Menschen, Ochsen und Eseln und Heu und Stroh der Gemeinde sichtbar vor Augen zu führen, dass Gott uns in Niedrigkeit und Armut begegnet. Zugleich wollte er aber auch zeigen, wie reich wir durch Gottes Zuwendung beschenkt worden sind und uns unsres Lebens freuen dürfen. Die Kinder sollen sich richtig satt futtern, hat er gemeint, keiner soll zu kurz kommen, selbst „die Wände sollen Fleisch essen.“

Weil nicht jede Gemeinde ein großes weihnachtliches Krippenspiel auf die Beine stellen konnte, kamen bald geschnitzte Krippen auf, meistens bemalt, ein Ersatz sozusagen.

Aber vor dieser mittelalterlichen Zeit, da war doch auch schon Weihnachten!

Ja, aber lediglich als Festtag im kirchlichen Kalender, mit seinem speziellen Inhalt und entsprechender liturgischer Ausprägung, aber ohne ein besonderes für das Volk interessantes Profil. Ostern und an vielen Orten Marienfeste waren wichtiger. Für das Weihnachtsfest brauchte man nur Jesus Christus, ohne den es kein Christentum geben würde, seine Geburt, durch die Gott Mensch wurde. Mensch freilich, nicht ganz so, wie wir Menschen sind. Seine Zeugung vollzog sich anders als bei uns Normalsterblichen. Es bedurfte dazu keines männlichen Spermiums mit Y-Chromosomen, das in die Eizelle eindrang. Aber davon wussten die antiken Geschichtenerzähler auch noch nichts. Für die Bevölkerung war an Weihnachten wichtig, dass nach der Messe oder Mette, wie man mancherorts auch sagte, endlich wieder nach Wochen des Fastens gegessen werden durfte. Am liebsten eine Mettensau, wenn man sie sich denn leisten konnte.

Dieses Weihnachten, als Geburt des auf der Erde erschienenen Gottes, der das Licht in unsere finstere Welt gebracht hat, war im vierten Jahrhundert entstanden. Für den 25. Dezember 354 ist es zum ersten Mal in Rom belegt. Ab 381 wurde das Fest allgemeingültig. Denn in diesem Jahr wurde die Absicht von Kaiser Theodosius zum verbindlichen Beschluss, das Christentum zur Staatsreligion zu erklären. Der 25. Dezember gilt seitdem als Geburtstag Jesu. Verpflichtend für jeden ohne Ausnahme wurde er, als Kaiser Justinian über hundert Jahre später diesen Tag zum gesetzlichen Feiertag erklärte.

Aber davor? Hat es da nicht auch schon ein Weihnachtsfest gegeben?

Bei den Christen nicht. Sie wurden vom Staat noch verfolgt und zogen sich bei Pogromen in ihre oft unterirdischen Verstecke zurück.

Aber bei den Römern.

Sie feierten am 25. Dezember die Geburt eines göttlichen Kindes, eines Knabens namens Mithras, der Licht in die Welt bringen sollte. Mit seiner Strahlenkrone auf dem Kopf galt er als unbesiegter und wohl auch unbesiegbarer Sonnengott. Ein Vatergott schickte ihn auf die Erde, um den Stier, Symbol des Bösen, zu töten. Er wurde in einer Felsengrotte geboren, von einer Jungfrau; deshalb nannte man ihn auch den Felsgeborenen. Hirten waren Zeugen der Geburt. Die geschah am längsten und dunkelsten Tag des Jahres, am 25. Dezember.

Wer zur Kultgemeinde gehören wollte, musste Wasser-, Feuer- und andre Mutproben bestehen. Getauft wurde man mit Stierblut. Hierarchische Weihegrade luden zur Karriere ein. Sein heiliger Tag war der Sonntag. Mithras selbst reichte vor seinem Tod zwölf seiner Anhänger ein letztes Abendmahl, Brot und Wein.

