Weihnachtsfrauen küssen besser - Marit Bernson - E-Book
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Weihnachtsfrauen küssen besser E-Book

Marit Bernson

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Beschreibung

Julia hat einen Job als Weihnachtsfrau in einem Kaufhaus ergattert - obwohl sie sich als Elfe beworben hatte. Doch in ihrem Zustand, krank und übernächtigt, schien sie dem Personalchef nicht "geeignet". Auf dem Weg nach Hause wird sie auch noch beinahe von einem Auto angefahren und der Fahrer bekommt ihren ganzen Frust ab. Der stellt sich später als der attraktive Besitzer des Kaufhauses heraus, erkennt Julia aber nicht in ihrem Fatsuit und mit der graugelockten Perücke. Jetzt muss Julia dafür sorgen, dass es so bleibt, damit sie den Job behält. Doch Mister Kaufhaus scheint auch in ihrer unvorteilhaften Aufmachung Gefallen an Julia zu finden. 208 Taschenbuchseiten

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

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Über die Autorin

Weitere Geschichten

Kapitel 1

November

 

Schnell wandte Julia den Blick vom Taschentuch ab.

Nicht gut! Der Schnupfen hatte sich anscheinend zu einer dicken, fetten Nebenhöhlenentzündung gesteigert. Wenigstens passte ihr körperlicher Zustand nun zu dem ihres Gemütes.

Sie wischte die Hände an der Jogginghose ab – sie würde ohnehin alles desinfizieren müssen, wenn sie wieder fit war – und wandte sich wieder dem Bildschirm ihres Laptops zu. Sie las die letzten Zeilen, die sie vor einigen Minuten getippt hatte, und stöhnte.

Drei Tippfehler in einem Satz, bestimmt waren die während der Nieser passiert. Doch auch ohne Fehler war dort kein Meisterwerk zu erkennen. Naive Gedanken einer Endzwanzigerin, die in ihrem Leben noch nichts erlebt hatte – wenn man von zwei Studienabbrüchen und neun Jahren an der Uni mal absah.

Ganz so drastisch hatten ihre Eltern es zwar nicht ausgedrückt, aber darauf lief es hinaus, wenn sie ihr rieten, sich doch erst einmal einen »vernünftigen« Job zu suchen, um »etwas zu erleben, über das man schreiben kann«.

Klar, so ein Lektoratsjob in einem Verlag würde ihr garantiert total interessante Lebenserfahrungen bringen. Als ob sie dann noch Zeit haben würde zum Schreiben. Sie kannte genug ehemalige Mitstudenten, die mit großen Plänen und »nur vorübergehend, bis mein Roman fertig ist« solche Jobs angefangen hatten und resigniert einsehen mussten, dass diese sämtliche kreative Energie absaugten.

Nein, das wollte Julia auf keinen Fall. Was sie brauchte, war Inspiration, ein heftiger Musenkuss, am besten eine wilde Knutscherei mit so einer Muse. Je mehr, desto besser. Gab es die auch in männlich?

Egal! Darauf konnte sie eh nicht hoffen. Julia hatte bereits einen möglichen Plan – einen besseren.

Sie öffnete wieder die E-Mail ihrer Schulfreundin Katy. Nach dem Abi war der Kontakt mehr oder weniger erhalten geblieben. Einmal im Jahr schafften sie es sogar, sich zu treffen – wenn Katy mal in Deutschland war. Sie hatte nach der Schule eine Rucksacktour um die Welt begonnen und nie damit aufgehört. Stattdessen hangelte sie sich von einem Job zum nächsten und ließ Julia in langen Mails daran teilhaben.

Im Moment war sie auf einer Insel. Nachdem Julia ihr von ihrem Dilemma berichtet hatte, dass das endlich beendete Germanistik-Studium mit sich brachte, schlug Katy sofort vor, einfach zu ihr zu kommen. Gerade über die Wintermonate würden Animateure gesucht. Und wenn sie bereits über Weihnachten käme, würde es gut aussehen mit einem dauerhaften Job.

Bisher hatte sich Julia noch nicht dazu geäußert, doch der Streit mit ihren Eltern letzte Woche, ihre Geldknappheit – irgendetwas musste passieren.

Seufzend gab sie es für heute auf. Sie war einfach nicht in der Verfassung zum Schreiben.

