Weihnachtsküsse im Chalet - Kiki Jäger - E-Book

Weihnachtsküsse im Chalet E-Book

Kiki Jäger

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Beschreibung

Ein Knistern wie Kaminfeuer, ein riskanter Deal – und plötzlich steht mehr auf dem Spiel als ein gelungenes Fest. Als Laura Valkenrath kurz vor Weihnachten im verschneiten Zermatt strandet, ist ihr Leben alles andere als festlich: Ihr Restaurant ist Geschichte, ihr Herz schwer und der Auftrag als Privatköchin in einem Chalet die letzte Hoffnung. Doch statt besinnlicher Feiertage erwartet sie ein chaotisches Familienfest, ein grummeliger Auftraggeber und ein ungewöhnlicher Deal: Für ein üppiges Honorar soll sie nicht nur kochen, sondern auch Nicos Freundin spielen. Nico Albrecht, erfolgreicher Geschäftsmann, hat sein Herz hinter Aktenbergen und Terminkalendern vergraben. Weihnachten bedeutet für ihn vor allem Stress – bis Laura in sein Leben kommt und alles auf den Kopf stellt. Zum ersten Mal muss er lernen, Arbeit und Gefühle miteinander zu vereinbaren. Und das, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, sein Herz aus dem Spiel zu lassen. Mitten im Schneegestöber verschwimmen die Grenzen zwischen Schein und Wirklichkeit. Doch kann aus einer Lüge wirklich Liebe werden oder bleibt das Glück nur ein flüchtiger Weihnachtszauber?

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2025

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WEIHNACHTSKÜSSE IM CHALET

LIEBE, LÜGEN UND RACLETTE

KIKI JÄGER

Bibliografische Angaben:

Alle externen Links wurden bis zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Buchs geprüft. Etwaige spätere Änderungen können der Verlag oder die Autorin nicht beeinflussen. Deshalb sind die Haftung des Verlags sowie der Autorin ausgeschlossen.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

ISBN epub: 978-3-98640-199-3

ISBN pdf: 978-3-98640-200-6

ISBN Softcover: 978-3-98640-198-6

Text: Kiki Jäger (Pseudonym)

Lektorat: Manuela Heilmann

Korrektorat: Mona Schnell | https://monaschnell.de/

Cover: Suku Tangan | https://sukutangan.com/

Satz & Layout: Manuela Heilmann

Druck: bookpress.eu, Polen

© 2025 Montagshappen Verlag UG (haftungsbeschränkt), Hamburg

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede Vervielfältigung, auch in Auszügen, ist ohne Zustimmung des Verlags oder der Autorin nicht zulässig und darf nur mit schriftlicher Genehmigung erfolgen.

https://mh-novels.com

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INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Über MH Novels

Weitere Bücher von MH Novels

Für alle, die wissen, dass der wahre Zauber von Weihnachten in der Wärme eines anderen Herzens liegt.

KAPITEL1

Die Anreise nach Zermatt zog sich wie zäher Zuckersirup. Laura lehnte ihre Stirn ans kalte Zugfenster des Glacier Express und starrte lustlos auf die vorbeiziehende Winterlandschaft. Sie war müde, genervt und der Po tat ihr vom langen Sitzen weh. In ihrem Kopf kreiste immer wieder derselbe nagende Gedanke: Wenn du diesen Auftrag vermasselst, war’s das. Kein Geld, kein Job, kein nächster Versuch.

Sie kam sich völlig deplatziert vor in ihrer abgetragenen Daunenjacke und den verwaschenen Jeans zwischen all den Kaschmirpullis, ideal geföhnten Extensions und elegantem Schmuck, der mehr gekostet hatte als ihre komplette Küchenausstattung. Sie war ein Plastiklöffel in einer Schublade voller Silberbesteck. Die anderen Passagiere wirkten, als hätte man ihnen das mondäne Leben perfekt auf den Leib zugeschnitten, wohingegen sie so sehr nach Pendler aussah, dass sie theoretisch eine Küchenschürze über ihrer Jacke tragen könnte und es würde keinen Unterschied machen.

Was für eine Ironie! Während der kleine rote Zug sich unermüdlich bergauf kämpfte, ging es in ihrem Leben seit Monaten nur bergab. Je näher sie Zermatt kam, desto weiter entfernte sie sich von sich selbst. Sie gab immer alles und doch machte dieser Job sie nicht glücklich.

Der Anstieg wurde steiler, der Schnee dichter und die Berge mächtiger. Als ob es die Schweizer Alpen bräuchte, damit sie sich klein fühlte! Seit sie den Schlüssel ihres geliebten Restaurants abgeben und Insolvenz anmelden musste, kam sie sich so mickrig vor wie eine Fruchtfliege. Ihr Traum war geplatzt und ließ sie unzufrieden und mit leeren Händen zurück.

Dieser Job war ihre letzte Chance. Wieder einmal war sie abhängig von den Bewertungen anderer, musste übersteigerte Erwartungen ihrer Kunden erfüllen und sich dann anhören, dass ihr Dessert nicht Instagram-tauglich und das Licht zu schlecht zum Fotografieren war. Das, obwohl ihre Geschmackssymphonie perfekt abgeschmeckt und ausbalanciert in Textur und Temperatur war. Oh, sie war es leid, ständig ihr Herzblut zu geben, um am Ende des Tages ihre letzten Krümel Selbstwert zusammenzukratzen.

Nach bald sechs Stunden Zugfahrt lagen weitere sechzig Minuten vor ihr. Alles nur für ein einziges Essen, das sie als Privatköchin für einen wildfremden Kunden kochen sollte. Mit ihrer Freundin Nele wollte sie lieber nicht telefonieren, aus Angst davor, die Minuten mit Goldbarren zu bezahlen. Dabei hätte ein bisschen Geplauder die Fahrt so viel erträglicher gemacht.

So kurz vor Weihnachten waren die Stars der Agentur Silver Spoon längst ausgebucht oder beim Glühwein mit ihren Familien. Sie war der Plan C – die Weihnachtsnotlösung. Das hieß für sie ein Tag Anfahrt, ein Tag kochen und dann denselben Weg wieder zurück nach Hause, wo sie ein einsames Weihnachtsfest erwartete. Wenigstens zahlte dieser Job die Miete. Sofern sie den Geschmacksnerv des Kunden traf.

Der Zug schlängelte sich weiter durch das verschneite Tal. Der Hunger rumorte in ihrem Bauch und sie kramte aus ihrem Rucksack einen Plastikbehälter hervor. Alles Deftige, das sie für sich vorbereitet hatte, um Geld zu sparen, war längst vernichtet. Jetzt, am späten Nachmittag, war es an der Zeit für etwas Süßes. In ihrer mitgebrachten Dose warteten ein zimtiger Bratapfelmuffin, ein Chai-Haferkeks mit kandiertem Ingwer und ein Mandel-Orangen-Küchlein auf ihren großen Moment. Sobald sie den Deckel anhob, tanzten die Aromen durch das Zugabteil. Das war jetzt genau das, was ihr Magen sowie ihre Seele brauchten. Sie biss in den Muffin und schloss die Augen. Süß, saftig und buttrig, die frische Säure der Cox Orange explodierte auf ihrer Zunge und die karamellisierten Mandeln sorgten für den perfekten Crunch. Die Tonkabohne, die sie zum ersten Mal in diesem Rezept verwendet hatte, tat dem Geschmack richtig gut. Die Flut an Aromen schmeckte tröstlich und vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Wie ein sanfter Stirnkuss ihrer Oma, als sie noch ein Kind war. Für einen Herzschlag lang schien ihre Welt in Ordnung.