Es wurde erzählt, dass aus dem Schwanz des getöteten Stieres Reben und Getreide gewachsen sind. Nach seinem Tod erlebte Mithras seine Auferstehung.

Der ursprünglich in Persien beheimatete Gott Mithras wurde in der Kaiserzeit rasch im ganzen Römischen Reich bekannt, vor allem durch Legionäre, die vielfach diesem typischen Männergeheimkult beitraten. Seinen Höhepunkt erreichte der Kult um 200, nachdem Kaiser Commodus (180 – 192) sich ihm angeschlossen hatte.

Die Verbindung zu dem einheimischen altrömischen Sonnengott Sol wurde immer enger. Letztlich waren beide eins, zumindest in der Wahrnehmung der meisten. Mithras hieß bald ganz offiziell SOL INVICTUS MITHRAS.

Ich frage mich: Warum wissen die Menschen in den Gemeinden das nicht? Es würde ihnen sehr bekannt vorkommen.

Weil die Sonne mit ihrer Macht und ihrem Glanz sich herrlich als Symbol für Herrschaft eignet, war mit der Verehrung des Sonnengottes sehr schnell auch die Verehrung des jeweils herrschenden römischen Kaisers mitgemeint.

Mit welchem Argument sollte man dieses römische Kaisersonnenkultfest nicht ein Weihnachtsfest nennen, kein christliches, aber ein römisches?

Es wurde 219 durch den römischen Kaiser Elagabal angeordnet. Nach dessen Ermordung wurde es 274 durch Kaiser Aurelian erneut und nun endgültig etabliert.

Als 381 n. Chr. der römische Kaiser Theodosius eben dieses längst schon vorhandene Sonnengottfest zum Christusfest erklärte, dürfte im Empfinden so mancher römischer Bürger der Unterschied zu vorher gar nicht so groß gewesen sein. Was hatte sich denn schon groß geändert? Kaum mehr als der Name.

Und davor? Gab es da auch schon ein Weihnachten?

Ich denke ja. Denn es gab Feiern zur Wintersonnenwende im Dezember, wie verständlicherweise auch zur Sommersonnenwende im Juni. Tausende von Kultstätten für solche Feiern sind bekannt.

Goseck in Sachsen-Anhalt, etwa 5000 Jahre vor Christus entstanden, ist der älteste Sonnenkultort auf europäischem Boden, Stonehenge in Südengland wohl der bekannteste.

Wenn Menschen in der kalten, dunklen, längsten Nacht im Dezember der Kälte und Finsternis, ganz wörtlich und auch im übertragenden Sinne, ebenso wie ihre Hoffnung auf Wärme und Helligkeit, entgegensetzten und sich so Mut machten zum Leben – darf man das nicht eine geweihte Nacht nennen, eine Weihnacht?

Diese Kraft zum Dennoch gewannen die Menschen früher aus ihren Erfahrungen, die sie mit der realen Sonne am Himmel machten. Diese war für sie eine göttliche Macht, denn von ihr hing ihr Leben ab.

Wie anders gewinnen wir Menschen denn sonst unseren Lebensmut?

Doch immer nur aus Erfahrungen. Aus Erfahrungen, die uns tragen und Hoffnung geben. Dafür ist uns die Sonne das vielleicht wichtigste Symbol. Die Sonne geht jeden Abend unter und geht dennoch nie wirklich unter. Und selbst die langen kalten Wintertage bringen sie nicht um.

Ich mache mir das Ergebnis meiner Überlegungen klar:

Die lange, lange Geschichte des Festes im Dezember nimmt mir die Einäugigkeit, mit der man kirchlich auf das Weihnachtsfest blickt, als sei es das Fest der Geburt des Gottessohnes Jesus Christus und nichts anderes. Und erst recht nimmt es mir jede Lust, mich mit dem heutigen Weihnachtsmannweihnachten abzufinden und zu begnügen.