Wie immer, wenn sie in dieser Stimmung war, rief sie Jannes an, ihren besten Freund.

»Du hörst dich ja grausig an«, sagte er, nachdem Julia nur »Hallo!«, gekrächzt hatte. »Wie in The Grudge.« Um das zu bekräftigen, machte er merkwürdige Geräusche ins Telefon.

»Ich bin krank«, jammerte Julia. »So richtig schlimm.«

»Oh, und keiner hat dich lieb und kümmert sich um dich.«

»Pff, ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert. Das kann ich alleine.«

»Immer noch Stress mit deinen Eltern?«, fragte Jannes mitfühlend.

»Keine Ahnung. Wir haben nicht mehr miteinander geredet.«

»Bald ist Weihnachten. Da renkt sich dann alles wieder ein.«

Julia schnaubte. »Sie fliegen über Weihnachten nach Australien. Und ich bin wahrscheinlich auch gar nicht da.« Dann berichtete sie Jannes das erste Mal von Katys Einladung.

»Willst du auswandern oder was?«, fragte Jannes entsetzt.

»Oder ich tingele wie Katy um die Welt und lasse mich von fremden Ländern und Menschen inspirieren. Tagsüber schreibe ich, am Abend bin ich die wilde Animateurin, die Stoff für ihr neuestes Buch sucht.«

»Wer weiß, ob du dort überhaupt Zeit zum Schreiben haben wirst?«

»Katy meint, dass sie total viel Freizeit hat, in der sie malt oder sonst was macht, was ihr gefällt.«

Jannes schwieg. Vermutlich fielen ihm keine guten Gegenargumente ein.

»Ich brauche einen Job«, beharrte Julia. »Eigentlich bräuchte ich noch Geld für den Flug und, um nicht dort völlig blank aufzutauchen.«

»Du kannst dir hier auch einen Job suchen«, wandte Jannes jetzt doch noch ein.

»Und wo?«

»Jetzt kurz vor Weihnachten suchen die Geschäfte händeringend Aushilfen. Ich werde im Kaufhaus Wohlleben den Weihnachtsmann spielen.«

Julia lachte heiser. »Bist du nicht ein bisschen zu jung mit deinen fünfundzwanzig? Wie bist du denn dazu gekommen?«

»Mit Connections.« Jannes lachte nun auch. »Nein, im Ernst. Am schwarzen Brett in der Uni hing ein Zettel. Sie wollten Studenten dafür. Sie suchen übrigens auch noch Weihnachtselfen. Komm morgen einfach zum Vorstellungsgespräch. Alle Interessierten können ohne vorherigen Termin dort auftauchen.«

»Weihnachtselfe? Mit sexy Röckchen oder was?« Julia schnaubte ins Telefon und sah förmlich das Augenrollen von Jannes vor sich, weil das Geräusch auf der anderen Seite bestimmt noch schlimmer klang.

»Ist doch egal«, sagte Jannes. »Du brauchst Geld, ich habe dir eine Möglichkeit gezeigt. Wenn du sie nicht nutzen willst, dein Pech.«

Sie seufzte. »Schick mir mal die Adresse!«

»Schon besser.«

Augenblicklich piepste es auf ihrem Handy. Jannes war schnell bei so etwas. Trotzdem erklärte er ihr noch einmal genau, wann und wo sie sich morgen früh melden sollte.

Als sie aufgelegt hatte, fiel ihr Blick auf die Weinflasche auf dem Schreibtisch am Fenster. Jannes hatte ihr die geschenkt, dabei trank sie nicht oft Wein.

Vielleicht war es Zeit, damit anzufangen.

Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, ein Glas zu holen, sondern entfernte den Schraubverschluss – teuer konnte der aber nicht gewesen sein – und trank direkt aus der Flasche.

Nach einigen Schlucken breitete sich ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus. Nach der halben Flasche erreichte es ihren Kopf. Und als sie ganz leer war – es stimmte wirklich, dass es schneller ging, wenn man aus der Flasche trank – fühlte sie sich richtig schön schläfrig. Keine zermürbenden Gedanken. Nur ein angenehmes Drehen, wenn sie die Augen bewegte, dann eine Schwere, die sich über ihre Lider legte.