»Mama, was riecht hier so gut? Ich will das auch!«, hörte sie das kleine Mädchen im Sitz hinter ihr quengeln.

Laura verdrehte die Augen. Ihre Oma hatte ihr schon als kleines Mädchen beigebracht, das Wollen ein Unwort war. Man will nicht, man möchte! Ihre Oma sagte immer: »Laura, der Will ist im Urlaub.«

Dieser Will war nicht im Urlaub, er hatte seine Mutter fest im Griff.

Diese schnippte sofort nach dem Zugpersonal, sodass Laura darauf verzichtete, der Kleinen etwas abzugeben. Sie wollte das unmögliche Verhalten nicht auch noch belohnen.

Einen Krümel, der an ihren Lippen hängen geblieben war, streifte sie fast liebevoll mit dem Finger ab und lächelte dabei, ohne sich umzudrehen. Manche Dinge sollte man gar nicht kaufen können, dachte sie.

»Aber warum nicht? Ich will das auch.« Das Gespräch hinter ihr wurde wieder lauter.

»Weil es nicht geht. Man kann das nicht kaufen«, erklärte die Mutter in genervtem Ton, was das Mädchen mit einem frustrierten Aufschrei beantwortete.

Laura nahm einen Schatten neben sich wahr. Ein leises Räuspern ließ sie aufschauen. Ein Mann mittleren Alters in einem eleganten Wollmantel, mit grauen Schläfen und einem offenen Lächeln beugte sich über den Gang zu ihr herüber.

»Verzeihung. Das riecht ja unglaublich. Haben Sie das selbst gebacken?« Sein französischer Akzent war reizend. Um seine Augen lagen kleine Fältchen, Zeichen gelebter Jahre. Zugleich strahlte er eine unerschütterliche Ruhe aus.

»Ja, das habe ich.« Sie lächelte leicht verlegen. »Ich hatte früher ein … also, ich koche und backe beruflich.«

Der Mann nickte. Laura fühlte sich von ihm keineswegs angeflirtet, denn seine Aufmerksamkeit galt einzig ihrem Gebäck.

»Was ist das, was Sie da kreiert haben?«

Laura und der Fremde unterhielten sich angeregt über die Zutaten und die Zubereitung ihrer Backwaren. Offensichtlich besaßen beide ein ausgeprägt kulinarisches Verständnis und die Liebe zu Lebensmitteln. Sie waren so in ihrem Metier, dass sie gar nicht auf die Idee kamen, ihre Namen auszutauschen. Erst als der Zug in Visp einfuhr und eine Lautsprecherdurchsage die Umstiegsmöglichkeiten verkündete, verstummte ihr Gespräch.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, öffnete sich zwischen zwei Tunneln plötzlich der Blick auf die weiten Schweizer Alpen. Ein Panorama, das ihr den Atem stocken ließ und mittendrin das Matterhorn. Majestätisch. Einsam. Überirdisch schön.

Der gewaltige Zacken aus Eis und Felsen ließ sie ihren steifen Rücken für einen Moment vergessen. Laura sog jeden Augenblick dieses erhabenen Schauspiels in sich auf. Ein eigenes Restaurant war für sie ebenso unerreichbar wie der Gipfel des Matterhorns, und doch hatte sie ihr Scheitern in dieses Schweizer Gourmetparadies geführt. Was hätte sie darum gegeben, sich in diesem kulinarischen Eldorado auszutoben und von den namhaften Köchen zu lernen.

Doch dafür blieb keine Zeit. Sie musste ja selbst an den Herd. Ausgerechnet in der Stadt der besten Köche Europas. Schwer zu fassen, dass ein Kunde sie zum Kochen nach Zermatt bestellt hatte. In einen Ort, der nur so vor Küchenvisionären mit Michelin-Sternen und Gault Millau-Punkten strotzte. Von denen gab es hier bestimmt so viele wie Bergspitzen. Laura fragte sich ernsthaft, wie sie ihnen jemals das Wasser reichen sollte.

* * *

Am Bahnhof angekommen, schlug ihr sofort die kalte, kristallklare Bergluft entgegen – wie eine Einladung und eine Warnung zugleich. Der erste Atemzug brannte in der Nase. Laura zog fröstelnd ihre Wollhandschuhe an und trat mit den anderen Fahrgästen aus dem Zug. Ihre alte Winterjacke hielt sie kaum warm, aber für eine neue hatte das Geld nicht gereicht. Schon nach kurzer Zeit kroch die Kälte durch die viel zu dünne Fütterung und ließ sie frösteln.

Umso deutlicher spürte sie, dass sie die Einzige war, die nicht zum Skifahren oder wegen Wellness angereist war. Um sie herum stapften Menschen in federleichten Daunenmänteln, Designer-Skijacken und handgewebten Wollschals durch den frischen Schnee, mit Skiern und teuren Koffern im Schlepptau. Bibbernd schleppte sie sich durch die eisige Pracht. Sie konnte nur hoffen, dass sie küchentechnisch besser gerüstet war.

Laura sah sich kurz um und ließ sich vom Menschenstrom aus der belebten Bahnhofshalle hinaustreiben. Der Schnee lag meterhoch auf den Dächern, wie eine dicke Schicht luftig geschlagenes Baiser, dagegen waren die Wege perfekt geräumt. In Zermatt schien selbst der Winter stilvoll organisiert zu sein.

So hatte sie sich Weihnachten immer vorgestellt, wenn ihre Eltern wieder in irgendeinem Theater gearbeitet hatten und sie mit zimtigem Plätzchenduft und der tröstenden Umarmung ihrer Großmutter zurückgeblieben war.

Der rustikale Ort lag da wie die Landschaft einer kitschigen Schneekugel. Dunkle, wettergegerbte Chalets mit klobigen Holzbalkonen drängten sich dicht aneinander, eingerahmt von schneebedeckten Bergen und unvergänglich wie ein altes Familienrezept. Rauch stieg aus ihren Schornsteinen empor.

Laura füllte ihre Lungen mit frischer Bergluft. Am liebsten wäre sie in einen der Pferdeschlitten gestiegen und hätte sich in einem der besten Restaurants mit Aussicht absetzen lassen. Nur hatte sie weder das nötige Kleingeld noch die richtige Garderobe, um sich irgendwo einen Tisch zu bestellen. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, ein Essen zu Recherchezwecken von den Spesen abzusetzen. Aber ob der kurzentschlossene Kunde da mitspielte?

Der Himmel färbte sich bereits zartrosa und verkündete den bevorstehenden Abend. Das Panorama wirkte fast wie ein Aquarellgemälde, zu schön, um wahr zu sein. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr, mit den Vorbereitungen zu beginnen.