Jahrtausende lang existierte das Fest als Sonnenkultfest. Dann, spätestens seit 274 n. Chr. feierte man im Römischen Reich ein Kaisersonnenkultfest. Danach wurde daraus ein Christuskultfest, nachdem die Christen bis dahin die Geburt Jesu Christi überhaupt nicht gefeiert hatten.

Ohne Ostern kein Christentum, ohne Weihnachtsfest schon! Das Weihnachtsfest im Dezember ist also überhaupt keine christliche Erfindung.

Mit diesem Blick, der Jahrtausende übersieht, entdecke ich, dass das Fest in unseren Tagen seinen Charakter als Christuskultfest verliert. Damit geht wieder einmal eine lange Epoche des Festes zu Ende. Man könnte das Fest, wie es sich zurzeit weltweit etabliert, ein Weihnachtsmannkultfest nennen.

Bleibt die Frage: Was feiere ich, wenn ich Weihnachten feiere? Was ist mir ein ausreichender Grund für dieses Fest? Die Sonne? Die Familie? Die Geschenke? Oder dieser Jesus Christus? Oder was sonst? Oder ist mir das völlig egal? Hauptsache feiern?

Ich muss dieses Buch schreiben. Ich muss das alles darlegen und die Leserinnen und Leser mit dieser Frage konfrontieren: Was feierst du, wenn du Weihnachten feierst?

Mein Buch wird nichts bringen, was nicht jeder wissen kann und viele ja auch wissen, darunter nicht wenige, die es besser wissen als ich.

Mein Buch soll zur Klarheit verhelfen. Mit diesem hilflosen Herumschwimmen zwischen gar nicht mehr wirklich verstandenen Traditionsresten und Gewohnheiten will ich mich nicht abfinden.

Der Gedanke an das Buch hat sich in mir eingenistet. Ab jetzt wird kein Tag mehr vergehen, ohne dass ich nicht daran denke werde, was da alles hinein muss und wie ich das alles darstellen soll.

Ich machte so etwas wie einen ersten Probelauf und setzte kurzfristig einen Vortrag in der Gemeinde an.

 „Weihnachten – was feiern wir da eigentlich?“

Heute ist Sonnabend. Morgen kann ich die Veranstaltung in den beiden Gottesdiensten ankündigen. Mit zwei, drei Leuten kann ich eine Telefonkette in Gang setzen. Die Kita werde ich persönlich informieren.

Etwa 20 Personen erschienen zu meinem Vortrag. Damit konnte ich zufrieden sein. Aus der Kita kamen zwei. Na ja.

Als Einstieg erzählte ich von meinem Besuch in Newgrange, im Sommer dieses Jahres, wo man vor fünftausend Jahren schon am Tag der Wintersonnenwende im Dezember eine geweihte Nacht erlebte und das Leben feierte.

Eine Reise in die Vergangenheit

Opa, pass auf!“, rief mein hinter mir gehender Enkelsohn Luca.

„Was ist?“, fragte ich im Weitergehen, während ich mich nach ihm umdrehte. Da stieß mein Kopf auch schon gegen einen leicht in den Gang ragenden Felsen.

Der Führer unsrer kleinen Gruppe fragte mich, ob alles in Ordnung sei. „Mind your head“, ermahnte er uns noch einmal. Bloß auf den Kopf achthaben!

Langsam, leicht gebückt, gingen wir hintereinander den etwa zwanzig Meter langen Gang weiter, der ins Innere des gewaltigen Hügelgrabes führte, der einen Durchmesser von mindestens 75 Metern aufwies, wie ich in einem Flyer gelesen hatte. Der Gang wurde an den Seiten und oben von unbehauenen Felssteinen gebildet. Mein Eindruck war, dass er leicht aufwärts führte.

An seinem Ende öffnete er sich zu drei Kammern, je eine links und rechts und eine vorn als Abschluss. Unwillkürlich musste ich an ein dreiblättriges Kleeblatt mit einem langen Stiel denken. In Irland unvermeidlich. In der Mitte türmte sich ein konisch zulaufender etwa fünf Meter hoher Innenhohlraum auf.