Kapitel 2

 

Sie spürte es bereits, während es passierte. Doch sie konnte den Aufprall nicht abfedern. Mit einem Riesenrumms fiel sie auf den Läufer, auf dem der kleine Wohnzimmertisch stand.

Als sie sich aufrichtete, durchzuckte ein stechender Schmerz ihren Kopf. Ob das vom Schnupfen kam? Ihre Nase war noch genauso verstopft wie gestern. Und offenbar war ihr der Rotz in der Nacht aus der Nase gelaufen, denn an den Nasenlöchern hatte sich eine Kruste gebildet.

»Igitt!«, murmelte sie und erhob sich – unter immer schlimmer werdenden Schmerzen hinter ihren Schläfen. Zu dem Stechen war ein Pochen gekommen. Wenn sie die Augen bewegte, wurde es noch schlimmer.

Auf der Couch lag die leere Flasche Wein. Sie musste direkt daneben eingeschlafen sein – oder eher darauf, wenn sie dem Schmerz an ihrer linken Hüfte nach urteilte.

»Das kommt davon, wenn man selten trinkt«, sagte sie zu sich selbst. »Man wird sofort betrunken.«

Allerdings bezweifelte sie, dass es viele Leute gab, die nach einer ganzen Flasche Wein besser beieinander waren.

Unter großen Mühen schleppte sie sich ins Badezimmer und wusch sich erst einmal, soweit es die Kopfschmerzen des Jahrhunderts zuließen. Da sie sich gestern Abend nicht abgeschminkt hatte, hatte sich das Kajal um ihr Auge herum verteilt.

Sie schminkte sich selten, gestern nur für die kleine Abschiedsfeier an der Uni. Und jetzt fehlte ihr das passende Equipment, um diese Pandaaugen loszuwerden.

Sie rieb mit feuchtem Klopapier daran herum. Ihre ohnehin schon rotgeränderten Augen wurden noch roter, als etwas Kajal hineinkam. Und weil es ihr schwerfiel, beide Augen gleichzeitig geöffnet zu halten, sah sie kaum, wo sie herumwischte.

Ein Blick auf die Badezimmeruhr verriet ihr, dass es zu spät war, um noch mal ordentlich zu duschen, Haare zu waschen und sich in Ruhe zurechtzumachen.

Jannes hatte ihr geschrieben, dass sie sich um neun im Büro, in der dritten Etage des Kaufhauses, melden sollte, falls sie eine »süße sexy Weihnachtselfe sein wolle«.

Wollte sie zwar nicht, aber sie brauchte Geld. Und wenn sie dafür so eine blöde Weihnachtselfe spielen müsste, dann würde sie das tun, auch wenn es sexistisch war. Außerdem würde Jannes ihr böse sein, wenn sie jetzt nicht hinginge.

Sie entschied sich für einen Zopf, überschminkte das restliche Kajal und die roten Nasenflügel mit einer getönten Tagescreme und schlüpfte in frische Wäsche – einen extra kuscheligen weißen Wollpulli mit Zopfmuster und eine weite Stoffhose –, nachdem sie sich von oben bis unten mit Deo eingesprüht hatte.

Heute Nachmittag würde sie ein Erkältungsbad nehmen und alles wäre gut.

 

 

Nach einer zehnminütigen Busfahrt betrat sie das Kaufhaus durch einen Seiteneingang, vor dem zwar ein Wachmann stand, der sie aber ohne Weiteres einließ, als sie erklärte, zum Vorstellungsgespräch zu wollen.

»Dritte Etage«, sagte er und wandte sich wieder ab.

Eine unscheinbare Treppe lag direkt hinter der Tür. Schnaufend und hustend erklomm sie die Stufen. Als sie endlich oben ankam, perlte Schweiß über ihre Stirn. Keuchend ging sie durch eine Tür, auf der »Zutritt nur für Personal« stand. Dahinter lag ein kleiner dunkler Flur, in dem sich etliche Leute drängten. Bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass es vor allem junge Menschen waren. Ob auch männliche Elfen gesucht wurden?

Eine kleine Frau mit Brille – das Abziehbild einer Sekretärin – schlängelte sich durch die Menge hindurch und verteilte Zettel.

»Hier, den bitte ausfüllen und bei mir abgeben«, rief sie immer wieder, auch als sie Julia einen in die Hand drückte.