Laura zog ihr Handy aus der Tasche, suchte die Adresse des Hotels und versuchte, sich mit einer Offline-Karte zu orientieren. Zum Glück hatten ihre Wollhandschuhe eingewebte Metallfäden, sodass sie den Touchscreen bedienen konnte. Ihre mobilen Daten hatte sie aus Angst vor überteuerten Roaminggebühren ausgeschaltet.

Der Mann im Wollmantel zog seinen Weekender hinter sich her und kam am Ausgang des Zermatter Bahnhofs noch einmal zu ihr. »Vielen Dank für das schöne Gespräch. Es gibt nur wenige Menschen, die unsere Leidenschaft teilen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Es hat mich sehr gefreut.«

»Danke. Mich auch«, konnte Laura gerade noch sagen, ehe er im Gedränge verschwand.

Zu ihrer Erleichterung ersparte ihr der Fahrer des Hotelshuttles das Herumirren in der Kälte. Ein schlanker Mann Mitte vierzig wartete gegenüber des Bahnhofsausgangs mit einem handgeschriebenen Zettel.

»Frau Valkenrath?«, fragte er höflich, kaum dass sie näher kam. Er hob das kleine Schild wie zur Bestätigung an und musterte sie mit einem zurückhaltenden Blick.

»Ja, genau. Das bin ich.«

»Willkommen in Zermatt. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.«

»Lang, aber schön«, entgegnete sie und mühte sich ein müdes Lächeln ab.

»Dann können Sie sich ja jetzt ein wenig erholen.« Er nahm ihr den Koffer ab und verstaute ihn im Wagen.

»Leider nicht. Ich bin zum Arbeiten hier.«

»Ach so. Dann kennen Sie Jean-Luc Cazaux daher?«

»Den Jean-Luc Cazaux. Das war gerade Cazaux? Von Coeur Savage?« Lauras Stimme überschlug sich vor Schreck. Ihre Augen wurden groß.

»Genau der.«

»Sie nehmen mich doch auf den Arm.« Laura schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das würde ich niemals wagen«, entgegnete der Shuttlefahrer fast schon ein wenig entrüstet und mit völlig ernster Miene. »Aber jetzt bringe ich Sie erst einmal ins Hotel, bevor Sie mir hier erfrieren. Ich bin übrigens Severin.«

»Danke, Severin. Das ist sehr nett und spart mir eine Menge Zeit.« Laura spürte, wie die Nervosität in ihr wuchs. Auf einmal wurde ihr bewusst, wie fremd ihr diese Welt war. Sie musste sich schleunigst orientieren, um überhaupt etwas Vernünftiges auf den Teller zu bringen.

Dass sie einem Sternekoch begegnet war und es nicht einmal bemerkt hatte, warf sie völlig aus der Bahn. Er hielt sie jetzt bestimmt für eine komplette Niete. Wie konnte man nur so blöd sein? Wenn sie das ihrer besten Freundin Nele erzählte, würde die sie bis Ostern damit aufziehen. Sie konnte sich selbst nichts vormachen: Diese Chance hatte sie gehörig vermasselt.

War da vielleicht schon ein Muster zu erkennen? Ihr Leben bestand aus einem ganzen Flickenteppich verpasster Möglichkeiten. Wie eine Speisekarte mit gestrichenen Tagesgerichten. Jetzt musste sie dringend einen klaren Kopf bekommen und loslegen.

»Okay, dann wollen wir gleich los.«

Laura stieg ein und Severin schloss die Schiebetür des Hotelshuttles mit geübtem Schwung.

Er erklärte ihr, dass Zermatt eine autofreie Stadt war, in der nur E-Autos und Pferdekutschen verkehrten. Einen idyllischeren Ort, um Weihnachten zu verbringen, würde man auf der Landkarte kaum finden. Bei Laura schrillten alle Alarmglocken.

»Das Hotel liegt etwas abseits«, sagte er dann auch noch und startete den Motor. »Aber dafür haben Sie ihre Ruhe und einen Blick auf die Berge, den sie niemals vergessen werden.«

Abseits? Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. Abseits bedeutete meistens weit entfernt von Einkaufsmöglichkeiten wie Supermärkten, Cafés, Feinkostläden und überhaupt von Menschen. Laura war gar nicht begeistert. Das würde ihren Job nicht einfacher machen.

Atmen, Laura, atmen.

Zuerst wollte sie ankommen und ihr Gepäck loswerden. Ihr Auftraggeber hatte für sie das Hotel gebucht. Sie hatte keinen Einfluss auf die Preiskategorie oder Lage ihrer Unterkunft und musste nehmen, was sie bekommen konnte. Das bedeutete improvisieren und das Beste daraus machen. Wie immer.

Der kantige Transporter schnurrte leise und verließ rasch die Hauptstraße. Über schmale, steil ansteigende Seitenwege ging es vorbei an hohen Schneewällen, die beeindruckend rechts und links des Weges wie gefrorene Mauern aufragten.

»Ganz schön steil hier«, murmelte Laura und klammerte sich unwillkürlich an die Sitzkante.

Severin lachte amüsiert. »Keine Sorge. Mit Schneeketten ist das gar kein Problem.«

Draußen legte sich der Abendhimmel wie ein seidiger Schleier über das Tal. Das Licht wurde milchig-blau. Die Autoscheibe beschlug und Laura wischte die Feuchtigkeit mit ihrem Handrücken weg. Schneeflocken schwebten lautlos zu Boden und türmten sich auf zu weißen Polstern.

»Sagen Sie, Severin. Gibt es hier irgendwo Einkaufsmöglichkeiten? Zumindest einen guten Supermarkt?«, fragte Laura hoffnungsvoll.

»Sagen Sie nur Bescheid. Ich fahre alle zwei Tage runter. Ich bringe Ihnen gerne etwas mit. Oder nehme Sie einfach mit.«

»Das wäre großartig.«

»Was brauchen Sie denn? In Zermatt gibt es natürlich alles. Mehrere Supermärkte, sogar einen Biomarkt, Fleischer, Feinkost, Bäcker. Aber hier oben, rund ums Chalet, sieht es eher mau aus.«

Laura warf einen Blick zurück und die Dächer im Tal wirkten so klein wie Pfefferkörner in einer Suppe aus Schnee und Licht. Sie musste ganz schön schlucken.

»Das dachte ich mir schon«, murmelte sie. Auch wenn ‚befürchtet‘ wohl das treffendere Wort gewesen wäre.

»Im Dorf finden Sie all die Dinge, die man als Souvenir mit nach Hause nehmen und zu Weihnachten verschenken kann. In unserem Hofladen haben wir ja nur wenig haltbare Sachen.«

»Neben dem Hotel gibt es einen Hofladen?« Laura wollte sichergehen, dass sie sich nicht verhört hatte. Das wäre ja perfekt! Für jeden Koch ein wahr gewordener Traum. Auf kleinen Bauernhöfen und selbstversorgenden Landhäusern hatte sie schon oft ganz besondere Schätze entdeckt. Eine Qualität, die man lange suchen musste, und Produkte mit einem viel intensiveren und vollmundigeren Geschmack als in jedem Feinkostladen. Dazu noch aus nachhaltig-ökologischem Anbau. Laura war plötzlich ganz aufgeregt. »Den würde ich mir zu gerne anschauen.«

»Kein Problem. Wir öffnen Freitag wieder.«

»Oh, da bin ich ja schon wieder auf dem Rückweg. Schade.«

»Also wenn das so ist. Für unsere Hotelgäste machen wir immer gern eine Ausnahme.« Er zwinkerte ihr über den Rückspiegel zu.