Mir kam eine zweite Assoziation. Wie in einer Kathedrale mit Längsschiff, Querschiff, Apsis und Vierung, dachte ich. Dabei ist Newgrange 3000 Jahre älter als das Christentum, älter als die berühmtere Steinzeitkultstätte Stonehenge, älter sogar als die Pyramiden.

Meine Assoziation begegnete mir nicht einmal eine Minute später wieder, aber nun als kulturgeschichtliche Behauptung des Führers. Die christliche Kirchenbauform sei nicht vom Kreuz Christi herzuleiten, sondern von dieser Ganggrabanlage hier in Irland.

Ich habe das schon öfter erlebt, dass die Hüter großer Kulturgüter dazu neigen, ihre Schätze zum Maßstab für alles und jedes zu machen. Er erklärte auch die rechte Kammer zu einer Art Taufkapelle, weil sie eine wunderschön geschliffene Steinschale aufwies. Sie muss im Innern hergestellt worden sein, da sie gar nicht durch den Gang gepasst hätte. Ob es sich nicht auch um eine Opferschale handeln könnte, gab eine Frau zu bedenken. Der Führer räumte ein, dass das keiner genau wissen könne.

„Vielleicht haben die da auch Menschen geopfert, Opa. Kann doch sein oder?“ Im Moment interessierte sich mein Enkel sehr für vergangene Völker. Ägypter, Römer, Kelten, Germanen, die Wikinger, die Slawen. Gestern erst hatte er mir ein Buch über die Mayas gezeigt. Verständlich, dass er so fragt.

„Luca, das halte ich für sehr unwahrscheinlich“, antwortete ich ehrlicherweise.

In der anderen Kammer befand sich ein großer Stein. Ich dachte an einen Altar. Die obere Fläche wies eine Mulde auf, die Vorderseite wunderschöne Gravuren. Die habe ich auch schon auf anderen Steinen und Steinplatten gesehen. Besonders der große drei Meter lange Stein am Eingang des Ganges mit seinen Spiral- und Kreislinien fand meine ganze Bewunderung.

„Guck mal, Opa, das sind immer drei.“ Mein Enkelsohn versuchte, eine der verschlungenen Linien in der Luft nachzuzeichnen. Es gelang ihm nicht.

„Vielleicht haben die damals an Geburt, Leben und Tod gedacht“, gab ich zu bedenken. „Das ergibt doch drei.“

„Oder … oder … an Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft.“ Luca war stolz, dass ihm das eingefallen war. Jetzt war kein Halten mehr. „Oder … oder … Vater, Mutter, Kind, oder Körper, Seele und Geist oder …“

„Okay, Luca. Toll, was dir einfällt. Aber lass es gut sein“, bat ich.

„Ob das eine Schrift ist?“ Die Linien faszinierten ihn.

„Nach bloßen Verzierungen, die einfach nur schön sein wollen und nichts mehr, sieht mir das nicht aus. Aber was?“ Ich wusste es nicht.

Da ging plötzlich das spärliche Licht aus, das in der Anlage angebracht war. Es war stockfinster. Instinktiv griff der Zwölfjährige nach meiner Hand. Der Führer bat uns, aufmerksam auf das zu achten, was jetzt gleich geschehen werde.

Und das muss ich zugeben: Was jetzt erfolgte – ich lernte in der steinzeitlichen Anlage von Newgrange zu staunen, gründlich und ergriffen zu staunen. Ich bekam einen Eindruck von dem, was hier am 21. Dezember beim Aufgang der Wintersonne passiert, in jedem Jahr, etwa fünfzehn Minuten lang.

Ein Lichtstrahl fiel von Außen in den Gang und endete auf dem Boden, vielleicht einen Meter vor der steinernen Schlusswand. Was man für uns nur simulierte, war damals echt.