Es war ein Personalfragebogen. Man konnte sich anscheinend für verschiedene Aushilfsjobs bewerben, darunter auch Weihnachtselfe. Nachdem sie ihr Kreuzchen dort gesetzt hatte, ging Julia die Fragen durch.

Was verbinden Sie mit Wohllebens Kaufhaus und Weihnachten? oder: Wie verbringen Sie Weihnachten?

Von Jannes wusste sie, dass das Kaufhaus, obwohl es zu einer Kette gehörte, noch in Familienhand war. Angeblich war der oberste Boss erst Mitte dreißig – Jannes wusste so etwas natürlich. Julia hingegen interessierten solche Infos nicht. Den Chef würde sie eh nie zu Gesicht bekommen. Sie schrieb einfach ein paar passende Antworten über Familienwerte und gemütliche Kaufhäuser und drückte den ausgefüllten Bogen wieder der kleinen Frau in die Hand, die immer noch umherlief und auch den Neuankömmlingen Zettel reichte.

Julia musste fast eine Stunde warten, während die kleine Frau hin und wieder einen Namen aufrief und denjenigen zu einer Tür führte, hinter der anscheinend die Entscheidung darüber getroffen wurde, ob man Weihnachtselfe sein durfte oder nicht. Zum Glück ergatterte sie einen der wenigen Stühle. Oder vielmehr stand ein junger Mann auf und bot ihr seinen an – es gab eben doch noch Gentlemen.

Dann wurde ihr Name aufgerufen.

Sie klopfte an die Entscheidungstür und trat ein.

Ein Mann, etwa in ihrem Alter, saß hinter einem klobigen Schreibtisch. Das ganze Büro wirkte wie aus der Zeit gefallen. Schwere dunkle Holzschränke, passend zum Schreibtisch, verdeckten die Wände von oben bis unten. Der Boden bestand aus hellerem Parkett. Trotzdem war alles irgendwie gemütlich.

Der Mann saß auf einem schwarzen Bürostuhl aus Leder und wies auf einen weiteren, der vor dem Schreibtisch stand.

»Frau Wittke«, sagte er jetzt und schaute auf einen Zettel vor sich, vermutlich ihr Personalfragebogen.

Sie nickte und nieste dann zweimal elefantenmäßig. Na toll!

Er hob den Blick und betrachtete sie ganz genau. Je länger das dauerte, desto mehr Falten erschienen auf seiner Stirn.

»Ich komme auf Empfehlung von Jannes Schneider«, sagte sie schnell.

Sein Gesicht hellte sich etwas auf.

»Ach, stimmt. Das hat er erzählt. Sie sind … Studentin?«

»Gerade fertig mit dem Studium, aber ich bin noch eingeschrieben bis März. Es war nicht ganz klar, ob ich die Masterarbeit bestanden habe.« Toll! Das wollte er bestimmt gar nicht wissen. »Jetzt brauche ich einen Übergangsjob.« Sie zog leicht die Nase hoch und hoffte, dass er es nicht mitbekam.

Er schien nachzudenken.

»Hm, ich weiß nicht, ob Sie für eine Elfe geeignet sind. Sie sind etwas zu …«

»Etwas zu was …?« Sie kniff die Augen zusammen.

Er seufzte.

»Es tut mir leid. Wir haben Studenten gesucht, weil wir junge Elfen wollten.«

»Ich bin Ihnen wohl nicht hübsch genug«, rief Julia. Sie fühlte sich sowieso schon elend. Und jetzt wollte er ihr diesen Job nicht geben? Nur, weil sie gerade nicht ganz auf der Höhe war? »Was sind das denn für Kostüme? Kurze Röckchen, obenrum viel frei? Ich dachte, den Inhabern dieses Kaufhauses seien Familienwerte wichtig.« Nicht, dass sie etwas gegen kurze Röcke hatte, aber sollte sie sich hierherstellen und betteln? Behaupten, dass sie doch in Wirklichkeit total hübsch sei? Sie jedenfalls war zufrieden mit sich – wenn sie nicht gerade eine mordsmäßige Erkältung hatte. Kurz überlegte sie, doch zu betteln. Sie brauchte diesen Job.

Dann begann er zu sprechen.