Zwischen schneebedeckten Fichten, eingebettet in eine makellose weiße Weite tauchte ein einzelnes Holzhaus auf. Ein wahr gewordenes Wintermärchen, wie in den alten Kinderbüchern, die sie immer mit ihrer Oma gelesen hatte. Warmes Licht leuchtete einladend aus dessen Fenstern.

»Da vorne sehen Sie schon das Chalet Morgenröte. Sie haben wirklich Glück so kurzfristig noch ein Zimmer ergattert zu haben. Ein Gast musste wegen Krankheit stornieren. Sonst wäre in ganz Zermatt kein Bett mehr frei gewesen.«

Erschrocken schaute Laura Severin an. Für einen Moment wurde ihr ganz flau. Das hätte diesen lukrativen Job in der Tat mit einem Schlag zunichtegemacht. Aber auch sie durfte einmal Glück haben!

Nach einer letzten steilen Kurve bog Severin auf einen schmalen, verschneiten Weg ab. Die Räder knirschten leise, als er vor den Eingang des Hotels fuhr. Die Welt schien hier oben stiller zu sein.

Das war also ihr Glücksfall: Ein dunkles Holzhäuschen, das so tief in den Schweizer Alpen versteckt war, dass sie befürchten musste, mit dem kleinsten Geräusch eine Lawine auszulösen. Aber es war wenigstens weihnachtlich geschmückt und sah gemütlich aus.

Das Elektroauto hielt an und Severin stieg aus, um ihr die Tür zu öffnen. »Willkommen im Chalet Morgenröte.«

Laura war trotz allem froh, endlich angekommen zu sein. Eine fulminante Müdigkeit fuhr ihr in die Glieder, als ihr Körper realisierte, dass da drinnen ein Bett auf sie wartete. Sie nahm ihren Rucksack und setzte einen Fuß auf den Boden. Nur um im nächsten Moment mit einem erschrockenen »Oh!« das Gleichgewicht erst wiederzufinden, als sie auf ihrem Allerwertesten gelandet war. Sofort schmolz der Schnee unter ihrer Körperwärme. Kalte Nässe arbeitete sich gnadenlos bis zu ihrer Unterhose durch.

»Verdammt!«, entfuhr es ihr, während ihr Gesicht die Farbe der Weihnachtskugeln im Eingangsbereich annahm. Severin war mit nur zwei Schritten bei ihr.

»Alles okay?«, fragte er besorgt. In seinem Blick lag keinerlei Spott.

»Ich glaube schon.«

»Mit diesen Schuhen kommen Sie hier nicht weit.«

Severin half ihr galant auf und sie hakte sich bei ihm unter. Sicher brachte er sie und ihr Gepäck ins Hotel hinein und sie ließ ihn erst los, als sie auf der Schmutzfangmatte im Eingang stand.

»Ohne Scherz. Ihre Schuhe haben ja gar kein Profil. Sie brechen sich hier noch alle Knochen.«

Drinnen war es angenehm warm. Eine hölzerne Treppe führte neben einem üppig geschmückten Weihnachtsbaum in die oberen Stockwerke. Severin stellte ihren Koffer ab und führte sie durch einen kleinen Flur mit altem Steinboden in die gemütliche Stube mit niedriger Decke und einem grünen Kachelofen. Hier ließ es sich doch aushalten. Sie hatte es bei manchen Aufträgen schon schlechter erwischt.

»Meine Schwester Mira kommt gleich. Ich sage Bescheid, dass Sie da sind. Fühlen Sie sich einfach wie zu Hause.«

»Danke schön.« Laura streifte ihren Rucksack ab und zog ihre Jacke aus. Sie stellte sich vor den Ofen und wärmte ihre nasse Rückseite. In Gedanken ging sie ihre To-do-Liste durch.

»Herzlich willkommen im Chalet Morgenröte. Ich bin Mira.« Eine hübsche Frau Mitte dreißig mit langen, roten Haaren betrat den Raum. In ihren Händen balancierte sie ein Tablett mit dampfendem Tee, das sie auf dem Holztisch direkt neben dem Kachelofen abstellte. Mira wirkte bodenständig und energiegeladen. Wie jemand der liebte, was er tut.

Laura musste unwillkürlich an Nele denken — auch sie war so ein Wirbelwind aus Lachen und Tatkraft, jemand, der einen Raum heller machte, sobald er ihn betrat.

»Hallo, Mira. Schön haben Sie es hier.« Laura machte einen Schritt auf die Frau zu, um ihr zur Begrüßung die Hand zu schütteln. Ihre Hose klebte immer noch unangenehm an ihrer Haut.

»Danke. Wir geben uns Mühe, dass man sich hier wie zu Hause fühlt, oder noch besser.« Sie lachte herzlich.

Mira reichte ihr eine Tasse Tee und Laura umschloss sie mit beiden Händen.

»Danke sehr.« Laura schnupperte an dem Tee. »Hm, der riecht gut.«

»Hauseigener Alpenkräutertee. Honig hätte ich hier auch noch, wenn Sie etwas Süße benötigen.«

Laura pustete auf den Tee, nahm einen vorsichtigen Schluck und ließ ihn einen Moment auf ihrer Zunge kreisen. »Mmm. Pfefferminze, Thymian, Salbei, Zitronenmelisse, Holunderblüte und Hagebutte. Richtig?«

»Ja. Respekt.« Mira staunte.

»Das ist mein Beruf.«

»Ach ja, richtig. Das ist das passende Stichwort. Herr Albrecht hat das Zimmer für Sie gebucht und auch schon beglichen. Er bittet Sie, ihn für die letzten organisatorischen Details anzurufen. Seine Telefonnummer habe ich notiert. Die suche ich Ihnen sofort heraus.«

Das klang verdächtig nach Sonderwünschen. Das war ja mal wieder typisch! Laura seufzte innerlich.

»Okay. Dankeschön.«

Sie nahm die Notiz entgegen und zog sich in Gedanken schon die Laufschuhe an. Bestimmt war der Kunde ein reicher Schnösel, für den sie durch halb Zermatt hetzen musste. Das konnte ja heiter werden.

KAPITEL2

Das Hotelzimmer sah aus wie aus einem Bergromantik-Magazin: Ein großes, rustikales Holzbett mit dicken Kissen und einer Wolldecke dominierte den Raum. Laura hätte sich am liebsten rücklings darauf fallen lassen. Aber angesichts ihres immer noch nassen Hinterns war das keine gute Idee. Sie drückte stattdessen prüfend auf der Matratze herum. Der Härtegrad war genau richtig für sie.

Am Fußende des Bettes befand sich eine breite Holztruhe, daneben ein zweitüriger Bauernschrank mit handgemalten Alpenrosen auf den Türen. Darüber hing ein riesiges Schwarzweißfoto eines Alpenpanoramas mit dem Matterhorn. Vor dem Fenster standen ein runder Tisch und zwei Stühle, über die flauschige Schaffelle gebreitet waren. Sogar ein kleiner Balkon gehörte zur Ausstattung. Aber der reizte Laura im Moment am allerwenigsten.