Der Guide erzählte uns, dass Professor Michael O´Kelly der erste Mensch der Neuzeit war, der hier dieses Naturschauspiel der aufgehenden Sonne am Morgen nach dem längsten Tag des Jahres erlebte. Der Professor hat hier in der stockdunklen Kammer gesessen, erklärte er uns, als am 21. Dezember 1967 um 09.58 Uhr britischer Sommerzeit ein erster Sonnenstrahl durch die Öffnung, die sich oberhalb des Eingangs befindet, in den Gang eindrang. Jetzt war mir klar, dass der Gang leicht nach oben führen musste, wenn das Licht auf den Boden treffen soll.

Der Lichtstrahl sei nach Schilderung des Professors immer größer geworden, erzählte uns der Guide. Dadurch habe das Grabinnere einen geradezu dramatischen Eindruck bekommen, weil die reflektierenden Einsprenkelungen in den Granitsteinen einen irisierenden Lichteindruck schufen. Da sich im Laufe der über fünftausend Jahre die Erdachse etwas verschoben habe, dürfte dieser Effekt früher noch größer gewesen sein als heute. Denn da müsste der Lichtstrahl direkt auf die hintere Kammerwand gefallen sein. Der Professor hatte in seinem Bericht vermerkt, sagte uns der Guide, dass der Lichtstrahl allmählich wieder schmaler geworden sei und ab 10.15 Uhr nur noch das spärliche Tageslicht in den engen Gang fiel.

Mir schien, als sei der tiefe Graben zwischen mir und den Menschen der Jungsteinzeit gar nicht mehr so tief. Die Botschaft ist doch überzeugend. Die Sonne schafft es! Sichtbar. Erfahrbar. Ab jetzt von Tag zu Tag mehr. Auf sie ist Verlass. Sie ist wieder im Kommen. Und mit ihr die Hoffnung. Nun wird wieder alles gut. Nässe, Kälte, Finsternis sind noch Realitäten, aber sie haben ihre Macht verloren. Die Tage werden wieder länger, und es wird heller werden. Und dann wird man das neue Leben sehen. Die Triebe, die Blüten. Ja, jetzt kann man es glauben: Die Sonne lässt uns nicht fallen.

Hut ab vor den Ahnen

Auf dem Weg zum Bus erzählte ich meinem Enkel, dass ich als junger Student einmal in Stonehenge war. „Auch ein Sonnenkultort aus der Steinzeit und noch größer. Aber etwas später entstanden. Kein Grabhügel. Da stehen große Steine im Kreis, bis an die sieben Meter hoch und jeder an die zwanzig Tonnen schwer. Einige sind aus Wales herangeschafft worden. Wie sie das ge…“

„Wo genau liegt Stonehenge?“, unterbrach mich Luca.

Mich freute die wache Intelligenz des Jungen. Was hilft ihm meine Ortsangabe Wales, wenn er nicht weiß, wieweit es von dort nach Stonehenge ist.

„In Südengland. Das sind über 225 Kilometer.“

„Wie haben sie die denn transportiert?“

„Auf dem Wasserweg vielleicht, mit untergelegten Baumstämmen gerollt … wer weiß, wie noch. Welche Feiern wurden da wohl begangen? Und hier auch. Beide Orte waren Sonnenkultstätten. Das steht fest. Newgrange war ausgerichtet auf die Wintersonnenwende und Stonehenge auf die Sommersonnenwende. Du weißt, wann die ist?“

„Opa, wenn die Wende von der Wintersonne am 21. Dezember ist, dann muss doch die andere vom Sommer genau ein halbes Jahr später sein, oder früher, wie du willst. Am 21. Juni natürlich.“ Er fand es unter seiner Würde, schien mir, dass ich ihm eine solche leichte Frage gestellt hatte.

„Opa, wir feiern doch Weihnachten, weil Sonnenwende ist. Wann Jesus genau geboren wurde, weiß ja keiner.“

„Jaaa“, sagte ich gedehnt. Worauf wollte er hinaus?