»Nein, ich wollte damit nicht sagen … Sie passen einfach nicht zu den anderen, die ich schon eingestellt habe.« Einige rote Flecken sammelten sich auf seinen Wangen und der Stirn.

»Na toll!«, rief sie und sprang auf. »Das ist so was von sexistisch.« Ja, es war unfair, das zu unterstellen. Aber ihr Mundwerk war wieder schneller gewesen. Sie atmete schwer. Der Ausbruch hatte sie viel Kraft gekostet. Am besten war wohl, sie ginge jetzt. Eine Entschuldigung war nun sowieso sinnlos.

Er blickte sie mit aufgerissenen Augen an.

»Nein, sagen Sie doch so was nicht«, sagte er dann. »Nur, weil Sie nicht als Elfe infrage kommen, heißt das doch nicht, dass Sie hier nicht arbeiten können.«

Julia schwankte. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet. Wo war ihr Hirn? Auf die Idee, nach einem anderen Aushilfsjob zu fragen, hätte sie auch selbst kommen können.

Sie stützte sich mit den Händen auf seinem Schreibtisch ab und beugte sich vor. Er wich zurück, als würde sie ihn bedrohen. Dabei war sie einfach nur völlig fertig.

»Weihnachtsfrau!«, sagte er schnell. »Wie wäre es mit Weihnachtsfrau? Wir haben schon lange darüber nachgedacht, gerade weil wir für Familienwerte stehen. Und ich finde, Sie sind die ideale Besetzung dafür.«

Sie war sich ziemlich sicher, dass er das gerade erfunden hatte, vermutlich hatte er Angst vor einer Klage oder so etwas. Aber im Grunde war es ihr egal. Sie brauchte einen Job und Geld.

Sie nahm die Hände vom Tisch und richtete sich wieder auf. Sogar ein Lächeln gelang ihr.

»Da bekomme ich doch bestimmt mehr Geld als eine Elfe, oder?«, fragte sie und erschrak selbst darüber. Jetzt hatte sie es bestimmt übertrieben. Aber seine Art, sie anzusehen, als wäre sie eine Hyäne, provozierte sie.

Tatsächlich schien er das nicht kommen gesehen zu haben. Doch nach einer kurzen Gesichtsentgleisung hatte er sich wieder im Griff.

»Ja, natürlich. Die Elfen sind austauschbar, aber die Weihnachtsfrau ist einmalig.« Er versuchte ein Lächeln und sie tat ihm den Gefallen, es zu erwidern.

Julia seufzte matt. Sollte er doch von ihr halten, was er wollte.

 

 

Nach dem Gespräch suchte sie erst einmal die Kundentoiletten auf.

Obwohl sie nun einen Job hatte, dröhnte es in ihrem Inneren. Sie war zu hässlich und alt für eine Weihnachtselfe. Ja, sie hatte das Ganze für sexistisch gehalten, aber zu hören, dass man eh nicht dafür geeignet sei, verletzte sie mehr, als sie geahnt hätte.

Als sie in den Spiegel schaute, wurde ihr klar, was dieser Typ in ihr gesehen hatte. Sie sah übel aus. Kajal und Tagescreme hatten sich zu etwas Dunklem vermischt, sodass es aussah, als hätte sie Mordsaugenringe.

Das Rot der Nasenflügel hatte sich intensiviert, weil sie sich natürlich bereits auf dem Weg hierher ständig geschnäuzt hatte – wenigstens hing kein Rotz an der Nase, was sie nach den heftigen Niesern nicht gewundert hätte.

Sie war nicht die Schlankste mit ihren siebzig Kilo bei einem Meter fünfundsechzig Körpergröße, aber es saß alles am richtigen Fleck und beschwert hatte sich bisher auch kein Mann.

Doch zusammen mit ihrem zerstörten Gesicht und dem Riesenwollpulli, den sie herausgezogen hatte – nun ja, sie sah schon mal besser aus.

Wenigstens bekam sie als Weihnachtsfrau mehr Geld!

Fluchtartig verließ sie das Kaufhaus. Heiße Wanne und dann ab ins Bett! Und nie wieder Alkohol.

Sie spürte schon fast den Schaum auf ihrer Haut und ging, ohne zu schauen, über die kleine Seitenstraße neben dem Kaufhaus, die zur Bushaltestelle gegenüber führte.