Erst einmal heiß zu duschen, trockene Klamotten anziehen, bevor sie sich erkältete, und dann diesen Kunden anrufen und ihn mit ihrem Menüplan von den Socken hauen.

Da klopfte es leise an der Tür. Laura öffnete und vor ihr stand Mira, mit einem freundlichen Lächeln und den klobigsten Winterstiefeln in den Händen, die Laura je gesehen hatte. Über ihrem Arm hing eine schwarze Skihose.

»Ich wollte nur kurz fragen, ob alles in Ordnung ist«, sagte Mira. »Ich dachte, da wir in etwa die gleiche Größe haben, könnten Ihnen diese Sachen vielleicht passen. Severin war ganz besorgt wegen ihrer Schuhsohle. Ohne das richtige Profil rutschen Sie hier nur auf dem Hosenboden herum. Und das wollen wir doch nicht, oder?« Mit einem aufmunternden Lächeln drückte sie Laura die Sachen in die Hand.

»Oh wow, Sie sind wirklich meine Rettung. Vielen Dank.« Die Schuhe und die Hose entsprachen ihrer Größe. »Ich habe den Schweizer Winter eindeutig unterschätzt. Ich dachte, für einen Tag würde es schon reichen.«

»Da sind Sie nicht die Einzige.« Mira grinste. »Das geht vielen so. Brauchen Sie sonst noch etwas?«

»Im Moment nicht. Aber vielleicht später ein paar Tipps, wo ich hier vernünftige Zutaten für mein Menü bekomme. So kurz vor Weihnachten wird das bestimmt nicht ganz einfach, oder?« Laura setzte ihren besten Dackelblick auf.

»Kein Problem. Wenn man weiß, wo man suchen muss, ist das ein Kinderspiel. Ich gebe Ihnen später eine Liste mit ein paar Adressen.«

»Großartig.« Laura war erleichtert. Solche Insidertipps waren unbezahlbar und für sie eine enorme Zeitersparnis. Ihr wurden damit Türen geöffnet, die Fremden normalerweise verschlossen blieben.

»Kein Problem. Melden Sie sich einfach an der Rezeption.«

»Gerne.«

»Dann sehen wir uns später zum Abendessen.«

Laura schloss die Tür hinter ihrer Hotelwirtin und hüpfte schnell unter die Dusche. Das warme Wasser und der Kräuterduft des Duschgels lösten die Kälte aus ihren Gliedern. Sie fühlte sich bereit für ihre Aufgabe.

Entschlossen kramte sie die Nummer, die Mira ihr gegeben hatte, hervor und holte tief Luft.

»Albrecht«, bellte es genervt aus dem Hörer.

»Ähm, schönen guten Abend. Laura Valkenrath, Ihre Köchin von der Agentur Silver Spoon. Sie hatten um Rückruf gebeten.« Laura zwang sich, professionell zu bleiben und sich von seiner Unfreundlichkeit nicht beeindrucken zu lassen. Es war erstaunlich, wie viel Kühle in nur einem Wort mitschwang.

»Richtig. Wir sollten die letzten Details klären.«

»Natürlich.«

»Morgen Abend um 19:00 Uhr. Ein Mehrgangmenü für drei Personen.«

Dieser Nico Albrecht wirkte abgelenkt. Seine Stimme klang gehetzt. Hörte sie das Tippen auf einer Tastatur im Hintergrund?

»Dieses Dinner ist für mich von äußerster Wichtigkeit.«

Für mich auch, dachte Laura trocken.

»Ich hatte mir da etwas Winterliches vorgestellt. Stimmig. Mit regionalem Bezug. Höchste Qualität, versteht sich.«

Sie verkniff sich ein Lachen. Da wäre sie glatt selbst darauf gekommen. Es sollte also doch kein Sommerpicknick werden!

Laura sammelte sich. Sie wollte um jeden Preis professionell wirken. »Gibt es Vorlieben? Unverträglichkeiten? Allergien? Vegetarier? Veganer? Antialkoholiker?«

Ein kurzer Moment des Zögerns.

»Mein Geschäftspartner hat Lammrücken erwähnt. Den mag er. Seine Begleitung … ist schwanger.«

Diese Info spuckte er aus wie einen unliebsamen Mandarinenkern.

»Ich gebe Ihnen da völlig freie Hand. Aber enttäuschen Sie mich nicht.«

Nur kein Druck! Laura schluckte die aufkeimende Nervosität herunter. Ein paar mehr Informationen wären durchaus hilfreich gewesen. Wie viele Gänge denn eigentlich?

»Ich werde mein Bestes geben. Möchten Sie meinen Menüvorschlag hören?« Sie hatte ursprünglich kein Lamm eingeplant, aber das könnte sie schnell improvisieren.

»Nicht nötig. Dafür fehlt mir die Zeit. Sie kriegen das ja wohl hin.« Wieder tippte er auf seiner Tastatur.

Laura verdrehte die Augen. Er war überhaupt nicht bereit, ihr mögliche Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.

»Gibt es noch etwas?« Geduld schien nicht seine Stärke zu sein.

»Nein, ich denke nicht. Sie hören morgen von mir. Schönen Ab⁠—«

Klick.

Weiter kam sie nicht. Er hatte grußlos aufgelegt.

Laura war fassungslos. Dieses Telefonat hätte sie sich auch sparen können. Sie ließ ihren Kopf schwer auf die Tischplatte sinken.

Das wird der reinste Blindflug!

Sie nahm sich ihre Notizen und überarbeitete ihr Menü. Stundenlang hatte sie auf der Zugfahrt daran gefeilt. Jetzt konnte sie wieder von vorne anfangen. Sie wollte das sicher spielen. Sie setzte auf vertraute Aromen, die sie mit Wow-Effekt anrichten wollte. Ganz so, als würde sie die Fortgeschrittenen-Variante von Dinolandschaft aus Rahmspinat, Püree und Chicken Nuggets servieren. Kindheitserinnerungen in Haute-Cuisine-Verkleidung.

Eine Viertelstunde später stand sie mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Einkaufsliste und voller Tatendrang bei Mira an der Rezeption.

»Hallo Mira.« Die Angesprochene schaute von ihrem Computer hoch. Ein freundliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Ah, Frau Valkenrath.« Sie stand sofort auf und kam näher.

»Laura, bitte«, korrigierte sie hastig. Es war ihr unangenehm. Frau Valkenrath war ihre Mutter, die berühmte Schauspielerin mit dem krankhaften Hang zur öffentlichen Selbstinszenierung. »Severin hat erzählt, dass ihr einen Hofladen betreibt.«

Zwar hatte Laura ein schlechtes Gewissen, Miras Gastfreundschaft so direkt auszunutzen, doch davon versprach sie sich noch immer am meisten. Wo sollte sie ihre Lebensmittel sonst frischer, regionaler und unkomplizierter einkaufen können?