„Aber Weihnachten ist doch erst am 25. Dezember. Nie am 21.“

„Ich will dir erzählen, was ich dazu gelesen habe“, sagte ich. „Hast du schon einmal von Julius Caesar gehört?“

Natürlich hatte er. Wie konnte ich ihn nur so etwas fragen. Er wusste sogar, dass der am 15. März im Jahr 44 v. Chr. getötet worden war. Mit 23 Messerstichen.

„Meinst du, die hat damals einer gezählt?“ Ich wollte ihn skeptisch machen gegenüber all dem, was so kolportiert wird.

Er sagte nur trocken „Muss ja wohl.“

Ich erklärte ihm, dass Julius Caesar den römischen Kalender reformiert hatte. In diesem sogenannten Julianischen Kalender wurde der 25. Dezember als der Tag der Wintersonnenwende angegeben. Das war damals korrekt. Weil dieser Kalender aber naturwissenschaftlich nicht hundertprozentig genau war, entstand im Laufe der folgenden Zeit eine Diskrepanz zwischen dem, was der Kalender sagte, und dem, was die Natur tat. Es musste erneut eine Korrektur her.

Diese erfolgte durch die von Papst Gregor XIII. 1582 n. Chr. vorgenommene Kalenderreform. Dadurch verschob sich der längste Tag des Jahres auf den 21. Dezember. Da man das Weihnachtsfest aber auf dem 25. Dezember belassen hat, weil es an diesem Tag ja seit Jahrhunderten gefeiert wurde, war nun der ursprüngliche Zusammenhang zwischen der Gottesgeburt und der Sonnenwende zerrissen.

„Aha“, sagte er nur und versank ins Nachdenken. Nach geraumer Zeit sagte er: „Ich glaube, dass das damals in der Steinzeit für die Leute ganz schön schwer gewesen war.“

„Du meinst die Arbeit? Diese schweren Steine …“

„Nein. Also ja, das auch. Aber ich meine, die müssen doch Angst gekriegt haben, wenn die Sonne immer kürzer scheint und es immer kälter und dunkler wird.“

„Ja. Ich glaube schon, dass die Leute deutlich gespürt haben, wie unsicher das Leben ist. Und dann werden Orte wie Newgrange oder Stonehenge ihnen Halt gegeben haben. Wenn man bei ihnen seine Sonnenfeste gefeiert hat, werden die Leute gefühlt haben, dass es da eine große Ordnung in ihrem Leben gibt, die einfach gilt, die größer ist als das Auf und Ab unsres kleinen menschlichen Lebens. Verstehst du, was ich meine, Luca?“

„Glaub schon“, sagte er. „Sag mal, Opa, warum gibt es die nur hier?“

Ich verstand nicht.

„Na die Sonnenorte. Hier in Irland und England.“

„Die gibt es auch woanders, Luca. In Deutschland befindet sich sogar der älteste auf europäischen Boden. In Goseck. Dicht daneben hat man die berühmte Himmelsscheibe von Nebra gefunden. Hast du von der mal was gehört?“

Hatte er nicht. „zu Hause googel ich gleich mal“, sagte er und erkundigte sich genau nach dem Namen: Nebra.

Ich erzählte ihm, dass sich in Goseck eine Ringpalisade aus Holz befand, die zwei Öffnungen aufwies. Durch das Südosttor fielen am 21. Dezember, nach unserem heutigen Kalender, die ersten Morgenstrahlen der winterlichen Sonne und durch das Südosttor abends die letzten bei deren Untergang.

Ein sehr freundlicher Fahrer mit schwarzer Hautfarbe und einem lustigen Lachen im Gesicht bat uns, schon mal in den Bus einzusteigen. Die kurze Fahrt sollte nach Knowth gehen, wo eine Reihe von Hügelgräbern zu sehen wären, dicht an dicht, eines von durchaus beträchtlichen Ausmaßen, wenn auch kleiner als das von Newgrange, aber ebenfalls mit einem Ganggrab.

Wir stiegen in den Bus und nahmen Platz.