Reifen quietschten, als ein großes schwarzes Auto wenige Zentimeter links neben ihr hielt.

Erschrocken blieb Julia stehen und sah zum Fahrer, der genauso erschrocken zurückblickte.

Dann bewegte er sich, schnallte sich ab, drückte die Fahrertür auf und war schon bei ihr.

»Sind Sie verletzt? Habe ich sie erwischt?« Er blickte sie besorgt an. Dieser Schnösel mit seinem feinen Mantel, dazu noch das fette Auto.

»Müssen Sie hier so langrasen?«, fuhr Julia ihn an. »Reicher Vollfatzke mit dickem Bonzenauto! Sie meinen wohl, Ihnen gehört die Straße. Wegen hirnloser Idioten wie Ihnen ist man nirgends mehr sicher als Fußgänger.«

Der Mann sah sie verdutzt an. Natürlich hatte Julia etwas übertrieben. Ihr Kopf brummte, die Nase drohte auszulaufen. Sie wollte einfach nur nach Hause. Vielleicht hätte sie doch schauen sollen, ob ein Auto kam, bevor sie über die Straße ging. Eventuell traf sie selbst ein bisschen die Schuld.

Aber hey, der Typ hätte sie fast angefahren. Konnte der nicht aufpassen!

»Es tut mir leid!«, sagte er jetzt und sah dabei aus, als meinte er es ehrlich. Seine braunen Augen glitzerten und überhaupt war da noch mehr an ihm, was Julia sich gern näher angeschaut hätte.

Doch nicht heute. Sie sah völlig abgewrackt aus. Kein Tag, um jemanden kennenzulernen. Schon gar nicht so einen Vollidioten, der sie umnieten wollte.

»Kann ich Sie irgendwo hinbringen?«, fragte er jetzt.

Doch Julia tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, spazierte weiter über die Straße – mit einem vorsichtigen Blick in beide Richtungen – und ließ noch ein »Arschloch!« vernehmen.

So ein Scheißtag!

 

 

Nach einem ausgiebigen Bad und eingekuschelt auf dem Sofa rief sie Jannes an, um ihm alles über ihr Vorstellungsgespräch zu berichten.

Sie musste das Telefon von ihrem Ohr weghalten, damit Jannes‘ Lachen nicht in ihrem Ohr dröhnte. Natürlich fand er es irre witzig, dass Julia nun die Weihnachtsfrau mimen musste!

»Ich bin selbst für eine Weihnachtselfe schon zu alt«, jammerte sie. »Ferienjobs sind nichts für fast dreißigjährige Studenten. Zum Glück sind es nur drei Wochen!«

Jannes hörte auf zu lachen.

»Und was dann?«, fragte er.

»Ich werde zu Katy fahren.«

»Wirklich noch vor Weihnachten?«

»Ich muss hier raus. Der Job endet am dreiundzwanzigsten, dann bin ich weg.«

»Falls du nicht weißt, wohin an Weihnachten … komm doch mit zu meinen Eltern«, sagte er. »Sie mögen dich und haben bestimmt nichts dagegen.«

»Du hast sie schon gefragt, stimmt’s?«, murrte Julia.

»Ja, meine Mutter war begeistert.«

»Obwohl sie weiß, dass ich niemals die Schwiegertochter des Hauses werde?«

»Sie hat sich längst damit abgefunden, einen Schwiegersohn zu bekommen.«

»Ich denke darüber nach«, versprach Julia.

»Jetzt kuriere dich erst mal aus. Wenn du weiterhin so ausschaust, wie du klingst, überlegen die es sich nächste Woche sonst noch mal.«

Das würde genau noch passen!

Kapitel 3

Erster Dezember

Erster Advent

 

Am ersten Dezember wurde es ernst. Es war der erste Advent, ein verkaufsoffener Sonntag.

Julia hatte einen festen Anwesenheitsplan bekommen, der zwar nur einen freien Tag in der Woche vorsah, allerdings würde sie so jede Menge Stunden abreißen und auch Sonderzahlungen bekommen.

Sie hatte es eh nicht so mit Weihnachten und würde das Schlendern über den Weihnachtsmarkt nicht vermissen, und wenn doch, musste sie es eben an ihrem freien Tag tun.

---ENDE DER LESEPROBE---