»Das ist richtig. Damit können wir natürlich anfangen.«

»Was produziert ihr eigentlich?«

»Severin züchtet Walliser Schwarznasenschafe. Wir verkaufen Milchprodukte, Fleisch und auch Wolle.«

Bingo!

Am besten wäre es, wenn sie möglichst viel direkt bei Severin und Mira kaufen könnte. Dann bliebe ihr der mühsame Weg hinunter in die Stadt erspart. Da bemerkte sie, dass sie überhaupt nicht wusste, wie weit das Chalet ihres Kunden entfernt lag. Aber ein Problem nach dem anderen!

Durch eine Seitentür führte Mira sie auf direktem Wege in ihren Hofladen. Sie knipste das Licht an und Laura war sofort begeistert.

»Willkommen im Alpengut!«

Es wirkte alles genau so ansprechend, sauber und liebevoll eingerichtet wie das Hotel. Innen roch es so gut nach Tannengrün, Kräutern und Heu. Die alten Holzdielen knarzten unter ihren Schritten. In einer Ecke des Raumes stapelten sich Strickwaren, gefilzte Hausschuhe und gefärbte Wolle. In offenen Regalen standen hausgemachte Chutneys und Marmeladen, eingelegtes Gemüse, Honig, Sirupe und Liköre. Jedes Gefäß wurde liebevoll mit schnörkeligen Buchstaben beschriftet. Eine Kühltheke surrte laut vor sich hin und enthielt alle Schätze, die Laura nicht gewagt hätte, sich zu wünschen. Schafskäse in Öl, verschiedene Käselaibe, Joghurt und vakuumverpacktes Fleisch. Dieser Laden strahlte Ruhe und Bodenständigkeit aus. Kein übertriebener Alpenkitsch, sondern ehrliches Handwerk.

Am liebsten hätte Laura zum Lammfilet gegriffen und einen klassischen Rotweinjus dazu gekocht. Aber da ein Gast schwanger war, war rosa gebratenes Fleisch keine Option. Eine Lammschulter musste herhalten, die aber länger in der Zubereitung benötigte. Wenn sie früh genug in die Küche des Chalets kam, sollte dies kein Problem darstellen.

»Ich hoffe, du hast Hunger mitgebracht.« Mira schlüpfte hinter den Tresen.

Laura lief allein bei dem Gedanken an all die Leckereien das Wasser im Mund zusammen.

»Bevor du loslegst mit deiner Liste, musst du unbedingt das hier probieren.« Mira holte ein kleines Schälchen mit weißem Frischkäse aus der Kühltheke, streute rosa Pfeffer und Thymian darauf und reichte Laura einen Probierlöffel.

Die Konsistenz war samtig, fast wie ein glattgerührter Mascarpone, aber dabei leicht und mild im Geschmack.

»Mhmm, das wäre perfekt zu meiner Vorspeise. Zu einem Rote-Bete-Carpaccio. Himmlisch!«

Mira freute sich. »Oder als Füllung für Ravioli, falls du so etwas vorhast.«

Laura konnte die Aromen schon auf ihrer Zunge schmecken.

Als Nächstes durfte sie eine Lammwurst probieren, mit leichtem Raucharoma und einer dezenten Note Wacholder.

»Richtig gut«, war Lauras fachliches Urteil. »Aber leider kann ich das einer Schwangeren nicht vorsetzen. Was für eine Schande!«

»Wirklich schade. Das Fleisch kommt vom Jungbock. Severin achtet sehr auf Stressfreiheit beim Schlachten. Den Unterschied schmeckt man.«

Laura nickte beeindruckt. Sie wusste, dass die Qualität genau davon abhing.

In den nächsten Minuten hatte Laura sich die Lammschulter, Honig, ein Bündel getrockneten Thymian, Walnüsse und Birnen aus eigenem Garten und eine Auswahl an Käse reservieren lassen. Sogar zwei Gläser von selbstgekochtem Lammfond hatte Mira hervorgezaubert.

Laura hätte nicht glücklicher sein können. Damit ließ es sich arbeiten. Dann fehlten ihr nur noch das Gemüse, ein guter Balsamico und Zutaten für die Süßspeisen.

»Gemüse, gute Kartoffeln und frische Kräuter kaufst du am besten bei der Familie Imboden. Ihr kleiner Bioladen liegt etwas versteckt, aber sie haben tolles Wurzelgemüse. Auch alte Sorten. Für gutes Ruchmehl und Schokolade gehst du am besten in der Steinmattstraße vorbei. Den Balsamico kaufst du am besten bei Frau Lüthi. Ich habe dir die Adressen notiert. Auch einen guten Blumenladen für Tischdeko und unseren besten Weinhändler.«

Die beiden Frauen gingen zurück in den Hoteltrakt. Laura hatte mit einem mühsamen Einkaufsmarathon gerechnet, aber Mira hatte schon hervorragende Vorarbeit geleistet. Ihr feines Gespür für gute Lebensmittel war Gold wert.

»Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«

»Oh, ich wüsste, wie. Leiste uns heute Abend Gesellschaft. Severin und mir. Das würde uns freuen. Severin bereitet ein Käsefondue zu.«

Laura konnte Mira den Wunsch unmöglich abschlagen. Außerdem meldete sich langsam ihr Hunger. Sie freute sich auf nette Gesellschaft.

»Sehr gerne.«

»Fein. Dann machen wir uns einen schönen Abend.«

* * *

Draußen war es nun endgültig dunkel und im fahlen Lichtschein der Außenbeleuchtung fiel Schnee. In der gemütlichen Wohnküche roch es schon nach geschmolzenem Käse. Auf dem runden Holztisch stand ein Caquelon, ein Keramiktopf mit breitem Griff, auf einem Rechaud. Der Tisch war mit Tellern, Fonduegabeln und rustikalen Leinenservietten gedeckt. Ein Korb mit mundgerecht geschnittenem Bauernbrot lag bereit, daneben Pellkartoffeln, Silberzwiebeln, Cornichons und die leckere Lammwurst, die sie im Hofladen so begeistert hatte. Alles war liebevoll arrangiert und Severin rührte bedächtig im Käse, damit nichts anbrannte.

Laura trat näher und nahm am Tisch Platz. Sie sog den würzigen Duft tief ein. »Das riecht himmlisch.«

Severin lächelte sie an. »Es braucht Geduld. Der Käse darf nicht zu heiß werden, sonst trennt er sich. Und man muss eine Acht rühren, sonst wird er auch noch zickig.«

»Ich dachte, Fondue wäre etwas Geselliges. Aber das hat ja etwas richtig Meditatives.« Laura schmunzelte.

»Beides«, sagte der Walliser mit unverhohlenem Stolz. Die cremige, goldene Käsemasse zog zähe Schlieren. »So muss das sein. Ich rufe Mira, dann kann es losgehen. Rührst du kurz weiter, bitte?«

»Ja klar.« Laura rührte gewissenhaft ihre Achten, bis Severin mit seiner Schwester zurückkam. Sie nahmen alle am Tisch Platz.

»So jetzt beginnt der gemütliche Teil des Abends.« Mira verbreitete direkt gute Laune.

»Was ist eigentlich drin?«, fragte Laura neugierig.