Ich fragte meinen Enkel: „Hatte der Führer in der Grabanlage eigentlich etwas von Toten erzählt, die dort begraben sind? Ich habe nicht alles verstanden, was er gesagt hat.“

Luca wächst als geborener Dubliner zweisprachig auf. Deutsch und Englisch sind seine Muttersprachen, wie die seiner Geschwister auch.

„Äh, ja … ich glaube … nee, eigentlich nicht. Nur von Knochenresten und Asche.“

„Das ist in Knowth ganz anders“, sagte ich. „Ich habe gelesen, dass es da viele Gräber gibt. Knowth war also zumindest auch eine Begräbnisstätte. Aber Newgrange? Vielleicht fanden in Newgrange nur Begräbniszeremonien statt, und begraben hat man die Toten dann woanders. Das könnte erklä…“

„Oder, Opa“, fiel er mir ins Wort, „man hat die Toten geklaut. Also die Gräber aufgebrochen und alles weggenommen an Schmuck und Waffen und was man ihnen mitgegeben hatte. Und die Knochen hat man zerstreut.“

„Wer sollte so was machen?“ fragte ich ihn. „Wir sind hier doch nicht in Ägypten. Da hört man immer wieder von ausgeraubten Gräbern.“

Er musste nicht lange überlegen. „Die Wikinger zum Beispiel. Die haben Irland doch öfter überfallen.“

Ich war auf die Idee noch gar nicht gekommen.

Als im Bus höchstens noch zwei, drei Plätze unbesetzt waren, stellte sich der Fahrer auf eine sehr unterhaltsame Weise vor. Dann forderte er uns auf zu erraten, woher er käme. Seine Haut war schwarz. Allerlei Ländernamen wurden genannt, der richtige war nicht darunter. Nach gewisser Zeit sagte er:

„Gut, ich will es euch sagen. Aus Liberia. Der Name bedeutet Freiheit, wisst ihr das? Liberia ist von ehemaligen Sklaven, die man nach Amerika verschleppt hatte, gegründet worden. Wir sind der erste freie Staat Afrikas.“

„Und warum sind Sie dann hier? In Irland?“

Ich drehte mich zum Fragesteller um, der auf seinem Handy weiter herumtippte, als er sprach. Er trug ein T-Shirt, auf dem ich Eire und die irische Flagge sehen konnte.

Der Fahrer sagte: „Nun, es gibt in unsrem Land große Probleme. Schon seit der Gründung. Die Einwanderer aus Amerika, die in Afrika ihre Freiheit suchten, wurden von den Einheimischen in Afrika als Fremdlinge angesehen. Dieser Konflikt ist noch immer nicht gelöst. Es gab lange und blutige Bürgerkriege. Über eine viertel Million sind umgekommen. Deshalb bin ich hier. Aber trotzdem … ich vergesse nicht, wo ich herkomme. Und damit meine ich mehr als bloß einen Ort auf dem Globus. Ihr solltet das auch nicht tun. Ihr dürft nie eure Wurzeln vergessen. Also auch nicht eure Eltern und Großeltern, eure Ahnen. Hier gibt es Gräber über Gräber. Tausende Jahre alt. Wer von euch ist ein Ire oder eine Irin?“

Ein paar Hände gingen hoch.

„Das sind eure Vorfahren. Von denen stammt ihr ab. Wisst ihr das? Ich meine, wisst ihr das so, dass es euch wichtig ist? Glaubt ihr das?“

Die meisten waren mit ihren Handys und Smartphones beschäftigt.

„Ihr wollt doch leben, nicht wahr? Die damals wollten auch leben. Was haben sie gemacht? Ihr werdet staunen, weil euch das nicht einfallen würde. Sie haben riesige Hügelgräber gebaut. Wohnungen für ihre Toten. Eine wahnsinnige Anstrengung. Ein Riesenunternehmen. Macht ihr das auch für eure Toten? Nein?“

„Fahren Sie endlich los. Wir haben heute noch andere Besichtigungstermine“, rief ein unwilliger Fahrgast. Viele nickten.