»Die typische Walliser Mischung: zwei Teile Gruyère, ein Teil Vacherin. Etwas Knoblauch, ein Schuss Kirschwasser und ein bisschen Maisstärke für die Cremigkeit.«

Mira schenkte ihnen Weißwein ein. »Das ist ein Fendant aus dem Salgesch, ein sehr renommiertes Weinanbaugebiet bei uns im Wallis. Der passt perfekt zum Käsefondue.«

Laura hielt ihr Glas an die Nase und schnupperte an der hellgoldenen Flüssigkeit. Ein zarter Duft von frischem grünen Apfel, ein Hauch weißer Blüten und etwas mineralischem stieg ihr in die Nase.

»Zum Wohl.« Sie prosteten sich zu.

Laura lächelte. »Auf einen schönen Abend.«

»Nüt isch so heilig wie Fondue und Wi, drum stöm mer zäme und säge: Prost mitenand!«

»Auf Hochdeutsch: Nichts ist so heilig wie Fondue und Wein, drum stehen wir zusammen und sagen Prost miteinander!«, übersetzte Mira für sie.

Laura genoss diese Herzlichkeit, die den Raum durchströmte. Selbst wenn der Auftrag von diesem Nico Albrecht wieder ein Reinfall sein sollte, könnte ihr niemand die Erinnerung an diesen schönen Abend nehmen. Glück war für sie genau das: gutes Essen, Lachen, Wärme. So wie Mira und Severin sie umsorgten, festigte sich ihr Traum von einem eigenen Restaurant vor ihrem inneren Auge. Sie wollte ebenfalls einen Ort erschaffen, an dem Menschen nicht nur satt, sondern auch glücklich wurden.

»Der Wein ist trocken, aber trotzdem fruchtig und dabei ganz leicht. Der passt wirklich perfekt. Bei meiner Recherche habe ich schon darüber gelesen. Danke, dass ich ihn bei euch probieren darf.«

»Sehr gerne. Sevi und ich haben gerne Gäste. Erzähl uns doch ein bisschen von dir, wenn du magst.« Mira schaute sie mit einem offenen Lächeln an.

»Ach, da gibt es nicht viel zu erzählen«, winkte Laura ab. »Ich hatte ein kleines Restaurant in Heidelberg, aber damit bin ich gescheitert. Jetzt arbeite ich für eine Agentur und koche bei den Kunden zu Hause. Meistens deutschlandweit. Dieses Mal hat es mich eben in die Schweiz verschlagen.«

»Das klingt spannend.«

Laura schnaubte leise. »Das ist es nicht. Das kannst du mir glauben. Anspruchsvolle Kunden, ein unregelmäßiges Einkommen und die ständige Reiserei. Ich improvisiere zwar gerne, aber wenn die Küche gerade mal zwei Töpfe und schiefe Pfannen bietet, ist das mehr Stress als nötig. Trotzdem: Ich habe meinen Traum noch nicht aufgegeben.«

»Bei deinem Näschen glaube ich ganz fest dran, dass du bald wieder dein eigenes Restaurant hast«, meinte Mira.

»Vielleicht kochst du ja demnächst bei Jean-Luc Cazaux im Coeur Savage«, warf Severin trocken ein.

»Erinnere mich nicht daran«, stöhnte Laura genervt.

Mira hob die Augenbrauen und schaute zwischen Laura und ihrem Bruder hin und her. »Was habe ich verpasst?«

»Cazaux hat mich auf der Hinfahrt im Zug angesprochen und ich habe ihn nicht erkannt.«

»Oh nein.« Mira schaute sie mitfühlend an.

»Doch. Hätte Severin mich nicht darauf aufmerksam gemacht, hätte ich es bis jetzt noch nicht gemerkt.«

»Und was wollte er von dir?«

»Er hat mein Gebäck bemerkt und wollte wissen, ob ich das gemacht habe. Ich habe ihm erzählt, dass ich Köchin bin. Dann haben wir über Gartechniken, Zutaten und Food-Trends, die niemand braucht, gesprochen. Am Bahnhof hat er sich noch einmal für das nette Gespräch bedankt.«

Mira lachte. »Siehst du. Auch Sterneköche sind nur Menschen. Du musst ihm imponiert haben. Jean-Luc hasst Schmeicheleien. Er kann mit Leuten nichts anfangen, die ihm Honig ums Maul schmieren wollen. Das ist schon okay. «

Laura zuckte mit den Schultern. »Er hält mich bestimmt für eine Idiotin.«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Mira bestimmt. »Er liebt echte Gespräche.«

»Oder«, meldete sich jetzt Severin, »er weiß zu schätzen, dass er auf eine echte Köchin getroffen ist, die Geschmack hat und echte Qualität noch zu würdigen weiß.«

Laura musste lachen. »Ihr seid echt süß. Danke, dass ihr mich so aufbaut. Aber ich werde ihm wahrscheinlich sowieso kein zweites Mal begegnen.«

»Würde ich nicht sagen. Jean-Luc kauft auch bei uns ein. So groß ist Zermatt nun auch wieder nicht.«

»Da schließt sich der Kreis. Ihr verkauft so tolle Produkte. Der Mann weiß auch, was gut ist.« Laura nahm sich eine Scheibe der Lammwurst und steckte sie sich mit Genuss in den Mund.

Mira grinste. »Vielen Dank. Das freut uns sehr.«

»Ich bin so froh, dass der Kunde mich bei euch einquartiert hat. Das hat sich als wahrer Glücksgriff erwiesen.«

Nun grinste auch Severin. »Danke. Schade, dass du so bald wieder abreist.«

»Ja, nach der Insolvenz sind Hotelaufenthalte gerade nicht drin«, meinte Laura betroffen. »Ich würde liebend gern bei euch bleiben.«

»Wie verbringst du denn Weihnachten?«, fragte Severin unbefangen.

»Die Jahre zuvor habe ich ja immer im Restaurant gekocht. Dieses Jahr werde ich wohl allein zu Hause verbringen. Und ihr?«

»Natürlich hier im Hotel. Wir haben Gäste zwischen den Jahren und müssen ja auch die Schafe versorgen. Severins Freundin Carina kommt zu uns. Sie ist Tierärztin hier im Ort.«

Mira stand auf, um Tee zu kochen. Sie hatten das Fondue fast aufgegessen. Ein schwarzer Tee oder ein Fenchel-Anis-Kümmel-Tee würden dem Bauch nach dem schweren Essen sicherlich guttun. Mira war so abrupt aufgestanden, dass Laura sich nicht sicher war, ob sie sich den Schatten auf Miras immer fröhlichen Gesicht nur eingebildet hatte.

»Miras Mann Jonas ist vor zwei Jahren bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen. Du kannst dir vorstellen, dass die Weihnachtszeit nicht einfach für sie ist.« Severin flüsterte ihr diese Information nur leise zu.

»Oh, wie traurig.«

»Das Hotel war ihr gemeinsamer Traum. Anfangs wollte sie alles hinschmeißen, aber jetzt geht sie völlig im Hotel und im Hofladen auf.«

»Ja, es wirkt so, als hätte sie ihr Ding gefunden.«

»Ja, wir haben das ganze Jahr Gäste. Mira kümmert sich liebevoll um die Lämmchen. Gerade haben wir wieder einen Nachzügler, den Mira und ich durch den Winter bringen.«

»Oh, wie süß.«

»Oh ja und frech.« Severin lachte. »Dann produziert Mira auch noch am laufenden Band alles Mögliche für den Hofladen und fürs Frühstück im Hotel.«

Am Boden des Fonduetopfs zeigte sich jetzt eine braune, knusprige Käsekruste. Severin kratzte diese mit einem Holzlöffel vorsichtig ab.

»Das ist das Grossmüeterli. Eine echte Delikatesse. Der Käse karamellisiert am Boden. Ein Geschenk für alle Geduldigen.« Severin brach die Käsekruste in drei Stücke und verteilte sie auf ihre Teller.

Mira kehrte unterdessen mit einer Teekanne und Bechern an den Tisch zurück. »Manche streiten sich tatsächlich darum. Aber wir teilen die geschwisterlich«, sagte sie schmunzelnd.

Laura biss vorsichtig in ihr Stückchen hinein und schloss genussvoll die Augen. Der Geschmack war intensiv. Knusprig, salzig, ein bisschen nussig, mit einem Hauch von Karamell.

»Unsere Oma hat immer gesagt, wer das Grossmüeterli bekommt, hat im nächsten Jahr Glück in der Liebe«, erklärte Severin augenzwinkernd.

»Na dann, hättest du es ja nur auf Laura und mich aufteilen sollen. Du hast doch schon längst dein Glück mit Carina gefunden«, witzelte Mira und stupste Laura freundschaftlich in die Seite.

»Ach, bei dem, was ich Weihnachten vorhabe, kann ich alles Glück der Welt gebrauchen.« Severin grinste jetzt so breit, wie er nur konnte.

Mira jubelte und klatschte in die Hände. »Na endlich! Wird aber auch Zeit, Bruderherz.«

Laura lehnte sich zurück, wärmte ihre Hände an der Teetasse und lächelte. Vielleicht war ja auch für sie noch ein bisschen Glück übrig.

KAPITEL3

Das Chalet lag leicht erhöht am Waldrand mit einem traumhaften Blick über die Dächer von Zermatt. Laura war dankbar, dass sie mit Severins Hilfe ihre Besorgungen so schnell und reibungslos erledigen konnte. Nach dem üppigen Essen am späten Abend hatte sie tatsächlich einen Albtraum, und dass Severin sie – so übermüdet, wie sie war – durch Zermatts Lebensmittelgeschäfte begleitet hatte, war ein wahrer Glücksfall. Zudem hatte sie alles, was sie für das Geschäftsessen benötigte, in einer hervorragenden Qualität bekommen.

Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals. Jetzt ging es um die Wurst. Oder in ihrem Falle um die perfekte Lammschulter.

Laura stieg aus, während Severin, ganz der Gentleman, den prall gefüllten Einkaufstrolley vor die Haustür rollte und den empfindlichen Blumenschmuck daneben stellte.

»Viel Erfolg. Wenn du wieder abgeholt werden möchtest, ruf einfach unter dieser Nummer an.« Severin reichte ihr eine Visitenkarte und sie klammerte sich daran fest, als wäre es ein Karabiner in der steilen Felswand, die sie jetzt besteigen musste.

»Danke«, krächzte sie. Sie holte tief Luft und sammelte sich. Severin winkte sie zum Abschied zu. Dann drückte sie auf die Klingel.

Einen ewigen Moment später öffnete sich die Haustür zu dem mehrstöckigen Chalet. Vielmehr wurde diese schwungvoll aufgerissen.

»Ja, bitte.«

Laura hatte ein Déjà-vu. Sein Freundlichkeitslevel war gleichbleibend im Negativbereich. Nico Albrecht sah aus, als würde er sogar nachts in seinem maßgeschneiderten Anzug schlafen. Den obersten Knopf seines Hemdes hatte er offen gelassen. Ansonsten wirkte er steif und mürrisch, als hätte er vergessen, wie man durchatmete. Mit einem Lächeln im Gesicht hätte Laura ihn sogar für gut aussehend gehalten. Sein Blick war scharf wie eines ihrer Küchenmesser und er scannte sie von oben herab. Es lag jetzt an ihr, ihm zu beweisen, dass sie nicht die Störung darstellte, als welche er sie offensichtlich empfand.

»Laura Valkenrath. Ihre Köchin von der Agentur Silver Spoon.« Sie wollte sich nicht provozieren lassen und blieb professionell.

»Was jetzt schon?«, blaffte der Mann sie an.

Man sollte ja annehmen, dass Pünktlichkeit und Arbeitseifer im Allgemeinen positiv bewertet wurden. Schließlich war sie nur seinetwegen stundenlang nach Zermatt gereist. Doch von Wertschätzung oder Dankbarkeit war nicht die geringste Spur. Aber er hatte nun einmal eine Privatköchin gebucht und keinen Cateringservice. Insofern musste er ihr seine Küche zur Verfügung stellen, ob er wollte oder nicht.

Da stand dieser Nico Albrecht jetzt breit in der Tür und dachte gar nicht daran, sie hereinzulassen. Er hielt die Tür nur einen Spalt offen und trommelte nervös auf dem Holz.

Laura musste sich arg zusammenreißen, um nicht pampig oder oberlehrerhaft zu reagieren. Doch der Druck in ihr wuchs. Sie wusste, dass von diesem Auftrag ihr weiterer Berufsweg abhing. Also zwang sie sich zur Ruhe.

Seine tiefen Stirnfalten wirkten wie eine Straßenbarrikade. Es sah nicht aus, als würde er sich freuen, dass endlich seine Unterstützung da war, eher als wäre sie der Grund, dass gerade das Internet weg war.

Laura zwang sich zu einem Lächeln. »Dürfte ich dann hereinkommen?«, fragte sie süßlich. »Es sind noch einige Vorbereitungen zu treffen. Ich würde mir gerne die Küche ansehen und …«

»Ja, ja, aber stören Sie mich nicht. Ich muss arbeiten.« Demonstrativ schaute er auf seine teure Armbanduhr. Er drehte ihr den Rücken zu und ließ sie mit ihrem Kram allein. Sofort wandte er seine ganze Aufmerksamkeit seinem Laptop zu, der zu allem Überfluss auf dem Esstisch stand. Laura konnte nur hoffen, dass es in diesem riesigen Haus noch ein Esszimmer gab. Sonst war der nächste Streit vorprogrammiert.

Laura verdrehte die Augen. Sie war sich sicher, dass ihr Auftraggeber dies nicht mitbekam. Showtime.

Das Chalet wirkte auf Laura wie ein üppiges Weihnachtsgeschenk, das beim Auspacken leer war. Die Fassade versprach ein modernes Haus voller Schweizer Gemütlichkeit, aber im Inneren wirkte es leblos und unpersönlich. Alles wirkte steril, minimalistisch und irgendwie inszeniert, als ständen hier nur Schaumöbelstücke in einem Möbelhaus. Jeder, der auch nur ein wenig Wert auf Gemütlichkeit legt, hätte einen wohnlicheren Raum geschaffen. Einen Platz zum Feiern, zum Lachen und zum Leben. Mehr ein Wohnzimmer als ein Schaufenster.